Sprachkultur und Mehrsprachigkeit: Neuerscheinungen
zur europäischen Sprachenpolitik (Teil 3)
Wollte man die vielen
und längst unüberschaubar gewordenen Stellungnahmen der letzten Jahre zum Thema
‚europäische Sprachenpolitik’ auf einen gemeinsamen begrifflichen Nenner
bringen, so böte sich dafür zweifellos der Begriff der ‚Mehrsprachigkeit’ am
ehesten an. Bei politisch Verantwortlichen, Wissenschaftlern und Praktikern
scheint weitgehend Einigkeit dahingehend zu bestehen, dass sich eine
europäische Sprachenpolitik – auch und gerade im Hinblick auf die gerade
vollzogene Osterweiterung der Europäischen Union – an dem mit diesem Begriff
bezeichneten Ziel orientieren muss. Jeder Bürger der vergrößerten Europäischen
Union, so lautet ja auch das offizielle Credo, sollte mehrsprachig sein, d.h.
mindestens drei Gemeinschaftssprachen sprechen. So klar und eindeutig die
Zielsetzung, so unklar und strittig jedoch sind die sprachen- und bildungspolitischen
Wege und Maßnahmen, die zum Erreichen des Ziels führen sollen oder können. Dass
dabei dem schulischen und außerschulischen Fremdsprachenunterricht aber in
jedem Fall eine Schlüsselrolle zukommt, dass sich der Fremdsprachenunterricht
quantitativ und qualitativ verändern, dass das Angebot an
Fremdsprachenunterricht ausgeweitet und diversifiziert werden muss: Darüber
zumindest dürfte bei allen Beteiligten Konsens bestehen.
Um den anstehenden
Veränderungen des Fremdsprachenunterrichts eine gemeinsame, d.h. sprachen- und
länderübergreifende Basis und Richtung vorzugeben, an der sich vor allem die
Praktiker, d.h. insbesondere Curriculumplaner und Lehrwerkentwickler, aber
natürlich auch Fremdsprachenlehrerinnen und –lehrer orientieren können, hat der
Rat für kulturelle Zusammenarbeit beim Europarat in einem sich über viele Jahre
erstreckenden Prozess und unter Beteiligung einer Vielzahl von Institutionen
und Experten ein Dokument erarbeitet, das heute, etwa vier Jahre nach seiner
Publikation in englischer und französischer Sprache bereits den Status eines
‚Klassikers’ genießt: den Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen,
der im Jahr 2001 auch in deutscher Sprache erschienen ist:
TRIM, JOHN; NORTH,
BRIAN; COSTE, DANIEL (Hg.). (2001). Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen
für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen. Berlin u.a.: Langenscheidt. ISBN
3-468-49469-6. 244 Seiten, 19,95 Euro.
Was der Gemeinsame
Referenzrahmen ist und was er will, kann wohl heute in der Fachwelt als bekannt
vorausgesetzt werden, weshalb eine ausführliche Vorstellung und Besprechung
dieser Publikation hier auch unterbleiben kann. Als Kernstück und eigentliche
Leistung des Referenzrahmens, so viel vielleicht nur noch einmal zur
Erinnerung, gilt die einzelsprachenunabhängige Differenzierung von sechs
Niveaustufen der sprachlichen Kompetenz und die genauere Ausgestaltung dieser
Niveaustufen durch einzelne und zum Teil recht detaillierte
Kann-Beschreibungen. Die in fremdsprachenunterrichtlichen Kontexten lange Zeit
gültige und bis heute nahezu ungebrochene Orientierung an dem, was Lerner
(noch) nicht können, hat hier also einer Orientierung am Positiven Platz
gemacht. Die Kann-Beschreibungen geben an, was Fremdsprachenlerner in
bestimmten Bereichen sprachlichen Handelns in der Sprache X tatsächlich können:
Sie können sich beispielsweise „auf einfache Art verständigen“, „einfache
Fragen stellen und beantworten“ (Stufe A 1, mündliche Interaktion), sie können
„sehr selbstständig lesen, Lesestil und –tempo verschiedenen Texten und Zwecken
anpassen“ (Stufe B 1, Leseverstehen), oder sie können „klare, flüssige,
komplexe Texte in angemessenem und effektivem Stil schreiben“ (Stufe C 2,
schriftliche Produktion). Wer sich die neueste Lehrwerkproduktion insbesondere
im Bereich Deutsch als Fremdsprache oder die ersten Ergebnisse der durch PISA
ausgelösten Diskussion über Bildungsstandards in Deutschland anschaut, der
wird, bei aller Problematik und teilweise auch Unklarheit und Verschwommenheit
mancher dieser Kann-Beschreibungen, doch nicht leugnen können, dass der
Referenzrahmen offenbar einem verbreiteten Bedürfnis nach Konkretisierung und
europaweiter Vereinheitlichung von Lehrzielbeschreibungen für den
Fremdsprachenunterricht innerhalb und außerhalb der Schulen entgegen kommt. Er
hat hier vor allem Diskussionen angestoßen, und darin wird man wohl nicht
zuletzt sein wichtigstes Verdienst sehen.
-2-
Eine dieser Diskussionen
hat im März 2002 im Schloss Rauischholzhausen bei Gießen auf der 22.
Frühjahrs- konferenz zur Erforschung des Fremdsprachenunterrichts stattgefunden,
und es mag schon ein Hinweis auf die überragende Bedeutung des Referenzrahmen
sein, dass mit ihm zum ersten Mal in der ja nun schon langen Geschichte dieser
Frühjahrskonferenzen nicht ein Sachthema, sondern eine Publikation zum
Gegenstand gemacht wurde. Das Ergebnis der Diskussion liegt jetzt selbst als
Publikation vor:
BAUSCH, KARL-RICHARD;
CHRIST, HERBERT; KÖNIGS, FRANK G.; KRUMM, HANS-JÜRGEN (Hrsg.). (2003). Der
Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen in der Diskussion.
Arbeitspapiere der 22. Frühjahrskonferenz zur Erforschung des Fremdsprachenunterrichts.
Tübingen: Narr (= Giessener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik). ISBN
3-8233-5325-X. 211 Seiten, 19,95 Euro.
Wer die bisherigen
Arbeiten der Rauischholzhausener Frühjahrskonferenzen kennt, der weiß, dass es
sich dabei nicht um die üblichen ‚Buchbindersynthesen’ handelt, bei denen die
einzelnen Beiträge nur mühsam unter ein gemeinsames Rahmenthema subsumiert
werden können, sondern dass sich hier die Beiträge meist sehr diszipliniert an
einer Problemstellung orientieren, die von den Veranstaltern der Konferenzen
vorab in Form leitender Fragestellungen vorgegeben wird. Von dieser bewährten
Verfahren weicht auch der jetzt vorliegende Band nicht ab. Die Leitfragen
lauteten diesmal:
„1. Wie beurteilen Sie
aus der Sicht des von Ihnen vertretenen Fremdsprachenlehr- und –lernkon- zepts
den Sprach(en)-Begriff, auf dem der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für
Sprachen aufbaut?
2. Liefert aus Ihrer
Sicht der spracherwerbs- bzw. fremdsprachenlerntheoretische Ansatz, der dem
Referenzrahmen zugrunde liegt, Impulse für eine Weiterentwicklung von Theorie
und Praxis des Lehrens und Lernens fremder Sprachen?
3. Wie beurteilen Sie
das Konzept der KANN-Beschreibungen und welche Konsequenzen wird nach Ihrer
Auffassung dieses Konzept auf Formen der Leistungsmessung einerseits und auf
die curriculare Entwicklungsarbeit andererseits nach sich ziehen?
4. Welche
forschungsmethodischen Zugriffe halten Sie für angemessen, um einerseits
Aufbau, Struktur und Inhalte sowie andererseits Akzeptanz und Wirkung des
Referenzrahmens bezüglich einer begründeten Weiterentwicklung zu analysieren?“
(7)
-3-
Das Verfahren hat den
Vorteil, dass die Diskussionen wesentlich strukturierter verlaufen als bei
einer herkömmlichen Vortragskonferenz, es hat aber auch den Nachteil, dass die
so entstandenen Arbeitspapiere einander recht ähnlich sind und daher keine sehr
unterhaltsame Lektüre darstellen. Diese Gefahr ließ sich auch im vorliegenden
Band nicht ganz vermeiden. Die einzelnen Beiträge weisen ein teilweise
beträchtliches Maß an formaler und inhaltlicher Übereinstimmung auf,
Wiederholungen sind unvermeidlich, Originalität eher die Ausnahme. Es dürfte
daher auch wenig sinnvoll sein, hier die Beiträge einzeln und nacheinander in
ihren Kernaussagen zusammenzufassen; statt dessen sollen zunächst die oben
zitierten Leitfragen und die darauf gegebenen Antworten im Mittelpunkt stehen.
Anschließend soll auf einige Einzelbeiträge, die von der vorgegebenen Struktur
mehr oder weniger stark abweichen und teilweise interessante Perspektiven eröffnen,
noch etwas genauer eingegangen werden.
Was die erste Frage nach
dem zugrundeliegenden Sprach- bzw. Sprachenbegriff angeht, so wird hier meist
auf zwei Aspekte hingewiesen: Zum einen auf die Fortschreibung des im Europarat
schon seit dem Threshold-Level- Projekt der 70er Jahre praktizierten
funktional-pragmatischen Ansatzes, der Sprache als Handeln und
sprachlich-kommunikative Kompetenz demnach auch vor allem als
Handlungskompetenz begreift, und zum zweiten auf das Konzept einer integrativen
Mehrsprachigkeit, das sprachliche Handlungsfähigkeit nicht mehr in jeweils
einzelsprachlich definierte Bestandteile zerlegt, sondern als eine
sprachlich-kommunikative Gesamt- kompetenz auffasst, „zu der alle
Sprachkenntnisse und Spracherfahrungen beitragen und in der die Sprachen miteinander
in Beziehung stehen und interagieren“ (Referenzrahmen, S. 17). Mehrfach
kritisch angemerkt wird dazu allerdings, dass der Mehrsprachigkeitsansatz nicht
konsequent durchgehalten und zu keinerlei Konsequenzen etwa bei den
Kann-Beschreibungen der einzelnen Niveaustufen und Handlungsbereiche führe (so
u.a. Bausch 33; Krumm 121; Tönshoff 182).
Noch deutlicher und
unmissverständlicher fallen die Antworten auf die 2. Leitfrage nach dem Beitrag
des Referenzrahmens zur Fremdsprachenlerntheorie aus. Ein Impuls für die Weiterentwicklung
von Theorie und Praxis des Lehrens und Lernens fremder Sprachen, so die nahezu
einhellige Meinung, gehe vom Referenzrahmen nicht aus. Eine eigene fremdsprachenlerntheoretische
Position sei nicht erkennbar, sie sei allenfalls inkohärent, eklektisch, vage
oder unverbindlich. Es fehle zudem jeder Hinweis auf die sprachenpolitische
Dimension des Themas. Es werde so getan, als seien alle europäischen Sprachen
gleichberechtigt, von dem tatsächlich aber sehr unterschiedlichen und nicht zuletzt
politisch bedingten Prestige von Sprachen sei ebenso wenig die Rede wie von der
Rolle des Englischen als de facto welt- und europaweiter Lingua Franca (so z.B.
Abel 15; Edmondson 67 f.; House 99 f.; Vollmer 195). Immer wieder wird auch –
und wie ein Blick ins Literaturverzeichnis des Referenzrahmens zeigt: mit Recht
– moniert, dass die herangezogene wissenschaftliche Literatur nahezu
ausschließlich englischsprachig sei und beispielsweise die gesamte
deutschsprachige Literatur ignoriert werde. Für ein Dokument, das sich ja nicht
zuletzt dem Ziel verschrieben hat, die europäische Mehrsprachigkeit zu fördern,
ein erstaunliches, ja peinliches, wenn nicht unverzeihliches Versäumnis. Oder
steckt vielleicht mehr dahinter? Soll man wirklich annehmen, dass für das
„englische linguistische [...] Kartell“, das sich nach Blehyl (36) seit Jahren
„der Sprachenpolitik des Europarats bemächtigt“ habe, vielleicht doch – und
allen wohlfeilen Bekenntnissen zur Mehrsprachigkeit zum Trotz – „einige
Sprachen mitsamt den in ihnen verfertigten Produkten gleicher [sind] als
andere“ (House 102)?
-4-
Bei weitem am
ausführlichsten, aber auch am kontroversesten sind die Antworten auf die 3.
Leitfrage, in der es um die Beurteilung der Kann-Beschreibungen des Referenzrahmens
und um deren Konsequenzen für Curriculum- entwicklung und Prüfungspraxis geht.
Die Unterscheidung der sechs Niveaustufen sprachlicher Kompetenz und
insbesondere die globalen und bereichsspezifischen Kann-Beschreibungen dieser
Niveaustufen stellen nach Ansicht einiger Beiträger „die historische Leistung“
(Abel 18), „das beachtlichste und für die Praxis des Lehrens und Lernens
fremder Sprachen relevanteste Ergebnis“ (Christ 61), einen „richtungweisende[n]
Ansatz“ (Neuner 142) oder „das Herzstück“ (Raupach 160; Vollmer 198) des
Referenzrahmens dar. Ihre Bedeutung besteht nach Herbert Christ darin, dass
damit die bislang praktizierte Leistungsmessung „vom Kopf auf die Füße
gestellt“ und die Orientierung am Defizitären durch eine Orientierung am tatsächlichen
sprachlichen Können ersetzt werde (Christ 62). Davon seien auch positive Impulse
im Hinblick auf eine Veränderung des Fremdsprachenunterrichts zu erwarten
(Freudenstein 78 f.).
Andere Beiträger machen
dagegen vor allem auf die Defizite der Kann-Beschreibungen aufmerksam: Sie
seien unpräzise formuliert und nicht intersubjektiv nachvollziehbar; es fehle
die systemlinguistische Komponente und die Angabe der sprachlichen Mittel, die
zur Realisierung einer bestimmten kommunikativen Handlung erforderlich seien
(Barkowski 27), sie seien keineswegs kulturenübergreifend verständlich, sondern
durch westeuropäische Muster geprägt (Krumm 125). Die ausführlichste kritische
Analyse der Deskriptoren leistet zweifellos Jürgen Quetz, der für die
Übersetzung des Referenzrahmens aus dem Englischen verantwortlich war und sich
auch schon an anderer Stelle ausführlich damit auseinander gesetzt hat (vgl.
Quetz 2001 und 2003). Quetz weist darauf hin, dass die in den Kann-Deskriptoren
(z.B. „Kann unkomplizierte Sachinformationen über gewöhnliche alltags- oder
berufsbezogene Themen verstehen [...]“, Hörverstehen, B 1) verwendeten
Kategorien bzw. Merkmale (‚unkompliziert’, ‚Sachinformation’, ‚gewöhnlich’
usw.) recht unterschiedlichen Bereichen zuzuordnen sind und zudem zwischen den
einzelnen Niveaustufen springen; hier sei keine nachvollziehbare und
intersubjektiv verständliche Systematik in den Beschreibungen erkennbar. Zudem
sei nicht nachvollziehbar, weshalb die Autoren des Referenzrahmens bestimmte
Dimensionen etwa der Diskurskompetenz mit Skalen versehen haben, andere aber
nicht. Diese Einwände führen bei Quetz zu der Einschätzung, dass die
beschriebenen Referenz- niveaus nur eingeschränkt für die Standardisierung von
Curricula und Sprachprüfungen geeignet seien (Quetz 153). Hans Barkowski geht
in seiner Kritik sogar noch einen Schritt weiter:
„Die KANN-Formulierungen
des GERR [Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens] genügen weder
linguistischen noch methodisch-didaktischen Anforderungen an eine intersubjektive,
einzelsprach- lich substantiierbare Grundlage für die Festlegung von
Lehr-/Lernzielen und die sprachübergreifende Kalibrierung von Niveaus der
Sprachvermittlung und Sprachbeherrschung“ (Barkowski 28).
Die hier vorgebrachte
Kritik an der Vagheit und fehlenden Präzision der Kann-Beschreibungen zeigt,
dass bei aller Berechtigung des Grundanliegens des Referenzrahmens, nämlich
einen gemeinsamen, d.h. länder- und sprachenübergreifenden Rahmen für
Curriculum- und Lehrwerkentwicklung vorzugeben, noch viel zu tun ist. Dabei
wird es auch darauf ankommen, in welcher Weise der Referenzrahmen in die
bestehende Praxis des Fremdsprachenunterrichts eingreifen, wie er diese Praxis
weiter beeinflussen und verändern wird. Insofern waren die Organisatoren der
22. Frühjahrskonferenz sicher gut beraten, in ihrer vierten Leitfrage auch auf
die Praxiswirkung des Referenzrahmens und auf die denkbaren methodischen
Ansätze zur Erforschung dieser Praxiswirkung einzugehen. Umso erstaunlicher ist
dann aber, dass die Antworten auf diese Leitfrage bei Licht
-5-
besehen so wenig
brauchbare Ergebnisse hervorgebracht haben. Nicht wenige Beiträger gehen auf
diese Frage gar nicht ein, andere (z.B. Kleppin 110) erwähnen nur die von den
Autoren des Referenzrahmens selbst genannten Forschungsaufgaben oder verweisen
(z.B. Königs 118) pauschal auf die Kombination quantitativer und qualitativer
Untersuchungsinstrumentarien. Ingrid Gogolin wünscht sich Forschungsarbeiten,
die den Einarbeitungsprozess von Lehrkräften und Schüler(innen) in die
Instrumentarien des Referenzrahmens mit Hilfe qualitativer und triangulierter
Verfahrensweise beobachten, „um Genaueres darüber zu erfahren, welche
Leistungen ihnen abverlangt werden, welche davon sie ohne weiteres erbringen
können und welche nicht“ (93). Möglicherweise hängt der geringe Ertrag ja auch
mit der Formulierung der vierten Leitfrage und mit dem darin zum Ausdruck
kommenden spezifischen Verständnis vom Verhältnis zwischen Theorie/Wissenschaft
und Praxis zusammen, das Reinhold Freudenstein auf den Punkt bringt. Die
Formulierung der 4. Leitfrage offenbare, so Freudenstein, eine Mitverantwortung
der Sprachlehr- und –lernforschung bei der Perpetuierung der bestehenden
(schlechten) Praxis insofern, als hier nur nach einer nachträglichen
Analyse und Erforschung des Referenzrahmens und seiner praktischen Implementierung,
nicht aber nach einer Einflussnahme auf diese Implementierung gefragt
werde:
„Solange die
Sprachlehrforschung dies den Praktikern oder den Lehrerfortbildungseinrichtungen
überlässt, deren Arbeitsergebnisse sie dann nachträglich ‚analysiert’, ‚kritisch
hinterfragt’ und nicht selten als ‚unvollkommen’ oder ‚inakzeptabel’
zurückweist, gleichzeitig jedoch selbst nichts Besseres aufzuweisen hat,
solange sind tiefgreifende Veränderungen des reformbedürftigen
Fremdsprachen- unterrichts in Deutschland nicht zu erwarten. Erst dann, wenn sich
die Sprachlehrforschung nicht mehr (nur) als Instrument der Theorie- und
Grundlagenforschung, sondern vielmehr (auch) als Initiator einer angewandten, zukunftsgerichteten
Forschung und als Repräsentant einer Handlungs- und Zweckforschung versteht,
könnten die erstarrten Strukturen des Lehrens und Lernens fremder Sprachen in
Deutschland möglicherweise endlich in Bewegung geraten“ (83).
Als Kritik an der
inkriminierten Fragestellung hat dies zwar durchaus eine gewisse Berechtigung,
als Kritik an den gegebenen Antworten läuft sie aber völlig ins Leere, im Gegenteil:
Eine ganze Reihe von BeiträgerInnen beschäftigt sich mit genau dem, was Freudenstein
anmahnt, nämlich mit den Auswirkungen des Referenz- rahmens auf die Praxis, nur
dass diese Auswirkungen keineswegs als einhellig positiv beschrieben werden.
Hans-Jürgen Krumm beispielsweise befürchtet, dass vom Referenzrahmen und von
den dort vorgenommenen Formulierungen nicht nur von Prüfungsanforderungen,
sondern auch von Lernzielen in Form von Kann- Beschreibungen ein „backwash-Effekt“
auf die künftige Entwicklung von Lehrplänen und Lernmaterialien ausgehen könne:
Nur noch das finde in Lehrplänen und Lehrwerken Platz, „was [...] durch die
Kann- Bestimmungen fixiert und abprüfbar wird“ (Krumm: 124) – eine Gefahr, die
angesichts der aktuellen Situation etwa bei der Lehrwerkentwicklung in Deutsch
als Fremdsprache sicher nicht von der Hand zu weisen ist. Von vielen Beiträgern
wird zudem auf die Notwendigkeit hingewiesen, dass eine Implementierung des
Referenz- rahmens in der Praxis von Lehrkräften vorgenommen werden müsse, die
darauf schlecht vorbereitet seien. Es komme also darauf an, geeignete Maßnahmen
für die Weiterbildung sowie Konzepte für eine zeitgemäße Ausbildung von
Fremdsprachenlehrkräften zu entwickeln und umzusetzen (vgl. z.B. Tönshoff 190).
Von hier aus lassen sich im Übrigen vielfältige Bezüge herstellen zu der
Erklärung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Frühjahrskonferenz zur
Ausbildung von Fremdsprachenlehrkräften, die am Schluss des Bandes abgedruckt
ist (vgl. 207), aber auch und insbesondere zu der Folgekonferenz in
Rauischholzhausen im Frühjahr 2003, die dem Thema
‚Fremdsprachenlehrerausbildung’ insgesamt gewidmet war (vgl. die Rezension von
Britta Hufeisen in dieser Ausgabe der ZIF).
-6-
Auf zwei dem
Referenzrahmen sehr kritisch gegenüberstehende Beiträge will ich abschließend
noch etwas näher eingehen. Inge C. Schwerdtfeger formuliert zwei fundamentale
Einwände gegen den Referenzrahmen: Zum einen würden durch bestimmte „Erzähltechniken“
wissenschaftliche Theorien zu unumstößlichen Fakten und Wahrheiten umgedeutet
(vgl. 174 ff.), und zum andern betreibe der Referenzrahmen durch seine einseitige
Orientierung an Effizienz, Kalkulierbarkeit, Vorhersagbarkeit und Kontrollierbarkeit
die „McDonaldisierung“ und „Entmenschlichung“ (178) des Fremdsprachenlernens:
„Ich stelle mir die
Frage, ob sich Sprachenlehren und –lernen so nachhaltig in den Dienst
ökonomischer Prozesse stellen darf und dabei vergessen wird, dass Lernende
Menschen mit einem Körper, mit Gefühlen sind, die sich ständig in Diskursen der
Macht bewegen. Sprachen und Lernende sind keine ‚Waren’, die sich nach Gesetzen
des Marktes planen lassen“ (178).
Die beiden bei
Schwerdtfeger eng zusammen hängenden Argumente sind nach meiner Meinung nicht
gleichermaßen überzeugend. Denn dass ein Dokument wie der Referenzrahmen, der
ja explizit in die Praxis des Fremdsprachenunterrichts und des Fremdsprachenlernens
eingreifen will, damit die Ebene der Wissenschaft gewissermaßen verlassen muss
und dabei bestimmte Forschungsresultate als ‚Gepäck’ mitnimmt, dass der Referenzrahmen
also bestimmte ‚Wahrheiten’, die auf der Ebene der Wissenschaft selbst in der
Tat den Charakter des Vorläufigen und Hypothetischen haben mögen, als ‚Fakten’
ansieht, um damit arbeiten zu können, darin kann ich kein Skandalon erkennen.
Wie anders, so frage ich mich, soll Wissenschaft jemals praktisch und
praxisrelevant werden, wenn nicht so? Anders das zweite Argument: Die von
Schwerdtfeger beschworene Gefahr, dass mit dem Referenzrahmen das
Fremdsprachenlernen den ökonomischen Gesetze des Marktes unterworfen,
vereinheitlicht und entindividualisiert, damit aber in gewissem Maße
tatsächlich entmenschlicht zu werden droht, wird man nicht ohne Weiteres
leugnen können. Sie wird noch deutlicher, wenn man den Beitrag von Lothar
Bredella mit heranzieht, der auf die vielleicht entscheidende Schwachstelle des
Referenzrahmens aufmerksam macht. Zwar sei es, so Bredella, prinzipiell
richtig, dass der Referenzrahmen Sprache und sprachliches Handeln als ein
soziales Handeln begreife, bei genauerem Hinsehen stelle sich der hier
zugrunde- liegende Handlungsbegriff aber als auf zweckrationales,
erfolgsorientiertes oder strategisches Handeln reduziert heraus, ein im
eigentlichen Sinn kommunikatives, nämlich nicht erfolgs-, sondern im
eigentlichen Sinn verständigungsorientiertes Handeln spiele ebenso wenig
eine Rolle wie die damit einhergehenden bedeutungs-, verstehens- und
verständigungsorientierten Kompetenzen von Fremdsprachenlernern. So werde
beispielsweise das Leseverstehen völlig einseitig als Informationsverarbeitung
aufgefasst, das verstehende Lesen, das neben der bloßen Informationsverarbeitung
auch höhere Verarbeitungsprozesse voraussetze, werde hingegen völlig ignoriert:
„Der bedeutungssuchende
Leser mit seinem jeweiligen Vorwissen und seinen Erwartungen in einer
bestimmten geschichtlichen und historischen Situation kommt im Referenzrahmen
nicht vor. Deshalb wird auch nicht angesprochen, wie wir mit Unbestimmtheiten,
Vieldeutigkeiten, Metaphern und Konnotationen beim Lesen umgehen“ (47).
Hier fällt der
Referenzrahmen zweifellos weit hinter das zurück, was in den letzten Jahren
unter Stichworten wie ‚interkulturelle Kommunikationsfähigkeit’ oder
‚interkulturelle Kompetenz’ diskutiert worden ist, und es wäre, gerade im
Hinblick auf die Praxis des Fremdsprachenlernens, sehr zu wünschen, dass die
weitere Diskussion, die mit den Beiträgen der Rauischholzhausener
Frühjahrskonferenz so vielfältige Anregungen erfahren hat, die hier angesprochenen
Defizite noch deutlicher herausarbeitet.
-7-
Bei aller Kritik: Der
Referenzrahmen ist zweifellos ein sehr sinnvolles und nützliches Dokument, an
dem Curriculumplaner, Lehrwerkautoren und Testentwickler in Zukunft nicht mehr
vorbeikommen werden. Für die konkrete Umsetzung in die Praxis wird es aber
nicht zuletzt darauf ankommen, in welcher Weise die sprachenübergreifenden
Vorgaben des Referenzrahmens im Hinblick auf die Bedingungen der Einzelsprachen
konkretisiert werden. Mit Profile deutsch liegt eine erste
einzelsprachliche Konkretisierung jetzt vor:
GLABONIAT, Manuela u.a.
(2002). Profile deutsch. Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen.
Lernzielbestimmungen. Kannbeschreibungen, kommunikative Mittel, Niveau A 1, A
2, B 1, B 2. Berlin u.a.: Langenscheidt. ISBN 3-468-49463-7. 168 Seiten +
CD-ROM, 36,- Euro.
besteht aus einem etwa 170-seitigen Buch, das die
wichtigsten Prinzipien erläutert, und einer eingelegten CD-ROM, die den
eigentlichen Kern des Ganzen enthält, nämlich eine Datenbank, die auf
vielfältige Weise verwendbar ist. Als Adressaten werden neben den oben
erwähnten auch die LeiterInnen von Institutionen sowie Lehrerinnen und Lehrer
für Deutsch als Fremdsprache genannt. Es handelt sich um ein „Arbeitsinstrument“
für diese Berufsgruppen, mit dessen Hilfe
DaF-Lehrende schnell und
ohne großen Aufwand Lernziele und darauf bezogene sprachliche Mittel für ihre
jeweiligen Lerngruppen zusammenstellen und weiter verarbeiten können;
Unterrichtsziele und
Prüfungsanforderungen transparent gemacht werden können;
kohärente Curricula,
Tests und Prüfungen entwickelt werden können usw.
Nach der im Übrigen
leicht und schnell durchführbaren Installation des Programms öffnet sich ein
recht übersichtliches Fenster, auf dem außer einer allgemeinen Übersicht und
einer brauchbaren Anleitung zur Arbeit mit der CD-ROM die Menüpunkte
‚Kannbeschreibungen’, ‚Sprachliche Mittel’, ‚Grammatik’, ‚Texte’, ‚Strategien’
und ‚Sammelmappe’ zu finden sind. Wie im Referenzrahmen bilden auch in Profile
deutsch die Kannbeschreibungen der einzelnen Niveaus, allerdings nur für
die Niveaustufen A 1 bis B 2, und der einzelnen sprachlichen Teilbereiche den
Kern. Dabei wird zwischen globalen und detaillierten Kannbeschreibungen
differenziert, eine Differenzierung, die im Begleitbuch (15 ff.) ausführlich
begründet wird: Während globale Beschreibungen nämlich eine normative Komponente
enthalten, also vor allem angeben, wie gut jemand etwas kann, sollen die
detaillierten Be- schreibungen rein deskriptiv sein und lediglich angeben, was
jemand kann. Die Zuordnung der detaillierten Kannbeschreibungen zu den
einzelnen Niveaus soll denn auch weniger durch die Differenzierung der
betreffenden Kompetenz selbst als vielmehr durch die Differenzierung
unterschiedlicher Komplexitätsgrade der Handlungs- situationen zustande kommen,
in denen Lerner sprachlich zurecht kommen müssen. Einige Beispiele mögen dies
ein wenig veranschaulichen. Eine der globalen Kannbeschreibungen unter
‚Interaktion mündlich’ auf dem Niveau A 1 lautet etwa: „Kann
auf einfache Art kommunizieren, wenn der Partner langsam und klar spricht, zu
langsameren Wiederholungen und Umformulierungen bereit ist und jederzeit beim
Formulieren hilft.“ Eine der dazu gehörigen
detaillierten Kannbeschreibungen lautet dann beispielsweise: „Kann
andere um alltägliche Dinge bitten, verstehen, wenn Dinge verlangt werden, und
sich bedanken.“ Jede detaillierte Kannbeschreibung ist übrigens mit
drei sehr nützlichen Beispielen versehen, im vorliegenden Fall: „Kann
eine Kollegin um einen Stift oder ein Blatt Papier bitten und sich dafür
bedanken.“ „Kann an der Rezeption verstehen, wenn sie um den Pass gebeten
wird.“ „Kann beim Essen um das Brot bitten oder das Brot weitergeben“
-8-
Noch deutlicher wird das
Prinzip der detaillierten Kannbeschreibungen, wenn man vergleichbare
Beschreibungen verschiedener Niveaus heranzieht. So heißt es etwa unter
‚Interaktion mündlich’ auf dem Niveau A 2: „Kann
Alltagssituationen in Geschäften oder bei öffentlichen Dienstleistern
bewältigen.“ Analog heißt es auf dem Niveau B 1: „Kann auch nicht alltägliche
Situationen in Geschäften oder bei öffentlichen Dienstleistern bewältigen“, und
unter B 2: „Kann im Umgang mit Behörden oder Dienstleistern auch sprachlich
komplexere Situationen bewältigen.“
Hier ist das oben
beschriebene Prinzip gut erkennbar: Weniger die sprachliche Kompetenz, also
‚wie gut’ jemand etwas kann, wird hier von A 2 bis B 2 zunehmend komplex,
sondern die Situationen, die sprachlich zu bewältigen sind: Von
„Alltagssituationen“ über „nicht alltägliche Situationen“ bis zu „sprachlich
komplexen Situationen“ werden die Anforderungen an die sprachlichen
Fertigkeiten von Lernern immer höher. Auch wenn sich das hier so schön
erkennbare Prinzip bei weitem nicht in allen Fällen durchhalten lässt, und auch
wenn die etwa von Barkowski, Quetz und anderen gegen die unpräzisen Formulierungen
in den Kannbeschreibungen des Referenz- rahmens vorgebrachten Argumente auch hier
ihre Gültigkeit haben (was ist eine ‚Alltagssituation’ und was ist eine ‚nicht
alltägliche Situation’?), so muss man doch zugestehen, dass das äußerst
differenzierte und komplexe System der Kannbeschreibungen, das neben
schriftlicher und mündlicher Interaktion, Rezeption und Produktion auch den
Bereich der Sprachmittlung, also Dolmetschen und Übersetzen, ausführlich einbezieht,
nicht zuletzt wegen der zahlreichen Beispiele eine beachtliche Leistung der
AutorInnen von Profile deutsch und ein sehr nützliches Instrument zur
Planung von Curricula, Lernmaterialien und Prüfungen darstellt, das bis auf
Weiteres zumindest seinesgleichen sucht.
Als einzelsprachliche
Anwendung des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens kann und muss Profile
deutsch natürlich insbesondere dort konkret werden, wo es der sprachenübergreifende
Referenzrahmen nicht konnte, bei den sprachlichen Mitteln nämlich, über die
Lerner des Deutschen zur Realisierung der in den Kannbeschreibungen angegebenen
Handlungssituationen verfügen müssen. Diese finden sich in Profile deutsch
zunächst unter dem Menüpunkt ‚Sprachliche Mittel’, wo wiederum, auf nicht in
jeder Hinsicht überzeugende Weise, zwischen ‚Sprachhandlungen’ (d.h. den zur
Realisierung von Sprachhandlungen benötigten Strukturen), ‚Thematischem
Wortschatz’, ‚Allgemeinen Begriffen’ und ‚Kulturspezifischen Aspekten’
unterschieden wird. Alle hier jeweils aufgelisteten sprachlichen Mittel werden
den Niveaus A 1 bis B 2 zugeordnet, ohne dass allerdings erkennbar würde, auf
welcher Grundlage diese Zuordnung jeweils zustande kommt. Warum beispielsweise
werden beim thematischen Wortschatz die Wörter ‚Wohnzimmer’, ‚Schlafzimmer’ und
‚Kinderzimmer’ dem Niveau A 1, ‚Gästezimmer’ dagegen dem Niveau B 1 zugeordnet?
Und weshalb gehören ‚Stuhl’ und ‚Tisch’ zu A 1, ‚Sessel’ zu A 2 und
‚Tischdecke’ zu B 1? Hier kann man sich des Eindrucks einer gewissen Beliebigkeit
und Willkür nicht erwehren.
Geradezu ein Ärgernis
stellt aber das Untermenü ‚Kulturspezifische Aspekte’ dar, denn der angegebene
Titel ist eigentlich ein Etikettenschwindel. Von ‚kulturspezifischen Aspekten’
ist in Wahrheit hier nirgendwo die Rede, soziokulturelle Aspekte von Sprache
und Kommunikation, so heißt es im Begleitbuch, würden „nicht berück- sichtigt“,
und über das soziokulturelle Wissen, das in deutschsprachiger Kommunikation
eine Rolle spielt, sollen explizit „keine Angaben“ gemacht werden (Begleitbuch
39). Aber was bleibt dann noch von ‚kulturspezifischen Aspekten’? Eigentlich
nur die üblichen sprachlichen Floskeln wie Höflichkeits- und Begrüßungsformeln,
Wendungen wie ‚bitte’ oder ‚danke’ und ähnliche Trivialitäten. Selbstverständlich
ist es wichtig, dass französische Deutschlerner wissen, dass die Frage nach dem
Befinden im Deutschen nicht mit ‚Wie gehen Sie?’ (‚Comment allez-vous?’), sondern
mit ‚Wie geht’s?’ ausgedrückt wird (vgl. Begleitbuch 37), aber was ist daran
‚kulturspezifisch’? Ist es dann nicht genau so ‚kulturspezifisch’, dass man im
Deutschen ja auch nicht sagt ‚Was gibt es dort?’ (‚Qu’est-ce qu’il-y-a?’),
sondern ‚Was ist los?’? Der oben zitierte Einwand von Bredella gegen den
Referenzrahmen, dass dieser nämlich den Aspekt des Kulturellen in Sprache und
Kommunikation weitgehend ausblende, lässt sich mit demselben Recht auch
gegenüber Profile deutsch anbringen; aber vielleicht liegt es ja auch
daran, dass sich (inter)kulturelle Kompetenzen, die diese Bezeichnung
tatsächlich verdienen, nicht so ohne Weiteres in der Weise klassifizieren und
einordnen lassen, wie es der Logik des Referenzrahmens und von Profile
deutsch entspricht?
-9-
Ergänzt werden die
‚sprachlichen Mittel’ durch Kapitel über Texte, Grammatik und Strategien. Dabei
vertreten die Autoren von Profile deutsch einen weiten Textbegriff, der
beispielsweise auch Formen der mündlichen Kommunikation einbezieht. Unter dem
Menüpunkt ‚Texte’ findet man Listen von Textsorten wie ‚Antrag’, ‚Beschwerde’,
‚Fragebogen’ oder ‚Talkshow’, die mit den detaillierten Kannbeschreibungen und
mit ‚Textmustern’ verknüpft sind. Dahinter verbergen sich einerseits recht
allgemeine und mit Beispielen versehene Beschreibungen der einzelnen
Textsorten, andererseits Verweise auf die erforderliche Grammatik. Ein Beispiel:
Klickt man unter den Textmustern auf ‚Kaufgespräch’, erhält man zunächst die
Auskunft, dass es sich dabei um ein „Direkt- (face-to-face-)
Gespräch, gelegentlich auch ein Telefongespräch zwischen Käufer und Verkäufer“
handelt, das oft „mit einer Begrüßung, einem Angebot zur Hilfe, einer Frage
nach Wünschen oder mit einer Bitte nach [sic!] Hilfe oder Information“ beginne.
Darüber hinaus findet man unter der Registerkarte ‚Systematische Grammatik’
Verweise auf Grammatikkapitel, die bei der Realisierung von Kaufgesprächen
nützlich sein können: Interrogativ- satz, Satzreihung, Modalverb, Partikel usw.
Unter der Registerkarte ‚Funktionale Grammatik’ wird man auf entsprechende
Sprachhandlungsabsichten wie ‚Bewerten und vergleichen’, ‚Fähigkeit oder
Möglichkeit ausdrücken’ usw. verwiesen. Was hier fehlt, wäre eine analoge
Verknüpfung mit dem passenden thematischen Wortschatz, etwa zum Thema ‚Kaufen
und Verkaufen’.
Das Kapitel ‚Strategien’ enthält umfangreiche
Listen mit Kommunikations- bzw. Lern- und Prüfungsstrategien, die allerdings
nicht den Niveaustufen und auch nicht den Kannbeschreibungen zugeordnet sind,
was den Nutzen der angegebenen Strategien und Techniken im Rahmen des
Gesamtsystems merklich einschränkt.
Profile deutsch
versteht sich nicht als einen im engeren Sinn wissenschaftlichen Beitrag zur
Problematik des Fremdsprachenlernens, sondern, wie es im Begleitbuch heißt, als
„ein offenes und flexibles System, mit dem man den Unterricht in den Bereichen Deutsch
als Fremdsprache und Deutsch als Zweitsprache planen, durchführen
und evaluieren kann“ (7). Anwender aus den oben erwähnten Zielgruppen, also
Curriculumplaner, Lehrwerk- autoren, Testentwickler oder auch einfach Lehrkräfte
können die Fülle an Informationen, die das System bereitstellt, im Hinblick auf
ihre spezifischen Zwecke nutzen, indem sie die für sie brauchbaren und
relevanten Informationen heraussuchen, zusammenstellen und weiter verarbeiten.
Dazu dient insbesondere die Funktion ‚Sammelmappe’, die es erlaubt, jede
beliebige Teilinformation der Datenbank zu entnehmen, sie in eine Sammelmappe
zu kopieren, in andere Anwendungen, z.B. Textverarbeitungsprogramme oder das
Tabellen- kalkulationsprogramm Excel, zu exportieren und so auf beinahe
jede beliebige Weise weiter zu verwerten. Übersichtliche Lernzielkataloge für
spezielle Kurse lassen sich damit ebenso problemlos erstellen wie Checklisten
für die Selbst- und Fremdevaluation oder auch Arbeitsblätter für den eigenen
Unterricht. Das Programm stellt auch keinerlei über das Übliche hinausgehenden
Ansprüche an die Fertigkeiten der Anwender im Umgang mit dem Computer. Wer mit
Standard-Programmen wie Windows oder Word zurecht kommt, wird
auch mit Profile deutsch keine Probleme haben.
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Der praktische Nutzen von Profile deutsch
für die Zielgruppen, für die es gedacht ist, ist erheblich und soll hier auch
in keiner Weise in Abrede gestellt werden. Gleichwohl bleiben die Fragen, die
sich ja auch schon beim Referenzrahmen selbst gestellt haben. Die weitere Entwicklung
wird zeigen, ob die Gefahr, dass die Ziele des Deutsch als
Fremdsprache-Unterrichts und über die Zielorientierung auch die Curricula,
Lernmaterialien und schließlich auch der Unterricht selbst europa-, wenn nicht
weltweit vereinheitlicht werden und dass das alte Prinzip der
Lernerorientierung damit ausgehöhlt und zugunsten europäischer Harmonisierung
geopfert wird, tatsächlich besteht und ob Referenzrahmen und Profile deutsch
wirklich mittelfristig dazu beitragen, dass das Fremdsprachenlernen mehr und
mehr auf ökonomische Effizienz reduziert wird und im engeren Sinn kommuni- kative
und kulturelle, d.h. verstehens- und verständigungsorientierte Kompetenzen ins
Hintertreffen geraten.
CLAUS ALTMAYER
(Universität
des Saarlandes)
Literatur
Quetz, Jürgen (2001). Der Gemeinsame Europäische
Referenzrahmen. In: Info DaF 28/6, 553-563.
Quetz, Jürgen (2003). A1 – A2
– B1 – B2 – C1 – C2. Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen. In: DaF 40/1,
42-48.