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KILP, ELÓIDE (2003).
Spiele für den Fremdsprachenunterricht. Aspekte einer Spielandragogik.
Tübingen: Stauffenburg Verlag. ISBN: 3-86057-924-X. 207 Seiten, 49,50 €.
Obwohl Spiele schon
Mitte der 70er Jahre in kommunikativ orientierten Methoden ihren Boom erlebt
haben, scheint das Interesse an ihrem Einsatz im Fremdsprachenunterricht bis
zum heutigen Tag erhalten geblieben zu sein. Die Aktualität des Themas belegen
u.a. das Erscheinen von einschlägigen Themenheften in den letzten Jahren [1]
und die Fülle von neuen und neu bearbeiteten Spielsammlungen. Im Gegensatz dazu
besteht in der Fremdsprachendidaktik ein Mangel an wissenschaftlichen und
systematischen Auseinandersetzungen mit dem Thema. Die Zielsetzung von Elóide
Kilp besteht darin, mit ihrer Dissertation das bestehende Forschungsdefizit
einigermaßen zu beheben.
Die Untersuchung bietet
einen neuen Aspekt zur Forschung von Sprachlernspielen, indem sie im Kontext
der Erwachsenenbildung thematisiert werden (s. den Terminus im Untertitel,
Andragogik = Erwachsenenbildung). Ein bedeutendes Verdienst der Arbeit besteht
ferner darin, dass die Autorin einen interdisziplinär angelegten Ansatz zur
Behandlung der Thematik gewählt hat. In der Arbeit werden die Zusammenhänge
zwischen vier zentralen Themenbereichen angesprochen: Lernen, Spielen,
Fremdsprache und Erwachsenenbildung. In den Kapiteln 1-5 legt die Autorin in
den obigen vier Bereichen die
wissenschaftliche Grundlage für die Studie an, um diese Erkenntnisse in den
folgenden Kapiteln in Form einer Spielsammlung nutzbar zu machen.
Im umfangreichsten
ersten Kapitel befasst sich die Autorin mit dem Lernprozess im Erwachsenenalter
sowie mit den Faktoren, die auf diesen Prozess einwirken. Zunächst werden die
behavioristische, die kognitivistische und die konstruktivistische Lerntheorie
erläutert. Danach wird, ausgehend von Erkenntnissen der Wahrnehmungsforschung
und der Erforschung der Informationsverarbeitung, auf die verschiedenen
Lerntypen und -stile sowie Lerntechniken und -strategien Erwachsener
eingegangen. Die Autorin macht in diesem Teil der Arbeit auf die Wichtigkeit
eines individuell abgestimmten Unterrichts mehrmals aufmerksam.
Im Kapitel 2 setzt sich
Kilp kurz mit den bekannten Hypothesen des Fremdsprachenerwerbs (u.a.
Interferenzhypothese, Identitätshypothese, Interlanguage-Hypothese,
Pidginisierungs-Hypothese, Monitor-Hypothese und Input-Hypothese) auseinander.
Übersichtsartig werden auch ausgewählte Ergebnisse der
Zweitsprachenerwerbsforschung herangezogen.
Im Kapitel 3 folgt eine
historische Darstellung ausgewählter Spieltheorien von der Antike bis hin zu
den verschiedenen Spieldeutungen des 20. Jahrhunderts. Der Schwerpunkt liegt
auf der phänomenologischen Perspektive, da in der zweiten Hälfte des Kapitels
die Merkmale des Spiels zusammengefasst werden. Schließlich wird das Spiel als
eine Extremform der Übungen definiert und durch die Merkmale 'Spielregeln' und
'Gewinnsituation' von den Übungen abgegrenzt. Kritisch ist an dieser Stelle
anzumerken, dass die Autorin durch die Festlegung des Kriteriums der
Gewinnsituation die umfangsreiche Gruppe der kooperativen Sprachlernspiele
außer Acht gelassen hat. Entsprechend werden in die Spielsammlung im achten
Kapitel auch keine kooperativen Sprachlernspiele aufgenommen. Das ist sehr
bedauerlich, da durch den Einsatz kooperativer Lernformen eine positive Wirkung
auf das soziale Verhalten der Gruppenmitglieder ausgeübt werden kann.
-2-
Das Kapitel 4
präsentiert die Zielsetzung, erfolgreiche erwachsenengerechte Sprachlernspiele
zu finden. Einerseits schlägt Kilp traditionelle Spiele, wie Memory und Domino vor, andererseits erwähnt sie kommerzielle Spiele des
Spielwarenmarktes, z.B. Scrabble und Monopoly. Der Rückgriff auf bereits
bekannte Spiele wird damit begründet, dass sich die Spieler besser auf die
Spielsituation konzentrieren können, wenn sie mit einem allgemein als gut
anerkannten Spiel zu tun haben und das Erlernen der Spielregel nicht nötig ist.
So kommt die Autorin zu dem Schluss, dass im Unterricht einfache Spiele sowie
Grundformen von Spielen bevorzugt werden sollten. Das gleiche Prinzip liegt
auch der Veröffentlichung von Christa Dauvillier & Dorothea Lévy-Hillerich [2]
(2004) Spiele im Deutschunterricht
zugrunde. Die Sprachlernspiele werden in diesem Kapitel nach den
Teilkompetenzen Wortschatz, Grammatik, Sprach- bzw. Sprechfertigkeit, Phonetik,
Dolmetschen und Übersetzen, Landeskunde und Interkulturelles Lernen gruppiert
und kurz charakterisiert. Die detaillierte Beschreibung der Spiele erfolgt im
achten Kapitel.
Erst im Kapitel 5, das
der Thematisierung der Rolle des Spiels im Fremdsprachenunterricht gewidmet
ist, erfolgt eine begriffliche Differenzierung. Es sei jedoch angemerkt, dass
die Begriffe 'Spiel', 'Lernspiel', 'Unterrichtsspiel' und 'Sprachlernspiel' in
der ganzen Arbeit etwas inkonsequent, nämlich als Synonyme verwendet werden. [3]
In diesem Kapitel geht die Autorin weiterhin auf die Funktionen des
Sprachlernspiels, auf die Rolle des Kursleiters bei Sprachlernspielen sowie auf
bekannte Klassifikationsmöglichkeiten aus der fremdsprachendidaktischen
Literatur ein.
Kilp zieht auf Grund der
Auseinandersetzung mit früheren Klassifikationsversuchen die Konsequenz, dass
Einteilungen nach nur einem oder einigen wenigen Kriterien bei so einem
komplexen Gegenstand wie dem Spiel naturgemäß unzulänglich sind. In den
Kapiteln 6 und 7 wird daher der Versuch unternommen, einen mehrdimensionalen
Kriterienkatalog zur Klassifikation von Sprachlernspielen zu erarbeiten. Der
Klassifikation liegt die systematische Betrachtung wesentlicher Aspekte beim
Entwerfen und Erstellen von Sprachlernspielen zugrunde. Kilp legt eine sog.
morphologische Analyse der Sprachlernspiele vor. Die Methode der
morphologischen Analyse im Sinne von Zwicky (vgl. Zwicky 1989) beschreibt die
wichtigsten Parameter eines Produktes, einer Tätigkeit oder einer Leistung und
ordnet sie in einem Koordinatensystem an, um die Beziehungen der einzelnen
Variablen systematisch untersuchen zu können. In einer zweiachsigen Matrix
(auch Morphologischer Kasten genannt) werden die beschreibenden Parameter eines
Problems auf der einen Achse und die Ausprägungen dieser Parameter auf der
anderen Achse festgehalten. In die Matrix der vorliegenden Arbeit werden zur
Charakterisierung der Sprachlernspiele zielgruppenbezogene, spielbezogene,
lerninhaltsbezogene und herstellungsbezogene Parameter (insgesamt 13)
aufgenommen. Die Autorin betont, dass die von ihr ausgewählten Ausprägungen der
einzelnen Parameter sich aus persönlichen Erfahrungswerten ergeben. Bei der
Übersicht der ausgewählten Parameter und Ausprägungen fallen einige
Formulierungen ins Auge. Erstens kann erwähnt werden, dass Schreibspiele sowohl
als Spielform als auch als Spieltyp eingestuft werden, was die eindeutige
Einteilung der Sprachlernspiele erschwert. Zweitens sind Rollenspiele als eine
Spielform, Simulationsspiele als ein Spielzweck, Planspiele dagegen als ein
Aktionstyp von Sprachlernspielen definiert, obwohl diese verschiedene
Spieltypen darstellen. Drittens ist anzumerken, dass bei dem
Spielzweckparameter drei Untergruppen, nämlich Kennenlernspiel, Sprachlernspiel
und Simulationsspiel angegeben werden, obwohl Sprachlernspiel in diesem Fall
als Oberbegriff gilt und nicht mit Kennenlern- und Simulationsspielen auf einer
Ebene angesiedelt werden kann.
-3-
Das Kapitel 8 enthält
schließlich die Sammlung von 35 Grundspielformen für den
Fremdsprachenunterricht. Berücksichtigt wurden traditionelle Spiele wie z.B. Stadt Land Fluss oder Kofferpacken, die Mehrheit der
erläuterten Spiele sind jedoch bloß auf dem deutschen Spielwarenmarkt
erhältliche kommerzielle Spiele. Viele von ihnen liefern natürlich gute, für
den Fremdsprachenunterricht abwandelbare Ideen für die Lehrenden. Die Mehrheit
der Spiele erfordert aber Spielkarten, Spielbretter oder sogar Spielgeräte.
Selbst die Autorin weist daher an mehreren Stellen darauf hin, dass die
Vorbereitung dieser Spiele ohne die erforderlichen Materialien sehr
zeitaufwendig ist. Ich habe die vorliegende Veröffentlichung aus der
Perspektive einer DaF- Lehrerin gelesen. Deshalb schien mir die Beschaffung
dieser für den Fremdsprachenunterricht ohne weiteres nützlichen Spiele bloß ein
schöner Traum zu sein. Man darf natürlich nicht vergessen, dass die Zielsetzung
von Kilp darin bestand, Grundspielformen darzulegen, die sprachunabhängig
umgesetzt werden können. Dadurch, dass nur die Spielregeln - ohne die nötigen
deutschsprachigen Materialien in Form von Kopiervorlagen - dargelegt werden,
kann die obige Zielsetzung erfüllt werden.
Im letzten Kapitel
stellt die Autorin fünf Bedarfsanalysen zur Nutzung der Grundspielsammlung vor.
Es werden ausgewählte Unterrichtskontexte mit unterschiedlichen Zielgruppen,
Zielsprachen und Lerninhalten dargestellt und zu ihren Zwecken mit Hilfe der
morphologischen Analyse aus der Spielsammlung geeignete Spiele ausgewählt.
Durch diese Beispiele wird versucht, die Leser in die Anwendung der
Spielsammlung einzuführen und die Nutzung für sie zu erleichtern. Selbst Kilp
gibt zu, dass diese Vorgehensweise der morphologischen Analyse sehr aufwändig
ist. Ich bin auch der Ansicht, dass diese Analyse bei einem so kleinen,
ziemlich gut überschaubaren Datenbestand nicht unbedingt nötig ist. Im Falle
einer umfangreicheren Datenbank, möglicherweise mit der Verbindung eines
Computerprogramms zur Erleichterung der Arbeit, wäre die morphologische Analyse
eine geeignete Methode zum Auffinden adressatengerechter Sprachlernspiele.
Obwohl die Vorgehensweise einer einigermaßen genaueren Ausdifferenzierung
bedarf, ist es alles in allem ein interessanter Versuch, um "ein zeitgemäßes,
nutzbringendes Werkzeug zur Verfügung zu stellen, das Unterrichtenden aller
Sprachen bei der Erstellung von Unterrichtseinheiten dienen kann" - wie es in
der Einleitung der Arbeit (S. 15-16) heißt.
Literatur
Dauvillier, Christa & Lévy-Hillerich, Dorothea.
(2004). Spiele im Deutschunterricht. Fernstudieneinheit 28. Berlin u.a.
Stellfeld, Elke. (1995). Zu Schreibspielen als
Sprachlernspielen im Fremdsprachenunterricht des mittleren Schulalters.
(Russisch). Magdeburg.
Zwicky, Fritz. (1989). Morphologische Forschung:
Wesen und Wandel materieller und geistiger struktureller Zusammenhänge. Glarus.
Anmerkungen
[1]
Siehe die folgenden Themenhefte zum Spieleinsatz: Spielen - Denken - Handeln. Fremdsprache Deutsch. Zeitschrift für die Praxis des Deutschunterrichts. 2001.
Heft 25; Spielen im Deutschunterricht. D-Blatt. Das Magazin für Deutschlehrer
in den Niederlanden. 2002. Nr. 19; Didaktische Spiele im Fremdsprachenunterricht. Babylonia. Die schweizerische Zeitschrift für Sprachunterricht und
Sprachenlernen. 2003/1.
[2] Dauvillier & Lévy-Hillerich (2004: 6) sprechen von Prototypen von
Spielen.
[3] Eine differenziertere Begriffsbestimmung hat z.B. Elke Stellfeld
(1995) in ihrer Dissertation vorgelegt.
EMESE MÁTYÀS
(Universität Jyväskyla/Finnland)
Copyright
©
2005 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht
KILP, ELÓIDE (2003). Spiele für den Fremdsprachenunterricht. Aspekte einer Spielandragogik.
Tübingen: Stauffenburg Verlag. ISBN: 3-86057-924-X. 207 Seiten, 49,50 €.
Rezensiert von Emese Mátyàs. Zeitschrift für
Interkulturellen
Fremdsprachenunterricht [Online], 10 (2), 3 pp. Abrufbar unter
http://www.ualberta.ca/~german/ejournal/Kilp2.htm
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