Schreiben
in elektronischen Umgebungen: Einführung
Eva
Platten & Marja Zibelius
"Schreiben
ist eine komplexe Tätigkeit" – so beginnen viele Publikationen zum Thema Schreiben. Seit der "Wiederentdeckung des Schreibens" in Forschung und Unterricht gibt es eine Vielzahl von Untersuchungen zu diesem Thema. Unterschiedliche Disziplinen wie die Textlinguistik, die Schreibforschung, die Schreibdidaktik sowie die Psychologie lieferten zahlreiche Beiträge und versuchten das Phänomen Schreiben in der Mutter- und in der Fremdsprache zu fassen. Die Komplexität des Themas allein im fremdsprachlichen Bereich zeigt sich auch in der umfangreichen Liste seiner Teilbereiche: Schreibförderung, Fehlerkorrektur, Textsorten, prozess- oder produktorientiertes Schreiben, personales, freies und kreatives Schreiben, funktionales, kommunikatives, kooperatives, kulturspezifisches, wissenschaftliches und literarisches Schreiben, Schreiben mit digitalen Medien u.a.
Einen
Schwerpunkt zu setzen im Rahmen einer Themenausgabe bietet sich demnach an.
Dass wir uns hier gemeinsam mit den Autorinnen und Autoren dem Thema
"Schreiben in elektronischen Umgebungen" widmen, hat folgende Gründe:
Der Einzug des Computers in Klassen- und Arbeitszimmer war mitverantwortlich
dafür, dass die Fertigkeit 'Schreiben' seit den neunziger Jahren eine
Renaissance erlebte. Zunächst veränderten Textverarbeitungsprogramme und
Lernsoftware den traditionellen Unterricht und erweiterten die Möglichkeiten
für Lernende, ihre fremdsprachlichen Schreibkenntnisse zu üben und anzuwenden.
Die Nutzung des Internet als Kommunikations-, Publikations- und
Distributionsmedium folgte: HTML, E-Mail, Chat, Diskussionsforen und diverse
Lernplattformen im WWW dienen seither Kooperations- und Kommunikationsprojekten
im Unterricht und bieten auch Selbstlernern und -lernerinnen zahlreiche
Anlässe, ihr fremdsprachliches Wissen vor allem schriftlich anzuwenden und zu
verbessern. Seit einigen Jahren machen zudem neuere Technologien wie Weblogs
und Wikis (in Verbindung mit den Begriffen Social-Software und Web 2.0) von
sich reden. Mit ihrer Hilfe können sich Internetnutzer/-innen ohne
Programmierkenntnisse aktiv an der Mitgestaltung der Inhalte im Netz
beteiligen. Auch für den Unterricht sind solche Dienste und Anwendungen
hochinteressant, denn sie ermöglichen, isoliert oder im Verbund mit anderen
Medien, zahlreiche Lernanlässe und vielfältige projektorientierte
Unterrichtsszenarien.
Ob
man die Medienbegeisterung vieler teilt oder nicht: Es ist bereits eine neue
mediale Schriftlichkeit entstanden und mit ihr ein neues Spannungsfeld zwischen
konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Diese Tatsache beeinflusst
das Schreiben ganz allgemein und hat unmittelbare Auswirkungen auf
schreibdidaktische Diskussionen und Überlegungen. Es bleibt offen zu sehen, ob
im Zusammenhang mit den digitalen Medien das Schreiben diese große Bedeutung
behalten wird oder ob es in naher Zukunft wieder eine Wende in Richtung
mündlicher Kommunikation geben wird und das Sprechen und Hören mit Hilfe
digitaler Medien an Bedeutung gewinnen wird: das mobile Lernen mit Audio- und
Video-Podcasts könnte bald schon die Regel sein, Voice-Chats und
Video-Konferenzen könnten Text-Chats vollkommen ablösen und SMS nicht mehr
geschrieben, sondern ausschließlich gesprochen werden. Wir aber sind überzeugt
davon, dass das Schreiben mit Hilfe oben erwähnter schriftlicher Medien
weiterhin eine große Rolle spielen wird und dass es sich lohnt, herauszufinden,
in welcher Form der Einsatz dieser Medien im Unterricht und beim Selbstlernen
gestaltet werden sollte, um fremdsprachliche Schreibprozesse zu initiieren und
zu optimieren. Aus diesem Grund möchten wir dem "Schreiben in
elektronischen Umgebungen" eine Themenausgabe der ZiF widmen.
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Es
zeigt sich dabei schnell, dass auch das Schreiben in elektronischen Umgebungen
viele verschiedene Facetten aufweist. Der vorliegenden Themenausgabe gelingt
es, viele unterschiedliche Medien und Schreibszenarien in den Mittelpunkt zu
stellen und somit einen Gesamtüberblick über das Thema zu geben. Was die
einzelnen Beiträge verbindet, ist das Bemühen der Autorinnen und Autoren
Aussagen darüber zu machen, was die entsprechenden Medien leisten und inwiefern
das fremdsprachliche Schreiben durch sie initiiert, gefördert und verbessert
werden kann. Es geht also allen darum, einen Beitrag zu leisten,
internetgestützten Schreibprozessen auf die Spur zu kommen und ihre Bedeutung
für das fremdsprachliche Schreiben aufzuzeigen.
Wolfgang
Hallet befasst sich in seinem Beitrag mit der Verlagerung des Schreibens aus
der Papierwelt der "Gutenberg-Galaxie" in die multimedialen
elektronischen Umgebungen des "Cyberspace". Er kontrastiert im
Internet veröffentlichte Hypertexte mit handgeschriebenen bzw. getippten klassischen
Schreibtexten auf Papierseiten und stellt die Frage, ob bzw. wie sich
Schreiberziehung vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen verändern muss:
Konkret zeigt er auf, wie sich die traditionellen Konzepte von
"Schreiben" und von "Text" verändern und wie sich
Diskursfähigkeit und das Schreiben von kohärenten Texten im Hinblick darauf
verhalten. Zudem illustriert er an einem Beispiel, wie eine Hypertext-basierte
Schreibaufgabe für den Sprachenunterricht aussehen kann.
Der
Beitrag von Eva Platten greift den Bereich des kooperativen Schreibens auf und
analysiert die Schreibaktivitäten von fortgeschrittenen Lernenden des Deutschen
als Fremdsprache (DaF) in einer internetbasierten Interaktiven
Schreibwerkstatt, die speziell für Lernende eingerichtet wurde und die sich des
Autorenwerkzeugs Wiki-Webs bedient. Der Beitrag positioniert das Wiki im
Kontext fremdsprachlicher Schreibprozesse und geht der Frage nach, welchen
Einfluss die Besonderheiten des "didaktischen" Wikis auf
fremdsprachliche computervermittelte Kommunikations-, Interaktions- und
Kooperationsprozesse nehmen. Anhand kooperativer Schreibaktivitäten im Rahmen
einer Fortsetzungsgeschichte und im Rahmen von Korrekturen, die die Lernenden
in den Texten anderer vornehmen, wird gezeigt, in welcher Weise Wiki-Webs zur
Förderung der Schreibkompetenz von Fremdsprachenlernenden beitragen können.
Der
Beitrag von Ute Massler liefert Einsichten in Wege und Möglichkeiten zur
Förderung von kommunikativer und kooperativer schriftlicher Kompetenz von
Fremdsprachenlernenden mithilfe digitaler Medien. Anhand von einer
Forschungsstudie, die sich mit (zum Teil multinationalen) E-Mail- und
Internetrechercheprojekten in der Sekundarstufe I befasst, stellt die Autorin
die Perspektive der Lernenden auf computervermittelte Kommunikation und Kooperation
dar und analysiert die innerhalb der Projekte von den Lernenden verfassten
Texte. Der Beitrag geht dabei u. a. auf geschlechtsspezifische
Unterschiede zwischen den Lernenden, auf die Bedeutung unterschiedlicher
Leserschaften und die Bedeutung des Kommunikations- und Kooperationspartners
für die Arbeit am gemeinsamen Projekt ein.
Auch
im Beitrag von Nicola Würffel wird das kooperative Schreiben im
Fremdsprachenunterricht thematisiert. Der Beitrag untersucht spezifische
Möglichkeiten zu dessen Förderung mittels digitaler Medien. Am Beispiel des
Einsatzes von kooperativen Online-Editoren wie z. B. Wikis oder Programmen
wie Google Text und Tabellen stellt die Autorin die Potentiale sogenannter
Social-Software-Anwendungen zur Unterstützung kooperativer Schreibprozesse
heraus und wertet erste Forschungsergebnisse aus. Faktoren wie
Aufgabenstellung, Bewertungsstruktur, Autorenschaft, Öffentlichkeit und
Betreuung der Lernenden beim Einsatz kooperativer Editoren in
(fremdsprachlichen) Unterrichtskontexten stehen dabei im Vordergrund des
Beitrags.
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Sandra
Ballweg widmet sich in ihrem Beitrag der Frage nach adäquater Betreuung und
Beratung im computergestützten Schreibtraining. Im Vordergrund ihres Beitrags
steht das an der Technischen Universität Darmstadt entstehende vielsprachige
Online Writing Lab (OWL) – ein Online-Angebot, das es Studierenden ermöglicht,
studienrelevante Schreibfertigkeiten in ihrer Muttersprache oder in einer
Fremdsprache zu trainieren, sich mit kulturspezifischen Eigenschaften von Textsorten
auseinander zu setzen und eigene Texte mit Kommiliton/innen und Tutor/innen zu
erörtern. Neben Erläuterungen zu Inhalten und Aufbau des OWL thematisiert der
Beitrag die Angebote zur systematischen Betreuung und Unterstützung von
Studierenden in selbstgesteuerten Lernprozessen und diskutiert u. a.
Möglichkeiten zur Integration des OWL in ein Blended-Learning Konzept.
Der
Beitrag von Silke Feist schließlich greift erneut den Erwerb von
Schreibkompetenzen auf. Am Beispiel eines Kurses der Deutsch-Uni Online (DUO),
einem interaktiven Deutschlernportal der Ludwig-Maximilians-Universität München
und des TestDaF-Instituts Hagen, geht die Autorin der Frage nach, wie der
Erwerb einer studienspezifischen wissenschaftlichen Schreibkompetenz in einem
elektronischen Lernprogramm adäquat gefördert werden kann. Sie gibt einen
Überblick über die Funktionen und Möglichkeiten der DUO-Lernplattform und zeigt
anhand einer komplexen Schreibaufgabe für den Bereich DaF, wie die Förderung
von Schreibkompetenz umgesetzt wurde, welche Rolle die Unterstützung von
Lerntutoren dabei spielte und wie Lernende den Umgang mit dem beschriebenen
Kurs bewerteten.
Wir
möchten uns sehr herzlich bei allen Autorinnen und Autoren bedanken, dass sie
diese Themenausgabe durch ihren Beitrag zum Leben erweckten. Außerdem geht
unser Dank an die HerausgeberInnen der ZiF, die uns dieses Vorhaben ermöglicht
und uns stets sehr freundlich unterstützt haben.