Goethe gibt den Ton an ...
Eine Ballade und ihre Folgen
Gabriele Huber und Renáta Kanichová
1 Einleitung
In
unserem Beitrag geht es um Reflexionen zur interdisziplinären Gestaltung
eines universitären fachbezogenen Fremdsprachenunterrichts (FFSU)
für geisteswissenschaftliche Studienrichtungen mit künstlerisch-kulturellem
Schwerpunkt.
Den
ersten Anstoß für eine—unserer Meinung nach—unkonventionelle,
die herkömmlichen methodisch-didaktischen Konzepte ergänzende
bzw. durchbrechende Vorgangsweise lieferten die vorgegebenen organisatorischen
Zwänge (Heterogenität in den Sprachgruppen, unterschiedliche
Kenntnisse und Wissensschwerpunkte in den verschiedenen geisteswissenschaftlichen
Fächern etc.). Weiters suchten wir nach einer den neuen Anforderungen
des FFSU entsprechenden didaktischen Methode, die einen Lerner zentrierten
Unterricht bevorzugt. So entstand ein Curriculum, das auf Interdisziplinarität
beruht. Dieses bereits beschriebene und veröffentlichte
Konzept
[1]
wird anhand verschiedener fachsprachlicher Inhalte unter Berücksichtigung
fachspezifischer Perspektiven umgesetzt.
[2]
Der Ablauf des Lernprozesses wird mit Themen des geisteswissenschaftlichen
Fachbereiches multidisziplinär behandelt und medial [3]
gestaltet.
2 Bildende Kunst und Musik im fachsprachlichen Fremdsprachenunterricht
2.1 Warum setzen wir Bildende Kunst und Musik im fachsprachlichen Fremdsprachenunterricht
(FFSU) ein?
-
Primär
wird das Wahrnehmen trainiert—das langsam-kritische Bild-Lesen und das
aufmerksam-konzentrierte Musik-Hören. Das sind Fähigkeiten, die
in unserer flüchtig-oberflächlichen Medienwelt gefährdet
sind.
-
Durch
das emotionale "Denkfühlen" werden die Phantasie, die Vorstellungskraft,
die Empathie und Kreativität der Studenten angeregt, womit eine für
den Fremdsprachenunterricht optimale Sprechhandlungsbasis geschaffen wird.
-
Mit
der Verwendung der Musik und der Bildenden Kunst im fortgeschrittenen,
fachsprachlichen Fremdsprachenunterricht sehen wir eine Möglichkeit,
den universitären Fachsprachunterricht motivierender zu gestalten.
-
Diese
beiden Medien stellen für den FFSU insofern eine wesentliche Bereicherung
dar, da sie vor allem problemhaltig, mehrdeutig, interpretationsoffen und
innovativ sind.
-2-
-
Weiters
entstehen durch die Zuhilfenahme der Künste im FFSU individuell eigenständige
Sprachleistungen, was für die Lernerautonomie nur von Vorteil ist.
-
Der
FFSU wird durch die Nutzung des gesamten Informationsverarbeitungssystems
(Sehen, Hören, Lesen, Verstehen, Sprechen, Schreiben) vor einseitiger
Intellektualisierung bewahrt.
-
Diese
prozessorientierten Lerntechniken führen zur Vertiefung und Intensivierung
des Lernens.
-
Gerade
im DaF-Unterricht, in dem auch die zielsprachliche Kultur vermittelt wird,
stellt die interkulturelle Kommunikation
[4]
einen wesentlichen Faktor dar. Wir verstehen die "interkulturelle Kommunikationsfähigkeit"
als eine wichtige Qualifikation, über die Lehrende und Studierende
im Zeitalter der Globalisierung [5],
Migrationsbewegungen [6]
und des immer schneller und komplexer werdenden Informationsaustausches [7]
verfügen sollen. Die Methoden- und Themenwahl bei der Vermittlung
soll nicht nur auf eine Sensibilisierung der stets unterschiedlich erscheinenden
zielsprachlichen Kodes abzielen, sondern geht über rein landeskundliche
Kenntnisse hinaus. [8]
2. 2 Inwieweit ist Literatur lehr- und vermittelbar?
Unsere
Überlegungen hinsichtlich dieser Frage—der Lehr- und Vermittelbarkeit
der Literatur im FFSU—fanden wir einerseits im Essay „Über die Lehrbarkeit
von Literatur“ vom österreichischen Autor Gerhard Rühm theoretisch
begründet:
"Kunst
ist ein Mittel, sich mit geistigen Problemen auseinanderzusetzen und zugleich
mit deren Vermittlung, wobei hier unter Vermittlung nicht nur die Botschaft,
sondern auch das Medium gemeint ist, das ästhetische Material der
Botschaft.
Kunst
betreibt wesentlich auch eine Sensibilisierung der Sinne. Schon von daher
kann Kunst nicht konsumfreundliche, problemlose Berieselung sein, will
sie die im Alltag abgestumpften Wahrnehmungsorgane aufrütteln, reaktivieren.
Anspruchsvolle Kunst ist per definitionem unbequem, weil für
den Durchschnittsbürger aktives Denken unbequem ist. Er bezieht seine
von Vorurteilen befestigte Sicherheit aus vorgegebenen Denkklischees. Diese
aufbrechen zu lehren ..." [9]
Bei
seinen Reflexionen tritt ein wichtiges Argument in den Vordergrund, nämlich,
dass gerade materiale Erfahrungen und Vorgehensweisen, Formfragen, wie
sie die Poetik behandelt, linguistische und sprachpsychologische Aspekte
sowie Grenzüberschreitungen zu den benachbarten Künsten lehrbar
seien.
Gerhard
Jaschke, ein weiterer österreichischer zeitgenössischer Autor,
vertritt andererseits die Meinung, dass an der Dichtung nur eine Einstellung—die
Aufforderung zur vorurteilslosen Hinwendung unter Berücksichtigung
von allem, was man weiß, und von nichts [10]—lehr-
und vermittelbar sei. Dies gilt, unserer Erfahrung nach, besonders bei
der Vermittlung einer Fremdkultur über ein Thema der Zielsprache in
der Zielsprache, wobei der anderskulturelle Hintergrund der Lernenden berücksichtigt
werden muss.
Ein
solcher Zutritt zum FFSU ist unseres Erachtens gerade für Studenten
der Geisteswissenschaften sehr geeignet, denn er soll sowohl die Aspektenvielfalt
eines monothematischen Unterrichts aufzeigen als auch allgemeinsprachliche
und fachsprachliche Interpretationsmöglichkeiten näher bringen
bzw. bieten.
-3-
3 Lernziel
Im
muttersprachlichen Fachstudienbereich (In unserem Fall betraf das die Studienrichtungen
Ästhetik, Geschichte, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Philosophie,
Psychologie, Soziologie u. ä.) erwerben die Studenten Kenntnisse über
fachtheoretische Sachverhalte und erhalten Einblicke in geschichtliche
Entwicklungen, künstlerische Gattungen und Stile. Die fachsprachliche
Ausbildung in der L2 verlangt, dass sich die Studenten ohne vorherige unterrichtliche
Vorbereitung entsprechend situationsgemäß äußern
können. Dazu werden—neben dem Differenzieren und Anwenden der verschiedenen
Lesestile—auch Darstellungsformen wie z. B. Abfolge von Impressionen und
Gedanken, Beschreibung, Erzählskizze, Kommentar und Interpretation
aufgegriffen und in verschiedene makro- und mikrostrukturelle Redefunktionen
(= feststellen, beschreiben, schildern, erzählen, kommentieren, interpretieren;
mutmaßen, sich erinnern, raten, reflektieren, benennen, fragen, werten)
umgesetzt.
Ein
wesentliches Ziel ist es aber auch, verschiedene Einzelfähigkeiten
des Fachsprachenbereiches zu vermitteln bzw. zu fördern. Dazu zählen
u a.:
a)
die Anwendung von allgemeinen und fachspezifischen Arbeitstechniken und
-strategien, z. B. die Fähigkeit, Exzerpte anzufertigen, Tabellen
zu erstellen und zu interpretieren; die Illustrationen und Vertonungen
eines Textes als dem Text mehr oder weniger gleichberechtigte Informationsträger
zu verstehen,
b)
die Unterscheidung verschiedener Textsorten wie Ballade, Lied, Parodie,
c)
die Interpretation der verschiedenen "Texte".
Unser
"Literaturunterricht" wird aber eben interdisziplinär erweitert, da
neben das Wort die Musik und das Bild als gleichberechtigte Element-Aussagen
treten und auch die modernen Medien dadurch stärker berücksichtigt
werden. Durch die Festigung der fremdsprachlichen Fachsprachen-Kompetenz
auf der Grundlage der sprachlich angemessenen Produktion und Reproduktion,
Improvisation und Interpretation, Empathie und kritischen Beobachtung des
verbalen und nonverbalen Ausdrucks anhand von Kunstwerken sollen sich die
Absolventen dieses hier präsentierten Projektunterrichtes einen beruflichen
Mitteilungsstil aneignen.
4 Welche neuen Aspekte kann man diesem so genannten "klassischen" Thema
ERLKÖNIG noch abgewinnen?
Ausgehend
vom Titel unseres Beitrages bildet die sicherlich bekannteste deutsche
Ballade—Erlkönig (den Text und Vertonung finden Sie hier)—den thematischen Schwerpunkt. Anhand dieses
literarischen Textes möchten wir die neuen Aspekte, die sich vor allem
auf die Interkulturalität und Interdisziplinarität—die beiden
Säulen unseres Konzeptes—beziehen, aufzeigen.
In
Bezug auf die Interkulturalität weisen wir besonders auf das Übersetzungsproblem
hin. In unserem Falle betrifft das zwei Punkte:
-4-
Erstens
beruht die Entstehung der Ballade auf einem Übersetzungsfehler. Johann
Gottfried Herder übersetzte und bearbeitete eine Volksballade mit
dem Titel "Elveskud" (was übersetzt heißt "von der Elfe geschossen/
geschlagen) aus dem Dänischen ins Deutsche und gab ihr den Titel "Erlkönigs
Töchter". Und eben dieser Titel enthält den Übersetzungsfehler:
Der Dichter verwechselte das dänische elverkonge/Elfenkönig
mit ellerkonge/ Erlenkönig und so geriet der Elfenkönig
in Beziehung zum Laubbaum Erle (im Norddeutschen Eller genannt). [11]
Dazu
kommt noch die Übersetzung aus der Zielsprache Deutsch in die Muttersprache
der Lerner—Slowakisch—des bekannten slowakischen Dichters Ján Kostra,
"Král' tmy". Dieser literarische Text steht den Lernern zum Vergleichen
zur Verfügung.
Was
das Fächer Übergreifende betrifft, so fokussieren wir das Thema
aus der Sicht dreier verschiedener Disziplinen (Literatur, Musik, Bildende
Kunst) mit ihren jeweils fachspezifischen Mitteln. Mit der Goetheschen
Ballade Erlkönig bietet sich hier eine optimale Möglichkeit,
verschiedene Fächer in die Arbeit des Sprachunterrichtes einzubeziehen:
Während im Deutsch-Unterricht die inhaltlichen und formalen Aspekte
des Textes sowie Zeitgeschichtliches thematisiert und bearbeitet werden,
eröffnet der Fachsprachenunterricht unter dem Überbegriff „Textgestaltung
und –illustration“ Wege eines spezifisch künstlerischen Umgangs mit
der Ballade Goethes über den traditionellen Zugang hinaus.
5 Material
Bei
der Materialsuche entdeckten wir eine Fülle weiterer künstlerischer
Werke dieses Themas, vor allem zahlreiche musikalische Vertonungen, wie
z. B. von Corona Schröter, Johann Friedrich Reichardt, Carl Friedrich
Zelter, Anselm Hüttenbrenner und Carl Loewe. Die berühmteste
von allen ist natürlich diejenige von Franz Schubert, und nach ihm
hat kein Geringerer als Franz Liszt eine Transkription über die Schubertsche
Fassung des Erlkönig komponiert.
Auch
im bildnerischen Bereich nahmen sich zwei bedeutende Maler des 19. Jahrhunderts,
Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfeld und Moritz von Schwind—letzterer
zählte zum persönlichen Freundeskreis Franz Schuberts, den "Schubertianern"—dieses
Stoffes an.
 |
Ludwig Schnorr
von Carolsfeld: "Erlkönig" (1830-35)
|
 |
Moritz von Schwind:
"Elfentanz im Erlkönig" (1843-44)
|
Nicht
nur die Künstler des 19. Jahrhunderts ließen sich von dieser
Ballade zu weiteren künstlerischen Werken inspirieren, auch im 20.
Jahrhundert lebt diese klassische Ballade in vielen zeitkritischen Parodien
weiter (Otto Walkes'
"King Erl", zahlreiche von Schülern und
passionierten Laiendichtern verfasste wie "Der Erlkönig" (EDV-Version),
"Der
Erlkönig in Weiß" etc.).
-5-
6 Vorschläge bzw. Elemente für einzelne Unterrichtssequenzen
(Zur
Beachtung: Manche Browser können die folgenden im Original
verwendeten Symbole nicht darstellen).
¯=
Hören $=
Sehen !=
Schreiben &=
Lesen –=
Sprechen
¯ + $Wahrnehmungsreduktion
(nur hören oder sehen)
–
Freie Kommentare zu Musikstücken und Bildern (Assoziationen äußern)
$ + !Bildbeschreibung
Material:
Bildausschnitt des Gemäldes von Carolsfeld
$ + !
Bildvergleich und Bildbetrachtung
!Text-Vergleich
(Original-Parodie, Original-Übersetzung)
¯Vergleich
der Musikstücke (Original-Transkription)
–Empathietraining
!Perspektivenwechsel
Material:
Bilder von Carolsfeld und Schwind, Goethe-Ballade, Parodie, Übersetzungstext,
Transkription von Franz Liszt, Schubert-Vertonung
&
Totales Lesen
&
Selegierendes Lesen
Material:
Parodien-Texte, Übersetzungs-Texte
–
Fachsprachliches zu den Texten, den Vertonungen und Bildern (Definieren,
Analysieren, Interpretieren)
¯ +$
+! +&
+–Textsorten
Material:
Bilder von Carolsfeld und Schwind, Goethe-Ballade, Parodie, Übersetzungstext,
Transkription von Franz Liszt, Schubert-Vertonung
-6-
6.1 Assoziation
¯
Anhören der "Erlkönig"-Transkription (Klavier oder Violine)
Welche
Assoziationen entstehen beim Hören von Musik?
Klassische
Musik kann eine Fülle von unterschiedlichen Reaktionen beim Hörer
auslösen und zu einem faszinierenden Austausch von Ideen führen.
Die Übungsform, durch WAHRNEHMUNGS-REDUKTION (nur ein bestimmter Sinn
wird gefordert) Musik, Texte oder Bilder—auch aus dem Gedächtnis—zu
beschreiben, indem man sich nur auf das Hören konzentriert oder nach
eingehendem "Sehen" die Augen schließt, kommt hier zum Einsatz.
In
der unmittelbar anschließenden Gesprächsrunde sollen die StudentInnen
über ihre Eindrücke, Gefühle sowie Gedanken erzählen,
die die Übung begleiten. Bei einem solchen Gespräch in der Runde
wird jedem Teilnehmer der Wert der eigenen Äußerung bewusst,
ihre Individualität und ihre Abhängigkeit von der jeweiligen
(Gemüts-) Stimmung. Die Möglichkeit, sich in dieser Art auszudrücken,
sich dabei auch selbst besser kennen zu lernen, Entdeckungen zu machen,
zeigt eine besondere Dimension ästhetischen Tuns, jenseits bewertungsgebundener
und kriterienkontrollierter Aufgabenlösung. Von ihrer positiven Auswirkung
auf den weiteren Unterricht schließen wir aus eigener Erfahrung.
Beim
eventuellen zweiten Hören könnten Rhythmus, Tempo, Melodieführung
bzw. Klangfarben und inhaltliche Assoziationen bewusst wahrgenommen und
versprachlicht werden, wie zum Beispiel nebliges Grau, nächtliches
Schwarz, beruhigendes Blau, etc. - Dämmerung, einbrechende Nacht,
...
In
der Diskussion in Kleingruppen stellen die Teilnehmer Assoziationen zu
dem angenommenen Hintergrund an und entwickeln Vermutungen über die
Entstehungszeit. Es kommt nicht auf eine eindeutige Lösung an, vielmehr
ist es wichtig, dass die Studenten individuell und spontan ihre Stellungnahmen
abgeben. Die gewonnenen Eindrücke werden gesammelt und miteinander
verglichen; ein Titel wird gesucht, der die gemeinsamen Wahrnehmungen zusammenfasst.
Der
Aufgabentyp FREIE KOMMENTARE ZU MUSIKSTÜCKEN und –BILDERN—Wahrnehmungen,
Assoziationen und Gedanken zu äußern—verdeutlicht dies den Lernenden.
Die freie Assoziation wird nicht nur, wie üblich, genutzt, um Wortschatzarbeit
zu betreiben. Ein wesentlicher Teil der Aufgabe ist ein kurzes Gespräch
über die Art der Kommentare: Warum habe ich gerade dies wahrgenommen
oder gesagt?
6.2 Beschreibung
Bildausschnitt des Carolsfeld-Gemäldes präsentieren
Beim
ersten Schritt der BILDBESCHREIBUNG geht es darum, möglichst detailgetreu
diesen Bildausschnitt mit den drei Hauptgestalten zu beschreiben, ohne
zu interpretieren oder zu werten. Wenn ein Bild wie ein Gegenstand sachlich
beschrieben wird, so spricht man von einer zweckgebundenen Bildbeschreibung.
Das Äußere eines Bildes wird registriert: Art und Größe,
Inhalt, Personen, Material, Rahmen etc. Diese Art der Beschreibung dient
zur Identifizierung des Bildes.
-7-
6.3 Vergleich: "Galerie im Seminarraum"
In
weiterer Folge werden die Studenten mit den verschiedenen Methoden der
Bildidentifizierung vertraut gemacht, wie Bildbeschreibung, Bildbetrachtung
und Bilddeutung. Gleichzeitig soll das Empathievermögen durch Anwendung
des Perspektivenwechsels trainiert werden.
Wenn
die Bilder (von Carolsfeld und Schwind) an der Wand hängen, so ist
der Gesprächsanlass geliefert und es wächst die Bereitschaft
der Studenten zu sprachlichem Kommentar. Sinn macht also ein eigenständiger
Text zu den Bildern, der den Studierenden ermöglicht, ihre individuellen
Reflexionen zu formulieren. Diese Art der Bildbeschreibung wird als Bildbetrachtung
bezeichnet und somit zum Zwiegespräch zwischen dem Bild und dem Betrachter.
Das Bild wirkt auf den Beschauer ein, und dieser schildert diesen Eindruck
als Erlebnis. Dies ist von der persönlichen Einstellung des Betrachters
abhängig, da sie die emotionale Ebene anspricht.
¯Vergleich
der Original-Vertonung mit der Transkription (Klavier oder Violine)
In
dieser Übung sollen die Studenten eine Tabelle erstellen, in der sowohl
die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede beider Instrumental-Stücke
aufgelistet sind. Als weitere speziell musikalische Vergleichsübung
(nur für Musikwissenschaftler) wäre eine Übung denkbar,
wobei einzelne Notenzeilen einem bestimmten Abschnitt der gehörten
Kompositionen zuzuordnen sind.
!
ein Vergleich verschiedener Textsorten (hier Herder-Fassung - slowakische
Übersetzung – Parodie)
Bei
dieser Aufgabe soll herausgefunden werden, ob und welche Information all
diese Texte beinhalten und inwiefern sie sich darin gleichen oder unterscheiden.
Diese
Übung, die eine relativ gute Leseleistung voraussetzt, zielt auf die
Bewusstmachung stilistischer Eigentümlichkeiten der zu vergleichenden
Texte und deren sprachlicher Mittel.
–
Empathie und Perspektivenwechsel
Um
die geforderte Sprechfähigkeit zu fördern, können einerseits
das Empathietraining, andererseits der Perspektivenwechsel geübt werden.
Bei Ersterem geht es darum, mittels der geforderten Sprechfähigkeit,
sich in die mögliche Situation eines anderen hinein zu versetzen,
Erklärungen aus der Situation heraus und positive Gründe für
eigenartig erscheinendes Verhalten zu suchen.
Der
Perspektivenwechsel trainiert sowohl die Fertigkeit, Geschichten aus der
Perspektive verschiedener Personen bzw. Figuren zu erzählen, die innerhalb
der Geschichte eine Rolle spielen oder spielen könnten, als auch die
Fähigkeit, auf Faktoren zu achten, die aus anderer Sicht bedeutsam
sein könnten, also das Empathievermögen. Hierzu eignen sich literarische
Texte sowie Kunstbilder sehr gut. Mit ein wenig Phantasie kann man aus
der Perspektive von ... blicken.
Diese
Unterrichtssequenz könnte mit der Verbindung bzw. Kombination "einführende
Musik - vorgegebenes Bild - eigenständiger Text" abschließen.
-8-
6.4 Lesestile
Um
mit dem Originaltext vertraut zu werden, können verschiedene Lesestile
zur Anwendung kommen. Aus diesem Grund schlagen wir einige Übungen
zum totalen Lesen vor. Dafür geeignet sind beispielsweise:
-
die
Rekonstruktion eines Textes. Die einzelnen Sätze bzw. Satzteile
eines Textes sind durcheinander gebracht und müssen so geordnet werden,
dass sich ein sinnvoller Text ergibt. Der Text, der zu Grunde liegt, muss
kurz sein und einen klar ersichtlichen Anfang haben. Das Angeben einer
Überschrift und die optische Kennzeichnung derselben erleichtern die
Aufgabe und somit das Verständnis. Bei der Diskussion abweichender
Lösungen können sich sehr diffizile und differenzierte Sprachleistungen
ergeben.
-
das
Einteilen eines ungegliederten Textes in Abschnitte. Sie ist eine der
wichtigsten rezeptiven Übungen zur Bewusstmachung von Textstrukturierung
und Textbauplänen. Bei der Einteilung des zu behandelnden Textes in
Abschnitte gibt es in der Regel mehrere Kriterien: Es sollen entweder die
Anzahl der zu bildenden Abschnitte (hier Strophenanzahl) oder das Einteilungskriterium
nach Sprechern, Figuren etc. genannt werden.
-
das
Vervollständigen des Textes. Hier geht es um eine produktive Kontrolle
der sowohl gemeinsprachlichen als auch fachsprachlichen geforderten lexikalischen
Einheiten, um festzustellen, ob diese aktivierbar und verfügbar sind.
-
das
Notieren von Stichpunkten. Diese Übung ist im Grunde eine Exzerpierübung.
Damit ist sie auch einzusetzen, wenn es um die Erarbeitung von Arbeitsstrategien
geht. Sie macht außerdem deutlich, dass die optische Strukturierung
von Information eine Gestaltungshilfe für die Textproduktion und das
Behalten der Textinformation sein kann.
Für
den Lesestil selegierendes Lesen sind vor allem produktive Übungen
mit Fragen zum Text geeignet, da sie die Aufmerksamkeit sehr stark filtern
und das Textverständnis überprüfen. Sie sollten immer mit
Hilfe des Textes beantwortbar sein, d. h. nicht allgemeine Wissensfragen
oder Fragen nach Begriffen beinhalten, zu deren Beantwortung der Text keine
Hilfen bietet.
6.5 Interpretation
Der
Begriff der Interpretation wird definiert als
"aus
dem Lateinischen stammend mit der Bedeutung Auslegung, Erklärung.
In den verschiedenen Fächern gibt es jeweils unterschiedliche, aber
klar festgelegte Verfahren und einen Stellenwert der Interpretation als
Deutung von durch Analyse oder Datensammlung und -untersuchung gewonnenem
Material.
In
der Literaturwissenschaft werden literarische und poetische Texte interpretiert,
in der Kunstwissenschaft Kunstwerke. In der Darstellenden Kunst spricht
man von Interpretationen bei der Aufführung musikalischer Werke oder
bei Theaterinszenierungen als der jeweils mehr oder weniger persönlichen
Deutung bzw. Auslegung des betreffenden Musikstückes und der darauf
beruhenden Wiedergabe, in der Geschichtswissenschaft werden Dokumente und
Urkunden sowie Abfolgen von Geschehnissen interpretiert."
[12]
Im
Mittelpunkt dieses letzten Teiles steht die Vertonung durch Franz Schubert
und die beiden Instrumental-Transkriptionen (Klavier und Violine) sowie
die beiden Gemälde von Ludwig Schnorr von Carolsfeld und Moritz von
Schwind.
-9-
Bei
der
Bilddeutung, dem dritten Schritt einer Bildbeschreibung, versucht
der Betrachter, das Bild als Kunstwerk zu erfassen und zu deuten, zu interpretieren.
Aus Bildinhalt und Bildkomposition ergibt sich der Sinn des Bildes, das
"Sinnbild". Die Begegnung mit dem Bild wird dem Betrachter zur Begegnung
mit dem Maler. Der Betrachter versucht, den Maler und seine Botschaft,
die er dem Bild mitgegeben hat, zu verstehen. Ein solcher Deutungsversuch
kann wissenschaftlich oder erlebnismäßig durchgeführt werden.
Im
literaturwissenschaftlichen Sinn beginnt eine Interpretation mit dem Lesen
des ausgewählten Textes. Als Interpretationseinstieg gibt es ebenfalls
viele Möglichkeiten: Man kann von besonderen Worten und Bildern ausgehen,
von vorherrschenden Charakteren, von Perspektiven, Widersprüchen,
literarischen Motiven, vom spezifischen Milieu, von der Erzählstruktur
oder aber vom sozialen und historischen Kontext.
Gemäß
dem Lernziel sollen sich die Studenten einerseits mit den Begriffen Ballade,
Lied, Parodie und Transkription beschäftigen. Für
die Historiker, Kunsthistoriker und Ästhetiker gilt es, den beispielsweise
historischen, kunsthistorischen und ästhetischen Hintergrund der einzelnen
Werke (Goethe-Ballade/1782, Schubert-Vertonung/1816, Schwind-Bild 1843/44,
Carolsfeld-Gemälde 1830-35) zu untersuchen.
Hinsichtlich
der Textsorten sollen die Studenten der Kunstgeschichte mit dem fremdsprachlichen
Fachwortschatz, der zum Thema Bildbeschreibung (Bildbeschreibung
- Bildbetrachtung - Bilddeutung) zu beherrschen ist, vertraut gemacht werden.
Die
Gruppe der Musikwissenschaftler beschäftigt sich mit den verschiedenen
Kompositionstypen Lied - Ballade - Transkription.
Dieses
klassische Thema verlangt letztendlich, unserem interdisziplinär ausgerichteten
Unterrichtskonzept entsprechend, nach unterschiedlichen, fachspezifischen
(existenzialistisch, sozialpsychologisch, naturmagisch etc.) Deutungen, [13]
die sich von der üblichen literaturwissenschaftlichen Interpretation
abheben.
7 Schluss
All
diese punktuellen Überlegungen stellen kein vollständiges Unterrichtskonzept
oder gar eine präfabrizierte Unterrichtsanleitung dar, da es den zeitlichen
Rahmen einer 90-minütigen Unterrichtseinheit sprengen würde.
Sie wollen nur Anregungen und Hinweise sein bzw. Denkanstöße
vermitteln, wie man einen klassischen Text, von dem zahlreiche fruchtbare
Impulse ausgehen, multi- bzw. interdisziplinär sprachdidaktisch "bearbeiten"
kann.
Die
oftmals unterschätzte Kreativität, Phantasie und Begeisterung
der Lernenden, mit der sie an dieser Unterrichtsform teilgenommen haben,
hat uns ermutigt, weiter so offen und experimentierfreudig an die Aufgabe,
eine Sprache und deren Kultur näher zu bringen, heranzugehen.
-10-
8 Quellenangaben
ORIGINALTEXT
Goethe,
Johann Wolfgang von. (1981). Erlkönig. In Werke 1. Frankfurt/M.-Leipzig:
Insel. (S. 111f).
ÜBERSETZUNG
Herder,
Johann Gottfried. (1779). Erlkönigs Tochter. In Freitag, Christian.
(1986). Ballade. Bamberg: C.C. Buchner. (S. 128f). Zitiert nach
Volkslieder.
Teil II nach Kiämpe Viiser. (1739 dänisch)
Slowakische
Übersetzung der Goethe-Ballade von Ján Kostra mit dem Titel
"Král tmy".
PARODIEN
sind
im Internet zu finden unter http://www.privat.stephan.manske-net.de/lyrik/erlkg.html.
Beispiele: u. a. Der "Eisenbahner"-Erlkönig", Der "Anwalts"-Erlkönig,
Der Erlkönig (EDV-Version), Der Erlkönig in Weiß (Krankenhaus).
CD
- Otto (Walkes): König Erl, Text von Heinz Erhard.
MUSIK
CD
- Franz Liszt: Erlkönig, Schubert-Lieder-Transkriptionen, Klavierwerke,
Bd. 2; Ausführender: Jorge Bolet, Klavier.
CD
- Franz List: Erlkönig, Transkription für Klavier, Schubert -
Liszt, Duos & Transcriptions, Ausführender: Oleg Maisenberg, Klavier.
Heinrich
Wilhelm Ernst: Der Erlkönig, Grand Caprice op. 26, Transkription für
Solo-Violine, Schubert - Liszt, Duos & Transcriptions, Ausführender:
Gidon Kremer.
CD
- Franz Schubert: Erlkönig, Lieder; Ausführende: Dietrich Fischer-Dieskau,
Bariton; Gerald Moore, Klavier.
BILD
Moritz
von Schwind: Elfentanz im Erlenhain (1843/44), Frankfurt/Main, Städelsches
Kunstinstitut.
Ludwig
Schnorr von Carolsfeld: Erlkönig (1830-35), München, Schack-Galerie.
-11-
9 Anmerkungen
[1]
Huber, Gabriele & Kanichová, Renáta (1999-2000). Interdisziplinarität
im fachbezogenen Fremdsprachenunterricht. In Cizí jazyky,
43 (3), 98-100.
[2]
Huber, Gabriele & Kanichová, Renáta (1999). Zarathustra—ein interdisziplinäres Thema im universitären fachbezogenen
Fremdsprachenunterricht. In Deutsche Sprache, 27 (4), 379-384.
[3]
Unter MEDIUM verstehen wir nicht nur das Unterrichtshilfsmittel, das der
Weitergabe von Informationen und Bildung dient (Buch, Tonband), sondern
auch den technischen Apparat, der für die Vermittlung von Informationen
und Kulturgütern verwendet wird (optisch: Bilder, Film, Fernsehen,
akustisch: Schallplatten, Tonband, Rundfunk) und natürlich als übertragbares
Element, wodurch Gedanken mittels Sprache, Musik oder anderer „Sprachen“
ausgedrückt werden.
[4]
Davon zeugen die bei internationalen Kongressen der letzten Jahre z. T.
pleonastisch gebildeten Begriffe wie z. B. Interkulturalität, interkulturelle
Kompetenz bis hin zur Sektion interkulturelle Linguistik.
[5]
Globalisierung, hier im Sinne von Entgrenzung, schwindende Bedeutung der
nationalen Grenzen. Was dies für das Wissen und Bildungssystem bedeutet,
untersuchte E. Poglia in seiner Studie "Globalisation: terrain miné
ou terrain fertile pour l’éducation?" In
Carton, M. & Hanart, S. & Pérez, S. & Poglia, E. &
Terrier, J. (Hrsg.). (1999).
Globalisation
économique et systèmes de formation en Suisse,
Cahiers
de la Section des l’éducation, 90, 25-45.
[6]
Durch die Migrationsbewegungen werden viele Gesellschaften in Europa geprägt.
Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Horizonten und sprachlichen
Repertoires leben auf engstem Raum zusammen. Daraus ergibt sich, dass die
soziokulturelle und sprachliche Vielfalt sich auch in den Bildungsinstitutionen
bemerkbar macht.
[7]
Die territoriale und sprachliche Mobilität wird in der beruflichen
und persönlichen Biografie vieler Menschen zur Realität. Sie
haben sich mit internationalen Beziehungen, vielfältigen kulturellen
Einflüssen und mit der Öffnung gegenüber Europa und der
Welt auseinander zu setzen. Spezifische sprachliche und kulturelle Kompetenzen
sind in der internationalen Arbeitswelt gefragt. In Alleman-Ghionda, Cristina
(1999). Schule, Bildung und Pluralität—sechs Fallstudien im europäischen
Vergleich. Bern: Lang, 1ff.
[8]
Details sind nachzulesen in: Knapp-Potthoff, Annelie & Liedke, Martina.
(Hrsg.) (1997). Aspekte interkultureller Kommunikationsfähigkeit.
München: iudicium, Reihe interkulturelle Kommunikationsfähigkeit
(RiK), 3. Gehring, Wolfgang & Stiersdorfer, Klaus & Volkmann, Laurenz.
(Hrsg.) (2001). Interkulturelle Kompetenz. Konzepte und Praxis des Unterrichts.
Tübingen: Gunter Narr; Roche, Jörg. (2001). Interkulturelle
Sprachdidaktik—eine Einführung. Tübingen: Gunter Narr.
[9]
In Ide Hintze, Christian & Travner, Dagmar. (Hrsg.). (1993). Über
die Lehr- und Lernbarkeit von Literatur. Wien: Passagenverlag. (S.
30).
[11]
In Moritz, Karl. (1972). Deutsche Balladen. Analysen für den Deutschunterricht.
Paderborn (S. 36).
[12]
Bitterlich, Axel & Bünting, Karl-Dieter & Pospiech, Ulrike.
(1996) Schreiben im Studium. Berlin (S. 192).
[13]
In Söllinger, Peter & Söllinger-Letzbor, Rotraud & Sokolicek,
Ferdinand. (1997). Literatur unterrichten. Wien: Literas. (S. 65
ff). Die sozialpsychologische Bedeutung wird vertreten durch Winfried Freund
(1978). In Die deutsche Ballade. Theorie, Analysen, Didaktik. Paderborn.
Die existenzialistische Deutung offeriert Richard Alewyn (1974) in seinem
Beitrag „Erlkönig als Beispiel der Angst in der Literatur“. In Gladiator,
Klaus u.a. (Hrsg.) (1974). Zum Thema Angst. Reihe Arbeitshilfen
zur Texterschließung. München. (S 36f). Erich Trunz (1958) ist
der Hauptverfechter der naturmagischen Deutung. In Goethe. Werke 1.
Hamburg.
Copyright ©
2004 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht
Huber, Gabriele und Renáta Kanichová. (2004).
Goethe gibt den Ton an ... Eine Ballade und ihre Folgen. Zeitschrift für
Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online], 9 (3), 11 pp.
Available: http://www.ualberta.ca/~german/ejournal/Huber3.htm
|
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