RUTH ALBERT & COR J. KOSTER (2002). Empirie in Linguistik und Sprachlehrforschung. Ein metho-dologisches Arbeitsbuch. Tübingen: Narr (= Narr Studienbücher). ISBN 3-8233-4985-6. 179 Seiten, 16,90 €.

Bei der anhaltenden Auseinandersetzung um die Frage, ob es sich bei ‚Deutsch als Fremdsprache’ um ein bloßes Anwendungsgebiet etablierter Forschungsdisziplinen wie der germanistischen Linguistik oder der Sprachlehrforschung handelt oder ob wir es hier mit einem eigenen Forschungsgebiet, womöglich gar mit einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin zu tun haben, spielt die Problematik der Forschungsmethoden immer wieder eine herausragende Rolle. Das Fach, so heißt es, verfüge bislang nicht über ein klar definiertes und abge-grenztes methodisches Instrumentarium und könne schon aus diesem Grund den Status einer wissenschaftlichen Disziplin nicht für sich in Anspruch nehmen (so z.B. Götze/Suchsland 1996: 69). Sieht man einmal von der aus anderen Gründen problematischen Zuordnung von Wissenschaftlichkeit und Disziplinarität ab, die in solchen Urteilen zumindest implizit enthalten ist (vgl. dazu Altmayer 2004), so ist doch so viel zweifellos richtig: Forschungsmethodische oder –methodologische Fragen sind in unserem Fach nicht übermäßig beliebt. Aller zweifellos vorhandenen Bemühungen zum Trotz fehlt bislang eine über Ansätze hinausgehende breitere methodologische Diskussion auf angemessenem Niveau. Als symptomatisch für dieses Defizit mag die Tatsache angesehen werden, dass forschungsmethodische Fragen beispielsweise in dem ansonsten sehr grundlegenden und ausführlichen Handbuch Deutsch als Fremdsprache (vgl. Helbig/Götze/Henrici/Krumm 2001) so gut wie keine Rolle spielen.

Diesem Mangel wenigstens in der Ausbildungspraxis ein wenig abzuhelfen, haben sich Ruth Albert und Cor J. Koster mit dem vorliegenden Arbeitsbuch zum Ziel gesetzt. Wie in der noch vergleichsweise neuen, aber gleichwohl schon bewährten Reihe Narr Studienbücher üblich, wenden sie sich vor allem an Studierende, insbesondere, aber keineswegs ausschließlich an Studierende des Faches Deutsch als Fremdsprache, und wollen diesen einen Überblick über die Regeln und Verfahrensweisen der empirischen Sozialforschung verschaffen, so weit diese für die wissenschaftlichen Problemstellungen der (empirischen) Linguistik und/oder der Sprachlehrforschung relevant sind. Allerdings muss vorausgeschickt werden, dass sie mit wichtigen Begriffen wie ‚Empirie’ bzw. ‚empirische Forschung’ eher lax umgehen und auf jeden Versuch einer Definition und einer Abgrenzung etwa zwischen empirischer und nicht-empirischer Forschung weitgehend verzichten. Statt dessen gehen die VerfasserInnen von einem Modell aus, das primär zwischen quantitativer und qualitativer Forschung unterscheidet. Während sich quantitative Forschung mit Zahlen beschäftige, interessiere sich die qualitative Forschung „hauptsächlich für Meinungen, Gefühle und Intuitionen von anderen Menschen (oder sich selbst)“ und sei „sehr häufig introspektiv“ (3). Die quantitative Forschung wird dann wieder unterteilt in experimentelle und nicht-experimentelle Forschung. Eine solche Systematik aber, so viel sei an dieser Stelle schon gesagt, ist etwas eigenwillig und vermag auch nicht zu überzeugen. Das wird insbesondere daran erkennbar, dass Albert/Koster als Beispiel für qualitative Forschung ein Thema wie „Die Rolle der Frau bei Schiller“ (3), also ein ‚klassisches’ literaturwissenschaftliches oder hermeneutisches Thema, nennen. Damit aber wird die grundlegende und etwa von Dilthey, Gadamer und Habermas immer wieder geforderte und mit guten Argumenten unterlegte Differenzierung zwischen einem empirisch-analytischen oder nomologischen Forschungsansatz, wie ihn traditionellerweise die Naturwissenschaften praktizieren, und einem historisch-hermeneutischen Forschungs-ansatz, für den neben der Geschichts- vor allem die Literaturwissenschaften stehen, schlicht ignoriert. Dass diese Unterscheidung zwischen empirisch-analytischem und hermeneutischem Forschungsparadigma in letzter Zeit schwankend geworden ist und dass es gerade in den sozialwissenschaftlichen Disziplinen zum Teil heftige Auseinandersetzungen um diese Fragen, etwa den berühmten ‚Positivismusstreit’ in den 60er Jahren, gegeben hat, all dies wird völlig übergangen. Die von Albert/Koster erwähnte Differenzierung zwischen quantitativer und qualitativer Forschung ist aber nur im Rahmen dieser Auseinandersetzungen sinnvoll, es handelt sich keineswegs, wie sie vorgeben, um eine grundsätzliche Differenzierung von Forschungsarten, sondern um eine Differenzierung innerhalb der empirischen sozialwissenschaftlichen Forschung; darauf wird noch zurückzukommen sein.


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Halten wir vorläufig fest: Das vorliegende Studienbuch beschäftigt sich ausschließlich mit quantitativer Forschung und lässt das qualitative Paradigma völlig außer Acht, „einfach deshalb, weil qualitative Forschung sich nicht mit numerischen Daten beschäftigt“ (3). Diese Aussage ist für das gesamte Buch in hohem Maß symptomatisch, gibt sie dem geneigten Leser doch gleich zu Beginn schon einen Eindruck davon, was ihn auf den restlichen etwa 180 Seiten erwartet: Eine Fülle von Zahlen, Tabellen und statistischen Berechnungen, wie man sie aus herkömmlichen Veröffentlichungen der so genannten ‚Geisteswissenschaften’ typischerweise nicht kennt. Ob dies für Studierende philologischer Disziplinen tatsächlich angsterregend ist, wie die AutorInnen argwöhnen, da man das philologische Studium doch vor allem gewählt habe, „weil man schon immer nicht rechnen konnte“ (5), sei einmal dahingestellt.

Nach einem einführenden Kapitel, in dem zentrale Anforderungen an jedes empirische Arbeiten erläutert werden, geht es in den folgenden Kapiteln um die bekannten und viel diskutierten ‚Gütekriterien’ empirischer Forschung – bei Albert/Koster heißen sie „Verlässlichkeit“ (Reliabilität), „Gültigkeit“ (Validität) und „Geltungs-bereich“ – und um die wichtigsten empirischen Datenerhebungsverfahren: Beobachtung, Befragung und Experiment. Dabei werden alle wichtigen methodischen Grundsätze der genannten Verfahren erläutert und an konkreten Beispielen veranschaulicht: das Problem der Stichprobenauswahl und –größe, die Differenzierung zwischen offenen und geschlossenen Befragungen, das Problem der Auswertung von Befragungen, die Unterscheidung zwischen Labor- und Feldexperiment oder die Arbeit mit Kontrollgruppen, um nur einige Beispiele zu nennen. Das spezifisch linguistische Verfahren der Analyse fertig vorliegender Textkorpora wird im 5. Kapitel zumindest kurz angesprochen. Der Schwerpunkt des Buches liegt dann allerdings eindeutig auf dem Aspekt der Auswertung des erhobenen Zahlenmaterials mit Hilfe einschlägiger statistischer Verfahrensweisen, die in den Kapiteln 6-10 thematisiert werden. Hier erfährt man einiges über verschiedene Arten von Messskalen, über wichtige statistische Kategorien wie ‚Streuung’, ‚Mittelwert’, und ‚Standardabweichung’ (Kap. 6), über Korrelationen zwischen Messskalen und ihre Signifikanz (Kap. 7), über die statistische Aussagekraft von Tests (Kap. 8), und man lernt die einschlägigen Verfahren kennen, mit deren Hilfe man Unterschiede zwischen den Ergebnissen auf verschiedenen Messskalen als signifikant oder nicht signifikant beurteilen kann: t-Test, Chi-Quadrat-Test und die Varianzanalyse ANOVA (Kap. 9). Das letzte Kapitel führt schließlich die wichtigsten statistischen Hilfefunktionen des bekannten Tabellenkalkulationsprogramms Excel vor.

Wer sich mit den einschlägigen Verfahrensweisen der quantifizierenden empirischen Forschung im Bereich des Fremdsprachenlernens beschäftigt, wer insbesondere selbst eine solche Forschungsarbeit durchführen will, wird hier sicherlich einige sehr nützliche Hinweise finden. Hilfreich sind auch die vielen konkreten und praxis-bezogenen Aufgabenstellungen, die sich am Ende jedes Kapitels finden und zu deren Bearbeitung das vorher Gelesene praktisch angewandt werden muss. Von einem als Einführung für Studierende konzipierten Arbeitsbuch würde ich allerdings auch erwarten, dass es mir umfangreichere Hinweise zur weiteren Lektüre an die Hand gibt, als es hier der Fall ist. Ein eigenes Literaturverzeichnis am Ende sucht man vergeblich, Hinweise zu vertiefender Lektüre der einzelnen Teilthemen finden sich nur nach dem 9. Kapitel, ansonsten verstecken sich die ohnehin sehr spärlichen Hinweise in den Fußnoten.


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Der Haupteinwand, den man gegen dieses Buch erheben muss, verweist aber auf das zurück, was oben bereits angedeutet wurde: Empirische Forschung im Bereich der Linguistik und insbesondere der Sprachlehr- und lernforschung wird hier ohne Begründung auf ein sehr traditionelles quantitatives Forschungsparadigma reduziert und fällt damit weit hinter den in den Sozialwissenschaften, aber auch in den Fremdsprachenwissenschaften erreichten Stand der methodischen bzw. methodologischen Diskussion zurück. Dass die ausschließlich quantifizierende Erforschung sozialer Verhältnisse der Sinnhaftigkeit des menschlichen Handelns und der Subjektivität der Handelnden nicht gerecht wird, dass mithin quantitative Zugangsweisen durch qualitative zumindest ergänzt, wenn nicht ersetzt werden müssen, diese keineswegs neue Erkenntnis hat sich in den Sozialwissenschaften in den letzten Jahren doch herumgesprochen, und nicht zuletzt in den Fremdsprachen-wissenschaften werden wissenschaftliche Verfahrensweisen, die nicht mehr ausschließlich auf Zahlen und Statistik setzen, sondern den Perspektiven der Beteiligten und der deutenden Subjektivität des Forschers mehr Gewicht beimessen, in der letzten Zeit mehr und mehr anerkannt. Man muss die Argumente, die für ein solches interpretatives und gegen das einseitig quantitativ-statistische Forschungsparadigma sprechen, nicht teilen, aber wenn man sich, wie Albert/Koster dies tun, in so eindeutiger Weise für die Aufrechterhaltung einer ausschließlich quantitativen Auffassung von Wissenschaft entscheidet, dann muss man dies zumindest begründen. Dass dies hier nicht geschieht, ja dass die Alternativen nicht einmal erwähnt, geschweige denn diskutiert werden, das schränkt den Wert des Bandes, bei allen Verdiensten, die er ansonsten durchaus hat, doch erheblich ein.

CLAUS ALTMAYER
(Universität des Saarlandes/Saarbrücken)

LITERATUR

Altmayer, C. (2004). Deutsch als Fremdsprache – eine wissenschaftliche Disziplin? In: Altmayer, C.; Forster, R.; Grub, F.T. (Hg.): Deutsch als Fremdsprache in Wissenschaft und Unterricht: Arbeitsfelder und Perspektiven. Festschrift für Lutz Götze zum 60. Geburtstag. Frankfurt a.M. u.a., S. 5-25.

Götze, L./P. Suchsland. (1996). Deutsch als Fremdsprache. Thesen zur Struktur des Faches. In: Deutsch als Fremdsprache 33, Heft 2, S. 67-72.

Helbig, G./L. Götze/G. Henrici/H.-J. Krumm. (Hg.) (2001). Deutsch als Fremdsprache. Ein internationales Handbuch. 2 Bände. Berlin, New York.




Copyright © 2004 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

RUTH ALBERT & COR J. KOSTER (2002). Empirie in Linguistik und Sprachlehrforschung. Ein metho-dologisches Arbeitsbuch. Tübingen: Narr (= Narr Studienbücher). ISBN 3-8233-4985-6. 179 Seiten. Rezensiert von Claus Altmayer. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online], 9 (1), 3 pp. Erhältlich unter: http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg09_1_4/beitrag/albertkoster2.htm

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