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Ein Jahrzehnt neue Rechtschreibung. Ein denkwürdiges kleines Jubiläum, aber gibt es etwas zu feiern? Der Reihe nach und zur Erinnerung: Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hat die Politik eine neue deutsche Rechtschreibung verordnet. Bereits ein, zwei Jahre vor ihrem Inkrafttreten am 01.08.1996 stand sie in den Schulbüchern - in Lesebüchern in vollem Kontrast zu den literarischen Texten, die zu fast 100 Prozent in alter Rechtschreibung gedruckt werden mußten, weil die Schriftsteller einer Umstellung ihrer Texte nicht zustimmten. Schüler wurden schon nach den neuen Regeln unterrichtet, in Klassenarbeiten bzw. Schulaufgaben wurde die neue Schreibung eingefordert, alte Schreibweisen aber nur als überholt und nicht als Fehler markiert. Verlage versprachen sich von rascher Umstellung ihrer Werke Wettbewerbsvorteile, Kultusministerien ließen nurmehr Werke zu, die die neuen Regeln umsetzten, auf den Schulbüchern erschienen Aufkleber mit dem Hinweis auf die neue Schreibweise: Schon in neuer Rechtschreibung, NR ok!, NR mit Häkchen. Bald stellte sich heraus, daß die Aufkleber keineswegs als Gütesiegel wirkten, obwohl mancher sich das erhofft hatte. Als sich im Herbst 1995 einzelne Kultusminister höchstpersönlich mit einigen Details der Reform auseinandersetzten, kam es zur ersten Revision noch vor Inkrafttreten der Reform. Hatten die Reformer zuvor für eine konsequente Kleinschreibung von Adjektiven mit dem Argument votiert, der Eigenschaftscharakter verlange die Kleinschreibung, so mußten sie angesichts feststehender Begriffe wie etwa Heiliger Vater erstmals zurückrudern.

Was hatte sich geändert, worin bestand die Reform? Verkürzt gesagt: Das scharfe S, das ß, historisch von Druckern und Setzern aus ästhetischen, nicht grammatisch-morphologischen Gründen in unser Sprachbild eingebracht, sollte nach kurzen Vokalen weichen und durch zwei S ersetzt werden - bis auf wenige ß vor lang gesprochenen Vokalen bzw. Diphthongen wie etwa in verließ und Muße. Dabei hatte sich das scharfe S für die Vermittlung des Deutschen als Fremdsprache als sehr nützlich erwiesen, konnte mit ihm doch visuell markant die Konjunktion daß von dem Relativpronomen das unterschieden werden: Ob der Minister wußte, daß er uns eine Eselsbrücke nimmt, kann ich nicht sagen. Aber das Buch, das ich kürzlich im Deutschkurs bekommen habe, finde ich schwerer. Fehleranalysen in den letzten zehn Jahren haben ergeben, daß sowohl LernerInnen des Deutschen als Fremdsprache als auch muttersprachliche LernerInnen in einem kreativ-sprachökonomischen Akt kurzerhand nur mehr das, und zwar für Konjunktion und Relativpronomen, verwenden. Weniger Kommata sollten gesetzt werden, womit bestimmte Reformer den LernerInnen durch Strukturvereinfachung entgegenzukommen glaubten - eine vermeintliche Vereinfachung der Zeichensetzung. Diese Reformer hatten indessen ihre eigene Lebensphase als Fremdsprachenlerner nicht mehr präsent und erinnerten sich nicht daran, daß Kommata u.a. Sätze durch Untergliederung und Sprechpausen besser verstehbar, beschreibbar und analysierbar machen. Aus fremden Sprachen ursprünglich übernommene Begriffe wurden gnadenlos eingedeutscht: Spagetti, Portmonee. Darüber hinaus favorisierten die Reformer bei Zusammensetzungen Getrenntschreibung gegenüber Zusammenschreibung. Schließlich durfte auch getrennt werden, was vorher nicht getrennt werden durfte (Trenne nie das S vom T, denn es tut den beiden weh.): Ges-te und Gäs-te waren nunmehr so richtig getrennt; etwas nachdenken mußte und keine Regelsicherheit hatte, wer Frustration trennen wollte und noch die Regel im Kopf hatte Mitlaut mitnehmen in die nächste Zeile: nur das R mitnehmen (Frust-ration), zwei Mitlaute mitnehmen (Frus-tration) oder gleich alle drei (Fru-stration)? Der Duden verwendet die beiden letztgenannten Varianten, ohne die Trennbarkeit von S und T zu thematisieren.



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Ein Produkt der Rechtschreibreform: Ob der Minister wusste das er uns eine Eselsbrücke nimmt kann ich nicht sagen. Aber das Buch, das ich kürzlich im Deutschkurs bekommen habe finde ich schwerer. Aber das ist nicht so schlimm ich schreibe jetzt du und sie immer klein sie, Herr Lehrer das ist gut. Kommas setze ich auch viel weniger um mein Gehirn nicht so zu stressen und wenn ich lange Wörter man nennt das so komisch Zusammen- und Getrenntschreibung nur schon von Weitem ist doch richtig oder das Weite hm kommen sehe dann schreibe ich immer getrennt weil das jetzt so ist. Aber die Deutschen sind nie zufrieden und diskutieren alles immer 100 Jahre zum Beispiel steht im Duden auch klasse extra im Kasten früher gab es nur Wörterschlangen heute stehen immer Kasten dazwischen also da steht und das ist jetzt so 'eine Behauptung richtig stellen'. Finde ich auch gut den eine Behauptung muss richtig gut stehen. Wenn sie nämlich umfällt war es keine gute Behauptung also muss man sie einfach richtig stellen. Aber in der Zeitung die wieder in alter Rechtschreibung schreibt freuen sie sich das ab 01.08.2006 wieder etwas Anderes richtig ist nämlich 'eine Behauptung richtigstellen'. Das verstehe ich nicht bei den Deutschen.

Von Schülerinnen und Schülern wurde die neue Rechtschreibung angenommen, nicht zuletzt deswegen, weil sie keine andere Wahl hatten und weil in einer mehrjährigen Übergangszeit Rechtschreibfehlern viel weniger negativer Einfluß auf die Note zukam. Außerhalb der Schulen und Ministerien aber entwickelte sich ein bis heute andauernder erbitterter Streit. Die Schriftsteller beharrten auf ihrem Recht, in alter Rechtschreibung zu schreiben, bestimmte Zeitungen und Verlage führten von Verlag zu Verlag unterschiedliche hauseigene Schreibkonventionen ein, die auf allzu ungewöhnliche Blüten der neuen Rechtschreibung verzichteten und so weit wie möglich an die alte Rechtschreibung erinnerten. Die renommierte Neue Zürcher Zeitung analysierte die neue Rechtschreibung sehr genau, trennte für sich Spreu vom Weizen und teilte ihren Lesern in einem ausführlichen redaktionellen Beitrag mit, wo man der neuen Rechtschreibung folge, wo nicht und welche Regeln man selbst zukünftig anwende (darunter auch selbstgeschaffene). In der Schweiz gibt es gar kein ß, durch Kontextabfrage macht das aber auch kein Problem bei Busse kommen und Busse tun, ebensowenig bei Masse (große Menge) und Masse (in hohem Maße irritierend). Mitten in der gesellschaftlichen Diskussion entschied die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) im Jahr 2000 ihre Rückkehr zur alten Rechtschreibung. Die Politik verspürte mit der Zeit einen für ihren Geschmack zu heftigen Gegenwind, wollte wegen der einmal getroffenen Entscheidung grundsätzlich an der neuen Rechtschreibung festhalten, setzte aber einen Rechtschreibrat ein, der mit einer Reform der Reform beauftragt wurde. Vorsitzender des Rechtschreibrates wurde der ehemalige bayerische Kultusminister, der bereits vor der Einführung der ersten neuen Rechtschreibung kurzfristig für Veränderungen am Regelwerk gesorgt hatte. Ende Februar 2006 hat der deutsche Rechtschreibrat seine Empfehlungen zur Reform der Rechtschreibreform an die Kultusminister übergeben, und diese haben die Empfehlungen Anfang März 2006 angenommen. Dies bedeutet, daß zum 01.08.06 die Reform der Rechtschreibreform, also die neueste deutsche Rechtschreibung, in Kraft tritt. Rückgängig gemacht wurden offenkundig gewöhnungsbedürftige bis sinnwidrige Getrenntschreibungen von Komposita (sich auseinander setzen wird wieder zu sich auseinandersetzen im Sinne von "sich mit etwas beschäftigen"), Kommata werden wieder vermehrt zur Satzgliederung eingesetzt, und Abtrennungen von Einzelbuchstaben (A-bend) sind wieder aufgehoben. Es bleiben weiterhin Unklarheiten über Klein- und Großschreibung von Adjektiven und Partizipien (des Öfteren, aber Hauptvariante ohne weiteres, auch erlaubt ohne Weiteres). Ein Regelwerk zu dieser neuesten Rechtschreibung und eine 177seitige Wörterliste stehen als Pdf-Datei zur Verfügung (http://rechtschreibrat.ids-mannheim.de/doku/regeln2006.pdf).



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Reformgegner wie die FAZ resümierten: "Die Reform der Rechtschreibreform endet als Reformtorso" (FAZ vom 04.03.06). Die Süddeutsche Zeitung (etwa SZ vom 27.02.06) hält im Gegensatz zur FAZ zwar an der neuen Rechtschreibung fest, steht ihr aber zumindest in ihrem Feuilleton sehr kritisch gegenüber. Sie verwahrt sich etwa gegen die Forderung des saarländischen Kultusministers Jürgen Schreier, die Zeitungen müßten jetzt "Verantwortung übernehmen und den Empfehlungen des Rechtschreibrates zur neuen Rechtschreibung folgen", mit dem Hinweis, die Politik habe willkürlich damit begonnen, an der deutschen Rechtschreibung herumzubasteln, und sie breche dieses "Herumbasteln" nun ebenso willkürlich wieder ab. Die Kultusministerin des Landes Brandenburg Wanka äußerte sich Anfang März 2006 überraschend offen in dem Sinn, daß "die Rechtschreibreform falsch war".

Ebenso überraschend auch die Offenheit, in der über die Unzulänglichkeiten des alten Reformwerks gesprochen wird. Allein die FAZ bündelt folgende Äußerungen: "Die 'eklatantesten Mißstände' seien beseitigt, der 'gröbste Unsinn' und die 'schlimmsten Fehler' würden nun rückgängig gemacht", um die Frage anzuschließen: "Aber wie steht es mit jenen Reformteilen, die nicht gröbster Unsinn, sondern nur grober oder feinkörniger Unsinn sind?"

Was bleibt, und damit zurück zur Eingangsfrage: Gibt es da etwas zu feiern? Was bleibt, sind zum einen in eineinhalb Jahrzehnten gebeutelte Verlage: In ihren Schulbüchern hatten sie nacheinander zu schultern - und das bei rückläufigen Geburtenraten, sprich Schülerzahlen: Umstellung der Schulbücher wegen der deutschen Einheit 1989 bis 1991, wegen der neuen Postleitzahlen, wegen der neuen Rechtschreibung zur Mitte der 90er Jahre, wegen der Einführung des Euro, wegen der Erweiterung der EU, wegen stillschweigender Reformen der neuen Rechtschreibung um die Jahrtausendwende und wegen der Reform der Rechtschreibreform 2006. Zum anderen bleibt der Eindruck so mancher Schüler, in der Grundschule etwas gelernt zu haben, was sie im Gymnasium als überholt angemerkt bekommen und woraufhin sie umzulernen haben, bis schließlich im Abitur 2006 wieder die Variante von ihnen verlangt wird, die sie in der Grundschule erlernten. Das vermittelt zumindest keinen repräsentativen Eindruck von normalen Abläufen des Sprachwandels. Nicht zu unterschätzen sind auch zwei weitere Effekte der Diskussion um die Rechtschreibung: Die zahllosen Schreiben offizieller Art, sei es von Institutionen oder Firmen, folgen zwar der neuen Rechtschreibung, in ihnen finden sich aber auch vergleichsweise viele Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler. Ein Zeichen von Toleranz oder von Resignation? In privaten Schriftstücken, vorrangig Briefen, aber auch in Schreiben von Privatpersonen an Institutionen oder Unternehmen, zeigt sich eine derart bunte Mischung aus alter, neuer und individueller Schreibung, daß in der Summe von einer einheitlichen, standardisierten Schreibung nicht mehr die Rede sein kann. Nachgerade auffällig sind Schriftstücke, die konsequent in alter oder neuer Rechtschreibung verfaßt sind. Hinter ihnen steckt in jedem Fall ein konsequenter Kopf, im Fall der alten Rechtschreibung der eher traditionellen Werten verbundene, im Falle der neuen Rechtschreibung der Staatsbürger, der mit der Zeit geht. Was aber aus der zeitlichen Distanz von zehn Jahren auch auffällt, ist die gebetsmühlenartig reproduzierte Aussage, das Regelwerk sei unter großem Zeitdruck entstanden. Dies wird ebenso geltend gemacht für die Abfassung der Empfehlungen des Rechtschreibrates wie für die Abfassung des ersten Regelwerkes in der ersten Hälfte der 90er Jahre. Solche Aussagen und Argumentationen sind schlagende Beweise für die Überlegenheit von Akademien, die als dauerhafte Einrichtungen den Dingen die wirklich nötige Zeit widmen können. Für das nach nunmehr zehn Jahren vorliegende veränderte Regelwerk der deutschen Sprache hätte es bestimmt keiner so langen Arbeit einer Akademie bedurft.



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Gibt es etwas zu feiern? Man muß schon ein bißchen grübeln, aber es gibt etwas: Die Schreibung der deutschen Sprache ist im Gespräch, und manche, die für gewöhnlich die Sprache eher mechanisch anwenden, setzen sich mit ihr auseinander und denken über sie nach. Für viele hat der gelehrte Streit um die Schreibung auch etwas schlicht Befreiendes, sie schreiben, wie es ihnen gefällt. Auch dieses Schreiben wirkt auf die Sprache zurück. Zu feiern gilt es also die Öffnung von Regelwerken hin zu einem Prozeß der Sprachentwicklung, zu der nicht nur Experten beitragen. Dieser Entwicklungsprozeß der Sprachverwendung ist um so bedeutsamer, als er einer Erstarrung entgegenzuwirken in der Lage ist, in die eine Sprache angesichts ihrer Existenzbedrohung durch ein globalisiertes Englisch versinken könnte. Zu feiern gibt es ein bißchen mehr Freiheit im Umgang mit der Sprache. Das tut gut.

Dr. Jörg Wormer
München, im April 2006




Copyright © 2006 Jörg Wormer und Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Wormer, Jörg. (2006). KulturZeitRaum. Das Feuilleton der ZIF. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online], 11 (2), 4 pp.
Abrufbar unter http://www.ualberta.ca/~german/ejournal/feuilleton30.htm

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