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HÜLLEN, WERNER (2005),
Kleine Geschichte des Fremdsprachenlernens. Berlin: Erich Schmidt Verlag. ISBN
3 503 079467. 184 Seiten, 19,95 Euro.
Das vorliegende Buch
bietet ein sehr lesenswertes und lehrreiches Kompendium für Studierende aller
Philologien sowie für FremdsprachenlehrerInnen, und das sowohl auf alt- wie auf
neusprachlichem Gebiet. Auf geschickte Weise verbindet Hüllen Bereiche, die in
der fremdsprachendidaktischen Forschung und mehr noch in der Praxis unverbunden
nebeneinander stehen: Tradition und Gegenwart sowie ‚tote’ und ‚lebende’
Sprachen. Es ist sein Anliegen, auf den Grundlagen eigener umfangreicher
Forschungen (vgl. dazu Hüllen 2002, 333-342), der vielen vorliegenden
Einzelanalysen (vgl. z.B. Hüllen/Klippel 2002 und 2005) sowie der Übersichtsdarstellungen
(vgl. z.B. Kelly 1969; Schröder 1980ff.; Schröder 1987ff.; Macht 1986ff.;
Klippel 1994; Caravolas 1994a, 1994b, 2000; Glück 2002) „den großen
Zusammenhang der Geschichte des Fremdsprachenlernens in Europa mit ihren
Kontinuitäten und Brüchen“ (7) zu umreißen. Die Darstellung erfasst den
Zeitraum zwischen römischer Spätklassik und den 60er Jahren des 20.
Jahrhunderts, gefolgt von einem Ausblick auf die Gegenwart. Bei einer solchen
Materialmenge muss es bei Verallgemeinerungen und richtungsweisenden
Andeutungen bleiben, jedem Kapitel und den meisten Teilkapiteln sind daher
ergänzende Lektüreempfehlungen vorangestellt, und das Literaturverzeichnis
(157-168) enthält eine Fülle von weiterführenden Titeln.
‚Fremdsprachenlernen’
umfasst für Hüllen sowohl formalisierte und institutionalisierte Formen (z.B.
schulischen Fremdsprachenunterricht) wie auch ‚natürlichen’, selbst gesteuerten
Fremdsprachenerwerb. Eine Durchdringung beider Bereiche nimmt er als gegeben
für den gesamten untersuchten Zeitraum an, wenngleich die Quellenlage eindeutig
den institutionalisierten Spracherwerb in den Mittelpunkt rückt (12). Das Buch
besteht aus drei Teilen. Kapitel I (11-17) behandelt „systematische und
historiographische Annahmen“, die der Auswahl und Strukturierung der
Informationen zugrunde liegen. Dabei gilt: je näher der Zeitraum, desto besser
die Quellenlage, folgerichtig nimmt auch die Ausführlichkeit der Darstellung
zu. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen zunächst Lateinisch (und am Rande
Griechisch), die allmählich an Bedeutung gewinnenden unterschiedlichen
Volkssprachen, sowie dann für den deutschsprachigen Raum vor allem Französisch
und Englisch. „Frühen Fremdsprachenunterricht“ lokalisiert Hüllen zwischen
römischer Spätklassik und dem Ende des europäischen Humanismus (ca. 1650) und
untergliedert ihn in eine spätrömische, mittelalterliche und humanistische
(„frühmoderne“) Epoche (12). Dem „neuzeitlichen (neuhumanistischen)
Fremdsprachenunterricht“ ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts ist mit dem
Zeitraum der Aufklärung zwischen 1650 bis um 1800 eine sog. „stille Periode“
vorgeschaltet. Die beiden Hauptepochen sind einerseits durch einen Wechsel des
fremdsprachlichen Schwerpunkts (vom Lateinischen zu den Nationalsprachen) sowie
andererseits durch einen deutlichen Wechsel der Gewichtung der jeweiligen
unterschiedlichen „Lernerpopulationen“ gekennzeichnet. Der Unterricht in beiden
Sprachengruppen verläuft nicht unbeeinflusst voneinander: „Somit ist es von der
Sache her geboten, die Geschichte des Fremdsprachenlernens für beide [...]
vergleichend zu rekonstruieren, auch wenn dies bei Altphilologen und
Neuphilologen bisher nicht so üblich war“ (13). Zwei Thesen bestimmen Aufbau
und Quellenwahl des Buches (14f.):
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a) Sprachtheorie und
Fremdsprachenunterricht in Europa entwickelten sich bis in die frühe Neuzeit
hinein entlang einer – auch von den Zeitgenossen so verstandenen – gemeinsamen
europäischen Traditionslinie, die ihre Wurzeln in der spätklassisch-römischen
Sprachkultur hat („früher Fremdsprachenunterricht“). Erst danach, weitgehend
parallel zur Entwicklung politischer Nationalismen, traten einzelne nationale
Traditionen mit ihren auf den jeweiligen spezifischen Bedingungen gründenden
Unterschieden und ihren „konzeptuellen Neuerungen, die auf die gemeinsamen Anfänge
aufgesetzt werden“ (15), in den Mittelpunkt („neuzeitlicher
Fremdsprachenunterricht“). Seit Mitte des 20. Jahrhunderts lässt sich eine
neuerliche Wende zum Universalismus beobachten.
b) Sprachanalyse und
Sprachbeschreibung, konkret etwa Grammatikographie und Lexikographie, enthalten
immer auch eine didaktische Dimension, gegründet auf einem ihnen immanenten
„didaktischen Interesse, nämlich dem der Lehrbarkeit einer Norm“ (15). Hüllen
sieht in den gemeinsamen Quellen von klassischen und modernen Fremdsprachen ein
zusätzliches Argument für eine europäische Geschichte des
Fremdsprachenunterrichts, zumindest in ihren Anfängen. Nationale Traditionen
sind hier eher auf institutioneller als auf konzeptioneller Ebene zu finden
(16). Als Quellen stehen damit in erster Linie sprachtheoretische Schriften und
Lehrerhandbücher im Mittelpunkt, da sich „praktische Routinen“, ein in
„institutionellen Vorgaben und (der) Praxis der Unterrichtsvorgänge“
manifestiertes Bezugsgebiet der Forschung, nur in den seltensten Fällen aus
schriftlichen Quellen rekonstruieren lassen.
Es ist weder möglich
noch sinnvoll, die vielen interessanten und detailreichen Ausführungen Hüllens
zu referieren. Allerdings seien einzelne Streiflichter gestattet auf das, was
für das Sprachenlernen bis heute besonders wesentlich scheint, die Frage nach
den Lernenden und ihren Lernzielen sowie danach, welcher Methoden und
Hilfsmittel sich die Lehrpersonen jeweils bedient haben. Die Quellenlage dazu
unterscheidet sich ebenso wie die Antworten, die die einzelnen Epochen bieten.
In Spätklassik und
frühem Mittelalter existierten Griechisch und Lateinisch als vermittelte
Sprachen im Prinzip gleichberechtigt nebeneinander, für die gebildeten
römischen Schichten war eine Zweisprachigkeit anzunehmen. Insgesamt war es kaum
relevant, ob es sich um Erst- oder Zweitsprachenerwerb handelte. Ein litterator
vermittelte zunächst Lesen, Schreiben, Sprechen bzw. Vortragen, Hören bzw.
Verstehen, ein grammaticus das grammatische System und schließlich ein rhetor
die Regeln der Rhetorik. Zu den wichtigsten Lehrmethoden gehörten sehr
wahrscheinlich Frage-Antwort-Spiele. Daneben ist der Unterrichtsverlauf nach
einer festgelegten Reihenfolge überliefert: der Text wurde gelesen, der Lehrer
erklärte die grammatischen Strukturen, der Text wurde nachgesprochen,
paraphrasiert, transliteriert, rezitiert und die Rezitation abschließend
korrigiert und bewertet. Zwischen 800 und 1500 etablierte sich Latein als die
dominierende Sprache der Gelehrsamkeit und im Einflussbereich des westlichen
Christentums als gemeinsame fremde Kultursprache. Der Unterricht verlief wohl
nach einer Art direkter Methode, die vom Memorieren bis zum Textstudium
verschiedenste Arbeitsformen einschloss. Neben den bewährten antiken
Grammatiken (Donatus, Priscian, Alexander von Villa Dei) entstanden fortlaufend
neue, die den Unterricht optimieren und christlich philosophisch untermauern
sollten. Neu kamen einsprachige Wörterbücher, ergänzende (antike) Texte sowie
schließlich als gesamteuropäisches Phänomen die Glossare hinzu. Allmählich
machte sich eine Interessenscheidung in Bezug auf den Erwerb von Fremdsprachen
bemerkbar. Geistliche und Gelehrte lernten und studierten (weiterhin) Latein.
Der Adelsstand (einschließlich der Königshäuser) wurde nach 1300 vor allem über
das Französische literarisch geformt. Eine wichtige Rolle spielten länder- und
sprachenübergreifende dynastische Ehen sowie Kreuzzüge und Ritterfahrten.
Bauern hatten im Rahmen von Wallfahrten und Handwerksfahrten mit fremden
Sprachen zu tun, für den aufstrebenden Stand der Stadtbürger ergaben sich nach
1200 insbesondere über Handelskontakte differenzierte fremdsprachliche
Interessen. Der Humanismus setzte sich eine Wiederbelebung des – weitgehend
formalisierten und verflachenden – Latein- und Griechischunterrichts zum Ziel,
um eine Rückbindung an den ‚europäischen Ursprung’ in seiner klassischen
ethischen und moralischen Dimension zu erreichen. Zwischen Mitte des 16. und
Mitte des 17. Jahrhunderts setzte sich dieser Anspruch an Universitäten,
Ritterakademien, Fürsten-, Stadt- und Bürgerschulen durch. Im Mittelpunkt
standen deduktive Lehrmethoden auf der Grundlage von Grammatiken, insbesondere
Übungen zum Deklinieren und Konjugieren in ganzen Sätzen. Um den wachsenden
Bedürfnissen nach praktikabler Verwendbarkeit zu entsprechen, kamen
Gesprächsbücher auf, die zusätzlich einen dialogischen Teil enthielten. Sie
waren offensichtlich zum Auswendiglernen und für den Selbstunterricht gedacht
und enthielten nur ein Minimum an Grammatik. Dieser seit Mitte des 15. Jahrhunderts
stabile und über ganz Europa hinweg präsente Lehrwerkstyp hatte seinen
Schwerpunkt im oberitalienischen und nordwesteuropäischen Raum und erfasste
nach und nach alle damals relevanten europäischen Sprachen. Das Lateinische
galt dabei als gemeinsamer Bezugspunkt und wurde mehr und mehr zu einem „Träger
der allgemeinen Grammatik“. „Für den Zeitraum bis etwa 1700 dürfen wir die
auffällige Parallelisierung der europäischen Sprachen in unterschiedlichen
Buchgenres [...] zunächst als ein Fortwirken der alten europäischen
Kultureinheit Europa bewerten. Das gilt auch für das Fremdsprachenlernen. Alle
Menschen lernten ihre Grammatik nach einem homogenen System, alle lernten ihr
Latein nach denselben klassischen Autoren und ihre lebenden Sprachen nach denselben
in Gesprächen dokumentierten Milieus. Die Einheit Europas war noch stark genug,
um die verschiedenen, nunmehr in ihrem Eigenrecht anerkannten, Sprachen in
paralleler Gleichheit zueinander zu halten“ (60). Allmählich verstärkte sich
die Unterscheidung von Fremdsprachen hinsichtlich intellektuellem Bildungswert
und praktischem Nutzen, damit einher gingen didaktische und methodische
Entscheidungen: Französisch sicherte in erster Linie den Eintritt in die
höfische Gesellschaft, folglich wurde hier gehobene Konversationsfähigkeit
angestrebt, Englisch sollte den Zugang zu Literatur, Philosophie und
Handelsbeziehungen öffnen, demzufolge standen Lesefertigkeit und
Alltagskonversation im Mittelpunkt. Im Verlaufe des 17. Jahrhunderts
verschärfte sich der Kontrast zwischen Bildungsdenken einerseits und
Nützlichkeitsdenken andererseits und damit die Polarisierung zwischen alten und
neuen Sprachen, die Ende des 18. Jahrhunderts im sog. Neuhumanismus einen
Höhepunkt fand: Der altsprachliche Unterricht blieb im Konzept der Allgemein-
und Universalbildung zur Vorbereitung auf die Universität fest verankert und
verstand sich (weiterhin) als Propädeutikum und Studium der Vorbildwirkung der
klassischen Antike – Latein und Griechisch sollten das Schönheitsgefühl, den
Geschmack und die Bildung der Antike erahnbar und nachvollziehbar werden
lassen. Es ging um „Arbeit der Vernunft mit der Einsicht in grammatische
Formen“. Als Gegengewicht zu dieser „grammatizistischen“ Methode
(„Veranschaulichung von Strukturen anhand nicht authentischer, also didaktisch
fabrizierter Sätze“, 85) verbreitete sich die sog. natürliche Lesebuchmethode
für die Volkssprachen – Grammatik sollte auf der Grundlage interessanter
zusammenhängender Texte erschlossen werden – oder auch die Übungsmethode – mechanische
Formenübungen standen hier neben unverbundener Lektüre. Gewicht wurde daneben
auf Aussprache, inhaltlich als sinnvoll anerkannte Lektüre literarischer,
geschichtswissenschaftliche und sachkundlicher Texte, Konversation und
Übersetzungen gelegt. Grundlegend war hier eher eine „Pädagogik der ‚Sachen’“
im Gegensatz zur abstrakten Bildungskonzeption im Sinne Hegels (82). Als
sprachliche Einheiten galten eher Texte, die Vermittlung grammatischer Regeln
wurde durch literatur- und landeskundliche Informationen in der Muttersprache
ergänzt. Für die Zeit bis 1880 konstatiert Hüllen zwar die Dominanz von
Grammatik-Übersetzungsmethoden, will diese aber in sich stark differenziert
wissen. Allmählich setzte sich eine bewusste Progression vom Leichten zum Schweren,
vom Bekannten zum Unbekannten sowie die Unterscheidung und Kontinuität des
Sprachlernprozesses in Anfänger-, Mittel- und Fortgeschrittenenstufe durch.
-4-
Parallel zu diesen
Entwicklungen veränderte sich das Berufsbild des Fremdsprachenlehrers. Die im Mittelalter
vorherrschenden Philologen waren in der frühen Neuzeit von den praktisch sehr
erfahrenen Sprachmeistern abgelöst worden, die an Schulen, Ritterakademien und
Universitäten oder als Privatlehrer unterrichteten. Mit dem Neuhumanismus
erfolgte, parallel zu einer Rephilologisierung, ihre neuerliche Verdrängung
durch Philologen mit wissenschaftlicher Ausbildung und akademischem Anspruch.
Seit ca. 1850 bestanden in Deutschland Lehrstühle für Romanistik, Anglistik und
Slawistik, die bald in eine gewisse Konkurrenz zur Altphilologie traten. Als
wegweisend erwies sich später vor allem das zwischen beiden Seiten vermittelnde
Konzept von schulischem Fremdsprachenunterricht und Lehrerausbildung nach Karl
Wilhelm Eduard Mager (1810-1858), der praktischen Zweck (Denk- und
Redeschulung) und Bildungsanspruch mit europäischer Ausrichtung zu verbinden
suchte. Sprach- und Literaturstudium in den modernen Fremdsprachen sollten
zunächst philologisch-historisch ausgerichtet sein, im Anschluss daran war ein
Auslandsjahr für die Sprachpraxis sowie ein Probejahr am pädagogischen Seminar
für den Erwerb didaktischer und methodischer Erfahrungen vorgesehen. Erstmals
erhob sich die Forderung nach einer Fachdidaktik („Schulwissenschaften“). Die
oft zitierte Reform der Fremdsprachendidaktik zwischen 1880 und 1900 war eine
Methoden-, weniger eine Inhaltsreform. Grundlage war eine allgemeine
Psychologisierung der Sprachwissenschaften, primäres neues Unterrichtsziel
wurde nun die bisher vielfach vernachlässigte tatsächliche praktische
Sprachbeherrschung. Für die modernen Sprachen setzte sich im Realschulbereich
die direkte Methode durch, beruhend auf unentwegtem, möglichst wenig
reglementiertem Sprachgebrauch, imitativem Ausspracheunterricht und
einsprachigen Bedeutungserklärungen, orientiert am natürlichen
Erstsprachenerwerb des Kindes. Nur noch in Ausnahmefällen wurde übersetzt,
abstrahierende grammatische Erklärungen und kontextfreie Übungen traten in den
Hintergrund, Grammatik wurde induktiv vermittelt. Allgemein üblich waren mündliche
Darbietung der Lektion durch den Lehrer, einsprachige Vokabelerklärungen,
wiederholendes Gespräch, Übungen zur Wortschatzerweiterung, kurze Gespräche und
abschließende schriftliche Übungen. Für die Oberstufe wurde eine
enzyklopädische Realienkunde gefordert.
Im Zuge der
preußischen Schulreform von 1924 kam es zu einer breiten Diskussion der sog.
kulturkundlichen Fächer (d.h. Deutsch, Philosophie, Geschichte, Erdkunde und
Fremdsprachen). Bemängelt wurden an ihnen fehlendes positives
Nationalbewusstsein, Überintellektualisierung durch einen „seelenlosen
Positivismus“ und mangelnde Erlebnisfähigkeit. Hüllens nicht unerhebliches
Verdienst ist es, auch diese – oft ausschließlich negativ beurteilte –
Entwicklung ausgewogen darzustellen. Trotz aller heute sehr ambivalent
anmutenden Argumente der damaligen Zeit und ihrer anschließenden einseitigen
Interpretation im Dienste des Nationalsozialismus war diese Reform dennoch in
ihren Grundlagen nicht im engen Sinne nationalistisch: Deutschland trat
zunächst als ein Nationalstaat unter anderen auf, Theoretiker und
Lehrwerkautoren kennzeichnete eine uneingeschränkte Bewunderung für England und
Frankreich sowie eine gesunde Distanz zum eigenen Land. Zentraler Punkt war die
Aufwertung des Muttersprachenunterrichts und die Betonung seines Einflusses auf
die Fremdsprachendidaktik: „Die Fremdsprachen sind nur über die eigene Sprache
zu erlernen; den fremden Kulturen kann man sich nur über die eigene nähern.
Diesen Vorgang müssen die Lehrer ‚führen’“ (113). Die Jahre zwischen 1920 und
1930 trugen in der deutschen Didaktik alles in allem entscheidend zur
Theoriebildung des neusprachlichen Unterrichts bei. Als Lehrziel wurde das
Gegenbild zu einer bloßen Anhäufung von Wissen formuliert: die „Ausbildung
einer selbständigen Persönlichkeit durch Auseinandersetzung mit fremder Sprache
und ihrem ‚Geist’“ (115), verbunden mit einer Erkenntnis des eigenen ‚Wesens’
auf den Grundlagen von Völkerverständigung und Humanität. Hüllen erklärt
einleuchtend, dass dem Konzept vielfach selektiv ausgewählte, verkürzt bzw.
falsch verstandene Begriffe aus der philosophischen, psychologischen und
historischen Literatur der Zeit zu Grunde lagen. In der Folge entstanden
äußerst fragwürdige Textsammlungen und Lesebücher, die die einheitliche
Betrachtung von Individuellem, Nationalem, Europäischem und Menschlichem
vermissen ließen, sondern im Gegenteil sprachlichen Strukturen und
„realkundlichen“ Phänomenen nationale Eigenschaften zuschrieben. Die Gefahr der
Anfälligkeit für nationalchauvinistische Vorurteile und Stereotype wurde nicht
erkannt (114-118). Der Nationalsozialismus machte sich diese Grundlagen zunutze
und ließ die ‚Kulturkunde’ in eine stark instrumentalisierte ‚Wesenskunde’
münden, die ‚fremde’ Kulturen der ‚eigenen’ unversöhnlich gegenüber stellte.
Gerade in Bezug auf den Fremdsprachenunterricht herrschte in den 30er und 40er
Jahren des 20. Jahrhunderts extremes Nützlichkeitsdenken vor. Lehrziel war
aktive Sprachbeherrschung vor Lektürefähigkeit, die Lehrbücher spiegelten über
Themenwahl, Wortschatz, Lektüreauswahl und Kommentare eine massive
Manipulation, die den Unterricht in allen Sprachen gleichzeitig kennzeichnete.
Davon abgesehen war Unterricht nach der ‚vermittelnden Methode’ in Anlehnung an
den Erstsprachenerwerb üblich (122-130). Die ‚Kulturkunde’ ist spätestens im
Zusammenhang mit der Diskussion der 80er und 90er Jahre des 20. Jahrhunderts um
den Landeskunde-Begriff immer wieder kritisch diskutiert worden.
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In der Nachkriegszeit
wurden moderne Fremdsprachen im westlichen Teil Deutschlands zunächst in
Anknüpfung an die Zeit vor 1933 wiederum eher nach dem Bildungsprinzip als nach
praktischem Gebrauchswert unterrichtet. In der DDR setzte sich in einem
radikaleren Neubeginn die sog. kommunikativ-vermittelnde Methode durch. Nach
1965 ist eine deutliche Änderung der Lernziele durch eine größere Präsenz der
Fremdsprachen in der Folge von Auslandsreisen und vermehrten Kontakten im
eigenen Land zu beobachten: „Vor allem aber war ein Sprachunterricht nicht mehr
begründbar, der nicht primär um des Gebrauchs der Sprache willen erteilt wurde“
(141), der Bildungswert von Kommunikation an sich wurde erkannt. Auf der
Grundlage von neuen differenzierteren sprachwissenschaftlichen Theorien und
einem universalistisch-relativistischen Vorgehen erfolgte eine allmähliche
Konzentration der Forschung auf unterschiedlichste Details und Spezialfragen
des Fremdsprachenunterrichts. Hüllen spricht hier von einer
„partikularisierende[n] Verwissenschaftlichung“ (146). Zu den wichtigen
Koordinaten der gegenwärtigen Diskussion gehören inzwischen Fragen, die in der
Vergangenheit nicht im Blickfeld standen: so etwa die Unterscheidung zwischen
schulischem und außerschulischem Spracherwerb, der Bilingualismus, früher
Fremdsprachenerwerb sowie Fremdsprachenlernen im Alter, Fragen der sinnvollen
Progression und der inhaltlichen Füllung des Unterrichts an (weit)
Fortgeschrittene, Aspekte der Handlungsorientierung oder der Lernerautonomie.
Den gemeinsamen Nenner der Diskussion bildet nach Hüllen eine linguistische,
kognitionstheoretische, lerntheoretische und fremdsprachendidaktische
„theoretische Quersumme“: Über die Pragmatik tritt vor allem die gesprochene
Sprache in den Mittelpunkt der Fremdsprachendidaktik, das Grammatikmodell
bleibt traditionell funktional, Bedeutung wird auf der Grundlage des
Kontextualismus erfasst. Parallel zu diesen „pragmatischen Grundannahmen wird
Sprache als Phänomen der Kognition angesehen“ (147). Der Lernvorgang wird an
eine effektive Nutzung des Kurzzeit- und Langzeitgedächtnisses gekoppelt sowie
durch Automatisierungsprozesse erklärt, die Informationen aus deklarativem in
prozedurales Wissen überführen. Der Aufbau von Wissensstrukturen erfolgt „über
die Integration neuer Erfahrungsdaten (bottom up) in vorhandene Wissensbestände
(top down)“ (148). Dabei können unterschiedliche Lernstrategien ganz
individuell angewandt werden. Die Fremdsprachendidaktik hat, so Hüllen, daraus
ein „gelegentlich diffuses Modell“ (148) entwickelt, „in dem das Lehren in der
Schule die Aufgabe hat, genügend sinnvolle Sprachdaten [...] unter natürlichen
Umständen bereitzustellen, sodass der selbstaktive Lernprozess ausreichende
Daten vorfindet, an denen er sich bewähren kann“ (148). Lernen gilt als
„Eigenleistung des Lernens (Autonomie) aufgrund besonderer Anregungen“ (149). Diese
Anregungen sind vorzugsweise prozesshafter Natur. Der Erstsprachenerwerb wird
damit zum „unausgesprochenen Musterfall“ (149).
Hüllens Buch ist
einerseits eine sehr willkommene Zusammenschau auf dem „Niveau des Wissens, das
man im Laufe eines Grundstudiums erarbeiten kann“ (7) und andererseits idealer
Ausgangspunkt für weiterführende Studien und Forschungen auf unterschiedlichen
Ebenen. Wichtig scheint mir darüber hinaus, dass neben den Traditionen des
Berufsbildes ‚Fremdsprachenlehrer’ die Kontinuität bzw. Diskontinuität vieler
heutiger Diskussionslinien deutlich wird: so etwa die Frage nach der
Orientierung der Lehrerausbildung, nach der Stellung der Grammatik im
fremdsprachlichen Lehr- und Lernprozess, nach der Berechtigung authentischer
Texte oder nach der Art und Weise der landeskundlichen Kontextualisierung des
Sprachunterrichts. Schließlich wird klar, dass der von Hüllen im ersten Teil
des Buches skizzierte frühe Fremdsprachenunterricht als gesamteuropäische
Grundlage gelten kann, auf dem nationale Traditionen aufbauen. Die geschilderte
Entwicklung in Deutschland könnte nicht zuletzt als Bezugspunkt für weitere
Teilgeschichten einer europäischen Fremdsprachendidaktik dienen.
CAMILLA
BADSTÜBNER-KIZIK (Universität
Gdánsk/Polen)
-6-
Literatur
Caravolas, Jean-Antoine (1994 a), La didactique des
langues. Précis d’histoire I
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l’hombre de Quintilien. Montréal und Tübingen: Université und Narr.
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Hüllen, Werner /
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Harrassowitz (= Wolfenbütteler Forschungen 107).
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Klippel, Friederike
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Macht, Konrad (1986, 1987, 1990), Methodengeschichte
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Schröder, Konrad
(1987, 1989, 1992, 1995, 1996, 1999), Biographisches und bibliographisches
Lexikon der Fremdsprachenlehrer des deutschsprachigen Raumes, Spätmittelalter
bis 1800 (Bände 1-6). Augsburg: Universität.
Copyright
©
2007 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht
Hüllen, Werner (2005), Kleine Geschichte des Fremdsprachenlernens. Rezensiert von Camilla Badstübner-Kizik. Zeitschrift für
Interkulturellen
Fremdsprachenunterricht [Online] 12: 3, 6 S. Abrufbar unter
http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-12-3/beitrag/Huellen.htm
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