Selbstgesteuertes
Lernen mit Neuen Medien im Fremdsprachenunterricht: Eine
Bestandsaufnahme
Torben Schmidt
1
Selbstgesteuertes Lernen – Allgemeine Relevanz
In der englischsprachigen Literatur wird der
Begriff des self-directed learning bereits
seit mehr als 30 Jahren diskutiert (vgl. Breuer 2001: 87; Dohmen 1999: 44), und
kaum ein zweites Thema beherrscht heutzutage den Diskurs in der Pädagogik so
stark wie diese Form des Lernens (vgl. Dietrich 2000: 1). Dabei herrscht unter
Pädagogen, Psychologen, Bildungspolitikern und Wirtschaftsexperten ungekannte
Einigkeit darüber, dass diese neue „Lernkultur die Lernform der Zukunft“
(Dietrich 2000: 1) werden muss. Friedrich (2002: 2) weist insbesondere im
Hinblick auf die in vielen beruflichen Bereichen durch gesellschaftliche,
wissenschaftliche und technische Veränderungen herbeigeführte Wissensexplosion
und die damit verbundene rasche Veraltung relevanten Wissens darauf hin, dass
es eine wichtige Aufgabe von Schulen und Weiterbildungseinrichtungen sei, den
Lernenden die für das selbstgesteuerte Lernen notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten
zu vermitteln und sie so für das von Bildungsinstitutionen unabhängige,
lebenslange Lernen adäquat vorzubereiten. Thissen (1999: 1) macht in diesem
Zusammenhang darauf aufmerksam, dass in der heutigen „hochtechnisierten Informations-
und Wissensgesellschaft (…) die Bereitschaft und Fähigkeit, sich ständig mit
neuen Aufgaben und Verantwortlichkeiten auseinander zu setzen“ und sich
permanent eigenverantwortlich neues Wissen anzueignen, unverzichtbar geworden
sei.
Auch
die Entwicklungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien
seit Mitte der Achtziger haben der Diskussion um selbstgesteuertes Lernen
großen Auftrieb verliehen (vgl. Friedrich 2002: 2; Bertelsmann Stiftung, Heinz
Nixdorf Stiftung, 2000). Stadelhofer & Marquard (1999: 13) ist der
Überzeugung, dass in den neuen Technologien große Möglichkeiten für das selbstgesteuerte
Lernen liegen. Insbesondere die „Unabhängigkeit des Lernenden von Zeit und
Raum“, der interaktive Umgang mit Lernmaterialien, die Möglichkeit der
Steuerung des Lernprozesses durch das „selbstbestimmte Vorgehen mit dem
Lernstoff“, der „leichtere, schnellere und kostengünstigere Zugang zu Informationen“
und die „Möglichkeit zur weltweiten Kommunikation“ mit Lernpartnern und Lernberatern
werden von Stadelhofer & Marquard (1999: 13) hervorgehoben.
Das große Interesse am selbstgesteuerten Lernen ist
außerdem „auch eine Folge des Perspektivenwechsels vom Lehren zum Lernen (…)
innerhalb der Pädagogik und der Pädagogischen Psychologie“, durch den verstärkt
die „aktive, konstruktive“, vom Lehrerverhalten und von Unterrichtsbedingungen
unabhängigere „Rolle des Individuums beim Lernen hervorgehoben wird“ (Friedrich
2002: 2; Shuell 1988: 285). Außerdem weist Friedrich (2002: 2) darauf hin,
dass in westlichen Industriegesellschaften durch die verstärkte Fokussierung
auf das außerschulische, von Institutionen unabhängige Lernen von Erwachsenen
das Interesse am selbstgesteuerten Lernen geweckt wurde.
-2-
Zusammenfassend kann man festhalten, dass die
bereits seit mehr als 30 Jahren geführte Debatte um das selbstgesteuerte Lernen
in der heutigen Zeit basierend auf äußeren Faktoren wie der Wissensexplosion
und Wissensveraltung, den rasanten Entwicklungen der Informations- und Kommunikationstechnologien
und einem wissenschaftsinternen Perspektivenwechsel, der die konstruktive
Rolle des Lernenden beim Wissenserwerb hervorhebt, heutzutage energischer denn
je geführt wird. Die Anforderungen an den Menschen sind in westlichen
Industrienationen stark gestiegen (vgl. Breuer 2001: 87; Konrad und Traub
1999), und das selbstgesteuerte Lernen als „Schlüsselkompetenz für das 3.
Jahrtausend“ (Thissen 1999: 1) scheint ein geeignetes Mittel, den gestiegenen
Anforderungen gerecht zu werden. Friedrich (2002: 3) macht darauf aufmerksam,
dass der Druck von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft auf die
allgemeinbildenden Schulen, „sich für selbstgesteuertes Lernen zu öffnen“,
sehr groß geworden sei. Im Gegensatz zu den klaren theoretischen Forderungen
setzt sich in der Praxis die Idee des selbstgesteuerten Lernens offensichtlich
nicht so reibungslos um: „Es herrscht eher Verwirrung: Was ist eigentlich das
Neue, wie soll es finanziert werden, geht es um das Ende der institutionellen
Weiterbildung“ (Dietrich 2000: 1)?
Es gilt nun also zu klären, was unter dem Begriff
des selbstgesteuerten Lernens zu verstehen ist, welche Anforderungen diese
Lernform an den Lernenden stellt, welche Konsequenzen sich für den Schulunterricht
ergeben und welche Rolle die Neuen Medien im Allgemeinen und ein multimediales
Lern- und Übungsprogramm im Speziellen in Phasen des selbstgesteuerten Lernens
im Fremdsprachenunterricht spielen können.
2
Selbstgesteuertes vs. autonomes Lernen – Begriffsbestimmungen
Die verschiedenen Konzepte und Begriffsbestimmungen
zum selbstgesteuerten Lernen in der Literatur unterscheiden sich zum Teil
erheblich voneinander (vgl. Breuer 2001: 87; Weinert 1982: 99). Der Begriff
ist „weder präzise wissenschaftlich definiert noch wird er in der Alltagssprache
einheitlich gebraucht“ (Noß & Achtenhagen 2000: 235). Zudem werden
insbesondere die Begriffe des „autonomen Lernens“ und „selbstgesteuerten Lernens“
häufig synonym verwendet (vgl. Lahaie 1995: 16, 22; Breuer 2001: 88), obwohl
selbstgesteuerte Lernprozesse sicherlich nicht immer als autonom zu bezeichnen
sind. Es soll in diesem Abschnitt somit erläutert werden, was unter dem Begriff
des selbstgesteuerten Lernens zu verstehen ist und was diese Lernform vom
autonomen Lernen unterscheidet.
Einigkeit besteht zunächst darin, dass es sich beim
selbstgesteuerten Lernen um eine komplexe und facettenreiche Form des Lernens
handelt, bei welcher „der Handelnde die wesentlichen Entscheidungen, ob, was,
wann, wie und woraufhin er lernt, gravierend und folgenreich beeinflussen kann“
(Weinert 1982: 102). Dies bedeutet mit anderen Worten, dass der Lernende die
„Entscheidungen über Lernziele, Lernstrategien, Lernort, Lernzeit, Lernhilfen
(…) Lernkontrolle“ (Breuer 2001: 88) und vor allem auch Lerninhalte maßgeblich
beeinflussen und steuern kann. Allerdings darf das hohe Maß an Selbststeuerung
des eigenen Lernprozesses nicht mit einem vollständigen Fehlen von
Fremdsteuerung, die sich insbesondere in der Vorgabe von Lernzielen, Methoden,
Lernwegen oder Ressourcen äußern kann, gleichgesetzt werden
(Reinmamm-Rothmeier & Mandl 1995: 65; Noß & Achtenhagen 2000: 235;
Konrad & Traub 1999). Tough (1989: 433) macht im Zusammenhang damit darauf
aufmerksam, dass „extreme Formen der Selbst- bzw. Fremdsteuerung beim Lernen
(…) zudem auch nicht sehr effektiv“ seien. Vielmehr ist seiner Meinung nach bei
selbstgesteuerten Lernprozessen die gezielte Betreuung durch Lehrpersonen eine
wichtige und unverzichtbare Komponente, die den Erfolg dieser Lernform deutlich
erhöhen kann, denn „jeder absichtsvoll in Gang gesetzte Lernprozess ist angewiesen
sowohl auf Eigenaktivitäten der Lernenden wie auf didaktisches Handeln
anderer“ (Friedrich 2002: 4). Die Nutzung einer Lehrperson als inhaltliche und
didaktische Kompetenz ist somit als ein wichtiger Bestandteil selbstgesteuerten
Lernens anzusehen. Hierin liegt der größte Unterschied zum „autonomen Lernen“,
denn von Autonomie kann nur gesprochen werden, wenn der Lernende stets die
Planung, die Auswahl der Lernmaterialien und die Durchführung des
Lernprozesses selbstständig und eigenverantwortlich, vollständig unabhängig
von Institutionen und Lehrpersonen übernimmt:
-3-
This
term [learner autonomy] describes the situation in which the learner is totally
responsible for all the decisions concerned with his learning and the
implementation of these decisions. In full autonomy there is no involvement of
a teacher or an institution. And the learner is also independent of specially
prepared material (Dickinson 1987: 11).
Beim autonomen Lernen steht demnach der Lernende
als Wissenssammler und -verarbeiter im Mittelpunkt (vgl. Weskamp 1999). Autonom
ist er, sofern er sich selbst Ziele setzen und Materialien zur Arbeit
heraussuchen kann, sowie Methoden, Strategien und Techniken zu deren
Bearbeitung sowie zur Selbstevaluation zur Verfügung hat. Holec (1987: 147) beschreibt
den autonomen Lerner als jemanden, der in der Lage ist, die Rolle des Managers
seines eigenen Lernens zu übernehmen: „Sie [die Lernenden] wissen, wie alle
anliegenden Entscheidungen zu treffen sind. In anderen Worten: sie wissen, wie
man lernt.“ Gängige Vorstellungen von Lernerautonomie basieren auf einem
Verständnis des Lernenden als Prototyp des idealen Informationsverarbeiters,
einem mentalen Individuum, dem die Aufgabe obliegt, möglichst eigenständig und
unabhängig von Bildungsinstitutionen die eigene Wissensaneignung zu
optimieren. Die Entwicklung von Lernerautonomie wird oftmals als eines der bedeutsamsten
Bildungsziele angesehen (vgl. Little 1991 zitiert nach Wolff 1999; Little
1999). Bildungseinrichtungen haben demnach die Aufgabe, Lernende zum autonomen
Lernen zu befähigen.
Selbstgesteuertes Lernen, ein Begriff, der im
Gegensatz zum autonomen Lernen weniger auf übergeordnete Bildungsziele bezogen
ist, sondern eher den konkreten Lernprozess beschreibt, ist keineswegs als
Lernform zu verstehen, bei dem der einzelne Lernende sich isoliert, unabhängig
von Bildungsinstitutionen einen bestimmten Wissensstoff aneignet, „obwohl es in
einer Extremform so auftreten kann“ (vgl. Breuer 2001: 90). Selbstgesteuertes
Lernen kann vielmehr auch ein Bestandteil des Unterrichts in Schulen,
Universitäten und Weiterbildungseinrichtungen sein (vgl. Noß & Achtenhagen
2000: 5; Weinert 1982: 103; Tilch & Biel 1998). So können sich
beispielsweise auch Gruppenarbeitsphasen in Schulen durch ein hohes Maß an
Selbststeuerung und Selbstorganisation auszeichnen. Damit diese Form des
Lernens stattfinden kann, müssen stets zunächst die nötigen Handlungsspielräume
geschaffen werden. Allerdings warnt Friedrich (2002: 4) vor dem Trugschluss,
dass das Schaffen von Handlungsspielräumen im Unterricht automatisch zu
selbstgesteuertem Lernen führt. Vielmehr „müssen bei den Lernenden u. U. erst
die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, mit den neu entstanden
Spielräumen umzugehen“ (Friedrich 2002: 4). „Pädagogische Profis“ in den Phasen
selbstgesteuerten Lernens sind, wie bereits zuvor erwähnt wurde, hierbei
keineswegs überflüssig (vgl. Friedrich 2002: 4). Allerdings ändert sich die
Lehrerrolle vom reinen Wissensvermittler zum Lernhelfer, Lernorganisator,
Lernberater und Anreger von Lernprozessen (vgl. Schütz & Wessel 2002: 5),
der den Lernern seine „Medien-, Methoden- und Sozialkompetenz“ bei Bedarf zur Verfügung stellt.
-4-
Noß & Achtenhagen (2000: 235) erklären im
Hinblick auf selbstgesteuerte Lernprozesse, dass ihre Effizienz von fünf
Komponenten der Lernsituation abhängt:
1. der zur freien Wahl
gestellten Lernvariablen 2. der darin enthaltenen Optionen 3. der Prozesselemente
des Lernens, für die die Optionen Relevanz besitzen 4.
der Fähigkeit des Lerners, damit effektiv umzugehen und 5. Hilfen, die er in
Anspruch nehmen kann.
Die „komplexe Interaktion zwischen Lernenden und
Lernumwelt“ ist folglich von großer Bedeutung (vgl. Noß & Achtenhagen
2000: 235; Kleinschroth 1996: 29) für selbstgesteuertes Lernen. Sowohl interne
Faktoren wie das Verfügen über die nötigen kognitiven Fähigkeiten, Arbeits-
und Problemlösestrategien, als auch externe Faktoren, wie das Vorhandensein
ausreichend großer Chancen und Möglichkeiten in der Lernumgebung, zählen zu
den Bedingungen des selbstgesteuerten Lernens (vgl. Breuer 2000: 89; Konrad und
Traub 1999).
3
Komponenten selbstgesteuerten Lernens
Selbstgesteuertes Lernen wurde bereits zuvor als
sehr vielschichtige Lernform beschrieben, die sich durch die komplexe
Interaktion des Lernenden mit seiner Lernumwelt auszeichnet und die „die ganze
Person fordert“ (Friedrich 2002: 5). Insgesamt lassen sich nach Friedrich
(2002: 5) vier Hauptkomponenten des selbstgesteuerten Lernens definieren: Methodenkompetenz,
Motivation, soziale Interaktion und Ressourcennutzung. Diese Komponenten sollen
nun kurz vorgestellt werden.
3.1
Methodenkompetenz
Zunächst muss der Lernende über bestimmte kognitive
Strategien des Wissenserwerbs und der Wissensnutzung verfügen, die ihm das
Lernen neuer Informationen erst ermöglichen (vgl. Breuer 2000: 89; Friedrich
2002: 5; Stadelhofer & Marquard 1998: 13). Zu den „nützlichsten“ dieser kognitiven
Strategien, die unter dem Begriff der Methodenkompetenz zu führen sind, zählt
Friedrich (1995) erstens Enkodierungsstrategien, die dazu beitragen, neue
Informationen dauerhaft zu speichern, zweitens Erhaltungsstrategien, die
verhindern, dass das Gelernte im Gedächtnis verblasst, drittens
Abrufstrategien, viertens Wissensnutzungsstrategien und fünftens
Kontrollstrategien, die zur Planung und Regulation des Lernprozesses dienen.
Zu ergänzen ist diese Aufzählung noch um den Bereich der Medienkompetenz, also
die Fähigkeit des Lernenden, mediale Angebote verschiedener Art (traditionelle
und digitale Medien) einschätzen und sinnvoll in den Lernprozess integrieren zu
können. Auf den Aspekt der Medienkompetenz – hierbei dann speziell auf den
Umgang mit den Neuen Medien bezogen – soll in Abschnitt 5 gezielt eingegangen
werden.
-5-
3.2 Motivation
Damit die zuvor erwähnten kognitiven Strategien bei
Bedarf aktiviert werden, ist vor allem eine ausreichende Motivation vonnöten
(vgl. Mietzel 1998: 325; Dichanz 2002). „Wichtige motivationale lernerseitige
Voraussetzungen für selbstgesteuertes Lernen sind intrinsische Motivation,
positive lernbezogene Selbstwirksamkeitsüberzeugungen und volitionale
Strategien“ (Friedrich 2002: 6). Im Falle einer intrinsischen Motivation bieten
bestimmte Inhalte aus sich heraus genügend Anreize
zum Lernen. Es liegt also beispielsweise Neugier, Spaß oder Interesse am
Lernstoff vor, und der Lernprozess muss nicht ständig und ausschließlich durch
äußerliche Belohnungen wie Lob oder gute Noten, also eine extrinsische
Motivation, vorangetrieben werden (vgl. Mietzel 1998: 326). Bei lernerbezogenen
Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, der nächsten motivationalen Voraussetzung für
selbstgesteuertes Lernen, geht es vor allem darum, dass der Lerner eigene
Kontrollmöglichkeiten und eigene Kompetenzen wahrnimmt (vgl. Mietzel 1998: 345,
Friedrich 2002: 6). Der Begriff der volitionalen Strategien beschreibt
schließlich Willensstrategien, die den Lernenden darin unterstützen, „einmal
gefaßte Absichten und Lernziele beizubehalten und gegen konkurrierende
Handlungstendenzen zu schützen“ (Friedrich 2002: 6). Es geht hierbei also
darum, wie beharrlich der Lernende ein gestecktes Ziel zu verfolgen vermag.
Alle genannten Motivationskomponenten sind eng miteinander verknüpft und
bedingen sich gegenseitig. Die Förderung der verschiedenen für das selbstgesteuerte
Lernen bedeutsamen motivationalen Voraussetzungen in einem schulischen Rahmen
ist mitunter sehr schwierig und hängt von vielfältigen Faktoren ab, so insbesondere
der Lernumgebung, der Mitbestimmung bei der Auswahl der Lerninhalte, den Aufgabenstellungen,
den gewährten Freiheitsgraden, der Angstfreiheit und vor allem auch den Formen
der Bewertung (vgl. Mietzel 1998: 329).
3.3
Soziale Interaktion und kooperative Lernformen
Schulisches Lernen ist in der Regel dadurch
gekennzeichnet, dass der individuelle Lerner zumeist in Anwesenheit oder sogar
in gezielter Kooperation mit seinen Mitschülern lernt (vgl. Friedrich, 2002:
9). Genau diesen Aspekt muss sich das selbstgesteuerte Lernen in einem
schulischen Kontext zunutze machen. Die gezielte soziale Interaktion mit
anderen Lernenden – auch und insbesondere vor dem Computer –, die
beispielsweise in Form von face-to-face
Kommunikation der verschiedener Lerner in Gruppenarbeitsphasen des Unterrichts
oder beispielsweise in Form von asynchroner Kommunikation ablaufen kann, ist
als eine sehr wichtige Strategie anzusehen, die das Lernen wirkungsvoll
unterstützen kann (vgl. Cohen: 1994). Friedrich (2002: 9) ist der Überzeugung,
dass die soziale Interaktion alle anderen Komponenten des selbstgesteuerten
Lernens, also den „Wissenserwerb, die Wissensanwendung, die Motivation und auch
die Nutzung von Lernressourcen positiv beeinflussen und moderieren“ kann. Allerdings
bringt nicht jede soziale Interaktion seiner Meinung nach automatisch die
angesprochenen Erfolge mit sich, denn „Gruppenarbeit muß aktiv organisiert
werden“ (ebd: 9), eine Aufgabe, die an die Lerner und an den betreuenden Lehrer
hohe Ansprüche stellt.
-6-
Bezugnehmend auf das Lernen in Gruppen hebt
Friedrich als ersten positiven Effekt für das selbstgesteuerte Lernen hervor,
dass diese Art des Lernens häufig anregender sei als Einzellernen, da durch die
unterschiedlichen Ansichten, Vorkenntnisse und Ideen der verschiedenen
Gruppenmitglieder eine höhere Kreativität und bessere Leistungen beim Problemlösen
erzielt würden (Ebd.: 9; Breuer, 2001: 105). Außerdem erzwinge das
Gruppengeschehen die aktive Beteiligung des einzelnen Lernenden durch Argumente
und Diskussionsbeiträge. Hierzu müsse man sein Wissen explizit machen, es strukturieren
und organisieren. Dies trage zur Klärung und Stabilisierung des eigenen Wissens
bei. Außerdem sehe man in Gruppen, wie andere sich verhalten, welche
Problemlösungen sie anbieten und lerne dementsprechend durch Beobachtung. Des
Weiteren könne eine gute Lerngruppe durch die soziale Unterstützung, die sie
bietet, die Lern- und Durchhaltemotivation steigern (Friedrich 2002: 9):
„Kooperativ Lernende sind (…) eher bereit, sich gegenseitig zu helfen“ (Breuer
2001: 105). Dadurch, dass Lernende andere häufig überzeugen oder ihnen etwas
erklären müssen – Stichwort peer-teaching
– werde außerdem sehr gut die Anwendung und der Abruf des Wissens geübt
(Friedrich 2002: 9). Die soziale Interaktion ist folglich als eine wichtige
Komponente selbstgesteuerten Lernens anzusehen, die sich sehr positiv auf den
Lernerfolg auswirken kann (vgl. Breuer 2001: 105).
Für den schulischen Kontext lässt sich demnach
fordern, dass die soziale Interaktion ein wichtiger Bestandteil
selbstgesteuerter Lernprozesse sein muss. Dies bedeutet, dass kooperative
Lernprozesse angestrebt werden müssen. Der Lehrer muss also einerseits geeignete
Sozialformen des Unterrichts wählen und andererseits durch geeignete Arbeitsanweisungen,
Unterstützungen und Hilfestellungen die selbstgesteuerte Kooperation der
Lernenden untereinander, wenn nötig, initiieren und betreuen. Den Lernenden
muss verdeutlicht werden, welche positiven Einflüsse die soziale Interaktion
mit anderen Lernenden für ihr eigenes Lernen haben kann und sie müssen mit den
für effektives Gruppenlernen nötigen Strategien vertraut werden. Außerdem
wurde gerade in der jüngsten Vergangenheit vermehrt darauf hingewiesen, dass
die Fähigkeit und Bereitschaft, in einem Team zu arbeiten, in der heutigen
Gesellschaft immer wichtiger werde (vgl. Breuer 2001: 106). Auch aus diesem
Grund ist die Durchführung von selbstgesteuerten Gruppenlernprozessen in der
Schule von großer Bedeutung.
3.4
Ressourcennutzung
Die Nutzung von Ressourcen ist ein weiterer
wichtiger Bestandteil von selbstgesteuerten Lernprozessen (vgl. Friedrich 2002:
7). Der Lernende benutzt hierbei beispielsweise Bücher, insbesondere
Lehrbücher, außerdem Zeitungen, AV-Medien wie Fernsehen und Video, Selbstlernmaterialien,
er legt externe Speicher an (herkömmliche oder elektronische Notizen,
Karteikarten, Zettelkästen) und organisiert seinen persönlichen Lernarbeitsplatz
(ebd.: 7). Selbstgesteuertes Lernen verlangt somit vom Lernenden zunächst, dass
er die für seine Bedürfnisse relevanten Ressourcen selbstständig findet, um sie
dann für sich zu nutzen und sinnvoll in seine Lernprozesse zu integrieren:
„Dies stellt hohe Anforderungen an seine Fähigkeit zur Relevanzeinschätzung,
zur Informationsselektion und –organisation – alles Aktivitäten, für welche
bei herkömmlichen Unterrichtsformen häufig Lehrende zuständig sind und mit
denen ein Novize u.U. überfordert ist“ (ebd.: 7). Die Anforderungen, die die
selbstständige Selektion von Informationen und Lernressourcen und der
anschließende Umgang damit an den Lernenden stellen, sind also sehr hoch (vgl.
Kerres 1998). Neben den zuvor erwähnten Arten von Lernressourcen ist für das
selbstgesteuerte Lernen aber auch das Nutzen von menschlichen Ressourcen bedeutsam
(vgl. Stadelhofer & Marquard 1998: 9), so insbesondere wenn eine betreuende
Lehrperson als Hilfsinstanz herangezogen wird oder aber auch, wenn der Lernende
gezielt mit anderen Lernern kooperiert. Friedrich (2002: 7) weist ferner darauf
hin, dass auch die Zeit eine bedeutsame Ressource für das selbstgesteuerte
Lernen darstellt, und ein gutes Zeitmanagement für den Erfolg des Lernens unverzichtbar
ist. Um dem Lernenden in einem schulischen Kontext gute Bedingungen für
selbstgesteuerte Lernprozesse zu bieten, muss die Lernumgebung ein reiches
Angebot an Lernressourcen bereitstellen. Nach Müller-Hartmann und Legutke
(2001: 4) muss das Klassenzimmer für den Bereich des Fremdsprachenlernens zu
einer „Lernwelt“ und zu einer „Lernwerkstatt“ als Fachraum für das Fremdsprachenlernen
werden, „der eine Fülle von unterschiedlichen Informationsangeboten für die
Schüler bereit hält, in dem unterschiedlichste Lern- und Sozialformen problemlos
realisiert werden können und der Schülern wie Lehrern eine angenehme Arbeitsatmosphäre
bietet“ (Legutke & Müller-Hartmann 2000b: 11). Wolff (1997: 23) fordert in
diesem Zusammenhang für das Klassenzimmer der Zukunft, dass es den Lerner in
die Lage versetzen sollte, „autonom und selbstverantwortlich in einer komplexen,
reichen und authentischen Lernumgebung zu lernen“. Auch und besonders
Computern und den Neuen Medien soll in solchen Lernumgebungen für das
selbstgesteuerte Lernen eine große Bedeutung zukommen.
-7-
Die Neuen Medien – der
Begriff umfasst hier entsprechend der Definition von Kerres (2000) die
digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien wie computergestützte
Lernprogramme, Multimedia-Anwendungen, internetbasierte Lernumgebungen und
Videokonferenzen – rücken in ihrer Rolle „als Lernressource“ im Zusammenhang
mit selbstgesteuertem Lernen nämlich verstärkt in den Mittelpunkt der
Betrachtungen (Friedrich 2002: 7). Den neuen Informations- und
Kommunikationstechnologien wird im Hinblick auf den Zugriff auf und die
Nutzung von Lernressourcen in selbstgesteuerten Lernprozessen ein großes Potential
zugesprochen (vgl. de Witt & Kerres 2002). Friedrich (2002: 7) ist
diesbezüglich der Überzeugung, dass der Computer und die neuen Informations-
und Kommunikationstechnologien „die Gelegenheiten zum selbstgesteuerten Lernen
drastisch erweitern, indem sie Zugang zu Lernressourcen erleichtern und damit
zeit- und ortsflexible Wissenserwerbs- und Kommunikationsprozesse ermöglichen.“
Somit können die Neuen Medien sogar die Voraussetzung dafür schaffen, dass verstärkt ein entdeckendes Lernen
stattfindet und der Lernende in den Mittelpunkt des Lernprozesses rückt. Inwieweit sich der Computer und die neuen Informations- und
Kommunikationstechnologien tatsächlich dazu eignen, selbstgesteuerte
Fremdsprachenlernprozesse sinnvoll und effektiv als Lernressource zu
unterstützen soll im folgenden Abschnitt geklärt werden.
4 Neue
Informations- und Kommunikationstechnologien als Lernressource für das schulische
Fremdsprachenlernen
Wir leben in einer Welt, in der Wissen „zunehmend
über die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien vermittelt und
verarbeitet wird, in der Bildungsprozesse ohne den Umgang mit diesen Neuen
Medien kaum noch selbstbestimmt möglich zu sein scheinen“ (Stadelhofer &
Marquard 1998: 18) und in der die Fähigkeit zum Umgang mit diesen neuen
Technologien zunehmend als unverzichtbare Voraussetzung für das Lernen
angesehen wird (vgl. de Witt & Kerres 2002: 2; Breuer 2001:
133; Friedrich 2002: 8). Stadelhofer & Marquard (1998: 20) weisen auf die
neuen Möglichkeiten und Chancen hin, die die neuen Informations- und
Kommunikationstechnologien für das selbstgesteuerte Lernen bieten können.
Idealerweise machen sie das Lernen zeit- und raumunabhängiger,
motivieren (…) zusätzlich durch die Faszination, die sie auf manche Menschen
auswirken, bringen (…) neue Erfahrungen mit sich und damit auch neue
Lernfelder, können den Lernprozeß begleiten und unterstützen, bieten neue
Formen des Lernens durch mediale Präsentationsformen, ermöglichen den
interaktiven Umgang mit Lernmaterialien (…), bieten die Möglichkeit zur
weltweiten Kommunikation mit LernpartnerInnen, LernberaterInnen und ExpertInnen,
erweitern die Möglichkeiten der Selbststeuerung des Lernprozesses durch das
selbstbestimmte Vorgehen mit dem Lernstoff, ermöglichen die größere
Auswahlmöglichkeit von Materialien und Methoden im Lernprozeß, erleichtern,
durch Lernen mit Hypertexten („Hyperlernen“) einen auf sich abgestimmten und
nicht mehr linear vorbestimmten Lernweg einzuschlagen, bieten die Möglichkeit,
eigene Netzwerke und Lerngruppen aufzubauen sowie das Erlernte und Erarbeitete
leichter zu veröffentlichen und gezielter zu präsentieren (Stadelhofer &
Marquard 1998: 20f).
-8-
Anhand dieser sehr
euphorischen Ausführungen wird deutlich, dass die Hoffnungen, die in die neuen
Informations- und Kommunikationstechnologien von allen Seiten gesetzt werden,
sehr hoch sind. Allerdings sind einige der aufgeführten Argumente durchaus mit
Vorsicht zu genießen. So kann beispielsweise mit einem Buch viel raum- und
zeitunabhängiger gelernt werden als mit einem Computer. Außerdem motivieren
und faszinieren Computer nicht in jedem Fall den Lernenden. Ganz im Gegenteil
können sie auch auf Ablehnung stoßen und sich negativ auf die Lernermotivation
auswirken (vgl. Schmidt-Weigand & Glowalla 2001). Es muss also stets
kritisch hinterfragt werden, wann und in welchem Zusammenhang sich die Neuen
Medien als Lernressource für selbstgesteuertes Lernen eignen.
Auch für den Bereich des Fremdsprachenlernens
wurden verschiedene Bereiche der Neuen Medien als mögliche Lernressourcen oder
Lernhilfen entdeckt (vgl. z.B. Kallenbach & Ritter 2000), und Vorschläge
für die sinnvolle Integration digital repräsentierter Informations- und
Lernangebote in fremdsprachliche Wissenserwerbsprozesse wurden von vielen
Seiten unterbreitet (vgl. de Witt & Kerres 2002: 1; Kallenbach & Ritter
2000; Donath 1996a; Donath 1997; Kranz et al. 1997). In der Literatur finden
sich diesbezüglich außerdem unzählige Typologien von für eine Unterstützung
fremdsprachlichen Lernens potentiell geeigneten Computeranwendungen (z.B.
Rüschoff & Wolff 1999; Kallenbach & Ritter 2000). Während sich einige
der in solchen Typologien genanten Programmtypen in Fremdsprachenlehr- und
-lernprozessen bisher noch nicht etablieren konnten – so werden insbesondere
Computerspiele und Simulationen, elektronische Wörterbücher, Autorenprogramme
und elektronische Werkzeuge wie Textverarbeitungsprogramme und Konkordanzen
nur sehr vereinzelt im Fremdsprachenunterricht und in außerschulischen
Fremdsprachenlernprozessen eingesetzt – erfreuen sich elektronische Ressourcen
(wie das World Wide Web oder
multimediale Enzyklopädien) sowie die Email- und Chat-Funktion des Computers
unter Fremdsprachenlehrenden und -lernenden zunehmender Beliebtheit und werden
bereits recht häufig im schulischen Fremdsprachenunterricht eingesetzt (vgl.
Donath 1997; Jahn 2000; Neudecker 2000; Kranz et al. 1997). Im Bereich des
nachmittäglichen, nachbereitenden Übens des Schulstoffes haben sich in den vergangenen
Jahren außerdem tutoriell orientierte Lern- und Übungsprogramme durchgesetzt,
die dem Lernenden ein gezieltes Trainieren bestimmter fremdsprachlicher Fertigkeiten
ermöglichen sollen (insbesondere Vokabel- und Grammatiktraining). Aber auch im
schulischen Fremdsprachenunterricht werden diese Programme – besonders
diejenigen, die ein bestimmtes Lehrwerk begleitenden – bereits von einigen
Lehrenden eingesetzt.
Nachfolgend sollen mit dem Word Wide Web (WWW), multimedialen Enzyklopädien, der Email- und
Chatfunktion des Computers und schließlich tutoriell orientierten Lern- und
Übungsprogrammen die zuvor erwähnten, in Fremdprachenlernprozessen bereits größtenteils
etablierten Anwendungsarten der Neuen Medien kurz vorgestellt werden. Hierbei
soll in erster Linie geklärt werden, was die Arbeit mit dem jeweiligen Bereich
der neuen Technologien auszeichnet, was aus didaktischer Sicht typische,
sinnvolle Methoden der Integration in den Fremdsprachenlernprozess – speziell
den schulischen – sind und was bei der Arbeit mit dem jeweiligen Bereich der
Neuen Medien zu beachten ist.
4.1 WWW
Das WWW als elektronische
Ressource für Lernprozesse ermöglicht zunächst einen sehr schnellen Zugriff auf
eine immens große und ständig wachsende Menge von Informationen (vgl.
Stadelhofer & Marquard 1998, von der Handt 2002: 21), die zum Teil weitaus
aktueller und umfassender sind, als dies traditionelle Bildungsmedien wie
beispielsweise Lehrbücher jemals sein können (vgl. Rademann 1999: 251). Auch
die Eigenschaft des WWW, dass es größtenteils nicht didaktisierte, sondern
authentische Inhalte enthält, stellt einen großen Unterschied zu Lehrbüchern
und anderen für den Bildungsprozess entwickelten Lernressourcen dar. [1]
-9-
Außerdem unterscheidet
sich das WWW von anderen Bildungsmedien vor allem in der Art der Informationspräsentation:
So werden die Inhalte im WWW oftmals multimedial dargestellt, was diverse
positive Einflüsse auf den Lernerfolg und die Lernmotivation haben kann (vgl.
Weidenmann 2002). Außerdem werden nach Ansicht von Stadelhofer & Marquard
(1998: 45) durch die Hypertext- bzw. Hypermediastrukturen, die sich durch die
Verknüpfung verschiedener Internetseiten untereinander oder die Verknüpfung
von Inhalten innerhalb einer Website auszeichnen, „interessenorientierte,
assoziative Lernstrategien begünstigt“, die besonders für selbstgesteuerte
Lernprozesse von großer Bedeutung sind. Zu annähernd allen Wissensbereichen ist
im WWW eine sehr große Informationsvielfalt vorhanden (vgl. Schwienhorst
1997). Allerdings ist diese Informationsmenge auch eine Gefahr, denn vom
Lernenden wird nun gefordert, dass er die für ihn relevanten und verlässlichen
Informationen aus der oftmals unüberschaubaren Menge von zum Teil fehlerhaften
Webangeboten zu trennen vermag (vgl. Friedrich, 2002: 7). Auf die in diesem
Zusammenhang bedeutsame „Schlüsselqualifikation“ (Stadelhofer & Marquard
1998: 19) Medienkompetenz wird in Abschnitt 5 genauer eingegangen.
Typische Anwendungsbereiche des WWW im
Fremdsprachenunterricht sind heutzutage in erster Linie
Internetrechercheprojekte, bei denen die Lernenden ausgehend von und ergänzend
zu den Inhalten in ihren Lehrbüchern basierend auf von der betreuenden Lehrperson
gestellten Arbeitsaufträgen und Aufgaben in Lerngruppen an den Computern gezielt
nach Informationen suchen müssen, beispielsweise zu landeskundlichen Themen.
Donath (1996a: 36) macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass potentiell
zu jeder thematischen Einheit eines Lehrbuches [2]
ein ergänzendes Online-Projekt realisiert werden könne. Das zuvor angesprochene
Formulieren von klaren Arbeitsaufträgen ist bei dieser sehr offenen,
schülerorientierten Unterrichtsform von größter Bedeutung, damit aus dem oberflächlichen
Surfen im Internet ein gezieltes, ergebnisorientiertes, für das
Fremdsprachenlernen und das landeskundliche Lernen bedeutsames Recherchieren
wird, an dessen Ende die Präsentation der gewonnenen Erkenntnisse durch die
einzelnen Gruppen im Klassenplenum steht. Die gezielte, aufgabengesteuerte
Auseinandersetzung mit im Vergleich zum Schulbuch in der Regel weitaus authentischeren
und aktuelleren Materialien, das Herausfiltern, Dokumentieren und Strukturieren
von für die Lösung der Aufgaben relevanten fremdsprachlichen Informationen und
die abschließende Präsentation der gewonnen Erkenntnisse in der Zielsprache
sind hierbei also genau die Aktivitäten, die aus didaktischer Sicht den Wert
des Internets für den schulischen Fremdsprachenlernprozess ausmachen.
Abschließend
soll im Rahmen der Darstellung sinnvoller Einsatzbereiche des WWW noch darauf
hingewiesen werden, dass viele Schulklassen das Web auch als Präsentationsmedium
nutzen. Hierbei geht es beispielsweise darum, die Ergebnisse einer
Projektarbeitsphase – etwa im Rahmen des Literaturunterrichts – gezielt zu
veröffentlichen [3]. Auch das
Gestalten einer zielsprachigen Website des Heimatortes ist in diesem
Zusammenhang eine denkbare Aktivität. Solche Veröffentlichungsarbeiten bereiten
den Lernenden erfahrungsgemäß sehr viel Freude und bergen ein hohes
Motivationspotential. So weisen auch Kuhn und Leuthen (1998: 18), dass die
Aussicht, die eigenen Texte einer größeren Öffentlichkeit präsentieren zu
können, die Lernenden sehr motiviere und sich insgesamt äußerst positiv auf den
Lernprozess auswirke.
Nachfolgend sollen zielsprachige, multimediale
Enzyklopädien als weitere bedeutsame Ressource für Fremdsprachenlernprozesse
vorgestellt werden.
-10-
4.2
Multimediale Enzyklopädien
Im Bereich der
elektronischen Lernressourcen im Offlinebereich sind für selbstgesteuerte
Fremdsprachenlernprozesse insbesondere die auf Datenträgern wie CD-ROMs
(Compact Disc Read Only Memory) oder DVDs (Digital Versatile Disc) erhältlichen
multimedialen Enzyklopädien von Bedeutung. Multimediale Enzyklopädien bieten
dem Lernenden ähnlich wie das WWW eine sehr offene, informationsreiche, auf
Hypermediastrukturen basierende, nicht didaktisierte Lernumgebung, die eine
selbstgesteuerte Konstruktion von Wissen unterstützt (vgl. Kranz et al. 1997:
19; Rüschoff & Wolff 1999: 76; Kleinschroth 1996: 54). Es wird kein fester
Lernweg vorgeschrieben, und es ist dem Benutzer überlassen, in welcher Art und
Weise er das offene Angebot an Informationen nutzt. Aus diesem Grund werden
multimediale Enzyklopädien oder auch multimediale Wörterbücher als Werkzeugprogramme
bezeichnet (vgl. Ritter 1995: 160; Rüschoff & Wolff 1999: 70; Kranz et al.
1997: 17; Wolff 1997: 18). Im Gegensatz zum Web bieten multimediale Enzyklopädien
den Vorteil, dass die dargebotenen Informationen einerseits sehr reliabel und
authentisch und andererseits sehr viel besser strukturiert sind, was eine
schnellere, einfachere und somit benutzerfreundlichere Suche ermöglicht
(Rossien 1999: 40). Außerdem werden über die Eingabe eines Suchwortes alle Informationen
und Medien (Text, Bild, Video; Grafik oder Animation) zu einem Thema
zusammengestellt und auf dem Bildschirm präsentiert (vgl. Rüschoff 2000: 41).
Viele multimediale Enzyklopädien bieten heutzutage zusätzlich bereits eine
Verknüpfung mit Onlineressourcen an, indem dem Benutzer zu den dargebotenen
Informationen passende Internetseiten mit zusätzlichen Angeboten empfohlen
werden. Rüschoff & Wolff (1999: 76) sind allgemein der Überzeugung, dass
multimediale Enzyklopädien zur Förderung der Sprachlernbewusstheit und des prozessorientierten
Lernens beitragen können. Sie stellen eine qualitativ hochwertige
Lernressource dar, die selbstgesteuerte Lernprozesse – insbesondere auch in
Verknüpfung mit anderen Medien wie beispielsweise dem Internet – sinnvoll unterstützen
kann (vgl. Rüschoff 2000: 40).
Typische Anwendungsbereiche multimedialer
Enzyklopädien im Fremdsprachenunterricht sind genau wie im Falle des WWW
Rechercheprojekte (vgl. Abels 1999: 43-45; Rossien 1999: 40-42), bei denen die
Lernenden basierend auf geeigneten Arbeitsaufträgen und Aufgaben selbstständig
in Kleingruppen [4] in den
authentischen, zielsprachigen Angeboten nach relevanten Informationen suchen
müssen. Inhaltlich können sich diese Projekte mit beinahe allen Themen
beschäftigen, da die Informationsfülle guter Enzyklopädien nahezu
unerschöpflich ist. So sind beispielsweise auf Themen im Lehrwerk aufbauende,
landeskundliche Recherchen denkbar, aber auch zu einer im Unterricht
behandelten Lektüre lassen sich mit diesem Medium leicht und effizient zumeist
vielfältige Hintergrundinformationen finden – beispielsweise zum Autor oder zum
kulturellen, geographischen bzw. sozialen Umfeld, in dem die jeweilige
Geschichte spielt.
Multimediale Enzyklopädien sind im Hinblick auf die
Wissensrepräsentation dem World Wide Web sehr ähnlich, allerdings wird dem
Lernenden die Aufgabe der Informationsstrukturierung und -selektion
größtenteils abgenommen – was insbesondere in der Anfangsphase eines
Rechercheprojektes eine immense Arbeitserleichterung bedeutet. Folglich ist es
als durchaus sinnvoll einzuschätzen, wenn auch im Vorfeld eines
WWW-Rechercheprojektes zunächst mithilfe einer multimedialen Enzyklopädie die
Basisinformationen zu einem bestimmten Thema erarbeitet werden. Dies ermöglicht
dann beim späteren Einsatz des WWW ein gezielteres und strukturierteres Suchen.
-11-
Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass
multimediale Enzyklopädien eine für Fremdsprachenlernprozesse sehr bedeutsame
Lernressource darstellen, die an jeder Schule zur Verfügung stehen sollte [5].
Nun soll es um die E-Mail-Funktion des Computers und ihre Bedeutung für den
Fremdsprachenlernprozess gehen.
4.3
E-Mail
Auch die E-Mail-Funktion
des Computers erfreut sich unter Fremdsprachenlehrenden wachsender
Beliebtheit, ermöglicht sie doch insbesondere im Rahmen von Kommunikationsprojekten
mit Partnerklassen in zielsprachigen Ländern eine Möglichkeit zur Anwendung
der Sprachkenntnisse in einer realistischen Kommunikationssituation und stellt
somit eine hervorragende authentische Ressource für das Fremdsprachenlernen
dar (vgl. Brammerts 1999: 271). Denn Lesen, Schreiben und Sprechen in der
Fremdsprache bezieht sich dann „nicht mehr nur auf Lehrbuchtexte, sondern auf
authentisches Material von Gleichaltrigen, so daß konkrete Spracharbeit für die
direkte Kommunikationsabsicht notwendig wird“ (Donath 1996b). Untersuchungen
von E-Mail-Projekten (vgl. Rautenhaus 1993; Eck et al. 1995) machen deutlich,
dass neben dem zuvor bereits angesprochenen Sprachenlernen in einer
authentischen Kommunikationssituation mit native
speakers (vgl. von der Handt 2002: 22) vor allem auch das interkulturelle
Lernen im fremdsprachlichen Diskurs und das Methodenlernen in der Zusammenarbeit
mit anderen Lernenden (Entwickeln eines Arbeitsplans, arbeitsteiliges Lernen,
Zweitmanagement, Austausch von Materialien und Ergebnissen etc.) als positive
Aspekte solcher Projekte hervorzuheben sind. Insgesamt können sich
E-Mail-Projekte im Fremdsprachenunterricht an einer ganzen Reihe von Lernzielen
orientieren, so z.B. auf der Ebene von Sprach-, Kommunikations-, Sozial-,
Medien-, Sach- und Methodenkompetenzen. Diese Aspekte sind für
selbstgesteuerte Fremdsprachenlernprozesse von großer Bedeutung (vgl. Donath
1996b). Die Vorteile von E-Mail-Projekten gegenüber traditionellen
Klassenkorrespondenzprojekten liegen also vor allem in der Möglichkeit zum
schnellen, weltweiten, kostengünstigen Informationsaustausch (vgl. Donath
1997) und zur weltweiten Kommunikation mit Lernpartnern, Lernberatern und
Experten. Dies erweitert die Möglichkeiten der Selbststeuerung des
Lernprozesses (vgl. Stadelhofer & Marquard 1998: 44) und kann eine
sinnvolle Bereicherung des traditionellen Sprachunterrichts darstellen. Allerdings
weist Müller-Hartmann (2000) insbesondere im Hinblick auf die Chance des interkulturellen
Lernens durch E-Mailprojekte auch auf die negativen Aspekte solcher Projekte
hin. So können beispielsweise auch durch Missverständnisse in der Kommunikation
Stereotypen verstärkt werden und im schlimmsten Fall zu einem Abbruch der
Kommunikation führen. Speziell in solch kritischen Situationen ist es besonders
wichtig, dass die betreuende Lehrperson die auftretenden Stereotypen und
kritischen Missverständnisse in den Email-Kommunikationen gezielt aufgreift und
zum Diskussionsgegenstand für die gesamte Lerngruppe macht. Was aber ist nun
bei der Durchführung eines Email-Projektes im Fremdsprachenunterricht zu
beachten?
Für
eine erfolgreiche Durchführung von E-Mail-Projekten im Fremdsprachenunterricht
ist zunächst eine gute Planung und Vorbereitung durch die betreuenden
Lehrpersonen unerlässlich, wobei sich vor allem bei selbst-initiierten – also
nicht von einer bestimmten Institution organisierten – Projekten die besondere
Schwierigkeit der Absprache und Koordination mit den Kommunikationspartnern
ergibt. Ob sich tatsächlich ein für beide Seiten gewinnbringender Austausch
ergibt, hängt dabei vor allem von den gewählten Diskussionsthemen und der
Einsatzbereitschaft der Gruppen ab, denn bei E-Mail-Korrespondenzen kann sich
schnell eine gewisse inhaltliche Oberflächlichkeit einstellen, und auch ein
Abbruch des Projektes ist aufgrund der geringen gegenseitigen Verpflichtungen
und der relativen Anonymität des Mediums oftmals recht einfach möglich. Die
Teilnahme an einem von einer Institution organisierten E-Mail-Projekt hat dabei
den Vorteil, dass der Lehrkraft ein großer Teil des Planungsaufwandes
abgenommen wird und die Gefahr des ‚Versandens’ der Kommunikation geringer ist,
nicht zuletzt deshalb, weil oft die teilnehmenden Schulen Gebühren für die
Teilnahme zahlen.
-12-
Für
Lehrerinnen und Lehrer, die auf eigene Initiative hin ein E-Mail-Projekt
starten wollen und hierfür eine oder mehrere Partnerklassen suchen, gibt es
verschiedene Möglichkeiten, Kontakte herzustellen:
Erster
Ansprechpartner (...) sollte immer die Schule sein, mit der gegebenenfalls ein
Schüleraustausch besteht. Schließlich ist ein E-Mail-Projekt mit anschließender
persönlicher Begegnung im Rahmen eines Schüleraustausches die intensivste Form
der interkulturellen Begegnung! (Donath 1996c: 21)
Darüber
hinaus dürfte sich auch die Aussicht, die Kommunikationspartner eventuell persönlich
kennen zu lernen, positiv auf die Motivation der Schülerinnen und Schüler auswirken,
schließlich wird auch so die Anonymität und Unverbindlichkeit von
E-Mail-Kommunikationen abgebaut. Bieten sich jedoch keine bereits bestehenden
Kontakte für die Durchführung eines E-Mail-Projektes an, so können
entsprechende Gesuche kombiniert mit der Vorstellung von Projektideen in
speziellen Mailing-Listen, wie der des St. Olaf-Colleges in Minnesota
(siehe http://www.stolaf.edu/network/iecc/),
oder etwa auf den Seiten des Transatlantischen
Klassenzimmers – zu finden unter der Adresse http://www.tak.schule.de/
– eingestellt werden. Für den Bereich Deutsch als Fremdsprache ist für die
Suche nach potentiellen Partnerschulen insbesondere die vom Goethe-Institut
betreute Seite http://www.goethe.de/z/ekp/deanmeld.htm zu
empfehlen. Eine zielgerichtete Suche nach einer geeigneten Partnerklasse wird
mit Hilfe aller genannten Angebote ermöglicht [6].
Ist erst einmal eine Partnerklasse gefunden, so müssen zwischen den beiden
betreuenden Lehrpersonen das Thema, entsprechende Projektaufgaben, kreative
Schreibanlässe und der zeitliche Ablaufplan des Projektes detailliert ausgearbeitet
werden, und auch die Erwartungen und Ziele der beiden Lehrenden bezüglich des
Projektes sollten in dieser Phase ausgetauscht werden (vgl. Donath 1996c: 21).
Was
die Wahl eines geeigneten Themas betrifft, so ist zu beachten, dass dieses für
beide Seiten relevant und interessant sein sollte, damit ein motivierter,
interkultureller Austausch zustande kommen kann: „Wichtig ist, dass es den
Lebens- und Erfahrungszusammenhängen der Schülerinnen und Schüler entspricht,
damit überhaupt ein Kommunikations- und Informationsbedürfnis vorhanden ist.“
(Donath 1996c: 22) Für die Sekundarstufe I bieten sich daher laut Donath (ebd.)
Themen wie z.B. Freizeit, Sport, Schulsystem, Familie, Ökologie, Lieblingsfilme
und -musik, etc. an, also Themen, wie sie auch in vielen Rahmenplänen erwähnt
werden. In Projekten mit höheren Klassen können zusätzlich u.a. Berufswünsche, Ausbildungssysteme
und aktuelle politische Themen [7]
diskutiert werden (vgl. Donath 1996c: 22). Ferner erfreuen sich insbesondere
Literaturprojekte unter den Lehrenden und Lernenden großer Beliebtheit, bietet
eine im Unterricht behandelte Lektüre doch in der Regel thematisch sehr
vielfältige Ausgangspunkte für Diskussionen via Email.
-13-
Bei
der Zeitplanung ist darauf zu achten, dass das Projekt nicht für längere Zeit
durch Feiertage, Ferien oder Prüfungsphasen einer Gruppe einseitig unterbrochen
wird. Die Gesamtdauer eines E-Mail-Projektes kann dabei recht flexibel
entsprechend der jeweiligen Gegebenheiten geplant werden. Prinzipiell sind
dabei laut Eck et al. (1995: 103f) drei Formen der zeitlichen Integration von
E-Mail-Projekten in den Unterricht denkbar, wobei auch Mischformen mit
unterschiedlich arbeitsintensiven Phasen zum Einsatz kommen können:
1. Projekte können durchgängig über mehrere Wochen
laufen. Die Lehrperson unterbricht den Unterrichtsfortgang im traditionellen
Sinne und arbeitet mit der Klasse oder dem Kurs ausschließlich im Rahmen des
E-mail Projekts (...).
2. Projekte können zeitgleich zum herkömmlichen
Unterricht laufen. Gerade bei langfristig angelegten Projekten, die sich z.T.
über mehrere Monate erstrecken, kann die Gruppe nicht ausschließlich am
jeweiligen Projekt arbeiten, da in diesem Fall möglicherweise die vom Lehrplan
gestellten Forderungen nicht erfüllt werden können.
3. Projekte können unterrichtsbegleitend und
-ergänzend durchgeführt werden. (...) Sollen unterrichtsbegleitende Projekte
mit realen Kommunikationspartnern durchgeführt werden (...), setzt das gleiche
oder zumindest ähnliche curriculare Vorgaben auf beiden (oder mehreren) Seiten
sowie eine synchrone Unterrichtsprogression voraus. So wünschenswert eine
solche Form der Interaktion auch ist, dürfte es organisatorisch schwierig sein,
diese Vorstellungen über einen längeren Zeitraum in die Praxis umzusetzen.
Wenn
die Planungs- und Koordinationsphase abgeschlossen ist, die Projektaufgaben geklärt
und die Projektgruppen gebildet wurden, kann das eigentliche E-Mail-Projekt
beginnen. Abschließend soll hier exemplarisch der Ablaufplan eines
E-Mail-Projektes zwischen einer deutschen, zwei amerikanischen und einer
schwedischen Klasse zum Thema „Schule“ vorgestellt werden (vgl. Donath 1996c:
40ff.). Die Lernziele lagen hierbei darin, die verschiedenen Schulen und
Schulsysteme kennen zu lernen, kreative Schreibanlässe zu nutzen, um Schulfrust
konstruktiv zu artikulieren, sich gegenseitig über Schulsysteme und Erziehung
zu informieren, aktuelle Schulprobleme und Unterrichtsvarianten kennen zu
lernen, Wortschatz und Grammatikkenntnisse in der zielsprachigen (Englisch
wurde hier von den drei Lerngruppen als gemeinsame Arbeits- und
Verhandlungssprache verwendet) Kommunikation anzuwenden und zu erweitern und
ein Bewusstsein für Elemente lebendiger Sprache (slang, colloquialism)
und ihre situative Anwendung zu erzeugen. Konkret sah der fünfwöchige
Ablaufplan des Projektes wie folgt aus (vgl. Donath 1996a: 41):
1. Woche: „Getting in touch and introduction“
(Vorstellung der Schüler und literarische Annäherung an das Thema, gemeinsame
Interpretation der Kurzgeschichte)
2. Woche: „The Perfect School“ (Beschreibung der
Traumschule: Klassenzimmer, Gebäude, Schulhof, Stundenplan, Fächer, etc.)
3. Woche: „School reality“ (Beschreibung der
Schulrealität: Klassenzimmer, Fächer, Schulumgebung, etc.)
4. Woche: „Changes“ (Veränderungs- bzw.
Verbesserungsvorschläge für die Klassenräume)
5. Woche: „Summary and evaluation“
(Zusammenfassung, Auswertung, Erstellung
eines Readers oder einer Zeitung, Austausch von
Ergebnissen mit den anderen Klassen)
Nachdem
nun also ein Eindruck davon vermittelt wurde, wie E-Mail-Projekte sinnvoll in
den schulischen Fremdsprachenunterricht integriert werden können, sollen nachfolgend
Chats und ihre Bedeutung für Fremdsprachenlernprozesse beleuchtet werden.
-14-
4.4
Chats
Die Chat-Funktion des WWW
ermöglicht aus technischer Sicht ein textbasiertes Gespräch in Echtzeit
zwischen verschiedenen Menschen über große Entfernungen hinweg. In der Regel
handelt es sich bei den Gesprächen in offenen Chat-Umgebungen um small talk, verstanden als zumeist recht
oberflächliche, nahe an der mündlichen Sprache anzusiedelnde Gespräche mit
schnellen Themenwechseln. Dies ist „nicht zuletzt dadurch zu erklären (…), daß
relativ kurzfristige Interaktionen erforderlich sind, damit ein Gespräch interessant
bleibt“ (Stadelhofer & Marquard 1998: 45). Die Hauptvorteile des Chattens für das Fremdsprachenlernen
liegen neben den auch für E-Mail-Kommunikationen charakteristischen
Möglichkeiten vor allem in der Nähe der Chat-Konversationen zur mündlichen Sprache
(vgl. Lemnitzer & Naumann: 2001: 470ff; Storrer 2001). Denn hierdurch wird
den Beteiligten eine Art Schutzraum geboten, in dem beispielsweise
Rechtschreib- und Tippfehler toleriert werden. Dies kann zu einem angstfreieren
Kommunizieren führen. Außerdem weist Knierim (2003) – der die Rolle von Chats
im schulischen Fremdsprachenunterricht untersucht – darauf hin, dass eine Chatkommunikation
im Vergleich zu einer mündlichen Kommunikation im Klassenraum in der Regel eine
höhere Quantität an zielsprachlichen Äußerungen aufweise, dass die Chatsprache
zumeist syntaktisch und lexikalisch komplexer sei, dass in den Chats eine
homogenere Verteilung von Redeanteilen vorliege als im traditionellen
Unterrichtsgespräch, dass speziell „stillere“ Lernende sich hier eher
beteiligten und dass insgesamt diese Form der Computer vermittelten
Kommunikation die Schülerinnen und Schüler sehr stark motiviere.
Hauptverantwortlich für die meisten dieser positiven Aspekte ist wohl die
Tatsache, dass in Chatkonversationen der kommunikative Druck weitaus geringer
als in einer face-to-face Situation ist, denn Chats stellen eine Art
„conversation in slow motion“ (Knierim 2003: 2) dar. Schließlich steht den
Beteiligten im Vergleich zur mündlichen Kommunikation weitaus mehr Zeit zur
Verfügung, um eine geeignete Antwort auf eine bestimmte Frage zu finden oder
einen interessanten Redebeitrag zu konstruieren. Hierdurch wird ermöglicht,
dass sich die Lernenden mehr Gedanken darüber machen, welche sprachlichen
Mittel sie in ihren Beiträgen einsetzen – ein für das Fremdsprachenlernen sehr
bedeutsamer Prozess.
Was den Einsatz von Chats im schulischen
Fremdsprachenunterricht betrifft, so ist zunächst zu beachten, dass sich
öffentliche, für jedermann zugängliche Chaträume – wie beispielsweise der Yahoo!-Chat (siehe http://chat.yahoo.com)
– für die gezielte Unterstützung fremdsprachlichen Lernens nicht eignen. So
zeichnen sich die in diesen Umgebungen stattfindenden Chats nämlich dadurch
aus, dass thematisch in der Regel kein roter Faden erkennbar ist und dass
zumeist durch eine unüberschaubare Anzahl von anonymen Geprächsteilnehmenden
unzählige, unstrukturierte Parallelkonversationen betrieben werden. Rösler
(2000) kritisiert ebenfalls die fehlende Themenfokussierung in öffentlichen
Chats:
Jeder, der einmal freie Konversationsklassen
unterrichtet hat, weiß, daß ein Raum mit frei kommunizierenden Menschen ohne
interessantes Thema nicht besonders konversationsreich ist, daß also die
Bereitstellung von Chats alleine ohne Nachdenken über Themen und
Gesprächsweisen für das Fremdsprachenlernen selbst weder Fortschritt noch
Rückschritt ist, sondern lediglich einen Medienwechsel darstellt (Rösler 2000:
126).
-15-
Viel geeigneter für den Einsatz im Rahmen des
Fremdsprachenunterrichts sind die so genannten Didaktischen Chat-Räume (DCR)
oder Lernchats, denn nur in diesen Kommunikationsumgebungen können sich die
oben angesprochenen Vorteile der Chat-Konversationen für das
Fremdsprachenlernen vollends entfalten. DCR und Lernchats zeichnen sich dadurch
aus, dass sie speziell für eine zahlenmäßig eng eingegrenzte Gruppe von
Lernenden (z.B. die Schülerinnen und Schüler zweier Partnerklassen oder die
Teilnehmenden an einem Online-Kurs) eingerichtet werden und dass thematisch
klar festgelegte, für die beteiligten Chatter interessante Kommunikationen
durch eine pädagogische Instanz (Chat-Tutor, Moderator oder die betreuende
Lehrperson) mit Hilfe geeigneter Aufgaben- und Fragestellungen ausgelöst,
aufrechterhalten und gelenkt werden [8].
Generell lässt sich sagen, dass Chats im Rahmen des
schulischen Fremdsprachenlernprozesses vor allem zur synchronen Kommunikation
mit anderen Klassen [9] genutzt
werden können, beispielsweise in Form von Projekten mit anderen
Fremdsprachenlernenden im eigenen Land oder im Rahmen von interkulturellen
Projekten mit Muttersprachlern – beispielsweise auch ergänzend zu einer
E-Mail-Konversation, wenn es um den Austausch kleinerer Argumente und die
Diskussion von Problemen und Arbeitsabläufen geht. Knierim (2003) weist in
diesem Zusammenhang ergänzend darauf hin, dass Chats nicht nur für die
Kommunikation zwischen räumlich voneinander getrennten Gesprächspartnern
geeignet seien, sondern dass auch innerhalb einer Schulklasse das Durchführen
eines Chats – wenn geeignete kommunikative Aufgaben gestellt werden – eine
sinnvolle Übung darstelle. So sind seiner Meinung nach insbesondere
computerunterstützte Diskussionen (computer
assisted classroom discussions) sinnvoll, bei denen 3 - 8 Lernende beispielsweise
in Form eines Rollenspiels innerhalb des vernetzten Computerraumes miteinander
schriftlich debattieren oder versuchen, gemeinsam eine kommunikative Aufgabe zu
lösen.
Abschließend soll darauf hingewiesen werden, dass,
falls der Betreiber des genutzten Chatraums das Erstellen eines Protokolls des
gesamten Gesprächsverlaufs ermöglicht, dieser Ausdruck nach Abschluss des Chats
vom betreuenden Lehrenden als Ausgangspunkt für einen Focus on language genutzt werden sollte, bei dem es um die
Korrektur typischer Fehler und die Identifikation von Wortschatzlücken geht.
Nun sollen tutoriell orientierte, multimediale
Lern- und Übungsprogramme und ihre Rolle in Fremdsprachenlernprozessen
vorgestellt werden.
4.5
Tutoriell orientierte, multimediale Lern- und Übungsprogramme
Während es die Lernenden
bei den bisher beschriebenen Bereichen der neuen Informations- und
Kommunikationstechnologien zumeist mit nicht didaktisierten Inhalten (WWW und
multimediale Enzyklopädien) oder mit nicht primär für den Zweck des Fremdsprachenlernens
konzipierten Funktionen zu tun haben (E-Mail und Chat), die aber für
selbstgesteuerte Lernprozesse durchaus geeignete Lernressourcen darstellen
können, handelt es sich bei multimedialen Sprachlern- und -übungsprogrammen um
Offlinemedien, die ausschließlich für den Zweck des Fremdsprachenlernens entwickelt
wurden (vgl. Wolff 1997: 18; Rüschoff & Wolff 1999: 80). Bei den tutoriell
orientierten Lern- und Übungsprogrammen können die traditionellen Programme
ohne multimediale Elemente (z.B. traditionelles Drill & Practice), die bereits seit den Anfängen des Technology Enhanced Language Learning (TELL)
existieren, und die modernen tutoriell orientierten Multimedia-Anwendungen
(vgl. Rüschoff & Wolff 1999: 88) unterschieden werden.
-16-
Traditionelle Lern- und
Übungsprogramme, die häufig auch als „Drill & Test“ – oder sehr negativ
als „Drill & Kill“- Programme
bezeichnet wurden (vgl. Baumgartner & Payr 1994: 154), orientierten sich
vorrangig an behavioristischen Auffassungen vom Lernen (vgl. Mitschian 2000:
22), waren technisch und didaktisch nicht sehr ausgereift und boten überwiegend
nur in elektronische Form übersetzte, lineare „Übungsformate, wie sie schon
vorher im Fremdsprachenunterricht bekannt waren“ (Rüschoff & Wolff 1999:
68), so beispielsweise Multiple choice und Lückentexte. Schwerpunktmäßig
wurde durch die Verwendung von traditionellen Übungsprogrammen ein
individuelles, von der Lehrperson unabhängiges „Einschleifen etablierter
Inhalte“ (Kunz & Schott 1987: 30), beispielsweise von Vokabeln oder
Grammatikstrukturen angestrebt. Viele Pädagogen kritisierten im Hinblick auf
den Einsatz im Unterricht, dass dieser Softwaretyp häufig „für sture, mechanische
und bis ins kleinlichste Detail gehende Kontrollmaßnahmen“ genutzt wurde
(Baumgartner & Payr 1994: 155). Dennoch verfügten schon diese Programme
laut Rüschoff & Wolff (1999) über einige Vorteile gegenüber traditionellen
Unterrichtsmedien wie beispielsweise Arbeitsblättern. Zu den hervorstechendsten
Vorteilen zählen Rüschoff & Wolff (1999: 68) vor allem ein unmittelbares
Feedback auf die Antworten des Lernenden und die Möglichkeit zum beliebig
häufigen Bearbeiten der Übungen. Zusätzlich konnte jeder Lernende individuell
sein Lerntempo und seinen Lernstil finden (vgl. Rüschoff & Wolff 1999: 68)
– ein Aspekt, der für selbstgesteuertes Lernen von großer Bedeutung ist. Ein
großer Nachteil war jedoch die mangelhafte Eingabeanalyse der
Lernerantworten, denn oftmals wurde nur eine richtige Antwort vom Programm zu
Grunde gelegt.
Während der letzten 10 Jahre hat verstärkt eine
Entwicklung der Lern- und Übungsprogramme von den soeben beschriebenen
traditionellen Produkten, denen „rein instruktiv oder remedial“ (Rüschoff
& Wolff 1999: 79) ausgerichtete Konzepte zu Grunde lagen, hin zu den eher
tutoriell geprägten, interaktiv gestalteten, multimedialen Lern- und Übungsprogrammen,
die zunehmend auch explorativen Charakter haben, stattgefunden [10].
Tutoriell orientierte, multimediale Programme sind vorrangig für das
Selbstlernen, also das individuelle, außerschulische Lernen ohne Lehrperson,
konzipiert. Bei diesem Softwaretyp muss zwischen lehrwerkbegleitenden und
lehrwerkunabhängigen Programmen unterschieden werden (vgl. Schmidt und Nandorf
2003). Lern- und Übungsprogramme, die zu einem Lehrwerk gehören, orientieren
sich meist an dessen Aufbau und Inhalt. Lehrwerkunabhängige Lern- und
Übungsprogramme beziehen sich häufig ebenfalls auf den typischen Lernstoff
einer Klassenstufe, auf ein bestimmtes Lernjahr oder im Bereich der Erwachsenbildung
auf ein bestimmtes Sprachniveau oder eine bestimmte Zielgruppe (vgl. Schmidt
und Nandorf 2003). Häufig sind bei Lehrwerk begleitenden, tutoriell orientierten
Programmen – und um diese Programme soll es im folgenden Teil aufgrund ihrer
Relevanz für einen schulischen Einsatz gehen – Übungen zu sprachlichen
Einzelaspekten, wie Wortschatz und Grammatik, Hör- und Leseverstehen, sowie der
Aussprache vorherrschend. Die Lernenden können also individuell in ihrem
bevorzugten Lerntempo ihre fremdsprachlichen Fertigkeiten trainieren. Die
tutorielle Komponente schlägt sich hier beispielsweise darin nieder, dass das
Programm dem Lernenden während der Bearbeitung der Aufgaben bei Bedarf
zusätzliche Hilfen anbietet, die Lösungen bewertet, Ergebnisse protokolliert
und Empfehlungen für den weiteren Lernprozess gibt (vgl. Wolff 1997: 18). Gute
tutoriell orientierte multimediale Lern- und Übungsprogramme können gegenüber
der traditionellen Software ferner Vorteile bezüglich der Fehleranalyse, der
didaktischen Vielfalt der Übungen, der Motivierung der Lernenden, der
angebotenen Hilfefunktionen, der Interaktivität und der Bedienerfreundlichkeit
bieten. Lernpsychologen schreiben den multimedialen Lernumgebungen zusätzlich
zu, dass sie im Gegensatz zu den traditionellen Lernprogrammen das Interesse
am Lernstoff, flexibles Denken und die Entwicklung adäquater mentaler Modelle
fördern (vgl. Weidenmann 1997: 80). Gute multimediale Lern- und
Übungsprogramme können folglich selbstgesteuerte Fremdsprachenlernprozesse in
den aufgeführten Bereichen als Lernressource sehr gut unterstützen. Von der
Handt weist allerdings darauf hin, dass man Versprechungen der Werbung, man könne
alleine mit Lern- und Übungssoftware eine Sprache erlernen, nicht zu glauben
brauche:
-17-
Auch die besten interaktiven Programme können
menschliche Interaktion nicht ersetzen. Allerdings können sie Vorstufen davon
aufbauen. Sie eignen sich zweifelsohne gut, um den Unterricht von Grammatik zu
entlasten. (…) Ebenso ist ein systematischer Erwerb von Wortschatz über
entsprechende Programme möglich. Neben Wortschatz und Grammatik sind
Trainingsprogramme für die rezeptiven Fertigkeiten denkbar (von der Handt 2002:
24).
Für den Unterrichtseinsatz kann resümiert werden,
dass die Nutzung von guter [11]
Lehrwerk begleitender Lern- und Übungssoftware als Ergänzung des
tradititionellen Fremdsprachenunterrichts insbesondere im Bereich des Vokabel-
und Grammatiktrainings (vgl. Kleinschroth 1996: 81ff), sowie zur Verbesserung
des Hör- und Leseverstehens und zum Training der Aussprache bestimmter Worte
und Laute sinnvoll sein kann (vgl. Schmidt und Nandorf 2003). Allerdings können
produktive Fertigkeiten wie das freie Sprechen und das Schreiben im
traditionellen Unterricht viel besser geübt werden. Hier stoßen selbst gute
Programme schnell an ihre Grenzen. Was die Bereiche des Vokabel-, Grammatik-
und Hörverstehenstrainings betrifft, so kann dieser Softwaretyp jedoch in
Einzelarbeitsphasen des Unterrichts beispielsweise traditionelle Übungsphasen
mit dem Arbeitsbuch ersetzen oder ergänzen. Viel sinnvoller wird die Arbeit mit
solchen Programmen im Unterricht aber dann, wenn die Arbeit am Computer mit
anderen Aktivitäten, Aufgaben und Inhalten – insbesondere bieten sich bei
Lehrwerk begleitender Software Verbindungen mit den Lehrbuchinhalten an – im
Sinne einer Handlungsorientierung des Unterrichts verknüpft wird, so dass der
Einsatz des Computers nicht zu einem isolierten Arbeiten, sondern zu einem
kommunikativen Lernen in Zusammenarbeit mit anderen Lernenden führt (vgl.
Schmidt und Nandorf 2003: 86) – Stichwort „Gruppenarbeit am Computer“. Da gute
Lernprogramme neben Übungen, die ganz gezielt den individuellen Lerner ansprechen,
auch zunehmend über Übungsformate verfügen, die sich durch ein sehr hohes
kommunikatives Potential auszeichnen, sind auch solche Lern- und
Arbeitsprozesse denkbar.
Festzuhalten bleibt, dass Schülerinnen und Schüler
mit diesem Medium selbstgesteuert und autonom in einer zumeist motivierenden
und angenehmen Lernumgebung in dem von ihnen bevorzugten Lerntempo vielseitig
an ihren individuellen Fähigkeiten arbeiten können.
Bisher wird Lernsoftware allerdings aufgrund des
zumeist hohen Anschaffungspreises, der auf Seiten der Lehrenden zumeist
fehlenden Konzepte für die sinnvolle Integration des Mediums in den Unterricht
und der vorherrschenden allgemeinen Skepsis diesem Softwaretyp gegenüber nur
sehr vereinzelt im schulischen Fremdsprachenunterricht eingesetzt (vgl.
Schmidt-Weigand und Glowalla 2001: 37-40).
5
Medienkompetenz
Es wird also deutlich,
dass die dargestellten Bereiche der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien
über ein großes Potential für die Unterstützung selbstgesteuerten Lernens im
Allgemeinen (vgl. Friedrich 2002,: 2; Thissen 1999: 1) und des
selbstgesteuerten Fremdsprachenlernens im Speziellen verfügen. Allerdings wäre
es falsch anzunehmen, dass der Einsatz der Neuen Medien „per se selbstgesteuertes
Lernen garantiert“ (Friedrich, 2002: 2). Hierfür bedarf es vielmehr auf Seiten
der Lernenden der „Schlüsselqualifikation“ (Stadelhofer & Marquard 1998:
19) Medienkompetenz, verstanden nicht nur als technische Kompetenz im Sinne
einer instrumentellen Handhabung, sondern insbesondere als Fähigkeit zur
reflektierten Anwendung der Neuen Medien und zu ihrem gezielten Einsatz zur
Problemlösung (vgl. Friedrich 2002: 8; Stadelhofer & Marquard 1998: 19; de
Witt & Kerres 2002: 3). Stadelhofer & Marquard definieren
Medienkompetenz als eine Fähigkeit
-18-
Medien zu handhaben und sich
immer wieder neue Qualifikationen selbständig aneignen zu können, sich in der
Medienwelt zurechtzufinden und sich selbstbestimmt und verantwortungsvoll
darin zu bewegen, Medieninhalte aufzunehmen, zu verarbeiten, zu verstehen und
sie angemessen einzuschätzen, und schließlich gestalterisch in den Medienprozess
einzugreifen (Stadelhofer & Marquard 1998: 19).
Es geht also um die
Fähigkeit, Sinn und Nutzen der Angebote zu erkennen, relevante von
irrelevanten und seriöse von unseriösen Inhalten zu unterscheiden und die
medial dargebotenen Informationen zu Wissen zu verarbeiten (vgl. Friedrich
2002: 8). Insbesondere bei nicht didaktisierten Inhalten, wie sie vor allem im
WWW vorliegen, ist diese Fähigkeit zur Informationsselektion, -bewertung
und -einbettung in einen Kontext
mit dem Ziel der Wissenskonstruktion relevant. Solche Medien bieten nach
Meinung Friedrichs (2002: 8) ein „Maximum an Selbststeuerung“, die beim Lerner
ein hohes Maß an „Konstruktivität, Spontaneität und Eigenaktivität (…) voraussetzen“.
Die Medienkompetenz, verstanden nicht nur als technische Kompetenz im Sinne
einer instrumentellen Handhabung, sondern insbesondere als Fähigkeit zur
reflektierten Anwendung der Neuen Medien und zu ihrem gezielten Einsatz zur
Problemlösung, ist also im in diesem Zusammenhang unverzichtbar (vgl.
Friedrich 2002: 8; Stadelhofer & Marquard 1998: 19; de Witt & Kerres
2002: 3).
Abschließend lässt sich resümieren, dass – die
nötige Medienkompetenz auf Seiten des Lernenden vorausgesetzt – die verschiedenen
beschriebenen Informations- und Kommunikationstechnologien sicherlich geeignete
Lernressourcen darstellen, die selbstgesteuerte Lernprozesse sinnvoll
unterstützen und erweitern können. Allerdings ist dieses durch Computer bereicherte
Lernen „nicht in jedem Fall anderen Lernmethoden überlegen, sondern muß im
jeweiligen Kontext, je nach Zielgruppe, Lerninhalt und sonstigen Rahmenbedingungen
gesehen werden“ (Stadelhofer & Marquard 1998: 22).
6 Zusammenfassung und Fazit
Selbstgesteuertes Lernen, ein Begriff, der bereits
seit mehr als 30 Jahren in der Fremdsprachenlehrforschung thematisiert wird
(vgl. Breuer 2001: 87) und der als Lernform von vielen als „pädagogisches Ideal
angesehen wird“ (Dietrich, 1999: 14), wird in der aktuellen Debatte von
Pädagogen, Politikern, Wirtschaftsexperten und Psychologen einhellig und
euphorisch als „neue Lernkultur“ oder „Lernform der Zukunft“ (Dietrich 2000: 1)
deklariert. Die Fähigkeit zum selbstgesteuerten, lebenslangen Lernen wird von
vielen aufgrund der gestiegenen gesellschaftlichen Anforderungen sogar als
„Schlüsselkompetenz für das dritte Jahrtausend“ (Thissen 1999: 1) angesehen, da
diese Lernform die konstruktive Rolle des Lernenden beim Wissenserwerb in den
Vordergrund rückt und von ihm die Kenntnis einer Vielzahl von Strategien und
Methoden zur Informationsbeschaffung und Verarbeitung, zur Eigenmotivation, zur
Steuerung des eigenen Lernprozesses und zur Nutzung von Ressourcen
voraussetzt. Nun stellt das selbstgesteuerte Lernen aber keineswegs nur eine Lernform
für erwachsene Lerner dar, die selbstorganisiert (also unabhängig von
Institutionen), autonom und auf sich alleine gestellt im Sinne einer beruflichen
Weiterqualifizierung lernen [12]
(vgl. Lee 1998). Vielmehr eignet sich diese Lernform auch hervorragend als
Ergänzung oder Erweiterung eines schulischen Lernens, bei dem die Lerner sehr
viel mit anderen Lernern zusammenarbeiten und kommunizieren und von einer
Lehrperson in ihren Lern- und Arbeitsprozessen unterstützt werden (vgl.
Rohmann 2001). Friedrich (2002: 3) weist in diesem Zusammenhang darauf hin,
dass die Fähigkeit, für den einen oder anderen Aspekt des Lernens selbst
Verantwortung zu übernehmen, auf allen Stufen des Bildungssystems wichtig sei,
zumal „die jeweils nächste Stufe (Sekundarbereich, Universität, berufliche
Weiterbildung usw.) diese Fähigkeit in zunehmenden Maße“ voraussetze. In
jüngster Vergangenheit wurde aus diesem Grund verstärkt gefordert, dass sich
insbesondere auch allgemeinbildende Schulen und Universitäten für das facettenreiche
und als sehr effektiv [13]
angesehene selbstgesteuerte Lernen öffnen müssten (vgl. Friedrich 2002: 3).
-19-
Auch für den Bereich des schulischen
Fremdsprachenunterrichts wird intensiv eine Veränderung der Lernkultur
dahingehend gefordert, dass Phasen des weitestgehend selbstgesteuerten,
handlungsorientierten oder entdeckenden Lernens verstärkt an Stelle der
rezeptiven Informationsaufnahme treten müssten und dass die Lernenden somit
mehr als Subjekte und nicht ausschließlich als Objekte des Lernprozesses
fungierten (vgl. Friedrich 2002: 5; Bleyhl 1993: 27). Selbststeuerung beim
Lernen im Fremdsprachenunterricht muss dabei stets durch geeignete Situationen
herausgefordert werden. „Solche Situationen können mit Hilfe von Unterrichtsmethoden
geschaffen werden, die den Lernenden Freiheitsgrade für eigene Entscheidungen
einräumen bzw. eigene Entscheidungen und Verantwortungsübernahme von ihnen
verlangen“ (Friedrich 2002: 11). Zu den geeigneten Unterrichtsmethoden zählen
beispielsweise die Stationenarbeit, die Wochenplanarbeit, die Projektmethode,
das entdeckende Lernen und die Freiarbeit. Es muss hierbei also darum gehen,
einen Wechsel von lehrerzentrierten zu schülerzentrierten Aktivitäten
durchzuführen, weniger „whole-class“- und stattdessen mehr kommunikative
Kleingruppenarbeit anzustreben, strukturierte Instruktion durch
exploratorische Aktivitäten zu ergänzen und individualisierte
Konkurrenzsituationen durch mehr kooperative Lernsituationen zu ersetzen. Auch
Kleppin (2002: 83) weist auf die Bedeutung von verstärkter sozialer Interaktion
der Lernenden untereinander im Fremdsprachenunterricht hin, da sich die
intensivere Kommunikation ihrer Meinung nach positiv auf „(individuelle)
kognitive Lernprozesse“ auswirkt. Insgesamt müssen ferner mehr Aktivitäten
durchgeführt werden, bei denen die „Welt ins Klassenzimmer geholt wird“ und
authentische Probleme mit Hilfe multipler Ressourcen gelöst werden (vgl.
Roblyer et al. 1997: 259). In solchen Unterrichtsphasen erweitert sich die
Lehrerrolle im Vergleich zum Frontalunterricht – in dem dem Lehrer
hauptsächlich die Rolle des Wissensvermittlers zukommt – dahingehend, dass er
nun eher helfend statt bewertend, anregend statt belehrend und moderierend
statt steuernd die Lernprozesse der Schüler begleitet (vgl. Borrmann &
Gerdzen 1998: 9f) und ihnen dabei hilft, das „Lernen zu lernen“ (van Lück 1997:
7).
Neben den geeigneten Unterrichtsmethoden, einer im
Vergleich zum Frontalunterricht deutlich veränderten Lehrerrolle und den
nötigen Lern- und Arbeitsstrategien auf Seiten der Lernenden, die in einem
schulischen Kontext erst erlernt werden müssen, ist für eine erfolgreiche
Integration selbstgesteuerten Lernens in den Fremdsprachenunterricht auch die
Lernumgebung von großer Bedeutung. Wolff (1997: 23) fordert für das Klassenzimmer
der Zukunft, dass es den Lerner in die Lage versetzen sollte, „autonom und
selbstverantwortlich in einer komplexen, reichen und authentischen Lernumgebung
zu lernen“. Die Schüler sollen demnach in einem Raum arbeiten, in dem „man sich
gerne aufhält“ (Legutke & Müller-Hartmann 2000b: 12), der sehr viele
Freiheitsgrade im Hinblick auf Lern- und Arbeitsprozesse erlaubt und der eine
Vielzahl unterschiedlicher Informationsangebote und Lernressourcen für die
Lernenden bereithält, denn dies kann die Lernmotivation erhöhen und somit zu
einem effektiveren Arbeiten führen.
-20-
Zu den angesprochenen,
für selbstgesteuerte Lernprozesse sinnvollen Informationsangeboten, die in
einer solchen „rich learning environment“ (Kallenbach & Ritter 2000: 36)
für das Fremdsprachenlernen nicht fehlen sollten, zählen neben traditionellen
Medien wie beispielsweise Wörterbüchern, Lexika, Zeitungen oder Video- und
Audiomaterialien, insbesondere auch bestimmte Bereiche der neuen Informations-
und Kommunikationstechnologien, insbesondere das WWW, E-Mail- und
Chat-Anwendungen, multimediale Enzyklopädien und tutoriell orientierte,
multimediale Lernprogramme. Verschiedene sinnvolle Einsatzbereiche der
jeweiligen Medienarten in schulische Fremdsprachenlernprozesse wurden in diesem
Artikel aufgezeigt. Es wurde versucht zu verdeutlichen, dass in den Neuen
Medien ein für die Unterstützung selbstgesteuerten Lernens großes Potential
liegt – insbesondere was die Rolle der neuen Technologien als Lernressource
betrifft. Allerdings gilt: Die betreuenden Lehrenden müssen das jeweilige
Potential erkennen können und durch eine geeignete Didaktik sinnvoll zu nutzen
wissen, denn nur so können die Neuen Medien zu einer sinnvollen Bereicherung
fremdsprachlicher Lernprozesse werden.
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Anmerkungen
[1] Von der Handt (2002: 22) weist darauf hin,
dass die Erschließung authentischer Inhalte im WWW zwar in der Regel weitaus
schwieriger als die Erschließung didaktisierter Inhalte in anderen Lernmedien
sei, die Arbeit mit authentischen Materialien berge aber stets auch ein
Potential für eine Motivationssteigerung auf Seiten des Lernenden.
[2] Natürlich sind auch Einheiten unabhängig
vom Lehrbuch denkbar, beispielsweise zu aktuellen politischen Themen.
[4] Selbstverständlich kann auch der
individuelle Lerner die multimediale Enzyklopädie sinnvoll als Lernressource
nutzen. In einem Unterrichtsszenario ist die gemeinsame Informationsbeschaffung
und Auswertung in Gruppen aber die sinnvollere Alternative, da hierdurch die
Lernenden zu intensiven, für den Fremdsprachenerwerb bedeutsamen Bedeutungsaushandlungen
untereinander angeregt werden.
-27-
[5] Am sinnvollsten ist es, wenn die Schule
das jeweilige Programm als im Vergleich zur Einzellizenz weitaus
kostengünstigere Netzwerk- oder Schullizenz erwirbt und es dann im
Schulnetzwerk allen angeschlossenen Rechnern zur Verfügung stellt.
[6] Darüber hinaus können auch die Homepages
von Schulen im WWW ein Ansatzpunkt für das Herstellen von Kontakten zum Zweck
einer E-Mail-Partnerschaft sein.
[7] Speziell an dieser Stelle muss darauf
hingewiesen werden, dass Emailprojekte oftmals auch sinnvoll mit Internetrecherchen
kombiniert werden können.
[8] Solche Chaträume lassen sich relativ
problemlos und zumeist kostenlos (z.B. unter http://www.spinchat.de) von den Lehrenden
einrichten und verwalten.
[9] Was das Finden einer Partnerklasse und
eines geeigneten Themas betrifft, siehe die Ausführungen zu E-Mail im
Fremdsprachenunterricht (4.3).
[10] Im folgenden Teil wird
von den Eigenschaften guter Programme gesprochen, die didaktisch und technisch
sehr ausgereift sind. Allerdings schöpfen leider bisher noch zu wenige der auf
dem Markt befindlichen Programme die technischen Möglichkeiten des Mediums aus,
und auch aus didaktischer Sicht sind viele Programme leider nicht
empfehlenswert.
[11] Diese Programme zeichnen sich insbesondere
durch eine gute Fehleranalyse, die didaktische Vielfalt der Übungen, die
Motivierung der Lernenden, die Interaktivität, die Bedienerfreundlichkeit und
die technische wie inhaltliche Fehlerlosigkeit aus.
[12] In der Literatur zur Erwachsenenbildung
hat dieses Thema einen sehr hohen Stellenwert.
[13] Zu bedenken bleibt hier jedoch, dass
selbstgesteuertes Lernen nicht per se zum Erfolg führt. Selbstgesteuertes
Lernen wird zwar oftmals als „Königsweg im Bildungsprozess“ (Dietrich 1999: 17)
dargestellt, es existieren aber auch einige negative Aspekte, die es zu
bedenken gibt: So löst diese Lernform nicht selten Frustration bei Lernenden
und Lehrenden aus, sie fordert in der Regel viel Zeit, setzt beim Lehrenden und
den Lernenden die Kenntnis einer Vielzahl von Strategien und Kompetenzen voraus
und es bedarf einer geeigneten Lernumgebung, die zumeist erst gestaltet werden
muss. Außerdem ist selbstgesteuertes Lernen nicht in jedem Fall die beste
Lernmethode. Oftmals bedarf es vielmehr beispielsweise einer hohen
Fremdsteuerung in Phasen der gezielten Instruktion durch die Lehrperson.
Selbstgesteuertes Lernen sollte also als sehr komplexe Lernmethode angesehen
werden, deren Anwendung in bestimmten Phasen des Unterrichts sinnvoll sein
kann.
Copyright
©
2005 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht
Schmidt, Torben. (2005). Selbstgesteuertes
Lernen mit Neuen Medien im Fremdsprachenunterricht: Eine
Bestandsaufnahme. Zeitschrift für
Interkulturellen
Fremdsprachenunterricht [Online], 10 (1), 27 pp. Abrufbar unter
http://www.ualberta.ca/~german/ejournal/TorbenSchmidt.htm
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