Fremdsprachenlernen in Taiwan.
Eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation des institutionellen
Deutschunterrichts
Tristan
Lay
Assistant
Professor for German as a Foreign Language (DaF) and Methodology
Program
in European Languages and Cultures
National
Chengchi University
No.
64, Sec 2., Zhinan Rd., 11605 Taipei, Taiwan
Tel:
+886 (0)2-29393091 / 88123
Fax: +886 (0)2-29387608
Tristan@nccu.edu.tw / TristanLay@yahoo.com
http://www3.nccu.edu.tw/~tristan/
Abstract. Der vorliegende Beitrag gibt einen Überblick über die
aktuelle Situation der deutschen Sprache in der Republik China auf Taiwan. Die
Themen Sprachenlernen und Mehrsprachigkeit werden in einem Taiwan-spezifischen
Kontext erörtert, da diese für das Verständnis der Stellung des Deutschen als
zweite Fremdsprache von Bedeutung sind. Alle Bildungseinrichtungen und
Organisationen, die sich mit der Vermittlung und Förderung der deutschen
Hochsprache beschäftigen, werden vorgestellt. Institutionelle Aspekte des
Lehrens und Lernens von Deutsch im tertiären Bildungsbereich werden diskutiert
und Motive sowie Funktionen für das Lernen der deutschen Sprache in Taiwan
dargelegt.
Keywords: Fremdsprachenlernen in Taiwan; Stellung der deutschen
Sprache; Deutsch im institutionellen Kontext; Motive und Funktionen des Deutschlernens
0. Einführung
Die
räumliche Abgrenzung der Volksrepublik China folgt in aller Regel den
politischen Grenzen des staatlichen Territoriums. Seit den 1990er Jahren hat
jedoch auch der Terminus Greater China Verbreitung gefunden, der sich
auf einen zunehmend verflochtenen Wirtschaftsraum bezieht. Der chinesische
Kulturraum, der sich aus den Ländern VR China, den chinesischen
Sonderverwaltungszonen Hongkong und Macau, der Republik China auf Taiwan [1]
sowie der Republik Singapur [2]
bildet, mag aus europäischer Sicht anfangs uniform erscheinen. Die Länder China
und Taiwan, die Sonderverwaltungszonen Hongkong und Macau sowie der Stadtstaat
Singapur sind ethnisch weitgehend homogen und sprechen alle chinesisch. Da
Chinesisch, wie viele andere sprecherreiche Sprachen auch, plurizentrisch ist,
weist der Gebrauch in den mehreren nationalen Zentren neben zahlreichen
Sprachvarietäten (Kantonesisch, Hakka, Minnan – besonders
die regionalen Varietäten Hokkien und Teochew) auch kodifizierte,
unterschiedliche Standardvarietäten auf. Ebenso differenziert wie die Plurizentrik
der chinesischen Hochsprache ist die Rolle der deutschen Sprache und damit
einhergehend das Lehren und Lernen von Deutsch als Fremdsprache in diesen
heterogenen, diversifizierten und facettenreichen Regionen Asiens.
1. Sprachenlernen in Taiwan
Sprachenlernen
findet in Taiwan auf dem Hintergrund einer komplexen Vielsprachigkeitsrealität
der Lerner statt. Die linguistische Diversifizierung hat Fortschritte gemacht;
das schulische und universitäre Fremdsprachenangebot ist in den letzten
Jahrzehnten umfangreicher geworden. Dies ist darin begründet, dass
Fremdsprachenfähigkeiten und -kenntnisse im Zuge der Globalisierung an Relevanz
gewinnen und ihnen ein hoher Stellenwert in der taiwanischen Gesellschaft
beigemessen wird. Neben Englisch als Pflichtfach bieten die öffentlichen Schulen
besonders in den Metropolen Taipei, Taichung und Kaohsiung mittlerweile
Unterricht in Japanisch, Koreanisch, Latein, Deutsch, Französisch, Spanisch und
Russisch an. Die Hochschulen offerieren eine Vielzahl moderner Sprachen: Neben
den ostasiatischen Sprachen Japanisch und Koreanisch besteht die Möglichkeit im
Rahmen des Hauptfachstudiums an einer Fremdsprachenfakultät die Sprachen
Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch, Arabisch und
Türkisch zu lernen. In wesentlich geringerem Umfang (in der Regel 2-4 SWS) wird
als Wahlfach landesweit an unterschiedlichen Hochschulen (die meisten
davon an der National Chengchi University) Latein, Hebräisch,
Altgriechisch, Persisch, Portugiesisch, Tschechisch, Thailändisch, Vietnamesisch
und Malaiisch (Bahasa Malaysia) unterrichtet. Diese werden aber im
Vergleich zu Japanisch und den europäischen Sprachen Französisch, Deutsch und
Spanisch kaum gelernt. Das Lernen afrikanischer Sprachen ist in Taiwan bislang
nicht möglich. Qualitative Interviews mit taiwanischen Studierenden haben in
Bezug auf das Lernen weiterer (dritter) Fremdsprachen folgendes ergeben:
-2-
Es besteht beim Gros der Befragten Konsens
darüber, dass sie sich beim Erlernen einer weiteren (dritten) Fremdsprache
definitiv für eine europäische Sprache entscheiden würden. Entscheidendes
Kriterium ist dabei einerseits die Verbreitung der Sprache und andererseits die
Zahl derer, die sie als Erst- bzw. Fremdsprache sprechen. Die Studierenden
stimmen in dem Punkt überein, dass durch Englisch der größte Aktionsradius
erschlossen werden kann. Danach folgen Spanisch und Französisch. Alle anderen
Sprachen sind diesen eindeutig untergeordnet. Sie sehen keine Dringlichkeit und
Notwendigkeit, andere außereuropäische Sprachen zu kennen oder zu sprechen (Lay
2004: 359).
Neben
dem Lernen fremder Sprachen existiert auf der Insel eine gut entwickelte
Gebärdensprache, die von rund 82.500 gehörlosen Menschen verwendet wird. Die Taiwanese
Sign Language (TSL) besitzt zwei Dialekte, die primär auf der
Wortschatzebene differieren (vgl. Smith 1989). Sie kann an den zwei großen
Schulen Taipei Municipal School for the Deaf und Tainan School
for the Deaf erlernt werden. Die TSL wurde während der japanischen
Kolonialzeit stark von der japanischen Gebärdensprache beeinflusst und weist
heute Affinitäten mit der japanischen und koreanischen Gebärdensprache auf. Größere
öffentliche Aufmerksamkeit erhält die Gebärdensprache in Zusammenhang mit der 21.
Deaflympics (Deaf Summer Olympics), die vom 5.-15. September 2009 in
der Hauptstadt Taipei ausgetragen wird. [3]
1.1 Erstsprachen (L1)
Um
die Situation des institutionellen Fremdsprachenlernens in Taiwan adäquat
nachvollziehen zu können, erweist sich ein Blick auf die ethnolinguistische
Situation der knapp 23 Mio. zählenden Einwohner auf der Sprachinsel als
hilfreich. Als Erst- und Zweitsprache werden in Taiwan Hochchinesisch, Taiwanisch
(Hokkien) – eine chinesische Sprachvarietät des Minnan-Dialekts,
der auch in den südlichen Teilen der Provinz Fujian in der VR China gesprochen
wird – Hakka sowie die austronesischen Sprachen der neun
autochthonen Ureinwohnerstämme in unterschiedlicher Chronologie erworben. Alle
Sprachen und Sprachvarietäten existieren nominell gleichberechtigt nebeneinander.
Taiwan
stellte über die letzten 500 Jahre hinweg ein Einwanderungsland dar. Neben den
neun Stämmen der Ureinwohner ließen sich immer wieder unterschiedliche Volksgruppen
vom chinesischen Festland in verschiedenen Einwanderungswellen auf Formosa
nieder, die ihre jeweils eigenen Herkunftssprachen mitbrachten. Die Geschichte
Taiwans war daher stets von der Problematik begleitet, welche Sprachen auf der
recht kleinen Insel gesprochen werden durften (vgl. Lay & Merkelbach, im
Druck).
Nachdem
China auf Grund der Niederlage im Sino-japanischen Krieg Taiwan 1895
offiziell als Siegestrophäe an Japan abgab, lebten die Taiwaner, wie auch
andere kolonisierte Völker während der 50-jährigen autoritären Ära, als
unterprivilegierte Bürger zweiter Klasse im eigenen Land. Die Herkunftssprachen
der in Taiwan lebenden Bevölkerung (Taiwanisch, Hakka und austronesische
Sprachen) durften bis zur Intensivierung der Japanisierungs-politik in den
späten 1930er Jahren von der Bevölkerung weiter gesprochen werden. Die
japanische Sprache wurde jedoch später, ähnlich wie bei vielen westeuropäischen
Kolonialmächten, durch Militarismus und einer rigiden Assimilierungspolitik als
offizielle Amts- und Landessprache durchgesetzt, um eine homogen kulturelle
Angleichung an das Vaterland gewährleisten zu können (vgl. dazu Elies 1997).
Das
Ende des Zweiten Weltkrieges im August 1945 bedeutete für Taiwan einen
historischen Einschnitt. Nach fünfzigjähriger japanischer Okkupation wurde die
Insel wieder unter festlandchinesische Hoheitsgewalt gestellt und damit zu
einem Teil der im Jahre 1911 ausgerufenen Republik China. Mit dem Rückzug der
Japaner verlor auch gleichzeitig die japanische Sprache zunehmend an Bedeutung;
Japanisch wurde als lingua franca von Chinesisch abgelöst. Die Regierung
der Nationalen Volkspartei (Kuomintang, KMT), welche kurz zuvor das
Festlands-Territorium an die Kommunisten und deren Führer Mao Zedong überlassen
musste, floh nach der Niederlage im chinesischen Bürgerkrieg auf die damalige
Inselprovinz Taiwan, ohne auf dem Alleinvertretungsanspruch für ganz China zu
verzichten. Die Herrschaft der Nationalisten hat seit ihrer Machtergreifung an
der Popularisierung der chinesischen Sprache und an einer kolonialen
Unterdrückung und Herabsetzung aller sprachlichen Alternativen neben
Hochchinesisch festgehalten, weil Taiwan offiziell als Provinz Chinas zu betrachten
war.
-3-
Seit
der Liberalisierung und Aufhebung des Kriegsrechts im Jahre 1987 wird Chinesisch
mittlerweile von der Mehrheit der Bevölkerung als lingua franca in
Taiwan akzeptiert. Heute wächst die Majorität in Form eines additiven
Bilingualismus mit dem parallelen oder sukzessiven Erwerb des
Sprachenpendants Taiwanisch (L11)/ Chinesisch (L12) bzw.
Chinesisch (L11)/Taiwanisch (L12) auf.
1.2 Englisch als erste Fremdsprache (L2)
Den
Rang der ersten Fremdsprache nimmt wie auch in vielen anderen Orten der
Welt unangefochten das Englische in Taiwan ein, das fest im schulischen
Curriculum verankert ist und ab der dritten Grundschulklasse sieben Jahre lang
gelernt wird. Das Lernen der englischen Sprache im schulischen Kontext nimmt in
etwa 20-30% des Stundenplans ein. Um die Lehr- und Lernqualität auf
Grundstufenniveau zu verbessern, unterstützte das Erziehungsministerium in den
letzten Jahren Schulen bei der Rekrutierung qualifizierter Muttersprachler für
den Primar- und Sekundarbereich.
Bevor
taiwanische Kinder die Schule besuchen, lernen viele von ihnen bereits Englisch
in den unzähligen privaten „bilingualen“ Kindergärten. Seit 1999 haben diese
kommerziellen Institutionen Konjunktur. Es werden bevorzugt nordamerikanische
Muttersprachler rekrutiert, um den Lernstoff der Vorschule in einem
„englischsprachigen“ immersiven Umfeld zu vermitteln.
Bei
einer Fortführung der beruflichen bzw. akademischen Ausbildung wird Englisch
grundsätzlich weitergelernt. Ähnlich wie in Hongkong (tutorial schools),
Japan (juku) und Südkorea (hagwon) existieren auch in Taiwan private
und kommerzielle Sprach- und Nachhilfeschulen (buxiban), die vornehmlich
Schülerinnen und Schüler auf weiterführende Prüfungen in Mathematik,
Naturwissenschaften und Englisch vorbereiten (vgl. Lay 2006: 466). Sie bilden
mittlerweile einen bedeutenden Wirtschaftszweig in Taiwan. Diese Nachhilfeschulen
(cram schools, crammers) expandieren zunehmend, weil auch heute noch
Englisch ein wichtiger Bestandteil der anspruchsvollen universitären
Aufnahmeprüfungen ist. Allein in der überfüllten Hauptstadt Taipei existieren
über 1000 solcher privaten und kommerziellen Nachhilfeschulen:
Auf dem privaten Markt trifft man seit vielen
Jahren auf ein schier unübersichtliches Angebot für den Englischunterricht.
Viele Nachhilfeschulen, private und öffentliche Stiftungen kämpfen um den Markt
mit verschiedenen Unterrichtsmethoden. Die meisten privaten Sprachschulen
stellen vor allem weiße US-Amerikaner als Lehrende an, da diese den so
genannten nordamerikanischen Standardakzent sprechen und so als attraktive Werbefaktoren
dienen. Meist haben die Lehrenden keine Sprachlehrqualifikation vorzuweisen.
Als Grundvoraussetzung zur Erteilung der Arbeitserlaubnis seitens des
Erziehungsministeriums gelten ein beliebiger BA-Abschluss einer Universität und
die Tatsache, englischer Muttersprachler zu sein. Viele Sprachschulen bieten
für die Lehrenden parallel zum Unterricht Weiterbildungsmöglichkeiten an (Lay
& Merkelbach, im Druck).
Es
ist überwiegend der soziale Druck, die Wettbewerbssituation auf dem heimischen
Arbeitsmarkt sowie die anhaltende Prüfungsorientiertheit der Schulen und
Hochschulen, die das Florieren und den wirtschaftlichen Markt der Buxibans
erst ermöglichen.
Englisch
besitzt in Taiwan einen nicht zu unterschätzenden kulturellen und ökonomischen
Bezug. Der nordamerikanische Einfluss, bedingt durch Medien sowie Handels- und
Kulturbeziehungen, hat für die Inselrepublik eine vorbildliche Funktion. Taiwan
ist auf die wirtschaftlichen Beziehungen zu den USA angewiesen. Infolgedessen
besitzt die Prestigesprache Englisch in der taiwanischen Gesellschaft und Wirtschaft
einen sehr hohen Stellenwert und stellt zugleich die wichtigste, populärste und
verbreiteteste Fremdsprache dar.
-4-
1.3 Tertiärsprachen (L3)
Das
Lehren und Lernen fremder Sprachen weist in Taiwan eine relativ kurze
historische Entwicklung auf. Die frühsten Aufzeichnungen des institutionellen
Fremdsprachenunterrichts gehen auf die Zeit von 1885-1891 zurück, als der erste
Provinzgouverneur, Liu Ming-Chuan, sogenannte West Classes gründete, in
denen Übersetzer und Dolmetscher für die englische und französische Sprache ausgebildet
wurden. Als Anhänger der „Selbststärkungsbewegung“ (eine Periode der
institutionellen Reformen während der späten Qing-Dynastie) legte er großen
Wert auf den direkten Kontakt zwischen China und dem Westen. Westliche und im
Ausland ausgebildete chinesische Lehrkräfte unterrichteten die Fremdsprachen
(vgl. Merkelbach 2006: 22).
Als
Fremdsprachen werden heute an unterschiedlichen Universitäten Japanisch,
Koreanisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch, Arabisch und
Türkisch als Hauptfach gelehrt und gelernt. Die nachstehende Tabelle
gibt eine Übersicht über die in Taiwan angebotenen zweiten Fremdsprachen an
unterschiedlichen Institutionen. [4]
|
Sprachen
|
Institutionen
|
Bezeichnung
|
|
Japanisch
|
Hochschulen
|
mehr als 20 Hochschulen [5]
|
|
Koreanisch
|
Hochschulen
|
National Chengchi University
Chinese Culture University
|
|
Deutsch
|
Hochschulen
|
National Chengchi University
Chinese Culture University
Da Yeh University
Fu Jen Catholic University
National Kaohsiung First University of Science and
Technology
Soochow University
Tamkang University
Wenzao Ursuline College of Languages [6]
|
|
außeruniversitäre Institutionen
|
Language Training and Testing
International Trade Institute
Spracheninstitut des Verteidigungsministeriums
|
|
deutsche
Institutionen
|
Deutsches Kulturzentrum Taipei
Deutsche Sektion der Taipei European School
|
|
Französisch
|
Hochschulen
|
National Central University
National Chengchi University
Chinese Culture University
Da Yeh University
Fu Jen Catholic University
National Taiwan Normal University (French Training
Center)
Tamkang University
Wenzao Ursuline College of Languages
|
|
französische
Institutionen
|
Alliance Française (Taipei, Kaohsiung)
Section Française der Taipei European School
|
|
Spanisch
|
Hochschulen
|
National Chengchi University
Fu Jen Catholic University
Providence University
Tamkang University
Wenzao Ursuline College of Languages
|
|
Italienisch
|
Hochschulen
|
Fu Jen Catholic University
|
|
Russisch
|
Hochschulen
|
National Chengchi University
Chinese Culture University
Tamkang University
|
|
Türkisch
|
Hochschulen
|
National Chengchi University
|
|
Arabisch
|
Hochschulen
|
National Chengchi University
|
Tabelle
1: Institutionen mit Angebot zweiter Fremdsprachen
-5-
Diese
Fremdsprachen haben in Taiwan einen unverkennbaren Status als zweite
bzw. weitere Fremdsprache inne, da sie im institutionellen Kontext des
Lehrens und Lernens fremder Sprachen prinzipiell nach Englisch gelernt werden.
Ihnen wird a priori der Status einer sog. Tertiärsprache [7]
aufgedrängt und sie werden zu „typischen Drittsprachen“ degradiert. Der
Wortteil 'Tertiär-' ist ambig und impliziert verschiedene Aspekte: „Es kann die
dritte Stelle gemeint sein a) in einer chronologischen Abfolge, b) in einer
hierarchischen Ordnung, c) in einer quantitativen Verteilung“ (Kallenbach 1996:
80). Diese drei Kriterien treffen abgesehen von Englisch auf alle gegenwärtig
unterrichteten Fremdsprachen in Taiwan zu.
1.3.1 Japanisch
Während
der japanischen Okkupationszeit (1895-1945) wurde das Lernen des Japanischen
durch die Assimilierungspolitik der Kolonialherren anhand suppressiver Methoden
rigoros durchgesetzt. Die Etablierung der Sprachen-Oligarchie erfolgte, um
Taiwan politisch, wirtschaftlich, kulturell und sprachlich an das japanische
Mutterland zu binden. Obwohl nicht viel über die Lehr- und Lernmethoden dieser
Zeit bekannt ist, kann angenommen werden, dass bei der Vermittlung ein großes
Gewicht auf ethische Aspekte gelegt wurde. Nachdem die Japaner ihre Sprache
erfolgreich durch eine immer intensiver und aggressiver werdende
Sprachenpolitik einführten, entstanden bereits 20 Jahre später sogenannte Landessprachenfamilien,
in denen überwiegend oder ausschließlich Japanisch gesprochen wurde. Die
meisten Taiwaner, die fließend Japanisch sprachen, waren Kinder und Jugendliche.
Die japanisierten Kinder dieser Familien tendierten dazu, lieber die
Kolonialsprache als eine ihrer Herkunftssprachen zu sprechen. Diese, zum
größten Teil monolingualen Kinder, genossen Privilegien, die den anderen Kindern
auf Taiwan vorenthalten wurden. Die assimilierten Landessprachenfamilien,
deren Mitglieder sogar japanische Namen annahmen und auf Anhieb nicht von den
Japanern unterschieden werden konnten, fungierten als „Musterfamilien“ und
sollten vorbildlichen Charakter für alle anderen Familien auf Taiwan haben. Da
ein breiter Bevölkerungsteil in der Schule Japanisch lernen musste, machte sich
der starke Einfluss der japanischen Sprache auch nach der Kapitulation Japans
im Zweiten Weltkrieg nach 1945 noch bemerkbar. Dokumente an der im Jahre 1928
von den Japanern gegründeten Japanese Taihoku Imperial University
belegen, dass die Fremdsprachen Englisch, Deutsch, Französisch und Japanisch
unmittelbar nach dem Machtwechsel durch die Regierung der Nationalen Volkspartei
im Jahre 1949 an der heutigen National Taiwan University angeboten
wurden (vgl. Merkelbach 2006: 23).
Japanisch
stellt heute in Taiwan die meist gelernte Tertiärsprache dar. Auf Grund der
geografisch isolierten Lage wird auf dem maritimen Taiwan in Bezug auf
Fremdsprachenlernen in der Regel das Lernen des praktikableren Japanischen als
zweite Fremdsprache beim Gros der Jugendlichen und jungen Erwachsenen
präferiert. Dies muss sicherlich auch in historischer Relation dazu gesehen
werden, dass Taiwan für ein halbes Jahrhundert okkupiert wurde. Die Bevölkerung
ist sich dessen bewusst, dass durch die japanische Kolonialherrschaft auch zugleich
der Grundstein für die Modernisierung der Insel gelegt wurde. Des Weiteren
besitzt Japanisch im Hinblick auf das Schriftsystem Elemente des Chinesischen:
Die heutige japanische Schrift ist ein Konglomerat aus der chinesischen
logographischen Schrift Kanji, welche zum Ausdruck von lexikalischen
Morphemen bzw. sinntragenden Wörtern (die einem Substantiv, einem Verb oder
einem Adjektiv entsprechen) dient und zwei eigenständigen Silbenschriften, Hiragana
und Katakana. Kanji muss von taiwanischen Japanischlernern nicht
zusätzlich erlernt werden. Außerdem wird das Japanbild der jungen Generation
Taiwans sehr stark vom zeitgenössischen modernen Japan beeinflusst. Mangas
(Comics) und Animes (Animationsfilme) aus Japan genießen in Taiwan Kultstatus.
Die Mode- und Musikwelt orientiert sich weitgehend am japanischen Vorbild. Da
Japan hinter den USA mit Abstand den größten kulturellen und wirtschaftlichen
Einfluss auf die Inselrepublik ausübt, ist die Beherrschung der japanischen
Sprache aus Sicht vieler besonders hinsichtlich wirtschaftlicher Zusammenhänge
mit persönlichen Vorteilen verbunden (vgl. Lay 2004: 345-347). Auch in Bezug
auf kurze Forschungs- und längere Auslandsstudienaufenthalte ist Japan (im Jahr
2007: 2.424 Studierende) nach den englischsprachigen Ländern seit jeher beliebt
(siehe Ministry of Education 2007: http://english.moe.gov.tw/ ct.asp?xItem=9354&ctNode=1184&mp=1,
Stand: 13.01. 2009).
-6-
1.3.2 Französisch
Französisch
wird auf Grund seiner globalen Verbreitung nach Englisch als eine der
wichtigsten Weltsprachen eingeschätzt.
In den 52 Mitgliedsländern der Frankophonie
werden gegenwärtig ca. 113 Millionen Menschen als muttersprachliche Sprecher,
zusätzlich 60 Millionen als francisant (d.h. gelegentlich Französisch
Sprechende) eingestuft. Zahlenangaben divergieren, da Frankophonie eine nur
ungenaue Sammelbezeichnung darstellt (Raabe 2003: 533).
In
der Europäischen Union steht Französisch mit rund 65 Mio.
Muttersprachlern an zweiter Stelle hinter Deutsch mit etwa 96 Mio. Weltweit
wird Französisch in 47 Staaten von rund 200 Mil. Menschen gesprochen. Damit
wird die französische Sprache von kaum mehr als 5% der Weltbevölkerung gesprochen.
Die
französische Sprache ist in 35 Staaten Amts- oder Verkehrssprache und besitzt
in vielen großen internationalen Organisationen, z.B. bei den Vereinten
Nationen bei den von ihr abhängigen Organisationen (UNESCO, FAO
etc.), NATO, OECD in der Europäischen Union und im Europarat
meist nach Englisch den Status einer zweiten offiziellen Sprache und
Arbeitssprache. Französisch ist eine der Sprachen des Internationalen Roten
Kreuzes und die offizielle Sprache der Weltpost. Aber auch auf dem
Weltmarkt ist die Kenntnis der französischen Sprache besonders bei Führungskräften
ein großes Plus und erhöht die beruflichen Einsatzmöglichkeiten im frankophonen
Ausland. Außerdem sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Frankreich als
fünftgrößte Wirtschaftsmacht und viertgrößtes Exportland der Welt ein äußerst
wichtiger Handelspartner von Taiwan ist.
Neben
dem weltweiten Kommunikationsradius und beruflichen Gesichtspunkten besitzen
ästhetische Aspekte eine eminente Bedeutung. Insbesondere die phonetische
Besonderheit der französischen Sprache ist in Taiwan ausschlaggebend für die
Sympathie zur „wohlklingenden“ Sprache. Dies entspricht freilich einem
verbreiteten Klischee, doch drückt sich dadurch einerseits auch immer der
emotionale Bezug zu einer Sprache und Kultur aus. Auch die typologische Verwandtschaft
zu anderen romanischen Sprachen (Spanisch, Italienisch, Portugiesisch und
Rumänisch) ist ein weiterer Grund für das Erlernen des Französischen in Taiwan.
Mit Französischkenntnissen lassen sich weitere romanische Sprachen im Allgemeinen
ohne größeren Aufwand recht gut verstehen. Ihr Erwerb wird durch Kenntnisse im
Französischen erheblich erleichtert.
Die
illustrierte Erzählung Le Petit Prince von Antoine de Saint-Exupéry ist
in diversen chinesischen Übersetzungen – in Buchform und als Hörbuch –
erhältlich und unter Taiwanern äußerst beliebt. Die französische Sprache ist
nicht nur eine Sprache der Philosophen und Autoren, sondern auch eine Sprache
der Jugend. Dies spiegelt sich z.B. in der populären Kultur wider. Französische
Musik findet sich regelmäßig in internationalen Hitparaden, wie die
HipHop-Gruppe Sept, die Rap-Gruppe IAM oder die Gruppe Air.
Initiativen wie Fête de la musique haben sich mittlerweile auf der
ganzen Welt verbreitet. Auch berühmte Comics sind in Französisch geschrieben,
wie Astérix oder Tim und Struppi. Paris ist weltweit die
Tourismushauptstadt Nr. 1 und ist auch unter taiwanischen Touristen äußerst
beliebt. Im Kulturland Frankreich gibt es viele interessante Dinge und Trends
zu entdecken, in Literatur, Philosophie, Theater, Film, bildender Kunst, die
auch weit über seine Grenzen hinaus bekannt sind. Der Einfluss der Modebranche
auf die Studentinnen der Fremdsprachenfakultäten, die diesen Bereich deutlich
dominieren, hat zum Teil entscheidende Auswirkungen auf das schulische und
universitäre Wahlverhalten der weiblichen Lernerschaft.
1.3.3 Spanisch
Spanisch
wird von über 330 Mio. Menschen als Erstsprache gesprochen. Damit stellt es mit
6% der Weltbevölkerung die drittwichtigste Weltsprache nach Chinesisch und Englisch
dar. Da in Taiwan Chinesisch als Erstsprache erworben wird und Englisch im
schulischen Kontext als erste obligatorische Fremdsprache im Curriculum verankert
ist, entscheiden sich viele Fremdsprachenlerner in Taiwan für das Erlernen der
drittwichtigsten Weltsprache. Spanisch ist Amtssprache bei internationalen
Organisationen, z.B. bei den Vereinten Nationen, bei den von ihr
abhängigen Organisationen (UNESCO, FAO etc.) bei der Organisation
Amerikanischer Staaten und in der Europäischen Union.
-7-
Spanisch
stellt eine wichtige Verkehrssprache im amerikanischen Raum dar. Neben den
lateinamerikanischen Staaten wird in den USA die spanische Sprache von mehr als
20 Mio. Menschen als Erst- und Verkehrssprache benutzt, sodass die USA dabei
sind, zum zweitgrößten spanischsprechenden Staat in der Welt zu werden (vgl.
Barrera-Vidal 2003: 572). Dieser Aspekt ist bei einem Studien- und Forschungsaufenthalt
in den USA vieler angehender taiwanischer Akademiker von großer Relevanz. Neben
der Verbreitung und dem Kommunikationsradius der spanischen Sprache spielt
sicherlich auch die nahe Verwandtschaft zu den romanischen Sprachen eine Rolle.
Die
Unterhaltung diplomatischer Beziehungen ist ebenso für die Wahl einer zweiten
Fremdsprache entscheidend. Der Inselstaat Taiwan, der 1949 seine Verbindungen
mit China abbrach und seine eigene demokratische Regierung bildete, verlor
immer mehr Verbündete in der Welt, seitdem Richard Nixon in den frühen 1970er
Jahren zum ersten Mal diplomatische Beziehungen zum kommunistischen Festland aufnahm.
Nationen, die diplomatische Beziehungen mit der VR China unterhalten, haben
keine formellen diplomatischen Beziehungen zu Taiwan, stattdessen werden
außenpolitische Verhältnisse über formell private Organisationen gepflegt.
Gegenwärtig unterhält die Republik China auf Taiwan nur mit 23 Nationen
diplomatische Beziehungen. Die lateinamerikanischen Staaten bilden die größte
Gruppe dieser Verbündeten und tragen ebenso dazu bei, dass die spanische
Sprache in Taiwan an Bedeutung gewinnt.
Neben
der Unterhaltung diplomatischer Beziehungen ist das Beziehungsgeflecht zwischen
Taiwan und Spanien auch historisch miteinander verwurzelt: Noch heute zeugen
Relikte aus der Zeit, als 1626 spanische Flotten Formosa auf dem Seeweg
erreichten. In der nördlichen Hafenstadt Keelung und in Tamshui wurden während
der 16 Jahre währenden spanischen Herrschaft die Festungen San Salvador
und San Domingo erbaut. Diese Relikte stellen bis heute noch beliebte
Sehenswürdigkeiten und Ausflugsziele dar; indirekt wird durch sie ebenso für
Spanisch und das Kulturgut aller spanischsprachigen Länder geworben.
Die
Musikwelt trägt maßgeblich dazu bei, dass die hispanische Kultur bei
Jugendlichen und jungen Erwachsenen an Popularität gewinnt. Konzerte von Enrique
Iglesias oder Lisa Ono sind in Taiwan gut besucht. Einheimische Pop-Ikonen wie
beispielsweise Jolin Tsai (A Wonder in Madrid, 2006) oder Jasmine Leong
(Life is Beautiful, 2003) tragen mit ihren Musikvideoclips dazu bei,
dass Spanien durchgehend positive Eindrücke und Impressionen bei jungen
Menschen hinterlässt. Alle erwähnten Punkte erklären meines Erachtens das
zunehmende Interesse an der hispanischen Kultur sowie die zunehmende
Popularität der spanischen Sprache.
2. Deutsch im institutionellen Kontext
Die
deutsche Sprache blickt in Taiwan auf eine mehr als vierzigjährige Geschichte
zurück. Deutsch wird ähnlich wie in der VR China und Japan überwiegend an der
Hochschule oder außeruniversitären Einrichtungen der Erwachsenenbildung gelehrt
und gelernt. Mitte der 1960er Jahre entstanden die ersten Abteilungen mit dem
Schwerpunkt auf deutsche Sprache und Literatur. In der taiwanischen Hochschullandschaft
ist das Fach Deutsch als Fremdsprache heute mit sechs eigenständigen
Abteilungen vertreten. Auch die jüngsten Entwicklungen an Hochschulen tragen
zur Stärkung der deutschen Sprache in Taiwan bei: Die im Rahmen der
Europaabteilungen gegründeten deutschen Sektionen legen ebenfalls ihre
Schwerpunkte in Forschung und Lehre auf die German Studies.
Die
deutsche Sprache wird in Taiwan im Grundschulalter von einem relativ kleinen
Kreis an der Deutschen Sektion der Europäischen Schule Taipei gelernt.
Seit den 1990er Jahren besteht neben dem universitären Deutschstudium die
Möglichkeit fakultativ Deutschkurse an allgemeinbildenden Schulen zu belegen. Diese
sind in der Regel auf wenige Wochenstunden begrenzt und dienen als „Einblick“
in die deutsche Sprache. Auch wenn diese erfreuliche Entwicklung vom Trend
begleitet wird, dass die Lernerquote in diesem Bereich in den vergangenen
Jahren ganzheitlich betrachtet eher rückläufig ausfällt, konnten in der
Erwachsenenbildung steigende Lernerzahlen erzielt werden. In Taiwan wird
Deutsch in der Regel am Deutschen Kulturzentrum oder an den Deutsch- und
Europaabteilungen der Hochschulen systematisch gelehrt und gelernt. Die
Gesamtzahl der Deutschlerner in Taiwan wurde von der Arbeitsgruppe StADaF
im Jahr 2005 auf ca. 6.550 geschätzt (StADaF 2006: 9).
-8-
2.1
Deutsche Schule
Deutsch
als Fremdsprache wird bislang vereinzelt im Rahmen von Praktika und Seminaren
zur Sprachlehrpraxis an einigen Grundschulen taiwanischen Schülerinnen und
Schülern beigebracht. In Taipei befindet sich die Deutsche Sektion der
Europäischen Schule Taipei (Taipei European School, TES: http://www.taipeieuropeanschool. com/),
an der in enger Kooperation mit dem britischen und dem französischen Teil der
Schule – gemäß dem Konzept deutscher Auslandsschulen [8] – von der
Grundschule bis zur gymnasialen Oberstufe nach deutschen Lehrplänen
unterrichtet wird. Für die Betreuung ist die Zentralstelle für das
Auslandsschulwesen (ZfA) im Bundesverwaltungsamt (BVA) zuständig,
die dabei der Fachaufsicht des Auswärtigen Amtes (AA) unterliegt und mit
dem Bund-Länder-Ausschuss für schulische Arbeit im Ausland (BLASchA)
zusammenarbeitet. Über die Befugnis zur Verleihung deutscher Schulabschlüsse
entscheidet die Kultusministerkonferenz (KMK).
Die
Deutsche Sektion wurde 1990 als Reaktion auf eine zunehmende Zahl deutscher
Kinder ins Leben gerufen. Ein Kindergarten (ab 3 Jahren) befindet sich ebenso
auf dem Campus, in dem eine intensive Sprachförderung stattfindet, da die
Kinder darauf vorbereitet werden, ihre Schulausbildung in einem
Bildungsprogramm nach deutschen Richtlinien zu machen. Das Wochenstundenvolumen
für Deutsch beträgt in der Grundschule 9 Stunden intensiven Unterricht. Im
Rahmen von Förderprogrammen zum Deutschen existieren bei weiterem Bedarf an
Sprachförderung zusätzliche Angebote am Nachmittag. Im Rahmen der
Hausaufgabenbetreuung kann individuelle Unterstützung auch im sprachlichen
Bereich organisiert werden. Auch in der Sekundarstufe findet eine intensive
Betreuung von Schülerinnen und Schülern statt, deren Sprachkenntnisse
zusätzliche Förderung nötig machen. Die folgende Tabelle [9] gibt eine
quantitative Übersicht über die Anzahl der Schülerinnen und Schüler der
Deutschen Sektion, die im Schuljahr 2008/09 Deutsch als Erstsprache im Rahmen
ihrer Schulbildung lernten:
|
Deutsche Sektion
|
Klasse
|
Männlich
|
Weiblich
|
Gesamt
|
|
Kindergarten
|
–
|
11
|
16
|
27
|
|
Primarstufe
|
1
|
5
|
5
|
10
|
|
2
|
4
|
1
|
5
|
|
3
|
4
|
6
|
10
|
|
4
|
5
|
6
|
11
|
|
Sekundarstufe I
|
5
|
6
|
3
|
9
|
|
6
|
4
|
5
|
9
|
|
7
|
3
|
3
|
6
|
|
8
|
4
|
3
|
7
|
|
Sekundarstufe I
|
9
|
1
|
4
|
5
|
|
10
|
1
|
3
|
4
|
|
Sekundarstufe II
|
11
|
1
|
2
|
3
|
|
12
|
2
|
1
|
3
|
|
Gesamt
|
51
|
58
|
109
|
Tabelle
2: Deutsch als Erstsprache in der Deutschen Sektion
Die
Deutsche Sektion verstärkte ihr Angebot innerhalb der TES, indem Deutsch als
Fremdsprache in das Kursangebot aufgenommen wurde. Zur Unterstützung dieser
Politik und zur Vorbereitung auf die angestrebte Anerkennung als Deutsche
Auslandsschule sagte das BVA die Entsendung einer weiteren Lehrkraft [10]
aus Deutschland zu. Seit einigen Jahren besteht daher für Schüler der
Britischen Sektion die Möglichkeit, Deutsch zu erlernen. Das Programm umfasst
gegenwärtig die Jahrgänge Y7 bis H1 (sechster bis neunter Jahrgang nach deutscher
Zählung). Im Oktober 2008 lernten 26 Schülerinnen und Schüler der Britischen
Sektion Deutsch als Fremdsprache.
-9-
|
Britische Sektion
|
Klasse
|
Männlich
|
Weiblich
|
Gesamt
|
|
Sekundarbereich
|
6
|
6
|
2
|
8
|
|
7
|
1
|
4
|
5
|
|
8
|
5
|
1
|
6
|
|
9
|
3
|
4
|
7
|
|
Gesamt
|
15
|
11
|
26
|
Tabelle
3: DaF-Lerner in der Deutschen Sektion
Im
Schuljahr 2009/2010 wird DaF erstmalig auch als Prüfungsfach für das IGCSE
(International General Certificate of Secondary Education) angeboten.
Die Möglichkeit zum Erwerb des Deutschen Sprachdiploms sowie die
Weiterführung von DaF ins IB-Programm (International Baccalaureat) sind
geplant. Darüber hinaus ist es seit kurzem auch für Schüler ohne Deutsch
als Muttersprache möglich, in der Deutschen Sektion aufgenommen zu werden,
sofern sie ein entsprechend hohes Engagement beim Erlernen der deutschen
Sprache an den Tag legen. Das Fremdsprachenangebot für deutsche Kinder an der
TES umfasst Chinesisch, Englisch und Französisch (siehe ZfA: http://www.bva2.bund.de/aufgaben/auslandsschulwesen/verzeichnis/welt/asien/taiwan/00101/index.html,
Stand: 13.01.2009).
2.2 Sekundärer Bildungsbereich
Das
Schulfach Chinesisch blickt in der Bundesrepublik auf eine über fünfzigjährige
Tradition zurück. Der deutsch-chinesische Bildungsdialog im Schulbereich hat
sich in den letzten Jahren positiv entwickelt. Das Interesse an Chinesisch an
deutschen Schulen hat seit Mitte der 1980er Jahre und schließlich erneut seit
2003 stetig zugenommen. An 164 Schulen in Deutschland wird die Sprache
inzwischen als reguläres Fach unterrichtet - in Form von Arbeitsgemeinschaften
genauso wie als Pflichtfach, das bei einigen Bundesländern bis zur Abiturprüfung
führt. Auch die Zahl der deutsch-chinesischen Schulpartnerschaften ist in den
vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Die umfassende Initiative Schulen:
Partner der Zukunft [11]
des Auswärtigen Amt wird ebenso dazu beitragen, dass Partnerschulen in
der VR China merklich zunehmen werden. Im Schuljahr 2006/2007 lag die Zahl der
Schülerinnen und Schüler, die Chinesisch erlernen, bei rund 3.200 (vgl. KMK
2008: 23).
Während
die Anzahl der Deutschlerner in der VR China kontinuierlich zunimmt, schwanken
die Lernerzahlen in Taiwan. Ein Blick auf das nachstehende Diagramm, das die
Deutschlernerzahlen an allgemeinbildenden Schulen im Zeitraum 1999-2007
abbildet, verdeutlicht einen stetigen Rückgang der Deutschlerner ab dem
Schuljahr 2002. Im Schuljahr 2004 wird ein Tiefpunkt mit nur 398 Deutschlernern
erreicht. Im Folgejahr nimmt die Anzahl der Deutschlerner deutlich zu und
überschreitet erstmals nach drei Jahren wieder die 750-Marke um dann wieder auf
652 Lerner abzufallen. Seit dem Schuljahr 2007/08 kann mit 941 Deutschlernern
wieder eine Zunahme konstatiert werden.
-10-
Die
deutsche Sprache sieht sich immer stärkerer Konkurrenz ausgesetzt; dies ist
nicht zuletzt bedingt durch die immer breitere Akzeptanz des Französischen und
Spanischen in Taiwan. Es ist zu erwarten, dass Deutsch jährlich an Lernerzahlen
im Schulbereich verlieren wird und zukünftig Gefahr läuft, nach Japanisch und
Französisch auch noch den Rang als drittpopulärste Tertiärsprache an Spanisch
abgeben zu müssen. Dies ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass es lange
landesweit keinen von staatlicher Seite organisierten Deutschunterricht gab und
den privaten Projekten zur Förderung der deutschen Sprache im Sekundarbereich
die finanzielle Grundlage fehlte (vgl. Gerbig 2007: 312).

Abbildung 1: Deutschlerner im Schulbereich (2.
Schulhälfte) im Zeitraum 1999-2007
Die
deutsche Sprache sieht sich immer stärkerer Konkurrenz ausgesetzt; dies ist
nicht zuletzt bedingt durch die immer breitere Akzeptanz des Französischen und
Spanischen in Taiwan. Es ist zu erwarten, dass Deutsch jährlich an Lernerzahlen
im Schulbereich verlieren wird und zukünftig Gefahr läuft, nach Japanisch und
Französisch auch noch den Rang als drittpopulärste Tertiärsprache an Spanisch
abgeben zu müssen. Dies ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass es lange
landesweit keinen von staatlicher Seite organisierten Deutschunterricht gab und
den privaten Projekten zur Förderung der deutschen Sprache im Sekundarbereich
die finanzielle Grundlage fehlte (vgl. Gerbig 2007: 312).
Von
1996-1998 boten im Rahmen eines dreijährigen Projekts rund 10 Schulen den
Unterricht in einer zweiten Fremdsprache im schulischen Bereich an. Seit Beginn
des Schuljahres 1999 wurde das Prestige des Deutschen, Französischen,
Spanischen und Japanischen durch Fördermittel von Seiten des Erziehungsministeriums
(1999-2004) durch ein zusätzliches Angebot an Wahlkursen für zweite
Fremdsprachen gestärkt (http://www.
2ndflcenter.tw/). Seit 2005 befindet sich die Planung und Durchführung
zweiter Fremdsprachen im Schulbereich in einer dritten Phase.
Die folgende Tabelle gibt
einen Überblick über die numerische Entwicklung der Schulen, Kurse und
Lernerzahlen im Zeitraum 1999-2007:
|
Schuljahr
|
1999
|
2007
|
|
|
Sprachen
|
Schulen
|
Kurse
|
Lernerzahl
|
Schulen
|
Kurse
|
Lernerzahl
|
Vergleich
|
|
Japanisch
|
47
|
233
|
8.302
|
181
|
668
|
23.292
|
14.990
|
|
Französisch
|
24
|
54
|
1.739
|
65
|
129
|
3.724
|
1985
|
|
Deutsch
|
16
|
29
|
881
|
21
|
32
|
941
|
60
|
|
Spanisch
|
6
|
7
|
200
|
25
|
34
|
942
|
742
|
|
Koreanisch [12]
|
2
|
2
|
39
|
8
|
10
|
261
|
222
|
|
Latein
|
1
|
1
|
14
|
1
|
1
|
21
|
7
|
|
Russisch
|
1
|
1
|
23
|
2
|
3
|
81
|
58
|
|
Gesamt
|
97
|
327
|
11.198
|
303
|
877
|
29.262
|
18.064
|
Tabelle
4: Tertiärsprachenlernen (L3) an Senior High Schools im Zeitraum 1999-2007
-11
Die
Diversifizierung des institutionellen Fremdsprachenlernangebots im
Sekundarschulbereich erfolgte im Zeitraum Juli 1999 bis Dezember 2007 an
insgesamt 303 Schulen. Aus der tabellarischen Übersicht kann entnommen werden,
dass Japanisch und Spanisch in diesem Zeitraum an Schulen und Lernerzahlen
deutlich gewannen, während die Lernerzahlen für Deutsch weniger merklich
zunahmen. Im Jahre 2007 wurden landesweit 877 Kurse in den zweiten
Fremdsprachen angeboten. Insgesamt lernten 29.262 Schülerinnen und Schüler
Japanisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Koreanisch, Latein und Russisch. [13]
Das folgende Kreisdiagramm, das die Lernerzahlen von 2007 prozentual
wiedergibt, veranschaulicht grafisch die deutliche Dominanz des Japanischen
(80%) als zweite Schulfremdsprache in Taiwan. Alle anderen Fremdsprachen machen
zusammen nur ein Fünftel (20%) der Lernerschaft aus.

Abbildung
2: Prozentuale Angaben zum Lernen zweiter Fremdsprachen im Schuljahr 2007/08
Die
Zahlen für das Schuljahr 2008/09 liegen gegenwärtig noch nicht vor, allerdings
kann vermutet werden, dass europäische Fremdsprachen im Vergleich zum
Japanischen auch zukünftig weitaus weniger gelernt werden.
Wie
sich der Unterricht zweiter Fremdsprachen an allgemeinbildenden Schulen in
Taiwan entwickeln wird, ist bislang nicht absehbar, da die Schülerzahlen seit
der Einführung jährlich großen Schwankungen unterworfen sind. Dies ist
hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass den Fächern Deutsch, Französisch und
Spanisch an Schulen ein unterschiedlich bedeutsamer Stellenwert im Curriculum
beigemessen wird: Die Kurse werden entweder als Wahl- oder Pflichtkurse oder
als Arbeitsgemeinschaft angeboten, so dass Lerninhalte und -ziele beträchtlich
voneinander abweichen. Für den Übergang in die Hochschule spielt das Lernen
zweiter Fremdsprachen für das Gros der Lernerschaft in Bezug auf eine
curriculare Verzahnung oder einer Anrechnung von Leistungspunkten in der Regel
keine gewichtige Rolle. Eine Ausnahme stellt das Lernen des Japanischen dar.
Das Studium der japanischen Sprache kann an jeder Hochschule weiter fortgeführt
werden, während dies bei europäischen Sprachen nicht immer der Fall ist. Das
Lernumfeld und der Kontakt zur japanischen Sprache und zum Nachbarland Japan
sind im Vergleich zu den europäischen Zielfremdsprachen wesentlich größer. Auch
die zur Verfügung stehenden Lehr- und Lernmaterialien für Japanisch
(insbesondere für das Selbststudium) sind in Taiwan einfacher und preiswerter
erhältlich. Die in Taiwan verbreitete Auffassung, dass es für diese spezifische
Zielgruppe jugendlicher Lerner kaum themen- und altersangemessene Lehr- und
Lernmaterialien für DaF gäbe, ist nicht legitim und muss meines Erachtens im
Hinblick auf die im gegenwärtigen Büchermarkt vorhandenen überregionalen
Lehrwerke zurückgewiesen werden. Neben regionalen Lehrwerken können
überregionale Materialien ebenso im schulischen Fremdsprachenunterricht Taiwans
adaptiert werden, wenn sie bei der didaktisch-methodischen Vermittlung
situative und spezifische Aspekte innerhalb der homogenen Lernerschaft
mitberücksichtigen. Ein weiterer wichtiger Aspekt, der bei der Planung des
Lehrens und Lernens zweiter Fremdsprachen im institutionellen Kontext künftig
geklärt werden muss, ist die fachliche Ausbildung professioneller Lehrkräfte
sowie deren Integrierung und Festanstellung im sekundären schulischen Bildungsbereich.
-12-
2.3 Tertiärer Bildungsbereich
Das
Lehren und Lernen des Deutschen als Fremdsprache in Taiwan blickt auf eine über
vierzigjährige Tradition zurück. Im Laufe eines halben Jahrhunderts wurden im
Hochschulbereich fünf eigenständige Abteilungen und im Rahmen von zwei
Europaabteilungen zwei deutsche Sektionen ins Leben gerufen, die die deutsche
Sprache in Forschung und Lehre als Schwerpunkt haben. Im Folgenden soll ihr
Profil skizziert werden:
Das
Institut für Deutsch der Chinese Culture University (PCCU) (http://www2.pccu.edu.tw/CRGAGL/)
wurde 1964 in Taipei gegründet. Die Abteilung verfügt über ein
Graduierteninstitut, an dem der Master absolviert werden kann. Die Schwerpunkte
der Abteilung liegen in der Vermittlung der deutschen Sprache sowie der
deutschen Literatur und Linguistik. Auch Fachdidaktik DaF für künftige
Deutschlehrer wird angeboten.
Die
Abteilung für deutsche Sprache und Literatur der Fu Jen Catholic
University (FJU) (http://www.de.
fju.edu.tw/) existiert seit 1967 in Taipei, das Graduierteninstitut für
Deutsche Sprache und Literatur seit 1974. Ursprünglich wurde das
Studienprogramm des Instituts insbesondere zur Ausbildung von Lehrkräften für
Deutsch an höheren Schulen konzipiert. Im Laufe der Jahre haben sich die
Schwerpunkte auf die deutsche Sprache und Literatur sowie Übersetzen/Dolmetschen
verlagert.
Im
Rahmen der Fremdsprachenabteilung wird die deutsche Sprache seit 1962 an der
Soochow University (SCU) (http://www.scu.edu.tw/deutsch/)
in Taipei unterrichtet. Seit 1975 besteht die Abteilung für deusche Sprache
und Literatur, die im Jahre 1997 ihre Bezeichnung änderte und sich seither Abteilung
für deutsche Sprache und Kultur nennt; seit 2002 existiert ein
Graduierteninstitut. Ab dem dritten Studienjahr bietet der Studiengang drei
Stränge zur Spezialisierung an: Literatur und Linguistik, Geistes- und Sozialwissenschaften
sowie Deutsch für Wirtschaft und Industrie.
Die
Abteilung für deutsche Sprache der Tamkang University (TKU) (http://www2.tku.edu.tw/~tfgx/chinese.htm)
wurde 1963 (anfangs innerhalb der Fremdsprachenabteilung und 1975 als
eigenständige Abteilung) in Taipei gegründet. Die Abteilung bietet neben
sprachbezogenen Kursen in DaF auch Seminare zur deutschen Literatur und
Literaturgeschichte an. Sie betont in ihrem Studiengang die Sprache und
Kultur/European Studies.
Das
Institut für Angewandtes Deutsch der National Kaohsiung First University
of Science and Technology (NKFUST) (http://www.ifad.nkfust.edu.tw/)
wurde 1997 in der südtaiwanischen Hafenstadt Kaohsiung etabliert. Schwerpunkte
bilden Wirtschaftsdeutsch und Englisch sowie die Vermittlung von
Fachkenntnissen im betriebswirtschaftlichen Bereich und in der Angewandten
Informatik. Seit 2000 existiert ein Master-Studiengang mit Fokus auf „DaF“ und
„Dolmetschen/Übersetzen“.
Das
Wenzao Ursuline College of Languages (WTUC) (http://www2.wtuc.edu.tw/german/)
nimmt bei der Sprachausbildung in Taiwan eine besondere Stellung ein.
Interessenten können sich unmittelbar nach Abschluss der Junior High School
für eine fünfjährige Ausbildung bewerben. Von den Absolventen führt jährlich
ein Teil seine Studien an den Deutschabteilungen der Hochschulen fort. [14]
Im Jahre 1999 wurde die bis dahin fünfjährige berufsbildende Fachschule vom
Erziehungsministerium als College eingestuft. Seitdem besteht für Schulabgänger
der Senior High School die Möglichkeit, am WTCU ein vierjähriges
hochschulvergleichbares Studium zu absolvieren und mit dem Bachelorgrad abzuschließen.
Das WTCU bietet seit 1966 Deutschkurse an. Seit 1998 existiert die Abteilung
für deutsche Sprache, an der landesweit die meisten Studierenden Deutsch als
Hauptfach lernen. Neben Deutsch werden die Fremdsprachen Englisch, Französisch,
Spanisch und Japanisch gelehrt.
Seit
2005 existiert auf dem Campus das Informations- und Selbstlernzentrum
Deutsch (http://germanilz.
wtuc.edu.tw/) ein Kooperationsprojekt des WTUC mit dem Deutschen
Kulturzentrum. Informationsdienste, Bücher und verschiedene Medien werden
in der Bibliothek zur Verfügung gestellt. Weiterhin werden regelmäßig
Veranstaltungen organisiert, um einen Beitrag zum Kulturaustausch im Süden der
Insel zu leisten. Hauptaufgabe ist die Förderung und Vermittlung der deutschen
Sprache und Kultur.
-13-
Die
Abteilung für europäische Sprachen der Da Yeh University (DYU) (http://www.dyu.edu.tw/~euld/) in Changhua
(Zentraltaiwan) wurde 2004 ins Leben gerufen und besteht aus einer
französischen und einer deutschen Sektion. Die Anzahl der vergebenen
Studienplätze wird auf beide Sprachen aufgeteilt, sodass mit höchstens 30 Studierenden
pro Sektion in einem Studienjahrgang gerechnet werden kann. Neben der deutschen
Sprache müssen die Studierenden parallel Kurse in Wirtschaft, Politik,
Literatur oder Fremdsprachendidaktik belegen. Die Spezialisierung soll in der
Lehre eine Kombination aus Sprach- und Fachwissen gewährleisten.
Das
Programm für europäische Sprachen der National Chengchi University
(NCCU) (http://upel.nccu.edu.tw/) wurde
2006 in Taipei gegründet. Es ist in drei Sektionen mit den Sprachen
Französisch, Spanisch und Deutsch gegliedert. Die Anzahl der Studierenden in
einem Studienjahrgang beträgt jeweils ca. 20 pro Sprache. Neben dem Erwerb der
deutschen Sprache und Kultur müssen die Studierenden im Rahmen des English
Honor Program Pflichtkurse zur englischen Sprache belegen. Neben dem
Hauptfach werden im Allgemeinen als zweites Hauptfach oder als Nebenfach
Seminare anderer Fächer, die von anderen Fakultäten angeboten werden (z.B.
Politik, Wirtschaft, Literaturwissenschaft, Soziologie, Psychologie,
Rechtswissenschaft etc.), belegt. Seit 2006 existiert ein Master-Studiengang
für europäische Studien, an der Erwerbstätige zur Fortführung ihrer Studien am
Abend und am Wochenende Seminare belegen können. Studierende anderer
Fakultäten, die im Rahmen ihres fachfremden Studiums eine europäische Sprache
lernen, können bei erfolgreicher Teilnahme der Kurse German/French/Spanish 1-3
(18 Credits in 6 Semester) ein Sprachenzertifikat des Instituts
erhalten.
2.4 Quartärer Bildungsbereich
Neben
den Hochschulen existieren im außeruniversitären Bereich Möglichkeiten der
Weiterbildung in Deutsch als Fremdsprache. Im Folgenden sollen vier
Institutionen vorgestellt werden:
Als
lokaler Repräsentant des Goethe-Instituts ist die Hauptaufgabe des 1963
in Taipei gegründeten Deutschen Kulturzentrums (DKZ) (http://www.dk-taipei.org.tw/zh-tw/)
die Vermittlung der deutschen Sprache und Kultur. Als deutsche Institution, die
im außeruniversitären Bereich mit dem Unterricht in Deutsch als Fremdsprache befasst
ist, erhält das DKZ die notwendigen Zuschüsse vom Auswärtigen Amt. Das Deutsche
Kulturzentrum ist in die Abteilungen Sprache, Kultur und Information
unterteilt. Während die Sprachabteilung für die Sprachkurse, die Abnahme der
Sprachprüfungen (Start Deutsch 1 und 2; ZD; Goethe-Zertifikat B2; Zertifikat
Deutsch für den Beruf; TestDaF) und Lehrerfortbildungen zuständig ist,
fördert die Abteilung Kulturprogramme den kulturellen Austausch zwischen Taiwan
und Deutschland. Das Informationszentrum verfügt über eine Bibliothek und
Mediothek und ist für alle Anfragen zum Thema Deutschland verantwortlich. Im
Jahr 2004 verzeichnete das DKZ mit ca. 3.500 Kursteilnehmern (größtenteils Studenten)
einen Rekord bei den Einschreibzahlen (vgl. Gerbig 2007).
Das
Language Training and Testing Center (LTTC) (http://www.lttc.ntu.edu.tw/) wurde 1951
ins Leben gerufen. Es befindet sich auf dem Campusgelände der National
Taiwan University in Taipei und ist seit 1986 beim Erziehungsministerium
als kulturelle und erzieherische Stiftung registriert. Das LTTC bietet Kurse in
Englisch, Japanisch, Französisch, Spanisch und Deutsch an. Pro Semester lernen
dort ca. 2.200 Personen, davon 70% Englisch, 20% Japanisch und 10% Französisch,
Spanisch oder Deutsch. Neben diversen Sprachprüfungen für die englische und
japanische Sprache, wird auch im Namen des TestDaF-Instituts die TestDaF-Prüfung
durchgeführt.
Das
Spracheninstitut des Verteidigungsministeriums der Republik China (Language
Institute of the Ministry of National Defense R.O.C.) (http://www.mnd.gov.tw/English/publish.aspx?cnid=498&p=20527),
gegründet 1952, stellt auf Grund seiner Zugehörigkeit zum Militär einen
Sonderfall dar. Am Spracheninstitut können Offiziere gegenwärtig Japanisch,
Koreanisch, Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Russisch und Arabisch
lernen. Die Offiziere sollen nach Abschluss der Sprachkurse an
Austauschprogrammen im Ausland teilnehmen und dort weiterführende Studien
aufnehmen. Als Fachleute für Übersetzung kehren sie direkt in die Einheiten
zurück. Fachleute für juristische Aufgaben bevorzugen für ihre weiterführenden
Studien oft die Länder Japan oder Deutschland.
-14-
3. Organisationen zur Förderung der deutschen
Sprache
3.1 Deutscher Akademischer Austauschdienst
Im
Rahmen seines Lektorenprogramms vermittelt und fördert der Deutsche
Akademische Austauschdienst (DAAD) (http://www.daad.de/de/index.html)
aus Mitteln des Auswärtigen Amtes über 500 Lektorinnen und Lektoren an
Universitäten in mehr als 90 Ländern. Hauptanliegen ist die Förderung der Germanistik
und das Fach DaF an ausländischen Hochschulen, die Vermittlung und Vertiefung
von Kenntnissen über die deutsche Kultur, Gesellschaft, Geschichte und Politik
sowie die Information und Beratung ausländischer Wissenschaftler und
Studierende über Studium, Lehre und Forschung in Deutschland und die
Information über Stipendien- und Kooperationsmöglichkeiten mit deutschen
Hochschulen. In besonderen Fällen werden Lektorate auch in anderen Fachgebieten
(z.B. Wirtschaftswissenschaften, Geschichte, Rechtswissenschaften) angeboten.
Einzelne Lektorate sind mit der Leitung eines DAAD-Informations- oder Kulturzentrums
verbunden.
Die
DAAD-Lektoren in Taiwan werden fast ausschließlich an den Abteilungen und
Instituten mit Schwerpunkt Deutsch eingesetzt, die grundständige
Deutsch-Studiengänge anbieten (eine Ausnahme bildet das IC-Lektorat). Neben den
oben aufgeführten Aufgaben umfassen die Aufgaben der Lektoren der
Deutschabteilungen auch den Unterricht in den verschiedenen Jahrgängen, die
Mitgestaltung an den Magister-Studiengängen, die Verwaltung und Erweiterung
eines DAAD-Handapparats sowie studienbegleitende Aktivitäten.
Drei
LektorInnen nehmen die Aufgaben des DAAD in der Republik China auf Taiwan wahr.
Die Lektorate befinden sich an der National Taiwan University
(IC-Lektorat), Fu Jen Catholic University und National Kaohsiung
First University of Science and Technology. (Eine Übersicht zu den
DAAD-Lektoren in der VR China und Taiwan ist unter der folgenden Adresse
abrufbar: http://www.daad.org.cn/1_4_1.htm,
Stand: 13.01.2009).
3.2 Germanisten- und Deutschlehrerverband Taiwan
Der
Germanisten- und Deutschlehrerverband Taiwan (GDVT) (http://www.gdvt.org.tw/de_index.html)
wurde im Oktober 1992 gegründet. Seither besteht er laut Bescheid des
Ministeriums als eingetragener Verein mit einer eigenständigen Satzung. Alle
Abteilungen und Institute, die sich mit dem Lehren und Lernen des Deutschen als
Fremdsprache in Taiwan beschäftigen sind in diesem Verband organisiert. Dem
Verband gehörten 2008 insgesamt 89 Mitglieder an. Ziele und Aufgaben des
Verbandes sind 1) die Förderung von Forschung und Lehre auf dem Gebiet der
deutschen Sprache, Literatur und Kultur, 2) die interkulturelle
Verständigungsarbeit, 3) die Unterstützung der fachgerechten Fortbildung für
Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer in Taiwan sowie der Auf- und Ausbau
nationaler und internationaler Kontakte. Der GDVT pflegt im ostasiatischen Raum
mit folgenden Partnerverbänden eine enge Zusammenarbeit: Chinesische
Gesellschaft für Germanistik (CGG) (keine Internet-Präsenz vorhanden), Japanische
Gesellschaft für Germanistik (JGG) (http://www.jgg.jp/index.php?easiestml_ lang=ge)
und die Koreanische Gesellschaft für Germanistik (KGG) (http://kgg.german.or.kr/). 1994 wurde dem
Verband, gegen den zähen Widerstand der Vertreter der VR China, die
Mitgliedschaft im Internationalen Deutschlehrerverband (IDV) (http://www.idvnetz.org/) eingeräumt.
Im
Herbst jeden Jahres organisiert der GDVT neben seiner ordentlichen
Mitgliedervollversammlung eine Tagung mit Fachbeiträgen für die Bereiche
Linguistik, Didaktik, Literatur und Kultur zu einem von den Mitgliedern bestimmten
Rahmenthema. Zu der Tagung werden ebenso Vortragende aus deutschsprachigen
Ländern und aus den Partnerverbänden eingeladen. Ebenso regelmäßig findet unter
der Führung des Verbandes zweijährig im Frühjahr ein Germanistik-Symposium
statt, zu dem der Verband Fachleute aus dem Ausland sowie wissenschaftlich qualifizierte
Redner und Moderatoren aus den eigenen Reihen einlädt. Die Symposienbeiträge
werden von der mit der Durchführung betrauten universitären Institution in den Dokumentationsbänden
der Internationalen Symposien für deutsche Literatur und Sprache
publiziert. Der Verband veröffentlicht neben den Tagungsbänden regelmäßig die
referierten Deutsch-taiwanischen Hefte.
-15-
4. Rahmenbedingungen des universitären
Deutschunterrichts
4.1 Zulassung zum Hauptfachstudium DaF
Bevor
Schülerinnen und Schüler in Taiwan ihr Studium an einer Hochschule beginnen,
müssen sie eine universitäre Zulassungsprüfung bestehen. Die nachstehende
Grafik gibt einen Überblick über die Anzahl der Studienbewerber im 15-jährigen
Zeitraum von 1994 bis 2008:

Abbildung
3: Anzahl der registrierten Prüfungskandidaten für die JUEE (Feb. 1994-2008) [15]
In
Taiwan nehmen seit dem Jahr 2000 jährlich mehr als 100.000 Studienbewerber an
den universitären Zugangsprüfungen teil. Seit 2003 hat sich die Zahl der Studienbewerber
nochmals um knapp 5.000 erhöht (2008: 150.014). Während in den 1990er Jahren
rund 60% der Kandidaten die Prüfungen bestanden, liegt die Erfolgsquote heute
bei knapp 90%.
Am
Ende des dritten Jahres der Senior High School mussten bis zum Jahre 2001
alle Schülerinnen und Schüler an den seit 1954 organisierten Joint
University Entrance Examination (JUEE) [16]
teilnehmen, wenn sie eine Hochschule besuchen wollten. Diese werden mit zentral
ausgearbeiteten Prüfungsaufgaben veranstaltet und stellten bis vor einigen
Jahren noch die einzige Zugangsmöglichkeit zu einer Universität dar:
The Joint University Entrance Examination (JUEE) 大學聯考 had been in use for 48 years. Starting in SY2002, as
part of educational reforms, it was replaced by a new system, the Multi-route
Promotion Program for College-bound Seniors 大學多元入學方案, which offers two channels of entry: admission by
screening 甄選入學 and admission through examination and placement 考試分發. Students who choose admission by screening may apply
individually to the colleges they wish to attend, or receive recommendations
from their own senior high school. Each senior high school has a quota of
students it can recommend. Either way, such students must first take the
General Scholastic Ability Test (GSAT) 學科能力測驗. Admission through examination and placement is a new
version of the JUEE. Students who choose this channel of entry are required to
take the Department Required Test 指定科目考試. They may also need to take the GSAT, depending on the
requirements of the individual college or university (Government Information
Office 2008 [17]).
Die
reformierten zentralen Zulassungsprüfungen für Hochschulen müssen immer noch
von nahezu allen Studienbewerbern abgelegt werden, wenn sie an einer
Universität studieren möchten. In den Prüfungen werden Inhalte der Fächer
Chinesisch (120 Min.), Mathematik, Natur- und Gesellschaftswissenschaften sowie
Englisch (jeweils 100 Min.) abgefragt. Die Lehre von den Drei
Volksprinzipien (Nationalismus, Demokratie und Volkswohl) wird 2009 in den
zentralen Zulassungsprüfungen nicht mehr getestet. [18] Die
Prüfungsinhalte der reformierten Zulassungsprüfungen im Englischen ähneln denen
der JUEE: Sie fokussieren in erster Linie auf Grammatik, Leseverstehen und Wortschatz.
Kommunikative, auditive und sprachkreative Elemente sind für die ausschließlich
schriftlichen Prüfungen irrelevant. Die erbrachten Leistungen in den Prüfungen
entscheiden, ob die Schülerinnen und Schüler eine staatliche oder private
Hochschule, ein College oder eine Abend-Universität besuchen. Während der
Schulzeit erbrachte Leistungen werden nicht angerechnet, d.h. die Schulnoten an
der Senior High School sind für den Hochschulzugang ohne Belang. Die
dreitägigen Eignungsprüfungen finden anderes als bei der JUEE, zweimal
jährlich– Anfang Februar und Juli – statt. [19]
Sie dürfen von den Kandidaten beliebig oft wiederholt werden. Die Absolventen
berufsbildender Schulen sind ebenso berechtigt, an den Zulassungsprüfungen
teilzunehmen. Auf Grund ihrer praktisch orientierten Schulbildung sind ihre
Chancen, eine hohe Punktzahl bei den Prüfungen zu erzielen, wesentlich
geringer.
-16-
Die
folgende Tabelle gibt einen Überblick über die benötigten Punktzahlen für die
Zulassung zu einem Hauptfachstudium zweiter Fremdsprachen (ohne Englisch [20])
an taiwanischen Universitäten.
|
Punkte
|
Hochschule
|
Fremdsprache
|
Männlich
|
Weiblich
|
Gesamt
|
|
449,17
|
National Taiwan University
|
Japanisch
|
11
|
39
|
50
|
|
432,17
|
National Chengchi University
|
Arabisch
|
7
|
27
|
34
|
|
428,97
|
National Chengchi University
|
Japanisch
|
6
|
19
|
25
|
|
427,54
|
National Chengchi University
|
Französisch [21]
|
4
|
10
|
14
|
|
426,91
|
National Chengchi University
|
Spanisch
|
3
|
14
|
17
|
|
425,05
|
National Chengchi University
|
Deutsch
|
3
|
15
|
18
|
|
420,18
|
National Chengchi University
|
Koreanisch
|
2
|
20
|
22
|
|
418,70
|
National Chengchi University
|
Russisch
|
7
|
38
|
45
|
|
411,58
|
National Central University
|
Französisch
|
5
|
23
|
28
|
|
411,32
|
National Chengchi University
|
Türkisch
|
5
|
19
|
24
|
|
356,18
|
Tamkang University
|
Französisch
|
12
|
68
|
80
|
|
341,75
|
Fu Jen Catholic University
|
Japanisch
|
22
|
90
|
112
|
|
335,36
|
Soochow University
|
Japanisch
|
27
|
119
|
146
|
|
328,14
|
Tamkang University
|
Deutsch
|
9
|
36
|
45
|
|
323,64
|
Soochow University
|
Deutsch
|
7
|
47
|
54
|
|
317,86
|
Tunghai University
|
Japanisch
|
17
|
70
|
87
|
|
313,98
|
Tamkang University
|
Japanisch
|
31
|
85
|
116
|
|
291,57
|
Ming Chuan University
|
Japanisch
|
21
|
75
|
96
|
|
288,50
|
Chinese Culture University
|
Koreanisch
|
7
|
33
|
40
|
|
276,64
|
Providence University
|
Japanisch
|
39
|
46
|
85
|
|
273,56
|
Tamkang University
|
Spanisch
|
22
|
70
|
92
|
|
270,25
|
Shih Hsin University
|
Japanisch
|
13
|
27
|
40
|
|
268,07
|
Chang Jung University
|
Japanisch
|
8
|
29
|
37
|
|
260,93
|
Fu Jen Catholic University
|
Deutsch
|
11
|
35
|
46
|
|
255,24
|
Fu Jen Catholic University
|
Französisch
|
7
|
41
|
48
|
|
250,92
|
Chinese Culture University
|
Französisch
|
11
|
33
|
44
|
|
249,38
|
I-Shou University
|
Japanisch
|
12
|
27
|
39
|
|
248,66
|
Da Yeh University
|
Japanisch
|
28
|
39
|
67
|
|
248,60
|
Fu Jen Catholic University
|
Spanisch
|
9
|
39
|
48
|
|
248,52
|
Chinese Culture University
|
Japanisch
|
19
|
83
|
102
|
|
242,67
|
Tamkang University
|
Russisch
|
13
|
27
|
40
|
|
240,59
|
Kai Nan University
|
Japanisch
|
27
|
44
|
71
|
|
222,65
|
Chinese Culture University
|
Deutsch
|
10
|
32
|
42
|
|
221,44
|
Chinese Culture University
|
Russisch
|
6
|
33
|
39
|
|
217,39
|
Fu Jen Catholic University
|
Italienisch
|
7
|
36
|
43
|
|
214,40
|
Chung Hua University
|
Japanisch
|
16
|
31
|
47
|
|
205,55
|
Da Yeh University
|
Deutsch (24)
|
6
|
18
|
50
|
|
Französisch (26)
|
2
|
24
|
|
177,62
|
Ming Dao University
|
Japanisch
|
31
|
43
|
74
|
|
168,23
|
Aletheia University
|
Japanisch
|
16
|
32
|
48
|
|
163,21
|
Providence University
|
Spanisch
|
14
|
60
|
74
|
|
150,62
|
Di Wan University
|
Japanisch
|
11
|
6
|
17
|
|
101,24
|
Hsing Kuo University
|
Japanisch
|
12
|
26
|
38
|
|
98,46
|
Leader University
|
Japanisch
|
33
|
64
|
97
|
|
– [22]
|
National Kaohsiung First University of Science and
Technology
|
Deutsch
|
8
|
49
|
57
|
|
–
|
Wenzao Ursuline College of Languages
|
Deutsch
|
17
|
81
|
98
|
Tabelle
5: Mindestpunktzahlen für die Zulassung zu einem Studienplatz für L3 im
akad. Jahr 2008/09 [23]
-17-
Aus
der Tabelle kann entnommen werden, dass die staatlichen Universitäten (National
Taiwan University und National Chengchi University) im Ranking
eindeutig die vorderen Plätze für sich beanspruchen. Es wird ebenso deutlich,
dass eine Zulassung für die in Taiwan proportional weniger gelernten Fremdsprachen
wie Arabisch, Russisch und Türkisch an der renommierten National Chengchi
University eine weitaus höhere Punktzahl bei den Prüfungen erfordern, als
beispielsweise Studienplätze für Deutsch, Französisch oder Spanisch an den
privaten Hochschulen.
Bei
einigen Abteilungen muss dem von den einzelnen Abteilungen geforderten
Prüfungsniveau in bestimmten Prüfungsfächern entsprochen werden. Auf
Anforderung der Abteilung kann eine besondere prozentuale Gewichtung bestimmter
Prüfungsfächer (bei den Fremdsprachenabteilungen in der Regel Chinesisch, Englisch
und Geschichte) durch Zusatzpunkte vorgeschrieben sein. Dies wird gerne von den
privaten Hochschulen praktiziert, um im Ranking eine hohe Mindestpunktzahl
„vorzutäuschen“. Aber auch einige Abteilungen öffentlicher Universitäten machen
davon Gebrauch: So hat es lediglich den Anschein, dass an der National
Chengchi University für Arabisch (432,17) eine höhere Mindestpunktzahl bei
den universitären Aufnahmeprüfungen erwartet wird als für Japanisch (428,97).
Jede
Universität und jede Abteilung legt eine Mindestpunktzahl für die Zulassung
fest. Da die Mindestpunktzahl an den staatlichen Universität wesentlich höher
ist als an den privaten Universitäten hat dies zur Folge, dass bei den
Überlegungen der meisten taiwanischen Studierenden und Eltern das Renommee der
Universität ein wesentlich größeres Gewicht hat als das eigentlich gewünschte
Studienfach. Neben dem Ansehen spielen auch die im Vergleich zu privaten
Hochschulen wesentlich geringer ausfallenden Studiengebühren an öffentlichen
Hochschulen eine wichtige Rolle.
Die
Anzahl der zur Vergabe stehenden Studienplätze jeder Abteilung wird vom
Erziehungsministerium auf Antrag der Abteilungen festgelegt. Die Bewerber mit
den höchsten Punktzahlen werden entsprechend den offenen Studienplätzen
zugelassen. Nachdem den Kandidaten ihre erzielte Punktzahl mitgeteilt wird,
werden die gewünschten Abteilungen der Hochschulen in eine „Studienwunschkarte“
eingetragen. In der Regel werden von den Studienbewerbern mehr als 50 Fächer
auf der Liste vermerkt. Bei einem derart großen Spektrum an gewünschten Fächern
tritt selbstverständlich nicht unbedingt ein Auswahlverhalten zu Tage, das sich
an die persönlich gewünschte Fachrichtung orientiert. Vielmehr werden
Strategien im Sinne einer geschickten Platzierung zur allgemeinen Chancenverbesserung
angewandt (vgl. Lohmann 1996: 174).
Auf jeden Fall ist eine kluge Wahl notwendig,
denn wenn der Teilnehmer hoch pokert und nur sehr gefragte Fächer bzw.
Abteilungen auswählt, aber letztlich für alle Fächer auf seiner Wunschkarte die
geforderten Punktzahlen und Mindestniveaus nicht erreicht, geht er bei der
Verteilung der Studienplätze komplett leer aus, auch wenn seine Punktzahl für
einige weniger gefragte Fächer gut ausgereicht hätte, und muss auf die Prüfung
des folgenden Jahres hoffen (Lohmann 1996: 90f).
In
Bezug auf das Lernen fremder Sprachen wird das Englische in der Regel
tendenziell bevorzugt. Das Gros der taiwanischen Studienbewerber erhofft sich
einen Studienplatz an einer renommierten staatlichen Elite-Hochschule. Die
höchsten Mindestpunktzahlen werden im Allgemeinen an den englischen Abteilungen
der staatlichen Hochschulen gefordert. Dies führt dazu, dass viele Studierende
Deutsch als Hauptfach lernen, obwohl sie eigentlich viel lieber Englisch oder
Japanisch lernen würden. Die Auswahl der Zielfremdsprache ist den Studierenden
nicht immer selbst überlassen, da die Wünsche der Eltern, Geschwister,
Verwandten und Lehrer eine bestimmte Fremdsprache zu lernen, bei der Entscheidung
für das Studienfach in Taiwan entscheidend mitwirken (vgl. Lay 2004: 351).
Diese Faktoren schlagen sich negativ auf die motivationale Ausgangslage der
Studierenden, da Deutsch oft kein Wunschfach darstellt.
Neben
den zentralen Zulassungsprüfungen für Hochschulen besteht die Möglichkeit, an
den seit 1994 im kleinen Rahmen stattfindenden Auswahlprüfungen für Begabte (Academic
Attainment Testing, AAT) teilzunehmen, wo eine durch Vorprüfung selektierte
Personengruppe direkt an den Instituten der Hochschulen geprüft werden kann.
Nach einer schriftlichen Aufnahmeprüfung erfolgt ein mündliches Auswahlgespräch,
indem die Studienbewerber selektiert werden. Schülerinnen und Schüler die
während ihrer Schulzeit fakultativ das Fach Deutsch belegten, können an einigen
Abteilungen und Instituten in einem mündlichen Vorstellungsgespräch ihre
Deutschkenntnisse in Form von Bonuspunkten anrechnen lassen (z.B. an der National
Chengchi University). Erfahrungsberichten zufolge sind diese Studierenden
in der Regel fachlich motivierter und im Hinblick auf relevante
Fachvorkenntnisse besser qualifiziert als diejenigen, deren Zulassung über die
zentralen Auswahlprüfungen erfolgt (vgl. Loo 2003: 253). Ebenso sollen kurz die
Quereinsteiger vom Wenzao Ursuline College of Languages erwähnt werden,
die in Bezug auf die Bewerbung um einen Studienplatz im zweiten bzw. dritten
Studienjahr eine besondere Gruppe bilden.
-18-
4.2 DaF im Hauptfachstudium
Taiwanische
Universitätsjahrgänge sind anders als in der Bundesrepublik im Hinblick auf das
Alter verhältnismäßig homogen. In geschlechtsspezifischer Hinsicht dominiert in
den Fremdsprachenfakultäten eindeutig der weibliche Anteil. Zu Beginn des
Studiums sind die Studierenden in der Regel 18 oder 19 Jahre alt und weisen im
Allgemeinen einen mittelständischen Familienhintergrund auf. Im Jahre 2005
waren ca. 1.650 Studenten mit Schwerpunkt DaF an Hochschulen eingeschrieben
(siehe StADaF 2006: 9). Die Anzahl der DaF-Studierenden dürfte mittlerweile
angesichts der Etablierung zwei neuerer Europaabteilungen zugenommen haben.
Das
Studium der deutschen Sprache gliedert sich in zwei Abschnitte: In den ersten
beiden Studienjahren (Grundstudium) werden die Grundfertigkeiten Hören,
Sprechen, Lesen und Schreiben anhand unterschiedlicher regionaler und
überregionaler Lehrwerke vermittelt. In der Regel werden die Klassen in zwei
Gruppen geteilt, um dadurch bessere Lehr- und Lernerfolge erzielen zu können.
Neben den Sprachkursen werden im Allgemeinen (ab dem 2. Studienjahr) parallel
Lehrveranstaltungen zur deutschen Literaturgeschichte und Kulturgeschichte
besucht. Die Symbiose aus Sprach- und Fachkenntnissen anderer Fächer soll die
Zukunftsperspektiven auf dem Arbeitsmarkt erhöhen. Im dritten und vierten
Studienjahr (Hauptstudium) kommen Seminare zur deutschen Literaturwissenschaft,
Geschichte, Kultur und Gesellschaft, Erziehungswissenschaft oder berufsbezogene
Seminare zu Wirtschaft und Außenhandel hinzu. Die überwiegende Mehrheit der
Studierenden schließt nach vier Studienjahren (acht Semester) das relativ stark
verschulte Studium mit dem akademischen Grad Bachelor of Arts ab und
erreicht im Allgemeinen gemäß GER das Sprachniveau B2-C1. An den Abteilungen
und Instituten mit Schwerpunkt Deutsch werden in der Regel Seminare zur
deutschen und europäischen Literatur angeboten. Da es sich hierbei eher um
Einführungsveranstaltungen handelt, kann im strengen Sinne von keiner Auslandsgermanistik
sui generis die Rede sein. Das intensive Studium der deutschen Literaturwissenschaft,
Linguistik und Übersetzungswissenschaft wird erst an den Graduierteninstituten
betrieben. Wenn die Studierenden die Aufnahmeprüfung auf eines der Graduierteninstitute
meistern (Chinese Culture University, Fu Jen Catholic University,
Soochow University, National Kaohsiung First University of Science
and Technology, National Chengchi University), können sie nach
weiteren drei Jahren in Form einer mündlichen Prüfung und einer schriftlichen
Hausarbeit den akademischen Grad Master of Arts erwerben. Streben die
Studierenden ein Doktoratsstudium an, so muss die Promotion im Ausland abgelegt
werden.
Neben
dem intensiven Sprachstudium ist es mittlerweile an vielen Universitäten mit
Deutsch als Hauptfach Tradition, gemeinsam mit anderen Abteilungen der
Fremdsprachenfakultät im Rahmen einer „europäischen Woche“, die
deutschsprachigen Länder auf dem Campus vorzustellen. Ebenso finden an einigen
Hochschulen unter der Betreuung von einheimischen und ausländischen Dozenten
regelmäßig Theateraufführungen (z.B. an der Fu Jen Catholic University, Soochow
University, Wenzao Ursuline College of Languages) der entsprechenden
Abschlussjahrgänge statt. Jedes Jahr werden unter den Studierenden aller
Deutsch- und Europaabteilungen im Rahmen des landesweit organisierten Rheinpokals
Sprachwettbewerbe (u.a. in den Kategorien „Vorlesung“, „Vortrag“, „Singen“,
„Theateraufführung“ etc.) ausgetragen.
4.3 DaF als Nebenfach, Wahl- oder Pflichtkurs
Als
Nebenfach, Wahl- oder Pflichtkurs, in Fächerkombination mit einem anderen
Studiengang oder als Kurswahl bei berufsbegleitenden Fachstudiengängen sowie
als Nebenfach der Germanistik, einer Deutschlehrer- bzw. Dolmetscherausbildung
oder Deutschlandstudien in Kombination mit einem anderen Fach wurde Deutsch im
Jahre 2005 von etwa 3.550 Studierenden gelernt (StADaF 2006: 9).
Im
Zuge der steigenden Globalisierung in den späten 1990er Jahren machte das Erziehungsministerium
den Erwerb einer zweiten Fremdsprache an Universitäten verbindlich. Neben den
Abteilungen und Instituten mit Schwerpunkt Deutsch wird heute an ca. 20
weiteren Universitäten Deutsch als Nebenfach (Minor) und an vielen
Universitäten Deutsch als fakultatives Fach für Studierende anderer Fakultäten
unterrichtet. Es handelt sich hierbei entweder um Deutschkurse für Hörer
spezifischer Fakultäten oder um Kurse, die Hörern aller Fakultäten offen
stehen. Studierende der Fremdsprachenfakultäten müssen an einigen Universitäten
bis zu zwei Jahre lang eine oder zwei Fremdsprachen lernen, entweder müssen
Kurse in derselben Fremdsprache zwei Jahre lang oder Kurse in zwei
verschiedenen Fremdsprachen jeweils ein Jahr lang belegt werden. Diese
obligatorischen DaF-Kurse sind im Allgemeinen auf Grundstufenniveau angesiedelt
und für Studierende der Fremdsprachenfakultät fest in ihrer Studienordung
verankert. Für das Nebenfachstudium werden im Allgemeinen 22 Credits
benötigt, die gewöhnlich innerhalb von vier Semestern absolviert werden.
-19-
Die
Anzahl der Studierenden in den für alle Fakultäten zugänglichen Sprachkursen
ist innerhalb der Hochschulen starken Fluktuationen unterworfen. Diese Kurse
sind im Allgemeinen per Ankündigung in der Teilnehmerzahl auf rund 30-45 Lerner
beschränkbar, aber auf Grund der Servicefunktion für alle Fakultäten der
jeweiligen Universität und bei mangelnder Teilnehmerbeschränkung kann die
Klassenfrequenz auch 80 oder bis zu 120 Lerner betragen (vgl. Yang & Loo
2007). So lernten z.B. im SS 2008 an der National Taiwan University –
der renommiertesten Universität des Landes – 527 Studierende Deutsch, 385
Französisch und 210 Spanisch (vgl. Lay & Merkelbach, im Druck).
5. Motive und Funktionen des Deutschlernens
Von
zentralem Interesse ist die Frage, welche Zielsetzungen taiwanische Studierende
mit dem Erlernen des Deutschen verbinden. Die Entscheidung für das
zeitintensive Studium einer Fremdsprache kann unterschiedlich motiviert sein:
Es können sowohl berufsbezogene, ökonomische, politische als auch persönliche
Faktoren eine Rolle spielen. Welche dieser Faktoren sind nun in welchem Maße
für Deutschlerner in Taiwan kennzeichnend? In diesem Kontext kann zunächst
festgehalten werden, dass statistisch-repräsentative Studien in Bezug auf die
Sprachaneignungsziele für das Deutsche immer noch ein dringendes Desiderat
darstellen. Ich möchte an dieser Stelle auf einige wichtige Motive, Funktionen
und Zielsetzungen des Deutschlernens in Taiwan eingehen.
5.1 Deutschland- und Deutschenbild
In
Taiwan werden zu Studienbeginn eher geläufige stereotype Bilder von Deutschland
und den Deutschen reproduziert, die im Wesentlichen durch Geschichtsbücher und
medialer Berichterstattung evoziert werden, da das Gros der Studierenden in der
Regel vor Studienbeginn keinen Aufenthalt in Deutschland vorweisen kann.
Inwiefern sich diese im Laufe des Fremdsprachenstudiums ändern, kann nicht beantwortet
werden, da anderes als in den Nachbarländern VR China (Yang 2007a), Japan (vgl.
Grünewald 2005) und Südkorea (Hann 1985), in Taiwan keine abgesicherten
empirischen Befunde mit longitudinaler Ausrichtung vorliegen.
Ich
möchte an dieser Stelle kurz von persönlichen Erfahrungen, die sich einerseits
aus dem Unterricht und in Gesprächen mit Studierenden, aber auch im Austausch
mit Fachkollegen ergeben haben, berichten. Befragt man Studierende zu Beginn
des Studiums zum Thema so werden in Bezug auf Einstellungen und Vorstellungen
landesspezifischer Merkmale wie hoher Lebensstandard, gut ausgebautes Gesundheits-
und Sozialsystem, gutes Bildungswesen, Sauberkeit, landschaftliche Schönheit
und kultureller Reichtum gepriesen. Als Charaktereigenschaften der Deutschen
gilt Stärke, Sauberkeit, Ordnungsliebe, Rationalität, Intellektualität,
Wissenschaftsorientierung, Gründlichkeit, Fleiß, Arbeitseifer, Planungsgeist,
Zuverlässigkeit, Leistungsfähigkeit, Willensstärke, Gesetzesorientierung,
Obrigkeitsdenken, Ernst, Schweigsamkeit, Introvertiertheit, Distanziertheit,
Arroganz, Reserviertheit und Musikalität. Im Hinblick auf landeskundliche
Kenntnisse sind in den Bereichen Geografie, Geschichte, Gesellschaft und
Alltagsleben in Deutschland deutliche Wissenslücken erkennbar. Zum Deutschland-
und Deutschenbild kommen darüber hinaus klassische Stereotypen wie
beispielsweise der hohe Konsum von Brot, Wurst, Schweinshaxe, Sauerkraut, Bier
sowie sexuelle Toleranz und Freizügigkeit. Assoziativ wird Deutschland insbesondere
unter landschaftlichen und geografischen Aspekten als hochtechnisiertes,
organisiertes und wohlhabendes Industrie- und Exportland sowie sowohl klimatisch
als auch in seiner Mentalität als kaltes Land wahrgenommen. Häufig werden auch
die Themen Nationalsozialismus und Ausländerfeindlichkeit assoziiert. Insgesamt
verfügt Deutschland zu Studienbeginn bei den Befragten über große Sympathien,
die besonders in den Bereichen Technologie, wirtschaftliche Stärke und
Leistungen in Wissenschaft und Forschung lokalisiert sind.
5.2 Familie, Verwandte und Lehrer als Einflussgröße
Das
Lernen des Deutschen ist bei jungen Fremdsprachenlernern in Taiwan oft nicht
individuell motiviert. Taiwan ist wie China, Japan, Korea und Vietnam in
Staatsform und Gesellschaft seit Jahrhunderten konfuzianisch geprägt. Aus den
klassischen Tugenden des Konfuzianismus werden drei soziale Pflichten
abgeleitet: Loyalität, Verehrung und Pietät der Eltern und Ahnen sowie die
Wahrung von Anstand und Sitte. Sie sind in den hierarchischen „fünf
Beziehungen“ in der Familie, der Gemeinschaft und im Staatswesen zu erfüllen.
Familie, Verwandte und Lehrer haben einen entscheidenden Einfluss auf das
Wahlverhalten junger Fremdsprachenlerner. So wird oft bei Gesprächen mit
Studienanfängern deutlich, dass in der Regel das väterliche Engagement oder
Einflüsse seitens der Lehrer dazu führen, Deutsch im Studium als Hauptfach zu
lernen.
-20-
5.3 Mehrsprachigkeit
Die
erhöhte individuelle und berufliche Mobilität der Menschen, die Globalisierung
und grenzüberschreitende Migration, authentische Auslandsaufenthalte und
zahlreiche enge Kontakte mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern der Welt
haben dazu geführt, dass individuelle und gesellschaftliche Mehrsprachigkeit in
Taiwan eine immer wichtigere Rolle zugeschrieben wird. Die Einschätzung und
Bewertung individueller Mehrsprachigkeit fällt im selbst mehrsprachigen Taiwan
uneingeschränkt positiv aus. Kenntnisse in mehreren Sprachen sind insbesondere
in Bezug auf die berufliche Qualifizierung und die damit verbundene Konkurrenz
auf dem Arbeitsmarkt von großer Relevanz.
Interviewgespräche,
die der Autor mit Studentinnen und Studenten durchführte, dokumentieren, dass
viele von ihnen auf einer allgemeinen Ebene davon sprechen, dass
Mehrsprachigkeit einerseits die Möglichkeit verschaffe, Denkoffenheit zu
fördern und den individuellen Blickwinkel zu erweitern. Andererseits werden
durch Mehrsprachigkeit Vorteile in Bezug auf die Kommunikation mit anderen
Menschen gesehen und ein erleichterter Zugang zu anderen Sprachen und Kulturen
geschaffen. Sprachen und Kulturen seien nicht voneinander zu trennen: Die Studierenden
betonen in den Interviewgesprächen immer wieder, dass man Sprachen nicht
losgelöst von den Kulturen betrachten könne, dass Fremdsprachenlernen auch das
Kennenlernen der Kulturen mit einschließe. Immer wieder sprechen sie davon,
dass Sprachen dazu dienen, Menschen in Kontakt miteinander zu bringen, dass durch
die Beherrschung von mehreren Sprachen die Welt näher zusammenrücke (vgl. Lay
2004, 2008).
5.4 Sprachtypologische und kulturologische Distanz als Herausforderung
Taiwanische
Fremdsprachenlerner bewerten die deutsche Sprache hauptsächlich in Kategorien des
institutionellen Lernens, nämlich als schwierige Sprache. Ausschlaggebend für
diese subjektive Einschätzung ist einerseits der Vergleich zur weniger
ausdifferenzierten Morphologie und Syntax des Englischen, andererseits die
chinesische Erstsprache der Lerner.
Chinesisch
ist eine Tonsprache mit originär monosyllabischer Struktur, die etymologisch
der Sino-tibetanischen Sprachfamilie eingeordnet wird. [24] Die
chinesische Sprache besteht nicht aus einzelnen Lauten, sondern aus Silben. Den
einzelnen Silben kommt in der Aussprache eine besonders wichtige Bedeutung zu.
Das erklärt, dass deutsche Wörter von chinesischen Deutschlernern oft getrennt
in Silben gelesen und ausgesprochen werden, etwa Lo-ko-mo-ti-ve statt Lokomotive,
oder Im-ma-tri-ku-la-tion statt Immatrikulation. Jede Silbe wird
in vier verschiedenen Tonlagen gesprochen. Dem Ton kommt eine
bedeutungsunterscheidende Funktion zu, wobei nicht auf die Tonhöhe, sondern auf
das Steigen und Fallen der Töne geachtet wird (gleichbleibend, zum Ende hin
ansteigend, mit schwankenden Tonhöhen oder zum Ende hin abfallend). Eine
Änderung des Tons bewirkt eine Veränderung der Bedeutung. Ein Unterschied
zwischen der deutschen und chinesischen Sprache ist, dass die Vokallänge im
Chinesischen keine bedeutungsunterscheidende Funktion besitzt. Daher werden von
manchen taiwanischen Deutschlernern Wörter wie Stadt – Staat, Bann – Bahn,
Bett – Beet, Bord – bohrt, Hölle – Höhle, Rum – Ruhm, spucken – spuken etc.
undifferenziert artikuliert. Divergenzen bestehen nicht nur zwischen dem
Phoneminventar des Deutschen und des Chinesischen, sondern auch und gerade
zwischen den chinesischen Sprachvarietäten. Als besonders diffizil und
„verwechslungsanfällig“ sind Wörter, die sich einzig durch die auslautenden
Konsonanten /l/ und /r/ unterscheiden: Wahl - wahr, Stil - Stier, Mol - Moor.
Die Ursache dafür ist, dass der chinesische /r/-Laut aus einem kurzen
Zungenschlag besteht wie das deutsche /l/.
Das
moderne Hochchinesisch stellt keine strikt isolierte Sprache dar. Es besteht
heute bereits aus mehreren Silben. Ursprünglich bestanden im antiken Chinesisch
die meisten Wörter aus einem bzw. zwei Zeichen. Die Zahl der mehrsilbigen
Wörter nimmt im Zusammenhang mit den Entwicklungen wissenschaftlicher
Terminologien zu. Weil die Wortbildung analog mit der Bildung von
Wortverbindungen verläuft, ist es oft unmöglich, Wortkomposita von
Wortverbindung zu differenzieren.
-21-
Chinesisch
ist eine Klassifikator-Sprache. Es existieren keine Wortarten und
Wortklassen im europäischen Sinne. Ein chinesisches Zeichen kann als Adjektiv,
Substantiv, Verb etc. verwendet werden, wobei es weder als Substantiv
dekliniert noch als Verb konjugiert wird. Die Wortfolge im Satz ist dabei
entscheidend: Jede veränderte Stellung im Satz führt zu einer veränderten grammatischen
Bedeutung. Für die Beziehungen der Zeichen im Satz existieren bestimmte
Funktionswörter bzw. Hilfswörter, z.B. für den Plural, Fragepartikel,
Hilfswörter, die eine generische Bezeichnung bzw. Tempus ausdrücken.
Die
sprachtypologische und kulturologische Distanz der deutschen Sprache stellt
eine Hauptursache für Lernschwierigkeiten taiwanischer Deutschlerner dar. Es
bleibt den Studierenden im Studium kaum Zeit, die grammatischen Strukturen in
einer kurzen Zeit adäquat zu erlernen, da größtenteils wissenschaftssprachliche
Grundkenntnisse nicht per se vorausgesetzt werden können. Sie müssen zum
Teil erstmalig im Deutschunterricht erarbeitet werden. Im Allgemeinen verfügen
die Studierenden auch über mangelhafte Kenntnisse der grammatischen Terminologien
und haben kognitive Probleme im Umgang mit grammatischen Strukturen und im
Vergleich zum Chinesischen wesentlich längere Satzkonstruktionen. Dem Deutschen
wird daher in Bezug auf Sprachbetrachtung nachgesagt, eine schwer zu erlernbare
Bildungssprache zu sein. Die deutsche Sprache stellt in Taiwan aus etymologischer,
sprachtypologischer, kulturologischer und geographischer Sicht eine
„distanzierte“ Fremdsprache dar, die verglichen mit anderen Fremdsprachen von
einem relativ geringen Bevölkerungsteil gelernt wird. Doch gerade diese
Faktoren stellen für einen Teil der Lernerschaft eine Herausforderung dar und
machen das Erlernen des Deutschen attraktiv. Das Lernen des Deutschen wird
vereinzelt als motivierend empfunden, da diese „schwierige“ Sprache gemeistert
werden will. Auch wenn die Sprachstruktur des Deutschen bisweilen als
kompliziert empfunden wird, macht es den meisten Studierenden Spaß, Deutsch zu
lernen.
5.5 Sprachverwandtschaft
Den
meisten taiwanischen Deutschlernern ist bekannt, dass Englisch und Deutsch in sprachtypologischer
Hinsicht miteinander verwandt sind. Englisch und Deutsch gehören zu den
indogermanischen Sprachen (Westgermanisch). Als Kriterium für die
Zugehörigkeit zu einer Sprachfamilie sind neben Affinitäten auf der Ebene der
Phonologie und des Lexikons Übereinstimmungen im grammatischen Bau der
Sprachen. Die germanischen Sprachen werden auf Grund dieser Ähnlichkeiten
zusammengefasst und gehen vermutlich auf ein Ur-Germanisch zurück, von dem
keine Überlieferungen existieren. Gemeinsame Merkmale sind Eigenschaften, die
durch die erste Lautverschiebung zustande gekommen sind, die Verlagerung des
Wortakzents auf die erste Silbe, Reduktion der Kasusmarkierung, Simplifizierung
der Verbkonjugation, in der Verbmorphologie die Herausbildung starker Verben sowie
die Differenzierung zwischen starker und schwacher Flexion bei den Adjektiven.
Ähnlich
wie bei taiwanischen Japanischlerner, die die logographische Schrift Kanji
bereits aus dem Chinesischen kennen, entfallen auf Grund von
Englischkenntnissen zum Teil Erklärungen, die oft aus der Brückensprache Englisch
abgeleitet werden können. Taiwanische Deutschlerner kennen z.B. aus der
englischen Sprache bereits den grammatischen Gebrauch des (bestimmten und
unbestimmten) Artikels, feststehende Präpositionen, die Komparation des
Adjektivs sowie orthografische, morphosyntaktische und phonologische Regeln,
die in ihrer chinesischen Erstsprache nicht existieren. Das oftmals einfachere
Erlernen des Deutschen als Fremdsprache mittels fundierter Englischkenntnisse
schafft insbesondere zu Beginn Sicherheit und Vertrautheit und kann aus
Lernersicht die Sprachenwahl und das Weiterlernen des Deutschen entscheidend
beeinflussen.
5.6 Vorbilder und Modellcharakter
Das
Interesse an deutscher Sprache und Kultur, dabei insbesondere an klassischer
Musik ist in Taiwan traditionell groß. Studierende entscheiden sich im Rahmen
ihres fachfremden Studiums für das Erlernen der deutschen Sprache, weil
Deutschland in dem von ihnen immatrikulierten Studiengang (z.B. Philosophie,
Rechtswissenschaft, Medizin, Musikwissenschaft, Architektur, Maschinenbau etc.)
bis heute noch eine traditionelle Vorbildsfunktion einnimmt (vgl. Lay 2008a,
2008b). Zu einer ähnlichen Feststellung kommt Jutta Limbach (2008: 40):
Mit gezielter Sprachpolitik allein kann man
sich auf dem Markt der Idiome nicht behaupten. Vielmehr hängt die Popularität
einer Sprache vom wirtschaftlichen und politischen Erfolg derjenigen ab, die
sie sprechen. Auch herausragende künstlerische und wissenschaftliche Leistungen
können eine Sprache lernenswert machen.
-22-
Seitdem
zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren zwei Deutsche den Nobelpreis für
Physik erhielten (2005 Theodor W. Hänsch zusammen mit dem US-Amerikaner John
Lewis Hall; 2007 Peter Grünberg zusammen mit dem Franzosen Albert Fert) und
eine promovierte Physikerin amtierende deutsche Bundeskanzlerin ist, kann zumindest
an der National Taiwan University und National Chengchi University
ein Anstieg an Physikstudierenden in den Deutschkursen konstatiert werden (vgl.
Lay & Merkelbach, im Druck).
Seit
der Gründung der Republik China im Jahre 1912 beschäftigten sich viele damalige
Politiker und Intellektuelle mit den Wissenschaften in Deutschland und
übernahmen beispielsweise Teile der deutschen Rechtswissenschaft, der
Philosophie und des Militärwesens in den neu gegründeten Nationalstaat.
Deutschland war zu jenem Zeitpunkt beispielgebend und besaß Modellcharakter für
Taiwan. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sowohl Deutschland als auch China
geteilt. Diese kollektive Erfahrung schuf das Fundament für ein gegenseitiges
Verständnis zwischen beiden Ländern. In der Nachkriegszeit erlebten Deutschland
und Taiwan ein Wirtschaftswunder. Während die Bundesrepublik Deutschland sich
zu einer fortgeschrittenen Demokratie entwickelte, vollzog sich in Taiwan durch
politische Reformen eine „stille Revolution“; Taiwan nimmt seitdem einen festen
Platz unter den westlichen Demokratien ein. Die Erfahrung der deutschen Einheit
stellt bis dato einen wichtigen Forschungsgegenstand für taiwanische Politiker
und Wissenschaftler dar. Obwohl zwischen Deutschland und Taiwan keine diplomatischen
Beziehungen gepflegt werden, begründen ähnliche historische Erfahrungen ein
gegenseitiges Interesse.
5.7 Berufsaussichten mit Deutschkenntnissen
Die
erst seit einigen Dekaden gehört die wohlhabende Insel Taiwan gemeinsam mit
Hongkong, Singapur und Südkorea zu jenen Schwellenländern, die als
„Tigerstaaten“ [25]
bekannt sind. Die Republik China auf Taiwan hat sich im Verlaufe des 20.
Jahrhunderts von einem Entwicklungsland zu einer modernen Wirtschaftsnation
entwickelt; so stellte bis 1970 noch die Agrarwirtschaft den
Hauptwirtschaftsfaktor der Insel dar. Taiwan verfügt, zusammen mit der VR
China, Japan und Südkorea, über eines der größten Industriepotenziale
Ostasiens. Der Tigerstaat gehört zu den führenden Herstellern von Computer- und
Telekommunikationszubehör, exportiert darüber hinaus Güter aus der Elektronik-,
Maschinenbau-, Textil-, Metall-, Chemie-, Plastik- und Gummi-Industrie. Taiwan
richtet seinen Fokus primär auf die Entwicklung moderner Technologien. So
erreicht Taiwans Produktion in der Informationstechnologie jährlich eine Summe
von 100 Mrd. US-Dollar. Der IT-Sektor macht gegenwärtig ins-gesamt 57% der
Marktkapitalisierung aller an der Börse Taipei gelisteten Unternehmen aus (vgl.
Government Information Office 2008).
Die
Bundesrepublik ist seit vielen Jahren Taiwans größter Handelspartner in Europa,
während Taiwan Deutschlands drittgrößter Handelspartner in Asien nach Japan und
der VR China ist. Seit 1993 besteht ein Abkommen für direkten Flugverkehr
zwischen beiden Ländern, der zu einem Aufschwung auf dem Gebiet des Tourismus
führte und den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Taiwan intensivierte.
Deutschland führt insbesondere Computer, Elektronik- und Telekommunikationsgeräte,
Fahrradteile und Textilien aus Taiwan ein, während Taiwan Fahrzeuge, Maschinen,
Chemikalien, Stahl und Kunststoffprodukte aus Deutschland importiert.
Tiefgreifende
gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen in der Inselrepublik werden
künftig dazu führen, dass die Sprache der Dichter und Denker und das
traditionelle Studium der Germanistik sich dem Puls der Zeit fügen müssen.
Bildungs- und Selbstverwirklichungsmotive spielen weiterhin eine wesentliche
Rolle. Es existiert nach wie die Gruppe derjenigen, die aus Bildungsinteresse
und Liebhaberei Deutsch lernen. Die Wahl einer Fremdsprache in Taiwan wird
jedoch zunehmend durch praktische Motive bestimmt. Die Studierenden der
Deutsch- und Europaabteilungen erhoffen sich durch die Aneignung von
Fremdsprachenkenntnissen eine bessere berufliche Chance auf dem nationalen und
internationalen Arbeitsmarkt, insbesondere bei Firmenvertretungen, die mit
Deutschland in Verbindung stehen (z.B. Siemens Ltd., Thyssen-Krupp AG,
BASF Taiwan Ltd., DaimlerChrysler Taiwan Ltd., TÜV Rheinland
Taiwan Ltd., Bayer Taiwan etc.) oder taiwanische Firmen mit einer
Firmenvertretung in den deutschsprachigen Ländern (z.B. BenQ Corporation,
Acer Inc., ASUSTeK Computer Inc. etc.). [26] Es gibt
jedoch Anhaltspunkte dafür, dass deutsche und taiwanische Firmen bei
Geschäftsbeziehungen überwiegend die englische Sprache benutzen. Dies ist auf
die allgemeine Bedeutung des Englischen im internationalen Handel
zurückzuführen. Innerhalb deutscher Firmenvertretungen in Taiwan wird wesentlich
mehr Englisch als Deutsch in der Kommunikation zwischen deutschen Managern und
Mitarbeitern einerseits und den taiwanischen Mitarbeitern andererseits
verwendet, weil deutsche Manager im Allgemeinen rudimentäre
Chinesischkenntnisse für eine adäquate sprachliche Bewältigung der Aufgaben
vorweisen, während taiwanische Mitarbeiter mit dem Deutschen entsprechende
Schwierigkeiten haben. In taiwanischen Firmenvertretungen der deutschsprachigen
Länder wird meistens darauf geachtet, dass das eingestellte Personal über gute
Deutschkenntnisse verfügt.
Die
Chancen der Studierenden, nach dem Studium einen Arbeitsplatz zu finden, in dem
sie ihre Deutschkenntnisse einbringen können, sind im Vergleich zu Europa eher
unwahrscheinlich. So hat es den Anschein, dass auch in ausländischen Firmen bei
der Einstellung neuer Arbeitskräfte Deutschkenntnisse irrelevant seien. Die
Motivation der Studierenden, die Sprache zu lernen, sind infolgedessen oft
gering und insbesondere auf den pragmatischen Zweck ausgerichtet, das Fremdsprachenstudium
erfolgreich zu absolvieren, denn ein Studienabschluss ist heute in Taiwan
bereits Voraussetzung für eine Sekretärinnen- oder Pförtnerstelle, wobei selbst
rudimentäre Englischkenntnisse bei der Stellensuche und Ausübung der meisten
Tätigkeiten nützlicher erscheinen als Deutsch auf Mittelstufenniveau.
-23-
5.8 Studien- und Forschungsaufenthalt
Mehr
als 30.000 taiwanische Studenten gehen nach Abschluss ihres Studiums mit einem
Stipendium oder als Selbstzahler ins Ausland, um dort einen höherwertigen akademischen
Grad oder ein neues Studium zu beginnen. Da dieser Personenkreis mittlerweile
eine wichtige Marktnische darstellt, organisiert das DAAD-Informa–tionszentrum
Taipei zusammen mit den entsprechenden Organisationen Frankreichs und der
Niederlande die seit 2002 jährlich in Taipei stattfindende europäische
Bildungsmesse European Higher Education Fair (EHEF, http://www.ehef.org.tw/). Auf der EHEF 2008
waren Aussteller aus 14 Ländern Europas vertreten (Belgien, Deutschland,
Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien, Niederlande, Österreich, Polen,
Schweden, Schweiz, Spanien, Tschechische Republik und Ungarn). Die EHEF ist mit
jährlich über 6.000 Besucher in Taiwan als Werbemittel für den Hochschul- und
Wissenschaftsstandort Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen von
großer Bedeutung.
Die
folgende Tabelle ermöglicht einen Überblick über präferierte Studien- und
Forschungsaufenthalte taiwanischer Akademiker im Ausland:
|
|
2002
|
2003
|
2004
|
2005
|
2006
|
2007
|
|
USA
|
13.767
|
10.324
|
14.054
|
15.525
|
16.451
|
14.916
|
|
Kanada
|
2.433
|
1.813
|
2.149
|
2.140
|
1.997
|
2.014
|
|
Großbritannien
|
9.548
|
6.662
|
9.207
|
9.248
|
9.653
|
7.132
|
|
Frankreich
|
529
|
627
|
580
|
600
|
690
|
723
|
|
Deutschland
|
400
|
442
|
402
|
475
|
512
|
606
|
|
Australien
|
2.894
|
2.823
|
2.246
|
2.679
|
2.862
|
2.570
|
|
Neuseeland
|
740
|
571
|
534
|
498
|
538
|
618
|
|
Japan
|
1.745
|
1.337
|
1.556
|
1.748
|
2.108
|
2.424
|
|
Andere Länder
|
975
|
1719
|
1.797
|
1.145
|
2.360
|
2.018
|
|
Gesamt
|
32.991
|
26.318
|
32.525
|
34.058
|
37.171
|
33.021
|
Tabelle
6: Studien- und Forschungsaufenthalte taiwanischer Studierender und
Wissenschaftler [27]
-24-
Aus
der Tabelle geht hervor, dass taiwanische Studierende bei Studien- und
Forschungsaufenthalte eindeutig englischsprachige Länder, wie die USA,
Großbritannien, Australien und Kanada vorziehen. Dies ist kaum verwunderlich,
wenn man die Tatsache in Betracht zieht, dass einerseits das Bildungssystem
Parallelen mit dem amerikanischen Bildungssystem aufweist, andererseits alle
Studierende während der Schulzeit Englisch gelernt haben und an der Universität
ihre Studien zur englischen Sprache obligatorisch weiterführen müssen. Hinzu
kommt die Bedeutung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen Taiwans zu
den USA und die Tatsache, dass insbesondere an der Westküste (mehr als 50%) im
Zuge der Selbstsegregation chinesischer Auswanderer aus ländlichen Gebieten
Südchinas Enklaven mit einer Subkultur der Asian-Americans vorzufinden
sind (vgl. Hahn 2002). Viele taiwanische Familien besitzen dort Verwandte und
Freunde, die den Studierenden bei Fragen und Problemen behilflich sein können.
In
Europa steht der Hochschul- und Wissenschaftsstandort Deutschland in der Gunst
angehender taiwanischer Akademiker vorne (vgl. Lay 2008a: 28, 2008b: 12). Jedes
Jahr werden die besten Wissenschaftler von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung
für ein Forschungsjahr nach Deutschland eingeladen. Damit trägt sie enorm zur
Stärkung des Wissenschaftsstandorts Deutschland bei. 40 Nobelpreisträger sind
unter den ehemaligen Humboldtianern. Viele taiwanische Akademiker, die mit
einem Stipendium vom DAAD, der Helmholtz Gemeinschaft oder Leibniz
Gemeinschaft für längere Zeit in Deutschland geforscht und promoviert
haben, sind inzwischen Eliten in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik geworden.
Auch die Position Deutschlands als wichtigster europäischer Handelspartner
Taiwans trägt maßgeblich für die Entscheidung des Studien- oder
Forschungsaufenthalts in der Bundesrepublik bei. Das Studium in Deutschland
gilt jedoch unter den taiwanischen Studierenden als langwierig und schwierig,
da neben den wissenschaftlichen Anforderungen während des Studiums auch
sprachliche Hürden überwunden werden müssen. Im Vergleich zu den USA,
Großbritannien und Australien fallen die Studiengebühren in Deutschland
wesentlich niedriger aus, ein Aspekt der bei der Auswahl des Studienstandorts
eine relevante Rolle spielt. Ob die Einführung der Studiengebühren in den
meisten Bundesländern sich negativ auf die Entscheidung für ein Studium in
Deutschland auswirkt, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur spekuliert werden.
Die Anzahl der Studierenden, die sich auf Grund eines Auslandsstudiums oder
längeren Forschungsaufenthalt in der Bundesrepublik aufhielten, stieg im
Zeitraum 2002-2007 von 400 auf 606. Das Auswärtige Amt (AA) geht sogar
von 1.500 Studierenden in der Bundesrepublik aus (siehe
http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/Taiwan/Kultur-UndBildungspolitik.html, Stand:
13.01.2009). In Deutschland wurden inzwischen 25 taiwanische Studentenvereinigungen
in verschiedenen Städten gegründet. [28]
-25-
Im
dritten Studienjahr haben die DaF-Hauptfachstudenten der meisten Universitäten
die Möglichkeit eines fakultativen Auslandsaufenthalts von ein bis zwei
Semestern. Die Studierenden nehmen in Deutschland an eigens auf sie
zugeschnittenen Kursen teil, die in der Regel dem Curriculum der taiwanischen
Hochschulen entsprechen. Jährlich nehmen ca. 10-15 Studierende einer
Universität an einem Austauschprogramm teil. Die folgende Tabelle gibt eine
Übersicht über die Hochschulpartnerschaften zwischen Taiwan und Deutschland.
|
Taiwanische Hochschulen
|
Deutsche Hochschulen
|
|
National Chengchi University
|
Ruhr-Universität Bochum
|
|
Chinese Culture University
|
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Universität Siegen
|
|
Da Yeh University
|
Universität Rostock
|
|
Fu Jen Catholic University
|
Philipps-Universität Marburg
|
|
National Kaohsiung First University of Science and
Technology
|
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
|
|
Soochow University
|
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
|
|
Tamkang University
|
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
|
Tabelle
7: Hochschulpartnerschaften
In
der Regel haben diese Studienaufenthalte eine enorm motivationsverstärkende
Wirkung auf den individuellen Fremdsprachenlernprozess, da Sprachkenntnisse
aktiv unter Beweis gestellt werden können und bei erfolgreicher Erprobung die
Motivation der Lernenden sich erhöht.
Neben
den fakultativen Auslandsaufenthalten im Rahmen des Studiums besteht ferner die
Möglichkeit nach dem Studienabschluss in Taiwan die Studien im
deutschsprachigen Ausland fortzuführen. Dies wird in der Regel von Studierenden
mit der Fachrichtung Germanistik, Philosophie, Soziologie,
Rechtswissenschaften, Medizin, Musik, Kunst, Architektur, Ingenieurwesen und
Technik präferiert.
5.9 Reiseabsichten
Mit
steigendem Wohlstand wächst auf der Inselrepublik auch das Bedürfnis zu reisen.
Dies wird insbesondere auf der Reisemesse Taipei International Travel Fair
(Taipei ITF, http://www.taipeiitf.org.tw/en/index.asp)
deutlich, die jährlich einen kontinuierlichen Anstieg an Besucherzahlen
verbucht (2003: 88.059; 2008: 215.125).
Touristische
Interessen spielen im Hinblick auf die Motivation der Studierenden, die
deutsche Sprache zu lernen, eine nicht zu unterschätzende Rolle (vgl. Lay
2008a, 2008b). Auch wenn Reiseabsichten sicherlich nicht das primäre Motiv für
ein Hauptfachstudium des Deutschen darstellen, so ist die Anzahl derer, die
u.a. auf Grund einer Deutschlandreise fakultativ Deutschkurse an der
Universität oder am Deutschen Kulturzentrum belegen, groß. Die Bundesrepublik
erfuhr weltweit durch die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 verstärkt Beachtung.
Das allgemeine Interesse an der deutschen Sprache und Kultur ist in Taiwan
seitdem gewachsen. Viele der Lerner planen in Zukunft eine Reise ins
deutschsprachige Ausland, auch in der Hoffnung, neben der Besichtigung von
Sehenswürdigkeiten ihre Deutschkenntnisse in alltäglich ungeschützten
Situationen anwenden zu können.
6. Resümee und Ausblick
Das
Ziel des vorliegenden Beitrags war es, die deutsche Sprache in Taiwan in Bezug
auf Sprachinstitutionen in der schulischen, universitären und
außeruniversitären Vermittlung des Deutschen als Fremdsprache einer eingehenden
Betrachtung zu unterziehen. Die Motivation für die Bearbeitung dieser Thematik
wurzelte dabei in dem Umstand, dass gegenwärtig kein umfassender aktueller
Überblick über die deutsche Sprache in Taiwan existiert. Ein Desiderat in der
fachdidaktischen Diskussion zu Taiwan stellen Veröffentlichungen dar, die
fremdsprachenspezifische Aspekte in Theorie, Empirie und Praxis miteinander
verschränken; das Fach Deutsch als Fremdsprache in Taiwan muss sich stärker als
bisher mit Forschungsgegenständen der Fremdsprachenerwerbsforschung und
Sprachlehrforschung auseinandersetzen, denn Taiwan-spezifische Forschungsarbeiten
stellen bislang eine Rarität dar.
-26-
Eine
Bestandsaufnahme zur deutschen Sprache muss in Relation mit anderen Sprachen
gesetzt werden. Dazu wurde die mehrsprachig gekennzeichnete ethnolinguistische
Situation (Hochchinesisch, Taiwanisch (Hokkien), Hakka
und austronesische Sprachen) in Taiwan skizziert und das Lehren und
Lernen fremder Sprachen im institutionellen Kontext erörtert. Englisch stellt
gegenwärtig in Taiwan die erste und einzige Fremdsprache dar, die
im schulischen Curriculum verankert ist und bei einer Fortführung der
akademischen Laufbahn in den zentralen Aufnahmeprüfungen für Hochschulen und
für weitere Studien an der Universität von Bedeutung ist. Neben dem bildungsspezifischen
Bedarf für das Lernen der lingua franca besitzt die englische Sprache
einen wichtigen kulturellen und ökonomischen Bezug für Taiwan. Dies trägt dazu
bei, dass Englisch ein sehr hohes Prestige genießt und zugleich die wichtigste,
populärste und verbreiteteste Fremdsprache in Taiwan ist.
Neben
Englisch werden im Hochschulbereich an unterschiedlichen Instituten noch
Japanisch, Koreanisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch,
Arabisch und Türkisch als Hauptfach angeboten. Diese Fremdsprachen
besitzen einen unverkennbaren Status als zweite bzw. weitere
Fremdsprache, weil sie im institutionellen Kontext prinzipiell erst nach
Englisch gelernt werden. Japanisch stellt die wichtigste Tertiärsprache in Taiwan
dar; dies ist historisch, kulturell und ökonomisch bedingt. Der japanischen
Sprache folgen in der Beliebtheit Französisch und anschließend Spanisch.
Die
deutsche Sprache nimmt in der Fremdsprachenlandschaft Taiwans eine mittlere
Position ein. In diesem Zusammenhang wurde auf die internationale Stellung der
deutschen Sprache eingegangen, da diese maßgeblich das Lehren und Lernen des
Deutschen als Fremdsprache beeinflusst. Die weltweiten Lernerzahlen für Deutsch
stagnieren und sind in einigen wichtigen Regionen bereits rückläufig. Diese
Situation wirkt sich zweifelsohne negativ auf den DaF-Bereich aus, denn für die
Institutionen, die sich mit der Vermittlung und Förderung des Deutschen auseinandersetzen,
resultiert daraus einerseits ein Rückgang der Teilnehmer in den Deutschkursen,
andererseits der Verlust an Sprachprestige. So wurde anhand statistischer Daten
dargelegt, dass die Lernerzahlen im Sekundarbereich für Deutsch erst seit 2007
wieder leicht angestiegen und Deutsch mittlerweile mit Spanisch den Rang als
drittpopulärste Schulfremdsprache teilen muss. Obwohl das spanische
Kulturinstitut Instituto Cervantes [29]
in Taiwan nicht vertreten ist und keine Kultur- und Bildungspolitik die
gezielte Förderung der spanischen Sprache und Kultur von staatlicher Seite
wahrnimmt, stellt Spanisch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine immer
populärer werdende Fremdsprache dar. Deutsch wird voraussichtlich in den
nächsten Jahren im sekundären Schulbereich von Spanisch überholt werden. Neben
sprachlich-kulturellen Aspekten spielt sicherlich auch der Fakt eine Rolle,
dass einerseits die Republik China diplomatische Beziehungen zu etwa ein
Dutzend kleinerer Staaten in Nord- und Südamerika unterhält, andererseits die Anzahl
der Studierenden aus Lateinamerika in Taiwan mit 365 Personen (nicht
asiatischer Herkunft) im Jahre 2006 hoch ausfällt. [30] Das Deutsche
Kulturzentrum in Taipei steht vor dem Problem, dass die Kulturprogramme
oftmals nicht von dieser spezifischen Lernergruppe registriert werden oder
thematisch nicht die Lebenswelt und Interessen junger Fremdsprachenlerner
berühren; dies gilt auch zum Teil für Studentinnen und Studenten.
Das
Lerner zweiter europäischer Fremdsprachen im sekundären Bildungsbereich
kann nur Früchte tragen, wenn Kenntnisse in diesen Sprachen bei den
universitären Aufnahmeprüfungen in Form von Prüfungen honoriert werden, die
Sprachen als obligatorische Schulfächer im Lehrplan verankert werden und eine
bruchlose Weiterführung in Form einer curricularen Verzahnung zwischen Schule
und Hochschule gewährleistet wird. Dazu müssen vorerst professionelle
Lehrkräfte an Hochschulen ausgebildet werden, eine Integrierung und Anstellung
dieser gewährt werden und Lernziele definiert bzw. landesweit vereinheitlicht
werden.
Während
das Erlernen des Deutschen an allgemeinbildenden Schulen erst seit zehn Jahren
möglich ist, blickt das Lehren und Lernen des Deutschen an Hochschulen auf eine
vierzigjährige Tradition zurück. Gegenwärtig existieren sieben Institute, die
die Vermittlung und Förderung der deutschen Sprache, Kultur und Literatur als
Gegenstand haben. In der Erwachsenbildung ist das vom Auswärtigen Amt
geförderte Deutsche Kulturzentrum tätig. Neben dieser wichtigen
deutschen Institution existieren drei weitere Institute, an denen Deutsch
gelernt werden kann. In Bezug auf den wissenschaftlichen Austausch ist der
Germanisten- und Deutschlehrerverband Taiwan (GDVT) zu erwähnen, der
die Förderung von Forschung und Lehre auf dem Gebiet der deutschen Sprache,
Kultur und Literatur sowie die interkulturelle Verständigungsarbeit als primäres
Ziel hat.
-27-
Untersuchungsgegenstand
in einem weiteren Teil des vorliegenden Beitrags stellten die Rahmenbedingungen
für das Lernen der deutschen Sprache im institutionellen Kontext dar. Die
Zulassungsvoraussetzungen zu einem Hauptfachstudium der Fremdsprachen wurden
umfassend geschildert und anhand aktueller Daten veranschaulicht. Ferner wurde
das Studium des Deutschen als Hauptfach, Nebenfach, Wahl- oder Pflichtkurs in
Bezug auf Aufbau und Inhalt erörtert.
Der
Aufsatz schließt mit einem Kapitel zu Motiven und Funktionen des Deutschlernens
ab. Nachdem zunächst auf das Deutschland- und Deutschenbild taiwanischer
Deutschlerner eingegangen wurde, wurden Hauptmotive für das Lernen des
Deutschen in Taiwan diskutiert: Familie, Verwandte und Lehrer als Einflussgröße;
Ausbildung individueller Mehrsprachigkeit; sprachtypologische und
kulturologische Distanz des Deutschen als Herausforderung für das Lernen
fremder Sprachen; Sprachverwandtschaft zwischen Englisch und Deutsch; die BRD
als Vorbild; Berufsaussichten mit Deutschkenntnissen; Studien- und
Forschungsaufenthalt in Deutschland; Reiseabsichten.
Für
die Zukunft bleibt zu hoffen, dass sich neuere Entwicklungen positiv auf die
Lernerzahlen für Deutsch als Fremdsprache auswirken. Da die Berufsaussichten
eines Fremdsprachenstudiums im Vergleich zu anderen Fakultäten eher schlecht
stehen, muss künftig eingehend geprüft werden, inwieweit die Vermittlung und
Implementierung außersprachlichen Fachwissens im Rahmen des Fremdsprachenstudiums
notwendig und möglich sind.
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Anmerkungen