Sprache
– Quelle aller Missverständnisse.
Zum
Verhältnis von Interkultureller Kompetenz und Sprachkompetenz
Rudolf Camerer
1. Theorie und Praxis
Die
Suchmaschine Google kann wissenschaftliche Ratings
wohl kaum ersetzen. Machen Sie ruhig trotzdem die Probe und geben Sie
„Interkulturelle Kommunikation“ bei Google
ein. Für das deutsche Wortpaar finden Sie derzeit mehr als 1,2
Millionen Treffer, die englische Entsprechung kommt auf eine noch
höhere Zahl (14.05.2007). Natürlich sagen diese Zahlen
nichts aus über die theoretische und praktische Relevanz der
unüberschaubar gewordenen Dokumentenvielfalt. Belegen kann der
Versuch nur eins: Interkulturelle
Kommunikation (IK) hat
ein Ausmaß öffentlichen Interesses gewonnen, wie kein
anderes Thema der Kommunikations- und Kulturwissenschaften zuvor.
Dies allein ist bemerkenswert. Zwei Schlüsse könnte man
daraus ziehen:
Alle
wesentlichen Aspekte des Problemfelds seien erschöpfend
beschrieben und diskutiert.
Die
mit dem Begriffspaar gemeinten theoretischen und praktischen
Fragestellungen seien weithin erkannt und würden in der Praxis
schulischer, universitärer und betrieblicher Aus- und
Weiterbildung im Allgemeinen berücksichtigt.
Dass
beide Schlüsse vermutlich nicht zutreffen, ist mein erster
Punkt. Denn bis heute enthalten etwa die schulischen Curricula im
Großen und Ganzen keine ausdrücklichen IK-Elemente –
und dies, obwohl mehrere KMK-Beschlüsse der letzten Jahre das
Stichwort ausdrücklich benennen. Unter den deutschen Hochschulen
zeichnen sich einzelne Institute durch anspruchsvolle Forschungs- und
Ausbildungsarbeit aus. Zugleich bleiben viele – auch scheinbar
einschlägige Curricula – davon jedoch weitgehend
unberührt. Für die betriebliche Fort- und Weiterbildung
wiederum gilt, dass zwar für Sprachtrainings selbstverständlich
Geld ausgegeben wird, während IK-Trainings insbesondere in
kleinen und mittelgroßen Unternehmen eher skeptisch betrachtet
werden. IK erscheint vielen Personalverantwortlichen als „weiches“
Thema, und Qualität und Erfolg eines IK-Trainings als kaum
messbar. Nicht selten verlässt man sich stattdessen auf Angebote
der „Kompetenz-Diagnostik“, die u.a. kulturempirische
Kategorien von Hall (1966, 1976), Hofstede (1980) und Trompenaars
(1997) auf die individuelle Dimension persönlicher „Profilings“
übertragen. Häufig werden dabei Persönlichkeitsprofile,
die mit Hilfe von Selbsteinschätzung (ggf. ergänzt durch
Interviews) gewonnen wurden und mit Kategorien wie
Ambiguitätstoleranz, Beziehungsmanagement, Empathische Kompetenz
u.a. arbeiten, für karriererelevante Personalentscheidungen
herangezogen (Schmeisser 1999). Für Außenstehende stellt
sich dabei die Frage nach der Objektivität und Validität
solcher Analyse- und Bewertungsinstrumente. Um es deutlich zu sagen:
Ob sich Herr X.Y. mit hohen Werten für „Zielstrebigkeit“
und unterdurchschnittlichen Werten im Bereich „Emotionale
Stabilität“ für einen beruflichen Einsatz in Portugal
besser eignet als etwa für Polen, dürfte mit solchen
Instrumenten nur schwer zu ermitteln sein.
-2-
Feststellbar
ist ferner eine m. E. problematische Beziehung zwischen der
fachwissenschaftlichen Diskussion einerseits und ihrer praktischen
Umsetzung in IK-Trainingsangeboten andererseits. Die am häufigsten
vertretenen Trainingsmethoden sind laut einer aktuellen Studie von
Yvonne Knoll Vorträge und Diskussion, Rollenspiele und Simulationen, darüber
hinaus Übungen zur Selbsteinschätzung und Selbstanalyse
(Bolten 1996, Bolten 2003, Knoll 2006). In deutlicher Mehrheit werden
kulturspezifisch ausgerichtete IK-Trainings angeboten, während
die herangezogene Literatur überwiegend Kultur-übergreifender
Art zu sein scheint. Erst an vorletzter Stelle rangiert das
Fremdsprachentraining – ein Aspekt, auf den ich ausführlicher
eingehen werde. Insgesamt problematisch scheint mir die weitgehende
Beschränkung der meisten IK-Trainings auf eine Kombination von
empirischer Kulturwissenschaft einerseits mit Übungen der
Selbst- und Fremderfahrung andererseits, oft ergänzt durch
landeskundliche Informationen inklusive den einschlägigen „Dos
and Don’ts“. Viele Trainings konzentrieren sich somit auf
kognitive und empathische Aspekte interkultureller Kompetenz und sind
bemerkenswert zurückhaltend, wenn es um kommunikative
Fertigkeiten und Performanz geht. Tolerant und offen zu sein und über
IK „Bescheid wissen“ sind für sich genommen aber
nicht bereits interkulturelle Kompetenz. Vielmehr sollten
erforderliche Persönlichkeitsmerkmale und Kulturkenntnisse in
ihrem Verhältnis zur Handlungskompetenz eines Menschen gesehen
und gewichtet werden. Fest steht, dass sich ein derart
eingeschränkter Kompetenzbegriff auf die einschlägige
Fachdiskussion nicht berufen kann (Franke 2005). Zugleich scheint es
jedoch möglich, dass Teile der IK-Fachwissenschaft einen
unbeabsichtigten Beitrag zur Vulgarisierung der wissenschaftlichen
Diskussion in der IK-Trainingslandschaft leisten. Denn so komplex das
Thema auch ist: Wenn der Begriff Interkulturelle
Kompetenz
nicht ausschließlich das Phänomen als Solches beschreiben
soll (so wie man auch über Fremdsprachen-Kompetenz
im Allgemeinen sprechen kann), wenn IK vielmehr sich auf konkrete
Fähigkeiten konkreter Menschen im zwischenkulturellen Austausch
bezieht, steht die interkulturelle kommunikative
Kompetenz,
ihre Beschreibung und Erzielung durch Bildung und Training, im
Mittelpunkt. Dieser Kern scheint gelegentlich aus dem Auge zu
geraten,
2.
Interkulturelle Kommunikative Kompetenz
Die
abgebildete Grafik wird in verschiedenen Varianten verschiedentlich
zur Illustration des komplexen Begriffs herangezogen.
Das Modell von Jürgen Bolten (2001) nennt unter den insgesamt
gut 20 Komponenten im Bereich „Soziale Kompetenz“ u.a.
auch die „(Meta-)Kommunikationsfähigkeit“. Um die
interkulturelle Kommuni-kationsfähigkeit allerdings geht es in
erster Linie. Denn ob ich interkulturell kompetent bin, erweist sich
erst in konkreten zwischenkulturellen Kommunikationssituationen.
Kommunikationsfähigkeit gehört daher nicht in die Liste der
„Subkompetenzen“ im linken unteren Tortenstück
sondern sollte im zentralen Kreis platziert sein. Also IK =
Interkulturelle Kommunikative Kompetenz.
Eine solche Platzierung hätte weit reichende Konsequenzen und
könnte vermutlich einen Beitrag zur qualifizierten (und
qualifizierenden) Strukturierung mancher IK-Trainingsangebote
leisten.
-3-
Mit
J. Beneke, M. Byram, B. Müller-Jacquier, A. Thomas und anderen
teile ich nämlich die Überzeugung, dass zwischen der
Vermittlung interkultureller Kompetenzen und der
Fremdsprachen-Ausbildung eine enge Verbindung bestehen sollte. Denn
entscheidend für den Erfolg internationaler Kommunikation ist
weder die Kenntnis kulturempirischer Klassiker noch extensive
landeskundliche Vertrautheit mit der Zielkultur inklusive deren „Dos
& Don’ts“, so nützlich Beides zweifellos ist.
Auch linguistische Korrektheit kann vor interkulturellen Irritationen
nicht schützen. Entscheidend für Akzeptanz und Erfolg ist
die Vorbereitung auf eine kulturell angemessene Verwendung
sprachlicher und nichtsprachlicher Mittel. Daher steht die Verbindung
von Sprachausbildung und interkultureller Sensibilisierung auf der
Tagesordnung (was keinesfalls impliziert, dass Kultur und Sprache
oder gar „Nation“ zusammenfallen). Natürlich sind
auch wichtige Aspekte der empirischen Kulturwissenschaft, der
Landeskunde und darüber hinaus der Persönlichkeitsbildung
in angemessener Weise zu berücksichtigen. Je weiter Ausgangs-
und Zielkultur divergieren, umso stärker sind freilich die
zuletzt genannten Aspekte zu gewichten. Gegenwärtig
allerdings sind wir noch weit davon entfernt. Um ein Zitat von
Müller-Jacquier zu variieren: Nicht nur ist die
Fremdsprachenausbildung „kulturlos“, sondern ebenso sind
die meisten IK-Theorien und IK-Trainings „sprachlos“. Das
aber ist weder theoretisch noch praktisch haltbar.
Bis
heute kommt in der IK-Theorie und in der Praxis vieler IK-Trainings
„Sprache“ nur am Rande vor. Dies gilt bereits beim
umstrittenen Kulturbegriff, dessen Beziehung zur meist
Identitätsstiftenden Sprache oft übersehen wird (Ladmiral &
Lipianski 1989: 96ff). Häufig wird Sprache gewissermaßen
als Black Box
behandelt, die zwar irgendwie benötigt wird, aber in die niemand
hineinschaut. Grund dafür dürfte der noch immer
unzureichende interdisziplinäre Dialog sein. Denn weite Teile
der Sprachwissenschaft wissen ziemlich genau, wie wichtig die
Beherrschung kulturell geprägter „Scripts“ für
den Erfolg interkultureller Kommunikation ist (vgl. Müller-Jacquier
2000). Dieses Bewusstsein weiter zu geben und in die
interkulturell-fremdsprachliche Ausbildungspraxis einzubeziehen, wäre
heute ein entscheidender nächster Schritt.
-4-
Um
ein Beispiel zu geben: Das aktuelle Trainingsprogramm für
Business English eines großen deutschen Verlags schlägt
dem Lerner folgende Liste von Redewendungen für den Fall einer
abweichenden Meinung vor: When
we want to say we don‘t agree, we can say: I‘m not sure
I agree with you. - I don‘t agree. - I disagree. - I can‘t
agree with you. - I don‘t share your opinion. - I couldn‘t
agree with you less
(Pons 2004). All dies sind sprachlich korrekte Übertragungen
deutscher Ausdrucksweisen ins Englische. Muttersprachliche
Gesprächspartner würden jedoch jede einzelne dieser
Antworten als unhöflich ansehen, vielleicht sogar als Signal zum
bevorstehenden Gesprächsabbruch interpretieren. Widerspruch in
angelsächsisch geprägten Kulturen – vorausgesetzt
alle Brücken sollen danach noch heil bleiben – wird mit
anderen Kommunikationsstrategien versehen als wir dies in Deutschland
gewohnt sind. Von unseren Gewohnheiten abweichende Diskursstrategien
existieren allerdings in praktisch jeder nicht-deutschen Kultur und
betreffen keinesfalls nur offenkundig kontroverse Dialogphasen. Auch
scheinbar „unverdächtige“ Szenarien können
verdeckte Ursache immer wiederkehrender interkultureller Irritationen
und Missverständnisse sein, wie das folgende Beispiel zeigt:
Begegnungsszenarien
sind unter Nähe-Gesichtspunkten z.B. in Deutschland stark
differenziert: Es besteht:
Reaktionsverbot
bei unbekannten Personen
Reaktionserwartung
bei gegenseitig bekannten Personen
Reaktionsgebot
bei gut bekannten Personen
Gebot
intensiver Interaktion bei
Freunden.
Hingegen
sind Begegnungs-Szenarien in den U.S.A. anders kodifiziert. Es
besteht:
Reaktionsgebot
bei jeder ins Blickfeld kommenden
Person. Art und Dauer der Interaktion sind abhängig vom
Bekanntheitsgrad, den individuellen Kommunikationsbedürfnissen
und den Kontextbedingungen. Das Reaktionsgebot impliziert keine
weitergehende Interaktionsverpflichtung. Erst im weiteren Verlauf
der Begegnung kommt es zu Differenzierungen nach „friends“
und „intimates“
(Thomas 1991).
Derartig
unvereinbare „Scripts“ sind maßgeblich
verantwortlich für wechselseitig stereotype Wahrnehmungen: Aus
deutscher Sicht sind „die Amerikaner“ nicht zuletzt wegen
der o.a. Begegnungs-Szenarien „oberflächlich“. Aus
amerikanischer Sicht erweisen sich vertraute Schablonen des schwer
zugänglichen, verkrampften bis arroganten Deutschen als
zutreffend.
Hier
genau liegt das Problem. „Normale“
Kommunikationsstrategien existieren nicht. Registerunterschiede,
Höflichkeitskonventionen und Konventionen nonverbaler
Kommunikation sind kulturell oft unterschiedlich geregelt und daher
typische Fallstricke zwischenkulturellen Kommunizierens. Kulturelle
Konventionen sind außerdem dynamisch und oft widersprüchlich.
Trotzdem werden sie als identitätsstiftend und emotional bindend
angesehen. Die kulturell dominanten Kommunikations-Strategien
zu vermitteln sollte daher zu jedem zeitgemäßen
Fremdsprachentraining gehören. Sie bezeichnen – zusammen
mit einem Mindestmaß an Kulturtheorie, landeskundlichen
Kenntnissen und Faustregeln und
bestimmten unverzichtbaren Persönlichkeitsmerkmalen
– die interkulturelle kommunikative Kompetenz,
die es zu lehren, lernen und gegebenenfalls zu evaluieren gilt.
-5-
Gegenüber
dieser im eigentlichen Sinn interkulturellen Kompetenz sind
Kompetenzen wie Belastbarkeit, Fähigkeit zur Selbstkritik,
Rollendistanz zunächst einmal intrakulturell relevant und
stellen keine spezifisch interkulturelle Kompetenzen dar – so
wünschenswert sie im konkreten Fall auch sein mögen. Auf
die präzise Bezeichnung spezifisch interkultureller Kompetenzen
allerdings kommt es an.
3.
Interkulturelle Kompetenz und Sprachkompetenz
Wenn
mit IK die Interkulturelle Kommunikationskompetenz gemeint ist,
eröffnet sich ein etwas anderer Blickwinkel. Als ausgesprochen
hilfreich kann es sich in diesem Zusammenhang erweisen, dass die
europäische Diskussion um Sprach- und Kommunikationskompetenz
auf eine über dreißigjährige Geschichte aufbaut. Es
wundert daher nicht, wenn die Diskussion um Kompetenzdefinitionen und
Niveaubeschreibung dort bereits weiter ist als in manchen anderen
Bereichen. So liefert der 2001 veröffentlichte Gemeinsame
Europäische Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren,
beurteilen nicht nur
eine undogmatische synchrone Übersicht über den
fachwissenschaftlichen Diskussionsstand. Vielmehr schuf der Europarat
mit seiner Veröffentlichung einen bildungs- und
sprachenpolitischen Rahmen, dessen Bedeutung für Europa und
darüber hinaus kaum überschätzt werden kann.
Interkulturelle
Kompetenz kann von der Plattform der Sprachkompetenz aus beschrieben
werden,denn
in der kommunikativen
Praxis
erweist sie sich. Mehr noch: Erst aus der Perspektive kommunikativer
Praxis lassen sich die spezifisch interkulturellen
Kompetenzen benennen, die ansonsten im weiten Feld allgemeiner
Sozialkompetenzen zu verschwinden drohen. Auch wenn dem Thema im
Referenzrahmen
nur allgemeine Hinweise gewidmet sind, dürfte u.a. die
Deskriptorenliste zur „Soziolinguistischen Kompetenz“
hilfreich für die Diskussion um konkrete IK-Inhalte sein. So
enthalten die Deskriptoren der Niveaustufe B2 eine Formulierung, die
sich als eine Kerndefinition Interkultureller Kompetenz bewähren
könnte: „…kann Beziehungen zu Muttersprachlern
aufrechterhalten, ohne sie unfreiwillig zu belustigen, zu irritieren
oder sie zu veranlassen, sich anders zu verhalten als bei
Muttersprachlern“
(Europarat
2001).
Über
diese grundsätzliche Ebene hinaus könnte sich der
Referenzrahmen auch in drei weiteren Bereichen bewähren: Zum
einen könnten seine methodischen Ansätze exemplarisch
wirken mit Blick auf die Methodendiskussion im Bereich
interkultureller Kommunikations-Trainings. Denn so wie es
Fremdsprachenkompetenz im Allgemeinen nicht gibt (sofern man von der
akademischen Betrachtung des Phänomens als Solchem absieht), so
wenig gibt es die Interkulturelle Kompetenz als Solche. Wenn
überhaupt, erwerbe ich IK im Prozess der Vermittlung,
Überbrückung, Inbeziehungsetzung meiner eigenen Kultur zu
einer Fremdkultur (c1 – c2). Methodisch entscheidend ist daher
die Beantwortung der Fragen:
Von
welcher Kultur herkommend erlange ich Kompetenzen für welche
Kultur?
In
welcher anderen Sprache als meiner Muttersprache kommuniziere ich?
Welche
spezifisch interkulturellen Lernziele sollen erreicht werden (z.B.
Begegnungs-Szenarien)?
Zum
andern könnten die Deskriptorenlisten des Referenzrahmens
helfen, die interkulturell Kritischen Szenarien zu identifizieren.
Denn wir sollten wissen,
welches
die kritischen Szenarien sind (L1 zu L2),
wodurch
die missverständliche gegenseitige Wahrnehmung verursacht wird
(verdeckte Normen, Werte, Erwartungen etc.),
wie
Trainings-Einheiten für entsprechende Kommunikations-Strategien
in Fremdsprachen-Curricula einzubauen sind (bzw. umgekehrt) und welche
Evaluationsmöglichkeiten es gibt.
-6-
Erleichternd
dürfte sein, dass nicht alle Szenarien solch kritisches
Potenzial enthalten. Kritisch für viele c1-c2-Beziehungen
könnten vermutlich die folgenden sein:
Begegnung
(inkl. Körperkontakt), Gesprächseröffnung
Smalltalk
Dissens/Kritik äußern
sich
beschweren
Vereinbarungen
treffen
jemanden
überreden
Einladungen
aussprechen/annehmen/ablehnen (privat / geschäftlich)
u.a.
Dabei
gilt es,
die
sprachliche Kennzeichnung sozialer Beziehungen,
Registerunterschiede,
Höflichkeitskonventionen
und nonverbale
Kommunikation
angemessen
zu berücksichtigen.
Schließlich
und drittens könnte sich auch die systematische Staffelung
interkultureller Kompetenzen über sechs Niveaustufen, wie sie
der Referenzrahmen vornimmt, als hilfreich für die Curriculum-,
Material- und Testentwicklung im IK-Bereich erweisen.
4.
Kulturloses Kommunizieren dank International English?
Nach
Meinung der meisten Experten überwiegt die Zahl der
interkulturellen Kontakte, in denen Englisch von beiden Sprechern als
lingua franca
genutzt wird. International
English stellt somit
einen zur Regel werdenden Sonderfall dar, insofern es sich um eine
Sprachvariante ohne kulturelle Fundierung zu handeln scheint. Daraus
wird bisweilen die Annahme abgeleitet, man könne sich
verlässlich verstehen, wenn alle erst einmal Englisch sprächen.
Dies ist nicht so. Denn die relevanten kulturellen Codes finden sich
in solchen Fällen in aller Regel in der Kultur des
nicht-angelsächsischen Gesprächspartners. Mehr noch: Die
von beiden Sprechern genutzte Fremdsprache Englisch ist sogar eher
dazu geeignet, die jeweilige kulturelle Prägung mitsamt ihren
oft gegenläufigen Diskursstrategien zu verbergen.
Ein
Beispiel aus dem Bereich des Englischen soll dies verdeutlichen:
Englische Diskursstrategien gehen vom Konstrukt persönlicher
Autonomie aus. Dies fällt z.B. im Rahmen hierarchischer
Beziehungen auf, in denen Anweisungen gern in Frageform erteilt
werden. „Would you mind seeing to this letter?“ ist eine
unzweideutige Anweisung und überlässt dem Status-Niederen
keinesfalls die Option, dankend abzulehnen. Allerdings würde die
Formulierung einer direkten Anweisung, wie sie in vielen europäischen
Kulturen als akzeptabel gilt, vom Status-Niederen als rüde
betrachtet werden und die innerbetrieblichen Beziehung eventuell
ernsthaft belasten.
-7-
Anders
wird Englisch in Singapur verwendet, wo diese Sprache nicht nur als
„language of administration, commerce and technology“
gilt, sondern darüber hinaus auch als „medium of
instruction“ im Bildungswesen eingesetzt wird. Ob Englisch
Singapurs erste oder zweite Sprache sei, wurde daher schon einmal
ernsthaft diskutiert. Das angelsächsische Konstrukt persönlicher
Autonomie widerspricht allerdings den konfuzianisch geprägten
Grundannahmen zur Beziehung von Individuum und Gemeinschaft.
Kulturen, in denen das Wort ‚ich’ oft negativ konnotiert
wird, kommen mit den skizzierten angelsächsischen
Diskursstrategien schlecht zurecht. Typisch englische
Höflichkeitsformen werden daher als Zeichen persönlicher
Kälte und Distanz gewertet, stereotype Vorstellungen vom
arroganten und egoistischen Engländer erfahren auf diese Weise
ihre stetige Bekräftigung (Meierkord 1996, Wolf &
Polzenhagen 2006, Wong 2004). Kommunikative Kompetenz in Singapur
setzt daher Vertrautheit mit den dort eigenen Diskursstrategien und
Sicherheit in der angemessenen Verwendung der englischen Sprache
voraus.
Gänzlich
unberechtigt wäre es, solche Probleme interkultureller
Kommunikation vermittels International
English nur zwischen
geographisch entfernten Kulturen zu vermuten. Auch innerhalb Europas
sind derartige kulturell begründete Missverständnisse an
der Tagesordnung. Diese Erfahrung macht jeder, der in Europa
geschäftlich Kontakte pflegt. Denn viele Deutsche pflegen nun
einmal, die eigenen Diskursstrategien beizubehalten, auch wenn sie
Englisch sprechen, d.h. Englisch wie Deutsch zu sprechen.
Entsprechendes gilt selbstverständlich auch für Franzosen,
Italiener, Polen, Ungarn und so weiter, die wie wir über
unterschiedliche Kommunikations-Strategien und ihre
beziehungsgestaltende Funktion oft nur wenig gelernt haben. Die
besonderen Risiken innereuropäischer Kommunikation mittels
International English
wurden mittlerweile in verschiedenen Studien auch empirisch belegt
(Firth 1996, House 1999, Meierkord 1996).
5.
Kultur und Individuum
Geschäftsleuten
und anderen Reisende, sofern sie sich auf interkulturelle Situationen
vorbereiten möchten, stehen zahlreiche Fachbücher, Travel
Companions,
Trainingsmodule, Internetseiten u.v.m. zur Verfügung (Bauer &
Müller-Jacquier 2002, Böning 2000, DGPF 2004, Klein 2004).
Hilfreich und detailreich sind die meisten, und empfehlenswert ist
die Beschäftigung mit dem Thema allemal. Doch nicht in jedem
Fall bin ich sicher, ob die Applikation kulturempirischer Kategorien
auf ausgewählte Fallbeispiele beim Leser nicht eher für
Unverständnis sorgt. Wenn beispielsweise die Neigung mancher
Franzosen zum großzügigen Umgang mit Terminvereinbarungen
damit erklärt wird, dass „die Deutschen ein eher
monochrones, die Franzosen ein eher polychrones Verhältnis zum
Zeitbegriff besitzen“ (DGPF 2004: 49). könnte dies auch
zur Verfestigung statt zum Abbau stereotyper Vorurteile führen.
Richtig ist, dass viele Franzosen über sprachliche (!)
Konventionen den Grad der Verbindlichkeit bzw. Unverbindlichkeit
einer Terminvereinbarung definieren. Diese Konventionen zu kennen und
zu beherrschen könnte im Ernstfall wichtiger sein als der allzu
unbefangene Umgang mit Trompenaars Zeitkategorien.
Noch
ein zweiter Aspekt scheint mir wichtig, wenn es um die praktische
Anwendung interkultureller Kompetenzen geht. Denn im wirklichen Leben
begegnen wir stets Individuen, mit denen wir kommunizieren, nie
„einer Kultur“. Individuen aber können mehr oder
weniger den vermuteten Normen eines Kulturkreises entsprechen. Manche
unterscheiden sich sogar voll und ganz – sei es bewusst oder
unbewusst – von den in einschlägigen Fachbüchern
beschriebenen „typischen“ Merkmalen. Vollends kompliziert
könnte es werden, wenn sich mein amerikanischer
Gesprächspartner, ähnlich wie ich, auf den interkulturellen
Diskurs mit mir als Deutschem vorbereitete und mich mit
ausgestreckter Hand und akademischem Titel begrüßt,
während ich – die Hand in der Hosentasche – ihn
gleich mit Bill anspreche.
-8-
Zu
Recht haben Jürgen Beneke (2000), Michael Byram (1997), Bernd
Müller-Jacquier (1999, 2000) und andere daher die Bedeutung
metasprachlicher Kompetenzen betont, die in der interkulturellen
Kommunikation unverzichtbar sind. Meine Sprech- und
Handlungsintentionen erläutern zu können, die Sprech- und
Handlungsintentionen meines Gesprächspartners zum Thema zu
machen – dies alles, ohne befremdlich, überheblich oder
sonst wie irritierend zu wirken, ist bislang noch nirgendwo
Gegenstand unserer Fremdsprachen-Ausbildung. Hier liegt künftig
eine Kernkompetenz im breiten Spektrum interkulturell kommunikativer
Kompetenzen.
Von
diesem Punkt aus wäre schließlich auch die Frage der
bedrohten Identität zu beantworten, die nicht zuletzt auch von
Deutschen immer wieder gestellt wird. (vgl. Byram & Planet 2000)
Muss ich denn, um erfolgreich interkulturell zu kommunizieren, ein
Engländer, Portugiese, Türke oder Chinese werden? Reicht es
nicht, wenn jeder „authentisch“ bleibt? Rollendistanz und
Rollenflexibilität sind gewiss keine Neuentdeckungen der
Sprachpädagogik. Im Zusammenhang mit der Herausbildung
interkultureller Kommunikationskompetenzen wird beiden Begriffen
allerdings eine wichtige Bedeutung zufallen.
6.
Ist IK testbar?
Interkulturelle
kommunikative Kompetenz setzt sich aus Teilkompetenzen, Kenntnissen
und Fertigkeiten, zusammen. Darüber hinaus erfordert IK
bestimmte Persönlichkeitsmerkmale wie Toleranz und Offenheit,
die nur zum Teil durch Lernprozesse erwerbbar sein dürften –
was nicht heißt, dass dieser Aspekt nicht wichtig sei. IK ist
unverkennbar eine Misch-Kompetenz und sollte als solche gelehrt,
trainiert und gegebenenfalls evaluiert werden.
Solange
es um Kenntnisse und Wissen
geht, ist das Testen kein Problem, denn bewährte Verfahren zur
Wissensüberprüfung bestehen zuhauf. Anders bei
Persönlichkeitsmerkmalen,
zu denen valide Testverfahren nicht existieren und in absehbarer Zeit
wohl nicht zu erwarten sind. Dies betrifft auch Ansätze der
Selbsteinschätzung, sei es ein kommerzielles „Profiling“
oder ein „Portfolio interkultureller Kompetenz“ mitsamt
„Pass, Biographie und Dossier interkultureller Kompetenz“,
wie es beispielsweise das INCA-Projekt vorschlägt (INCA 2004).
Ich jedenfalls wäre skeptisch, dass ein im Kern auf
Selbsteinschätzung beruhendes Evaluationsverfahren
interkultureller Kompetenz nachhaltige Akzeptanz in der Arbeitswelt,
im akademischen oder schulischen Sektor erfahren könnte.
Im
Zentrum interkultureller Kompetenzen stehen die kommunikativen
Kompetenzen, für die nun
einmal Sprache inklusive ihrer non- und paraverbalen Elemente das
wichtigste Medium ist. Testtheoretisch fundierte, empirisch valide,
objektive und reliable Testverfahren zur Sprachkompetenz-Evaluation
bestehen seit Jahren, werden weltweit eingesetzt und sind Gegenstand
einer eigenen Wissenschafts-Disziplin. Im Unterschied zu etablierten
Testformaten etwa in Deutsch oder Englisch verlangt die
Berücksichtigung spezifisch interkultureller Kompetenzen
zunächst jedoch Antworten auf mehrere offene Fragen. Allgemein
gesagt geht es um die Präzisierung der Lernziele interkulturell
ausgerichteter Fremdsprachenausbildung mittels einer
„interkulturellen Diskursgrammatik“. In wichtigen Teilen
könnte sie sich an der Didaktischen
Grammatik der deutschen Sprache
orientieren, die Robert Saxer seinerzeit für das Zertifikat
Deutsch kompilierte (Saxer 1999). Anders als bei dieser, müssten
metakommunikative Kompetenzen jedoch einen angemessenen Stellenwert
einnehmen. Grundsätzlich ginge es um den Zusammenhang von
Themen, Szenarien, Sprachintentionen und Notionen einschließlich
ihrer Komponenten mit sprachpragmatischen, textgrammatischen und
satzgrammatischen Bereichen bis hin zum Rückweg in den Bereich
der Semantik und damit wieder zu den Themen und Szenarien mit
maßgeblicher Berücksichtigung interkultureller
Kommunikationssituationen.
-9-
Der
Korpus einer „interkulturellen Diskusgrammatik“, ergänzt
durch einen (deutlich geringer dimensionierten) Bereich
interkulturell relevanter Wissensfragen wäre zugleich die
Grundlage für die Entwicklung eines Testformats. Jenseits aller
Diskussionen über Testformate ginge es schließlich um
deren praktische Pilotierung, teststatistische Analyse und laufende
Pflege. Das Manual for
Relating Language Examinations to the Common European Framework of
Reference for Languages
des Europarats, dessen Pilotversion seit 2003 vorliegt und mit dessen
Veröffentlichung spätestens 2008 zu rechnen ist,
dokumentiert die dazu notwendigen Verfahrensschritte (Council of
Europe 2003).
7.
Was tun?
Wie
aktuell das Thema ist, wird nicht zuletzt durch den Beschluss der
Europäischen Kommission unterstrichen, das Jahr 2008 zum
European Year of
Intercultural Dialogue
zu erklären. Gelingender Dialog allerdings setzt
innereuropäische Dialogfähigkeit
voraus. Bis dahin allerdings
ist es noch ein Stück Weg, wie mir scheint.
Denn
zum einen gilt es im schulischen Fremdsprachenunterricht
Problembewusstsein zu schaffen. Erstaunlich groß scheint die
Zahl deutscher Fremdsprachenlehrer zu sein, die nicht
über tiefer gehende eigene Erfahrungen in der Zielkultur
verfügen und daher entsprechende Fertigkeiten „aus eigener
Erfahrung“ nicht
vermitteln können. Nach wie vor wird Landeskunde mit
interkulturellen Kompetenzen oft gleichgesetzt. Benötigt werden
geeignete Fortbildungskonzepte und Lehrmaterialien, die die
Vermittlung interkultureller Kompetenzen als unverzichtbaren Teil der
fremdsprachlichen Ausbildung begreifen.
In
der Lehrerausbildung sollte ein mehrmonatiger (Studien-)Aufenthalt in
einem Land der zu unterrichtenden Zielsprache zur
selbstverständlichen Bedingung werden. Denn die angesprochenen
Aspekte interkultureller Kompetenz setzen – neben
Fachkenntnissen – einen bestimmten Grad der Vertrautheit mit
Konventionen der Zielkultur voraus. Fremdsprachenlehrer sollten
grundsätzlich wissen, dass in zwischenkulturellen Begegnungen
Verstöße gegen Kommunikations-Konventionen allemal
gravierender sind als linguistische Fehler.
In
der inner- und überbetrieblichen Aus- und Weiterbildung
schließlich sollte die verbreitete Trennung von Sprach- und
Interkulturellen Trainings kritisch reflektiert werden. Denn die
stillschweigende Annahmen, dass
a. Englisch
die Sprache interkultureller Kommunikation sei und es daher
ausreiche Englisch zu „können“, oder
b. Kulturstandards,
Kulturtypen, Do's and
Don’ts etc. durch
Rollenspiele, Simulationen, Critical
Incidents,
Präsentationen und Referate zu „erfahren“ und auf
diese Weise interkulturelle Sensibilität zu erlangen sei, ist
jede für sich unzureichend. „Interkulturelle Kompetenz
[so eine aktuelle Definition der Bertelsmann Stiftung 2006]
beschreibt die Kompetenz, auf Grundlage bestimmter Haltungen und
Einstellungen sowie besonderer Handlungs- und Reflexionsfähigkeiten
in interkulturellen Situationen effektiv und angemessen zu
interagieren.“ Auf die Handlungskompetenz also, die stets auch
eine sprachliche Handlungskompetenz ist, kommt es an.
Zu
guter Letzt: Sprachkompetenz-Tests sollten ein Verständnis
kommunikativer Kompetenz zu Grunde legen und testen, das dem Stand
der (interkulturellen) Kommunikationsforschung Rechnung trägt.
Bei allem Verständnis für die Zwänge und Begrenzungen
formalisierter und automatisierter Testverfahren scheinen mir hier
einige der weltweit gängigsten Englisch-Tests inzwischen weit
hinter dem erwartbarem Stand zurück zu bleiben. Ein Testformat
für interkulturelle kommunikative Kompetenz, welches
testtheoretischen, administrativen und betriebswirtschaftlichen
Anforderungen entspricht, halte ich nicht nur für machbar,
sondern für dringend erforderlich.
-10-
Literaturverzeichnis
Bauer,
Ulrich & Müller-Jacquier, Bernd (2002), Business
Language Guide: Germany.
Stuttgart: Ernst Klett Sprachen.
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Bliesener, Ulrich (Hrsg.) (2000),
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the Trainers. Theory and Practice of Foreign Language Teacher
Education.
Köln:
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Bertelsmann
Stiftung (2006), Interkulturelle
Kompetenz – Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts?
Thesenpapier der Bertelsmann Stiftung auf Basis der
Interkulturellen-Kompetenz-Modelle von Dr. Darla K. Deardorff.
Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.
Bolten,
Jürgen (1996), Interkulturelle Assessment-Center. In: Sarges,
Werner (Hrsg.), Weiterentwicklungen
der Assessment Center-Methode. Göttingen:
Verlag für Angewandte Psychologie.
Bolten,
Jürgen (2001), Thesen zum interkulturellen Lernen in der Schule.
In: Bolten, Jürgen & Schröter, Daniela (Hrsg.) (2001),
Im Netzwerk
interkulturellen Handelns: Theoretische und praktische Perspektiven
der interkulturellen Kommunikationsforschung.
Sternenfels: Verlag Wissenschaft & Praxis, 106
Bolten,
Jürgen (2003), Interkulturelles Coaching, Mediation, Training
und Consulting als Aufgaben des Personalmanagments internationaler
Unternehmen. In: Bolten, Jürgen & Ehrhardt, Claus
(Hrsg.) (2003),
Interkulturelle
Kommunikation. Texte und Übungen zum interkulturellen Handeln.
Sternenfels:
Verlag Wissenschaft und Praxis.
Böning,
Uwe (Hrsg.) (2000), Interkulturelle
Business-Kompetenz: Geheime Regeln beachten und unsichtbare Barrieren
überwinden.
Frankfurt am Main: Frankfurter Allgemeine Buch.
Byram,
Michael (1997), Teaching
and Assessing Intercultural Communicative Competence.
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Council
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Preliminary Version. [Online: http://www.coe.int/t/dg4/Linguistic/.
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http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-12-3/beitrag/Camerer.htm
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