Gesprächsführung in der individuellen Sprachlernberatung
Grit Mehlhorn
1. Einleitung
Individuelle Sprachlernberatung orientiert sich in Anlehnung an Rogers
(1983, 1985) am Konzept der non-direktiven Beratung. Damit verbunden ist ein
positives Menschenbild, wie man es z.B. auch in der humanistischen Psychologie
findet. Der Lerner wird als Person angesehen, die prinzipiell in der Lage ist
selbstständig zu handeln, über ihr Lernen zu reflektieren, dieses zu
kontrollieren und weiter zu entwickeln (zu einer detaillierten Beschreibung
elaborativ-prospektiver "Subjektmodelle" vgl. Grotjahn 2005). Da
Autonomie im Sinne Holecs (1979) bei jedem Lerner graduell unterschiedlich
ausgeprägt ist, nehme ich an, dass der Lerner durch individuelle Beratung beim
Ausbau dieser Fähigkeit unterstützt werden kann. Ich gehe weiterhin davon aus,
dass der Lerner die Lösung für seine Lernprobleme in sich trägt. Ein vorwiegend
direktives Vorgehen der Beraterin würde die Entwicklungsmöglichkeiten des
Lerners in Frage stellen und könnte dazu führen, dass der Lerner zu
Vorgehensweisen gedrängt wird, die ihm eigentlich fremd sind. Da der Lerner die
vereinbarten Wege schließlich selbst beschreiten muss, sollte er sich damit
auch identifizieren können.
Lernende unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Ziele, ihrer Motivation,
ihrer Lernstrategien, ihrer Fähigkeit zur Selbstreflexion und z.B. auch danach,
wie viel Ermutigung sie brauchen. Deshalb sollte das Vorgehen in der Beratung
individuell auf den jeweiligen Lerner abgestimmt werden. Passende Lernwege und
-strategien für den individuellen Lerner können in der Sprachlernberatung
meines Erachtens dadurch entdeckt werden, dass
· sich der
Lerner über seine Lernziele klar wird,
· der Lerner über sein bisheriges Lernen reflektiert,
· der Lerner über alternative Vorgehensweisen und Lernstrategien nachdenkt,
· ihm passend scheinende alternative Vorgehensweisen ausprobiert und
darüber reflektiert,
· sich funktionierende Lernstrategien bewusst macht und
· seine Lernfortschritte selbst versucht zu evaluieren.
Dazu bedarf es bestimmter Reflexionsanstöße und Gesprächsimpulse durch die
Beraterin. Beratung ist daher ein dialogischer Prozess, der durch verschiedene
Gesprächstechniken gestaltet werden kann (vgl. u.a. Bachmair et al. 1999; Brem-Gräser
1993; Cormier und Hackney 1987; Culley 1996; Fischer-Epe 2002; Hackney und
Cormier 1993; Nothdurft 1984; Schlee et al. 1999; Weber 1994; Weinberger 1998).
During advising sessions, dialogue is a
pedagogic tool to help the learner
help him/herself. Such conversations constitute skilled work on the part of the
adviser as it requires the ability to be effectively non-directive, to actively
listen and perform a function of 'mirror', enabling students to revisit their
statements about learning, strategies and needs. Paraphrasing, formulating open
questions, restating, empathising, confronting are some of the skills adopted.
This dialogue process enables learners to gradually acquire their own knowledge
of self in relation to what they are learning and assume more responsibility
and control of their learning (Mozzon-McPherson 2002: 3, Hervorhebung im
Original).
Im Folgenden werden einige dieser Beratungs- und Gesprächstechniken im
Kontext individueller Sprachlernberatung vorgestellt.
-2-
2. Aktives Zuhören
Aktives Zuhören meint eine wertschätzende Grundhaltung der Beraterin
gegenüber dem Lerner und die dazugehörigen Gesprächstechniken. Die Beraterin
schafft einen wohlwollenden und angstfreien Rahmen, in dem sich der Lerner
öffnen und seine subjektiven Sichtweisen darstellen kann. Dies ist besonders in
der Anfangsphase von Beratungsgesprächen hilfreich. Diese wertschätzende
Grundhaltung kann sich z.B. darin äußern, dass die Beraterin zu Beginn des
Gesprächs wichtige Dinge aus der letzten Beratungssitzung aufgreift und den
Lerner nach persönlichen Dingen fragt. Dabei hilft ein Blick in die vom Berater
nach der letzten Sitzung angefertigten Beraternotizen (vgl. Mehlhorn et al.
2005: 177-184). Wenn der Lerner durch das Aktive Zuhören der Beraterin Interesse
an seiner Person und seinen Lernschwierigkeiten spürt, wird er eher bereit
sein, darüber zu reden. Andererseits wird das Sprechen über das eigene Lernen
dazu beitragen, dass dem Lerner selbst Vieles klarer wird.
Fischer-Epe (2002: 33) zufolge agiert die Beraterin beim Aktiven Zuhören
auf drei Ebenen:
· wertschätzendes Interesse,
· inhaltliches Verständnis,
· emotionales Verständnis.
Die Beraterin signalisiert durch ihr Aktives Zuhören, dass sie "ganz
Ohr" ist; sie zeigt ihr Interesse an dem Gesagten und dass sie die
Äußerungen des Lerners versteht - sowohl verbal als auch durch
körpersprachliche Signale (z.B. eine zugewandte Sitzhaltung, Blickkontakt,
Nicken etc.). Auf der inhaltlichen Ebene versucht die Beraterin die
Kernaussagen des Lerners zu erfassen. Aktives Zuhören bedeutet schließlich auch
emotionales Verständnis, d.h. die Fähigkeit, die Situation des Lerners und
seine derzeitige Gefühlslage aus dessen Perspektive sehen zu können und diesem
das auch zu zeigen. Äußerungen wie
(1)
"Ich kann mir vorstellen, wie schwierig es ist in einer
Fremdsprache zu studieren"
(2)
"Wenn ich durch die Prüfung gefallen wäre, hätte ich mich auch
geärgert" u.ä.
zeigen dem Lerner, dass er mit seinen Schwierigkeiten ernst genommen wird,
können für eine emotionale Entlastung des Lerners sorgen und Vertrauen
schaffen, das eine wichtige Grundlage für die weitere Beratung darstellt.
Aktives Zuhören heißt nicht nur gut zuhören zu können, sondern auch im
entscheidenden Moment die richtigen Fragen zu stellen, die Brille des Lerners
aufzusetzen und alles mit seinen Augen zu sehen, dann aber auch die Brille zu
wechseln, ein anderes Bild wahrzunehmen und dieses dem Lerner zeigen zu können.
-3-
Das Spiegeln ist eine Gesprächstechnik im Bereich des Aktiven Zuhörens, bei
der die Beraterin in ihren eigenen Worten wiedergibt, was sie den Äußerungen
des Lerners entnommen hat und dabei versucht, die Kernaussagen auf den Punkt zu
bringen. Solche "Spiegelungen" sollten so eingeleitet werden, dass
dem Lerner auch klar wird, dass es sich um die persönliche Sicht der Beraterin
handelt, z.B.:
(3)
"Bei mir ist angekommen ..."
(4)
"Wenn ich Sie richtig verstanden habe ..."
(5)
"Ich würde gern zusammenfassen, was ich bisher verstanden habe:
..."
Dadurch "spiegelt" die Beraterin dem Lerner ihre Sicht auf die
Dinge und ermöglicht diesem, seine Situation aus einer anderen Perspektive zu
sehen. Ein inhaltliches Beispiel für das Spiegeln könnte folgendermaßen lauten:
(6) "Sie fühlen sich wohler,
wenn Sie nur zuhören brauchen. Wenn Sie etwas sagen sollen, haben Sie Angst
Fehler zu machen. Und das verunsichert Sie."
Durch Äußerungen in dieser Form kann die Beraterin auch überprüfen, wie
weit sie den Lerner verstanden hat. Dieser kann daraufhin widersprechen,
zustimmen, seine Darstellung präzisieren und weitere ihm wichtige Aspekte
einbringen. Das Spiegeln kann sich auch auf den wahrgenommenen Gefühlszustand
des Lerners beziehen, z.B.:
(7)
"Sie haben Angst vor dieser Prüfung."
(8)
"Sie trauen sich nicht nachzufragen, wenn Sie etwas nicht
verstanden haben."
(9)
"Sie denken, dass Sie das schaffen können."
Dies verlangt von der Beraterin die Fähigkeit, nonverbale Signale wie
Änderungen im Gesichtsausdruck, in der Haltung, Stimme und
Sprechgeschwindigkeit wahrzunehmen. Neben dem Mitteilen von Beobachtungen
können auch vorsichtige Interpretationen der Beraterin hilfreich sein - immer
vorausgesetzt, dass der Lerner im Gespräch die Möglichkeit hat sich dazu zu
äußern:
(10)
"Sie verstehen nicht, wozu Sie das lernen sollen."
(11)
"Sie glauben, dass Grammatik wichtig ist, aber Sie beschäftigen
sich nicht gern damit."
(12)
"Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind Sie unzufrieden, weil
Sie glauben, nach einem Jahr in Deutschland müssten Sie mehr Deutsch verstehen
..."
-4-
3. Fragetechniken
Fragen der Beraterin sind notwendig, um mehr über den Lerner und sein
Sprachenlernen zu erfahren und dienen letztlich dazu, den Lerner besser beraten
zu können. Dabei sind offene Fragen in der Regel besser geeignet, Informationen
über Hintergründe von Lernschwierigkeiten zu erhalten als geschlossene Fragen,
die mit einem Wort beantwortet werden können. Offene Fragen stellen einen
Gesprächsimpuls dar und initiieren längere Gesprächspassagen des Lerners, z.B.:
(13)
"Ich würde gern wissen, wie ..."
(14)
"Erzählen Sie mal, wie es dazu gekommen ist ..."
(15)
"Was tun Sie genau, wenn Sie Vokabeln lernen?"
Offene Fragen werden auch zur Erhebung der Sprachenlernbiografie des
Lerners in der ersten Beratungssitzung verwendet (zu einem ausführlichen
Fragenkatalog vgl. Kleppin und Mehlhorn 2005: 76f. sowie Mehlhorn et al. 2005:
165f.). Nachfragen sollten gestellt werden, damit der Lerner bestimmte Aussagen
aus seiner Sicht konkretisiert, z.B.:
(16)
"Was meinen Sie mit ...?"
(17)
"Woher kommt Ihre Meinung über ...?"
(18)
"Wie hilft Ihnen das?"
(19)
"Sind Sie damit zufrieden?"
Als Akzentuieren bezeichnet man eine aus wenigen Worten bestehende
Wiederholung aus der Lerneräußerung, die mit einer fragenden Intonation
versehen wird und signalisieren soll, dass die Beraterin etwas Bestimmtes
ausführlicher erfahren will, z.B.:
(20)
Lerner: "Ich würde gern mehr Deutsch sprechen, aber dann blamier
ich mich wieder."
Beraterin: "Blamieren?"
(21)
Lerner: "Meine Freundin hat gesagt, dass man eine Sprache nur im
Ausland richtig lernt."
Beraterin: "Ihre Freundin?"
Indem die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Information in der Äußerung des
Lerners gelenkt wird, kann dieser dazu angeregt werden, bestimmte Sichtweisen
zu hinterfragen. Die Technik des Akzentuierens sollte jedoch sparsam und
vorsichtig eingesetzt werden und sollte den Lerner auf keinen Fall in eine
Verteidigungsposition drängen.
4. Persönliche Verhaltensweisen ansprechen
Persönliche Verhaltensweisen, die das Sprachenlernen behindern, sollten in
der Beratung mit dem Ziel der Verhaltensänderung angesprochen werden. Dazu
gehören u.a. die Fähigkeit zur Selbstevaluation (siehe unten), aber auch
bestimmte Einstellungen, die Motivation des Lerners und Ängstlichkeit, z.B.
Sprechangst, die Angst vor Fehlern, Angst vor negativer Einschätzung oder
Prüfungsangst. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch das Attribuieren, d.h.
die Ursachenzuschreibung von Lernerfolg bzw. -misserfolg (vgl. Williams und
Burden 1997). Hier einige Beispiele für die Initiierung von Reflexionen in
diesem Bereich:
(22)
"Sie gehen davon aus, dass Sie die Prüfung nicht bestanden haben,
weil Ihr Lehrer Sie schlecht vorbereitet hat?"
(23)
"Sie verstehen deshalb so wenig, weil die Leute so schnell und
undeutlich sprechen?"
(24)
"Sie haben Angst beim Sprechen Fehler zu machen, weil man Sie für
dumm halten könnte?"
(25)
"Wenn Sie nicht so gut abschneiden, liegt das an Ihrer
Unfähigkeit? Und die guten Noten sind Zufall oder Glück oder die gibt Ihnen Ihr
Lehrer um Ihnen einen Gefallen zu tun?"
-5-
Für den Beratungsprozess ist es wichtig herauszufinden, ob der Lerner sich
mögliche Misserfolge beispielsweise durch mangelnde Begabung, unabhängige
äußere Faktoren oder mangelnde Anstrengung erklärt. Das hat Einfluss darauf, ob
er überhaupt Anstrengungen unternehmen wird, bestimmte Dinge zu verändern. Eng
im Zusammenhang mit der Bewusstmachung von Attributionen steht das
Konfrontieren mit kontraproduktiven Verhaltensweisen oder Einstellungen, z.B.:
(26)
"Sie finden, dass Ihr Aufsatz ‚ganz schrecklich' ist, obwohl Sie
sehr dafür gelobt wurden. Was sind denn Ihre Kriterien für einen guten
Aufsatz?"
(27)
"Versuchen wir doch herauszufinden, warum Sie den vereinbarten
Weg nicht beschritten haben. Was hat Sie denn davon abgehalten?"
(28)
"Einerseits sagen Sie, dass Sie unbedingt Ihren schriftlichen
Ausdruck verbessern wollen, andererseits investieren Sie nur wenig Zeit in das
Schreiben ..."
(29)
"Sie wollen mit einem anderen Material arbeiten, kommen aber
damit wieder in dieselben Schwierigkeiten. Hat das wirklich etwas mit den
Materialien zu tun?"
Wenn der Lerner beispielsweise wegen starker Prüfungsangst in die Beratung
kommt, lohnt es sich schon, auch auf sein "Horrorszenario"
einzugehen:
(30)
"Was würde denn passieren, wenn Sie durch die Prüfung fallen? Was
würde sich ändern? Würden sich Ihre Freunde von Ihnen abwenden? Wären Sie als
Mensch nichts mehr wert? Hätten Sie keine zweite Chance?",
aber auch das "Gegenszenario" deutlich zu machen:
(31)
"Und wenn Sie die Prüfung bestehen?"
Ziel des Konfrontierens ist es, festgefahrene Überzeugungen zu
hinterfragen, Ängste zu relativieren und nach alternativen (positiveren)
Sichtweisen zu suchen, die den Lerner (wieder) handlungsfähig und
selbstständiger machen.
5. Gesprächssteuerung
Auch wenn die individuelle Sprachlernberatung eher non-direktiv sein
sollte, gibt es bestimmte Momente, in denen die Beraterin das Gespräch auf
bestimmte Aspekte lenken sollte, z.B. für die Einleitung folgender Phasen:
· Gesprächseröffnung
· Überleitung von einer
Phase des Gesprächs zur anderen
· Feedback
· Gesprächsbeendigung
· Intervenieren bei kontraproduktivem Gesprächsverlauf.
-6-
Intervenieren sollte die Beraterin beispielsweise, wenn sie merkt, dass das
Ziel des Lerners unrealistisch ist oder wenn der Lerner während der
Problemlösungsphase vom Thema abschweift, immer neue Probleme einbringt und
dadurch die eigentliche Suche nach einem Weg für ein bereits definiertes
Lernziel boykottiert, z.B.:
(32)
"Ich habe den Eindruck, dass dieses Ziel etwas hochgesteckt ist.
Ist denn das in den nächsten drei Monaten erreichbar?"
(33)
"Einen Moment. Wir wollten doch jetzt mögliche Wege zu Ihrem
Lernziel besprechen. Sie bringen nun ein drittes und viertes Problem ein, das
uns eigentlich wieder in die erste Beratungsphase zurückbringt. Sind Sie
einverstanden, dass wir die gerade angesprochenen Schwierigkeiten in der
nächsten Sitzung bearbeiten?"
(34)
"Jetzt kommen wir zu einem ganz anderen Thema, das eigentlich
nicht in die Sprachlernberatung gehört. Lassen Sie uns noch mal auf die heutige
Arbeitsfrage zurückkommen ..."
Hierbei ist Transparenz notwendig, d.h., die Beraterin sollte begründen,
warum sie den Lerner unterbricht und ihn auf das Ziel der Beratung aufmerksam
machen.
Da die Beratung in der Regel zeitlich begrenzt ist, sollte man nach der
Besprechung der Ziele und Wege auch zu einer Vereinbarung kommen.
Möglichkeiten, Schlussfolgerungen zu initiieren, sind z.B.
(35)
"Sie haben also ausprobiert, die neuen Vokabeln gleich im Anschluss
an den Unterricht noch mal für sich nachzuschlagen und aufzuschreiben und haben
dabei die positive Erfahrung gemacht, dass Sie die Texte aus dem Unterricht im
Nachhinein besser verstanden haben und dass Sie in der nächsten Stunde besser
‚mitgekommen' sind. Wollen Sie diesen Weg weiter verfolgen?"
(36)
"Erreichen möchten Sie ... Sie haben aber nur zwei Stunden in der
Woche dafür eingeplant. Worauf möchten Sie sich denn in den nächsten zwei
Wochen konzentrieren?"
(37)
"Wir haben nun mehrere Möglichkeiten besprochen. Welche der
Strategien könnten Sie sich denn für sich vorstellen? Was wollen Sie in den
nächsten drei Wochen ausprobieren?"
Mögliche Formulierungen, um ein Gespräch zu
beenden bzw. zu signalisieren,
dass die Beratungssitzung sich dem Ende nähert, könnten z.B. sein:
(38)
"Jetzt haben wir verschiedene Strategien besprochen, wie Sie
diese Dinge in Angriff nehmen könnten. Können Sie noch einmal zusammenfassen,
wie Sie nun vorgehen wollen?"
(39)
"Wollen wir einen neuen Termin vereinbaren?"
(40)
"Zum Ende unseres Gesprächs würde mich interessieren, was Sie
nach Hause ‚mitnehmen'. Könnten Sie kurz sagen, was Sie in den nächsten vier
Wochen für ... tun wollen?"
(41)
"Damit können wir gern das nächste Mal anfangen."
-7-
6. Feedback und Initiieren von Selbstevaluation
Williams und Burden (1997: 98) gehen davon aus, dass die Wahrnehmungen und
Interpretationen des Lerners einen großen Einfluss auf dessen Leistungen haben
und dass die Menge und Art von positivem oder negativem Feedback, das ein
Lerner erhält, den Sinn des Lerners für Leistung, seine Motivation, mehr zu
erreichen und die Etablierung seiner "Selbstwirksamkeit"
(self-efficacy) auf dem zu lernenden Gebiet beeinflusst. Das Feedback der
Beraterin ist v.a. hilfreich in Bereichen, die der Lerner (noch) nicht selbst
einschätzen kann, z.B. seine Aussprache bestimmter fremdsprachlicher Laute.
Ehrliche Rückmeldungen der Beraterin zu den Lernfortschritten des Lerners
können daher eine Reflexions- und Entwicklungshilfe für den Lerner darstellen.
Dabei sollten Schwächen und Defizite zwar nicht tabuisiert werden, aber der
Schwerpunkt sollte doch auf der Herausarbeitung und Betonung der Stärken und
Potenziale des Lerners liegen. Das persönliche Feedback der Beraterin sollte
· sachliche, möglichst konkrete Informationen zu den Lernfortschritten
beinhalten,
· Wertungen vermeiden,
· den Lerner nicht in eine Verteidigungsposition bringen,
· kein Überangebot an angesprochenen Problemen darstellen,
· den Lerner ermutigen und motivieren, so dass sein Interesse an Feedback
bestehen bleibt.
Der Lerner sollte jedoch nicht auf die Fremdevaluation angewiesen sein bzw.
sich allein darauf verlassen, sondern während des Beratungsprozesses immer mehr
in die Lage versetzt werden, sich selbst einschätzen zu können. Um
selbstständig weiter arbeiten zu können, ist es notwendig, dass der Lerner
lernt, seine Sprachkompetenzen und seine Lernfortschritte selbst zu beurteilen,
über eingesetzte Lernstrategien zu reflektieren und entsprechende Konsequenzen
daraus zu ziehen (vgl. Weskamp 2003). Individuelle Sprachlernberatung bietet
die Möglichkeit, die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstevaluation
anzustoßen und weiter zu entwickeln (vgl. Kleppin 2005). Hier einige Beispiele
für die Initiierung von Selbstevaluation des Lerners in der Sprachlernberatung:
(42)
"Nachdem Sie jetzt Ihre ersten Versuche mit dieser Strategie
gemacht haben, wie ist Ihre Meinung dazu?"
(43)
"Versuchen Sie doch einmal selbst einzuschätzen, wie Sie beim
Sprechen zurechtkommen!"
(44)
"Das hat X. gesagt. Und wie haben Sie es selbst empfunden?"
(45)
"Waren Sie zufrieden mit sich?"
(46)
"Haben Sie denn den Fehler, über den Sie sich neulich so geärgert
haben, wieder gemacht?"
(47)
"Sie haben jetzt mehrere Dinge genannt, die Sie verbessern
wollen. Was war denn gut an Ihrem ersten Vortrag auf Englisch?"
(48)
"Wie ist es, wenn Sie es mit Ihrer Lesegeschwindigkeit vor einem
halben Jahr vergleichen?"
-8-
Wenn eine allmähliche Verschiebung von der
Fremdevaluation zur Selbstevaluation des Lerners stattfinden soll bzw. die Beraterin die
Entwicklung und Erweiterung der Selbstevaluation durch den Lerner unterstützen
möchte, hat das Konsequenzen für das Vorgehen in der Beratung: Die innere
Überzeugung des Lerners, dass er die Kontrolle über sein Lernen und seine
Leistungen hat, stellt ein wichtiges Beratungsziel dar. Die Beraterin sollte
stets die Selbstevaluation des Lerners über ihr Feedback stellen, d.h., zuerst
sollte der Lerner dazu aufgefordert werden einzuschätzen, wie er mit bestimmten
Lernaufgaben zurecht gekommen ist, was er von seinen Lernzielen hat
verwirklichen können, wie er seine Lernfortschritte beurteilt. Gelingt dies dem
Lerner gut, kann die Beraterin dessen Selbstbeurteilung bestätigen und das
Feedback kann insgesamt immer kürzer ausfallen. Auch die Art und Weise des
Lerners sich selbst Feedback von Dritten zu "organisieren", kann
Gegenstand der Beratung sein. Wenn der Lerner in der Beratung herausgefunden
hat, wie für ihn informatives und hilfreiches Feedback gestaltet sein muss,
kann er dies von anderen Personen, z.B. befreundeten Muttersprachlern,
Kommilitonen oder - falls vorhanden - einem Tandempartner einfordern.
7. Gesprächsführung - ein Beispiel aus einem individuellen
Beratungsgespräch
Der folgende Auszug aus einem
Beratungsgespräch (siehe Transkript) dokumentiert die erste Sitzung einer Aussprache-Lernberatung.
Die Beraterin versucht als Erstes den Namen des vietnamesischen Lerners richtig
auszusprechen und fordert ihn auf sie zu korrigieren. Damit zeigt sie ihre
Wertschätzung ihm gegenüber, ihr Interesse an seiner Person und seiner
Muttersprache. Gleichzeitig setzt sie sich bewusst einer Situation aus, in der
sie zwangsläufig selbst Fehler machen muss (da sie kein Vietnamesisch
beherrscht). Sie demonstriert, dass Ausspracheschwierigkeiten etwas Normales
sind und signalisiert ihr Verständnis für seine Schwierigkeiten mit der
deutschen Aussprache. Der Lerner erzählt daraufhin sehr bereitwillig von sich.
Die Beraterin hört in erster Linie zu, hilft bei Formulierungsschwierigkeiten
und fragt ab und zu nach. Dabei erfährt sie wichtige lernerbiografische
Informationen; sie erhält einen Eindruck von der Sprachkompetenz, den konkreten
Schwierigkeiten des Lerners und seiner Reflexionsfähigkeit sowie Hinweise auf Einstellungen
und Sichtweisen des Lerners auf sein Fremdsprachenlernen, die Gründe für die
Inanspruchnahme der Beratung, seine Vorkenntnisse und Lernstrategien. Diese
Informationen helfen ihr den Lerner individuell zu beraten. Dem Lerner wird
durch das gezielte Fragen und Zuhören der Beraterin eine Reflexion über sein
Sprachenlernen ermöglicht, das in dieser Form sonst häufig nicht stattfinden
würde. In einer weiteren Beratungsphase erhält der Lerner eine detaillierte
Diagnose zu einem von ihm gelesenen und aufgenommenen Text, die der Lerner
jeweils durch seine Wahrnehmung dieser Abweichungen ergänzt. Zu seinen
Versuchen, bestimmte Wörter und Lautverbindungen besser auszusprechen, bekommt
er eine sofortige Rückmeldung von der Beraterin. Daran schließen sich gemeinsame
Überlegungen zu möglichen Lernwegen an: Der Lerner berichtet von seinen
bisherigen Aussprachelernerfahrungen und -strategien; die Beraterin schlägt
verschiedene Vorgehensweisen vor und erläutert weitere mögliche Strategien,
wobei sie versucht die gewonnenen Informationen über den Lernstil, das
Hintergrundwissen des Lerners und seine Lernschwierigkeiten einzubeziehen (vgl.
auch Mehlhorn 2005).
Erstberatungen können je nach Fokus der Beratung sehr zeitintensiv sein.
Das zitierte Aussprache-Lernberatungsgespräch mit dem vietnamesischen Lerner
dauerte insgesamt über zwei Stunden und wird aufgrund der Länge hier nur in
Auszügen wiedergegeben.
-9-
8. Schlussbemerkungen
Bei allen genannten Gesprächstechniken ist das Beratungsprinzip der
Transparenz zu beachten. Die Beraterin sollte dem Lerner die Möglichkeiten und
Grenzen der Beratung erklären, falls diese aus dem Blick zu geraten scheinen,
und ihre Vorgehensweisen in der Beratung begründen, z.B.
(49)
"Ehrlich gesagt kann ich mir gar nicht richtig vorstellen, dass
das funktioniert, weil ... Aber vielleicht irre ich mich. Wichtig ist, dass Sie
beim Lernen gut damit zurecht kommen."
(50)
"Ich kann Ihnen gern erzählen, wie ich das damals gelernt habe.
Aber es kann sein, dass Sie ein ganz anderer Lerntyp sind und für Sie andere
Strategien besser passen."
(51)
"Ich frage deshalb, weil ich den Eindruck habe, dass Sie gar
nicht überzeugt von dieser Lernstrategie sind."
(52)
"Ich möchte nicht, dass
Sie das machen, weil ich es vielleicht so machen würde. Wichtig ist, dass Sie
einen Weg wählen, von dem Sie auch überzeugt sind."
Zur Transparenz gehört meines Erachtens auch, dass man dem Lerner klar
macht, dass es nicht die richtige Art gibt, eine Sprache "effektiv"
zu lernen und dass die Beraterin kein allwissende Expertin ist, die jedem
Lerner sofort sagen könnte, welches der richtige Weg für ihn sei (vgl.
Brammerts et al. 2005).
Riley (1997) schlägt für ein Beratertraining u.a. die Teilnahme an
professionellen Beratungen und Diskussionen mit erfahrenen BeraterInnen,
Übungen zum Aktiven Zuhören sowie die kritische Analyse von
Beratungsprotokollen und -aufnahmen (z.B. Ton- und Videoaufzeichnungen) vor.
Praktische Übungen zu den verschiedensten Beratungsstrategien und -techniken
finden sich in Hackney und Cormier (1993) sowie Weber (1994). Innerhalb einer
Beraterausbildung kann es sinnvoll sein, bestimmte Beratungssituationen zu
simulieren und dabei auch Gesprächstechniken wie das Spiegeln, Nachfragen,
Konfrontieren usw. zu trainieren (vgl. Kleppin 2003). Handelt es sich jedoch
nicht um eine Situation, die aus einem genuinen Beratungsbedürfnis heraus
entstanden ist, können Simulationen auch sehr künstlich wirken. Außerdem
besteht die Gefahr, dass Gesprächstechniken um ihrer selbst willen geübt
werden, ohne dabei den Lerner als Menschen im Blick zu haben und ohne zu einem
Beratungsergebnis zu kommen. Effizienter erscheint daher ein "learning by
doing", wobei jedoch selbstevaluative Verfahren der (angehenden) Beraterin
unabdingbar sind. Hilfreich zur Selbstreflexion des eigenen Beratungsverhaltens
sind Methoden der Aktionsforschung (vgl. Altrichter und Posch 1998; Gebhard und
Oprandy 1999), z.B. Tonbandaufnahmen der Beratungsgespräche, Beraternotizen zum
jeweiligen Gesprächsverlauf (vgl. Peuschel in dieser Ausgabe), Checklisten für
Lernberater (vgl. Hackney und Cormier 1993; Mehlhorn et al. 2005),
Berater-Logbücher und Besprechungen von Beratungsfällen mit einem Supervisor.
-10-
Literatur
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Eine Einführung in die Methoden der Aktionsforschung. Bad Heilbrunn:
Klinkhardt.
Bachmair, Sabine; Faber, Jan; Hennig, Claudius; Kolb, Rüdiger und Willig,
Wolfgang. (1999). Beraten will gelernt sein. Ein praktisches Lehrbuch für
Anfänger und Fortgeschrittene. Weinheim: Beltz.
Brem-Gräser, Luitgard. (1993).
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München, Basel: Reinhardt.
Brammerts, Helmut; Calvert, Michael; Kleppin, Karin. (2005). Ziele und Wege
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Jahrhunderts (pp. 71-89). Heidelberg: Universitätsverlag Winter.
-11-
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Williams, Marion and Burden, Robert L. (1997).
Psychology for Language
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Anhang
Transkript
Copyright
©
2006 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht
Mehlhorn, Grit. (2006). Gesprächsführung in der individuellen Sprachlernberatung. Zeitschrift für
Interkulturellen
Fremdsprachenunterricht [Online], 11 (2), 11 pp. Abrufbar unter
http://www.ualberta.ca/~german/ejournal/Mehlhorn1.htm
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