Sprechfähigkeit und -willigkeit fördern: Das
Dilemma der Grammatikvermittlung
Sylvia Fischer
1 "Ich kann nicht so gut sprechen, wie
ich möchte"
Die Förderung der mündlichen kommunikativen
Kompetenz zählt zu den zentralen Anliegen, eines universitären DaF-Unterrichts,
der auf zielsprachliche Handlungsfähigkeit und interkulturelle Verständigung
abzielt. Die Fähigkeit, sich mündlich auf Deutsch auszudrücken, ist jedoch im
Vergleich zu den anderen Fertigkeiten, die im Laufe des institutionellen
Fremdsprachenunterrichts erworben werden, immer noch benachteiligt. Tatsächlich
wird in der Disziplin der Fremdsprachendidaktik der Kognition traditionell viel
mehr Bedeutung zugemessen als der Emotion (vgl. Wolff 2004: 87), was zu einer
einseitigen Orientierung geführt hat, die in bestimmten Bereichen Probleme zur
Folge hat. Die Ausklammerung emotionaler und sozialer Aspekte macht das
Sprachenlernen zu einer "verkopften" Angelegenheit (Schwerdtfeger
1997), Lernende haben insbesondere beim Sprechen Hemmungen, da Kommunikation
nicht emotionsfrei ablaufen kann.
Als Deutschlektorin in Italien (Modena) habe
ich beobachtet, dass italienische DaF-Studierende häufig Schwierigkeiten haben,
sich auf Deutsch auszudrücken. Die DaF-Lernenden, die in der vorliegenden
Studie untersucht wurden, besuchen das dritte Studienjahr des Studiengangs
Lingue e Culture Europee der Fakultät Lettere e Filosofia der Universität
Modena. Es handelt sich um eine sogenannte laurea di base (Basisstudium), die
drei Jahre dauert und anschließend mit einer laurea specialistica (zweijähriges
Aufbausstudium) ergänzt werden kann. Die Studierenden verfügen entweder bereits
über Deutschkenntnisse, die sie an der Schule erworben haben, oder sie beginnen
die Sprache an der Universität. Das Ziel ist seit der Bildungsreform, die 2001
in Italien stattfand, dass Studierende in Anlehnung an die Vorgaben des
Europäischen Referenzrahmens in allen Kompetenzbereichen Niveaustufe C1
erreichen. Dies ist jedoch bei Studierenden, die erst an der Universität mit
dem Lernen der Sprache beginnen, schwer zu erreichen. Dazu kommt, dass
Studierende beim Lesen, Schreiben und Hören fortgeschrittene Kompetenzstufen
erreichen, während die Sprechfähigkeit auf einer niedrigeren Ebene stehen
bleibt. Doch woran liegt es, dass Lernende "nicht gut Deutsch sprechen"?
Befragt man die Lernenden selbst, so sagen sie, dass Grammatik- und
Wortschatzlücken verantwortlich sind. Aus einer qualitativen Untersuchung, die
ich im Rahmen meiner Dissertation [1] durchgeführt habe, geht jedoch hervor, dass
es weniger der Mangel an Lexik und Grammatikkenntnissen ist, der den
Studierenden Schwierigkeiten beim Sprechen bereitet. Die Studie zeigt, dass oft
Hemmungen und Ängste oder aber mangelnde Willigkeit, sich im Unterricht auf
Deutsch auszudrücken, für die defizitäre mündliche Kompetenz verantwortlich
sind. Des weiteren spielen unterschiedliche Lern- und Lehrtraditionen eine
Rolle: Studierende, die in einem Schulsystem sozialisiert wurden, in dem es
vorwiegend um die Vermittlung expliziten Wissens geht, sind es nicht gewohnt, sich
im fremdsprachlichen Unterricht frei zu äußern und miteinander zu
kommunizieren.
-2-
Da das Thema "Grammatik" aus der
Auswertung der Daten (zur Methode vgl. Schmidt 2000), die insgesamt 17
Leitfadeninterviews umfassen, hervorging, wollte ich wissen, welche Rolle die
Vermittlung von Grammatikkenntnissen in einem Unterricht einnehmen soll, der
vor allem die mündliche Ausdrucksfähigkeit vorantreiben will? Wie bereits
angedeutet, geben nicht wenige interviewte Studierenden an, dass sie nicht gut
Deutsch sprechen können, weil sie die Grammatik nicht beherrschen. Sie wollen
daher mehr Grammatikunterricht haben, um ihre mündliche Kompetenz zu
verbessern. Worauf beruht dieser Ruf nach Grammatik? Erwartungen und
Einstellungen in Hinblick auf das Fremdsprachenlernen stehen in engem
Zusammenhang mit den Lernerfahrungen [2] und es kann zu einem Kulturbruch
(Fischer 2006) kommen, wenn die Lernenden mit neuen Praktiken konfrontiert
werden, die sie vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen nicht nachvollziehen
können. Im vorliegenden Fall ist die Grammatikvermittlung ein Punkt, an dem
sich der Kulturbruch vollzieht, da die LernerInnen daran gewöhnt sind,
Grammatik explizit vermittelt zu bekommen, während das Modeneser Modell der
DaF-Didaktik (vgl. Hornung 2003) mit immersiven Strategien operiert, wobei das
Sprachbad (Eintauchen) mit Momenten der Reflexion alterniert. Seliger (1990:
70) stellt fest, dass einige Sprachenlernende besonders gern Regeln bewusst
lernen und darüber sprechen. Nicht wenige setzen das Lernen der Grammatik mit
dem Sprachenlernen gleich, aber wie die Studie von Seliger zeigt, besteht
keinerlei Verbindung zwischen der Kenntnis bestimmter Regeln und der
Sprachproduktion. Das heißt, dass die Kenntnis der Grammatikregeln nicht
garantiert, dass diese bei der Sprachproduktion angewendet werden.
Warum wollen LernerInnen dann Grammatik
lernen? Ist es möglich, dass die Forderung nach Grammatik einem Bedürfnis nach
"sozialer Angepasstheit" nachkommt, "einer Haltung, die Normen
und Verhaltensregeln akzeptiert und sie nicht in Frage stellt" (Troebes
1991: 95). Auch Muraro (1982) bringt die norma grammaticale mit der norma
sociale in Verbindung. Werden Grammatikregeln gebrochen, weil Lernende
beispielsweise "frei sprechen" sollen, wird damit gleichzeitig eine
soziale Norm gebrochen. Nicht alle Studierende sind gewillt, dieses Risiko
einzugehen. Doch Sprachenlernen bedeutet automatisch, Bestehendes in Frage zu
stellen: Lernende, die im Laufe ihres Sprachenlernens einen Übergang vollziehen
und ihre Identität erweitern (sollen), klammern sich deshalb oft an
Sicherheiten, die sie durch das Lernen der Grammatikregeln zu erlangen glauben.
2 Grammatikvermittlung: Das Dilemma der
Lehrenden
Alle superiori, abbiamo fatto i primi due
anni grammatica e il terzo anno abbiamo fatto letteratura, quindi diciamo c'è
un po' di differenza. Nel senso che nella lezione di grammatica veniva
semplicemente spiegato l'argomento, per esempio il futuro, veniva spiegata la
teoria, poi facevamo degli esercizi, poi i compiti in classe ecc.
[Am Gymnasium, die ersten beiden Jahre haben
wir Grammatik gemacht und im dritten Jahr Literatur, also man kann sagen, dass
es ein bisschen anders ist. Also ich meine, dass in der Grammatikstunde einfach
das Thema erklärt wurde, zum Beispiel das Futur, die wurde Theorie erklärt,
dann wurden Übungen gemacht und dann wurde ein Test geschrieben usw. (Student
9)] [3]
-3-
Das Beispiel verdeutlicht den Kontext, in dem
die meisten Studierenden das schulische Sprachenlernen erlebt haben. In der
beschriebenen Tradition wird Deutsch gelernt, indem man sich explizit mit der
Grammatik und deren Regeln auseinandersetzt. Ob dies sinnvoll ist oder nicht,
ist auch in der Forschung noch umstritten. AnhängerInnen der
Full-interface-Position, gehen davon aus, dass es eine totale Durchlässigkeit
von explizitem Lernen zu impliziten Lernen [4] gibt. Dies würde bedeuten, dass
die explizite Vermittlung von Grammatikregeln sinnvoll ist. Lernende sollten
diese nach einer Phase des expliziten Lehrens/Lernens und nach einigen Übungen
(Automatisierung) bei der Produktion anwenden können.
Immersive Lehr-Lernstragien, die dagegen
vorsehen, sich Strukturen implizit anzueignen und in die Sprache einzutauchen,
führen vor diesem Hintergrund leicht zu Konflikten, da die Erwartungen der
italienischen Lernenden enttäuscht werden.
Diciamo che non si insegnava la grammatica
come ero sempre stata abituata ad impararla. Per esempio nell'apprendimento
dell'inglese e francese sono sempre stata abituata a fare molti esercizi.
Capisco che quello faccia parte del lavoro che devo fare di autoapprendimento
mio perché la grammatica comunque si impara facendo esercizi su grammatiche
buone così (...)
[Sagen wir mal, dass die Grammatik nicht
gelehrt wurde, wie ich es gewohnt war. In Französisch und Englisch haben wir
zum Beispiel immer viele Übungen gemacht, ich weiß, dass das Teil der Arbeit
ist, die zu Hause erledigen müsste, weil man die Grammatik lernt, indem man
Übungen in guten Grammatiken macht und so (...) (Studentin 1)]
Die DaF-Studierenden sind nicht auf
Sprachenlernen ohne expliziten Grammatikunterricht eingestellt, aber Modena ist
hier kein Sonderfall, erwachsene Fremdsprachenlernende scheinen explizite
Grammatikvermittlung oft als wichtigen Bestandteil des Sprachenlernens zu
betrachten, egal woher sie kommen (Hornung 1999: 30; Schlak 2004). Doch was
sagt die Fremdsprachenforschung zu diesem Dilemma der Lehrenden? Gegenwärtig
ist bekannt, dass Regelerklärungen und andere Formen des Grammatikunterrichts
zum Aufbau expliziter Wissensbestände führen, die in der Sprachverwendung nur
dann von Nutzen sind, wenn sie sich in implizite Wissensbestände umwandeln
lassen (Schlak 2004). Ob dies möglich ist, wird noch diskutiert (vgl. Ellis
1994: 709 und 716): AnhängerInnen der Non-interface-Position halten explizite
und implizite Wissensbestände für streng getrennt. VertreterInnen der
Interface-Position gehen dagegen davon aus, dass durch Grammatikvermittlung die
Sprachverwendung verbessert werden kann. Troebes konnte folgendes herausfinden:
Ein geringer Lexikbesitz und lückenhafte
Grammatikkenntnisse können trotzdem mit so hoher kommunikativer Disponiblität
gekoppelt sein, dass weit über dem Durchschnitt liegende Lexik- und
Grammatikkenntnisse damit kompensiert werden können (Troebes 1991: 95).
Untersuchungen von Tönshoff (1992: 64) zeigen
ebenso, dass explizite Kenntnisse insbesondere bei der mündlichen Kommunikation
zweitrangig sind. Die Forschung bestätigt, was im Modeneser Modell geboten
wird. Doch wie soll mit den Erwartungen, die Lernende aufgrund ihrer
schulischen Sozialisation mit Sprachunterricht haben, umgegangen werden? Ich
möchte weitere Forschungspositionen mit den Aussagen der ProbandInnen
vergleichen.
-4-
3 Aussagen über Grammatikvermittlung
Die Diskussion der Forschenden über den
Nutzen der Grammatikvermittlung spiegelt sich in den Aussagen der interviewten
LernerInnen wider. Einige Studierende halten die Grammatik und deren explizite
Kenntnis für unerlässlich, um auf Deutsch sprechen zu können. Andere finden,
dass es beim Sprechen nicht so sehr auf die Regeln ankommt, da es wichtiger
ist, andere zu verstehen und sich verständlich zu machen. Folgende Tabelle
wurde auf der Basis eines Codierleitfadens elaboriert, die Zahlen oben stehen
jeweils für die LernerIn, die interviewt wurde. Die Pluszeichen bedeuten, dass die
Lernenden die jeweilige Aussage gemacht haben.
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Aussagen der Studierenden
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1
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2
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3
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4
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5
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6
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8
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9
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10
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11
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12
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13
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14
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15
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16
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17
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Insg.
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1 Ich habe Lücken in der Grammatik, deshalb kann ich
nicht gut sprechen.
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+
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7
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2 Die Grammatik gut zu kennen, ist Voraussetzung um gut
sprechen zu können.
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+
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+
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+
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+
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9
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3 Ich möchte mehr Übungen machen, um mich in der
Grammatik zu verbessern.
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+
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+
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+
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4
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4 Die Kenntnis der grammatischen Regeln ist fürs
Sprechen nicht so wichtig, da es vor allem darum geht, sich verständlich zu
machen.
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+
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2
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5 Wenn ich spreche, muss ich lange nachdenken, welche
grammatische Regel gerade dran ist, was meine Flüssigkeit (sehr) vermindert.
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6
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6 Die deutsche Grammatik ist nicht schwer, weil sie regelmäßig
ist.
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+
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1
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7 Ich gehe vor allem nach dem Gehör, dadurch entwickelt
sich die Grammatik von selber.
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+
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+
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2
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8 Strategie: Ich achte auf die Mechanismen und die
Logik, die in der Sprache stecken, so dass ich neue Strukturen verstehe und
lerne.
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+
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1
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Es sollen zwei Gruppen unterschieden werden.
Einmal die Gruppe der Studierenden, die mit ihrer Sprechkompetenz zufrieden ist
(10, 15, 17) oder sie als sehr gut einstuft (5). Auf der anderen Seite stehen
die anderen interviewten Studierenden, die Probleme beim Sprechen haben (1, 6,
8, 11 und 12) oder die nicht so gut sprechen, wie sie möchten (2, 3, 4, 7, 9,
13, 14, 16).
Ein erster Blick auf die Tabelle zeigt, dass
nur Studierende, die sich selbst nicht als sprechkompetent einstufen, angeben,
dass sie aufgrund fehlender Kenntnisse in der Grammatik nicht gut Deutsch
sprechen können. Insgesamt sind es sieben, neun sagen sogar, dass "die
Grammatik gut kennen, Voraussetzung ist, um Deutsch gut sprechen zu
können". Als logische Konsequenz wollen schließlich vier mehr Grammatikübungen
machen, um sich beim Sprechen zu verbessern. Zwei Lernende, die mit ihrer
Sprechfähigkeit zufrieden sind, meinen, dass die Grammatik nicht so wichtig
ist, um gut Sprechen zu können. Einer gibt an, dass er sich die Grammatik beim
Hören implizit aneignet. Ein ausgeprägter Monitor macht vor allem den nicht so
guten Deutschlernenden beim Sprechen zu schaffen, denn insgesamt sechs
Studierende sagen aus, dass sie durch das Nachdenken über Grammatikregeln, beim
Sprechen oft viel Zeit verlieren.
-5-
4 Fallstudien
Die interviewten DaF-LernerInnen des dritten
Studienjahres weisen recht unterschiedliche Lernbiographien auf, da einige
bereits jahrlang an der Schule Deutschunterricht hatten, während andere erst an
der Universität mit Deutsch begonnen haben. Zwei der befragten Studierenden
haben ein bzw. zwei Semester in Österreich studiert. Diese Erfahrung hat ihre
Vorstellungen vom Sprechen auf Deutsch geprägt. Hier einige ausgewählte Fälle,
die zeigen, welche Einstellungen Studierende zum Thema "Grammatik" im
DaF-Unterricht haben.
4.1 Studentin Sara "Grammatik ist
Voraussetzung, um Sprechen zu können"
Diese Studierende hat an der Universität mit
Deutsch angefangen. Nach ihrer eigenen Einschätzung befindet sie sich nach zwei
Jahren Deutschstudium auf Stufe A1 (!), während die Lektorinnen sie auf A2
einstufen. Im Interview nennt die Lernerin das Wort "grammatica"
insgesamt neunmal. Diese Studierende geht davon aus, dass die Kenntnis der
Grammatik Voraussetzung ist, um gut sprechen zu können.
(...) per parlare ci vuole secondo me prima
una conoscenza grammaticale e soprattutto sintattica per la costruzione della
frase e i discorsi e poi anche la padronanza lessicale è una grande parte del
parlare. E poi mancandomi le basi grammaticali e l'esercizio non...
[(...) zum Sprechen braucht man meiner Meinung
nach zuerst Grammatikkenntnisse und vor allem Kenntnisse der Syntax, um Sätze
und Reden zu konstruieren, und auch den
Wortschatz zu beherrschen ist ein großer Teil beim Sprechen. Und weil mir die
grammatischen Grundlagen und die Übung fehlen ...]
Die Studierende gibt an, dass sie "die
Methode an der Uni manchmal schwierig findet, weil keine Grammatik gemacht
wurde", außerdem würde sie "lieber so Sprachen lernen, wie sie es auf
der Schule gewohnt war". Diese Studierende unterstreicht, dass sie in der
Muttersprache keine Hemmungen zu sprechen hat und dass sie keineswegs
introvertiert oder schüchtern ist. Sie schreibt ihre mangelnden Kompetenzen im
Mündlichen ausschließlich den fehlenden Grammatik- und Wortschatzkenntnissen
zu. Gleichzeitig gibt sie an, dass sie keine Zeit bzw. Lust hat, sich außerhalb
des Unterrichts für die Verbesserung des Deutschen zu engagieren. Sie hat auch
keine Möglichkeit, außerhalb der Universität mit Deutschsprachigen zu
kommunizieren. Ihre eher passive Haltung kommt auch in ihren Aussagen über die
ideale Lehrperson zum Ausdruck: Sie wünscht sich eine "Lehrperson, die vor
allem die Regeln erklärt". Die Lernerin erklärt, beim Schreiben die
gleichen Probleme wie beim Sprechen zu haben, da sie bei beiden Tätigkeiten mit
mangelnden Grammatikkenntnissen kämpft.
Si, per quanto riguarda il tedesco, i
problemi quando scrivo sono praticamente gli stessi di quando parlo, anche
nello scrivere ho lacune grammaticali, ho sempre dubbi, l'inversione, soggetto,
verbo, che sono problemi piccoli, ma già ho problemi per quello, ma sono gli
stessi che ho nel parlare.
[Ja, was Deutsch betrifft, sind die Probleme
beim Schreiben praktisch die gleichen wie beim Sprechen, beim Schreiben habe
ich auch Grammatiklücken, ich zweifle immer, Inversion, Subjekt, Verb, das sind
zwar kleine Probleme, aber ich hab schon da Probleme, und das sind die
gleichen, die ich beim Sprechen habe.]
-6-
Diese Studierende hat einige grammatische
Schwierigkeiten, identifiziert diese, weiß aber nicht, wie sie damit umgehen
soll. Nach der Interface-Theorie von McLaughlin (1978, 1987) könnte dieser
Studierenden durch Grammatikunterricht geholfen werden. Die Theorie beruht auf
der Annahme, dass die menschliche Verarbeitungskapazität begrenzt ist, so dass
jeweils nur bestimmte Teilaufgaben gleichzeitig bearbeitet werden können
(McLaughlin & Heredia 1996: 214). Um das Lernen einer Fremdsprache zu
meistern, müssen die Teilaufgaben schrittweise automatisiert werden, da
automatisierte Prozesse keine Verarbeitungskapazitäten beanspruchen, so dass
diese für weitere Teilaufgaben frei werden (McLaughlin & Heredia 1996:
214). Nach dieser Theorie wäre es sinnvoll, Grammatik zu vermitteln und diese
anhand von Übungen zu automatisieren. Diese Methode einzuführen, enthält
allerdings den Widerspruch, dass genau das mit keinerlei Erfolg an der Schule
praktiziert wird. Der folgende Fall demonstriert es.
4.2 Studentin Simona "Beim Sprechen muss
ich lange nachdenken, welche Regel gerade dran ist"
Der Fall dieser Studentin zeigt, welche
Schwierigkeiten typischerweise bei Studierenden auftauchen, die bereits
jahrelang an der Schule Deutsch gelernt haben. Die zitierte Lernende hat drei
Jahre Deutsch an der Schule und zwei Jahre an der Universität hinter sich. Beim
Interview gibt sie an, dass sie beim Sprechen lange nachdenken muss. Die
Lernerin steht im mündlichen Ausdruck nach Einstufung der Lektorinnen auf Stufe
B1, während sie sich selbst zwischen Niveau B1 und B2 angesiedelt hat. Sie kann
nach ihren Angaben nicht so gut Deutsch sprechen, wie sie möchte. In Bezug auf
ihr DaF-Studium sagt sie, dass die Lehrenden im Gegensatz zur Schule sofort auf
Deutsch gesprochen haben, und dass sie dadurch viel gelernt hat. Ihre
Schwierigkeiten beim Sprechen auf Deutsch gehen ihrer Ansicht nach weniger auf
mangelnde Grammatik- oder Wortschatzkenntnisse zurück. Sie klagt im Gegenteil
darüber, dass sie nicht flüssig sprechen kann, weil sie "zu viele Regeln
im Kopf" hat. Der Fall dieser Lernenden könnte durch die theoretische Position
Krashens erklärt werden. Krashens Non-interface-Position (Krashen 1981, 1985,
1992) besagt, dass explizit erlerntes Regelwissen nur bewusst und daher unter
Inkaufnahme verlangsamter Sprachproduktion abrufbar ist. Der Monitor kann nur
eingesetzt werden, wenn Lernende sich beim Sprechen auf die sprachliche Form
konzentrieren und genug Zeit haben, ihr Wissen abzurufen. Dies ist aber bei der
mündlichen Kommunikation meist nicht möglich, da diese spontan und im
Wechselspiel mit den jeweiligen GesprächspartnerInnen abläuft. Ein Zitat, das
zeigt, wie die beschriebene Lernerin das Sprechen auf Deutsch erlebt.
Eh, che io la grammatica la so, magari
vocaboli ne so, me ne sono dimenticati tanti, però gli essenziali sì. La
grammatica tedesca è diversa dalla grammatica italiana, verbo alla fine o il
'tecamol'. Io ho tutto questo schema, penso, non dico all'italiana, penso in
tedesco, solo che pensando in tedesco faccio tutti questi .. e quindi rallenta
il processo. Se io probabilmente parlassi di più o mi applicassi di più, questo
processo sarebbe immediato, sarebbe più veloce, questo secondo me è un po' la
fregatura (...).
[Eh, ja die Grammatik kann ich, Wörter
vielleicht weniger, ich hab viele vergessen, aber die wichtigsten schon. Die
deutsche Grammatik ist anders als die italienische, Verb ans Ende oder
"tecamol". Ich habe das ganze Schema, ich denke, nicht auf
italienisch, sondern auf deutsch, aber wenn ich auf deutsch denke, dann mache
ich alle diese ... und das verlangsamt den Prozess. Wenn ich mehr sprechen und
üben würde, dann wäre der Prozess direkter, schneller, das ist meiner Meinung
nach, was mich rausbringt (...).]
-7-
Die Studierende kennt und beschreibt ihr
Problem genau: Ihr ist klar, dass die Regeln der Grammatik zu wiederholen, ihr
Sprechen nicht verbessern würde, da ihr expliziter Wissenstand nicht ihrem
Erwerbsstadium entspricht. Lernende erwerben auch im schulischen und später
universitären Kontext Schritt für Schritt eine gewisse zielsprachliche
Kompetenz - keine perfekte, sondern eine Interimskompetenz, die sich auch in
typischen lernersprachlichen Fehlern zeigt (Portmann-Tselikas 2003: 34). Doch
die Lernende kennt die Regeln der Standardsprache bereits, auch wenn sie sie
nicht anwenden kann. Dadurch entsteht ein Dilemma: Soll die Studierende so
sprechen, wie es auf ihrer gegenwärtigen Stufe möglich ist oder soll sie die
Regeln, die noch nicht in implizites Wissen übergegangen sind, anwenden? Der
schulische Anspruch an Korrektheit hat, anders ausgedrückt, den Konflikt
"Soll ich sprechen und Fehler machen oder soll ich schweigen?"
ausgelöst. Die Verlangsamung, die entsteht, wenn Lernende versuchen, explizites
Wissen beim Kommunizieren anzuwenden, behindert den Kommunikationsprozess
gerade im Gespräch erheblich. Bei Referaten oder Reden können Lernende ihren
Beitrag mit Hilfe des Monitors, um in der Terminologie Krashens zu bleiben,
korrigieren und überarbeiten. In Dialogsituationen oder im Gruppengespräch muss
dagegen die Interimssprache verwendet werden, denn im Gespräch auf die eigene
Sprachproduktion konzentriert zu bleiben, führt dazu, zwar korrekte aber
keineswegs partnerInnenorientierte Äußerungen von sich zu geben (Krashen 1990:
30).
4.3 Studentin Chiara "Wenn ich auf
Deutsch spreche, muss ich meine Rede vorher planen"
Die Studierende hat bereits fünf Jahre an der
Schule Deutsch gelernt und schildert ähnliche Erfahrungen wie die eben
beschriebene Informantin. Am Gymnasium kam es auf die Grammatik an: "Wir
haben viel Grammatik gemacht und in drei Jahren hatten wir sie praktisch ganz
durch". Während des DaF-Studiums stellt sie dagegen fest, dass
Fertigkeiten wie Sprechen, Hören, Lesen und Schreiben im Vordergrund stehen. Im
mündlichen Ausdruck steht die Studierende ihrer Meinung nach auf Stufe B1und
nach Einschätzung der Lektorinnen auf B2. Sie sagt aus, dass sie mit ihrer
Sprechfähigkeit zufrieden ist. Im Interview verweist sie darauf, dass sie eine
extrovertierte Person ist und sie bringt diese Eigenschaft mit ihren guten
Leistungen beim Sprechen in Verbindung. Auch diese Studierende legt generell
großen Wert auf korrekten Sprachgebrauch, auch wenn sie sich bewusst ist, dass
Korrektheit beim Sprechen nicht immer wesentlich ist.
I: Si potrebbe completare la frase: Io non
ho problemi di parlare il tedesco
perché...
S: Comunque perché so di sbagliare, ma sono
anche consapevole del fatto che comunque vengo capita in ogni caso e comunque
uno non giudica in base agli errori grammaticali, comunque l'importante è
comunque riuscire a esprimersi.
[I (= Interviewerin): Wie könnte man den Satz
beenden: Ich habe keine Probleme beim Sprechen auf Deutsch weil...
S (= Studierende): Weil ich auf jeden Fall
weiß, dass ich Fehler mache, aber ich weiß auch, dass ich auf jeden Fall
verstanden werde und man bewertet nicht nach Grammatikfehlern, na ja das
wichtige ist jedenfalls sich auszudrücken.]
-8-
Grammatik und Korrektheit spielen nach
Ansicht der Lernenden eine wichtige Rolle beim Sprachenlernen. Das Wort
"grammatica" wird insgesamt zwölfmal erwähnt und auch das Wort
"errore" kommt zehnmal vor. Eine Untersuchung von Demme (2001) über
die Einstellungen zu Fehlern von DaF-Studierenden der Universität Jena fand
heraus, dass Fehler Gefühle der Unzufriedenheit mit sich selbst auslösen und
entmutigend wirken (Demme 2001: 233f). Auch ForscherInnen, die sich mit
Fremdsprachenverwendungsangst beschäftigen, betrachten die Einstellungen von
Lernenden über Korrektheit beim Fremdsprachenlernen. Aus Untersuchungen von
Horwitz et al. über foreign language anxiety geht ebenso hervor, dass viele
LernerInnen die Einstellung haben, erst etwas sagen zu können, wenn es korrekt
ist. Diese Erwartungshaltung führt zu Hemmungen und Ängsten bei der
Sprachproduktion, da Studierende bereits in der Fremdsprache kommunizieren
sollen, bevor sie flüssig und fehlerfrei sprechen können (Horwitz; Horwitz &
Cope 1991: 29).
I: Ho capito. E come vedi la tua competenza
nel parlato?
S: Nel parlato, io parlo perché sono una
persona che parla molto, in italiano soprattutto, quindi non mi faccio grossi
problemi a parlare anche se poi magari sbaglio. Sicuramente nel parlato faccio
più errori, faccio molti errori perché non sto a pensare bene a tutte le
desinenze, i casi che in tedesco sono poi fondamentali.
[I: Ich verstehe. Und wie siehst du deine
Kompetenz beim Sprechen?
S: Beim Sprechen, ich spreche, weil ich eine
Person bin, die viel spricht, vor allem auf Italienisch, ich hab keine großen
Probleme zu sprechen, auch wenn ich vielleicht Fehler mache. Beim Sprechen mach
ich bestimmt mehr Fehler, ich mach viele Fehler, weil ich nicht an alle
Endungen und Fälle denke, die im Deutschen ja wichtig sind.]
Die Studierende unterstreicht zunächst, dass
sie dank ihrer extrovertierten Persönlichkeit keine Probleme beim Sprechen hat.
Allerdings denkt sie oft an die Fehler, die sie beim Sprechen eventuell macht,
und grammatische Korrektheit nimmt zum Beispiel im Bereich der Morphologie
einen hohen Stellenwert ein.
Doversi mettere lì formulare le frasi, perché
... siccome il tedesco è una cosa di progettazione mentale di una frase poi
alla fine si formula.. è tutta la frase intera, ma uno non può partire a dire
una frase senza aver pensato prima cosa deve dire, secondo me. E' quello il
difficile.
[Wenn man Sätze formulieren muss, weil .. denn
im Deutschen muss man sich mental vorstellen, wie ein Satz auszusehen hat und dann
am Ende formuliert man ihn .. das ist dann der ganze Satz, aber meiner Meinung
nach kann man nicht einfach einen Satz zu sagen, ohne sich vorher überlegt zu
haben, was man sagen will. Das ist das Schwierige.]
-9-
Auch in diesem Fall besteht die Gefahr, dass
die Sprechkompetenz der Studierenden durch das explizite Wissen über Sprache
bei ihrer Entfaltung behindert wird. Sicherlich ist es richtig, dass Sätze
sowohl von MuttersprachlerInnen als auch von Fremdsprachenlernenden mental
geplant werden, doch gleichzeitig sind auch Konstruktionen von
MuttersprachlerInnen oft bruchstückhaft, da Sprechende während der Produktion
konstruieren und ihre Syntax überarbeiten. Natürlich ist das Ergebnis bei
Lernenden einer Fremdsprache anders, aber zu wissen, dass gesprochene Sprache
ganz anderen Regeln folgt, sollte Studierenden helfen, gelassener zu sein. Des
weiteren sind sehr lange und komplexe Sätze beim Sprechen nicht realistisch.
Beim Sprechen ist es nicht möglich, so zu formulieren, wie es in schriftlichen
Produktionen üblich ist. Das jeweils zur Verfügung stehende Wissen über Sprache
ist von der jeweils vorhandenen Aufmerksamkeit und Verarbeitungskapazität
abhängig. Müssen Lernende zum Beispiel bei Gesprächen spontan reagieren, kann
nicht auf Syntaxkenntnisse zurückgegriffen werden, die explizit vorhanden sind,
da gleichzeitig Wortfindungsprozesse am Laufen sind. Deshalb zeigen Lernende
beim Schreiben, wenn mehr Zeit für die Verarbeitung und den Einsatz des
Monitors zur Verfügung steht, eine korrektere Sprachbeherrschung
(Portmann-Tselikas 2003: 35). Die "Bewusstheit" gegenüber der Sprache
bleibt bei der sprachlichen Realisierung des Sprechaktes zum größten Teil auf
der Strecke. In der Muttersprache kann die intendierte Aussage dagegen
sprachlich umgesetzt werden, ohne dass Aufmerksamkeit von der kommunikativen
auf die sprachliche Ebene umgelenkt werden müsste.
Bei Lernenden reichen in vielen Fällen
die verfügbaren Sprachmittel nicht für eine derartige Produktionsweise aus -
die Äußerung muss bewusst (kontrolliert) konstruiert werden. Dieser Prozess
nimmt Aufmerksamkeit in Anspruch, die nun nicht mehr voll auf die Kommunikation
gerichtet werden kann (Portmann-Tselikas 2001: 15).
4.4 Student Michele "Beim Hören und
Sprechen achte ich auf die Logik hinter der Sprache"
Dieser Student hat einen zehnmonatigen
Erasmusaufenthalt in Österreich hinter sich und spricht gut Deutsch: Sowohl er
selbst als auch die Lektorinnen stufen ihn beim Sprechen auf Niveau C1 ein. Er
wollte als Einziger auf Deutsch interviewt werden, während des Interviews war
interessant zu beobachten, wie er neue Begriffe, die ihm die Interviewerin
zuspielt, unmittelbar aufnimmt und anwendet. Im Hinblick auf die schulischen
Sprachlernerfahrungen äußert er, dass die Deutschlehrenden viel Wert auf Korrektheit
gelegt haben, aber dass er dadurch nicht gut sprechen gelernt hat.
S: Das ist, also meine Meinung ist, dass wir
sprechen gut, wenn die anderen verstehen, was wir meinen. Unserer Lehrermeinung, also
Ex-Lehrermeinung, wäre, dass wir gut sprechen wenn wir korrekt und
grammatikalisch korrekt und mit richtige Wörter, unsere Meinung ausdrücken.
I: O.k., Sie haben ja jetzt diese Erfahrung
gemacht, dass Sie zuerst in der Schule deutsch gelernt haben und sich im
Ausland auch wieder verbessert haben usw.
S: Ich sprach besser, also ich sprach nach
dem Lehrersicht besser als die Österreicher, weil ich grammatisch korrekt
geredet habe und .. ja Hochdeutsch, die wenige Wörter, die ich auf Deutsch
konnte, waren Hochdeutsch und kein Dialekt, hm hm und deswegen. Also von
Lehrersicht hätte ich bessere Noten bekommen als die Muttersprachler (lache) ja
genau, das hat nicht gestimmt, aber.
-10-
Der Studierende ist sich des hohen
Stellenwerts den die grammatische Korrektheit im italienischen und anderen
Schulsystemen einnimmt, bewusst, aber er hat diese Norm nicht einfach
übernommen. Er distanziert sich von den Werten und Normen seiner ehemaliger
SprachlehrerInnen, die Fehler als Zeichen ungenügenden Lernens oder
Nichtkönnens betrachten. Im Sinne eines pädagogischen Autonomiebegriffes hat
dieser Lernende die Kompetenz erworben, Herrschaftsmechanismen und
Abhängigkeiten zu durchschauen, und sein Lernen nach eigenen Maßstäben zu
bewerten. Durch die Erfahrung im Ausland konnte er sein Sprechen radikal
verbessern, was sein Konzept vom Lernen fremder Sprachen weitgehend geprägt
hat.
Der Lernende findet, dass er über eine gute
Sprechfähigkeit verfügt. Um sich zu verbessern, richtet er in der jeweiligen
Kommunikationssituation seine Aufmerksamkeit auf für ihn relevante Aspekte der
Sprache. Dadurch lernt er auch beim Sprechen korrekter zu werden.
S: Dann hab ich ein Jahr auf die Uni Deutsch
gelernt und dann war ich Austauschstudent für ein Jahr, also für zehn Monate,
in Österreich und dann hab ich, dann kann ich sagen, ich hab da mein Deutsch
gut verbessert und würd ich sagen, gelernt. (...)
I: Und wie sehen Sie jetzt Ihre eigene
Kompetenz im mündlichen Bereich, im Vergleich auch zu den anderen, Sie können
ja deutsch schreiben, lesen, hören ..
S: Ziemlich gut, und ich würde sagen korrekt
auch, wenn ich gut aufpasse, oder wenn ich ehm ein bisschen Zeit gebe, um die
Sätze zu formulieren (...)
I: Warum sind Sie jetzt gut im Sprechen?
S: Weil ich das Gefühl für die Sprache habe,
weil ich kann schon auch hören, wenn etwas auf Deutsch stimmen könnte oder
nicht. Das ist, wenn eine Mitschülerin von mir einen Fehler macht, das hör ich
sofort, oder ich höre einen Satz, die ich nie in Österreich gehört hätte, dann
sag ich, meiner Meinung nach ist diese Satz o.k., man kann verstehen, was es
bedeutet, aber das ist nicht wie ein Muttersprachlich das sagen wo möchte
I: würde
S: ja würde.
I: Und warum haben Sie 'n gutes Sprachgefühl?
Hm. (lache) is n bisschen blöd die Frage.
S: Na, es ist wahrscheinlich, weil ich ein
Sprachstudent bin, und i hab immer drauf aufgepasst, ehm bissi weiter von der
Sprache zu lernen und zu verstehen, nicht nur, wie die Sprache ist, sondern
auch Mechanismus und die Logik, die Logik dahinter, und ja ich bin einfach viel
interessiert in der Sprache, und zwar jetzt in deutsche Sprache. Es war die
Sprache, die ich schlechter sprechen konnte und jetzt ist meine beste.
-11-
Dieser Lernende beschreibt, wie er sowohl im
ungesteuerten Spracherwerb als auch im gesteuerten Spracherwerb die
Aufmerksamkeit auf verschiedene Aspekte der Sprache fokussiert und sich im
komplexen Geflecht der sprachlichen Formen, Strukturen und ihrer Bedeutung
orientiert. Tatsächlich haben gesteuerter und ungesteuerter Spracherwerb
gemeinsam, dass beide auf der Bemühung basieren, Form und Bedeutung einzelner
Äußerungen miteinander zu verbinden (Portmann-Tselikas 2003: 37). Der Lerner
fordert keinen Grammatikunterricht wie viele seiner KommilitonInnen, er hätte
gern Seminare und Gruppenarbeit, wie er es in Graz kennen gelernt hat. Dabei
betont er, dass Grammatik im Kontext der verschiedenen für die Lernenden
wichtigen Themen und Aufgaben erarbeitet werden kann, da es darum geht, die
sprachlichen Formen kennen zu lernen, die jeweils gerade gebraucht werden oder
die jeweils ins Auge fallen, weil sie "anders" sind, als in der
Muttersprache. Denn das Verstehen und Sprechen einer Fremdsprache erfolgt auf
eine andere Weise als in der Muttersprache: Man ist auf mehr Bewusstheit,
größere Aufmerksamkeit angewiesen als in
der Muttersprache, da die Grammatik, auch wenn sie gut beherrscht wird, nicht
auf dieselbe Weise automatisiert ist wie in der eigenen Sprache. Dieser
Studierende scheint eine Kultur der Fremdsprachigkeit entwickelt zu haben, die
eine aufmerksamere Art der Sprachverarbeitung im Hinblick auf die Erfordernisse
der Kommunikationssituation mit sich bringt (Portmann-Tselikas 2003: 37). Das
folgende Zitat zeigt, wie der Student dieses Ziel verfolgt.
S: Mehr mit Seminar, Proseminar,
Gruppenarbeit, so, es ist wie ein Tutor, wie ein ..so interaktiv, eine Kooperation,
man kann Themen wählen, vielleicht in eine Liste, aber es muss immer das Wahl
des Student da sein. So, in Österreich hab ich gut eh, gut gefunden, dass ich
eine Kurs über deutsche Sprache und Kultur gemacht habe, und die Lehrerin hat
über Wein gesprochen, weil es wichtig in Österreich ist, aber von diesem
Standpunkt kann man sehr viel sagen, auch über Grammatik, über Kleinigkeiten,
die unterscheiden ein .. ja ein Ausländer, der spricht akademisch, oder ein
Ausländer, der weiß, wie man das sagen muss, kann, darf, so oder so. (...)
jedes Mal dass ich nach Österreich fahre, bis zum Grenze höre ich ein CDs, wenn
ich in Österreich bin, dann höre ich an die Radio, auch wenn die Qualität von
die von der österreichische Radio ist ganz niedriger als die italienische. Es
ist nur um .. ja Hörübung
I: die Töne das ganze nur so hören, was man
halt grad sagt
S: auch wenn sie Blödsinn reden, es ist ab
und zu wirklich Blödsinn, nicht wert zu hören, trotzdem es ist deutsch, es ist
ein gute Übung, wenn ich auch nur eine Dinge in einem Gespräch bemerken kann,
wie 'ah, das ist Dialekt' oder 'ah, diese Konstruktion wusste ich schon, aber
jedes Mal, dass ich es, dass ich diese Konstruktion höre, es ist gut, weil ich
sie nie nutze, nie nutze', nächstes Mal werde ich das nutzen und dann denke ich
daran, in welche Situation kann ich so eine Konstruktion nehmen,
Satzkonstruktion, Satzordnung und so.
Der Informant beschreibt seinen Lernprozess,
wie dies die Noticing-Hypothese (Schmidt 2001) tut: "what learners notice
in input is what becomes intake for learning".
Zur Frage der Relevanz expliziten
sprachlichen Wissens für den Fremdsprachenerwerb liegen viele Theorien vor,
jedoch wenige gesicherte empirische Befunde. Theoretisch wichtig ist
insbesondere Schmidts (1994) Unterteilung von "consciousness" in
"intentionality", "attention", "awareness" und
"control". (siehe auch Schmidt 1993). Auf empirischer Ebene lässt
sich mit relativer Sicherheit behaupten, dass im Fremdsprachenunterricht eine
bestimmte Aufmerksamkeit Voraussetzung für die Aufnahme neuen fremdsprachlichen
Wissens ist (Harley 1994) (House 2001: 190).
Der Lernende wird auf gewisse Strukturen, die
er versteht, aber nicht aktiv verwendet, aufmerksam. Durch dieses ‚Aufmerken'
ist es ihm möglich, neues Material in den Sprachgebrauch einzuführen und bei
nächster Gelegenheit anzuwenden. Er nimmt sein Lernen selbst in die Hand und
sucht sowohl im Unterricht als auch außerhalb des Unterrichts Situationen, in
denen er üben und sich verbessern kann. Im Gegensatz zu KommilitonInnen, die
Schwierigkeiten beim Sprechen haben, lässt er sich nicht von dem Gedanken
hemmen, dass es beim Sprechen wichtig ist, an Regeln zu denken. Wie die
"guten SprachenlernerInnen" des Good Language Learner Project (vgl.
Naiman et al. 1978, zitiert nach Edmondson & House 1993: 221) benutzt
dieser Lerner eine Kombination formaler Selbst-Instruktion und macht bewusst
den Versuch, in die fremdsprachige Kommunikation "einzutauchen". Er
nutzt Lernsituationen gezielt für sich und kreiert sie, wenn es notwendig ist,
selbst. Wie die guten Sprachenlerner versucht er, den Lernprozess so weit wie
möglich aktiv mitzugestalten.
-12-
5 Diskussion
Welche Rückschlüsse sollten aus den
vorgestellten Fällen im Hinblick auf die Grammatikvermittlung und die Förderung
der Sprechfähigkeit in DaF gezogen werden? Während WissenschaftlerInnen wie zum
Beispiel Krashen konstatieren, dass die Vermittlung expliziter
Grammatikkenntnisse nicht sinnvoll ist, da dieses Wissen vor allem beim
dialogischen Sprechen nicht angewendet werden kann, kommen andere ForscherInnen
wie z.B. McLaughlin (1978, 1987) und McLaughlin & Heredia (1996) zum
Schluss, dass explizites Regelwissen durch Übung automatisiert werden kann und
den Spracherwerb unterstützt. Diehl et al. weisen dagegen darauf hin, dass die
fremdsprachlichen Erwerbssequenzen unabhängig von unterrichtlichen Einflüssen
invariiert bleiben und hohe Resistenz gegenüber Instruktion aufweisen (vgl.
Diehl et al 2000, Boss & Jansen 2003). Richard Schmidts Noticing-Hypothese
(2001) zeigt, dass Lernen ohne einen gewissen Grad an Bewusstheit
(consciousness) nicht möglich ist. Im Anschluss werden Argumente für bzw. gegen
expliziten Grammatikvermittlung im Unterricht, der DaF-Lernende zum Sprechen
befähigen soll, vorgestellt und diskutiert.
Pro Grammatikunterricht
• Grammatikunterricht entspricht dem Alter
und Bildungsstand der Zielgruppe: Untersuchungen (z.B. Quetz 2003: 452;
Szczodrowski 2001) weisen darauf hin, dass Erwachsene oft kognitive
Lernverfahren bevorzugen. Jugendliche und Erwachsene, die Fremdsprachen lernen,
haben das Stadium der formalen Operationen bereits erreicht und verfügen über
ein ausgereiftes kognitives System, so dass das Verstehen und Bewältigen
grammatischer Regeln möglich ist (Wode 1993: 306, 315, zitiert nach Szczodrowski
2001: 184).
• Grammatik zu unterrichten entspricht den
kulturspezifischen Erwartungen, die die Zielgruppe in Bezug auf das Lernen
einer Fremdsprache hegt. Italienische DaF-Studierende wünschen expliziten
Grammatikunterricht, diesen Wünschen und Erwartungen nachzukommen, hieße
Lern-/Lehrstilkonflikte zu vermeiden. Die meisten Studierenden wollen nicht mit
neuen Methoden konfrontiert werden, sondern wie gewohnt Deutsch lernen.
• Grammatik zu vermitteln, ist nach Arbeiten
McLaughlin & Heredia (1996) und Pienemanns Teachability-Theorie (1989)
sinnvoll. Sie besagen, dass explizite Grammatikarbeit unter bestimmten
Lernbedingungen erfolgreich sein kann und dass sie den Spracherwerbs
beschleunigen kann.
Contra Grammatikunterricht
• Grammatikunterricht ist Zeitverschwendung:
Die Studierenden haben nicht viel Zeit, um ihre mündliche Kompetenz zu
verbessern. In den wenigen Lektoratsstunden, [5] Grammatik zu üben, wäre
schlichtweg Zeitverschwendung. Die Lektorate sind, wie aus den Interviews
hervorgeht, für viele die einzige Gelegenheit, mit anderen KommilitonInnen oder
mit der Lehrperson auf Deutsch zu kommunizieren: Studierende sehen und hören
Videoauschnitte, spielen Szenen nach, probieren Rollenspiele aus, interviewen
ihre PartnerInnen zu verschiedenen Themen, halten Kurzreferate usw. Die
genannten Lernaufgaben bringen die Lernenden dazu sich mit sprachlichem Input
zu beschäftigen, der ihre Aufmerksamkeit auf Phänomene der gesprochenen Sprache
lenkt. Phasen des Eintauchens in die andere Sprachwelt alternieren mit Phasen,
in denen über Sprache reflektiert wird. Sprachreflexion wird also nicht aus dem
Unterricht verbannt, sondern im Gegenteil gefördert. Phänomene, die
insbesondere im Hinblick auf die Gesprächskompetenz relevant sind, wie zum
Beispiel der Sprecherwechsel oder das Hörfeedback (Rückmeldeverhalten) werden
vertieft (zur Didaktisierung vgl. Fischer 2003) und die Lernenden werden im
Hinblick auf interkulturelle Differenzen sensibilisiert.
-13-
• Der Unterricht, der in den Modeneser
Deutschlektoraten stattfindet, entspricht nicht der Lernerfahrung und dem
Lernstil der italienischen Studierenden, daher müssen Lehrende Geduld und
Gesprächsfähigkeit aufbringen, um ihr Unterrichtskonzept transparent und
nachvollziehbar zu machen. Gerade weil der Mehrheit der Studierenden bereits
ausgesprochen viel expliziten Grammatikunterricht im Schulfach Deutsch erteilt
wurde, stellt der Verzicht auf denselben einen Ausgleich zu dessen Überbetonung
dar. Lernende, die durch zu viel Regelwissen beim Sprechen blockiert sind,
sollen erfahren, dass es weniger auf Korrektheit als auf Verständigung ankommt.
Ergebnisse gegenwärtiger Studien besagen, dass bei der Sprachverwendung und
insbesondere bei der mündlichen Kommunikation vorwiegend implizites Wissen zum
Tragen kommt (de Graaff 1997: 249; Tönshoff 1992: 64f), während das explizite
Wissen sekundär bleibt. Explizites Wissen kann daher insbesondere beim
dialogischen Sprechen nicht zum Einsatz kommen, so dass es wenig Sinn hat,
dieses zur Förderung der Sprechfähigkeit zu vermitteln.
• Studien der Hirnforschung können des
weiteren erklären, weshalb italienische Studierende nach vielen (oft fünf bis
sieben) Jahren Deutsch an der Schule, nicht imstande sind, sich auf Deutsch
auszudrücken.
Paradis (1994) postuliert, basierend
auf Aphasiestudien, dass wenn Sprachen explizit gelernt werden, diese im
expliziten (deklarativen) Gedächtnis- und Wissenssystem abgespeichert werden.
Wird jedoch eine Sprache erworben, d.h. implizit gelernt, so wird sie im
impliziten (prozeduralen) Gedächtnis- und Wissenssystem gespeichert
(Zappatore 2003: 74).
Das Handbuch eines Motorrads zu lesen und zu
lernen, ist eben nicht dasselbe wie das Motorrad zu fahren. Sprachen werden
zwar selten nur gelernt oder erworben, sondern sind meist Produkte einer
Mischform des Lernens. Wird jedoch vorwiegend das explizite Lernen gefördert,
dann besteht die Gefahr, Kompetenzen wie das Sprechen, das in bedeutendem
Ausmaß an implizites Lernen gebunden ist, zu beeinträchtigen.
• Ehlich und Rehbein, die sich mit der
Wissensvermittlung im institutionellen Kontext befassen, stellen dar, inwiefern
sich der akzelerierte Wissenserwerb, der auch bei der Vermittlung expliziter
Grammatik eine Rolle spielt, negativ auswirkt.
Eine Möglichkeit der Vermittlung von
Problemlösungen und Standardproblemlösungen besteht darin, die neuen Aktanten
in die problematische Situation selbst hineinzuversetzen. Entweder wird die
Problemkonstellation dafür simuliert (z.B. Experiment-Wiederholungen im
naturwissenschaftlichen Unterricht), oder die neuen Aktanten nehmen an der
Problemlösung bzw. der immer wieder auftretenden Standardproblemlösung teil
(Lern-Prozess in der Praxis selbst). Beide Wege sind in Gesellschaften mit
hochentwickelten common-knowledge-Systemen jedoch zu umständlich, um die
Reproduktion des gesellschaftlichen Wissens zu gewährleisten. Die Schule als
Institution verdankt diesen Umstand (unter anderem) ihre Existenz. Solche
Gesellschaften mit hochentwickelten Wissenssystemen erfordern also Techniken,
die die gesellschaftlich erarbeiteten Problemlösungen, besonders die
Standardproblemlösungen, schneller vermitteln. Wir nennen dieses Erfordernis
den beschleunigten, den ‚akzelerierten Wissenserwerb'.
Eine derartige Beschleunigung des
Wissenserwerbs enthält jedoch einen Widerspruch: denn wesentlich für die
Entwicklung von Problemlösungen ist gerade die Abarbeitung der verschiedenen
(unter (1) zusammengefaßten Elemente) in einem gemeinsamen Prozeß, in dem die
Lösung entwickelt wird.
-14-
Anders ausgedrückt: der Durchlauf durch die
verschiedenen Positionen des Problemlösens liefert einen wesentlichen Beitrag
dafür, dass das angestrebte Resultat auch individuell tatsächlich erreicht
wird: nämlich die Lösungswege, bezogen auf die Zielsetzung und in der Praxis
erprobt, zu erarbeiten und damit handlungsrelevantes Wissen in das Vorwissen
der Aktanten zu integrieren. Die Beschleunigung oder Akzelaration des
Wissenserwerbs hat darin den Widerspruch, daß vom Abarbeiten einzelner
Positionen und Elemente des Problemlösens für den einzelnen Aktanten abgesehen
werden muß. Der Extremfall dafür ist die "reine" (d.h. auch
praxislose) Vermittlung von Wissen als solchem (z.B. in der Mittelung von
Fakten); die entsprechende Rezeption - ebenfalls im Extremfall - ist das
Auswendiglernen" (Ehlich & Rehbein 1986: 13, Hervorhebungen im
Original).
Grammatikunterricht, in dem Regeln einfach
vermittelt werden, versucht den Wissenserwerb zu akzelerieren: Tatsächlich wird
er mit der Begründung erteilt, dass der Lernprozess beschleunigt wird. Die
Beschleunigung hat allerdings ihren Preis und führt zu den Problemen, die
Ehlich und Rehbein darstellen. Der Durchlauf verschiedener Erwerbsphasen, die
sich jeweils als Interimssprache äußern, findet nicht statt und Wissen wird als
Endprodukt vermittelt. Das auf diese Weise vermittelte Wissen ist für die
Lernenden weder handlungsrelevant, noch kann es in Vorwissen integriert werden.
Es wird zu Ballast, der Lernblockaden und Sprechhemmungen hervorruft und
Studierende daran hindert, sich in der Fremdsprache zu äußern.
[6]
6 Konsequenzen für die Didaktik
Was können Lehrende tun, um Studierende vor
diesem Hintergrund zum Sprechen zu befähigen? Lernende, die aufgrund
vergangener Überbetonung der Grammatik Sprechhemmungen haben, können im
PartnerInneninterview Erfahrungen mit dem Sprechen sammeln.
PartnerInneninterviews zu Themen, die die Lernenden selbst betreffen, wecken
bei Studierenden nur selten Hemmungen und werden von ihnen gleichzeitig als
nützliche Lernaufgabe betrachtet. Kennen sich die TeilnehmerInnen des Kurses
besser, können Übungen eingeführt werden, die Gespräche in Gruppen und / oder
mit der Lehrperson vorsehen. Sich im kommunikativen Zugzwang von
PartnerInneninterviews oder Rollenspiele ausdrücken zu wollen, bringt Lernende
dazu, ihren Anspruch an Korrektheit hinten an zu stellen. Lehrende sollten
allerdings frühzeitig Gespräche über die Rolle grammatischer Korrektheit beim
Sprechen anregen. Korrektheit spielt in Situationen, in denen mündliche
Interventionen vorbereitet werden können wie zum Beispiel Referate, eine
gewisse Rolle. In Unterrichtssituationen, in denen freies Sprechen und ‚sich an
Gesprächen beteiligen' [7] geübt wird, sollen sich Lernende spontan ausdrücken,
auch wenn sie Fehler machen. Wenn sie nicht verstanden werden, fragen ihre
KommunikationspartnerInnen nach, wie dies auch in reellen Situationen der Fall
ist.
Lernende, die erst an der Universität mit
Deutsch begonnen haben, und die tatsächlich Bedarf haben, mehr über
Sprachstrukturen zu erfahren, können Workshops besuchen, in denen sie Grammatik
durch dramapädagogische Mittel erwerben (vgl. Even 2003). Unterricht, der vor
allem das Ziel hat, das Sprechen in DaF voranzutreiben, sollte jedoch auf
explizite Grammatikvermittlung verzichten. An die Stelle des
Grammatikunterrichts tritt die Förderung der Sprachaufmerksamkeit, welche die
Funktion der verschiedenen Formen in den Mittelpunkt stellt. Da Aufmerksamkeit
individuell und daher daran gebunden ist, was Studierende aufgrund bereits
vorhandener Kenntnisse erschließen oder verstehen können (vgl.
Portmann-Tselikas 2001: 30), müssen die Lernaufgaben so gestellt sein, dass
jede/r je nach Vorwissen neue Informationen an Bekanntes anknüpfen kann.
Lernende formulieren auch in einem Unterricht, der vor allem das Eintauchen in
die Sprache vorsieht, Hypothesen über Sprache, die, werden sie bestätigt, als
Monitor funktionieren.
-15-
Monitoring wird aber nicht, wie es etwa
in dem Monitor-Modell von Krashen angenommen wird, allein durch bewusst
gelernte Regeln gesteuert. Kohn (1990) betont, dass sowohl explizites als auch
implizites Wissen die Sprachproduktion als Monitor beeinflussen und regeln
kann. Als Monitor fungieren auch durch Rezeption der Zielsprache verinnerlichte
Formulierungen und Wendungen oder rhythmische Muster (als
"Klangbilder"), an denen der Lerner seine eigenen Produktionen
überprüfen kann (House 2001: 208).
Authentische Materialien wie
Videoausschnitte, Radioaufzeichnungen, Filmszenen, die zu verschiedenen
Lernzwecken wiederholt vorgespielt werden, fördern die Rezeption von
Klangbildern und Formulierungen, die wiederum zur Entwicklung des Monitor
beitragen. [8] Die genannten Materialien dienen außerdem dazu, Kenntnisse über
die gesprochene Sprache, die im Sprachunterricht meist vernachlässigt werden,
zu vermitteln. Zahlreiche didaktische Umsetzungen, die sich auf Erkenntnisse
der Gesprächsanalyse (bzw. Konversationsanalyse) stützen, wollen Lernenden
Aspekte wie Sprecherwechsel, Hörfeedback, Partikeln [9] näher bringen. Diese
Phänomene sollten jedoch nicht anhand formaler Erklärungen vermittelt werden,
da diese der Entfaltung der mündlichen Ausdrucksfähigkeit eher schaden (vgl.
Untersuchung von Tornberg 1993). Unterricht, der das Sprechen fördern will und
dabei die gesamte Lernendenpersönlichkeit wahrnimmt, muss vorhandenen
Sprechängsten und -hemmungen Rechnung tragen und diese behutsam abbauen. Wenn
Lernende erfahren, dass ihr Sprechen, auch wenn es fehlerhaft ist, verstanden
wird, und nicht bei jeder Gelegenheit korrigiert oder schlimmer noch mit
schlechten Noten sanktioniert wird, werden sie ihre Ängste langsam überwinden.
Den Lernenden "Regeln" an die Hand zu geben, die ihnen helfen sollen,
sich mündlich auszudrücken, ist bei der untersuchten Zielgruppe nicht sinnvoll,
da diese Studierenden sich von - oft falschem - Regelwissen befreien müssen.
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Anmerkungen
[1]
Dissertation "Die Sprechschwelle überwinden.
Sprechfähigkeit und -willigkeit italienischer Studierender in DaF. Eine
Fallstudie" unter Leitung von Prof. Antonie Hornung, Universität Modena
(seit Januar 2003).
[2]
Vergleiche hierzu eine Studie von Schlak
(2004) über Grammatikvermittlung im Wirtschaftsdeutschunterricht an der
University of Hawai'i. Schlak findet heraus, dass die Einstellungen der
Studierenden zur Grammatikarbeit stark davon beeinflusst werden, auf welcher
Grundlage fremdsprachendidaktischer Konzepte unterrichtet wird/wurde. Die
untersuchten Lernenden wünschen sich aufgrund ihrer Lernerfahrung einen
Unterricht mit starker Grammatikkomponente.
[3]
Die Zitate stammen aus den 17
Leitfadeninterviews, die Namen der Studierenden wurden anhand von Nummern oder
fiktiven Namen anonymisiert. Da fast alle LernerInnen auf Italienisch
interviewt wurden, habe ich die Zitate ins Deutsche übersetzt.
[4]
"Explizites Lernen" bedeutet
Lernen unter Aufmerksamkeit / Bewusstheit, "implizites Lernen"
bedeutet, dass das zu Lernende "nach innen genommen wird", ohne dass
die Aufmerksamkeit der Lernenden darauf gerichtet zu sein braucht
(Portmann-Tselikas 2001: 16; vgl. dazu auch Zappatore 2003).
[5]
In Lingue e Culture Europee haben
DaF-Studierende zweimal 90 Minuten Lektorat pro Woche und Sprache. Sie besuchen
zwei Kurse: einen Kurs zur Förderung des Schreibens und einen zur Förderung des
Sprechens im Deutschen.
[6]
Nach Krashen bringt die explizite
Vermittlung von Grammatikregeln nur dann was, wenn diese Vermittlung in der
Zielsprache erfolgt. In diesem Fall lernen die Studierenden, weil sie sich für
das Fach "Grammatik" interessieren (Krashen 1990: 40f).
[7]
Siehe Unterteilung der Kompetenz
‚Sprechen' nach dem Europäischen Referenzrahmen: ‚sich an Gesprächen
beteiligen' und ‚zusammenhängend sprechen'.
[8]
Insbesondere im Lernprozess
italienischer Studierender spielt die Prosodie eine wesentliche Rolle, diese
Tatsache wird jedoch im Unterricht nur selten wahrgenommen (vgl. Drumbl &
Missaglia 1997).
[9]
Die Funktion der Partikeln verweist
beispielsweise auf die Kontextsensitivität des Sprechens und bereitet
DaF-Lernenden nachweislich Schwierigkeiten beim Gebrauch derselben (vgl.
Rost-Roth 2000, zitiert nach Richter 2002: 312).
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2007 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht
Fischer, Slvia (2007), Sprechfähigkeit und -willigkeit fördern: Das Dilemma der Grammatikvermittlung. Zeitschrift für
Interkulturellen
Fremdsprachenunterricht [Online] 12: 1, 18 S. Abrufbar unter
http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-12-1/beitrag/Fischer1.htm
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