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Storm, Watt und Meer: Eine besondere deutsch-französische Begegnung der literarischen Art zwischen Mutter- und Fremdsprache Deutsch

Interview mit Claudine Bats [1] und Manfred Baumgartner [2] von Christoph Kodron

Christoph Kodron: Ich habe gehört, dass Sie zusammen ein interessantes Projekt im Rahmen des Deutschunterrichts in Deutschland und des Unterrichts in Deutsch als Fremdsprache in Frankreich durchgeführt haben, nämlich eine gemeinsame Lektüre von Theodor Storms Novelle "Der Schimmelreiter". Das Ganze gipfelte dann auch noch in einer sich anschließenden Drittortbegegnung am Ort des literarischen Geschehens. Wie kam es denn zu diesem Projekt?

Manfred Baumgartner: Wir beide sind Mitglieder des Carolus-Magnus-Kreis [3]. Der CMK ist eine "Vereinigung für deutsch-französische pädagogische und kulturelle Zusammenarbeit". Auf dem Austauschlehrerseminar 2003 in Dresden, auf einem Hotelschiff, tauschten auch wir als Germanisten unsere neuen Unterrichtserfahrungen und Projektpläne aus. Für mich als Deutschlehrer ist es immer wieder eine willkommene und zugleich attraktive Herausforderung, den Unterricht außerhalb der Schule fortzuführen und mit meinen Klassen und Kursen die Originalschauplätze der gelesenen Werke kennen zu lernen. So habe ich z.B. nach der Lektüre des "Tagebuchs der Anne Frank" mit meinen Schülern Amsterdam besucht, nach dem Lesen der Novelle "Die Judenbuche" waren wir in Bellersen, nach Goethes "Werther" in Wetzlar, nach "Nackt unter Wölfen" in Buchenwald und nach Lektüre der Werke von Franz Kafka auf Studienfahrt in Prag. Als ich auf dem Austauschlehrertreffen von meinem Projekt berichtete, wieder einmal den Hufspuren des legendären Schimmelreiters in Nordfriesland zu folgen, sprach mich Claudine, Frau Bats, sogleich darauf an, ob wir nicht bei diesem Projekt zusammen arbeiten könnten.

Claudine Bats: Ich war begeistert! Seit meiner Zeit als Fremdsprachenassistentin in Deutschland bin ich ein Storm-Fan und suchte als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, aber auch als Germanistin schon immer nach einer Gelegenheit, Storms berühmteste Novelle mit meinen Schülern zu erarbeiten. Es war für mich außerordentlich stimulierend, dass Manfred die gleiche Sicht hatte! Übrigens ist es mir schon lange wichtig, in Kooperation mit deutschen Kollegen zu arbeiten und den Schülern nahe zu bringen, dass ihr Lernen sich nicht auf den Unterricht in Frankreich begrenzt, sondern dass sie auch gemeinsam mit deutschen Schülern lernen und dasselbe Thema bearbeiten können... Noch am gleichen Abend war dann das sprachlich-literarische Abenteuer einer gemeinsamen deutsch-französischen Lektüre und einer Drittortbegegnung in Husum (Schleswig-Holstein) ein beschlossenes Unternehmen!

Christoph Kodron: Wie wurde denn die Lektüre des "Schimmelreiters" in Deutschland und in Frankreich vorbereitet, welche Vorarbeiten gab es?

Manfred Baumgartner: Für die französischen Oberstufenschüler/innen, die ja Deutsch als Fremdsprache lernen, besorgte ich in Deutschland eine lexikalisch modernisierte, aber nicht gekürzte Ausgabe des "Schimmelreiters". Meine Schüler lasen selbstverständlich den Originaltext von 1888!

Claudine Bats: Ich habe mit Manfred dieses Problem früh besprochen. Er hat mir dann mehrere Ausgaben besorgt und ich habe mich für die Ausgabe von Cornelsen entschieden, weil ich die am Ende jedes Kapitels zusammenfassenden Fragen für mich nutzbar und für die Schüler hilfreich fand.



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Manfred Baumgartner: Ab Anfang Februar konnte ich in meiner 9. Klasse mit vier Wochenstunden Deutschunterricht die Lektüre beginnen und den Text intensiv erarbeiten.

Claudine Bats: Ursprünglich wollte ich dieses Projekt mit der Gruppe der Premières durchführen, denn ich fand sie vom Niveau angemessen, aber die Hälfte dieser Gruppe weigerte sich, am Projekt teilzunehmen. Um trotzdem eine vernünftige Zahl von Teilnehmern zu finden, war ich deshalb gezwungen mit der Gruppe der Secondes zu ergänzen, was natürlich für die Durchführung des Projekts gar nicht mehr so günstig war! Für diesen Kombikurs war die Novelle bei nur zwei Deutschstunden pro Woche trotz der modernen Fassung eine sprachlich sehr schwierige Hürde. Mit Manfred hatte ich vereinbart, dass wir beide im Februar mit der Lektüre anfangen wollten. Ich wusste, dass es meinen Schülern nicht leicht fallen würde, aber ich habe nicht geahnt, dass es trotz der sich am Ende der Kapitel befindenden Fragen so langsam vorangehen würde! Ich gab immer die Lektüre eines Kapitels und das Beantworten der dazugehörenden Fragen für die nächste Stunde auf. In der folgenden Stunde habe ich dann das Verständnis kontrolliert. Beim Beginn der Fahrt nach Husum hatten meine Schüler, trotz großer Anstrengungen, die letzten Kapitel des "Schimmelreiters" noch nicht gelesen. Dies hatte jedoch den Vorteil, dass die Deutschen ihren französischen Kameraden den Ausgang der Tragödie erzählen mussten.

Christoph Kodron: Gut, aber wie lief denn die gemeinsame Lektüre ab? Gab es eine Kontaktaufnahme zwischen den Schülern?

Manfred Baumgartner: Bereits während der zeitgleichen Unterrichtsarbeit nahmen die beiden Lerngruppen brieflich, telephonisch und am liebsten auf elektronischem Weg Kontakt auf. Wegen der unterschiedlichen Größe meiner Klasse mit 24 Schülern und der französischen Gruppe mit nur 12 Personen haben wir jeweils zwei deutsche Schüler zusammen mit einem französischen Jugendlichen ein Dreier-Partnerteam bilden lassen. Kleinere Geschenke wurden vorab ausgetauscht und lösten fröhlichen Jubel im Klassenzimmer aus!

Claudine Bats: Die Beziehungen zwischen der deutschen und französischen Gruppe erfolgten von vornherein auf sehr freundschaftliche Weise und das Austauschen von kleineren Geschenken brachte den Schülern die Frage der deutsch-französischen Freundschaft näher. Aber nie gab es ein Austauschen zu dem Stoff bzw. zu der Lektüre, was man bedauern kann, vielleicht wäre dann eine regere Beziehung entstanden, aber dazu fehlte auch die Zeit.

Manfred Baumgartner: Der Altersunterschied von ein bis zwei Jahren zwischen den jüngeren Deutschen und den etwas älteren Franzosen musste wegen der erforderlichen Deutschkenntnisse der Franzosen in Kauf genommen werden. Angemessener wären natürlich Gleichaltrige gewesen.

Claudine Bats: Ja, dieser Altersunterschied war, wenn man die Nachteile dieses Treffens bedenkt, zu bedauern, aber weder Manfred noch ich hatten eine Wahl in Hinsicht auf dieses gemeinsame Projekt, das uns beide sehr interessierte!



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Manfred Baumgartner: Parallel zur Erarbeitung der Lektüre liefen die üblichen Organisationsmaßnahmen für diese Schulveranstaltung der besonderen Art. Die reizvolle Kombination einer klassischen Klassenfahrt mit einer traditionellen Schülerbegegnung - unser kleines Gymnasium im ländlichen Bereich unterhält immerhin fünf Schulpartnerschaften mit Finnland, Frankreich, Polen und den USA - wurde auf deutscher Seite von allen Beteiligten, also nicht nur von den Schülern, sondern auch von den Eltern und den Fachkollegen sowie von der Schulleitung begrüßt. Schließlich handelte es sich bei dieser Drittortbegegnung um eine Premiere, die allseits mit erwartungsvoller Neugierde angenommen wurde. Nach vielen routinemäßigen Vorbereitungen konnte unsere Drittortbegegnung in Husum vom 14. bis zum 19. Mai endlich beginnen!

Claudine Bats: Aus finanziellen Gründen mussten wir uns mit dem billigsten Verkehrsmittel begnügen, nämlich dem Eurolinesbus, der von Paris nach Hamburg fährt. Ich fand Manfreds Vorschlag interessant, dass die Gruppen sich schon in Hamburg treffen und die letzte Etappe der Reise gemeinsam machen sollten. Das war natürlich für uns besonders anstrengend nach ca. 19 Stunden Fahrt. Aber es hat sich sehr gelohnt!

Manfred Baumgartner: Wir kamen mit den Gruppen-Ländertickets der Bahn zwar langsam und bequem, dafür aber sehr preisgünstig  zuerst nach Hamburg und dann zusammen ans Ziel nach Husum. Sehr wichtig waren hierbei die finanziellen Zuwendungen des DFJWs zu den Reisekosten [4]. Die Mitarbeiter der sehr empfehlenswerten Theodor-Storm-Jugendherberge in Husum waren zu jeder Tages- und Nachtzeit hilfsbereit auf alle Wünsche unserer ungewöhnlich großen Gruppe mit 40 Personen eingegangen.

Claudine Bats: Das Personal der Jugendherberge hat wirklich versucht, alle unserer Wünsche zu erfüllen, so dass wir ihm am Ende des Aufenthalts mit einem Geschenk danken wollten!

Christoph Kodron: Wie war denn die Begegnung zwischen den Schülern?

Manfred Baumgartner: Am Anreisetag trafen sich die 36 Schüler und die vier begleitenden Lehrkräfte aus Deutschland und Frankreich zum ersten Mal am frühen Nachmittag im Hamburger Hauptbahnhof. Auf französischer Seite fuhr ein Sportlehrer als Begleitperson mit, und auf deutscher Seite idealer Weise der Französischlehrer der 9. Klasse. Mein Kollege, Herr Brumund, hatte auch in seinem Französischunterricht langfristig die sprachliche Vorbereitung auf diese Drittortbegegnung übernommen [5]. Nach der ersten, sprachlich etwas zurückhaltenden Beschnupperung in Hamburg waren weitere Gruppengespräche in einem überfüllten Zug von Hamburg nach Husum leider nicht mehr möglich. Da unser Zug von Husum aus gleich nach Sylt weiterfuhr, beschlossen wir spontan, mit unseren Schleswig-Holstein-Bahntickets bis zur Endstation mitzufahren.

Claudine Bats: Manfred hatte auch für uns die Tickets für Schleswig-Holstein gekauft, insofern erwies sich das als eine hilfreiche Entscheidung. So kamen wir vor unserer Ankunft in Husum auch noch zu einem kurzen, aber eindrucksvollen Inselaufenthalt auf Sylt.



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Manfred Baumgartner: Am frühen Abend in Husum angekommen, wurden die Koffer in die bestellten Lastentaxis gestellt und die etwas außerhalb gelegene Jugendherberge zu Fuß erreicht. Nach dem recht turbulenten Einchecken war die Zimmerbelegungsfrage ein heißes Thema. Schließlich gab es nur ein gemischtes deutsch-französisch Jugendzimmer, sonst suchten alle eine muttersprachliche Nestwärme.

Claudine Bats: Ich habe schon viele Drittortbegegnungen mit verschiedenen Nationalitäten hinter mir und habe dabei die verschiedensten Erfahrungen gemacht. Wir können meistens feststellen, dass die Jugendlichen nach einem Tag mit gemeinsamen Aktivitäten und Arbeiten in binationalen Gruppen das Bedürfnis haben, sich in den Zimmern mit Leuten aus dem eigenen Land wiederzufinden, und so haben wir es damals auch gemacht.

Manfred Baumgartner: Es folgte die erste echte Kennenlernphase bei einem reichhaltigen Büffet-Abendessen, zu dem alle Schüler landestypische Spezialitäten aus beiden Ländern mitgebracht hatten. Dieses Festessen mit zahlreichen Köstlichkeiten war für alle eine erste kulinarische Entdeckungsreise.

Claudine Bats: Nur wir Lehrer hatten uns als Einzige erlaubt, alkoholische Getränke für die Kollegen mitbringen: Rotwein aus Bordeaux [6], einen aus dem Lot typischen Aperitif und gutes Bier mit Bügelverschluss aus Uslar!

Manfred Baumgartner: Am nächsten Vormittag (Samstag, 15. Mai) fand zuerst eine gründliche Stadtführung durch Husums Altstadt und Hafen statt. Wegen der Gruppengröße von 40 Personen hatten wir zwei gemischte deutsch-französische Gruppen eingerichtet, die jeweils auf Deutsch und Französisch ein Besichtigungsprotokoll anfertigen sollen. Am Nachmittag erfolgte dann ein ausgiebiger, literarisch orientierter Spaziergang auf allen Spuren des Schriftstellers Storm in Husum, also sein Geburtshaus, seine Schule, der Friedhof usw. Eine besondere Art der persönlichen Begegnung war die längere Besichtigung seines Wohnhauses in der Wasserreihe 31. Hier tauchten die Schüler so tief in die Lebenswelt des Schriftstellers ein, dass man glauben konnte, Herr Storm käme gleich selbst vorbei, um seine Gäste aus Frankreich und Uslar zu begrüßen. Nach dem Abendessen in unserer Jugendherberge gab es den dritten Programmpunkt des Tages, die jüngste Kinoverfilmung der Novelle. Doch war der Film für die französischen Schüler eine sprachliche Überforderung, so dass einige den Fernsehraum verließen.

[...]

Manfred Baumgartner: Am Sonntag (16. Mai) gab es ein ganztägiges landeskundliches Programm, um die weitere Heimat des Schriftstellers in Nordfriesland zu erkunden. Nach einer Busfahrt über den Hauke-Haien-Koog nach Schlüttsiel unternahmen wir von dort eine erfrischende Schifffahrt zur Hallig Hooge. Während des mehrstündigen Inselaufenthaltes wurden das Sturmflutkino und die Schutzstation Wattenmeer mit Zivildienstleistenden besucht.



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Claudine Bats: Das war für uns Franzosen, denen diese Gegend ganz fremd war, ein großartiges Erlebnis. Es ist aber zu bedauern, dass einige in der für das Entdecken der Insel gewidmeten Zeit auf dem Gras nur geschlafen und gefaulenzt haben. Übrigens musste ich meinen Schülern erst erklären, was ein Zivildienstleistender ist.

Christoph Kodron: Wie ging es nach diesem erlebnisreichen Tag weiter?

Claudine Bats: Am Abend wurde in der Jugendherberge eine zweite Literaturverfilmung des "Schimmelreiters" gemeinsam angesehen. Den offiziellen Tagesabschluss bildete dann eine deutsch-französisch geführte Diskussion über die beiden unterschiedlich gelungenen Verfilmungen. Hierbei war übrigens die Ausdauer meiner französischen Schüler erfreulich größer als am Vorabend!

Manfred Baumgartner: Der Montag (17. Mai) war für alle der erlebnisreichste Tag! Wir unternahmen eine ganztägige Fahrradexkursion in der Husumer Bucht zu den verschiedenen Originalschauplätzen der Novellenhandlung. Zu Beginn gab es vor Ort am Hafen und am Meer fachkundige Erläuterungen zur Geschichte und zur Technik des Deichbaus. Bei dieser Deichführung mit herrlichem Blick auf Storms Heimatstadt Husum und ihrem "grauen Strand am grauen Meer" haben alle Schülerinnen und Schüler aus Frankreich und Deutschland Storms berühmtestes Gedicht "Die Stadt" auswendig und im Chor gemeinsam rezitiert, was sogar beim einheimischen Deichführer eine angenehme Gänsehaut auslöste. Die vielen Fahrradkilometer an der Nordseeküste flogen schnell dahin. Nach einer Einkehr im "Schimmelreiterkrug", wo die tragische Geschichte des Deichgrafen Hauke Haien von einem Schulmeister spannungsvoll erzählt wird, bekam die große Gruppe unerwartet Zutritt zu dem sonst für die Öffentlichkeit überhaupt nicht mehr zugänglichen privaten Deichgrafenhof, den Storm als Vorbild nahm. Zum Abschluss wurden mit dem Friedhof, der Kirche und dem Dorfkrug in Hattstedt weitere Handlungsorte der Novelle aufgesucht. Die Tagesleistung mit dem Fahrrad betrug stolze 40 Kilometer. Alle waren leicht erschöpft und müde, aber bei fröhlichster Laune!

Claudine Bats: Dieser Tagesausflug bedeutete für mich die Erfüllung eines Traums! Ich hätte nie geglaubt, dass es möglich wäre, einen gleichgestimmten Kollegen zu finden und auf diese außergewöhnliche Weise zu arbeiten, wie ich es mir und meinen Schülern immer gewünscht hatte. Ich bin auch stolz auf meine Schüler, die die Tour so gut mitgemacht haben, wobei das tolle Wetter hilfreich war.

Manfred Baumgartner: Am Dienstag (18. Mai) wurde am Vormittag nach einer sehr sportlichen Salzwiesenwanderung mit vielen Sprüngen über die Gräben eine Seetierfangfahrt auf hoher See mit Kostprobe der gefischten Krabben unternommen. Dabei wurden wir von drei Zivildienstleistenden begleitet und fachkundig über alle Lebewesen im Wasser informiert. Leider waren die niedlichen Seehunde auf den Sandbänken oder im Meer nur ganz selten zu sehen! Der Nachmittag stand dann im Zeichen der Gruppenarbeit zur Novelle "Der Schimmelreiter". Besonders intensiv konnten die Schüler in den deutsch-französischen Gruppen zusammen arbeiten, als es darum ging, verschiedene Illustrationen zur Handlung zu beschreiben und möglichst schnell textgenau in die Handlung einzufügen.

Claudine Bats: Die deutschen und französischen Schüler hatten schon eigene Zeichnungen und Gedichte von zu Hause mitgebracht, die sie genau wie die Deutschen im Unterricht oder als Hausaufgabe angefertigt hatten. Bei der Vorstellung dieser Arbeiten gab es von allen für alle immer Applaus. Könnten wir nicht einige Strophen aus verschiedenen Textproduktionen der Deutschen und der Franzosen zu Storms Gedicht "Die Stadt" vorstellen? [7]



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Manfred Baumgartner: Bei diesem Arbeitstreffen überreichten meine Schüler ihren französischen Partnern auch eine selbst gebundene Sammlung mit eigenen modernen Märchen, mit denen die Klasse kurz zuvor an einem Literaturwettbewerb teilgenommen und sogar zwei Preise dabei gewonnen hatte. Das Erlernen der deutschen Sprache könnte den französischen Schülern damit leichter fallen als mit einem längeren Novellentext des 19. Jahrhunderts, denn viele Märchentexte waren in moderner Umgangssprache verfasst.

Claudine Bats: Tatsächlich kann man den "Schimmelreiter" als zu schwierig für meine Schüler finden, aber er kann auch als Herausforderung betrachtet werden. Vielleicht eignen sich moderne Märchen besser. Aber ich bin dafür, sowohl authentische literarische Texte für das Erlernen der deutschen Sprache als aber auch die Beiträge der Schüler als Sprachbeispiel zu nutzen.

Manfred Baumgartner: Den offiziellen Abschluss dieser Drittortbegegnung bildete am Abend eine mehrstündige romantische Fackelwanderung in kühler Meeresnähe. Und auch hier wurden wieder Gedichte von Schülern und Schriftstellern wie z. B. Liliencron und Heine stimmungsvoll vorgetragen.
        
Der folgende Tag (Mittwoch, 19. Mai) war der Abreisetag, und viele befanden sich in einer etwas seltsamen Verfassung, je nachdem, ob sie an den bevorstehenden Abschied oder an die Wiedersehensfreude zu Hause dachten. Am späten Vormittag fuhren die Deutschen und Franzosen noch einmal gemeinsam bis nach Hamburg, wo sich dann ihre Reisewege trennen mussten.
        
So vergingen mehrere aufregende, erlebnisreiche Tage mit Storm, Wind und Wetter, Watt und Meer!

Christoph Kodron: Die Begegnung war erlebnisreich, die Schüler produzierten selbst viel und, wenn ich es recht verstehe, kann das Projekt und die Begegnung als gelungen angesehen werden. Könnten Sie das gesamte Projekt bewerten, ein Fazit ziehen?

Manfred Baumgartner: Während dieser deutsch-französischen Begegnung in Husum hatten wir bewusst Englisch als Drittsprache [8] nicht zugelassen, so dass fast alle Schüler erfolgreich versucht haben, sich in der Partnersprache auszudrücken. Für die meisten meiner Schüler war es die erste authentische Gelegenheit, sich mit Muttersprachlern in Französisch, der erlernten Fremdsprache, zu verständigen. Dennoch war auffällig, dass nach einem langen gemeinsam verbrachten Tag mit vielen deutsch-französischen Kommunikationssituationen in den Schlafräumen eine sprachliche Nestwärme gesucht wurde. Bis auf zwei Franzosen war es nicht möglich, die Schlafräume mit deutschen und französischen Schülern gemeinsam zu belegen, so wie ich es gewünscht hatte! Anders als bei einem traditionellen Schüleraustausch mit Familienanschluss waren die sprachlichen und sozialen Kontakte, auch wegen des Altersunterschieds, anfänglich freundlich zurückhaltend. Erst nach einer Aufwärmzeit von zwei Tagen mit vielen gemeinsamen Erlebnissen und binationalen Arbeitsgruppen fing die sprachliche und soziale Eisbarriere an zu schmelzen. Besonders durch spontan organisierte sportliche Aktivitäten fanden die Jugendlichen zu einem guten Kontakt. Bei den offiziellen Programmpunkten waren jedoch immer wieder sprachliche Gruppenbildungen zu erkennen. Bei Führungen und Besprechungen wurden die deutschen Erläuterungen gerne von zwei französischen Schülerinnen, die bereits erfolgreich am Voltaire-Programm teilgenommen hatten, für die Mitschüler hervorragend übersetzt.



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Claudine Bats: Ich bin dafür, den Schülern möglichst viele Aufgaben zu überlassen, wenn sie in der Lage sind, sie durchzuführen. Das war hier der Fall! Ich fand das Dolmetschen für sie eine gute Übung, da sie hohe Ansprüche für ihre Zukunft haben. Sprachlich überfordert waren die meisten meiner Schüler aber bei den beiden Literaturverfilmungen, die eher für deutsche Gymnasiasten oder Studenten geeignet sind. Trotzdem konnten sie aber in den gemischten Arbeitsgruppen ihre Deutschkenntnisse gut anwenden.

Manfred Baumgartner: Nach der Rückkehr hat die deutsche Schulklasse die Begegnung sowohl im Deutsch- als auch im Französischunterricht ausgewertet. So wurde noch von allen ein gemeinsames Reisetagebuch mit Berichten, Photos und Zeichnungen angefertigt und vervielfältigt, außerdem erschien in der Lokalpresse ein langer Zeitungsbericht mit Gruppenphoto.

Claudine Bats: Auch in Frankreich wurde die Begegnung ausgewertet, leider erst im September, denn als wir zurückkamen, war bei uns das Ende des Schuljahres und die Prüfungszeit für alle gekommen. Wir haben also erst im September im Unterricht der section européenne [9] zwei Posters erstellt, eine Zusammenfassung der Begegnung und ich habe die von Manfred angebotenen Übungen in meinem Unterricht genutzt, die Schüler bekamen eine zusammenfassende Hausarbeit auf... [...]

Manfred Baumgartner: [...] war es für alle Beteiligten eine ungewöhnliche Begegnung der sprachlichen Art mit vielen positiven Erfahrungen, Erlebnissen und Rückmeldungen.

Claudine Bats: Ja, Manfred hat Recht, eine ungewöhnliche Begegnung! Vielen meiner Schüler war diese Landschaft total fremd, das Entdecken einer ganz anderen Gegend befremdete sie, z. B. der Ausflug auf die Hallig Hooge oder der Fischfang auf einem Kutter, auch die Zusammenarbeit einer französischen Deutsch lernenden und einer deutschen, auch Deutsch lernenden Gruppe gab der Begegnung einen ungewöhnlichen Charakter. Die Schülerinnen empfanden die Gemeinsamkeit der Lernziele tief, z. B. als sie auf dem Deich das Gedicht "Die Stadt" zusammen laut aufsagten oder ihre eigenen Gedichte stolz vorlasen.

Manfred Baumgartner: Nach Beendigung des Projekts halten mehrere deutsche und französische Schüler und Schülerinnen weiter lockeren (E-Mail-) Kontakt. Meinen Schülern hat es so gut gefallen, dass sie sich nun eine weitere Drittortbegegnung mit den Franzosen in Frankreich wünschen!

Claudine Bats: Das stimmt! Auch meinen Schülern hat es sehr gut gefallen. Aber wenn es klappen sollte, dann geht das leider nicht mit derselben Gruppe. Das hätte den Vorteil eines geringeren Altersunterschieds und der angemesseneren Schülerzahl! Ich hoffe, dass es klappen wird.

Manfred Baumgartner: Meiner Klasse hat dieses Projekt an der Nordseeküste so gut gefallen, dass sie jetzt sogar ihre Abschlussfahrt in der 10. Klasse auf Sylt durchführt!

Christoph Kodron: Ich danke Ihnen für dieses interessante Gespräch.



-9-

Anhang: Lyrische Textproduktionsbeispiele

Die ersten drei Strophen stammen von drei verschiedenen deutschen, die letzten drei von französischen Schülern.

      Könnt dich niemals mehr verlassen,
      Du graue Stadt am Meer.
      Trotz der vielen grauen Gassen
      Konnt ich noch nie von dir lassen,
      Du graue Stadt am Meer.
       
      Das dunkle Nass vom wütenden Meer
      Sich mit dem Deiche misst.
      Die Stadt, sie wirkt so still und leer,
      Wenn wieder eine Welle schwer
      Sich in die Erde frisst.
       
      Mit deinem kühlen Winde du
      Vertreibst die Menschen leicht.
      Doch mich hast du gewonn’ im Nu,
      Ich setzte mich bei dir zur Ruh
      Obwohl der Nebel schleicht.
       
       
      Der Weiler
      Grüne Wälder, grüne Hügel
      Und da liegt der Weiler.
      Der Wind weht selig in dem Tal,
      Und das gibt schönes Gemurmel:
      Die Stimme im Weiler.
       
      Im Frühjahr, wenn die Sonne scheint,
      Geht deine Schläfrigkeit.
      Die Blumen lassen sich sehen
      Nachts die Sterne oben blinken
      Es gab keine Schwierigkeit.
       
      Deswegen hängt mein Herz an dir
      Du, grünhügeliger Weiler
      Das Leben ist leicht auf deinem Land
      Die Kinder wachsen gut bei dir
      Du, grünhügeliger Weiler.

 

Anmerkungen

[1] Deutschlehrerin im Lycée d'Enseignement Général in Gourdon, Département Lot.

[2] Französisch- und Deutschlehrer am Gymnasium Uslar bei Göttingen, Niedersachsen.

[3] www.carolus-magnus-kreis.org.

[4] Die Franzosen erhielten pro Person pauschal 150 €uro, und für die Deutschen gab es jeweils 18 €uro, womit deren Reisekosten abgedeckt waren. Zudem erhielten alle Teilnehmer für die Zeit des Aufenthaltes 20 €uro für die Unterbringungskosten.

[5] [...]

[6] Cahorwein wäre angebrachter gewesen, aber mein Kollege hatte sich für diesen entschieden.

[7] Beispiele sind nach dem Interview abgedruckt.

[8] [...]

[9] Section européennes bzw. Classes Européennes sind Lerngruppen mit verstärktem Sprachangebot und Sachfachunterricht in einer Fremdsprache, hier Deutsch.




Copyright © 2006 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Kodron, Christoph. (2006). Interview mit Claudine Bats und Manfred Baumgartner. Storm, Watt und Meer: Eine besondere deutsch-französische Begegnung der literarischen Art zwischen Mutter- und Fremdsprache Deutsch.
Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online], 11 (2), 9 pp.
Abrufbar unter http://www.ualberta.ca/~german/ejournal/BatsBaumgartner.htm

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