Fremdsprachenlernen mit Unterstützung elektronischer
Portfolios: Probleme, Ziele und Perspektiven
Olaf Bärenfänger und Lavinia Ionica
1. Einleitung
Zahlreiche Formen des
Lernens setzen eine ausgeprägte Kontrolle der Lernprozesse durch die
Lerner voraus. [1] So
müssen diese beispielsweise häufig ihre Lernbedürfnisse ermitteln,
Lernziele bestimmen, vorhandene bzw. benötigte Ressourcen für
Lernprozesse einschätzen und koordinieren, angemessene
Lernstrategien auswählen und anwenden sowie die Ergebnisse von
Lernprozessen evaluieren (vgl. z.B. Knowles 1975; Weinert 1982;
Brocket und Hiemstra 1991; Hiemstra 1994; Europarat 2001). Die
Fähigkeit zur eigenständigen Regulation von Lernprozessen stellt
zweifellos für solche Typen des Lernens eine notwendige
Voraussetzung dar, bei denen der Lerner selbst einen substanziellen
Teil der Verantwortung für sein Lernen übernimmt, also beim
selbstgesteuerten bzw. autonomen Lernen. Dies gilt natürlich ebenso
für sämtliche Lernformen, bei denen Module des selbstgesteuerten
Lernens mit klassischem Präsenzunterricht kombiniert sind, wie z.B.
beim Blended Learning (Reinmann-Rothmeier 2003) bzw. beim hybriden
Lernen (Kerres und Jechle 1999; Bärenfänger 2005). Auch wenn der
Präsenzunterricht überwiegend unter der Regie eines Lehrers oder
Dozenten vonstatten geht (vgl. z.B. Gagné und Briggs 1979;
Rosenshine 1995; Slavin 2003), so führt auch dies mit
Sicherheit nur dann zu nachhaltigen Erfolgen, wenn der Lerner seine
Lernprozesse wenigstens teilweise reguliert. Offensichtlich stellen
metakognitive Kompetenzen somit eine Schlüsselkompetenz für den
Wissens- und Fertigkeitserwerb dar.
Im aktuellen
didaktischen Diskurs werden derzeit verstärkt Portfolios diskutiert,
die Lerner bei der aktiven Regulation ihrer Lernprozesse
unterstützen sollen. Ein prominentes Beispiel stellt das Europäische
Sprachenportfolio dar (Europarat 2004; s.a. Trim 1997; Schneider und
Lenz 2001). Dieses setzt beim individuellen Lerner an, der mittels
Sprachprüfungen bzw. Sprachenzertifikaten seine
Fremdsprachenkenntnisse ausweist (Sprachenpass), retrospektiv seinen
Lernweg darstellt (Sprachenbiographie) und repräsentative
Arbeitsproben versammelt (Dossier). Wie zahlreiche weitere nationale
und internationale Aktivitäten zeigen, spielen Portfolios generell -
nicht allein das europäische Sprachenportfolio - in der Praxis
des Fremdsprachenunterrichts und der Fremdsprachenlehrerausbildung
eine immer größere Rolle (siehe dazu exemplarisch die Beiträge im
Heft Nr. 2 / 2004 von Babylonia bzw. Burwitz-Meltzer 2004;
Müller-Hartmann 2005). Angesichts der zunehmenden praktischen
Bedeutung sind theoretische und empirische Arbeiten über Portfolios
im Rahmen des Fremdsprachenlernens jedoch noch zu wenig vertreten.
Der vorliegende Aufsatz geht darum anhand eines Praxisbeispiels den
folgenden grundlegenden Fragen nach:
· In welcherlei
Hinsicht sind Lernportfolios dazu geeignet, die Autonomie von
Fremdsprachenlernern zu fördern und auf diesem Wege eine Kultur des
lebenslangen Lernens zu schaffen?
· Wie sollte ein
Lernportfolio idealerweise beschaffen sein, um seine
autonomiefördernde Wirkung optimal entfalten zu
können?
-2-
Eine intensive
Auseinandersetzung mit den beiden aufgeworfenen Fragen scheint aus
mehreren Gründen Gewinn bringend. Um nur einige zu nennen: Zum Einen
deuten aktuelle Bildungsstudien (z.B. Pisa I und II) auf nicht
unerhebliche Defizite im deutschen Bildungssystem bezüglich des
selbstgesteuerten Lernens hin und legen entsprechende Veränderungen
nahe. Zum Anderen zwingt Mittelknappheit manchen Bildungsanbieter,
klassische Präsenzunterrichtsangebote zugunsten von Formen des
selbstgesteuerten Lernens zu reduzieren. Solches ist offensichtlich
ohne Qualitätsverluste nur dann möglich, wenn Lerner über
ausreichende Fähigkeiten zur Steuerung ihres Lernens verfügen. Ein
weiterer Grund liegt in den Lernern selbst, denn selbstgesteuertes
Lernen wird individuellen Gegebenheiten vielfach besser gerecht als
andere Formen des Lernens. Sachgemäß ausgeführt stellt es einen
effektiven, emotional befriedigenden und das Selbstvertrauen
fördernden Typ des Wissens- und Fertigkeitserwerbs dar.
Der vorliegende
Beitrag ist folgendermaßen aufgebaut: Das nächste Kapitel gibt einen
kurzen Überblick über die Formen und Funktionen von Lernportfolios.
Im Anschluss daran werden aus Charakteristika von Lernprozessen, die
in eigener Verantwortung eines Lerners ablaufen, Rahmenbedingungen
für einen erfolgreichen Ablauf dieses Typs von Lernprozessen
abgeleitet. Ein weiteres Kapitel zeigt anhand eines Beispiels aus
der Praxis, wie ein an der Universität Leipzig entwickeltes
elektronisches Portfolio Lerner bei der Entwicklung ihrer Autonomie
unterstützt.
2. Lernportfolios: Formen und Funktionen
Die Bezeichnung
"Portfolio" findet sich in den USA seit etwa 20 Jahren zur
Kennzeichnung einer spezifischen Form der Leistungsbeurteilung, bei
der ein Lerner Arbeitsproben in einer Sammelmappe vereinigt (Calfee
und Freedman 1996; s.a. Belanoff und Dickson 1991; Black, Daiker,
Sommer und Stygall 1994; Lyons 1998; Murphy und Underwood 2000).
Thematisch etwas weiter wird "Portfolio" im Kontext der
Sprachenpolitik des Europarats gefasst als Dokument, in dem
individuelle Lerner "can assemble over a period of time, and display
in a systematic way, a record of their qualifications, achievements
and experiences in language learning, together with samples of work
they have themselves produced" (Trim 1997: 3). Analoge Bezeichnungen
sind in der britischen didaktischen Literatur "records of
achievement" (Pole 1993) bzw. in Österreich "Leistungsmappe" bzw.
"direkte Leistungsvorlage" (Vierlinger 1993; Schratz 1996). Allen
genannten Konzeptionen ist gemein, dass es sich bei Portfolios um
eine Sammlung von Dokumenten (welcher Art auch immer) mit Bezug auf
Lernprozesse oder deren Resultate handelt.
Trotz anfänglich
unterschiedlicher Bezeichnungen hat sich in der
Fremdsprachendidaktik mittlerweile fraglos der Terminus "Portfolio"
durchgesetzt, hinter dem sich jedoch, wie Jabornegg (2004) anmerkt,
eine Vielzahl recht unterschiedlicher Konzepte verbergen können. So
lassen sich nach Johnson und Rose (1997) je nach Zielgruppe,
Einsatzszenario, Wesen der gesammelten Dokumente sowie intendierten
Funktionen neun Typen von Portfolios identifizieren (eine
alternative Einteilung schlagen Danielson und Abrutyn 1997
vor):
-3-
Tabelle 1: Typen von
Portfolios nach Johnson und Rose (1997)
Auch wenn die
vorgestellte Klassifikation von Johnson und Rose (1997) einen
Überblick über den eindrucksvollen Formenreichtum von Portfolios zu
geben vermag, so erscheinen die große Anzahl von Portfoliotypen doch
etwas unübersichtlich und die verwendeten Kategorien nicht sehr
trennscharf (z.B. die Unterscheidung zwischen Präsentations- und
Bewerbungsportfolio oder zwischen Lern- und Fortschrittsportfolio).
Überdies liegen der Klassifikation nicht ein einziges Kriterium,
sondern mehrere Merkmale zugrunde, nämlich Inhalt, Prozess- vs.
Produktdimension, Funktion, Art der enthaltenen Dokumente sowie
Zielgruppe.
Demgegenüber ist eine
präzise und transparente Klassifikation von Portfolios leicht unter
Rekurs auf ihre beiden Hauptfunktionen möglich, wie sie von
Schneider und Lenz (2001), Kohonen (o.J.) oder Westhoff (o.J.)
beschrieben werden. Die angeführten Autoren nennen diesbezüglich die
eher produktorientierte Berichtsfunktion (reporting / information
function) von Portfolios, die den aktuellen Leistungsstand eines
Lerners umfassend, informativ, transparent und zuverlässig
wiedergeben sollen. Unter diesem Gesichtspunkt stellen sich
Portfolios als Alternative zu klassischen Formen der
Leistungsmessung dar (z.B. Klassenarbeiten oder standardisierte
Tests).
-4-
Tatsächlich standen
bei der Konzeption des Europäischen Sprachenportfolios zunächst
Fragen der Leistungsbeurteilung und Zertifizierung im Vordergrund.
Später rückte jedoch die prozessorientierte pädagogische Funktion
(pedagogical function) stärker in den Fokus des Interesses.
Genauer soll die pädagogische Facette von Portfolios (1) die
Motivation der Lerner fördern, ihre Fähigkeit zur Kommunikation in
verschiedenen Sprachen zu erweitern; zusätzliche Sprachen zu lernen;
und neue interkulturelle Erfahrungen zu suchen; (2) Lerner dazu
veranlassen und sie dabei unterstützen, über ihre Ziele,
Lernmethoden und Lernerfolg zu reflektieren; ihr Lernen zu planen;
und autonom zu lernen; sowie schließlich (3) Erfahrungen mit
Mehrsprachigkeit und Interkulturalität durch Kontakte und Besuche,
durch Lektüre, durch die Benutzung von Medien sowie über Projekte
fördern (Schneider und Lenz 2001: 3).
Bezüglich der in der
Einleitung gestellten Frage, inwiefern Portfolios zur Förderung der
Lernerautonomie beitragen können, rückt vor dem Hintergrund der
Unterscheidung in Berichtsportfolios und pädagogische Portfolios
eine Antwort in greifbare Nähe: Hierzu sind offensichtlich in erster
Linie pädagogische Portfolios geeignet. Wie Kohonen (o.J.: 5)
kritisch bemerkt, tendieren Portfolios ohne pädagogische Funktion
ohnehin nur dazu "to remain just a folder to hold together [...]
authentic documents". Dabei schließen sich die pädagogische Funktion
und die Berichtsfunktion selbstverständlich nicht kategorisch aus,
sondern können, wie beispielsweise beim Europäischen
Sprachenportfolio, komplementär sein. Damit jedoch pädagogische
Portfolios ihre stimulierende Wirkung überhaupt entfalten können,
müssen sie über Berichtsportfolios hinausgehende Dokumente
enthalten. Während letztere vor allem Lernerarbeiten und
Leistungsbeurteilungen beinhalten, bündeln pädagogische Portfolios
auch lernprozessbezogene Materialien wie Arbeitspläne,
Lerntagebücher, Arbeitsskizzen, Kommentare von Lehrern und
Mitlernern, Selbstreflexionen des Lerners, Evaluationskriterien
sowie Checklisten zur Evaluierung von Lernfortschritten (Kohonen
o.J.: 7).
Pädagogische
Portfolios fördern die Autonomie von Lernern durch eine ganze Reihe
von Funktionen. So erzeugen Portfolios bei den an einem Lernprozess
beteiligten Personen Transparenz über die zu verfolgenden Lernziele,
vorkommende Lerninhalte, die einzusetzenden Lehr- bzw. Lernmethoden
sowie über Formen und Kriterien der Leistungsbeurteilung. Im
Hinblick auf das Grundanliegen von Portfolios, der "Sichtbarmachung"
von Lernprozessen, weist Kohonen (o.J.) besonders auf die große
Bedeutung der individuellen Lernerbiographie hin. Es ist unschwer
nachvollziehbar, dass Lerner unterschiedliche Voraussetzungen und
Bedürfnisse mitbringen (siehe dazu Riemer 1997 und allgemeiner
Tschirner 1997 oder Matheos, Daniel und McCalla 2005). Problematisch
wird dies dann, wenn die individuelle Biographie im Verborgenen und
vielleicht entgegen curricularer Vorgaben als hidden, invisible
curriculum nachhaltig das Lerngeschehen beeinflusst. Eine
wichtige Aufgabe pädagogischer Portfolios besteht deshalb darin,
einerseits Lehrern und Lernern über geeignete Dokumente möglichst
viele Dimensionen der Lernerbiographie sichtbar zu machen und diese
andererseits in die Planung der Lernprozesse mit einzubeziehen.
Faktoren mit Einfluss auf den Erwerbsprozess sind u.a. die Affinität
von Lernern zum Sprachenlernen, Ambiguitätstoleranz,
Risikobereitschaft, subjektive Theorien über Lernprozesse,
kulturelle Identität, Mehrsprachigkeit, Lernstrategien, kognitive
Stile, Selbst-Reflexivität oder Motivation (Rohmann und Yu 2001;
Rost-Roth 2001).
-5-
Durch die Explikation
und Dokumentation wesentlicher Elemente von Lernprozessen auf Seiten
des Lerners kann zweitens bei allen beteiligten Personen ein
gemeinsames Verständnis über das Lernen selbst geschaffen werden.
Ohne geteilte Konzepte können die subjektiven Theorien von Lehrern
und Lernern dazu führen, dass verschiedenartige Ziele verfolgt,
ungeeignete Lernmethoden eingesetzt oder der Lernprozess nicht
effektiv kontrolliert werden (zu dieser Problematik siehe
beispielsweise Krumm 1996; Schocker-von Ditfurth 2001; Caspari
2003). In der Folge können Lernprozesse scheitern oder zumindest
nicht so erfolgreich wie eigentlich möglich verlaufen. Um dem
vorzubeugen, sollten pädagogische Portfolios eine Offenlegung von
Lernzielen und ihre Priorisierung ebenso erstreben wie einen Konsens
darüber, was es überhaupt heißt, eine Fremdsprache zu lernen.
Nach Auffassung von
Kohonen (o.J.: 12) regen "visible goals" Lerner drittens zu einer
stärkeren Identifikation mit ihren Lernvorhaben an und führen so zu
einem insgesamt höheren Motivationsniveau. Dieser Aspekt von
pädagogischen Portfolios weist Parallelen zu den in der Praxis
bereits bewährten Lernverträgen auf (learning contracts;
siehe z.B. Knowles 1980; Huff und Johnson 1998; Williams und
Williams 1999; Hiller und Hietapelto 2001). Eine weitere
portfoliorelevante Textsorte, mit der Lerner zu einer
Auseinandersetzung mit ihren Zielen und ihrer Rolle angeregt werden
können, sind tagebuchartige Texte, in denen Erfahrungen und
Überlegungen in Zusammenhang mit einem Lernprozess dargestellt
werden.
Eine vierte
didaktische Funktion von Lernportfolios besteht nach Kohonen (o.J.:
16) in ihrer Eigenschaft als Hilfsmittel für den Lerner, den
Lerngegenstand zu überblicken und bereits Erreichtes bzw. noch zu
Erreichendes einzuschätzen: "Using the metaphor of orienteering,
students need a personal map of the linguistic terrain they are
entering as language learners to be able to take charge of their
orienteering task". Mit anderen Worten: Für einen
eigenverantwortlichen Wissens- und Fertigkeitserwerb benötigen
Lerner im Rahmen von pädagogischen Portfolios eine personalisierte
Darstellung dessen, was es zu lernen gilt. Realisieren lässt sich
dies beispielsweise über Arbeitspläne oder Checklisten als
Bestandteile des Portfolios.
Eine fünfte Funktion
von pädagogischen Portfolios besteht darin, den Lerner durch die
Dokumentation seiner Lernprozesse zu einer Reflexion über sein
eigenes Lernen anzuregen. Insbesondere ist der Lerner dazu gehalten,
individuelle, soziokulturelle und allgemeinpsychologische
Voraussetzungen für den eigenen Lernprozess zu analysieren, während
des Lernens auftretende Probleme zu benennen, Ziele zu formulieren,
Handlungspläne zu entwickeln und Ressourcen einzuschätzen sowie
diese sinnvoll einzusetzen. All diese Facetten der
Selbstorganisation stellen zentrale metakognitive Kompetenzen dar,
die zugleich als Grundvoraussetzung für lebenslanges Lernen gelten
können (s.a. Candy 1991).
Mit diesem Aspekt eng
verbunden ist sechstens die Funktion der Erfahrungssicherung. Die
von einem Lerner bei einem konkreten Lernvorhaben gemachten
Erfahrungen können bei späteren ähnlich gelagerten Lernvorhaben als
Basis genutzt werden, um realistischere Ziele zu setzen,
wirklichkeitsnäher zu planen, sowie geeignetere Formen der
Arbeitsorganisation bzw. Kommunikation und bessere Hilfsmittel,
Verfahrensweisen oder Kontrollmechanismen einzusetzen.
Um zusammenzufassen:
Pädagogische Portfolios können Lernprozesse insofern nachhaltig
unterstützen, als sie über geeignete didaktische Techniken eine
Reflexion von Lernern über ihre Rolle, Ziele, Lernmethoden sowie
über den Lerngegenstand anregen. Die durch die Explikation dieser
Aspekte entstandene Transparenz ermöglicht eine bessere Koordination
von Lernmaßnahmen und damit größere Lernerfolge. Da Lerner ein
vertieftes Verständnis ihres Wissens- und Fertigkeitserwerbs sowie
diesbezüglicher Einflussfaktoren ausbilden, sind sie schließlich
auch in der Lage, andere Lernprozesse effizient zu organisieren -
die Fähigkeit zum lebenslangen, selbst gesteuerten Lernen wird
ausgebaut.
-6-
3. Didaktisch-methodische Grundlagen für Lernportfolios
Bevor die Frage
erörtert werden kann, wie Portfolios mit überwiegend pädagogischer
Funktion konkret am sinnvollsten gestaltet werden können, muss
solcherlei Überlegungen ein plausibles Modell von Lernprozessen
zugrunde gelegt werden. Im Folgenden wird dabei von hybriden
Lernprozessen ausgegangen (vgl. dazu Sands 2002; Masie 2002; Oliver
und Trigwell 2005), die sich als Kombination unterschiedlicher
didaktischer Methoden und Vermittlungsformate konzeptualisieren
lassen (Kerres und de Witt 2003). Wie ein Blick in die Praxis des
Fremdsprachenlernens schnell zeigt, erfreuen sich hybride
Lernarrangements zunehmender Beliebtheit und Verbreitung.
Hauptgründe hierfür sind angestrebte Kosteneinsparungen (v.a.
resultierend aus einer Reduzierung von Präsenzunterricht zugunsten
von selbstgesteuertem Lernen) sowie größere Lernerfolge (vorläufige
empirische Belege stammen von Dean, Stahl, Sylwester und Peat 2001;
DeLacey und Leonard 2002; Thomson Inc. 2002). Im Folgenden werden in
der gebotenen Kürze die zentralen didaktisch-methodischen Merkmale
des hybriden Lernens genannt; für eine ausführlichere Darstellung
sei auf Graham, Allen und Ure (in press) sowie auf Bärenfänger
(2005) verwiesen. Hybride Lernprozesse zeichnen sich unter anderem
(vor allem im Kontrast zum klassischen Präsenzunterricht) in
der Regel aus durch
· eine Vielzahl von
Akteuren wie Lehrer, Tutoren, Lernberater, Mitlerner, Prüfer,
Bibliotheksmitarbeiter usw.;
· eine Vielzahl von
eingesetzten Ressourcen und Lernmaterialien (insbesondere
E-Learning-Materialien und traditionelle
Selbstlernmaterialien);
· hochgradig
spezifische Zielsetzungen, die sich aus den individuellen Zielen
eines Lerners ebenso ergeben wie aus institutionellen Vorgaben (z.B.
Curricula) oder Zielen eines Lehrers;
· den Einsatz einer
Mehrzahl unterschiedlicher didaktischer Methoden;
· den Einsatz einer
Mehrzahl unterschiedlicher Medien;
· den Einsatz einer
Mehrzahl unterschiedlicher Sozialformen;
· individuellere
Lernwege durch die gezielte Kombination verschiedenartiger
Lernformate;
· eine teilweise
Flexibilisierung des Lernens (besonders beim Einsatz asynchroner
Kommunikationsinstrumente)
· die Notwendigkeit
für Lerner, mehr Verantwortung für ihre Lernprozesse zu übernehmen
und das eigene Lernen stärker selbst zu regulieren.
-7-
Das Kernproblem
hybrider Lernszenarios ist darin zu sehen, dass es angesichts ihrer
Komplexität dringend einer inhaltlichen, räumlichen, zeitlichen, und
personellen Koordination bedarf. Bärenfänger (2005) hat vor dem
Hintergrund dieser Überlegung argumentiert, dass hybride
Sprachlernprozesse zahlreiche Parallelen zu Projekten (siehe dazu
bereits Tough 1971) im Sinne des Projektmanagements aufweisen.
Begründen lässt sich dies zum einen über die strikte
Zielorientierung sowohl jeglicher didaktischer Bemühungen wie auch
von Projekten klassischer Prägung. Zum anderen sind Lernvorhaben und
Projekte gleichermaßen einzigartig im Hinblick die Zielsetzungen,
Personen und Ressourcen. Auch weisen beide einen definierbaren
Anfang und ein klar auszumachendes Ende auf. Am wichtigsten indessen
ist die Tatsache, dass es sich sowohl bei Projekten als auch bei
Lernvorhaben um eine Vielzahl von gegenseitig voneinander
abhängenden Teilaktivitäten handelt, die jeweils von bestimmten
Personen ausgeführt werden und für die bestimmte Ressourcen
eingesetzt werden müssen. Aufgrund der Vielzahl an involvierten
Personen und durchzuführenden Tätigkeiten ist eine sorgfältige
Planung, Steuerung und Erfolgskontrolle erforderlich.
Wenn die Gleichsetzung
von Lernprozessen und Projekten im Sinne des Projektmanagements
statthaft ist, so müssten sich beide in gleicher Weise strukturieren
lassen. Vor dem Hintergrund dieser Überlegung wurde unter dem Titel
"Lernmanagement" eine Phasierung von Lernprozessen gemäß den
Prinzipien des Projektmanagements vorgeschlagen (Bärenfänger 2004 a,
b). Demzufolge wären bei erfolgreichen Lernprozessen vier Blöcke zu
unterscheiden:
1.
Projektstart: Der wichtigste Teil des Projektstarts besteht
in der Formulierung des übergeordneten Lernziels, das sich in
verschiedene Teilziele gliedert. Ferner wird eine
Projektorganisation etabliert, d.h. die Zuständigkeiten,
Verantwortungen und Kompetenzen der beteiligten Akteure eindeutig
festgelegt. Weiterhin werden alle wichtigen Texte zum Nachvollzug
des individuellen Lernwegs in einer Dokumentation archiviert.
2.
Planungsphase: In der Planungsphase werden geeignete
Lösungswege zur Realisierung der zuvor aufgestellten Zielvorgaben
erarbeitet. Konkret hebt die Projektplanung auf der Basis der
ausgewählten Lösungen auf die vollständige Ermittlung sämtlicher
zukünftiger Aufgaben ab. Diese werden dann mithilfe eines
Lernstrukturplans, gewissermaßen der Blaupause des gesamten
Lernvorhabens, in eine hierarchische Struktur gebracht und graphisch
veranschaulicht. Besonders wichtige Zwischenziele, so genannte
Meilensteine, fassen mehrere Aufgaben zu komplexeren Einheiten
zusammen. Auf der Grundlage des Lernstrukturplans sind auch die
Ablauf-, Termin- und Kostenplanung des Lernprojekts sowie eine
Bewertung potenzieller Risiken möglich.
3. Phase der
Überwachung und Steuerung: Für die erfolgreiche Durchführung
eines Lernprojekts muss die Erreichung der gesetzten Zwischenziele
permanent überwacht werden. Im Fall von Planabweichungen ergibt sich
die Notwendigkeit, angemessene Gegenmaßnahmen zu ergreifen und den
ursprünglichen Lernstrukturplan entsprechend zu modifizieren. Eine
wichtige Voraussetzung hierfür ist die präzise Formulierung der
Ziele sowie die Erhebung aussagekräftiger Ist-Daten.
4. Abschluss des
Lernprojekts: Das Ende eines Lernprojekts ist dann erreicht,
wenn das übergeordnete Lernziel realisiert wurde. Das Ende des
Lernprojekts wird in einem Abschlussbericht dokumentiert, der
insbesondere eine Gegenüberstellung der ursprünglichen Ziele mit den
erreichten Ergebnissen vornimmt. Eine eingehende Reflektion über den
Projektverlauf soll als Grundlage für eine Erfahrungssicherung zu
einem optimierten Verlauf zukünftiger Lernvorhaben
beitragen.
-8-
Eine Modellierung
erfolgreicher Lernprozesse gemäß dem Konzept des Lernmanagements
bringt wertvolle Vorteile mit sich wie etwa eine stärkere
Zielorientierung der Lehr- und Lernmaßnahmen, deren präzisere
Planbarkeit, eine stärkere Einbindung der Lerner, eine insgesamt
höhere Effektivität (Kosten- bzw. Zeitersparnis), eine größere
Transparenz für alle Beteiligten, bessere Möglichkeiten der
Erfolgskontrolle, Ansatzpunkte für ein konsequentes Risikomanagement
sowie eine höhere Motivation der Lerner. Alle diese Aspekte sind
dazu geeignet, zu besseren Lernergebnissen zu führen.
Mit dem Lernmanagement
als theoretischer Grundlage wurde im Rahmen eines durch das
Bildungsportal Sachsen (http://www.bildungsportal-sachsen.de/)
finanzierten Softwareentwicklungsprojekts der Versuch unternommen,
ein Online-Lernportfolio zu konzipieren, das Lerner nachhaltig und
substanziell bei der Erweiterung ihrer Autonomie
unterstützt.
4. Praxisbeispiel: Das Online-Lernportfolio für Sprachen der
Universität Leipzig
4.1. Warum Online?
Das Leipziger
Lernportfolio wurde als elektronisches Instrument erstellt, da
multimediale Anwendungen nach de Witt und Kerres (2003) in
besonderer Weise zur Unterstützung von Lernprozessen außerhalb des
Klassenzimmers geeignet sind und weil sie eine hohe Adaptivität in
Bezug auf unterschiedliche Lernsituationen aufweisen. Sie
ermöglichen eine hohe Eigenaktivität der Lerner und können zudem
kooperative Lernformen unterstützen. Weitere Argumente zugunsten von
Online-Lernportfolios sind:
(1) Wachsendes
Interesse von Lernern an neuen Medien;
(2) Portfolios in
Papierversion erreichen mit der Zeit einen Umfang, der sie
unhandlich macht;
(3)
Online-Portfolios sind bei vorhandenem Internetzugang jederzeit
und von jedem Ort mit einer Passworteingabe über die Lernplattform
aufrufbar;
(4)
Online-Lernportfolios können selbstgesteuertes Lernen unterstützen
und als vollständige Lernumgebung funktionieren;
(5)
Online-Lernportfolios können durch Automatisierungen Synergien
bewirken;
(6)
Online-Lernportfolios können jederzeit erweitert und verbessert
werden, da eine Einspeisung der neuen Informationen in die
Datenbanken weitgehend unproblematisch ist;
(7) Lernende können
anders als auf Papier jederzeit ihre Eingaben korrigieren,
ergänzen oder ersetzen.
-9-
4.2 Einsatzszenario
Nach erfolgreicher
Anmeldung zu einem Kurs am Sprachenzentrum der Universität Leipzig
erhält ein Lerner (dazu zählen die Angehörigen aller sächsischen
Hochschulen, Mitarbeiter der Universität Leipzig sowie deren Gäste)
die Zugangsdaten für die Einrichtung des individualisierten
Online-Lernportfolios (Login und persönliches Passwort). Das
Online-Portfolio ist über einen Server des Sprachenzentrums
jederzeit über das Internet nutzbar; Eingaben der Lerner,
Kursleiter, Tutoren usw. werden gleichfalls zentral auf dem Server
abgelegt. Die Nachhaltigkeit der Nutzung wird insofern
gewährleistet, als die Kursteilnehmer im Verlauf des gesamten
Sprachkurses durch das elektronische System automatisch aufgefordert
werden, bestimmte Eingaben vorzunehmen und ggf. dem Dozenten oder
dem Lernberater zur Einsicht und Beratung vorzulegen. Im Folgenden
werden die Funktionalitäten und die inhaltliche Gliederung des
Online-Lernportfolios beschrieben.
4.3 Funktionalitäten und inhaltliche Gliederung des
Online-Lernportfolios
4.3.1 Die Startphase
Der wichtigste Teil
der Startphase besteht in der (1) Formulierung der Lernziele.
Weitere zentrale Aufgaben stellen (2) die Etablierung der
Lernorganisation mit der Festlegung der Rollen und Befugnisse aller
Beteiligten ebenso dar wie (3) die Vermittlung und Bewusstmachung
von Lernstrategien und die Durchführung von (4) Risikoanalysen.
Darüber hinaus wird (5) den Lernenden eine digitale Lehr- und
Lernmaterialien-Sammlung bereitgestellt. Natürlich müssen die
Aufgaben 1, 2 und 4 in der Regel nur einmal, nämlich bei der ersten
Nutzung des Portfolios, bearbeitet werden. Eine wiederholte
Beschäftigung mit Lernstrategien und eine Aktualisierung der
Risikoanalyse sind hingegen wünschenswert.
Die folgende Abbildung
gibt die Startseite des Online-Lernportfolios wieder. Die
Hauptgliederung des Portfolios in die vier Phasen des
Lernmanagements ist oben horizontal in der Grafik zu sehen (primäre
Navigation). Die genannten Funktionalitäten der Startphase sind in
der linken Navigationsleiste (blau) erkennbar (sekundäre
Navigation).
Abbildung 1: Die
Startphase des Leipziger Online-Lernportfolios
-10-
Beim Anklicken des
Menüpunkts "Lernziele" nimmt der Lerner eine für alle am Lernprozess
Beteiligten verbindliche Festlegung der Zielsetzungen vor, wobei er
einem übergeordneten Hauptziel eine Reihe von Teilzielen zuordnet.
Abbildung 2 gibt einen
Ausschnitt aus dem Seitencluster mit Checklisten wieder, mit denen
ein Lerner Teillernziele ermitteln kann. Das wiedergegebene Beispiel
bezieht sich auf die Fertigkeit Hören.
Abbildung 2:
Checkliste für die Selbsteinschätzung und Ermittlung von
Teillernzielen für die Fertigkeit Hören
Im Menüpunkt
"Lernorganisation" (siehe Abbildung 3) erstellt der Lerner im
nächsten Schritt eine vollständige Liste aller am Lernprozess
beteiligten Personen einschließlich Kontaktmöglichkeiten und
Informationen zu ihrer Erreichbarkeit. Diesbezügliche Informationen
trägt der Lerner über Formulareingaben in sein Lernportfolio ein.
Abbildung 3:
Einstiegsseite zur Konstitution der
Lernorganisation
-11-
Der Menüpunkt "Tipps
zum Lernen" als weiteres Element der Startphase zielt auf die
Bewusstmachung von Lernstrategien und die Erweiterung des einem
Lerner zur Verfügung stehenden Lernstrategienrepertoires. Zu diesem
Zweck wird der Lerner mithilfe interaktiver Formulare befragt, ob er
bestimmte Lernstrategien schätzt und anderen Lernern weiterempfehlen
würde. Zugleich wird auf der Grundlage dieser Eingaben für alle
Portfolionutzer eine "Hitliste" der beliebtesten Lernstrategien
veröffentlicht. Die entsprechende Seite sieht folgendermaßen
aus:
Abbildung 4:
Komponente zu Lernstrategien
Mit dem Menüpunkt
"Materialien" haben Lernende viertens die Möglichkeit, für den
Lernprozess wichtige Lernmaterialien im Online-Portfolio zu
speichern. Dabei handelt es sich primär um Materialien, die direkt
mit der Organisation des Sprachkurses verbunden sind, z.B.
Lernpläne, Stundenpläne, Literaturlisten, Lese- oder Hörtexte usw.,
aber auch Handbücher zur Nutzung des Portfolios und der
Lernplattform.
Mit dem fünften
Menüpunkt der Startphase "Risikoanalyse" steht den Lernern
schließlich die Option zur Verfügung, persönliche Risikofaktoren für
ihr Lernprojekt zu ermitteln und Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Diese
Maßnahme soll sicherstellen, dass sich Lernende systematisch mit
potenziellen Faktoren des Scheiterns von Lernprozessen befassen.
4.3.2 Planungsphase
In der Planungsphase
findet die gesamte inhaltliche Planung des Lernwegs mit einer
Gliederung der anfallenden Aufgaben in Hauptaufgabe (oberste
Hierarchieebene), Teilaufgaben (mittlere Hierarchieebene) und
Arbeitspakete (untere Hierarchieebene) statt. Arbeitspakete stellen
dabei die kleinsten anfallenden Aufgaben dar, die nach Fertigkeiten,
Inhalt und Dauer kategorisiert werden. Die folgende Abbildung gibt
ein Beispiel für ein Arbeitspaket aus einem Französisch-Kurs (A2)
wieder.
Abbildung 5:
Beispiel für ein Arbeitspaket
-12-
Die Hauptaufgabe lässt
sich direkt aus dem Hauptziel ableiten und soll vom Lerner selber
mit Formulierungshilfen deduziert werden. Teilaufgaben und
Arbeitspakete werden hingegen vom Kursleiter vorgegeben und werden
vom Lerner ergänzt. Sobald der Lerner sämtliche Elemente der
Arbeitsplanung eingegeben hat, wird automatisch vom System der
Lernstrukturplan erstellt. Dieser bildet eine strukturierte
graphische Veranschaulichung über alle im Rahmen des Lernprojekts
anfallenden Arbeiten. Die Einstiegsseite zur Planung des gesamten
Lernvorhabens ist nachfolgend abgebildet:
Abbildung 6: Modul
zur Planung des Lernprojekts
4.3.3 Überwachung und Steuerung
Diese Phase des
Online-Lernportfolios ermöglicht es den Lernenden, auf der
verbindlichen Planungsgrundlage des Lernstrukturplans die Kontrolle
über den Erfolg ihres eigenen Lernprojekts zu behalten. Im
Wesentlichen kommt es hierbei darauf an, dass der Lerner den
Lernstrukturplan kontinuierlich daraufhin überprüft, ob die darin
aufgeführten Arbeitspakete termingerecht und in der gewünschten
Qualität erbracht wurden. Im Online-Lernportfolio stehen
Monitoring-Möglichkeiten für die folgenden Prüfgrößen zur
Verfügung:
· Prüfungen, Klausuren
oder Tests werden in das Feld der Evaluation eingetragen und mit den
entsprechenden Ergebnissen gespeichert. Dieser Punkt geht insofern
über die Überwachung des Projektverlaufs hinaus, als er auch für die
abschließende Lernfortschrittskontrolle relevant ist.
· Die in der
Startphase angegebenen Lernziele werden auf deren effiziente
Realisierung hin überprüft.
· In einem
Checklistenformat werden sämtliche erreichten und offenen
Teilaufgaben und Arbeitspakete gelistet. Auf einen Blick sind die
offenen von den bereits bearbeiteten Aufgaben
unterscheidbar.
4.3.4 Abschlussphase
Das
Online-Lernportfolio beinhaltet zuletzt auch die Möglichkeit,
summarisch die eigenen Leistungen zu evaluieren sowie einen
Abschlussbericht anzufertigen. Das Ende eines Projekts wird in einem
Abschlussbericht dokumentiert, der insbesondere eine
Gegenüberstellung der ursprünglichen Ziele mit den erreichten
Ergebnissen vornimmt. Das Online-Lernportfolio erhält somit sowohl
den Charakter eines Dokumentations- als auch den eines
Präsentationsportfolios. Darüber hinaus können Lerner unter dem
Menüpunkt "Bearbeiten" Zeugnisse, Leistungsscheine,
Teilnahmescheine, Projektarbeiten usw. speichern und unter "Meine
Dokumente" strukturiert abrufen.
-13-
5. Perspektiven
Die vorangegangenen
Ausführungen haben gezeigt, mit welchen Funktionalitäten
Lernportfolios auf der Grundlage des Lernmanagements als Modell von
erfolgreichen Fremdsprachenlernprozessen diese fördern können.
Zusammenfassend lassen sich damit die folgenden Punkte als Antworten
auf die erste der in der Einleitung gestellten Fragen aufzählen,
nämlich auf welche Weise Portfolios metakognitive Prozesse bei
Lernern unterstützen können:
· Hilfestellungen bei
der Übersicht über und Bündelung von Lernressourcen
· Schaffung von mehr
Transparenz im Hinblick auf die beteiligten Akteure sowie Lehr- und
Lernmaterialien
· Schaffung von mehr
Transparenz im Hinblick auf die Lernprozesse
· Übersichtliche und
vollständige Darstellung der Lernziele und Lerninhalte
· Hilfestellungen, um
den Lerngegenstand zu überblicken und bereits Erreichtes bzw. noch
zu Erreichendes einzuschätzen
· Hilfestellungen bei
der Lernzielanalyse, Planung, Steuerung und Evaluation von
Lernprozessen
· Bewusstmachung und
Erweiterung des Repertoires von Lernstrategien
· Grundlage für die
Kommunikation der Beteiligten über Lernprozesse.
Über diese
metakognitiven Zielsetzungen im engeren Sinne geht das Leipziger
Portfolio jedoch insofern hinaus, als es zusätzlich die Möglichkeit
bietet, erbrachte Leistungen zu dokumentieren und strukturiert
darzustellen. Wichtiger noch kann es als Schnittstelle zwischen dem
Präsenzunterricht und anderen Lernformen fungieren, als
Schnittstelle zwischen unterschiedlichen Akteuren und als Planungs-
und Koordinierungsplattform für die einzusetzenden Ressourcen und
Lernmaterialien. Ganz offensichtlich liegt somit mit dem Leipziger
Portfolio ein sehr umfassendes Instrument vor, das zahlreiche
zentrale Aufgaben des Lehrers im klassischen Präsenzunterricht aus
diesem heraus verlagern kann, so dass bei einer Nutzung des
Portfolios der Präsenzunterricht stärker für andere Aufgaben genutzt
werden kann.
-14-
Damit sich indessen
das beträchtliche Potenzial von elektronischen Portfolios wie des
beispielhaft vorgestellten tatsächlich auch entfalten kann, muss
eine Reihe von keineswegs selbstverständlichen Voraussetzungen
erfüllt sein. Hierzu gehört erstens das Vorhandensein einer
technischen Infrastruktur, beispielsweise in Gestalt von
Multimedia-PCs im Besitz der Lerner, PC-Pools zur Nutzung der Lerner
sowie hinreichend leistungsfähige Internetverbindungen (notwendig
für den Up- und Download der Lehr- bzw. Lernmaterialien). Hiermit
verbindet sich zweitens eine technische Minimalkompetenz von
Lernern, die elektronischen Angebote angemessen zu nutzen. Drittens
ist auch die Bereitschaft der Lerner erforderlich, ausreichend Zeit
in die Nutzung des Portfolios zu investieren. Dies könnte
insbesondere bei solchen Lernern problematisch sein, denen die
Notwendigkeit zur selbstverantwortlichen Regulation von
Lernprozessen nicht bewusst ist (etwa sehr junge oder sehr alte
Lerner). Viertens ergebt der Einsatz des vorliegenden Portfoliotyps
nur dann Sinn, wenn Lehrer zur Abgabe von Verantwortung für die
Lernprozesse bereit sind und komplementär dazu: wenn Lerner willig
sind, eben diese Verantwortung zu übernehmen. Des Weiteren müssen
für die effektive Nutzung des Portfolios bereits elementare
metakognitive Fertigkeiten vorhanden sein wie die Fähigkeit zur
Setzung von Lernzielen, zur daraus abgeleiteten Planung von
Lernprozessen, zur Definition von Meilensteinen, zur
Überwachung des Lernens, die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Da
Lerner diese Aspekte sicherlich vielfach nicht alleine erbringen
können, drängt sich eine durchaus sehr erwünschte Kommunikation über
das Lernen, beispielsweise mit dem eigenen Lehrer, Tutoren oder
Lernberatern, auf. Sechstens brauchen Lerner ein größeres Wissen
über Lernprozesse als beim Präsenzunterricht alleine (Rösler und
Tschirner 2005: 78), das sie durch die kontinuierliche Nutzung des
Portfolios immer weiter ausbauen. Schließlich kann der
Portfolioeinsatz siebtens wohl nur dann gelingen, wenn Lerner
Vertrauen in den Sinn der Konzeption haben, und dass die Eingaben
nicht missbraucht werden. Die meisten der genannten Erfordernisse
sind Bestandteile einer neuen, in Politik und Forschung immer wieder
beschworenen Lernkultur. Portfolios setzen diese neue Lernkultur
teilweise voraus, zielen aber gleichzeitig auf deren Förderung und
Pflege.
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Anmerkungen
[1] Bezeichnungen
wie "Lerner", "Lehrer", "Dozent" usw. werden hier und im Folgenden
grundsätzlich im generischen Sinne verwendet; sie schließen die
weiblichen Äquivalente jeweils mit ein.
Copyright © 2006 Zeitschrift für Interkulturellen
Fremdsprachenunterricht
Bärenfänger, Olaf und Lavinia
Ionica. (2006). Fremdsprachenlernen mit Unterstützung
elektronischer Portfolios: Probleme, Ziele und Perspektiven.
Zeitschrift für Interkulturellen
Fremdsprachenunterricht [Online], 11 (2), 18 pp.
Abrufbar unter
http://www.ualberta.ca/~german/ejournal/Baerenfaenger_Ionica1.htm |
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