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Ist eine Sprache - neudeutsch gesprochen - sexy, wenn sie weltweit
gesprochen wird? Ist eine Sprache nicht (mehr) sexy, wenn sie gegenüber einer
lingua franca globalisierter Ökonomie quantitativ "an Boden
verliert"? Ist es in einer so empfundenen Situation klug, wenn u.a.
akademische Sprachhüter, wenngleich empirisch abgesichert, ein Wort wie
Fanmeile zum Wort, wohlgemerkt nicht zum Unwort, sondern zum deutschen Wort des
Jahres (2006) küren? Ein solches Vorgehen ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil
des Problems. Als Problem wird häufig der Rückgang der Bedeutung der deutschen
Sprache etwa im Vergleich zur englischen Sprache weltweit ausgemacht. Was aber
meint in diesem Zusammenhang Bedeutung, woran wird der Verlust an Bedeutung
festgemacht? An Zahlen. Es erfolgt alsdann eine Rechnung, die von Analysten
stammen könnte (Analysten sind Mediengestalten, die in ihrer einfachsten
Ausprägung die absolute Irrationalität des Börsengeschehens mit stets heiterer
Miene und hektisch gesprochenen Worthülsen wie "vollkommen überraschend im
Aufwärtstrend" oder "unerwarteter Absturz nach vergleichsweise kurzem
Aufwärtstrend" börsentäglich begleiten, bevor sie sich vom Frankfurter
"Parkett" mit den Worten verabschieden "und damit wieder zurück
zu Dir, Heidi, ins Studio"). Die Rechnung geht so: hohe Zahl - guter Wert,
hohe Bedeutung; niedrige Zahl - schlechter Wert; ansteigende Zahl - gute
Entwicklung, zunehmende Bedeutung; sinkende Zahl - Gefahr. Wie wäre es, wenn
man sich ein wenig von der Fixierung auf die (hohe) Zahl lösen würde? Gründe
dafür gibt es viele. Wohin hat denn z.B. die Fixierung auf hohe Einschaltquoten
etwa bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten geführt? Zu dem
Fernsehprogramm, das uns in Deutschland - mit Ausnahme von 3sat, arte und
einigen dritten Programmen - täglich zu kreativer, individueller Zeitgestaltung
ohne Fernsehen anregt. Der daraus abzuleitende Vorschlag geht zum einen dahin,
die Kategorie Bedeutung von der Kategorie hohe Zahl zu entkoppeln (viele
meinen, das Wort Fanmeile sei 2006 ein herausragend wichtiges und für das Jahr
charakteristisches Wort, also wird es zum Wort des Jahres). Zum anderen soll
daran anschließend ein wenig ergründet werden, was für das Erlernen einer
Sprache spricht, also a) modisch ausgedrückt, was eine Sprache sexy macht, b)
neutral gesprochen, was den Erwerb, das Sich-Bewegen in und das Beherrschen
einer fremden Sprache reizvoll erscheinen läßt und c) in sinnlicher
Natürlichkeit ausgedrückt, was einer Sprache das Attribut erotisch verschafft.
Wenden wir uns zunächst zwei Ausprägungen der Empirie zu. Wir
ziehen - nicht wahllos, aber exemplarisch - eine kleine Untersuchung zum
Anfängerunterricht Deutsch als Fremdsprache an norwegischen Schulen aus den
Jahren 2001 und 2002 heran (Beate Lindemann,
Motiviert für
Deutsch? Eine
qualitative Studie zum Anfängerunterricht DaF in Norwegen, in dieser Ausgabe,
ZIF 1/2007). Sie thematisiert, situativ und punktuell, die Motivation für das
Erlernen der deutschen Sprache. Sie beabsichtigt keine dichte Beschreibung im
Sinne von Geertz. Sie zeigt indessen Symptome, die, weitergedacht und
-bearbeitet, aufschlußreiche Denkansätze begünstigen und Folgerungen erlauben,
die in Vergessenheit zu geraten scheinen. An die Betrachtung der Untersuchung
wollen wir eine exemplarische Bearbeitung der Frage anschließen, ob die
mitunter als unterkühlt rational charakterisierte deutsche Sprache - zugespitzt
formuliert - erotisch ist. Daß eine Sprache zwar als erotisch und ihre Sprecher
als gebildet gelten können, sie gleichwohl aber an einstiger Weltgeltung und
Verbreitung verlieren kann, hat das Französische erlebt. Die These sei aber
gewagt, daß die Wertschätzung der Sprache, und darin liegt die erotische
Komponente eingeschlossen, das Französische vor dem Totalabsturz in die
Bedeutungslosigkeit bewahrt hat. Gelingt es, das Deutsche in der Wertschätzung
neben dem Französischen auf gleichem Niveau zu positionieren, braucht sich
folgerichtig niemand um den selten offen ausgesprochenen, aber unterschwellig
befürchteten Absturz des Ranges der deutschen Sprache zu sorgen. Die Frage ist
aber, wie es zu schaffen ist, das Deutsche als reizvolle, als auch erotische,
als erotisierende Sprache ins Bewußtsein zu heben, neudeutsch, sie zu branden.
Wir können zeigen: das Potential ist da, es aufzudecken, es mit Leben zu
füllen, darauf käme es an. Doch zunächst ganz bodenständig zur Motivation
norwegischer Schüler und zu ihren Erfahrungen mit der deutschen Sprache als
zweiter Fremdsprache.
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Norwegische Kinder können ab der achten Klasse wählen, ob sie nach
Englisch mit dem Erlernen einer zweiten Fremdsprache beginnen. Diese steht in
Konkurrenz zu Projektarbeit, Sport oder Kunst. 75% der Schüler entscheiden sich
mit allerdings sinkender Tendenz aus freien Stücken für eine zweite Sprache.
Die Schüler betrachten Spanisch als "weitaus interessanter als
Deutsch". Ein Drittel gibt das Erlernen der zweiten Fremdsprache vor Ende
der zehnten Klasse bereits wieder auf. Was aber bewegt die Schüler dazu, als
zweite Fremdsprache Deutsch zu wählen, welche Gedanken stehen dahinter, mit wem
sind diese Gedanken besprochen worden? Wie nicht anders zu erwarten, hatten
alle mit den Eltern die Wahlmöglichkeiten gegeneinander abgewogen und mit ihnen
ihre Wahl getroffen. Die Sprachenwahl von Familienmitgliedern und Freunden
hatte eine Vorbildfunktion. Diffuse Motive wie Deutsch muß man einfach können
standen neben Klischeevorstellungen wie Deutsch ist leichter als Französisch.
Etwaige konkrete Berufsvorstellungen gab es ebenso wenig wie Ideen zu
Situationen der Anwendung der neuen fremden Sprache. Die relativ hohe Anzahl
der Entscheidung für die deutsche Sprache grenzt an ein Wunder, wurde doch an
einem Informationsabend auf Selektion und Abschreckung mit den Bemerkungen
hingewirkt, nur gute Schüler mit stabiler und großer Leistungsbereitschaft
sollten eine zweite Fremdsprache erlernen. Vertreter der zweiten Fremdsprachen
waren bei der Information gleich gar nicht anwesend. "Keiner der Schüler
äußert zum Zeitpunkt der Sprachenwahl das Bedürfnis, mehr über die
deutschsprachigen Länder und deren Bewohner zu erfahren. Die Sprache Deutsch
wird völlig losgelöst von ihren muttersprachlichen Benutzern gesehen, ...
Aufenthalte in deutschsprachigen Ländern als Sprachlernziel und eventuelle
Motive für das Sprachenlernen wurden von keinem der Deutschlerner
genannt". Nach einem Jahr Deutsch hatten 40% der Schüler keine Freude mehr
am Deutschlernen, die Fremdsprache wurde als Quälerei empfunden, der
Schwerpunkt des Lernens wird auf die Vorrückungsfächer gelegt - mit fatalen
Folgen für die Leistung in der zweiten Fremdsprache. Der Frust über die
wochenlange Konfrontation mit dem fehlenden Wissensfortschritt wird durch die
stereotypen Hinweise der Lehrenden, man müsse kontinuierlich mehr lernen, weder
aufgehoben noch überwunden. Die einzige verbleibende Motivation zum
Weitermachen ist eine von außen kommende: der Notendruck. Ein Trauerspiel. Die
Studie zeigt auf, daß die Entscheidung für das Erlernen der zweiten
Fremdsprache Deutsch nicht wirklich begründet erfolgt, man lernt Deutsch, weil
ältere Geschwister Deutsch lernen und man Deutsch irgendwie für nützlich hält,
ohne diese angenommene Nützlichkeit bestimmen zu können. Trotz ansprechenden
Unterrichts verringert sich die Lernmotivation in Belastungssituationen, etwa
durch die dringliche Bearbeitung von Lernstoff harter Hauptfächer; die Schüler
nehmen dann das Wahlfach Deutsch weniger wichtig und widmen ihre Lernzeit den
Hauptfächern. Zur Abhilfe in dieser Situation fällt der Autorin der Ruf nach
einem Gesetz, nämlich zur Überführung des Status des Wahlfachs Deutsch in den
Status des Pflichtfachs, ein. Darüber hinaus sieht sie
"Rettungsmöglichkeiten" in der Intensivierung altersgerechter
Information vor der Wahl der Fremdsprache und gute sprachliche Vorbilder im
unmittelbaren Lebensumfeld der Lerner. Motivation kraft Gesetz? Obligatorik als
Lösung? In der Untersuchung kommt auch der Einfluß der außerunterrichtlichen
Rahmenbedingungen zur Sprache, aber der Blick bleibt im wesentlichen begrenzt
auf die Institutionen Schule und Familie. Die Titelfrage der Studie "Motiviert
für Deutsch?" wird unausgesprochen mit einem klaren Nein beantwortet, und
"beste Möglichkeiten" für das Deutsche bleiben Postulat für die
Zukunft.
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"Motiviert für Deutsch?" könnte auch lauten: "Why
learn German?" Unter diesem Titel hat das Goethe-Institut im Spätherbst
2006 seinen Internet-Auftritt ergänzt (http://www.goethe.de/whygerman/) und will good
reasons for German bieten. Erster Grund: Speaking German will enable you to
communicate with over 100 million people worldwide. Ein Viertel der Europäer
spreche Deutsch und das Deutsche befinde sich unter den zehn meistgesprochenen
Sprachen der Welt. Ein Bezug zum Englischen, Chinesischen und Spanischen als
den wirtschaftlich wirklich wichtigen Sprachen unterbleibt, abgezielt wird auf
die Faszination der großen Zahl. Zweiter Grund: Enhance your employment
opportunities in the global economy. Deutschland als größte europäische
Volkswirtschaft und drittgrößte weltweit. Dritter Grund: Get to know one of the
great European cultures. German is a leading language of science, literature,
philosophy, theology, history, music, film and art. Becoming acquainted with
artists, composers, scientists, great thinkers and their contributions is very
rewarding if done in their language. Vierter Grund: Have a chance to study or
research in Germany. Das Goethe-Institut hebt auf die große
Universitätstradition und deren gute internationale Reputation ab. Fünfter
Grund: Travel in Germany and other German-speaking countries. Die bayerischen
Schlösser, die Alpen, Bier und das Oktoberfest und schließlich der Rhein werden
hervorgehoben. Sechster Grund: Surf the Internet. Goethe konzediert, daß das
Internet Englisch spricht, findet aber die Tatsache, daß neben 56,4% englischen
Portalen 7,7% deutsche Portale den zweiten Platz belegen, hervorhebenswert.
Alle sechs genannten Gründe sollen den Besucher dieser
Goethe-Seite ermutigen, to start learning German, nicht zuletzt weil man schon
mehr deutsche Wörter kenne, als man denke: "Professor, Kindergarten, Angst
etc." Bei Lichte besehen spielt das Goethe-Institut genau zwei Karten: die
Karte Wirtschaft und Karriere (employment opportunities) sowie die Karte Kultur
(communication, great culture, education system, tourism, Internet). So
werbemäßig-professionell der Auftritt auch von einer Werbeagentur gemacht sein
mag, so wenig erreicht sie den einzelnen Menschen; Hochglanz, Jetset, Spielen
mit der großen Zahl: welche persönliche Motivation wird damit geweckt? Die
Seite wirkt vom Menschen etwa so weit entfernt wie Kanada von der Münchener Goethe-Zentrale.
Damit ist aber lediglich ein Zeitgeistphänomen angedeutet, welches ebensogut an
der Menschenferne etwa der großkoalitionären Berliner Regierungsmaschinerie
aufgezeigt werden könnte (Gesetzesflut nach versprochenen Vereinfachungen,
Erhöhung der Krankenversicherungsbeiträge nach angekündigten Beitragssenkungen
etc.). Immerhin hebt das Goethe-Institut seinem Auftrag gemäß auch auf die
Kultur als ein Hauptmotiv für das Sprachenlernen ab. Damit kommen wir auf den
dritten vom Goethe-Institut genannten Grund zurück: Becoming acquainted with
artists, composers, scientists, great thinkers and their contributions is very
rewarding if done in their language. Hätten sich die Redakteure von Goethe und
die Werbeagentur einfacher ausgedrückt, wäre womöglich folgendes
herausgekommen: Getting in touch with artists, composers, scientists, great
thinkers and their contributions is sexy if done in their language. Womit wir
bei der Ausgangsfrage angelangt wären Ist Deutsch sexy? oder besser: Ist die
deutsche Sprache erotisch? Läßt man das wirtschaftliche Motiv außer acht und
zieht man den quantitativen Rückgang der Geschichtswirksamkeit der deutschen
Sprache in Betracht, so erscheint die Frage sehr schnell als eindeutig negativ
beantwortet. Darüber hinaus gilt die deutsche Sprache, gerade im Vergleich zur
französischen Sprache, als nicht eben erotisch. Sprache der Dichter und Denker
ja, aber Ausdruck von Erotik? Dabei hatte es die Sache von Sinnlichkeit und
Erotik in der französischen Sprache zunächst gar nicht so leicht, firmierte sie
doch lange Zeit unter Philosophie, Geschichte bis hin zu politischer Theorie
und wurde im Ausland oft verkürzt als pornographisch wahrgenommen (vgl. Robert
Darnton, Denkende Wollust, Frankfurt 1996; darin etwa Thérèse philosophe). Das
Sinnlich-Erotische am Französischen beschränkt sich nicht auf die Literatur
allein, hinzu kommen Mode, elegante Kleidung, Dessous, Parfums, Filme,
Chansons, edle kulinarische Genüsse und nicht zuletzt ein selbstbewußter
Lebensstil. Wir kommen darauf zurück, wagen aber einen ersten Blick auf
sinnliche Reize der deutschen Sprache. Wenn dabei zuerst die Wahl auf Homers
Odyssee in deutscher Sprache fällt, dann nicht, weil die deutsche Sprache nur
in Übersetzungen reizvoll wäre, sondern weil gelungene Übersetzungen literarisch wertvoll sind und einige der besten
Schriftsteller auch kongeniale Übersetzer waren und sind. Odysseus ist nach dem Trojanischen Krieg auf
abenteuerlich-verschlungenen Pfaden unterwegs nach Hause zu seiner Frau
Penelope. Unterwegs trifft er u.a. auf die Göttin und Nymphe Kalypso und
verweilt bei ihr. Bleiben und sich gleichzeitig nach Heimkehr sehnen, Odysseus
ist hin- und hergerissen - am letzten Abend nochmals dieses:
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Und sie kamen zu der gewölbten Höhle, die Göttin und
auch der Mann.
Und er setzte sich dort auf den Lehnstuhl, von dem Hermes aufgestanden
war,
und die Nymphe stellte allerlei Speise hin zu essen
und zu trinken, derlei die sterblichen Männer essen,
und setzte sich selbst dem göttlichen Odysseus gegenüber.
Ihr aber stellten Mägde Ambrosia und Nektar hin,
und sie streckten die Hände aus nach den bereiten vorgesetzten Speisen.
...
und die Sonne ging unter und das Dunkel kam herauf.
Und sie gingen beide ins Innere der gewölbten Höhle
und erfreuten sich an der Liebe, beieinander weilend. (Fünfter Gesang, aus 193-227)
Wandern wir weiter zu Ovid. In seinen Metamorphosen läßt er Amors
Pfeile auf Apollo und Daphne treffen.
... er schaut das Mündchen an und will sich mit dem bloßen
Anschauen nicht begnügen; er lobt die Finger, die Hände, die Arme und die
Oberarme, die bis über die Mitte entblößt sind; und was verborgen ist, hält er
für noch besser. (I 499-503)
Im zehnten Buch läßt uns Ovid Orpheus und Eurydice begegnen.
Eurydice, von Orpheus über alles geliebt, erleidet einen Schlangenbiß, stirbt
daran und kommt in das Schattenreich. Orpheus gelingt es, die Hüter des
Schattenreiches durch seinen Gesang zu erweichen. Eurydice wird ein neues Leben
in Aussicht gestellt. Bedingung: Orpheus darf sich auf dem Weg aus dem
Schattenreich nicht nach Eurydice umdrehen.
Der Pfad führt sie ... bergan; steil ist er, dunkel und in dichten
Nebel gehüllt. Schon waren sie nicht weit vom Rand der Erdoberfläche entfernt -
besorgt, sie könne ermatten, und begierig, sie zu sehen, wandte Orpheus voll
Liebe den Blick, und alsbald glitt sie zurück. Sie streckt die Arme aus, will
sich ergreifen lassen, will ergreifen und erhascht doch nichts ... Schon starb
sie zum zweiten Mal, doch mit keinem Wort klagte sie über ihren Gatten - denn
worüber hätte sie klagen sollen als darüber, daß sie geliebt wurde? (X 54-63)
Tiefste Liebe, Begierde und Begehren bei Gottfried von Straßburgs
Tristan und Isolde. Isolde ist mit König Marke verheiratet, durch die
Einwirkung eines Liebestranks aber fühlen sich Tristan und Isolde
unwiderstehlich zueinander hingezogen.
Ihr Verlangen nach
dem andren
wurde quälender für sie,
so qualvoll wie noch nie zuvor.
... Einsamkeit.
Sobald sie dies gefunden hatte,
ließ sie dort gleich ein Bett aufstellen,
ließ es machen - sorgsam, prachtvoll!
Leinenlaken, courtepointe,
Purpurseide, soie changeante - ...
Sobald das Bett gemacht war,
dies mit höchstem Können,
streckte sich la blonde
auf ihm aus, in ihrem Hemd. ...
Tristan und die Königin,
sie schliefen schön und tief -
weiß nicht, nach welchem Akt ...
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Tristan und Isolde werden von König Marke, Isoldes Mann, entdeckt,
Tristan muß Isolde verlassen. Sie verabschiedet ihn mit diesen Worten.
Wohin auch immer Ihr nun reist,
Ihr solltet Euch, mein Leben, schützen!
Denn bin ich hier erst mal verwaist,
bin ich, Euer Leben, auch dahin.
Mich, Euer Leben, werde ich
Euch zuliebe (nicht für mich!)
hegen und behüten.
Denn Euer Leib und Leben liegt,
das seh ich klar, allein in mir:
ein Leib, ein Leben, das sind wir. (Verse aus 17841-18344)
In Dantes La Divina Commedia (Die Göttliche Komödie) büßen "die
Wollüstigen" im zweiten Kreis der Hölle: Liebe, die in der Hölle endet, an der
Pforte hat Minos u.a. folgenden Prominenten schon mit seinem Schweif ihre
Plätze zugewiesen: Semiramis, Dido, Kleopatra, Helena, Achilles, Paris und
Tristan; auch Malatesta und Francesca, von denen Dante folgendes vernimmt.
Wir lasen eines Tages zum Vergnügen
Von Lancelot, wie ihn die Liebe drängte;
Alleine waren wir und unverdächtig.
Mehrmals ließ unsre Augen schon verwirren
Dies Buch und unser Angesicht erblassen,
Doch eine Stelle hat uns überwältigt.
Als wir gelesen, daß in seiner Liebe
Er das ersehnte Antlitz küssen mußte,
Hat dieser, der mich niemals wird verlassen,
Mich auf den Mund geküßt mit tiefem Beben.
Verführer war das Buch und der’s geschrieben.
An jenem Tage lasen wir nicht weiter.
(Inferno, 5. Gesang, 127-138)
Bei Goethe stoßen wir in den Römischen Elegien auf eine reizvolle
Perspektive der Fremdheit und auf eine Rückbindung zeitgenössischer Liebe an
die Welt der antiken Götter, Gedanken also zur "Vor- und Mitwelt".
die Liebste fürchtet, römisch gesinnt, wütende Gallier nicht;
Sie erkundigt sich nie nach neuer Märe, sie spähet
Sorglich den Wünschen des Mannes, dem sie sich eignete, nach.
Sie ergötzt sich an ihm, dem freien, rüstigen Fremden, ...
Und der Barbare beherrscht römischen Busen und Leib.
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Laß dich, Geliebte, nicht reun, daß du mir so schnell dich
ergeben!
Glaub' es, ich denke nicht frech, denke nicht niedrig von dir.
Vielfach wirken die Pfeile des Amor: einige ritzen,
Und vom schleichenden Gift kranket auf Jahre das Herz. ...
In der heroischen Zeit, da Götter und Göttinnen liebten,
Folgte Begierde dem Blick, folgte Genuß der Begier.
Glaubst du, es habe sich lange die Göttin der Liebe besonnen,
Als im Idäischen Hain einst ihr Anchises gefiel? (R. E. II 17-28,
III 1-10)
Hier befolg' ich den Rat, durchblättre die Werke der Alten
Mit geschäftiger Hand, täglich mit neuem Genuß.
Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt;
Werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt beglückt.
Und belehr' ich mich nicht, indem ich des lieblichen Busens
Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab?
Dann versteh' ich den Marmor erst recht: ich denk' und vergleiche,
Sehe mit fühlendem Aug', fühle mit sehender Hand.
Raubt die Liebste denn gleich mir einige Stunden des Tages,
Gibt sie Stunden der Nacht mir zur Entschädigung hin. (R. E. V
3-12)
In Brennendes Geheimnis gibt Stefan Zweig Beispiele frühen
Erahnens und Erfahrens von Liebe.
Aber dann lachte er wieder leicht, ungezwungen, knabenhaft, und
das gab all den kleinen Begehrlichkeiten den losen Schein kindlicher Scherze.
Manchmal war ihr, als müßte sie ein Wort schroff zurückweisen, aber kokett von
Natur, wurde sie durch diese kleinen Lüsternheiten nur gereizt, mehr
abzuwarten. Und hingerissen von dem verwegenen Spiel versuchte sie am Ende
sogar, ihm nachzutun. Sie warf kleine, flatternde Versprechungen auf den
Blicken hinüber, gab sich in Worten und Bewegungen schon hin, duldete sogar
sein Heranrücken ... (Erstes Erlebnis, 118)
Sinnliche Natürlichkeit, natürliche Sinnlichkeit, Menschlichkeit
sprechen aus allen diesen Texten. Gute Übersetzungen bewahren diese
Sinnlichkeit auch in anderen Sprachen. Und so wie manch jugendlicher deutscher
Leser einer Übersetzung von Flauberts Madame Bovary alles daransetzen wird,
eines Tages Emmas Anderssein im Original zu erleben, so gibt es für junge Leser
überall auf der Welt Zugänge zu deutschsprachiger Literatur, Philosophie, Kunst
und Musik, die echte Motivationen freisetzen, sich das Andere zu erarbeiten.
Die Arbeit daran wird dann oft nicht mehr als solche empfunden, wenn sich das
eigene Anderssein mit dem erstrebten Verstehen des Anderssein des Anderen
verbindet. Lebensneugier, Weltliebe, Lese-, Entdecker- und Erlebenspassion gilt
es zu wecken, der Rest ist Energie aus innerem Antrieb und kommt von selbst.
Frei nach Roland Barthes beginnt so hinsichtlich der Sprache, was Barthes über
die Liebe schreibt: "... eine allmähliche Entdeckung ... der ähnlichen
Neigungen, Einverständnisse und Vertraulichkeiten, die ich ... auf ewig mit
einem anderen teilen werde" (Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe,
Frankfurt 1984, 51). Ein in eine Sprache Hineinwachsender, ein später in dieser
Sprache überzeugt Lebender wird immer der beste Botschafter dieser Sprache
sein.
-7-
Ist die deutsche Sprache sinnlich, erotisch? Unsere Beispiele
zumindest lassen keinen Zweifel daran aufkommen. Was aber nützt die erotischste
Sprache, wenn Sinnlichkeit und Erotik nicht gelebt und verantwortungsvoll
befördert werden? Erinnern wir uns an die zu Anfang erwähnte
Informationsveranstaltungen an norwegischen Schulen, an denen die Lehrer der
Fremdsprachen, die auszuwählen waren, gar nicht anwesend waren. Man stelle sich
vor, ein weltgewandter, attraktiver, gut gekleideter Franzose hätte das
Französische, eine weltgewandte, attraktive, gut gekleidete Deutsche hätte das
Deutsche vorgestellt und beide hätten zu verstehen gegeben, die neu zu
erlernende Sprache hätte so manches äußerst interessante Geheimnis zu bieten,
das es zu entdecken gebe. Die Herzen würden ihnen zufliegen, das Lernen würde
zu Entdeckung und Abenteuer und eben nicht zur Quälerei, wie in der Studie
geschildert.
Fazit. Die deutsche Sprache ist reizvoll, sinnlich, auch erotisch.
Dieses Reizvolle, Sinnliche, Erotische muß man aber förmlich riechen, hören,
sehen, spüren, schmecken und sich danach sehnen können. Erotisch kann ein
philosophischer Gedanke sein, ein literarisches Werk, zu dem ich Zugang
bekomme, und sei es gerade durch Übersetzung, aber es muß sich etwas aus der
fremden Sprache mit etwas Eigenem von mir verbinden. Dann entfalten sich
Beweggründe zum Sprachenlernen. So gesehen ist der letzte Tango der deutschen
Sprache - und vieler anderer Sprachen, die an Verbreitung verlieren - noch
lange nicht getanzt.
Copyright © 2007 Jörg Wormer und Zeitschrift für
Interkulturellen
Fremdsprachenunterricht
Wormer, Jörg
(2007), KulturZeitRaum. Das Feuilleton der ZIF.
Zeitschrift für Interkulturellen
Fremdsprachenunterricht [Online] 12: 1, 7 S.
Abrufbar unter
http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-12-1/beitrag/feuilleton32.htm |
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