line
line

MEYER, HILBERT. (2004). Was ist guter Unterricht? Berlin: Cornelsen Scriptor. ISBN 3-7720-8039-1. 403 Seiten, 12,95 Euro.

Hilbert Meyers Buch ist für diejenigen Lehrer bestimmt, die sich aus der Routine ausklinken und die Klippen ihres Berufs umschiffen wollen. Alle, die den eigenen Unterricht verbessern möchten, finden hier praktische und brauchbare Werkzeuge zur Verifizierung der eigenen Unterrichtpraxis. Der Autor geht ziemlich unkonventionell vor, denn er schreibt auch von Lehrern, die den Unterricht stören, Schülerarbeiten schludrig korrigieren und ungerecht benoten. Nicht nur die Hefte sollen sauber geführt werden, dasselbe betrifft den Tafelanschrieb, behauptet  Hilbert Meyer. Viele Lehrerfehler sind auf den ersten Blick nicht sichtbar; es ist manchmal gar nicht einfach, eingeschliffene Muster als kontraproduktiv zu entlarven.

"Es ist wichtiger, dass der Stoff bei den Schülern ankommt, als dass Sie mit dem Stoff durchkommen" (111 ), schreibt Hilbert Meyer und zeigt mit diesem Satz, wie realistisch er den Unterrichtsprozess sieht. Das neueste Buch des Autors trägt den viel versprechenden Titel "Was ist guter Unterricht?" Mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit kann man sagen, dass die Antwort auf diese Frage jeder Lehrer gerne wüßte. Das Problem liegt nur darin, dass die Didaktik uns bisher schon etliche, sich oft  widersprechende Empfehlungen gegeben hat. Hilbert Meyer behauptet jedoch, dass die Unterrichtsforschung in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht habe und die Lehrer heute daher nicht mehr auf Spekulationen angewiesen seien. Er stellt dem Leser zehn empirisch abgesicherte Gütekritierien für Unterricht vor. Der Autor warnt davor, sie als fertige Rezepte zu betrachten, um so mehr, als es hier nicht um eine konkrete Fachdidaktik geht. Und doch können auch Fremdsprachenlehrer davon profitieren.

Der Anfang des Bandes ist nicht ganz leicht, denn zuerst müssen alle Begriffe definiert werden, aber je länger man liest, desto interessanter wird's. Zuerst werden alle zehn Kriterien (Meyer bezeichnet sie als Kriterienmix) des guten Unterrichts eins nach dem anderen benannt und ausführlich besprochen. Der Autor gesteht mit schöner Ehrlichkeit, dass manches ihn überrascht habe. "Bei der Einarbeitung in diese neueren Forschungsbefunde war ich überrascht, eine ganze Reihe lieb gewordener Vorurteile über die Merkmale guten Unterrichts aufgeben zu müssen, und erfreut, einige alte Schulmeisterweisheiten bestätigt zu finden." (7). Es sind aber nicht die wissenschaftlichen Befunde, die das Buch so interessant machen. Der zweite Teil des Buches liefert konkrete Vorschläge und Hinweise, wie man die eigene Unterrichtspraxis einer kritischen Analyse unterziehen und damit eine reflexive Distanz zum praktizierten Unterrichtsstil gewinnen kann. Um zu zeigen, wie man die eigenen Stärken und Schwächen analysieren kann, bedient sich Hilbert Meyer der zehn Gütekriterien. Die von ihm angebotenen Reflexionsübungen können sowohl in Fortbildungsseminaren durchgeführt werden als auch mit  Schülern, denn von ihnen kann man die zuverlässigste Rückmeldung bekommen (der Autor spricht von der Feedbackkultur). An mehreren  Stellen wird betont, dass man den Unterrichtsprozess nicht künstlich in die Bereiche Lehren und Lernen aufteilen dürfe; Meyer spricht von der Kompetenzstruktur, dem komplexen Charakter der Lehr- und Lernkompetenz. Ohne ein Arbeitsbündnis zwischen Lehrer und  Schülern gibt es keine Erfolge. Wenn jemand das nicht versteht und meint, er könne seinen Unterricht ohne die Hilfe des Schülerfeedbacks beurteilen, dann sei er auf dem Holzweg. Empirische Untersuchungen zeigten, dass die Diagnosekompetenz bei den deutschen LehrerInnen allzu niedrig sei. Höchstwahrscheinlich sieht das Problem in anderen Ländern nicht viel anders aus.



-2-

Ein ganzes Kapitel wird dem Üben gewidmet, und dieser Teil ist für Fremdsprachenlehrer von besonderer Bedeutung. Hilbert Meyer schreibt: "Nur richtiges Üben macht den Meister", und nennt Merkmale eines "intelligenten Übens". Er versteht das Lehren nicht als Vermittlung von Wissen, sondern weist darauf hin, dass derjenige viel gelernt hat, der über viele Lernstrategien verfügt. Es werde oft falsch geübt, lautet die m. E. wichtigste These dieses Kapitels. Einer der Gründe ist die "fiktive Unterstellung gleichen Leistungsvermögens aller Schüler" (111). Aber es gibt auch andere weitaus wichtigere Gründe. Schüler sehen oft in Übungen, die sie machen müssen, keinen Sinn. Hilbert Meyer beruft sich hier auf Jere Brophy: "Lückentext-Arbeitsblätter, Blätter mit Rechenaufgaben und Aufgaben, die Schüler nur dazu bringen, Fakten zu memorieren oder isolierte Operationen durchzuführen, sollen so wenig wie möglich im Unterricht eingesetzt werden" (112). Jeder Fremdsprachenlehrer weiß, wie oft unsere Arbeitsblätter nur solche isolierten Operationen verlangen, Lückentexte werden in fast jedem Unterricht mit Lust und Liebe eingesetzt, und die notwendige Übungsprogression ist hier keine Rechtfertigung. Wer kann schon von sich behaupten, dass in seinem Unterricht Schüler sich vorwiegend mit Problemaufgaben beschäftigen, dass bei ihm memorierende Übungen nur selten eingesetzt werden? Empirische Untersuchungen lassen da keinen Zweifel, "repetitives Üben" ist weder für schwache noch für gute Schüler gut und behindert ganz eindeutig den Lernfortschritt. Einen anderen Grund dafür, dass zu wenig und schlecht geübt wird, sieht Hilbert Meyer in der Stofffülle und empfiehlt jedem Lehrer, das durch den Lehrplan vorgegebene Pensum zu reduzieren.

Meyers pragmatisches Denken äußert sich auch in vielen schwierigen Fragen. Was ist besser: Direkte Instruktion oder Offener Unterricht, fragt der Autor und konstatiert die Ausrichtung der Forschung am Paradigma der Direkten Instruktion. Immer noch fehlt es an Studien zum Offenen Unterricht, immer noch werden die beiden Unterrichtsmethoden nicht genügend miteinander verglichen. Und doch werden die Leser auch hier nicht im Stich gelassen: Es gebe genug Beweise, so Meyer, dass die Direkte Instruktion ein wenig erfolgreicher sei in Hinblick auf Wissensaneignung und fachliches Lernen, Offener Unterricht dagegen, wenn es um die Vermittlung von Methoden- und Sozialkompetenz gehe. Es gibt Untersuchungen, die beweisen, dass diejenigen Lehrer am erfolgreichsten sind, die sich beider Methoden bedienen. Auch hier bestätigt sich Meyers allgemeines Gesetz, dass in der Schule "Mischwald besser als Monokultur ist" (9). Ein konservativer lehrerzentrierter Unterricht führt nicht automatisch zu schlechteren Ergebnissen, genau so wenig wie der Offene Unterricht Erfolge garantieren kann.

Sehr interessant sind auch die Passagen, wo von den Unterschieden zwischen Theoretikern und Praktikern die Rede ist. Ein umstrittener Punkt etwa sind die Sozialformen des Unterrichts, insbesondere die Gruppenarbeit. An diesem Beispiel kann gezeigt werden, inwieweit Hilbert Meyers Buch die didaktische Diskussion vorantreibt. Die Theoretiker sind vorbehaltlos dafür, der Schulalltag zeigt jedoch, dass diese Sozialform von den Praktikern eher skeptisch eingeschätzt wird. Meyer spricht von der Vormachtstellung des Frontalunterrichts und bemerkt, dass Frei- und Projektarbeit fast überall zu kurz kommen. Seiner Meinung nach ist der Gruppenunterricht besser, als die Praktiker meinen, und schlechter, als die Theoretiker behaupten.

Und doch wird an mehreren Stellen zugegeben, dass empirische Untersuchungen immer noch keine klare Antwort auf viele wichtige Fragen liefern. So bleibt z.B. offen, ob es irgendeine Korrelation zwischen Lehrerfortbildung und Lernfortschritt bei Schülern gibt. Man weiß bis heute nicht, wie groß der Zusammenhang zwischen Unterricht und Schülerergebnissen ist. Erste Untersuchungen aus dem Jahr 1972 haben die Korrelation auf maximal 3% geschätzt. Heute geht man davon aus, dass zwischen 20 und 40% des Lernerfolgs vom Unterricht abhängig seien. Auch das ist erstaunlich wenig! Genauso unübersichtlich sind die wissenschaftlichen Befunde hinsichtlich des Einflusses der Atmosphäre auf die Schülerleistungen. Schulklima-Forscher drücken sich sehr vorsichtig aus, und meistens ist von Vermutungen die Rede.



-3-

Eine der größten Stärken des Buch liegt darin, dass Meyer sehr gut zeigen kann, wie widersprüchlich die an die Lehrer gestellten Anforderungen sind. Zu den Aufgaben der Schule gehört einerseits die Selektion, andererseits sollen alle Schüler gefördert werden. Die notwendige Ausbalancierung betrifft aber auch andere Aspekte des schulischen Lebens: Führung und Selbständigkeit, Lernen in der Gemeinschaft und individuelles Lernen, Orientierung an den Lehrplanvorgaben und Berücksichtigung der Schülerinteressen und vieles mehr. Meyer weist darauf hin, dass es auch innerhalb eines Kriteriums widersprüchliche Erwartungen gibt. Er ruft nicht die Illusion hervor, dass es einfach sei, eine Lösung zu finden.

Am interessantesten ist das letzte Kapitel, in dem von der Methodenkompetenz die Rede ist. Es liefert auch zahlreiche Impulse für Fremdsprachenlehrer, denn die Kompetenzstufen, von denen hier die Rede ist, können auch auf die Sprachfertigkeiten bezogen werden. Das Lernen ist ein höchst problematischer Begriff, man kann es weder sehen noch riechen, aber für jeden ist  klar, dass es auf verschiedenen Niveaus verläuft. Es ist ganz wichtig, dass Lehrer diese Stufen nicht nur identifizieren, sondern auch entsprechende Übungen und Aufgaben erarbeiten können. Das von Hilbert Meyer erarbeitete "unterrichtsmethodische Kompetenzstufenmodell" wurde nach dem Kriterium "der zunehmenden Selbstständigkeit methodischen Denkens und Handelns" aufgebaut (169). Das Modell hilft, die Entwicklung von verschiedenen Kompetenzen bei Schülern schrittweise zu entwickeln und entsprechende Übungen zu erarbeiten.

Man könnte noch lange weitere bedeutende Aspekte nennen, die man in Hilbert Meyers neuestem Buch finden kann. Es gibt aber auch solche Stellen, die von wichtigen Problemen handeln, diese aber nur ganz oberflächlich erwähnen. So wird z.B. gesagt, dass hoher Leistungsdruck und exzessives Kontrollieren das Lernen behindern. Leser, bei denen diese Behauptung Interesse weckt, finden aber nur eine Leseempfehlung, denn dieser Gedanke wird nicht weiter entwickelt. Der Autor des Bandes nennt so viele Aspekte des Schullebens, dass manche von ihnen nur angestoßen werden konnten.

Viele Lehrer werden sagen, dass sie nicht allgemeine Hinweise brauchen, sondern Rezepte, die etwas Verlässliches über Ursache und Wirkung im Lehr-Lern-Prozess aussagen. So weit haben es die Forscher noch nicht gebracht. Aber auch wenn nicht aus allen empirischen Untersuchungen konkrete Schlussfolgerungen gezogen werden können, liefert das Buch den Lehrern nicht nur Impulse zur Analyse der eigenen Unterrichtspraxis, sondern auch praktische Werkzeuge zu ihrer Verbesserung.

MARZENA ŻYLINSKA
(Toruń/Polen)




Copyright © 2005 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

MEYER, HILBERT. (2004). Was ist guter Unterricht? Berlin: Cornelsen Scriptor. ISBN 3-7720-8039-1. 403 Seiten. Rezensiert von Marzena Żylinska. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online], 10 (3), 3 pp.
Abrufbar unter http://www.ualberta.ca/~german/ejournal/Meyer1.htm

[Zurück zur Leitseite]
line
line