„Mein Bauch ist italienisch
...“
Kinder sprechen über Sprachen [1]
Hans-Jürgen
Krumm (Wien)
Für jede Theorie des Fremdsprachen- lernens
ist die Frage entscheidend, ob bzw. wie explizites Wissen und Bewusst- heit über
die Fremdsprache ... den Fremdsprachenlernprozeß beeinflusst.
(House 1998: 91)
Sprache spielt
für die Herausbildung der menschlichen Identität eine zentrale Rolle: durch
unsere Erstsprache wird es uns möglich, uns als Ich zu begreifen und zu
artikulieren. Deshalb gibt es Menschen, die Hemmungen haben, eine andere
Sprache zu lernen und zu sprechen, weil dies für sie eine Gefährdung ihrer mit
Sprache verknüpften Identität darstellt. Als „Konfliktzweisprachigkeit“
bezeichnen wir die Situationen, in denen Menschen gezwungen werden, eine andere
Sprache zu übernehmen, zugleich aber ihre Erstsprache nicht aufgeben wollen.
Ein Sprachwechsel gelingt um so besser, je weniger er als Bedrohung für die
Erstsprache angesehen wird, je bewusster erkannt wird, dass verschiedene
Sprachen uns verschiedene Seiten der Welt, aber auch verschiedene Möglichkeiten
unseres persönlichen Welterlebens eröffnen.
Kinder
entwickeln ein solches Sprachbewusstsein früh, wachsen sie doch von Anfang an
in eine vielsprachige Welt hinein. Sie merken, dass die Mutter anders mit ihnen
spricht als der Vater, dass die Nachbarin wieder anders klingt. Spätestens im
Kindergarten treffen sie auf anderssprachige Kinder. Oder sie gehören selbst in
eine vielsprachige Familie, haben bis zum Schulbeginn bereits eine
vielsprachige Lebensgeschichte. Dadurch, dass Schule diese Vielsprachigkeit und
die Spracherfahrungen der Kinder vielfach ignoriert, macht sie ihnen weder das
Erlernen der deutschen Sprache noch den Frühbeginn mit anderen Sprachen
leichter. Viel zu oft tut Schule noch so, als säßen da einsprachige,
gleichsprachige SchülerInnen, die nun auch im Gleichschritt in eine neue
Sprache einsteigen (vgl. Gogolins Hinweis auf den „monolingualen Habitus“ der
multikulturellen Schule in Gogolin 1994). Sprachenlernen wird aber erleichtert,
wenn dabei der vorhandene Sprachbesitz genutzt und das ohnehin vorhandene
Nachdenken der Kinder über ihre Sprachen in den Unterricht einbezogen wird. Die
Anfertigung von Sprachenporträts - so meine Erfahrungen beim Anfertigen von
Sprachenporträts durch Kinder im Alter zwischen 7 und 14 Jahren (vgl. Krumm
2001) - erlaubt es schon im Grundschulalter, dass Kinder ein solches
Sprachbe-wusstsein entwickeln und sich ihres vorhandenen Sprachenreichtums
bewusst werden. Dazu bedarf es allerdings einiger Spielregeln, die es den Kindern
erlauben, sich ohne Angst auf diesen Bewusstwerdungsprozess einzulassen:
1. Die Anfertigung von
Sprachenporträts ist freiwillig. Manche Kinder haben eventuell schon schlechte
Erfahrungen mit ihren Sprachen gemacht - das gilt für Migrantenkinder, die nicht
überall erzählen durften, dass ihre Muttersprache Kurdisch ist, das gilt aber
auch für Kinder, die wegen ihres Dialekts gemahnt wurden.
2. Für ihr Sprachenporträt
erhalten die Kinder Silhouetten, in die hinein sie mit Farbstiften ihre
Sprachen malen können. Das soll zunächst einmal ein Malereignis sein, d.h. die
vorgegebenen Silhouetten sollten schnörkellos und relativ abstrakt sein (vgl.
Krumm 2001: 100f.), so dass die Kinder phantasievoll daran gehen können, diese
Figuren ganz oder teilweise auszumalen, evtl. auch zu bekleiden, ihnen Haare
auf den Kopf oder „Sprachschuhe“ an die Füße zu malen. Denn die Kinder haben
ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, wo und weshalb ihre Sprachen im
Körper verteilt sind:
- 2 -
Felix, 11 Jahre
Englisch ist bei mir
im Kopf, weil es mir Spaß macht. Spanisch ist bei mir im Körper weil ich
Spanien sehr mag. Bei mir ist Deutsch in den Händen, weil ich sehr viel
schreibe. Italienisch ist in den Beinen weil ich dort schon oft war.
Jogie,
11 Jahre
Yoruba ist bei mir im
Körper, weil der Körper nicht hören kann und ich kann Yoruba nicht so gut
verstehen. Englisch ist bei mir im Kopf, weil ich mich manchmal ziemlich
konzentrieren muss um mir Vokabeln zu merken. Französisch ist bei mir in den
Beinen, weil es für mich sehr fern liegt es richtig zu lernen obwohl das mein
Wunsch ist. Und um in die Ferne zu gehen muss man Beine haben.
3. Es sollten keinerlei Vorgaben gegeben werden, wie die
Sprachen in den Körper gemalt werden, auch nicht, ob etwas dazu zu sagen oder
schreiben ist. Wenn Kinder ihre Porträts beschriften wollen (und können), so
dürfen sie das natürlich. Meine Erfahrung ist, dass sie das durchweg gerne tun.
Auch sollte gar nicht angesprochen werden, wie gut man eine Sprache können
muss, um sie einzumalen. Die Lehrenden sollten sich hier ruhig etwas vage
ausdrücken: alle Sprachen, die ihr kennt, von denen ihr etwas könnt. Es ist
wichtig, dass die Kinder ihre Gedanken zu „ihren Sprachen“ äußern und nicht
durch normative Vorgaben daran gehindert werden.
Denise,
11 Jahre
Ich habe nach meinem
Gefühl gemalt. Ich habe nicht nach meinem Können gemalt.
Benjamin,
11 Jahre
malt
Italienisch in sein Farbporträt, obwohl er es nicht kann:
Italienisch ist eine
schöne Sprache.
Auch
Schwedisch findet sich hier großflächig eingemalt: In
Schwedisch verstehe ich nur ein Wort „Guten Tag“.
4. Die Sprachenporträts müssen „veröffentlicht“, sie dürfen
nicht einfach weggelegt oder eingesammelt werden. Für viele Kinder wird das
Malen eines Sprachenporträts eine erste Gelegenheit sein, etwas von ihren
Sprachen zu berichten. Es ist oft eine neue Erfahrung für sie, überhaupt danach
gefragt zu werden (unter anderem, weil viele bestenfalls eine Zweisprachigkeit
vermuten und sich mit der Frage nach der Muttersprache zufrieden geben).
Je nach Situation in der Klasse sollten alle, die wollen,
ihr Porträt zeigen und dazu etwas erzählen. Dabei kommen vielfach
Sprachkonflikte, Migrationsgeschichten, aber auch die persönlichen Vorlieben
und (Sprachlern-)Ängste zum Ausdruck.
Martin,
12 Jahre
Englisch ist bei mir
im Kopf, weil ich bei dieser Sprache etwas nachdenken muss. Deutsch ist bei mir
in den Armen, weil das meine Muttersprache ist und daher sehr leicht ist.
Italienisch ist bei mir im Bauch, weil ich es fast nicht kann ...
Ferenc,
12 Jahre
Mein Herz ist
ungarisch. Die wichtigsten Teile meines Körpers sind ungarisch. Mein Bauch ist
Italienisch, weil ich gerne Italienisch esse. Meine Beine sind Deutsch, weil
ich im deutschen Sprachgebiet lebe ...
(Krumm
2001: 89)
- 3 -
Solche Erläuterungen zu den Sprachenporträts können im
Nachhinein angefertigt oder abgegeben werden. Dazu ist es sinnvoll, die Bilder
in der Klasse aufzuhängen und - eventuell in einer späteren Stunde - zu den
Porträts mündlich etwas zu erzählen, sie mit Stichwörtern beschriften zu lassen
oder gar ab der 3. oder 4. Klasse einen kleinen Text schreiben zu lassen.
Wichtig dabei ist, dass die einzelnen ‚SprachbesitzerInnen’ Gelegenheit haben,
ihr Sprachkönnen in der Klasse zu zeigen. Dazu bieten sich außer den
Beschriftungen und Geschichten folgende Möglichkeiten an:
·
jedes Kind, das will, darf zu ein oder zwei Sprachen aus
seinem Porträt ein Wort oder einen Text (Gedicht oder Lied) sprechen,
·
jedes Kind darf zu seinen Sprachen etwas mitbringen: eine
Münze, auf der etwas in dieser Sprache steht, eine Konservendose, Speisekarte,
irgendeinen Text in dieser Sprache oder einfach einen Gegenstand aus dem Land,
in dem diese Sprache gesprochen wird.
5. Die ganze Klasse soll mit Hilfe der Sprachenporträts in
die Sprachenvielfalt der Welt eintauchen.
Ebi
aus dem Iran, 10 Jahre
Englisch hat grüne
Farbe, weil dort immer es regnet.
Arabisch hat braune
Farbe, weil arabische Länder viele Wüsten haben.
Deutsch hat schwarze
Farbe, weil Deutsch schwer ist.
Persisch hat blaue
Farbe, weil dort schöne Himmel hat.
(Krumm
2001: 75)
Auf einer Landkarte können mit farbigen Fähnchen die Länder
markiert werden, in denen die jeweilige Sprache „zuhause“ ist und gesprochen
wird. Dabei können die SprachbesitzerInnen kontrollieren, ob die anderen auch
die richtigen Länder gefunden haben. Gibt es Kinder in der Klasse, die aus
diesen Ländern kommen, dort eventuell Verwandte haben und Besuche machen, so
lassen sich die Wege („Wie kommt man dahin?“, „Wie bist du hierher gekommen?“)
rekonstruieren und einzeichnen.
Auch der
umgekehrte Weg ist denkbar: Jedes Kind sucht zu Hause nach einem Text in einer
anderen Sprache – (schon die Windelpackungen sind mehrsprachig beschriftet,
d.h. jede/r müsste etwas finden) - dann wird geprüft, ob es in der Klasse
jemanden gibt, der/die diese Sprache kann, eventuell sogar den Text schon lesen
kann.
Schließlich
lassen sich Sprachenquartetts spielen: Die Klasse wird in Vierergruppen
geteilt, in denen vier verschiedene Sprachen vertreten sind. Jede Vierergruppe
erhält ein Wort, von dem zu vermuten ist, dass es jede/r in einer seiner
Sprachen kennt (Mutter, Kind, bitte, danke, Haus etc.) und schreibt dieses in
seiner/ihrer Sprache auf eine Karte. Die Karten werden eingesammelt, gemischt
und ausgeteilt. Nun müssen sich die Quartette finden, wobei die SprachbesitzerInnen
als die wichtigen Auskunftspersonen gefragt werden können. Aber natürlich muss
man zuerst herausfinden, welche Sprache man auf seiner Karte stehen hat: Aus
welcher Sprache stammt ekmek und was heißt
es. Gibt es Kinder mit griechischer oder russischer Muttersprache in der Klasse
und können diese auch schreiben, so sollten in jedem Fall entsprechende Karten
dabei sein - das kann man als LehrerIn auch vorbereiten, also solche Karten mit
Hilfe eines einfachen Reisewörterbuches erstellen und den jeweiligen Kindern
geben. Dann ist für die anderen die Frage, welche Sprache das ist, und das
Aha-Erlebnis (vielleicht hat man das Wort gesprochen schon einmal gehört) um so
größer.
- 4 -
6. Die „Leiblichkeit“ (Schwerdtfeger 2000) der
Spracherfahrung von Kindern muss bei der Arbeit mit den Sprachenporträts wie
auch beim frühen Fremdsprachenlernen berücksichtigt werden: Die Kinder
verleiben sich, indem sie ihre Porträts zeichnen, die Sprache im Wortsinne ein
und haben vielfach dieses Gefühl einer unmittelbaren Beziehung zwischen ihrem
Körper und ihren Sprachen.
Cristina,
14 Jahre
Deutsch: im Kopf, weil
es die Sprache ist, in der ich denke
Spanisch: im Kopf,
weil meine zweite Muttersprache
Englisch: im Hals und
Füßen, ... nicht fließend. Ich kann mich oft nicht ausdrücken, wie ich will -
„kalte Füße“, „Frosch im Hals“.
Italienisch: im
Herzen, weil ich sie unbedingt sprechen möchte und ich das Land liebe.
Dass Valon seinen Körper von oben bis unten in zwei Hälften
(blau - Deutsch, rot - Albanisch) teilt (vgl. Krumm 2001: 11), dass nahezu bei
der Hälfte aller Sprachenporträts die Mutterfarbe in roter Farbe als Herz oder
zumindest dort, wo das Herz sitzt, eingezeichnet ist, dass die Sprachen in
Kopf, Händen und Beinen für die Kinder eine so wichtige Rolle spielen, sollte im
Unterricht zur Sprache kommen, z.B. durch Sprachwink-Übungen: Zu einem
englischen Lied oder Text dürfen alle, die Englisch in den Kopf gemalt haben,
mit dem Kopf wackeln, die, die es in den Händen haben, dürfen dabei winken,
die, die es in den Beinen oder Füßen haben, dabei tanzen - dasselbe nun für
alle Sprachen, die in der Klasse mehrfach vertreten sind.
Auch individuelle
Übungen sind denkbar. Cristina, die Englisch im Hals hat, darf einmal Englisch
krächzen; diejenigen, die Italienisch im Bauch haben, weil sie so gern
Italienisch essen, sollen versuchen, ein Wort wie Spaghetti möglichst korrekt
italienisch auszusprechen. Diejenigen, die Deutsch als schwarz und schwer
eingemalt haben, dürfen sich einmal leichte deutsche Wörter für die Arme oder
Beine überlegen, z.B. Fremdwörter, die sie aus der Muttersprache kennen und die
deshalb gar nicht so schwer sind. Solche Formen der „Einverleibung“ helfen,
Sprechängste und Sprachhemmungen zu überwinden.
7. Ein Klassen- oder Schulporträt soll deutlich machen, dass
nicht nur Individuen, sondern die ganze Klasse/Schule/Stadt über einen großen
Sprachenreichtum verfügt. Zunächst einmal könnte ein Klassen-Sprachbarometer
angefertigt werden, auf dem eingezeichnet wird, wie viele verschiedene Sprachen
in der Klasse gesprochen werden. Mit jedem Wort in einer neuen Sprache, mit
jedem Kind, das neue Sprachen in die Klasse bringt, steigt dieses Barometer
(das erleichtert hinzukommenden Kindern den Einstieg, denn sie tragen evtl.
unmittelbar zum Ansteigen des Barometers bei). Vielleicht entsteht daraus ein
Schulbarometer. Auf die Dauer lässt sich mit Farben unterscheiden: wie viele
Sprachen können wir sprechen, in wie vielen Sprachen können wir schreiben, wie
viele Sprachen kommen zusammen, wenn wir Freunde, Eltern usw. fragen. Schader
(2000: 109f.) schlägt dafür das Anfertigen einer Sprachentabelle in der Klasse
(oder Schule) vor, die allmählich erweitert wird.
- 5 -
Bei all diesen Aktivitäten ist es wichtig, die
übergreifenden Zielsetzungen im Blick zu behalten, von denen her auch eine
Auswahl zu treffen ist:
·
Die Kinder sollen sich ihres Sprachenreichtums bewusst
werden - das gilt gerade auch für die Migrantenkinder, die vielleicht mehr
Fehler im Deutschen machen, dafür aber zum Sprachenreichtum ihrer Klasse
beitragen.
·
Es soll ein Sprachenbewusstsein entstehen, das dazu führt,
dass Kinder Sprachen- lernen und Mehrsprachigkeit als selbstverständliches
Element ihrer Lebenswelt begreifen. Das erleichtert es auch, sie für das
Erlernen weiterer Sprachen zu begeistern.
·
Die Kinder sollen die Erfahrung machen, dass man sich auch
mit Menschen, die anders sind, die anders sprechen, die anders aussehen,
verständigen kann, dass man von diesen etwas lernen kann.
Für Lehrende könnte die Erkenntnis von der Vielsprachigkeit
des Klassenraumes ein Anlass sein, den Kindern mehr zuzutrauen, ihnen in
stärkerem Maße das Wort zu geben und vielleicht auch selbst wieder Lust auf das
Entdecken neuer Sprachen zu bekommen. Zugleich ermöglichen Sprachenporträts und
ihre Kommentierungen durch die Lernenden einen Zugang zu den subjektiven
Theorien junger Sprachenlernender, eine, um mit House zu sprechen, bessere
Berücksichtigung von Emotion und Kognition:
die größere Komplexität
der existierenden kognitiven Vernetzung [dürfte] ein verstärktes Bewusstmachen
sprachlicher und kultureller Strukturkontraste und Ähnlichkeiten erforderlich
machen [...], d.h. metasprachliche und metapragmatische Bewusstheit müsste in
ganz besonderem Maße gefördert werden, damit das, was ein Lernender schon weiß,
voll genutzt werden kann. (House 1998: 95)
Bibliografie
Gogolin, I. 1994. Der monolinguale Habitus der
multilingualen Schule. Münster: Waxmann.
House, J. 1998. Kognition und Emotion beim Lehren und Lernen
fremder Sprachen. In K.-R. Bausch et al. (eds), Kognition als Schlüsselbegriff bei der
Erforschung des Lehrens und Lernens fremder Sprachen. Tübingen: Narr,
89-97.
Krumm, H.-J. 2001. Kinder und ihre Sprachen - lebendige Mehrsprachigkeit. Wien: Eviva.
Schader, B. 2000. Sprachenvielfalt als Chance. Zürich: Orell-Füssli.
Schwerdtfeger, I. C. 2000. Leiblichkeit und Grammatik. In H.
Düwell, C. Gnutzmann & F. Königs. (eds), Dimensionen der Didaktischen Grammatik.
Festschrift für Günther Zimmermann zum 65. Geburtstag. Bochum: AKS-Verlag,
281-303.