Landeskunde und interkulturelles Lernen in den verschiedenen Ausbildungsbereichen "Deutsch als Fremdsprache" an der Technischen Universität Dresden

Ulrich Zeuner

Hintergrund und Begründung

Landeskunde und Fremdsprachenlernen gehören unbestritten zusammen. Darüber sollte Konsens herrschen, denn: Ohne Wissen über die Kultur der Zielsprache ist kommunikative Kompetenz in der Zielsprache nicht möglich. Unter Landeskunde verstehe ich in diesem Zusammenhang interkulturelle Landeskunde.

Dabei sind "Kultur" und "Landeskunde", insbesondere "interkulturelle Landeskunde", aber noch immer Begriffe, deren Inhalte für den Fremdsprachenlehrer nicht sehr klar bestimmt sind. Was also heißt "Kultur" und was heißt "interkulturelles Lernen" für einen kommunikativen Fremdsprachenunterricht und für die DaF-Ausbildung?

Aus der kulturvergleichenden Psychologie stammt folgende Kulturdefinition, die mir für die Zwecke der Fremdsprachendidaktik geeignet ist:


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Der gleiche Autor beschreibt interkulturelles Lernen wie folgt:


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Pauldrach (1992) nennt als Aspekte einer interkulturell verfahrenden Landeskunde, d.h. einer Landeskunde, die interkulturelles Lernen unterstützen will, die folgenden:

- Konfrontative Semantik: Dieses Verfahren geht von der Erkenntnis aus, daß sich der wirkliche Bedeutungsumfang von Wörtern erst dann ergibt, wenn man die hinter den Wörtern stehende gesellschaftliche Wirklichkeit mit erarbeitet.

- Erweiterung des Gegenstandsbereiches der Landeskunde um das Feld Alltagskultur und "Leutekunde".

- Fremdperspektive: Neues, Fremdes wird zunächst fast ohne Ausnahme durch den Interpretationsfilter des Vertrauten gesehen, an dem das Andere gemessen wird. Fremdperspektive aufnehmen heißt also, diesen Interpretationsfilter, diesen Ausgangspunkt des Lernenden ernst zu nehmen (und damit auch seine Stereotype und Vorurteile).

- Rückbezüglichkeit des Blickes auf das Fremde: Die Arbeit am Verstehen der fremden Sprache und Kultur kann auch produktive Auswirkungen auf das Verständnis der eigenen Kultur haben.


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Interkulturelle Landeskunde als einen eigenen Ansatz für Landeskundevermittlung zu sehen, wird jedoch auch kritisiert, so von Thimme (1995). Interkulturelle Kompetenz ist für ihn ein (besonders wichtiges) übergeordnetes Lernziel auf der Lernzielebene der Haltungen, das andere, im kognitiven oder kommunikativen Bereich liegende Lernziele nicht ausschließt, sondern eng mit ihnen zusammenhängt. Insofern macht es für ihn keinen Sinn, es von anderen Lernzielen oder Lernzielebenen (wie Kenntnissen, Fertigkeiten etc.) abzugrenzen.

Interkulturelle Landeskunde hat jedoch nicht nur Lernziele auf der Haltungsebene, wie im folgenden zu zeigen sein wird; auch Lernziele auf den anderen Lernzielebenen (wie Kenntnisse, Einsichten und Fertigkeiten) werden neu interpretiert. Darüber hinaus sind Stoffauswahlkriterien sowie spezielle methodische Verfahren für interkulturelles Lernen durchaus vorhanden, so daß es berechtigt ist, von einer eigenständigen interkulturellen Landeskunde zu sprechen, die die verwendbaren Aspekte kognitiver oder kommunikativer landeskundlicher Ansätze gewissermaßen "aufhebt" und unter interkulturellen Vorzeichen weiterführt.

Als übergeordnetes Lernziel eines am Fremdverstehen orientierten Landeskundeunterrichts wird in der Literatur die "Transnationale Kommunikationsfähigkeit" bzw. "Interkulturelle Kompetenz" genannt. Diese interkulturelle Kompetenz beinhaltet nach Schinschke (1995, S. 36 ff.) folgende Fähigkeiten (alle sind interdependent und nur zu Darstellungszwecken getrennt):

1. Die Fähigkeit, eigenkulturelle Konzepte zu reaktivieren, d.h. einerseits die Bewußtwerdung eigenkultureller Verstehensvoraussetzungen und andererseits das Verstehen der fremden Kultur aus der Sicht ihrer Angehörigen:


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2. Die Fähigkeit zur Vermittlung zwischen eigener und fremder Kultur. "Dies setzt ein Bewußtsein von möglichen Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten und Unterschieden voraus, nicht die Informiertheit über alle tatsächlichen Differenzen." (Schinschke, 1995, S. 38). Es setzt die Bereitschaft und Fähigkeit voraus, die Eigenständigkeit und Andersartigkeit der anderen Kultur zu akzeptieren und zu respektieren, wobei man auch mit sich und seiner kulturellen Herkunft identisch bleiben soll.

3. Die Fähigkeit, mit den aus verschiedenen Lebenswelten resultierenden Erwartungen und Verhaltensweisen umgehen und zwischen ihnen kommunikativ vermitteln zu können, d.h. ein bestimmtes Kommunikationsverhalten zu beherrschen. Die angestrebten kommunikativen Fähigkeiten haben letztlich nicht mehr die Anpassung an fremde Kommunikationssituationen und kommunikative Muster im Blick, "sondern die Fremdheit [wird] zum zentralen Aspekt für die Bestimmung kommunikativer Kompetenz gemacht ...: Es sollen jetzt gerade solche Fähigkeiten entwickelt werden, die einen offenen Umgang mit all den Problemen, die eine Kommunikation zwischen Partnern aus unterschiedlichen Kulturen birgt, ermöglichen. Aushandeln in diesem Sinn bedeutet, die Fremdheit - oder, konkret ausgedrückt, z.B. unterschiedliche Wertvorstellungen, unterschiedliche Verwendungen von universal gedachten Begriffen, unterschiedliche kommunikative Verhaltensweisen etc. - in der Kommunikation zu thematisieren und gemeinsam nach Wegen zum Umgang mit ihr zu suchen" (Schinschke, 1995, S. 39).

3. Die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme bzw. Empathie, d.h. "die Fähigkeit und Bereitschaft, die Sicht- und Erlebnisweisen anderer Personen im Interaktionsprozeß zu erfassen" (Ropers, 1990, S. 199; zitiert nach Schinschke, 1995).

Dieses übergeordnete Lernziel wird von verschiedenen Autoren für eine lernerorientierte interkulturelle Landeskundedidaktik konkretisiert, so beispielsweise von Neuner, der folgende Lernziele (d.h. Ziele aus der Lernerperspektive) beschreibt (vgl. Neuner, 1994, S. 29-32):

  1. Identitätsbewußtsein und Identitätsdarstellung: Die Lernenden erkennen, daß die eigene Wahrnehmung der Welt von den soziokulturellen Faktoren des eigenen Lebensbereiches geprägt ist. Es geht um das Bemerken der "eigenen Brille", durch die die eigene und die fremde Welt gesehen und interpretiert wird. "[D]as ist selbstverständlich nicht ein genuines Ziel des Fremdsprachenunterricht, aber es ist für den fremdsprachlichen Landeskundeunterricht ganz wesentlich, daß dieses Bewußtsein eigenkultureller Vorprägung entwickelt wird und daß deutlich wird, daß dadurch in ganz spezifischer Weise die Bilder von der fremden Welt (zusammengesetzt aus Wissens- und Erfahrungsfragmenten und 'eingefärbt' durch Haltungen und Vor-Urteile) geprägt sind. Dieses Bewußtsein macht mich sensibel dafür, daß ich an der fremden Welt nicht alles gleich verstehen kann - und manches wohl nie - und daß ich mich der fremden Welt ohne diese eigene Brille der Vor-Einstellungen und Vor-Urteile gar nicht nähern kann..." (Neuner, 1994, S. 30).


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    • Rollendistanz: Das heißt Perspektivenwechsel, den Blick von der fremden auf die eigene Welt zu richten und damit die Erkenntnis zu gewinnen, daß das mir Vertraute für andere fremd sein kann; daß es andere Sichtweisen auf meine Welt geben kann als meine eigene Sichtweise. Ich bemerke, daß andere mich anders wahrnehmen, als ich mich selbst, daß es auch mir gegenüber Vor-Urteile gibt, die meine Welt verzerren. Ich lerne, daß die Vor-Urteile der anderen meiner Welt gegenüber genauso "normal" sind, wie meine eigenen Vor-Urteile der mir fremden Welt gegenüber.

    • Empathie: Empathie heißt, sich in die Positionen anderer hineinzuversetzen; d.h., sich in die fremde Welt zu wagen, die anderen in ihren eigenen Kontexten verstehen zu lernen, die "Normalität des Fremden" (Neuner, 1994, S. 31) zu erfassen. Bei Sprachkursen bzw. Sprachunterricht im Zielsprachenland ergeben sich daraus Konsequenzen: Lernorte müssen nach draußen, in die fremde Welt verlagert werden. Im Fremdsprachenunterricht außerhalb der zielsprachigen Umgebung erfolgt dieses Hinübergehen in die fremde Welt jedoch nie direkt, sondern vermittelt über Medien. Bei Kursen im Zielsprachenland unter anderem durch eigene Erfahrung, sonst aber vor allem über Medien wird auch das Bild der fremden Welt außerhalb des Unterrichts geprägt. So entstehen Bilder von der fremden Welt im Kopf der Lernenden, die von verschiedenen Faktoren beeinflußt werden. Neuner sieht übrigens in diesen "soziokulturellen Zwischenwelten im Kopf des Lernenden" ein wichtiges Feld für die Erforschung landeskundlichen Lernens im Fremdsprachenunterricht (vgl. Neuner, 1994, S. 31).

      Für Schinschke (1995, S. 45) ist Empathie ein Teil der interkulturellen Kompetenz. Empathie scheint für sie einen möglichen Ausgangspunkt für die Verbindung von kommunikativer Kompetenz, landeskundlichem Wissen, affektiven Einstellungen und Voraussetzungen sowie tatsächlichen Verhaltensweisen im Hinblick auf eine bessere Völkerverständigung zu bilden. Die Förderung interkultureller Kompetenz geht jedoch ihrer Meinung nach über die Entwicklung emphatischer Fähigkeiten hinaus. Sie umfaßt z.B. die Entwicklung fremdsprachiger Kenntnisse, den Umgang mit Verunsicherung in einem fremdkulturellen Kontext und in einer fremden Sprache, die Fähigkeit zum Umgang mit Informationen aus der fremden und über die fremde Kultur sowie die tatsächliche Umsetzung der Fähigkeit zur Empathie in konkreten Begegnungssituationen. Die Kenntnis der fremden Kultur ist für Schinschke eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung empathischer Fähigkeiten. Dabei muß einerseits von den Einstellungen und Verstehensvoraussetzungen der Lerner ausgegangen werden, andererseits muß man nach methodischen Wegen suchen, die die Lerner auch affektiv ansprechen und dazu beitragen, ihre Einstellungen, Vorurteile, Sympathien, Antipathien, Interessen, Verhaltensintentionen usw. bewußt zu machen und den Umgang damit zu üben.


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    • Ambiguitätstoleranz: Diese Fähigkeit, widersprüchliche Erfahrungen auszuhalten, bedeutet für interkulturelles Lernen, das Fremde nicht als etwas wahrzunehmen, was Angst macht, sondern als etwas, das für die anderen "normal" ist. Das setzt Selbstwahrnehmung (Selbst-Bewußtsein) voraus und verlangt nach der Schaffung von Gelegenheiten, sich der fremden Welt in einem "geschützten" Raum im Rahmen des Unterrichts zu nähern:

        "Für den Fremdsprachenunterricht ergibt sich daraus die Notwendigkeit der Entfaltung der Fähigkeit, über die Wahrnehmungen des Fremden zu reden, der Fähigkeit, die Bedeutung dessen, was man wahrnimmt, für sich selbst auszuhandeln. In diesem Aushandlungsprozeß gewinnt besonders im Landeskundeunterricht das identitätsbildende Gespräch in der Muttersprache, die Diskussion über die fremde Welt, über Wahrnehmungsweisen und Verstehensbarrieren, einen neuen Stellenwert gegenüber einer didaktischen Konzeption des Fremdsprachenunterrichts, die die Muttersprache ganz aus dem Unterricht verbannen wollte" (Neuner, 1994, S. 32).