Das deutsche Progressiv: neue Struktur in altem Kontext
Barbara Thiel
Nun, ich will’s Euch auch sagen,
da ich grad am Erzählen bin.
Knöpft die Ohren auf, junges Volk,
es mag eine Lehre für Euch drin liegen.
Wilhelm Raabe: Die schwarze Galeere
1.
Einleitung
Jedem
Deutschsprechenden sind Strukturen wie Ich bin am überlegen, ob... bekannt und
vertraut. Trotzdem wird diese am-Konstruktion von der Allgemeinheit noch mit
großer Skepsis betrachtet, indem sie auf Nachfragen als sprachliche
Normabweichung oder Regionalismus bezeichnet wird. Überlegungen, diese
Progressivstruktur in den fremdsprachlichen Deutschunterricht aufzunehmen,
scheinen vielen Deutschlehrenden dadurch nicht angemessen. Dass eine derartige
Sichtweise wissenschaftlich nicht länger haltbar ist, kann in verschiedenen
Schritten gezeigt werden:
Sprachliche
Neuerungen sind für den Fremdsprachenunterricht relevant, wenn es sich nicht
nur um singuläre Normabweichungen, sondern um Sprachwandelprozesse handelt,
d.h. wenn generelle Normveränderungen zu beobachten sind (Helbig 2004: 154).
Nach Thurmair (2002: 6f.) hat eine Entwicklungstendenz nur dann die Chance, zu
einer anerkannten sprachlichen Neuerung zu werden, wenn sie die folgenden
Kriterien erfüllt:
1.
Die Entwicklung muss einen größtmöglichen überregionalen Verbreitungsgrad
aufweisen.
2.
Die Entwicklung muss in verschiedenen sprachlichen Registern zu finden sein,
darunter auch in der formellen Schriftsprache.
3.
Die Entwicklung muss von sprachnormierenden Instanzen anerkannt werden.
4.
Die Entwicklung muss systemausgleichend wirken und systematisch in das deutsche
Sprachsystem eingegliedert werden können.
Es
wird sich zeigen, dass alle vier Punkte auf das deutsche Progressiv zutreffen:
Die am-Konstruktion ist eine Struktur, die in allen sprachlichen Registern und
im gesamten deutschsprachigen Raum auftritt und bei Weitem kein sprachliches
Unikum bestimmter Dialekte, wie des Ripuarischen, darstellt (Kapitel 2.1 &
2.2). Diese Erkenntnis setzt sich auch bei normierenden Instanzen, wie den
Autoren verschiedener Grammatiken, allmählich durch: So wird das Progressiv
zwar immer noch sehr unterschiedlich klassifiziert und nur teilweise
ausreichend mit Aufmerksamkeit bedacht, doch inzwischen weitläufig als Element
der Standardsprache angesehen (Kapitel 2.3). Zu dieser Sichtweise tragen auch
Erkenntnisse bei, die sich bei genauerem Blick auf gewisse Veränderungen des
deutschen Sprachsystems ergeben: Das deutsche Progressiv ist kein zufälliges,
vorübergehendes Merkmal der deutschen Sprache, sondern Teil erklärbarer
Grammatikalisierungsprozesse. Ein bisher weitgehend übersehener Zusammenhang
von Aspekt und Definitheit kann zeigen, dass die deutsche Verlaufsform das
Ergebnis sprachlicher Umstrukturierungsprozesse ist (Kapitel 2.4).
-2-
Der
erste Teil dieses Artikels macht demnach klar, dass die am-Konstruktion als
regulärer Bestandteil der deutschen Sprache angesehen werden muss. Für die
Fremdsprachendidaktik ergibt sich daraus die Frage, wie mit diesem Teil der
sprachlichen Realität im Unterricht umzugehen ist. Bisher wird das Progressiv
in Lehrwerken und Lernergrammatiken schlicht ignoriert. Fakten aus dem Bereich
der Spracherwerbsforschung und ein Blick auf die Herkunftsländer der
Deutschlernenden scheinen zunächst nähere Hinweise darauf zu geben, dass die
Verlaufsform ins Unterrichtsgeschehen aufgenommen werden muss und wie dies
geschehen kann (Kapitel 3). Die Bezeichnung als ‚Progressiv’ lässt vermuten,
dass sich ein sprachkontrastives Vorgehen in Bezug auf das englische
progressive anbietet. Dass vergleichbare Strukturen jedoch in unterschiedlichen
Kontexten eine unterschiedliche Verwendungsweise zeigen und sprachkontrastive
Unterrichtsansätze deshalb nur bedingt möglich sind, zeigt sich in Kapitel 4.
Es bleibt am Ende die Überlegung, was nun mit der Verlaufsform im
DaF-Unterricht geschehen soll und ein Ausblick auf weiteren Forschungsbedarf
(Kapitel 5 & 6).
2.
Das deutsche Progressiv [1]
Im
Folgenden werden Thurmairs (2002) vier Anforderungen an eine anerkannte sprachliche
Neuerung Schritt für Schritt für das deutsche Progressiv (am + Infinitiv +
Finitum von sein) dargestellt und somit die argumentative Basis dafür
geschaffen, die am-Konstruktion in die Unterrichtspraxis aufzunehmen.
2.1.
Überregionale Verbreitung des deutschen Progressivs
Die
Verlaufsform kann als Element der Standardsprache angesehen werden, wenn sie
kein Sprachmerkmal in einzelnen geografischen Regionen, sondern überregional in
der deutschen Sprache zu beobachten ist. Erst unter dieser Bedingung wird sie
auch für den regulären DaF-Unterricht interessant. Bei der Frage nach dem
Verbreitungsgrad einer Sprachform können nur empirische Untersuchungen
weiterhelfen. [2] Die Auswertung von schriftlichen, überregionalen
Nachrichtenmedien ergab bei 30 untersuchten Verben 180 Progressivbelege, was
als Beweis dafür gewertet werden kann, dass die Verlaufsform für die
gesamtdeutsche Pressesprache und damit für alle Leser deutschsprachiger Medien
von Relevanz ist.
Van
Pottelberge (2004: 216ff.) demonstriert zudem sehr eindrucksvoll, dass das
Progressiv nicht nur auf Deutschland begrenzt ist, sondern auch in
österreichischen und helvetischen Medien zu finden ist. Der Verbreitungsgrad in
der Schweiz ist außerdem derart hoch, dass er dort ein „bisher weitgehend übersehene[s]
Kerngebiet“ (Van Pottelberge 2004: 220) der am-Konstruktion vermutet.
2.2.
Das Progressiv als Element verschiedener sprachlicher Register
Thurmair
(2002: 6f.) gibt zu bedenken, dass sprachliche Entwicklungstendenzen nur dann
eine Chance auf allgemeine Anerkennung haben, wenn sie in verschiedenen
sprachlichen Registern zu finden sind. Explizit betont sie dabei die formelle
Schriftsprache. Dies ist verständlich, denn für „die Umgangssprache gilt
generell, dass alle Konstruktionen der Standardsprache möglich sind, dass aber
einige weitere Möglichkeiten hinzukommen, die im Allgemeinen die Restriktionen
der Standardsprache lockern“ (Van Pottelberge 2004: 213). Die Analyse
schriftlicher und damit verhältnismäßig konservativer Sprachverwendung kann also
zeigen, welche Neuerungen tatsächlich in den sprachlichen Alltag einer
Sprachgemeinschaft vorgedrungen sind. Dass sich Nachrichtenmedien unter den
schriftlichen Sprachzeugnissen besonders zur Analyse eignen, bringt Eggers
(1977: 130) zum Ausdruck: „[Auf] jeden Fall spiegelt die Sprache der Zeitung
unmittelbarer den Sprachzustand ihrer Zeit, als es jedes andere gedruckte
Medium vermag“. Mit der Auswertung verschiedener überregionaler Zeitungen bzw.
Zeitschriften in Hinblick auf das Vorkommen der am-Konstruktion kann belegt
werden, dass das Progressiv Teil des formellen Sprachregisters im Deutschen ist
(Thiel 2007). Ein Vergleich von standard- und umgangssprachlichen Belegen zeigt
zudem, dass im informellen Register lexikalisch (1) und syntaktisch (2) besonders
kreativ mit der Verlaufsform umgegangen wird:
-3-
(1)
Man ist so am nachdenken und kopfen. [3] persönliches Korpus; 17.07.2007
(2)
Ich bin auch nur am an- und ausziehen. persönliches Korpus; 22.05.2007
Das
erstellte Korpus zeigt außerdem, dass das Progressiv nicht nur Teil der
überregional verwendeten Umgangssprache, sondern ebenfalls Bestandteil der
einzelnen Dialekte ist. Für einen Großteil der Dialektregionen Deutschlands
konnten Progressiv-Sprachbeispiele gefunden werden. [4]
Es
muss festgehalten werden, dass das Progressiv als Teil der deutschen
Standardsprache angesehen werden kann, der überregional zum Einsatz kommt. In
der Umgangssprache und im Dialekt findet die Verlaufsform bereits breitere
Verwendung als in normiertem Kontext, doch sie muss ebenfalls als Element des
schriftlich-formellen Registers gelten.
2.3.
Die Anerkennung des Progressivs durch normierende Instanzen
Als
normierende Instanzen werden in diesem Kontext verschiedene deutsche
Grammatiken betrachtet, die zum Teil nicht nur in Fachkreisen, sondern auch und
gerade in der breiten Bevölkerung gerne als Referenzorgane gewählt werden, wenn
es um Zweifelsfälle der deutschen Sprache geht. Im Konkreten sind dies die
folgenden Werke: Zwei Auflagen der Duden-Grammatik (Eisenberg & Drosdowski 1998:
§147 Anm. & §567.3; Kunkel-Razum & Wermke 2005: §594), die IDS-Grammatik
(Zifonun 1997: 1877ff.) sowie die Grammatiken von Eisenberg (2004a: 200, 296),
Helbig & Buscha (2001: 80) und Weinrich & Thurmair (1993: 624). Dabei kann
festgestellt werden, dass die Verlaufsform in allen Fällen angesprochen wird,
allerdings in unterschiedlicher Art und Weise: Von „der sog. Verlaufsform“
(Eisenberg 2004a: 296), einer Progressivkonstruktion (Kunkel-Razum & Wermke
2005: §594) oder einer „Art englische[n] ‚progressive form’“ (Weinrich/
Thurmair 1993: 624; Hervorhebung durch Weinrich & Thurmair) ist die Rede.
Funktional diene das Progressiv, um „einen im Verlauf befindlichen Vorgang“
(Helbig & Buscha 2001: 80) zu beschreiben. Eine genaue Funktionsbeschreibung
wird bisher nur von Zifonun et al. (1997: 1877ff.) geliefert. Was eventuelle
Gebrauchsbeschränkungen betrifft, so ist festzuhalten, dass die Anerkennung des
Progressivs als Teil der deutschen Standardsprache mit der Aktualität der
Grammatiken steigt: Weinrich & Thurmair (1993: 624) sprechen 1993 noch von einer
umgangssprachlichen Konstruktion, in der Duden-Grammatik (Eisenberg & Drosdowski
1998: §147 Anm.) von 1998 wird von einem Ausdruck gesprochen, der „auch
standardsprachlich“ gebräuchlich sei, und in der aktuellen Auflage von 2005
wird nur noch die Einschränkung vorgenommen, die Verlaufsform trete im
Gesprochenen häufiger auf als im Schriftlichen (Kunkel-Razum & Wermke 2005:
594). Laut Klosa (1999: 140) ist „eine stilistisch neutrale Verwendung [...]
aus Sicht der Dudenredaktion akzeptabel“ und die Duden Sprachberatung würde das
Progressiv auf Nachfrage als korrektes Deutsch bewerten (Klosa 1999: 140). So
uninteressant normierende Urteile für Wissenschaftler auch oftmals sind, so
wichtig sind sie im Gegensatz dazu für didaktische Fragestellungen. Lernern
helfen Sprachformen, die von ihrer Umwelt als unkorrekt beurteilt werden, bei
der Aneignung von sprachlicher Kompetenz nicht weiter und steigern mit
Sicherheit nicht das Vertrauen in den Unterricht. Da aber selbst normierende
Institutionen wie die Dudenredaktion die Verlaufsform inzwischen als
stilistisch korrekt betrachten, müssen Überlegungen angestellt werden, wie mit
dem Progressiv im Deutschunterricht umgegangen werden soll.
-4-
2.4.
Das deutsche Progressiv als fester Bestandteil der deutschen Sprache
Dass
normierende Instanzen die Verlaufsform inzwischen als festen Teil der deutschen
Sprache anerkennen, beruht in erster Linie sicherlich auf der sich
durchsetzenden Erkenntnis, dass die Sprachstruktur überregional und in allen
Registern zum Einsatz kommt. Darüber hinaus liegen seit den Arbeiten von Leiss
(1992) und Reimann (1996) jedoch auch Argumente vor, die zeigen, dass das
Progressiv systematischer und damit notwendiger Teil der deutschen Sprache ist
und kein vergängliches Zufallsprodukt: Im Folgenden soll dieser
Erklärungsansatz aufgezeigt werden, der Progressivität in Zusammenhang mit
Aspekt und Definitheit stellt. Dass das Progressiv mit dem imperfektiven Aspekt
verglichen wird, mag noch am wenigsten verwundern, da hinter beiden ein Konzept
steckt, dass den Anfangs- und Endpunkt eines Geschehens ausblendet und
stattdessen betont, dass sich das Agens mitten im Verbalereignis befindet. Ich
bin am arbeiten fokussiert weder den Beginn noch das Ende der Tätigkeit,
sondern legt die Aufmerksamkeit, wie der imperfektive Aspekt generell, auf die
Involviertheit ins Geschehen, also in diesem Fall das Arbeiten. Der
Zusammenhang von Aspekt und Definitheit bedarf nun allerdings einer längeren
Erklärung. In Kapitel 2.4.1. wird klar, dass Definitheit und damit Bestimmt-
und Unbestimmtheit im Sprachvergleich auf verschiedene Art und Weise zum
Ausdruck kommen können. Deutschsprechern sind dafür in erster Linie die
Verwendung bestimmter und unbestimmter Artikel bzw. der Nullartikel bekannt. Artikelsysteme
sind nun allerdings nicht die einzige Möglichkeit, Definitheit zu erzeugen. Es
wird sich im Folgenden zeigen, dass ein Aspektsystem vergleichbare Funktion
hat, indem bei nicht vorhandenem Artikelsystem Bestimmtheit und Unbestimmtheit
am Verb festgemacht werden können. Imperfektive Verbformen erzielen einen
Effekt, der dem des unbestimmten Artikels vergleichbar ist, nämlich den, dass
kein Zielpunkt in den Fokus genommen wird, sondern das Geschehen an sich in den
Mittelpunkt rückt. Dass das Deutsche nun trotz bestehendem Artikelsystem mit
dem Progressiv eine Art imperfektiven Aspekt hervorbringt, darf nicht als
Überangebot an Definitheitsausdrücken gewertet werden, sondern wird sich im
nächsten Kapitel als Notwendigkeit herausstellen.
Es
ist zudem interessant, die Frage zu stellen, ob alle Infinitive in progressiver
Verwendung dieselbe Wirkung erzielen und warum das Progressiv in machen
Zusammenhängen nicht geeignet erscheint (2.4.2. & 2.4.3.).
2.4.1.
Wie passt Progressivität in eine „aspektlose“ Sprache wie das Deutsche?
Dass
im Zusammenhang mit dem deutschen Verbalsystem von Aktionsarten gesprochen
werden kann, ist weitläufiger Konsens [5], der Begriff des Aspekts jedoch sollte
denjenigen Sprachen vorbehalten bleiben, in denen ein binäres System zwischen
perfektivem und imperfektivem Aspekt [6] systematisch grammatikalisiert ist
(Andersson 1972: 69). Die Vorstellung, der Sprecher sei entweder „Teil des
Verbalgeschehens“ (Leiss 1992: 33) (Imperfektivität) oder er stehe außerhalb
einer Verbalsituation und nehme sie als Ganze wahr (Perfektivität), ist die
Grundidee der Kategorie ‚Aspekt’. Diese Dichotomie von Imperfektivität und
Perfektivität kann auch als innen- und außenperspektivierend bezeichnet werden.
Je nachdem, ob ein Geschehen von innen heraus ohne Fokus auf Anfangs- und
Endpunkt oder als Totalität von außen betrachtet wird, ist der Betrachter
unterschiedlich positioniert. Sobald in einer Sprache, beispielsweise mithilfe
von Präfixen, bei jedem Verb systematisch zwischen einer der beiden Perspektiven
entschieden werden muss und somit eine Gliederung in Verbpaare vorliegt, kann
vom grammatischen Phänomen des Aspekts gesprochen werden (Leiss 1992: 34f.). Da
die deutsche Sprache über eine solche Dichotomie nicht verfügt, gilt sie als
eine Vertreterin der aspektlosen Sprachen (Andersson 2004: 10). Die deutsche
am-Konstruktion wird inzwischen jedoch regelmäßig mit dem imperfektiven Aspekt
in Verbindung gebracht (z.B. Brons-Albert 1984; Leiss 2000; Reimann 1996), da
die Konstruktion zum Ausdruck bringt, dass es nicht um den Anfang oder das Ende
des Verbalereignisses geht, sondern dass eine Perspektive inmitten des
Geschehens eingenommen wird. Reimann (1996: 11) merkt an: „Das einzige, was
momentan gegen die Betrachtung der Verlaufsform als imperfektive Aspektform
spricht, ist ihre (noch) nicht vollständige Grammatikalisierung“ (vgl. dazu
auch Van Pottelberge 2005: 171). Warum eine „aspektlose“ Sprache wie das
Deutsche eine Aspektkorrelation entwickelt, lässt sich mit Blick auf die
Definitheitsforschung beantworten: Leiss (2000: 14) legt ausführlich dar, dass
„Aspekt und Artikel [...] Realisierungen ein und derselben grammatischen
Funktion“ sind, nämlich der von Definitheit. Solange in einer Sprache entweder
ein Artikel- oder ein Aspektsystem funktionierend zur Verfügung steht, können
die Definitheitskategorien ausreichend versprachlicht werden. Perfektive Verben
befinden sich mit definitem Artikelgebrauch auf einer Ebene und im
Umkehrschluss verhält es sich mit imperfektiven Verben und dem indefiniten Artikel
ebenso (Leiss 2002c: 49). Diese Überlegung sei an einem russischen Beispiel und
der entsprechenden deutschen Übersetzung aufgezeigt (nach Leiss 1994: 311):
-5-
(3)
On kolol drova. (imperfektives Verb + Akk.) -
‚Er hat Holz gespalten’.
(4)
On raskolol drova. (perfektives Verb + Akk.) -
‚Er hat das Holz gespalten’.
Die
Unterscheidung zwischen einer bestimmten Menge Holz oder der Betrachtung von
Holz als Gesamtheit wird im Russischen am Verb festgemacht, ohne Veränderungen
am Objekt vorzunehmen. Im Deutschen hingegen bleibt das Verb dasselbe,
Definitheit bzw. Indefinitheit kommt mithilfe der Determiniertheit des
Akkusativobjekts zustande. Diese Versprachlichung von Definitheit scheint
logisch und zwingend, wenn man bedenkt, dass das Deutsche als aspektlose und
das Russische als artikellose Sprache gelten.Die Tatsache, dass das Deutsche
als Artikelsprache mit der Verlaufsform eine imperfektive Aspektform aufbaut,
wirkt zunächst wie ein aufkommendes Überangebot an Definitheitsrealisierungen:
Die Entwicklung von aspektuellen Konstruktionen im Deutschen wird jedoch
verständlich, sobald man zur Kenntnis nimmt, dass der neuhochdeutsche Artikel
„seine ursprüngliche Definitheits- und Indefinitheitskodierung nicht mehr
erbringen“ (Leiss 2000: 215) kann und stattdessen anaphorische Funktion
übernimmt. Um sich über die ursprüngliche Funktion des Artikels klar zu werden,
müssen Überlegungen zur Thema-Rhema-Struktur herangezogen werden. Das Thema
verfügt über das Merkmal der Definitheit, das Rhema hingegen über das der Indefinitheit
(Leiss 2002a: 21). Das bedeutet, dass die Konstituenten des Rhemas aufgrund der
Informationsverteilung eines Satzes grundsätzlich als indefinit angesehen
werden und demnach nicht speziell indefinit markiert werden müssen (Leiss
2002c: 56). Nur bei einem Verstoß gegen dieses Prinzip bedarf es einer
zusätzlichen Markierung. „Der bestimmte Artikel signalisiert also Definitheit
dort, wo wir aufgrund der Informationsstruktur des Satzes Definitheit nicht
präsupponieren können“ (Leiss 2002c: 52), also im Rhema des Satzes. Die
Aufgaben der Artikel sind damit klar definiert und bestehen darin, kognitive
Hilfestellungen zu leisten, wo dies nicht bereits von der Thema-Rhema-Struktur
eines Satzes übernommen werden kann. Solange der Artikel wie eben dargestellt
in einer Sprache gebraucht wird, handelt es sich um eine funktionsfähige
Markierung von Definitheitsverhältnissen, womit ein zusätzliches Aspektsystem
überflüssig wird. Defektiv wird ein Sprachsystem diesbezüglich, wenn, wie im
Deutschen, anaphorischer Artikelgebrauch einsetzt. Dieser liegt dann vor, wenn
der Artikel als generelles Signal für Definitheit eingesetzt wird und nicht
mehr ausschließlich als Erstsignal fungiert (Leiss 2002c: 53). Selbst im Thema,
wo der bestimmte Artikel an sich überflüssig ist, tritt er somit auf und auch
im Bereich des indefiniten Artikels kommt es zu einer „Hyperdetermination“
(Leiss 2002c: 52). Als Beispiel sei hierfür folgender Satz angeführt:
(5)
Der Mann hustet.
-6-
Es
liegt in diesem Fall eine doppelte Markierung von Definitheit vor: Die Position
des Themas an sich kennzeichnet die Konstituente bereits als definit. Der
zusätzlich vorhandene bestimmte Artikel ist demnach redundant und führt zur
genannten Hyperdetermination und somit dazu, dass der Artikel seine ursprüngliche
Funktion als Marker von ausschließlich unerwarteten Definitheitsverhältnissen
nicht mehr wahrnehmen kann. In diesem Kontext wird verständlich, dass die
Anfänge eines imperfektiven Aspekts gefördert werden, sobald der
Artikelgebrauch in anaphorischen Kontexten einsetzt, was im Deutschen seit dem
Althochdeutschen eine zu beobachtende Tendenz ist (Leiss 2000: 259) [7]. „Artikel
und Aspekt stellen unsere grammatische Grundausstattung dar, die durch keinen
Sprachwandel zerstörbar ist und durch keine einzelsprachliche Variation
aufgehoben werden kann. Sie sind die bewährten einzelsprachlichen
Ausdrucksformen der universalen Kategorie der Definitheit“ (Leiss 2000: 281).
Aus Leiss’ (2000: 212) Überzeugung heraus, dass grammatische Kategorien niemals
verloren gehen, muss sich in dem Moment, in dem das Artikelsystem durch
Hyperdetermination zusammenbricht, entweder eine neue funktionstaugliche
Artikelkategorie entwickeln oder das Sprachsystem auf die zweite Möglichkeit,
die des Aspektsystems, zurückgreifen. Mit der Herausbildung einer Verlaufsform
scheint im Deutschen letztere Variante wirksam zu werden. am-Konstruktionen im
Neuhochdeutschen sind demnach mehr als die sprachliche Norm störende,
vorübergehende Sprachformen. Viel mehr sind sie systematisch am Aufbau von neuen
Definitheitsverhältnissen im Deutschen beteiligt. Thurmairs (2002) Forderung,
wonach sprachliche Neuerungen systemausgleichend wirken müssen, trifft demnach
auf das deutsche Progressiv zu. Damit ist geklärt, dass sich die deutsche
am-Konstruktion systematisch in die deutsche Sprache eingliedern lässt. Es muss
nun genauer betrachtet werden, wie diese Eingliederung aussieht: Welche Wirkung
erzielt die Verlaufsform in Kombination mit verschiedenen Verben und welchen
Kontextrestriktionen unterliegt sie?
2.4.2.
Der verbale Infinitiv im Progressiv: Additivität und Nonadditivität
Will
man Aussagen über den infiniten Bestandteil des Progressivs machen, hilft eine
Einteilung in additive und nonadditive Verben nach Leiss (1992) weiter. Leiss
(1992) arbeitet mit einer Zweiteilung, die auf verbinhärenter Perspektivierung
beruht, woraus sich elementare Aussagen über die Funktionen der Verlaufsform
ergeben. Wie bei der Kategorie ‚Aspekt’ geht es auch hier um eine Einteilung in
Innen- und Außenperspektive. Im Falle des Aspekts hängt es jedoch von der
jeweiligen Sprecherabsicht ab, ob eine Entscheidung für eine
innenperspektivierende, d.h. imperfektive Markierung des Verbs fällt oder für
eine außenperspektivierende und damit perfektive Sichtweise. Additivität bzw.
Nonadditivität meint nun nicht die Wahlfreiheit des Sprechers, ein
Verbalereignis je nach Situation zu betrachten, sondern spielt auf die
verbinhärente Semantik eines Verbs an:
Sind
in einer Sprache Aspektpaare vorhanden, dann kann mit der Wahl des Verbs gleichzeitig
eine bestimmte Perspektive gewählt werden. Sind solche Paare nicht vorhanden,
dann fehlt zwar die Wahlfreiheit (die auch in ‚Aspektsprachen’ durch andere
grammatische Prozesse eingeschränkt sein kann), doch die Perspektive fehlt
nicht. Sie wird von jedem Verb mittransportiert. (Leiss 1992: 33)
Nach
Leiss (1992: 48) werden innenperspektivierende Verben als additiv bezeichnet,
außenperspektivierende hingegen als nonadditiv. Um additive von nonadditiven
Verben zu unterscheiden, kann getestet werden, ob teilbare Verbalereignisse
vorliegen oder nicht, wie im Fall der Nonadditivität. „Man nehme als Beispiel
das [additive] Verb lieben; die geliebten Kinder sind Kinder, die jetzt und
jetzt und jetzt etc. geliebt werden“ (Leiss 1992: 47f.). Für nonadditive Verben
können zur Verdeutlichung finden und verhungern herangezogen werden, „die
ganzheitliche Verbalsituationen wieder[geben], die nicht weiter unterteilt
werden können. So wird beispielsweise ein Schlüssel nicht jetzt und jetzt und
jetzt gefunden“ (Leiss 1992: 48). Weitere Beispiel für additive Verben sind
suchen, lesen und tanzen, für nonadditive können sterben, gewinnen und
aufstehen genannt werden.
-7-
Das
Progressiv in Verbindung mit den beiden Verbklassen führt zu zwei völlig
unterschiedlichen Wirkungsweisen: Additive Verben ergeben in Verbindung mit der
am-Konstruktion einen Effekt der Verstärkung und Betonung des
innenperspektivierenden Verbalgeschehens:
(6)
Weißt, jetzt, wo ich so am rumsuchen bin. persönliches Korpus; 22.05.2007
(7)
…, weil sie immer am heulen war. persönliches Korpus; 27.07.2007
Im
Falle von additiven Verben betont das Progressiv das Verbalereignis (Reimann
1996: 165) und führt zu einer Art mentalem Verweilen auf der Verbalhandlung.
Wie die Terminologie bereits zum Ausdruck bringt, werden Geschehnisse in ihrem
Verlauf betont, Anfang und Ende werden nicht in den Fokus genommen, sondern das
‚Mittendrinsein’ charakterisiert die Wirkung der am-Konstruktion. Die
Verlaufsform bedeutet demnach Additivität auf grammatischer Seite und es stellt
sich somit die Frage, ob das Prinzip additives Verb + additives Progressiv
nicht dem Ökonomieprinzip von Sprache widerspricht, indem eine Größe zweifach
zum Ausdruck gebracht wird. Genau wie im Englischen sind innenperspektivierende
Verben die ersten, die sich, diachron gesehen, mit der Verlaufsform verbinden
(Leiss 2000: 214, Reimann 1996: 44). Bei der Starterkonstruktion des
Grammatikalisierungsprozesses werden dabei additive Verbinhalte durch additive
Grammatik intensiviert: Die Verbsemantik an sich blendet den Anfangs- und
Endpunkt des Verbalgeschehens bereits aus, was durch die grammatische
Konstruktion nochmals verstärkt wird. Der Effekt der Intensivierung alleine
würde bereits genügen, um die am-Konstruktion als ein wirkungsvolles sprachliches
Mittel zu betrachten. Henriksson (2006: 69) bezweifelt jedoch den rein
verstärkenden Charakter des Progressivs und fügt hinzu, dass die
am-Konstruktion zusätzlich „der Abbildung von Progressivität“ dient. Seine
Definition von Progressivität enthält die Auffassung einer begrenzten
Betrachterzeitspanne, wobei „die Einteilung in Dauer allerdings relativ
unbestimmt erscheint“ (Henriksson 2006: 62). Die Verlaufsform liefert
schlussfolgernd nicht nur ein Element der Verstärkung, sondern sorgt auch für
zeitliche Konturen eines Verbalgeschehens. Dass zeitliche Konturen und damit
ein potentieller Anfang und mögliches Ende des Verbalereignisses Voraussetzung
für eine progressive Darstellung sind, wird im nächsten Kapitel noch genauer
beleuchtet.
Ein
weiterer Effekt additiver Verben in Progressivkonstruktionen wird deutlich,
wenn man den Blick über die am-Konstruktion hinaus weitet. Die Verblexik bildet
nur eine Art Basissemantik oder „a first approximation to what type of
situation the locutionary agent wants to express“ (Bache 1995b: 231).
Morphologie, Diskurs, Syntax und Kontext beeinflussen aber die Aktionalität
einer Verbalsituation ebenfalls (Bache 1995b: 230). Das Progressiv hilft, die
Basissemantik eines additiven Verbs beizubehalten, sobald diese von anderen
Elementen zu überlagern versucht wird. Definite Objekte in Kombination mit
additiven Verben führen zu einer Art Konflikt zwischen dem an sich nicht
grenzbezogenen Charakter des Verbs und einem Grenzbezogenheit erzeugenden
Objekt. Zur Verdeutlichung seien (8a) nach Reimann (1996: 114; Großschreibung
des Infinitivs nach Reimann) angeführt und ein konstruiertes Pendant dazu:
(8a)
Stör mich nicht! Ich bin noch meine Hausaufgaben am Machen.
(8b)
Stör mich nicht! Ich mache noch meine Hausaufgaben.
-8-
In
Satz (8b) liegt einerseits ein additives Verb vor (machen), dass von sich aus
also keinen End- oder Anfangspunkt fixiert. Andererseits rückt jedoch durch das
definite Objekt in Form von Possessivpronomen + Nomen ein Endpunkt in den
Fokus, sodass das Verbalgeschehen in (8b) als zielorientiert beschrieben werden
kann. Um nun nicht das Ziel, sondern das ‚Machen’ an sich in den Vordergrund zu
rücken, ist eine Verbkonstruktion wie die des Progressivs nötig. In Satz (8a)
erzeugt Progressivität Innenperspektive, die gegenüber dem definiten,
außenperspektivierenden Objekt überwiegt; das ‚Machen’ rückt in den Vordergrund
und nicht das Ziel, die zu erledigenden Hausaufgaben. Die grammatische
Kategorie der Progressivität ist dominanter als die einzelnen
Konstituentenmerkmale, wie in diesem Fall der Objektcharakter.
Die
Wirkungsweise des Progressivs in Kombination mit nonadditiven Verben ist eine
gänzlich andere: Nonadditive Verben im Präsens bewirken genau wie im Slawischen
Zukunftsbezug (Leiss 2002b: 35); Wir gewinnen referiert auf ein Ereignis, das
zum Sprechzeitpunkt noch nicht eingetreten ist. Nonadditive Verben im Präsens
eignen sich demnach nicht, um gegenwärtige Geschehnisse auszudrücken. Wir haben
gewonnen hingegen erzielt zwar Gegenwartsbezug, ist aber mit dem Kriterium der
Außenperspektive verbunden (Reimann 1996: 133). Indem das Progressiv
Gegenwartsbezug bei gleichzeitiger Innenperspektive erzeugt, schließt die
am-Konstruktion eine Systemlücke im deutschen Verbalsystem (Reimann 1996: 134).
Anders ausgedrückt wird bei nonadditiven Verben im Progressiv die „inhärente
Grenze des Verbalausdrucks inaktuell“ (Henriksson 2006: 2). Als Beispiele seien
folgende Belege genannt:
(9) Miriam und ich, wir sind gerade am gewinnen.
persönliches Korpus; 12.05.2007
(10)
Mum, ich hab den ganzen Tag nichts gegessen, ich bin am verhungern. persönliches Korpus; 21.05.2007
(11)
Weil i do grod am aufwachen bin. persönliches Korpus; 10.07.2007
Da
die Verlaufsform mit nonadditiven Verben eine Funktion im Deutschen übernimmt,
die bisher nicht realisiert werden konnte, ist eine obligatorische
Verwendungsweise des Progressivs am ehesten in diesem Bereich zu erwarten. Die
überdurchschnittlich hohen empirischen Werte progressiver Formen von verhungern
und sterben in Zeitungsartikeln verwundern deshalb nicht [8]: Bei der Auswertung
von sechs Nachrichtenblättern trat verhungern in 36 von insgesamt 180
Progressivfällen auf, bei sterben waren es 15 von 180 Belegen. Für nonadditive
Verben stellt das Progressiv die einzige Möglichkeit dar, Gegenwartsbedeutung
bei gleichzeitiger Innenperspektive zum Ausdruck zu bringen, wodurch eine Lücke
des deutschen Grammatiksystems geschlossen wird.
2.4.3.
Aktionalität
Die
Wirkungsweise des Progressivs in Zusammenhang mit additiven und nonadditiven
Verbalereignissen wurde bereits dargestellt. Über die Kombinationsrestriktionen
der Verlaufsform mit bestimmten Verben konnte bisher allerdings noch keine
Aussage getroffen werden. Dies wird möglich mithilfe von Baches (1995 a &
b) Kriterium der ‚Aktionalität’. Das Merkmal [+aktional] und damit die
Vorstellung eines Anfangs- und Endpunktes sind Bedingung, um etwas in seinem
Verlauf betrachten zu können (Henriksson 2006: 62). Progressivität geht
schlussfolgernd mit zeitlicher Konturierung einher. Zur Verdeutlichung seien
zwei Beispiele angeführt:
(12)
Ich bin voll am schwitzen unter den Achseln. persönliches Korpus; 04.08.2007
(13)
*Ich bin am bananenmögen/ Bananen mögen.
Satz
(12) ist möglich, da bei schwitzen von einem Anfang und einem Ende ausgegangen
und das Verbalgeschehen normalerweise nicht als Dauerzustand aufgefasst wird.
Anders betrachtet bedeutet dies: Sollte schwitzen als Dauerzustand begriffen
werden, könnte es nicht in der am-Konstruktion erscheinen. mögen hat zwar
eventuell auch einen Anfang und ein Ende, fokussiert diese Punkte mit seiner
Semantik jedoch nicht. (13) ist somit durch [-aktional] gekennzeichnet und
eignet sich nicht für die Verlaufsform.Die Kombination von Leiss’ (1992) Verb-
und Baches (1995 a & b) Situationseinteilung bildet die Basis für eine
Progressivdefinition nach Reimann (1996: 190): „Sie dient der Herstellung von
Innenperspektive und erscheint in einem sprachlichen Kontext, der das Merkmal
[+AKTIONAL] aufweist“.
-9-
3.
Konsequenzen für den Fremdsprachenunterricht I: vorläufige und voreilige
Schlussfolgerungen
Die
Sachlage scheint an dieser Stelle sehr klar: Dem Progressiv kann der Status
eines standardsprachlichen Elements zugewiesen werden und somit wird ihm zu
unrecht bisher in der fremdsprachlichen Lehrpraxis keine Aufmerksamkeit
geschenkt (vgl. dazu auch die Forderungen von Brons-Albert (1984), Glück (2001)
und Helbig (2004)), obwohl sich doch ein sprachkontrastiver Vermittlungsansatz
in Bezug auf Sprachen wie das Englische anzubieten scheint. Um diese Position
noch zusätzlich zu bekräftigen, seien an dieser Stelle drei weitere Aspekte
kurz dargelegt:
A.
Dass es oftmals problematisch ist, den Lernenden den richtigen Eindruck von der
Bedeutung einer Sprachform zu vermitteln, diese Schwierigkeit aber gleichzeitig
nicht davor abschrecken darf, zeigt ein Blick auf die englische Fachdidaktik:
In einem sechsstufigen englischen Lehrwerk wie Red line new (Finkbeiner 1997)
wird das Progressiv an insgesamt acht verschiedenen Stellen in jeweils
spezifischem Zusammenhang gelehrt. Dies ist übertrieben, wenn man beachtet,
dass Mindt (2000: 584ff.) in seiner empirischen englischen Grammatik darlegt,
dass das present progressive nur in etwa 5% aller Verbfälle vorkommt und in den
anderen Tempora die Prozentsätze sogar noch geringer ausfallen. Der Eindruck
von der großen Bedeutung des Progressivs für die englische Sprache ist damit
ebenso falsch wie der Eindruck von der geringen Bedeutung des Progressivs für
die deutsche Sprache. Ein Mittelweg zwischen dem bisherigen Ignorieren der
Verlaufsform im Deutschen und der Überbetonung des progressive im Englischen
scheint künftig für den fremdsprachlichen Deutschunterricht nötig.
B.
Im Jahresbericht 2005 der ‚Ständigen Arbeitsgruppe Deutsch als Fremdsprache’
wurde Folgendes bekannt gegeben: „Rund 16,7 Millionen Menschen lernen weltweit
Deutsch als Fremdsprache“ (StADaF 2005-2006: 5). Tabelle 1 zeigt die zehn
Länder, aus denen die meisten Deutschlerner kommen, gemessen in absoluten
Zahlen:
Tabelle
1: Deutschlerner nach absoluten Zahlen
Quelle:
StADaF (2005-2006: 2)
-10-
Besonders
zu beachten ist, dass in acht der genannten zehn Nationen die entsprechende
Nationalsprache über ein Aspektsystem verfügt bzw. – wie im Fall der
Niederlande, der USA und Großbritanniens – ein weit oder völlig grammatikalisiertes
Progressiv vorliegt. Lediglich das Französische und das Usbekische lassen sich
nicht in diese Reihe eingliedern. Werden diese beiden Länder weggerechnet,
kommen aus den übrig bleibenden acht Nationen immer noch in etwa 50% aller
Deutschlerner. In mindestens der Hälfte aller Fälle haben es Deutschlehrer
demnach mit Lernenden zu tun, bei denen das Konzept des Aspekts kognitiv
verankert ist. Es könnte nun erwartet werden, dass ein bereits erworbenes
Aspektsystem den Erwerb ähnlicher Strukturen in anderen Sprachen erleichtert.
Wie im nächsten Punkt zu sehen sein wird, scheinen die Forschungsarbeiten von
Li & Sihrai (2000) diese These zu stützen. Kapitel 4 wird jedoch im Anschluss
zeigen, dass die Aspektsysteme der verschiedenen Sprachen nicht betrachtet werden
können, ohne ihre intralinguale Einbettung in den jeweiligen Kontext zu
beachten.
C.
Li & Shirai (2000: 52) führten spezifische Untersuchungen zum Aspekterwerb durch
und kamen zu einigen wesentlichen Schlüssen: „[In] L1 acquisition and creole
languages the aspectual system may be grammaticized before the tense system”;
dieses Ergebnis deckt sich mit Browns (1973: 269) Daten: Er zeigt in seiner
Morphem-Studie, dass das present progressive eine der ersten L1-Erwerbsstufen
bei Englischsprechern darstellt. Darüber hinaus gibt es laut Li & Shirai (2000:
85) Anzeichen, dass Lernern der Aspekterwerb leichter und schneller gelingt,
wenn sie mit dem Unterschied von Perfektivität und Imperfektivität bereits aus
ihrer Muttersprache vertraut sind.
Genannte
drei Aspekte scheinen Hinweise darauf zu geben, wie eine Unterrichtseinheit mit
dem Progressiv als Inhalt aussehen muss: Dem L1-Erwerb folgend, kann die
Verlaufsform zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Grammatikprogression eingeführt
werden, gerade auch weil die große Anzahl an Deutschlernern mit einer
Aspekt-Muttersprache unproblematisch an ein Konzept aus ihrer Muttersprache
anknüpfen können sollte. Diese Schlussfolgerung stellt jedoch den Kern von
möglichen Zweifeln dar: Auch wenn Reimanns (1996: 190) Definition für
Progressivität („Sie dient der Herstellung von Innenperspektive und erscheint
in einem sprachlichen Kontext, der das Merkmal [+AKTIONAL] aufweist“)
sprachübergreifend zum Einsatz kommen mag, so ist noch nichts darüber
ausgesagt, in welche sprachspezifischen Kontexte sich das Progressiv
eingliedert. Kommt das deutsche Progressiv tatsächlich in gleicher Weise zum
Einsatz wie beispielsweise im Englischen? Ist die Tatsache, dass die deutsche
am-Konstruktion noch keinen obligatorischen Status wie im Englischen hat und
sie syntaktischen Gebrauchseinschränkungen unterworfen ist, wirklich nur damit
zu begründen, dass die Grammatikalisierung der Konstruktion noch nicht so weit
fortgeschritten ist wie in anderen Sprachen? Einige Untersuchungen weisen
darauf hin, dass die Herausbildung der Verlaufsform im Deutschen nicht
gleichzeitig bedeutet, dass dem Englischen vergleichbare Einsatzbereiche und
damit Funktionen zugrunde liegen. Um zu verdeutlichen, dass im
Fremdsprachenunterricht nicht problemlos an die muttersprachliche Verwendung
von Progressivität bzw. Imperfektivität angeknüpft werden kann, seien diese
Untersuchungen kurz skizziert.
4.
Progressivität: eine Struktur – verschiedene Kontexte
Ein
Vergleich von englischen und deutschen Texten zeigt, dass das (Nicht-)Vorhandensein
von progressiven Strukturen sehr eng mit den einzelsprachlichen Textstrukturen
verknüpft ist. Dass das Englische und das Deutsche nicht ohne Grund
unterschiedliche Versprachlichungen von Situationen vornehmen und die
Unterschiede in den beiden Sprachen sehr tiefgreifend sind, zeigt sich in einer
Reihe von Untersuchungen.
-11-
In
einem der Versuche (von Stutterheim & Carroll 2007: 55ff.) wurden Probanden
kurze Filmausschnitte gezeigt, in denen die „Bewegung einer Entität auf ein
potentielles Ziel hin“ (von Stutterheim & Carroll 2007: 55) zu sehen ist.
Die Aufforderung nach Versprachlichung des Gesehenen wurde von deutschen und
englischen Probanden sehr unterschiedlich gelöst: In deutschen Äußerungen wurde
das Ziel der Bewegung zum Ausdruck gebracht, wohingegen englische
Versuchsteilnehmer dieses unerwähnt ließen und stattdessen die Bewegung an sich
im progressive wiedergaben. Für die Autoren mag dieses Ergebnis als Indiz dafür
gelten, dass die Verlaufsform in der deutschen Sprache nicht von Relevanz ist.
Es sollte jedoch an dieser Stelle bedacht werden, dass vielmehr die Möglichkeit
besteht, dass die deutsche am-Konstruktion in anderen Kontexten zum Einsatz
kommt als die englische ing-Form. Dass sprachliche Konstruktionen generell sehr
spezifischen Anwendungsbereichen unterliegen können, zeigt auch das englische
progressive selbst. Die hohe Verwendungsrate in genanntem Versuch widerspricht
den bereits erwähnten empirischen Ergebnissen von Mindt (2000), der generell
eine geringe Gebrauchsfrequenz der englischen Verlaufsform feststellt. Daher
ist ein Gebrauch in hoch spezifischen Kontexten in Erwägung zu ziehen, wenn man
die auffällig hohe Frequenz der ing-Form bei der Nacherzählung des Stummfilms
bedenkt.
In
einem weiteren Versuch der genannten Studie zeigt sich, dass sich sowohl die
Inhalte als auch die Art und Weise der Versprachlichung in den beiden Sprachen
stark unterscheiden. Die Aufgabe, einen weiteren, diesmal jedoch längeren
Stummfilm nachzuerzählen, wird von Deutschen anders gelöst als von Englischsprachigen.
Was das konkret bedeutet, kann mit folgenden ausschnitthaften Beispielen nach
Carroll et al. (2003: 190) demonstriert werden:
(14)
Frage an englische Probanden und beispielhafte Antwort:
-
What happens?
-
A young man is surfing.
The
wind is blowing him off the board.
(15)
Frage an deutsche Probanden und beispielhafte Antwort:
-
Was passiert in der Szene?
-
Ein kleiner Mann surft auf den Wellen.
Dann
wird er plötzlich von dem Brett geweht.
Das
Spezifische deutscher Erzählstrukturen kann bereits an diesem kurzen Ausschnitt
verdeutlicht werden: Die zeitliche Verankerung von Satz 2 ist der Abschluss des
Verbalereignisses aus Satz 1, die durch dann zum Ausdruck kommt. „Complex
dynamic situations are segmented in German into a set of events which are
presented as occurring in sequences“ (Carroll et al. 2003: 193). Das Ende des
einen Verbalereignisses wird damit immer zum Bezugspunkt für das
nächstgenannte.
Im
Englischen hingegen lässt sich eine andere Textstruktur beobachten: Die verschiedenen
Sätze sind durch eine „relation of inclusion“ (Carroll et al. 2003: 194)
gekennzeichnet. Alle versprachlichten Verbalereignisse werden unter einen
zeitlichen Bezugspunkt integriert, der in der Literatur als deiktisches ‚jetzt’
bezeichnet wird (von Stutterheim & Carroll 2007). Die temporale Verankerung
verschiebt sich innerhalb der Nacherzählung nicht, sondern bleibt durchgehend
dieselbe.
-12-
Diese
unterschiedlichen Textstrukturen stehen in Zusammenhang mit verschiedenen
sprachlichen Merkmalen der beiden Sprachen. Für die Integration aller
Ereignisse unter einen zeitlichen Bezugspunkt, so wie es im Englischen der Fall
ist, eignen sich im Speziellen Ereignisse, die nicht zum Abschluss kommen und
dadurch keine Verankerung für weitere Ereignisse darstellen könnten. „Events
which do not involve a change in state [...] do not meet the criterion which
allows specification of a shift in topic time and this applies in many cases to
the inanimate forces“ (Carroll et al. 2003: 191). Unbelebte Kräfte werden im Englischen
gerne zum Ausdruck gebracht, da sie sich in das deiktische ‚jetzt’ integrieren
lassen; zudem steht das progressive für „the presentation of the event without
a point of completion or right boundary“ (Carroll & von Stutterheim 2003:
382) zur Verfügung. Das progressive ist im Englischen folglich keine grundlos
gern genutzte Konstruktion, sondern fügt sich ideal in einen Textaufbau, der
durch „relations of inclusion“ (Carroll et al. 2003: 194) gekennzeichnet ist.
Im
Deutschen hingegen ist die Satzstellung ein Erklärungsansatz, um die
spezifischen Texteigenheiten zu verstehen. Die Position des Vorfelds in Sätzen
mit Verbzweit-Stellung eignet sich hervorragend, um das Subjekt oder temporale
Adverbialen in die Topik-Position zu rücken (Carroll & Lambert 2003:
269f.), wodurch ein Protagonisten-basierter Erzählstil verständlich wird, bei
dem Adverbialien im Vorfeld für die immer wieder neue zeitliche Verankerung
verantwortlich sind. Die deutsche am-Konstruktion passt damit nicht sehr gut in
deutsche Textstrukturen, in denen vorrangig abgeschlossene, endpunktfixierte
Handlungsstränge fokussiert werden.
Es
reicht demnach nicht aus zu sagen, die deutsche am-Konstruktion habe es noch
nicht geschafft, fester Bestandteil deutscher Erzählstrukturen zu werden. Die sprachlichen
Umstände sind andere als im Englischen und so wird die deutsche Verlaufsform in
ihrer Verwendung auch in naher Zukunft nicht vergleichbar mit der englischen
sein: Nicht weil die am-Konstruktion weniger leisten kann als ihr englisches
Pendant, sondern weil aus textlinguistischer Sicht an die am-Konstruktion nicht
dieselben Anforderungen gestellt werden als an die ing-Konstruktion.
Dass
sprachliche Neuerungen noch lange keine Revolution von Textstrukturen auslösen
müssen, zeigt ein Blick auf eine dritte Untersuchung (Carroll et al. 2003:
200ff.): Wie zuvor wurden Stummfilmsequenzen von Probanden versprachlicht.
Diesmal handelte es sich jedoch um derart kurze Clips, dass die Teilnehmenden
jeweils nur ein oder zwei Sätze äußerten. Interessanterweise wurde in diesem
Fall von niederländischen Probanden unerwartet oft das Progressiv verwendet. Im
zuvor beschriebenen Versuch hingegen, in dem es um die Nacherzählung eines
längeren Stummfilms ging, wählten die niederländischen Probanden dem Deutschen
vergleichbare Erzählstrukturen ohne den Einsatz des Progressivs. [9] Die Autoren
wissen diese Ergebnisse nicht zu deuten (Carroll et al. 2003: 202), doch werden
sie in hiesigem Kontext verständlich: Die Herausbildung einer neuen Sprachform
entsteht aus motivierten Gründen und wird in passenden Momenten gerne
eingesetzt, wie in diesem Fall zur Versprachlichung von kurzen Sequenzen, in
denen Bewegungsmomente zu sehen sind. Sobald es jedoch um etablierte
Textstrukturen geht, wird es für sprachliche Neuerungen schwer, sich in diese
zu integrieren. In keinem Fall genügt eine sprachliche Innovation im Deutschen
oder Niederländischen, um ein ganzes Bündel von Textmerkmalen derart zu
revolutionieren, dass dem Englischen vergleichbare Textstrukturen entstünden.
Das deutsche und niederländische Progressiv haben ihre Berechtigung in der
jeweiligen Sprache und sind in Bezug auf die dahinter stehenden Konzepte mit
dem englischen progressive zu vergleichen. Der Einsatzbereich progressiver
Strukturen ist jedoch so unterschiedlich, wie es die einzelnen Sprachen sind.
Die deutsche Verlaufsform mit Verweis auf die Verwendung des englischen
progressive zu unterrichten, wäre deshalb problematisch.
-13-
5.
Konsequenzen für den Fremdsprachenunterricht II: mögliche Schlussfolgerungen
Es
bleibt die Frage, welche Konsequenzen diese Erkenntnisse für den DaF-Unterricht
mit sich bringen. Für die am-Konstruktion konnte einerseits nachgewiesen
werden, dass sie ein Teil des deutschen Sprachsystems ist. Dass der Gebrauch
dieser Konstruktion jedoch sprachspezifisch ist und der Verweis auf
Progressivkonstruktionen in anderen Sprachen nicht befriedigend weiterhilft,
haben Untersuchungen zum Aufbau von Texten gezeigt. Auch wenn die Grundidee von
Progressivität universal sein mag, so sind es die Einsatzbereiche in den
verschiedenen Sprachen sicherlich nicht. Wie die Versuche in Kapitel 4 gezeigt
haben, scheint das englische progressive ein besonders geeignetes Mittel zu
sein, um Nacherzählungen zu gestalten. In der englischen Textstruktur nimmt das
Progressiv eine viel dominantere Stellung ein, als es für das Deutsche aufgrund
von anderen Textmerkmalen der Fall ist und wohl auch künftig der Fall sein
wird. Die deutsche Verlaufsform scheint hingegen beispielsweise in der
mündlichen Sprache besonders gern genutzt zu werden, wenn es um Ereignisse
geht, die den Sprecher selbst betreffen. In Thiel (2007) waren ca. 50% aller
mündlichen Progressivbelege Äußerungen in der 1. Person. Konkretere Ergebnisse
zum Einsatz des deutschen Progressivs liegen jedoch bisher nicht vor.
Für
den fremdsprachlichen Deutschunterricht bedeuten diese Ergebnisse, dass das
Progressiv Teil des Unterrichtsgeschehens werden muss, da es Teil der deutschen
Standardsprache ist; sprachkontrastive Ansätze eignen sich als methodische
Herangehensweise jedoch nur bedingt. Weil die Verlaufsform sowohl in
schriftlicher als auch in mündlicher deutscher Sprache zu finden ist, werden
Lehrkräfte beim Einsatz von authentischem Material auf die Konstruktion stoßen.
Bereits jetzt eignet sich also weder eine ‚Didaktisierung’ des Materials im
Sinne einer Tilgung des Progressivs noch ist das Ignorieren der Konstruktion
oder ihre Wertung als Normverstoß angebracht; vielmehr sollte der Verlaufsform
die nötige Aufmerksamkeit gezollt werden. In einem weiteren Schritt muss
überlegt werden, ob das Progressiv bewusst in die Grammatikprogression von
Lehrwerken aufgenommen werden soll und an welchen Stellen. Da die
Progressivstruktur Teil der deutschen Sprache ist, ist dies zu befürworten.
Ideen hierfür liefern niederländische Lehrwerke wie beispielsweise Taal vitaal
(Schneider-Broekmans 1998: 96): Ob eine Orientierung an derartiger Lehrpraxis
für das deutsche Progressiv völlig zu unterstützen ist, muss an anderer Stelle
diskutiert werden, Taal vitaal liefert jedoch in jedem Fall ein anregendes
Beispiel für die Anerkennung und Beachtung des Progressivs, ohne komplizierte
Erklärungen heranziehen zu müssen und die grammatische Struktur
unverhältnismäßig überzubetonen.
Letzten
Endes wird eine gelungene Eingliederung des deutschen Progressivs in die
Lehrpraxis jedoch erst möglich werden, wenn die spezifischen Einsatzgebiete
genauer analysiert sind und somit konkretere Empfehlungen für die Vermittlung
der deutschen Verlaufsform ausgesprochen werden können.
6.
Zusammenfassung und Ausblick
Es
konnte nachgewiesen werden, dass die am-Konstruktion fester Bestandteil der
deutschen Sprache ist: Sie ist systematisch am Aufbau neuer
Definitheitsverhältnisse beteiligt, lässt sich in verschiedenen sprachlichen
Registern und geografischen Regionen finden und wird von sprachnormierenden
Instanzen anerkannt. Ein Vergleich mit Progressivkonstruktionen anderer
Sprachen, wie dem Englischen, bietet sich jedoch nur bei isolierter Betrachtung
der Konstruktionen an. Auch wenn die Funktionen aus theoretischer Sicht
vergleichbar sind, praktisch kommen sie sehr unterschiedlich zum Einsatz, da
sie in unterschiedliche sprachliche Textstrukturen eingebettet werden. Das
deutsche Progressiv kann und muss nicht dasselbe leisten wie sein englisches
Pendant und wird deshalb wohl auch in Zukunft immer in andere Kontexte
eingebettet sein als das englische. Dass die deutsche Sprache über eine
Verlaufsform verfügt, die fester Bestandteil der Sprachnorm ist, sollte
inzwischen außer Frage stehen. Künftige Untersuchungen können sich somit nun
der Frage widmen, wie das deutsche Progressiv zum Einsatz kommt. Ergebnisse in
diese Richtung werden es erst möglich machen, konkretere Empfehlungen für die
Eingliederung des Progressivs in den fremdsprachlichen Deutschunterricht zu geben.
Schon jetzt darf die am-Konstruktion in authentischem Lehrmaterial jedoch nicht
übergangen werden, sondern muss den Lernenden als Teil der deutschen
Sprachwirklichkeit vermittelt werden.
-14-
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-18-
Anmerkungen
[1]
Einen speziellen Überblick über das Forschungsgebiet ‚deutsches Progressiv’
findet sich besonders ausführlich bei Krause (2002: 13ff.) und Reimann (1996:
59ff.).
[2]
Dieser Artikel geht in Teilen aus meiner Magisterarbeit hervor, die ich im
Herbst 2007 an der LMU München eingereicht habe. Im Rahmen meiner damaligen
Arbeit habe ich ein Korpus mit Progressivbeispielen erstellt, auf das ich hier
zurückgreife, um authentische Sprachbeispiele zu liefern. Die Erstellung eines
Korpus’ war nötig, da die bestehende Datenlage bzgl. des deutschen Progressivs
unbefriedigend war; näheres zur Kritik an der bisherigen Datengewinnung in
Thiel (2007: 30ff.) Aus diesem Grund habe ich ein persönliches Korpus mit 93 Progressiväußerungen
meiner Umgebung erstellt. Zusätzlich wurden sechs überregionale
Nachrichtenblätter im Hinblick auf 30 Infinitive im Progressiv analysiert: drei
Tageszeitungen (Süddeutsche Zeitung, die tageszeitung, DIE WELT) und drei
Wochenzeitungen (WELT am SONNTAG, stern, DER SPIEGEL). Insgesamt konnten bei 30
untersuchten Verben 180 Belege gefunden werden. Das genaue methodische Vorgehen
bei der Datenerhebung und alle 273 Belege in gelisteter Form finden sich in
Thiel (2007). Soweit nicht anders vermerkt, sind alle Progressivbeispiel in
diesem Artikel genanntem Korpus entnommen.
[3]
Der Infinitiv in Progressivbeispielen wird in diesem Artikel kleingeschrieben.
Näheres zur Orthografiediskussion findet sich in Thiel (2007).
[4]
In Thiel (2007) sind die mündlichen Progressivbeispiele im Falle von
Dialektsprechern mit der Information versehen, welcher Dialekt im konkreten
Fall vorlag.
[5]
Dazu sei besonders Andersson (1972) genannt. Auch normierende Regelwerke wie
der Duden (Kunkel-Razum & Wermke 2005: 564ff.) sprechen in Zusammenhang mit dem
Deutschen von Aktionsarten.
[6]
Zur näheren Erklärung von Perfektivität und Imperfektivität siehe
beispielsweise Thieroff (1992: 65ff.).
[7]
Dass sich Progressivbelege bereits in Schriftzeugnissen der letzten
Jahrhunderte finden lassen, spiegelt Van Pottelberges (2004) Korpus wider.
[8]
Siehe Fußnote 2.
[9]
Es muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass sich die Verlaufsform im
Niederländischen ähnlich wie im Deutschen immer mehr durchsetzt. Ihre
Grammatikalisierung ist im Falle des Niederländischen allerdings bereits weiter
fortgeschritten als im Deutschen (Krause 2002).