Gemeinsames
Schreiben im Wiki-Web - Aktivitäten
in einer untutorierten Schreibwerkstatt für fortgeschrittene Deutschlernende
Eva
Platten
1.
Vorbemerkung
In
der fremdsprachendidaktischen Diskussion nehmen seit geraumer Zeit die
digitalen Medien breiten Raum ein. Nicht zu unrecht, denn sie eröffnen - auch
auf einen zweiten, kritischeren Blick hin - vielfältige neue Möglichkeiten für
fremdsprachliche Lernprozesse im und außerhalb des Klassenzimmers (vgl.
z. B. Rösler 2004). Vor allem die Fertigkeit Schreiben hat mit dem
Aufkommen der digitalen Medien, insbesondere dem Internet, im
Fremdsprachenunterricht mehr Gewicht bekommen. Dies verläuft parallel zur
Entwicklung, dass das Schreiben in vielen Lebensbereichen durch die digitalen
Medien mehr an Bedeutung gewonnen hat. Diese Entwicklung wirft Fragen nach
neuen Konzepten von Mündlichkeit und Schriftlichkeit auf, denn im Zusammenhang
mit den neuen Medien, v.a. mit den neuen Kommunikationsmedien, entsteht eine
neue Literalität, u. a. eine neue "private Schriftlichkeit", die
definiert und diskutiert werden muss.
Neben
E-Mail, Chat, Video- und Audio-Tools gehört auch das Autorenwerkzeug Wiki-Web
(kurz: Wiki) zu den Medien, die computervermittelte Kommunikations-,
Interaktions- und Kooperationsprozesse ermöglichen (siehe Kap. 3.1: "Was
ist ein Wiki?"). Die Forschung liefert eine große Anzahl von Beiträgen,
die solche Prozesse in E-Mail- und Chat-Projekten analysieren. Zum Thema
"Einsatz des Wikis im Unterricht", bzw. "Einfluss der Nutzung
des Werkzeugs auf allgemeine Lernprozesse", gibt es vergleichsweise wenige
Untersuchungen, ihre Anzahl wächst aber stetig (vgl. u. a. Augur et al.
2004; Wieland 2005; Thelen & Gruber 2003, 2005; Würffel in dieser Ausgabe
sowie Publikationen bzw. Verweise auf der Seite des "International
Symposium on Wiki" [1]). Veröffentlichungen zu der Frage, welchen Beitrag das
Autorenwerkzeug Wiki im Bereich fremdsprachlicher Schreibdidaktik leisten kann,
fehlen noch. Das hat vermutlich weniger mit dem Alter des Werkzeugs als mit
seinem vergleichsweise noch geringen Bekanntheitsgrad und seiner bisher eher
seltenen Verwendung im Unterricht zu tun.
Der
vorliegende Beitrag versucht einen Teilbereich dieser Forschungslücke zu
schließen: Er beschäftigt sich mit dem Bereich des kooperativen Schreibens im
Wiki-Web. Gegenstand der Untersuchung ist die Interaktive Schreibwerkstatt im
Wiki-Web, ein Angebot von JETZT Deutsch lernen (http://www.goethe.de/jetzt/),
einer webbasierten Lernumgebung für junge Deutschlernende der Mittel- und
Oberstufe. Sie wird im Auftrag des Goethe-Instituts im Rahmen des
Forschungsprojektes "Die Nutzung des WWW für den fremdsprachlichen
Unterricht – JETZT Deutsch lernen" an der Universität Gießen entwickelt
und von Deutschlernenden und Deutschlehrenden weltweit genutzt.
Im
Mittelpunkt des vorliegenden Beitrags stehen also gemeinsame Schreibprozesse
von Lernenden in einem Wiki-Web, welches speziell für DaF-Lernende eingerichtet
wurde. Es soll herausgefunden werden, welche Schreibprozesse von DaF-Lernenden
in einem Wiki-Web durchgeführt werden, wie diese Aktivitäten initiiert wurden
und welche Schlussfolgerungen für diese Art des fremdsprachlichen Schreibens
gezogen werden können.
Im
folgenden Kapitel soll zunächst kurz auf die Forschung im Bereich digitale
Medien und Schreibdidaktik eingegangen werden. Daran anschließend werden die
webbasierte Lernumgebung JETZT Deutsch lernen und die Elemente, die die
Förderung der Schreibkompetenz der Lernenden im Blickpunkt haben, vorgestellt.
Bevor dann die kooperativen Aktivitäten der Deutschlernenden in der
Interaktiven Schreibwerkstatt im Wiki-Web analysiert werden und erste Schlüsse
für den Nutzen des Mediums für fremdsprachliche Lernprozesse gezogen werden,
soll das Medium Wiki beschrieben und eine Bestandsaufnahme relevanter Wiki-Forschung
vorgenommen werden.
-2-
2.
Schreiben in der Fremdsprache und digitale Medien
2.1.
Zur Rolle der Fertigkeit Schreiben im Fremdsprachenunterricht
Die
Fertigkeit Schreiben hat durch den Einfluss der Sprachwissenschaft, der Kultur-
und Literaturwissenschaft und der Lernpsychologie sowie durch ein verändertes
Kommunikationsverhalten per Computer Ende der achtziger Jahre im
Fremdsprachenunterricht wieder einen deutlichen Aufschwung erfahren (vgl. Krumm
1989). Im Mittelpunkt einer modernen Schreibdidaktik steht, abgesehen natürlich
von der Förderung der Schreibfertigkeit allgemein, der Schreibprozess. Der
Perspektivenwechsel weg vom Produkt, hin zum Prozess und zu dem, der schreibt,
hat einige Konsequenzen für den Unterricht: Zum einen bringt er die Einsicht in
die Notwenigkeit der Durchführung und Reflexion von Schreibprozessen von Anfang
an und zum anderen die Abkehr von der Vermutung, dass es genüge, eine Reihe
verschiedener Schreibübungen durchzuführen, um anschließend mit einem perfekten
Text rechnen zu können (vgl. Portmann 1991). Dabei ist es wichtig, sich der
Tatsache bewusst zu sein, dass vorhandene inhaltliche und linguistische
Wissensbestände, die beim Schreiben genutzt werden, nicht nur im Vorfeld,
sondern vor allem auch während des Schreibens erweitert werden können. In
diesem Zusammenhang sind Forschungsergebnisse zum kooperativen Schreiben von
besonderem Interesse, denn beim kooperativen Schreiben im Sprach- sowie im
Fremdsprachenunterricht wirkt sich der mündliche Austausch der Beteiligten, dessen
Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse, positiv auf diese Erweiterung aus
(vgl. Faistauer 1997, 2000). Vor allem in der Planungs- und Überarbeitungsphase
kann das gemeinsame Arbeiten an einem Text sinnvoll und bereichernd sein (vgl.
Massler 2004: 19).
Neben
der Förderung eines prozessorientierten Schreibens stehen auch das
adressatenorientierte, das interkulturelle und das kreative Schreiben im Fokus
der modernen Schreibdidaktik. Ersteres hat vor allem das Schreiben für einen
realen Leser im Blick. Denn er, der reale Leser oder die reale Leserin, fördert
zum einen das Bewusstsein der Lernenden für die Wichtigkeit des
Adressatenbezugs. Außerdem fördert er allgemein die Vermittlung der
Schreibfertigkeit (vgl. ebd.: 20). Massler zitiert in diesem Zusammenhang Grabe
und Kaplan: "[T]he learning of writing is more likely to succeed in
conditions in which students find themselves wanting to communicate real
messages to real audiences" (Grabe & Kaplan 1996, zitiert nach Massler
2004: 20). Dass im Klassenzimmer in den meisten Fällen die Lehrperson und im
besten Falle noch die Mitlernenden die Rolle des realen Lesers übernehmen, ist
Realität. Schreibprojekte oder Schreibanlässe, die ein authentisches Publikum
außerhalb des Klassenzimmers bedienen, sind für das adressatenorientierte
Schreiben jedoch von wesentlich höherem Wert; Korrespondenzen mit der
Nachbarklasse, Schülerzeitungen und der Austausch mit Partnerklassen im In- und
Ausland ermöglichen dies. Das Internet bietet darüber hinaus eine Reihe
weiterer Möglichkeiten.
2.2.
Computervermitteltes Schreiben und Fremdsprachenlernen
Die
meisten Untersuchungen, die sich mit dem computervermittelten fremdsprachlichen
Schreiben beschäftigen, sind auf dem Gebiet der CMC (Computer-Mediated
Communication) angesiedelt. E-Mail-Projekte und Projekte, die mehrere
Kommunikationskanäle im Rahmen von Lernplattformen nutzen, stehen hier an
vorderster Stelle. Zusammengefasst werden CMC-Projekten bezüglich der Förderung
der Schreibfertigkeit folgende positive Merkmale zugewiesen (vgl. dazu
ausführlicher Massler 2004: 43ff und 2008):
• Die Möglichkeit der authentischen Kommunikation und der Publikation von
Arbeitsergebnissen im Internet wirkt sehr motivierend, allerdings nur solange
die Lernenden dies selbst als relevant und wertvoll für die Öffentlichkeit
bewerten.
-3-
•
Bei CMC-Projekten wurde verminderte Schreibangst beobachtet. Außerdem gibt es
eine höhere Risikobereitschaft, Neues auszuprobieren, was zu komplexeren
schriftsprachlichen Elementen führen kann.
•
Die computervermittelte Kommunikation hat positive Auswirkungen auf das
Feedbackverhalten und auf die Selbstkorrektur eigener Texte.
•
Durch das Vorhandensein von realen Kommunikationsanlässen wird eine
authentischere, idiomatischere Sprache verwendet und die Produktion authentischerer
und sprachlich komplexerer Texte mit einer größeren Variation von Schreibstilen
beobachtet.
Im
Zusammenhang mit den digitalen Kommunikationsmedien erhält auch die Diskussion
um Schriftlichkeit und Mündlichkeit eine neue Bedeutung. Eine Grundlage für
diese Diskussion bietet noch immer die Unterscheidung in das Mediale und das
Konzeptionelle von Koch & Österreicher aus dem Jahre 1994. Betrachtet man
die beiden Kommunikationsmedien Forum und Chat (wobei in diesem Zusammenhang
vom verbreiteteren Text-Chat, nicht vom Voice-Chat die Rede ist) so ergibt
sich, dass die Kommunikation medial betrachtet schriftlich verläuft, d.h. die
Kommunikation bedient sich der Schrift, es werden schriftliche Informationen
ausgetauscht. Konzeptionell gesehen weist die Kommunikation in beiden Medien
jedoch einige Merkmale von Mündlichkeit auf, wobei dies im Chat ausgeprägter
ist als beim Austausch im Forum: Die synchrone Kommunikation im Chat ist
dialogisch realisiert. Strukturelle Merkmale wie Sprecherwechsel und Nachbarschaftspaare,
wie z. B. Gruß-Gruß- und Frage-Antwort-Sequenzen, lassen den Austausch zu
einem "Gespräch" werden (vgl. u. a. Geers 1999; Haase, Huber,
Krumeich & Rehm 1997; Platten 2001). Die Kommunikation im Forum hingegen läuft
zeitlich versetzt. Man hat weniger das Gefühl, man "spricht" mit
jemandem, sondern man "schreibt" jemandem. Es werden asynchron
schriftliche Nachrichten versandt, die vielleicht erst Tage später gelesen
werden. Zwischen Produktions- und Rezeptionsprozess liegt erheblich mehr Zeit
als im Chat. Dennoch scheint auch der Austausch im Forum von den Nutzenden als
etwas Gesprächsähnliches wahrgenommen zu werden: So benutzt ein Lerner aus
Russland das Wort "Gesprächspartner" in einem Beitrag in einem Forum
für Deutschlernende: "Also es waere nicht schlecht, einen Gleichgesinnigen
zu finden, auf dessen E-mail man freuen koennte. Die Bezeichnung Brieffreunde
gefaellt mir nicht, durch E-mailaustasch kann man meiner Meinung nach nur
schwer Freunde finden. Aber interessante Gespraechspartner doch." [2] Die
Sprachverwendung im Forum enthält ebenso wie die Sprachverwendung im Chat,
Merkmale einer konzeptionellen Mündlichkeit, wie Privatheit, Vertrautheit,
Emotionalität, Situations- und Handlungseinbindung sowie einen gewissen Grad an
Dialogizität.
Beide
Medien, Chat wie Forum, sind interaktiv, und zwar nicht nur bezüglich des
Austauschs von Mensch-Maschine, sondern auch im Austausch von
Mensch-Maschine-Mensch. Das heißt, beide zielen auf eine Kommunikation mit
potentiellen Teilnehmenden, wobei im Chat die möglichen
Kommunikationspartner/-innen zeitgleich anwesend sind. Was aber genau ist daran
interaktiv? Interaktiv ist das Schreiben, wenn es eine Reaktion eines anderen
erwarten lässt oder eben selbst eine Reaktion auf eine Aktion darstellt. Dies ist
in beiden Medien der Fall – natürlich, denn es handelt sich um
Kommunikationsmedien. Nun kann man einwerfen, jeder Schreibende habe beim
Schreibprozess immer, auch wenn er keine Kommunikationsmedien benutzt, den/die
Leser/-in und somit auch immer eine mögliche Reaktion auf das Geschriebene im
Kopf. Ist somit jede Form von Schreiben interaktives Schreiben? Auch beim
"simulierten" Schreiben im Unterricht hat man immer eine/n Leser/-in
während des Schreibens im Kopf und sei es nur den Lehrer oder die Lehrerin.
Dennoch: der innere Dialog mit einem authentischen Leser und vor allem mit
einem Leser, dessen Reaktion unmittelbar erwartbar ist, verursacht einen
höheren Grad an Interaktivität und wirkt sich, so zeigt es eine Studie, positiv
auf das Ergebnis im Bezug auf Kreativität, Ausführlichkeit und
Adressatenbezogenheit aus (vgl. z. B. Raith 2006) .
-4-
Die
Förderung der Erstellung sorgfältig erarbeiteter Texte steht bei der CMC meist
weniger im Vordergrund als die Entwicklung der schriftlichen kommunikativen Kompetenz.
Für die Untersuchung von Wikis und ihrer Relevanz für die Förderung von
fremdsprachlichen Schreibprozessen ist dies jedoch von Bedeutung. Es können
zwar auch im Wiki diskursive Austausche entstehen, vornehmlich sind es aber
gemeinsame Textproduktionsprozesse, die die Möglichkeiten des Mediums
ausschöpfen (siehe Kapitel 3). Neben dem Wiki eröffnen auch andere kooperative
Editoren (vgl. Würffel in dieser Ausgabe) sowie sogenannte Blogs neue
vielfältige Möglichkeiten für den Schreibunterricht. Der Blog, eine Verkürzung
des Wortes Weblog, ist ein Online-Tagebuch, das es anhand einer bestimmten
Software, die frei im Internet erhältlich ist, jedem ermöglicht, sein eigenes
"Tagebuch" ins Netz zu stellen und sich mit anderen Blogs zu
verlinken, bzw. die Einträge anderer Blogger zu abonnieren. Erste
Untersuchungen zum Einsatz des Blogs im Fremdsprachenunterricht hat Thomas
Raith (2006) vorgenommen, der dieses Werkzeug im fortgeschrittenen
Englischunterricht eingesetzt und erforscht hat.
Bevor
in Kapitel 3 das Wiki als Medium mit seinen Funktionsweisen beschrieben wird,
seine Bedeutung für den didaktischen Kontext beleuchtet wird und die
Interaktive Schreibwerkstatt im Wiki-Web von JETZT Deutsch lernen, die hier
Untersuchungsgegenstand ist, vorgestellt wird, werden im folgenden Kapitel
weitere interaktive Schreibmöglichkeiten am Beispiel von JETZT Deutsch lernen
skizziert.
2.3.
Interaktive Schreibmöglichkeiten in webbasierten Lernumgebungen am Beispiel von
JETZT Deutsch lernen
Die
multimediale, webbasierte Lernumgebung JETZT Deutsch lernen ist seit 1996 im
Internet abrufbar. Die im Auftrag des Goethe-Instituts an der Universität
Gießen entwickelte Lernumgebung bietet jungen fortgeschrittenen
Deutschlernenden ein umfangreiches Lernangebot und die Möglichkeit, als
Selbstlernender oder als Teil einer Lerngruppe verschiedene Fertigkeiten und
Kompetenzen, vor allem das Leseverstehen, das Hörsehverstehen, das kreative
Schreiben und die Medienkompetenz, zu verbessern. Im Mittelpunkt der Seiten
stehen eine umfangreiche Sammlung authentischer Texte des Jugendmagazins
jetzt.de der Süddeutschen Zeitung sowie Videos, die Interviews mit in
Deutschland lebenden Menschen zeigen. Diese Materialien vermitteln ein
aktuelles und vielseitiges Deutschlandbild. Didaktisch aufbereitet wird das
Material durch interaktive Aufgaben, Worterklärungen und Links ins WWW, die
zusätzliche landeskundliche Informationen liefern und der Lernumgebung einen
"halboffenen" Charakter geben, d.h. einen didaktischen Schutzraum
bieten und gleichzeitig Ausstiege ins WWW ermöglichen und anregen (vgl.
u. a. Legutke & Ulrich 2000; Legutke, Müller-Hartmann & Ulrich
2000; Oláh & Ulrich 2000; Rösler 2003). Darüber hinaus ist den Lernenden
die Möglichkeit zur (inter)aktiven Teilnahme gegeben, was vor allem schriftliche
Aktivitäten hervorbringt: Die Lernenden können in einem tutorierten Chat-Raum
ihre Interimssprache anwenden und ihre Kompetenzen in diesem Medium erweitern
(siehe Platten 2001, 2003), sie können sich in Diskussionsforen mit anderen
Lernenden aus aller Welt austauschen, kreative Schreibaufgaben bearbeiten und
ihre Texte einsenden sowie in der Interaktiven Schreibwerkstatt - die in diesem
Beitrag Gegenstand der Untersuchung ist und im nächsten Kapitel vorgestellt
wird - Texte selbstständig veröffentlichen und mit anderen "Autoren",
also anderen Deutschlernenden, schriftlich interagieren und kooperieren. Im
Folgenden soll kurz auf die verschiedenen interaktiven Schreibmöglichkeiten bei
JETZT Deutsch lernen eingegangen werden:
-5-
Chat
und Foren
Das
Angebot, im Chat und in den (offenen sowie themenzentrierten) Diskussionsforen
ungesteuert zu kommunizieren, ist sehr beliebt bei den Lernenden. Besonders
attraktiv ist dabei das Angebot des tutorierten Chats: Chat-Tutorinnen
(Studierende aus Deutschland) stehen den Deutschlernenden zu bestimmten Zeiten
als Gesprächspartner zur Verfügung. Zu diesen Zeiten können sich die Lernenden
im Chat nicht nur miteinander, sondern u. a. auch mit deutschen
Muttersprachlern austauschen, ihre Sprachkenntnisse anwenden und verbessern
sowie landeskundliche Informationen aus erster Hand erhalten. Die Foren werden
gerne besucht, um Kontakte zu knüpfen, um Brieffreunde und Austauschpartner zu
finden oder um sich über DaF-relevante Themen auszutauschen.
Einsendeaufgaben
und Lernertexteinheiten
Zahlreiche
kreative Schreibaufgaben fordern die Nutzer von JETZT Deutsch lernen auf, Texte
zu verfassen und diese an das Redaktionsteam zu senden. Den Anreiz, dies auch
wirklich zu tun, liefert die Aussicht auf eine mögliche Veröffentlichung auf
den Seiten der Lernumgebung; nur die "interessantesten",
"besten" und "kreativsten" werden veröffentlicht, so die
Autorinnen. Korrigiert werden die ausgewählten Texte ausschließlich auf der
Ebene der Orthographie. Dennoch bieten diese Aufgaben offensichtlich Anreiz
genug für die Lernenden, denn pro Woche treffen im Durchschnitt ca. 20-30
Einsendungen ein. Um die zahlreichen gelungenen Texte aufzuwerten und somit dem
Schreiben eine noch größere Bedeutung zu verleihen, wurde im Jahre 2004 eine
neue Einheiten-Reihe mit dem Namen "Jetzt ihr! Lernertexte mit
Aufgaben" bereitgestellt. Hierfür werden Lernertexte ausgewählt und in der
selben Weise wie die jetzt.de-Texte als Leseverstehenseinheit aufbereitet: Es
werden interaktive Aufgaben für den Leseverstehensprozess gestaltet,
Worterklärungen gegeben und Links ins WWW in den Text integriert, die
Hintergrundinformationen liefern. Eine Kommunikationsaufgabe fordert z. B.
die Lernenden auf, dem Autor, einem Deutschlernenden, zu schreiben und auf
seinen Text zu reagieren. Das Prinzip des Miteinander- und Voneinander-Lernens
wird so berücksichtigt.
Durch
die Einsendeaufgaben und Lernertexteinheiten werden die schriftlichen Produkte
der Lernenden einer breiten Leserschaft zur Verfügung gestellt und für den
Lernprozess nutzbar gemacht. Dies ist bezüglich der geforderten
Adressatenorientierung (s. o.) von großem Vorteil. Der Nachteil ist, dass
bedingt durch den redaktionellen "Filter", der dafür sorgt, dass nur
ausgesuchte Texte veröffentlicht werden, nur ein Teil der zahlreichen Texte
veröffentlicht werden kann und so eine Vielzahl von interessanten und
wertvollen Lernerbeiträgen unberücksichtigt bleibt.
Wiki
Um
die beschriebenen Grenzen auf dem Gebiet der Publikationsmöglichkeit eigener
Texte für Lerner zu überwinden und neben interaktiven Schreibprozessen auch
kooperatives Schreiben in der Lernumgebung zu initiieren, entschied sich das
Autorenteam von JETZT Deutsch lernen ein Wiki einzurichten. Die
Wiki-Technologie sollte zu Nutze gemacht werden, um eine Interaktive Schreibwerkstatt
zu eröffnen, in der jeder Lernende seine Texte per Mausklick einem breiten
Publikum zur Verfügung stellen kann. Im folgenden Kapitel wird erläutert, was
ein Wiki ist und welches Konzept hinter der Interaktiven Schreibwerkstatt im
Wiki-Web steht.
-6-
3.
Das Wiki im Kontext fremdsprachlicher Schreibprozesse
3.1.
Was ist ein Wiki?
Der
Ausdruck wiki wiki kommt aus dem Hawaiischen und bedeutet "schnell".
Ein Wiki, Kurzform für Wiki-Web oder auch WikiWiki-Web, ist eine von Ward
Cunningham 1995 entwickelte Technologie, die die gemeinsame Erstellung von
Internetseiten ermöglicht. "Ziel war eine schnelle und einfache
Möglichkeit, Texte online zu verfassen, sie im WWW zu veröffentlichen und
Dritten das einfache Kommentieren, Ändern und Ergänzen dieser Texte zu
erlauben" (Huhmann 2002). Das Ergebnis sind Websites, die gemeinsam von
Besuchern und Nutzern erstellt und gepflegt werden. Zu beachten ist, dass das
Wort Wiki eigentlich für drei verschiedene Sachverhalte benutzt wird:
1.
Für die Software selbst: "Wir haben auf unseren Seiten ein Wiki
installiert."
2.
Für das ganze Web, also die Seiten, die mit Hilfe dieser speziellen Software
erstellt werden und die man besuchen kann, die ganze Umgebung also:
"Unsere Interaktive Schreibwerkstatt befindet sich in einem Wiki-Web.
Besucht unser Wiki!"
3.
Für das Prinzip "Jeder kann alles editieren", welches diesen Seiten
zu Grunde liegt.
Die
Haupteigenschaften und -funktionen eines Wikis sind die gemeinsame Erstellung
und Pflege der Hyperlink-Inhalte durch deren Besucher/-innen (jede/-r kann jede
Seite verändern), sowie das einfache Formatieren der Texte und die einfache
Verlinkbarkeit der Seiten ohne HTML-Kenntnisse. Darüber hinaus gibt es folgende
Funktionen:
• das Revisionskontrollsystem: es ermöglicht, gelöschte oder veränderte Seiten in
ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen
• die Differenzfunktion: hiermit können die Veränderungen des letzten Autors
angezeigt werden, d.h. es kann ein sogenannter Versionenabgleich durchgeführt
werden. Die gelöschten und hinzugefügten Textelemente werden dabei (z. B.
farbig) gekennzeichnet
• die chronologische Übersichtsliste der veränderten Seiten
• die Backlink-Funktion: eine Liste von Verweisen auf eine Seite
• eine Suche-Funktion: eine Volltextsuche innerhalb des Wikis
• die Kommentarfunktion: jede Seite kann kommentiert werden
Zusätzlich
bieten manche Wikis:
• die automatische Archivierung aller Bearbeitungsversionen aller Wiki-Seiten
• Uploadfunktionen für Dateien
• die Einschränkung der Offenheit des Systems durch Vergabe von Benutzerrechten
oder Anmeldungsverpflichtung.
Das
Verändern der Wiki-Seiten erfolgt über einen "Bearbeiten-Link", der
die Webseite in ein Formular "verwandelt". Nun kann der Besucher den
Inhalt der Seite beliebig verändern und durch das Anklicken des
"Speichern"-Knopfs im Internet bereitstellen. HTML-Kenntnisse sind
nicht von Nöten, Formatierungen und das Setzen von Links werden über einfache,
manuelle Eingaben geregelt. Links werden z. B. mit sogenannten "WikiWörtern"
erzeugt: Das Zusammenziehen von Wörtern bzw. das Setzen eines Großbuchstabens
in die Mitte oder am Ende eines Wortes generiert einen neuen Link. Verfolgt man
diesen Link in einem zweiten Schritt, so erstellt man die dazugehörige neue
Seite.
-7-
Die
Buchbeschreibung von "The wiki way" (Cunningham & Leuf 2004) auf
den Seiten der Zentral- und Landesbibliothek Berlin verrät etwas über die
Verwendungsmöglichkeiten dieses Mediums:
Die
Einsatzgebiete von Wikis sind außerordentlich vielfältig. Sie reichen von der
Projektkommunikation und -dokumentation über die gemeinschaftliche Entwicklung
von Konzepten bis hin zum Aufbau von Online-Communities. Es handelt sich um
eine Technolgie, die zugleich der Kommunikation, der Kooperation und dem
Wissensmanagement dient. Dabei werden von den einzelnen Autoren keine
HTML-Kenntnisse verlangt, auch die Verlinkung der einzelnen Seiten erfolgt
automatisch. [3]
Das
Autorenwerkzeug Wiki birgt auch für den Bereich des internetbasierten Lernens
und Lehrens ein großes Potential. Diesem soll im nächsten Kapitel nachgegangen
werden. Doch zunächst noch ein Wort zum größten und bekanntesten Wiki, der
Wikipedia [4]: "Wikipedia‚ die freie Enzyklopädie’, ist der bisherige
Höhepunkt der Wiki-Entwicklung - und vielleicht der Beginn einer neuen Internet-Ära."
(Möller 2003). In diesen Tagen steht Wikipedia nicht nur allein für das Prinzip
einer großen funktionierenden autonomen Community, sondern wird mehrfach als
ein bedeutsames Merkmal des neuen Web 2. 0, das durch Begriffe wie
"social networks", "kollektives Wissen", "kollektive
Intelligenz", "user generated content" charakterisiert werden
kann, zitiert (vgl. Hornig 2006).
3.2.
Wikis im didaktischen Kontext
"An
area where open collaboration and exchange of ideas is both natural and
important is education. Wiki technology is a useful tool in this context.”
(Cunningham & Leuf 2001)
Cunningham
selbst weist, gemeinsam mit Leuf, in seinem Buch "The Wiki way" mit
diesem Zitat auf das Potential von Wikis für Schule und Lernen hin. Dennoch
wurden Wikis erst relativ spät für didaktische Verwendungszwecke entdeckt. Eine
Liste von interessanten Wiki-Projekten findet man auf der Seite "Wiki in
Schulen" [5], welche sich im ZUM–Wiki [6] befindet, einem Angebot der Zentrale
für Unterrichtsmedien im Internet e.V. und eine offene Plattform für
Lehrinhalte und Lernprozesse. Auf dieser Seite wird schon in einem Satz
zusammenfassend angedeutet, was viele Lehrende, folgt man den Links zu den
einzelnen Schulprojekten, ausführlicher und differenzierter darstellen, nämlich
wie die Technologie Wiki im Bezug auf Schule und Unterricht beschrieben werden
kann:
Ein
Wiki ist ein Medium, das durch seine offene Struktur für viele Anwendungsfälle
geeignet sein kann. Es ist vergleichbar mit der Universalität einer Wandtafel,
wobei das Wiki gleichzeitig eine Archivfunktion beinhalten kann. Im Gegensatz
etwa zu Content-Management-Systemen ist ein Wiki viel flexibler, da die
Strukturierung der Daten kaum vorgegeben ist. [7]
Anmerken
möchte ich an dieser Stelle, dass zwar eine größere Flexibilität gegeben ist,
dass Wiki-Software (die eine mehr, die andere weniger) aber nur begrenzten
Gestaltungsspielraum erlaubt. Dies könnte man als Vorteil ansehen und
argumentieren, dass der Fokus bei Schreibprojekten auf den Schreibprozessen
bleiben und sich die Schülerinnen nicht in der Gestaltung verlieren sollten,
wie es bei HTML-Projekten passieren kann. Meiner Meinung nach spielt aber auch
ein ästhetischer, gestalterischer Zugang beim Schreiben und vor allem beim
computerbasierten Schreiben keine unerhebliche Rolle.
-8-
Im
Zusammenhang mit der Verwendung des Mediums für didaktische Zwecke stellen sich
auch Fragen juristischer Art. Um zu vermeiden, dass z. B.
urheberrechtliche Verletzungen im Wiki vorgenommen werden, müssen die Lernenden
darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie, genau so wie bei HTML-erstellten
Seiten auch, keine Plagiate, also kopierte Texte oder Bilder, ohne Genehmigung
ins Wiki stellen dürfen. Offene Wikis bergen da natürlich eine größere Gefahr
als geschlossene Wikis, also Wikis, die nur einen eingeschränkten und
überschaubaren Benutzerkreis zulassen. Eine genaue Beobachtung des Geschehens
durch Admins und Teilnehmer/-innen sowie evtl. notwendige Zugangskontrollen
können dieser Gefahr aber begegnen.
Das
bereits erwähnte größte und weltweit bekannteste Wiki im Internet, die
Wikipedia [8], die diese Technologie für die gemeinsame Erstellung des größten
verlagsunabhängigen Lexikons nutzt, scheint neben seiner enormen Beliebtheit
großen Einfluss auf den Verwendungscharakter dieser Technologie zu haben. Nicht
nur, dass manch einer das Konzept Wiki sofort mit der Wikipedia gleichsetzt, es
ist auch zu beobachten, dass viele Wiki-Betreiber in didaktischen Kontexten
ebenfalls das Wiki als eine Art interaktives und kooperatives Lexikon benutzen.
Es ist dafür geeignet, zweifellos. Doch das Werkzeug Wiki bietet mehr
Möglichkeiten als die Lexikonarbeit. Plausibel wird dies, schaut man sich
z. B. neuere Versionen von Lernplattformen wie Stud-IP oder Moodle (vgl.
Brandl 2005) an, die neben Chat und Forum auch ein Wiki als Werkzeug anbieten.
Dies wird u. a. in der Lehrerausbildung in fremdsprachendidaktischen
Seminaren für kooperative Online-Phasen im Rahmen von
Blended-Learning-Szenarien von den Kursteilnehmenden genutzt. Interessante
Beiträge zum kollaborativem Arbeiten und zu den Textproduktions- und
Kommunikationsprozessen im Wiki liefern Thelen & Gruber (2003, 2005), auf
deren Untersuchungsergebnisse und Systematisierungen ich mich in meiner Analyse
in Kapitel 4 u. a. beziehen werde.
Ein
Wiki kann also als Lexikon genutzt werden, als "virtuelle Wandtafel",
als Publikations- und Kommunikationsmedium im Rahmen von (Schreib-)Projekten
und Seminaren oder als Übersetzungswerkstatt [9].
Die
Eigenschaften eines Wiki fordern Autoren von interaktiven Sprachlernumgebungen
heraus, sich das Werkzeug für das Fremdsprachenlernen zu Nutze zu machen, denn
die Lernenden können mit Hilfe dieser Technik noch (inter)aktiver werden, sie
können direkten Einfluss nehmen auf die Gestaltung der Inhalte von Seiten,
indem sie diese per Mausklick verändern, sie können eigene Seiten anlegen und
verlinken, sie können sich gemeinsam ihr eigenes Web schaffen und kooperativ
Texte verfassen – vorausgesetzt sie wollen das tun. Eine Sache ist es, diese
Möglichkeiten den Lernenden anzubieten, eine andere, herauszufinden, ob dies
wirklich so passiert (siehe Kap. 4).
3.3.
Schreiben im Wiki
So
wie bei der Chat- und der E-Mail-Kommunikation stellt sich auch beim
interaktiven Austausch im Wiki die Frage nach der Einordnung in konzeptionelle
Mündlichkeit und Schriftlichkeit, ob es sich also bei der Kommunikation und
Kooperation im Wiki eher um ein Gespräch bzw. Diskurs oder um einen Text
handelt. Thelen & Gruber (2005: 168) unterscheiden Wiki-Aktionen, die den
Text betreffen und solche, die den Diskurs betreffen. Dabei berufen sie sich
auf Gansel & Jürgens, die am Beispiel der Chat- und E-Mail-Kommunikation
den Diskurs als "interaktiven Prozess zum Informationsaustausch" und
den Text als "das Produkt der sprachlichen Handlung eines
Kommunikators" definieren (2002: 15, zitiert nach Thelen & Gruber
2005). Mit dieser Unterscheidung einher geht die Differenzierung von zwei
verschiedenen Schreibmodi im Wiki, dem thread mode und dem document mode. Im
thread mode schreiben Wiki-User, wenn sie einen Diskussions- oder
Gesprächsstrang verfolgen und ihre Beiträge ähnlich wie im Forum untereinander
bzw. als Kommentar passend zum Beitrag eines anderen posten. Der historische
Verlauf der Diskussion ist dabei zu erkennen. Anders beim document mode, der
einen zusammenhängenden Text bezeichnet: "In document mode, maintenance of
the history is left entirely to the wiki software, as opposed to thread mode,
where the history of a discussion is also reflected in the current page.”
(Wikipedia: DocumentMode) [10]
-9-
Da
im Wiki sowohl Diskurs- als auch Textaktionen auftreten können, liefern zum
einen die Textlinguistik und zum anderen die Gesprächslinguistik grundlegende
Erkenntnisse, die bei einer Analyse der Schreibprozesse im Wiki hinzugezogen
werden sollten. Umgekehrt ist der Untersuchungsgegenstand Wiki im besonderen
Maße für die Textlinguistik interessant, da er durch das Speichern und das
Archivieren der einzelnen Textproduktionsschritte interessante Einblicke in die
Entstehungsgeschichte von Texten geben kann. Die bislang nicht-beobachtbaren
und kaum nachvollziehbaren Textproduktionsprozesse können durch die
abgespeicherten Versionen im Wiki und durch die Funktion des Versionenabgleichs
zumindest teilweise nachvollzogen werden. Von den einzelnen Phasen der
Textproduktion (Planungsphase, Formulierungsphase, Inskriptionsphase und
Revisionsphase) können dabei mit Hilfe von Analyseinstrumenten (siehe Kap. 4)
Aussagen zur Inskriptions- und zur Revisionsphase gemacht werden. Bezieht man
schriftliche Aushandlungsprozesse im Wiki mit ein, so können theoretisch
außerdem Aussagen zur Planungsphase gemacht werden.
3.4.
Die Interaktive Schreibwerkstatt im Wiki-Web bei JETZT Deutsch lernen
Die
Interaktive Schreibwerkstatt im Wiki-Web wurde im Frühjahr 2005 auf den Seiten
von JETZT Deutsch lernen eröffnet. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie im Bereich der
Fremdsprachendidaktik im Internet keine Vorbilder. Die Idee, ein Wiki als
Interaktive Schreibwerkstatt bei JETZT Deutsch lernen einzurichten, bot sich
an: Da war die Erfahrung, dass die Lernenden gerne und viel schreiben, das
Wissen um ihre Motivation, die eigenen Texte auch veröffentlicht zu sehen sowie
der Umstand, dass nicht alle der eingesandten kreativen Texte auch
veröffentlicht werden können (siehe Kap. 2.3.). Diese Tatsachen begründen die
Motivation der Autorinnen, eine Schreibwerkstatt zu konzipieren, in der die
Lernenden ihre Texte selbstständig veröffentlichen können. Hinzu kommen weitere
fremdsprachendidaktische Begründungen, die sich mit folgenden Schlagworten
umschreiben lassen: Selbstgesteuertes Lernen, Handlungsorientierung,
kooperatives Lernen, kooperatives und interaktives Schreiben, kreatives
Schreiben, Schreiben für ein authentisches Publikum, Lernen mit Lernertexten,
Lernerkorrektur.
Die
Idee war es also, Lernenden in einem offenen Raum die Möglichkeit zu geben,
ihre Schreibkompetenzen anzuwenden und zu verbessern - dies kann und soll in
Interaktion und in Kooperation mit anderen Lernenden geschehen - sowie ihre
schriftlichen Produkte eigenständig, direkt und ohne redaktionellen Filter zu
veröffentlichen und zu bearbeiten. Hinzu kamen theoretische Begründungen,
u. a. diese, dass das Schreiben vor allem durch das Schreiben selbst
erlernt werden kann. Das Konzept folgt damit dem Prozessorientierten Ansatz,
der dem Direktiven Ansatz, welcher den Fokus auf dem Schreibprodukt hat und die
Übungen zum Schreiben auf Transformation oder Ergänzung von vorgegebenen
Strukturen reduziert, in wesentlichen Punkten widerspricht (vgl. Portmann
1991).
Die
Interaktive Schreibwerkstatt von JETZT Deutsch lernen ist so angelegt, dass
keine Tutoren oder Tutorinnnen das Angebot und die Prozesse regelmäßig
betreuen. Es ist ein Ort, der maßgeblich von der Aktivität der Nutzer leben
soll. Die Administratorinnen, also die Autorinnen der Lernumgebung JETZT
Deutsch lernen, geben lediglich in Form von kreativen Schreibaufgaben
Schreibimpulse. Die Idee ist es, dass mit der Zeit und mit zunehmender
Sicherheit der Lernenden und Lehrenden, auch von den Nutzern eigene Aufgaben
bereit gestellt werden. Die Administratorinnen (Admins) beobachten das
Geschehen, greifen aber nur im Falle von rassistischen oder sexistischen
Äußerungen korrigierend ein.
-10-
Die
benutzte Wiki-Software heißt "Lern.Wiki". Diese Software besitzt alle
in Kapitel 3.1 beschriebenen Funktionen außer der Uploadfunktion. Darüber
hinaus beinhaltet es eine für die Forschung wichtige Portfolio- und
Statistikfunktion, die alle Schritte der Besucher/-innen zeitgenau aufzeigt und
die Art der Aktionen kennzeichnet.
Die
Einstiegseite
Die
Interaktive Schreibwerkstatt besteht aus den Seiten im Wiki-Web, d.h. der
Schreibwerkstatt selbst, und der Einstiegsseite (siehe Abb. 1), die Links zu
ausführlichen Informationen für Lehrende und Lernende bereit stellt, darunter
zu den Seiten " Was ist ein Wiki?, die "Wikikette", die
Netikette für das Wiki-Web, und das "Lehrerhandbuch".
Abb.
1 Einstiegseite mit Informationen über die Schreibwerkstatt für Lerner und
Lehrer [11]
-11-
Die
Wiki-Startseite
Loggt
man sich ins Wiki ein, erscheint zunächst die Wiki-Startseite (siehe Abb. 2).
Auf der Startseite ist links das Menü zu sehen, welches auf allen Seiten im
Wiki erscheint und nur von den Admins veränderbar ist. Rechts daneben gibt es
ein großes Inhaltsfeld. Dieses Feld ist der Bereich, den man durch den Button
"Bearbeiten" verändern kann. Neben der Option "Bearbeiten"
gibt es außerdem auf jeder Seite den Befehl "Drucken",
"Versionen" und "Verknüpfte" (letzterer entspricht der
Backlink-Funktion, siehe Kap. 3.1) sowie eine Kommentarfunktion. Diese Befehle
befinden sich bei jeder Seite unter dem Inhaltsfeld (Abb. 3).
Abb.
2 Die Startseite der Interaktiven Schreibwerkstatt im Wiki-Web
Abb.
3 Die Befehlszeile am Ende jeder Seite
-12-
Menü
Über
das Menü erreichen die Besucher die Wikianleitung, in der die wichtigsten Informationen
bereitgestellt sind, die für die Bearbeitung der Seiten interessant sind: das
Verändern der Seiten, das einfache Formatieren des Textes und das Setzen eines
Hyperlinks. Außerdem erscheinen im Menü Hyperlinks zum sogenannten Sandkasten,
in dem man die in der Wikianleitung beschriebenen Funktionen ausprobieren kann,
zum Café, in dem man mit anderen "plaudern" kann, zur Suche-Funktion,
zum Index, der alle Seiten auflistet, und zur Übersicht der registrierten
Teilnehmer/-innen. Über die beiden Seiten unter der Rubrik Was gibt’s Neues?
kann man sich anzeigen lassen, welche Seiten zuletzt verändert bzw. kommentiert
wurden.
Inhaltsfeld
Im
Inhaltsbereich der Startseite sind die verschiedene Aufgaben verlinkt. Die
Aufgaben werden wie erwähnt vom Autorenteam als Schreibimpulse zur Verfügung
gestellt. Bei den angebotenen Aufgabenformaten wurde darauf geachtet, dass sie
kooperative Schreibprozesse initiieren können. Der Schwierigkeitsgrad sollte
dabei sukzessive von einfacher Kooperation zu komplexerer Kooperation verändert
werden. Dabei wurden neue Aufgaben entwickelt, aber auch bereits existierende,
beliebte Schreibaufgaben der Lernumgebung JETZT Deutsch lernen für das Wiki
adaptiert und in die Schreibwerkstatt integriert.
Im
nächsten Kapitel werden neben der Akzeptanz der Schreibwerkstatt die
kooperativen Schreibprozesse im Wiki exemplarisch anhand von zwei Aufgaben
analysiert.
4.
Analyse der Aktivitäten und Prozesse in der Interaktiven Schreibwerkstatt
Zur
Akzeptanz der Interaktiven Schreibwerkstatt im Wiki-Web durch die Lernenden und
Lehrenden liefern die über eine Datenbank nachweisbare Zahl der registrierten
Besucher und die Anzahl von Aktivitäten Informationen, die im folgenden
dargestellt werden. Anschließend werden zwei Aufgaben vorgestellt, die in der
Schreibwerkstatt als Schreibimpulse dienen und Schreibprozesse initiieren
sollen. Anhand der beiden Aufgaben wird exemplarisch beschrieben, welche
unterschiedlichen kooperativen Schreibaktivitäten in diesem Wiki zu beobachten
sind.
4.1.
Akzeptanz der Interaktiven Schreibwerkstatt
Im
März 2005 wurde die Interaktive Schreibwerkstatt implementiert und auf den
Seiten der Lernumgebung JETZT Deutsch lernen verlinkt. Bereits in den ersten
anderthalb Jahren haben sich 1045 Besucher/-innen registriert. Unter den
angemeldeten Personen befinden sich Deutschlernende (Selbstlernende sowie
Lernende in Kursen), Lehrende sowie andere Interessierte.
Die
Möglichkeit eine "persönliche" Seite anzulegen, d. h. über die Seite
"Teilnehmer" den Link hinter dem eigenen Namen anzuklicken und somit
eine neue Seite, die den jeweiligen Namen des Teilnehmers trägt, anzulegen, um
z. B. dort etwas über sich zu erzählen, haben in genanntem Zeitraum 38
Teilnehmer genutzt. Darüber hinaus wurden sieben neue Wiki-Seiten von den
Nutzern angelegt. Auf den ersten zehn Aufgabenseiten, die von den Autoren
angelegt wurden, wurden insgesamt 106 neue Seitenversionen abgespeichert. Das
bedeutet, dass das Klicken auf den Bearbeitungs-Button auf den jeweiligen
Seiten und das Speichern einer neuen Version dieser Seite vorgenommen wurde,
unabhängig davon, ob Inhalte verändert wurden oder nicht.
-13-
Diese
ersten Zahlen zeigen ein deutliches Missverhältnis zwischen angemeldeten
Besuchern insgesamt und aktiven Nutzern. Dies kann man in einem ersten Schritt
vorsichtig so interpretieren, dass mehr Besucher/-innen Interesse daran haben,
sich über dieses neue didaktische Medium zu informieren oder die verfassten
Text nur zu lesen als als Autor aktiv daran mitzuwirken. Weiterhin ist eine
Parallele zu erkennen zu dem Verhältnis zwischen passiven/rezeptiven und
aktiven/produktiven Nutzer/-innen bei den interaktiven Angeboten des Web 2.0.
Bei der Wikipedia betätigen sich z. B. nur 6 % aller Besucher/-innen als
Autoren, d.h. sie schreiben oder verändern Artikel, die anderen 94 % rufen
lediglich Informationen ab [12].
4.2.
Kooperative Schreibprozesse im Wiki
Reine
Diskursaktivitäten (siehe Kap. 3.3) sind in der Interaktiven Schreibwerkstatt
außer im "Café" bislang keine zu finden, werden aber auch durch die
benutzte Wiki-Software nicht extra layouterisch unterstützt.
Informationsaustausch findet daher sehr selten statt, wenn überhaupt, dann über
die Kommentarfunktion oder, noch seltener, als Anmerkung unter einem Text auf
den Inhaltsseiten. Im Mittelpunkt der Analyse der Textproduktionsprozesse in
der Interaktiven Schreibwerkstatt stehen aus diesem Grund Texte im document
mode.
Hilfreich
für die Analyse solcher Texte ist die Unterscheidung Thelens & Grubers von
Wiki-Aktionen in "Hinzufügen" und "Revidieren". Von den
unterschiedenen Hinzufüge-Operationen (vgl. Thelen & Gruber 2005: 169)
1.
Hinzufügen einer neuen Seite als Platzhalter 2.
Hinzufügen einer neuen Seite mit Inhalt 3.
Hinzufügen von Text
a. Hinzufügen von Listen / Listenpunkten
b. Hinzufügen eines kohäsiven Abschnitts
4.
Hinzufügen von Gliederungselementen (z. B. Überschriften)
soll
dabei Punkt 3b, "Hinzufügen eines kohäsiven Abschnitts", im
Mittelpunkt stehen. Die anderen Operationen wurden in der Schreibwerkstatt
nicht durch Aufgaben initiiert und von den Lernenden nur in Ausnahmefällen
eigenständig vorgenommen. Beispiele für beide Aktionsarten,
"Hinzufügen" und "Revidieren" liefern die nächsten beiden
Unterkapitel [13].
4.2.1.
Kooperatives Schreiben durch Hinzufügen: Fortsetzungsgeschichte
Die
erste Aufgabe im Wiki war die Fortsetzungsgeschichte "Grenzenlos – Eine
Reise um die Welt" [14], bei der die Lernenden gemeinsam an einer Geschichte
schreiben, indem jeder Mitwirkende durch Hinzufügen einer Textpassage an deren
bisherigen Verlauf der Geschichte anknüpft. Jeder kann so die Geschichte linear
fortführen, indem eine neue Station der Reise mit neuen Erlebnissen beschrieben
wird. Am Ende jedes Beitrags geben die Lernenden, so wurde es vorgeschlagen,
ihren Namen und ihr Herkunftsland an (Abb. 4).
-14-
Abb.
4: Ausschnitt der Fortsetzungsgeschichte "Grenzenlos – Eine Reise um die
Welt"
Für
diese erste Aufgabe wurde bewusst ein Format ausgewählt, das ein einfaches und
unkompliziertes Mitwirken ermöglicht, denn es war anzunehmen, dass ein selbstständiges
Arbeiten und Schreiben in einem Wiki-Web noch neu für die Lerner war. Sie
sollten auf diese Weise langsam an die Technik herangeführt werden. So müssen
für die Aufgabe lediglich der "Bearbeiten"-Knopf und der
"Speichern"-Knopf bedient werden, um Änderungen vorzunehmen. Es
müssen keine Links gesetzt werden und auch keine Formatierungsarbeiten
vorgenommen werden. Auch von der Thematik schien sich dieses Format anzubieten:
es wurde vermutet, dass die Aufgabe, eine Reise um die Welt zu beschreiben, eine
gute Möglichkeit ist, ein multikulturelles Publikum anzusprechen und damit
jedem Lernenden die Gelegenheit zu geben, z. B. sein eigenes Land, seine
Stadt oder die Gegend, aus der er kommt, zu beschreiben. Die ersten drei Sätze
wurden von den Administratoren vorgegeben, so dass den Lernenden die Hemmung,
den ersten Satz schreiben zu müssen, genommen wurde und ein genauerer Eindruck
von dem möglichen Text, der entstehen könnte, gegeben war, ohne die Phantasie
zu sehr einzuschränken. Der Text beginnt in der Ich-Form. Die
"Person" spricht von einer Reise auf einen "Planeten" und
von ihrer ersten Station, die "Deutschland" heißt. Dann kündigt sie
an weiterzureisen, genauer gesagt weiterzufliegen...
Das
gemeinsame Schreiben einer linearen Fortsetzungsgeschichte setzt das Interesse
voraus, gemeinsam mit anderen an einem Produkt zu arbeiten, indem ein oder
mehrere Textteile sukzessive hinzugefügt werden. Dabei ist es notwendig, auf
das, was zuvor geschrieben wurde, zumindest entfernt inhaltlich und sprachlich
einzugehen, um eine thematische Kohärenz und eine sprachliche Kohäsion zu
ermöglichen und somit ein angemessenes Produkt zu erzeugen. Auch wenn eine
direkte Aushandlung mit den anderen Autorinnen und Autoren vor Ort nicht
möglich ist, so zeigt doch jeder einzelne Beitrag, wie sehr sich jemand auf
diesen gemeinsamen Prozess einlässt, wie ernst es ihm ist, einen Beitrag für
ein gemeinsames gutes Produkt zu liefern, also wie sehr sich jemand
verantwortlich für diese Kooperation fühlt. Virtuelle Aushandlungen sind nur
möglich über die Kommentarfunktion, über metasprachliche Beiträge auf der
Inhaltsseite oder aber per E-Mail. Beobachtbare Aushandlungen gab es in diesem
Fall keine. Die Kommentarfunktion wurde für diesen Zweck nicht genutzt,
Metakommentar im Text gibt es nicht und Daten, die Informationen über eine
mögliche E-Mail-Kommunikation liefern könnten, wurden zum jetzigen Zeitpunkt
noch nicht erhoben.
Bis
zum Zeitpunkt der Auswertung haben zehn Autoren (Lernende) durch lineares
Hinzufügen von Textpassagen den Text fortgeführt (jeweils 1-10 Sätze).
Vermutlich sind es Einzellernende, die sich nicht kennen und sich vermutlich
nur in diesem Medium asynchron begegnen. Die Angaben zum Herkunftsland sowie
die zeitliche Versetztheit der Aktivitäten lassen den Schluss zu, dass es sich
nicht um Lernende in institutionellen Lernzusammenhängen handelt. Es soll an
dieser Stelle nun untersucht werden, ob das Schreibprodukt der Lernenden
wichtige Textualitätsmerkmale aufweist, ob man also sagen kann, dass das
zeitlich versetzte, virtuelle kooperative Schreiben hier tatsächlich zu einem
zusammenhängenden Text führte oder ob dies nicht der Fall war.
-15-
Textlinguistische
Grundlagen liefert dafür u. a. Storrer (2003), die sich in ihrer
Ausführung auf de Beaugrande und Dressler (1981) bezieht. Deren Ansatz ist
kommunikationsbezogen und prozedural ausgerichtet, im Gegensatz zur vorherigen
strukturalistisch geprägten Phase. "Unter dieser Perspektive wurden Texte
nicht als statische, von Autor und Leser losgelöste sprachliche Einheiten
untersucht, sondern als Resultate von Produktionsprozessen einerseits, als
Grundlage von Rezeptionsprozessen andererseits." (Storrer 2005: 15) Die
sieben Textualitätskriterien von de Beaugrande und Dressler (s.u.) können dazu
dienen, Texte von Nicht-Texten zu unterscheiden. Die ersten beiden Kriterien,
die Kohäsion (die grammatische Verbindung/die semiotische Einheit) und die
Kohärenz (der thematische Zusammenhang/die semantische Einheit), sind nach de
Beaugrande und Dressler die zentralen Textualitätsmerkmale, "ihre
Sicherung wird als übergeordnetes Ziel der Textplanung und des Textverstehens
gewertet, dem andere Zielsetzungen untergeordnet sind" (Storrer 2005: 15)
Kohärenz:
Thematisch haben alle Autoren der Fortsetzungsgeschichte "Grenzenlos –
eine Reise um die Welt" an den vorherigen Text angeknüpft und so eine
Kohärenz im Sinne eines semantischen Zusammenhangs erzeugt. Formen der
thematischen Wiederaufnahme sind zu beobachten.
Kohäsion:
Auch die grammatische Kohäsion wurde beachtet, z. B. Tempus (hier:
Vergangenheit) wurde nicht gewechselt. Kohäsionsmittel wie Konjunktionen,
Pro-Formen, also die Wiederaufnahme durch Pronomina und Adverbien, sowie
Substitutionen von Bezugsausdrücken können beobachtet werden.
Intentionalität
oder Funktionalität: Alle Beteiligten haben, so kann man annehmen, in der
selben kommunikativen Absicht gehandelt, nämlich die Fortsetzungsgeschichte für
eine authentische Leserschaft fortzuführen und dabei an einem gemeinsamen
Textentstehungsprozesses teilzunehmen.
Akzeptabilität:
Der Text entspricht einer expliziten Aufgabenstellung und ist aus diesem Grunde
aus Sicht des Rezipienten annehmbar.
Situationalität:
Der Text ist situativ angemessen.
Informativität:
Da es sich um einen fiktionalen Text handelt, scheint dieser Punkt nicht
ausschlaggebend. Im Bezug auf die Aufgabe und auf die inhaltliche Aussagekraft
aber weist der Text subjektiv gesehen einen hohen Informationsgehalt auf.
Intertextualität:
Der Bezug zu anderen Texten ist hier nicht gegeben. In anderen Wiki-Aufgaben, die
Texte erzeugen, die Hyperlinks verwenden, kommt dieser Punkt aber zum Tragen.
Den
Lernenden ist es somit gelungen, ohne den Austausch von Wissensbeständen und
ohne Aushandlungsprozesse virtuell kooperativ an einem Produkt zu arbeiten und
durch lineares Hinzufügen von kohäsiven Abschnitten einen Text zu erzeugen, der
die wichtigsten Textualitätsmerkmale aufweist. Folgende Schlüsse kann man
daraus für ihren Lernprozess ziehen: Die Lernenden haben sich zunächst lesend
mit dem schon bestehenden Text auseinandergesetzt, um dann in einem zweiten
Schritt eine Fortsetzungspassage zu schreiben. Die Kohärenz und Kohäsion des
vorliegenden Textes zeigt, dass ihr Leseverstehen erfolgreich war. Dies
offenbart sich durch die adäquate Fortführung in semantischer und grammatikalischer
Hinsicht. Interessant ist bei dieser Betrachtung auch, welch hohe
Steuerungsfunktion in diesem Falle die Aufgabe und die Textpassagen der Lerner
selbst übernehmen. Weder ein Lehrer oder eine anwesende Tutorin begleiten das
Geschehen noch steuern Aushandlungen der Lernenden die Textproduktion, und
dennoch ist das Ergebnis ein gemeinsames qualitativ wertvolles Produkt.
-16-
Die
Kommentare von Selbstlernenden auf dieser Aufgabenseite (siehe Abb. 5) sowie
die Aussage einer Lehrerin aus Griechenland, die das Wiki im Unterricht mit
ihren Lernenden besuchte, belegen das motivationale Potential der
Möglichkeiten, die die Interaktive Schreibwerkstatt im Wiki-Web bietet. So
wunderte sich die Lehrerin über die Konzentration, die die Lerner aufbrachten, die
inzwischen sehr lange und nicht unkomplizierte Fortsetzungsgeschichte zu lesen:
"Beachtlich fand ich ihre Ausdauer, sich lesend dadurch zu beißen."
Das führt zu der These, dass dafür u. a. der authentische Charakter der
Texte mitverantwortlich ist.
Abb.
5: Lernerkommentare auf der Seite "Grenzenlos - Eine Reise um die
Welt"
4.2.2 Kooperatives Schreiben durch Revidieren: Lernerkorrekturen
Die
Bildergeschichte "Eine Liebe im Sommer" [15] und die damit verbundene
Aufgabe ist eine der beliebtesten Schreib- und Einsendeaufgaben der
Lernumgebung JETZT Deutsch lernen. Bei dem Text handelt es sich um eine Art
"Foto-Love-Story". Die Aufgabe vor dem Lesen zeigt einige der Bilder
und fordert die Lernenden auf, diese Bilder in eine für sie sinnvolle
Reihenfolge zu bringen und eine Geschichte dazu zu schreiben und einzusenden.
Die Attraktivität der Aufgabe, belegt durch überdurchschnittlich viele
Einsendungen, sollte genutzt werden, um den Lernenden in der Schreibwerkstatt
eine neue Art der Kooperation näher zu bringen. Aus diesem Grund wurde die
Seite "LieBe" [16] im Wiki angelegt und ebenfalls auf der
Wiki-Startseite verlinkt (vgl. Abb. 2).
Es
konnte beobachtet werden, dass in dem Untersuchungszeitraum die Lernenden die
Texte anderer generell ohne explizite Aufforderung nicht veränderten. So wie in
der Wikikette auf den Einstiegseiten empfohlen, wurde die "Achtung"
vor den Schreibprodukten gewahrt und keine ungebetenen Eingriffe vorgenommen.
Es wurde dann von den Autoren im Rahmen der neuen Schreibaufgabe versucht, eine
Konvention einzuführen, die erkennen lässt, ob Korrekturen erwünscht sind oder
nicht. So wird auf der Aufgabenseite "LieBe" die Möglichkeit
angeboten, den eigenen Text mit einem vorangestellten Ausrufezeichen in
Klammern (!) zu markieren, um so zu signalisieren, dass man Korrekturen und
Verbesserungen des eigenen Textes von anderen Lernenden wünscht. Das Ziel ist
es, dass die Lernenden so gemeinsam an einem Text arbeiten, wobei Textteile von
den Mitautoren verändert und verbessert werden können. Dieser Vorschlag wurde
von einigen Lernenden angenommen und dies brachte kooperative Schreibprozesse
in Form von erbetener Lernerkorrektur in Gang. Im Folgenden wird das Vorgehen
exemplarisch an einem Beispiel gezeigt:
Eine
Lernerin aus China schrieb einen Text auf der Seite "LieBe" im Wiki,
markierte ihn mit einem Ausrufezeichen und schrieb zusätzlich einen Kommentar
unter ihren Text, der ihren Korrekturwunsch unterstrich, genauer definierte und
begründete (siehe Abb. 6). Im Anschluss daran erfuhr ihr Text mehrere
Überarbeitungen von verschiedenen Lernern.
-17-
Abbildung
6 zeigt eine erste Version des korrigierten Textes im sogenannten
"Versionenabgleich". In diesem Format, welches alle Wiki-Besucher auf
allen Seiten einsehen können, erkennt man, welche Veränderungen in der neueren
Version vorgenommen wurden: Gelöschtes wird rot und unterstrichen,
Hinzugefügtes blau und fett markiert.
Abb.
6: Versionenabgleich - Lernerkorrektur
Die
Lernenden und natürlich auch die Lehrenden können so erkennen, welche
Veränderungen vorgenommen wurden. In diesem konkreten Fall wurden
orthographische Fehler, Syntaxfehler, aber auch grammatikalische Fehler im
Bereich der Konjugation und der Deklination verbessert. Es zeigt sich aber
bereits bei dieser ersten Korrektur, dass Lernerkorrekturen natürlich auch
Fehler beinhalten können, d.h. dass sich auch im korrigierten Text noch Fehler
befinden können, entweder weil sie unentdeckt blieben oder aber sogar vom
Korrigierenden eingebracht wurden (siehe das doppelte Verwenden des Wortes
"wieder" in Abb. 6). Auch bereits richtig verbesserte Fehler können
sich durch andere Lerner, die es vermeintlich besser wissen, wieder
einschleichen. Das gleichberechtigte Schreiben und die unendliche
Modifizierbarkeit der Dokumente im Wiki bringt dies mit sich.
Für
weitere Untersuchungen bedeutet das Beschriebene zweierlei: Zunächst kann
nachgezeichnet werden, ob Nutzer/-innen diese Art der schriftlichen Kooperation
nutzen und wie sie sie nutzen. Darüber hinaus kann bei zukünftigen Studien
durch die in Kapitel 3.4 erwähnte "Portfolio"-Funktion, die alle
Schritte der einzelnen Nutzer widerspiegelt, nachvollzogen werden, ob sich
einzelne Lernende auf die Korrekturen anderer wieder beziehen. Das heißt, es
kann nachvollzogen werden, ob der Lernende die Seite mit seinem inzwischen
korrigierten Text wieder besucht und ob es weitere Schreibaktivitäten dieses
Lernenden gibt. Letztere könnten Aussagen darüber erlauben, ob sich die
Lernerkorrekturen auf Folgeprodukte auswirken können, mit anderen Worten, ob
ein Lernprozess stattgefunden hat.
-18-
Nutzt
man die beschriebene Art der Lernerkorrektur im Wiki im Unterricht, kann es
sinnvoll sein, die Korrekturen der Lernenden gemeinsam anzuschauen und zu
besprechen. So bleiben nicht korrigierte bzw. neu in den Text eingebrachte
Fehler nicht unerkannt, aber vor allem kann auch die korrekte Korrektur in der
Lerngruppe hervorgehoben werden. Beides kann wertvolle Informationen über den
Lernstand der Einzelnen liefern und Anlass geben, sprachliche und grammatische Phänomene
situativ angemessen zu besprechen. In welcher spezifischen Form dies mit Hilfe
des Mediums Wiki geschehen kann, muss noch erprobt und untersucht werden.
Die
hier natürlich aufkommende Frage, inwieweit das Lernen mit schriftlichen
Lernertexten, die fehlerhaft sind und auch nach Korrekturen sicher teilweise
fehlerhaft bleiben, angebracht ist und den Lernprozess fördert, kann an dieser
Stelle noch nicht abschließend beantwortet werden. Die Auseinandersetzung mit
authentischen Lernertexten fordert aber die Lernenden heraus, sich mit den
sprachlichen Strukturen anderer auseinander zu setzen, wohl wissend, dass diese
Texte auf sprachlicher Ebene nicht perfekt sind. Dieses Wissen und das
Bewusstsein, dass es sich um nicht muttersprachliche Texte handelt, ermöglicht
den Lernenden ein adäquates Umgehen mit den Texten, dass den Lernprozess nicht
stört, sondern fördern kann, so meine These.
5.
Fazit und Perspektiven
Die
Beobachtungen in den ersten anderthalb Jahren der Interaktiven Schreibwerkstatt
im Wiki-Web zeigen durch Aufgaben initiierte kooperative Schreibprozesse, die
via Internet ohne explizite Aushandlungsprozesse maßgeblich von Selbstlernern
vollzogen wurden. Unterschiedliche Schreibmodi wurden exemplarisch beschrieben.
Die Tatsachen, dass das Medium von vielen Lernenden ohne Einführung durch
eine/n Tutor/in oder Lehrenden genutzt wird, dass seit dem Bestehen keine
böswilligen, destruktiven Handlungen vorgenommen wurden und dass noch viele
verschiedene Aufgabenformate und Schreibanlässe bereitgestellt werden können,
geben den Autoren Anlass, dieses Projekt weiterzuführen und auszubauen.
Es
zeigt sich, dass das selbstständige und untutorierte gemeinsame Lernen in dem
Medium Wiki ein großes schreibdidaktisches und motivationales Potential birgt.
Allein durch das Setzen von Schreibimpulsen in Form von kreativen
Schreibaufgaben wurden gemeinsame Schreibprozesse in Gang gebracht, deren
Ergebnisse zeigen, dass sich die Lernenden selbstständig und intensiv mit
Texten anderer Lernender auseinandersetzen, gemeinsam Texte verfassen und daran
arbeiten, mit dem Ziel, ein inhaltlich und sprachlich angemessenes Textprodukt
zu erzeugen. Kooperatives Schreiben setzt auch intensives Lesen voraus, so
können in der Interaktiven Schreibwerkstatt beide Fertigkeiten geübt und
ausgebaut werden.
Die
motivationalen Aspekte der Lese- und Schreibprozesse im Wiki-Web sollten bei
kommenden Untersuchungen didaktisierter Wikis, wie z. B. solcher
Schreibwerkstätten, unbedingt beachtet werden, ebenso die Steuerungsfunktion der
Aufgaben und die möglichen Aushandlungskanäle, also die Metakommunikation im
Wiki. Befragungen der Lernenden und Lehrenden sollten dabei neben der
Untersuchung der Wiki-Daten ebenso durchgeführt werden. Bei nachfolgenden
Studien sollte auch betrachtet werden, wie sich das Verhältnis von der
Beschäftigung mit fehlerhaften Texten und dem (möglichen) Bewusstsein darüber
einerseits und dem Produzieren eigener und gemeinsamer Texte andererseits auf
den Lernprozess der Lernenden auswirkt. Anhand erwähnter Befragungen, aber auch
anhand der Analyse einzelner Lernerprofile über die Portfolio-Funktion im Wiki,
die eine Art "user tracing" abbildet, kann herausgefunden werden, wer
dieses Medium aus welchen Gründen wie nutzt und wie sich die gemeinsame Arbeit
an und mit Lernertexten auf den Lernprozess auswirkt. Ebenso spielen Aspekte
der Diskussion um Mündlichkeit und Schriftlichkeit und Fragen zur
Interaktivität bei zukünftigen Untersuchungen des Mediums Wiki-Web eine
wichtige Rolle.
-19-
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Nicola (2008), Kooperatives Schreiben im Fremdsprachenunterricht: Potentiale
des Einsatzes von Social-Software-Anwendungen am Beispiel kooperativer
Online-Editoren (in dieser Ausgabe).
Anmerkungen
[1]
http://www.wikisym.org (17.1.08)
[2]
Auszug eines Beitrags im Lernerforum von JETZT Deutsch lernen vom 09.09.06
[Hervorhebung EP]
[3]
http://www.zlb.de/buecher_medien/empfehlungen/2004archiv/Leuf (28.09.07)
[4]
http://de.wikipedia.org/wiki/Hauptseite (28.09.07)
-22-
[5]
http://wiki.zum.de/?title=Wikis_in_der_Schule (03.12.07)
[6]
Das ZUM-Wiki. http://www.zum.de/wiki/ (28.09.07)
[7]
http://www.zum.de/wiki/index.php/Wiki_in_der_Schule (28.09.07)
[8]
Auch das Arbeiten mit der Wikipedia als Unterrichtsgegenstand ist attraktiv für
den Unterrichtseinsatz. Interessante Tipps und Begründungen finden sich bei:
„Wikipedia - die freie Enzyklopädie im Netz“ auf „Lehrer-Online“, ein Projekt
von Schulen ans Netz http://www.lehrer-online.de/wikipedia.php
(25.03.08)
[9]
Auf den Seiten des Goethe-Instituts z. B. wird diese Technologie für ein
Übersetzungsportal der deutsch-arabischen Jugendwebsite Li-Lak
(http://www.goethe.de/ins/eg/prj/jgd/deindex.htm, 28.09.06) genutzt.
[10]
http://en.wikipedia.org/wiki/Document_mode (28.09.07)
[11]
http://www.goethe.de/z/jetzt/dejwiki/dejwiki.htm (28.09.07)
[12]
Quelle: Online-Studie von ARD und ZDF. http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=47
[13]
Anzumerken sei an dieser Stelle, dass die folgende Analyse die Aspekte der
kulturspezifischen Textsorten und des kulturspezifischen Schreibens nicht
miteinbezieht.
[14]
Die Seite „GrenzenLos“ in der Interaktiven Schreibwerkstatt:
http://www.goethe.uni-giessen.de/lernwiki/ index.html (28.09.07)
[15]
„Eine Liebe im Sommer“: Lerneinheit in der Lernumgebung: http://www.goethe.de/z/jetzt/dejart25/ dejprv25.htm (28.09.07)
[16]
Die Seite „LieBe“ in der Interaktiven Schreibwerkstatt: http://www.goethe.uni-giessen.de/lernwiki/ index.html (28.09.07)
Copyright
©
2008 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht
Platten, Eva (2008), Gemeinsames
Schreiben im Wiki-Web - Aktivitäten
in einer untutorierten Schreibwerkstatt für fortgeschrittene Deutschlernende. Zeitschrift für
Interkulturellen
Fremdsprachenunterricht [Online] 13: 1, 22 S. Abrufbar unter
http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-13-1/beitrag/Platten1.htm
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