LEGUTKE, MICHAEL; RÖSLER, DIETMAR (Hrsg.). (2003). Fremdsprachenlernen mit digitalen Medien. Beiträge des Giessener Forschungskolloquiums. Tübingen: Narr (= Giessener Beiträge zur Fremdsprachen- didaktik), ISBN 3-8233-5331-4. XII, 276 Seiten. 32,00 €.
 
Der Band zeigt Work-in-progress, indem er Einblicke in entstehende Arbeiten am Gießener Graduierten-zentrum Kulturwissenschaften in der Sektion Fremdsprachenlehren/-lernen mit digitalen Kommunikations- und Distributionsmedien vermittelt. Gemeinsam ist allen Beiträgen der Bezug zum Einsatz digitaler Medien im Kontext des Fremdsprachenlernens und zu der Frage nach deren lernbezogener Effizienz, wie man diese erfassen, beschreiben, messen, kategorisieren, weiterentwickeln oder für die universitäre Lehrerausbildung nutzen könnte. Einigen Beiträgen haftet demgemäß etwas Unfertiges an. Dies ist teils an nur vorläufigen Schlussfolgerungen erkennbar, teils an einer Unausgewogenheit von Beitragsteilen zueinander. Gelegentlich wäre auch eine sprachliche Überarbeitung wünschenswert gewesen. Aber gerade wegen dieser üblicherweise zu kritisierenden Punkte erschließen sich Einblicke in unterschiedliche Entstehungsprozesse und Zwischenstufen wissen-schaftlichen Arbeitens und es werden Probleme sichtbar, die manchen, die selbst über einem größeren Projekt brüten, bekannt vorkommen werden.

Die Bandbreite der Arbeiten, die den Artikeln zugrunde liegen, reicht von studentischen Hausarbeiten, die allerdings im Artikel von Legutke nur referiert werden, über Zwischenergebnisse aus Dissertationen bis hin zu den Vorüberlegungen zu einer Übungs- und Aufgabentypologie für internetgestütztes Fremdsprachenlernen, die Rösler/Ulrich zu dem Band beisteuern. An neuen Medien bzw. Medientechnologien werden analysiert: ein internetgestütztes Sprachlernprogramm (German on the Web), Englischlernsoftware für erwachsene Selbstlerner (Tell me more und Interaktive Sprachreise), lehrwerkbegleitende Software (English Coach 2000), Lehr- bzw. Lernwerkzeuge (Hot Potatoes, Markin, ICQ), zwei Beispiele computervermittelter Kommunikation (Didaktischer Chat-Raum/DaF und First Class), schließlich das WWW einmal als Informationsressource und zum anderen als E-Learning-Basis (Linguistics online). Mit vier Artikeln zum Deutschen als Fremdsprache und fünf Beiträgen mit Englisch als Bezugssprache herrscht ein fast ausgewogenes Verhältnis zwischen den beiden berücksichtigten Sprachen.

Von den zwei Artikeln der Herausgeber abgesehen, die versuchen, übergeordnete Zusammenhänge darzustellen, herrschen in den anderen Beiträgen Versuche vor, Ansätze aus der Fremdsprachenlehr- und -lern-theorie auf die Lernpraxis zu übertragen und Auswirkungen davon systematisch zu erfassen. Nicola Würffel beschäftigt sich so mit der Methode des lauten Denkens als einem Mittel, um die Effizienz von Lernsoftware zu bestimmen. Beeinträchtigt wird das Vorhaben jedoch durch den Umstand, dass sie sich ein offensichtlich sehr fehlerhaftes Produkt als Softwarebeispiel gewählt hat, was zwangsläufig zu dem Schluss führt, dass mit schlechter Software keine guten Ergebnisse zu erzielen sind. Auch die Verbindungen zwischen dem von ihr herangezogenen Modell der Aufgabenbearbeitung und ihrem Fallbeispiel fallen nicht sehr kohärent aus. Ebenfalls an dieser Nahtstelle zwischen Theorie und Praxis liegen die Kritikpunkte der Analysen von Katja Nandorf. Sie geht zunächst durchaus aufschlussreich auf die im Kontext computergestützter Lernmaterialien unvermeidlichen Schlagwörter ‚Multimedia’ und ausführlicher noch auf ‚Interaktivität’ ein, nimmt dann aber auf ihre dadurch gewonnenen Einsichten im zweiten Teil des Beitrag nur ansatzweise Bezug, der sich hauptsächlich als eine Eigenschaftsbeschreibung zweier Lernprogramme entpuppt. Als Co-Autorin weist sie im nächsten Artikel zusammen mit Torben Schmidt auf die Probleme hin, die der Einsatz von Lernsoftware aufwirft, der mit dem Unterrichtsalltag an Schulen verknüpft werden soll. Aufwand-Nutzen-Überlegungen prägen dabei den Wert der Software stärker als lerntheoretische Faktoren. Beim Lesen des Artikels stellt sich die Frage, weshalb vor „Nachmittagsmarkt“, für den die meisten kommerziellen Lernprogramme produziert werden, immer ein „so genannter“ gesetzt werden muss.


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Problemloser gelingt Claudia Tamme die Verbindung von Theorie und Praxis, indem sie Erfahrungen aus der Betreuung Deutsch lernender Chinesen in Hong Kong mit drei unterschiedlichen Lehrwerkzeugen – ein internetgestützter Generator für Online-Übungen, eine Korrekturhilfe für Lernertexte sowie über das WWW frei zugängliche Kommunikationssoftware – analysiert und reflektiert. Funktionsbeschreibungen der Software und theoretische Grundlagenbeschreibung stehen in einem ausgewogenen Verhältnis zu den aufschlussreichen Anwendungsbeispielen aus der Lehrpraxis. Die didaktischen Schlussfolgerungen, die die Autorin aus ihren Erfahrungen zieht, lassen auf eine ausführlichere Fortsetzung hoffen. Was die Lehrer-Lerner-Kommunikation über das Netz angeht, schließt sich der Beitrag von Eva Platten fast nahtlos an die entsprechenden Ausführungen bei Tamme an. Sie weist anhand von Beispielen das didaktische Potenzial, aber auch die Grenzen der Betreuung von Lernenden in Chat-Räumen nach. Ihr insgesamt positives Fazit bündelt sie in einer Liste mit zehn Gründen, die für den Einsatz von Chats im bzw. im Umfeld des Unterrichts sprechen, wobei dies ausschließlich für didaktische - d. h. von einem Lehrer oder Tutor betreute - Kommunikationsräume gilt. Nicht nur, aber doch überwiegend um Chats geht es auch in dem Beitrag von Carolin Fuchs, die die netzgestützte Zusammenarbeit zwischen Studierenden der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Pädagogischen Hochschule Heidelberg beschreibt und bewertet. Als technisches Hilfsmittel der Kooperation wird First Class eingesetzt, Software, die die aus dem Internet bekannten Dienste (Chat, E-Mail, Voice-Mail, Conference, Netzpublikation u.a.) bündelt und miteinander koordiniert, so dass ohne Wechsel von Anwenderprogrammen auf das zur jeweiligen Kommunikationsintention passende Werkzeug zugegriffen werden kann. Obwohl nicht primär dafür entwickelt, kommt First Class immer häufiger in Lernumgebungen zur Anwendung. So auch im beschriebenen Projekt von Lehramtsstudierenden im Fach Englisch beider Institutionen, die (fast) ohne direkte persönliche Kontakte in computervermittelter Zusammenarbeit fachbezogene Internetseiten produzieren und ins Netz stellen. Die Autorin interessiert dabei in erster Linie die Effekte telekollaborativer Ausbildung von Studierenden an voneinander entfernt liegenden Hochschulen, wofür sie eine Reihe von Pro- und Kontra-Argumenten aufdeckt. An keiner Stelle geklärt wird hingegen, weshalb dieser Beitrag als einziger des Bandes in englischer Sprache verfasst ist. Unmittelbar aus dem beschriebenen Gegenstand lässt sich dafür keine Begründung ableiten, da Englisch als Zielsprache auch anderen Artikeln zugrunde liegt. Denkt man an die oft nur gering ausgeprägten Englischkenntnisse ausländischer DaF-Lehrender, die auf jeden Fall zur engeren Zielgruppe der Publikation zu rechnen sind, dann schränkt diese Zweisprachigkeit den Nutzen für diese Lesergruppe ein. Susanne Schneider stellt in ihrem Beitrag Evaluierungs-probleme in den Mittelpunkt und hebt die Notwendigkeit von Evaluierungen trotz deutlich vorhandener Probleme am Beispiel des E-Learning-Projekts Linguistics Online hervor.

Weniger unmittelbaren Praxisbezug weisen die Beiträge auf, die von den Herausgebern beigesteuert werden. Dietmar Rösler liefert zusammen mit Stefan Ulrich eine Problematisierung von Übungstypologien primär für den DaF-Unterricht, aus der heraus Kategorien für internetbasierte Lehr- und Lernmaterialien abgeleitet werden. Dies führt die Autoren zu einem Typologiekonzept, „das von der Notwendigkeit multipler Ordnungen ausgeht“ (142), also zu Gruppierungen nach unterschiedlichen Gesichtspunkten auf verschiedenen Niveaus. So gerät dann eine Rubrik „Spiele und Simulationen“ neben „Interaktivität und Feedback“ oder das „Lernen, mit dem Internet zu lernen“ neben drei Gruppen zu „medienbezogenen Ebenen“ (technischer Blickwinkel, medien-spezifische Übungs- und Aufgabenkomponenten, Kommunikationsweisen). Deshalb bleibt als Fazit festzuhalten, dass auch in diesem Artikel eher Work-in-progress als ein fertiges Endprodukt dokumentiert wird.


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Konkreter fallen da die Erkenntnisse aus, die Michael Legutke aus der Durchführung und den Ergebnissen eines Hauptseminars zieht, das in doppelter Weise auf Projektunterricht abzielte. Zum einen entwickelten die Teilnehmer im Seminar bzw. in daraus hervorgegangenen Hausarbeiten Unterrichtsprojekte für den schulischen Englischunterricht, und zum anderen taten sie dies selbst in einer Form projektorientierten Unterrichts. Weniger wichtig war dabei die Auseinandersetzung mit dem Projektbegriff, weshalb die dahinter stehende Theorie nur am Rande Erwähnung findet. Im Seminar praktiziert wurde eine Form kooperativen Lernens, das in der Konzeption Legutkes forschendes Lernen und reflektierendes Entdeckungslernen mit einschließt. Aus dieser Konstellation ergibt sich eine ganze Reihe interessanter Selbst- und Fremderfahrungseffekte, die jedoch in ein Dilemma münden. Denn einer durchgängig positiven Bewertung der gewählten Projektform für das Hauptseminar stehen auf der anderen Seite mindestens ebenso gewichtige Einwände gegenüber, die belegen, dass die besseren Lerneffekte nur durch einen enormen, eventuell zu hohen Aufwand auf der Lehrerseite zu erzielen sind.

Zusammenfassend bleibt also festzustellen, dass es weniger die Ergebnisse sind, die diesen Sammelband für Fremdsprachenlehrende lesenswert machen, als die Einsichten in die Generierungs- und Produktionsprozesse wissenschaftlicher Erkenntnisse, die er zugänglich macht. Als besonders aufschlussreich erweisen sich dabei die Beschreibungen der Probleme, die auftreten, wenn theoretische Konstrukte mit praktischen Erfahrungen koordiniert werden sollen. Lesern aus dem Umfeld der Universität werden diese Probleme aus eigener Tätigkeit bekannt vorkommen, und sie können somit von den Erfahrungen und Bemühungen anderer profitieren.

HAYMO MITSCHIAN
(Universität Bremen)



Copyright 2004 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

LEGUTKE, MICHAEL; RÖSLER, DIETMAR (Hrsg.). (2003). Fremdsprachenlernen mit digitalen Medien. Beiträge des Giessener Forschungskolloquiums. Tübingen: Narr (= Giessener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik), ISBN 3-8233-5331-4. XII, 276 Seiten. Rezensiert von Haymo Mitschian. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online], 9 (1), 3 pp.
Erhältlich unter: http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg09_1_4/beitrag/legutke1.htm

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