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Feuilleton 1

Von Pop-Gruppen werden keine ewigen Wahrheiten erwartet, hält sich eine Band aber über 45 Jahre lang und verbindet sie sogar geschmacklich oft auseinanderstrebende Generationen, lohnt sich ein einfacher Blick auf ihre Titelliste, um Erfolg und Wahrheit zu verstehen. Für jeden und für jede Lebenslage etwas - tröstend, motivierend und mit dem größten Genuß als Bühnenereignis zu erleben.

You can make it if you try (nicht zu verwechseln mit und rhythmischer als: Yes, we can)
We all need someone we can lean on
Sweethearts together
Time is on my side
Miss you
It’s not easy
Complicated
Good times, bad times
Sad day
You can’t always get what you want
It’s too bad
Try a little harder
It gets me down
I can’t get no satisfaction
Get off of my cloud
It’s all over now
Out of tears
Out of time
I go wild
One more try
Time waits for no one
Start me up
If you really want to be my friend
Everybody needs somebody to love
Love is strong and you’re so sweet
Moon is up, sun goes down, you can have it both ways round

Mit einem Augenzwinkern relativieren die Stones diese ewigen Wahrheiten gleich selbst, bleiben bescheiden und singen:
It’s only rock’n roll, but I like it
... und verabschieden sich so einfach wie einfühlsam und herzlich:
Till the next time I say goodbye and I’ll be thinking of you



-2-

Feuilleton 2

20 Jahre deutsche Einheit

Deutschland im Herbst 1989: Montagsdemonstrationen in Leipzig, das gute Ende des Dramas der von 4.000 Menschen friedlich gestürmten deutschen Botschaft in Prag, der "Fall" der Mauer, tanzende Menschen auf der Mauer, Mauerstücke als Wirtschaftsgut, Begrüßungsgeld, Feiern am Brandenburger Tor, Trabis auf dem Weg in den Westen und Süden, der Zusammenbruch der DDR kurz nach der 40-Jahrfeier ihres Bestehens. Zunächst ungläubige Freude, Euphorie.

Deutschland im Herbst 2009: Landtagswahlen, Bundestagswahl, Qualifikation zur Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika - und: Erinnerung an den Fall der Mauer vor 20 Jahren. Was hat sich in diesen zwei Jahrzehnten verändert?

Berlin ist eine illustre Hauptstadt geworden, reich an Opern, reich an Kreativität (siehe zum Beispiel die neue Bibliothek der Humboldt Universität), als Stadt aber notorisch pleite.

In Deutschland hat sich ein Fünfparteiensystem entwickelt. Neben den Volksparteien CDU/CSU und SPD hatte in der Bundesrepublik immer schon die liberale FDP eine politische Rolle gespielt, mit dem zunehmenden Umweltbewußtsein entwickelte sich aus dem Dreiparteiensystem mit dem Aufkommen der Grünen ein Vierparteiensystem, in welches sich eine neue linke Partei mit dem heutigen Namen Die Linke systematisch über Länderparlamente und nun auch im Bund sichtbar hineinarbeitete. Ohne Mauerfall keine Linkspartei, kein Fünfparteiensystem.

Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik nach Art. 23 Grundgesetz in Form von fünf neuen Bundesländern wurde eine Länderförderung nötig, die über einen sogenannten Solidaritätszuschlag eines jeden Erwerbstätigen auf die Lohnsteuer finanziert wird. Dieser Solidaritätszuschlag sollte zunächst nur für kurze Zeit erhoben werden. Im Jahr 2009 ist er bereits volljährig und seine Abschaffung erscheint weniger wahrscheinlich als eine baldige Einführung einer Autobahngebühr für PKW. So notwendig der Soli anfangs gewesen sein mag, so sehr hat er die Kirchen getroffen, die sich einer regelrechten Austrittswelle konfrontiert sahen. Offensichtlich haben nicht wenige Bürgerinnen und Bürger geradezu reflexartig den Einkommensverlust durch den Soli über einen Kirchenaustritt zumindest teilweise aufgefangen.

Viele DDR-Bürger hatten gehofft, in der Bundesrepublik Recht zu bekommen. Laut Bärbel Bohley haben sie aber den Rechtsstaat bekommen.

Für viele europäische Länder hat sich die erste und ernste Befürchtung eines wiedererstarkten und großmannssüchtigen Deutschland in die angenehme Erfahrung eines friedlichen, überwiegend mit sich selbst beschäftigten Deutschland verwandelt.

Deutschland ist die politische Souveränität zugesprochen worden.

Der Wenderoman ist immer noch nicht geschrieben.

Der DRR-Roman auch noch nicht.

Geschweige denn der Roman der Bundesrepublik.



-3-

Deutschland im Herbst 2009: herbstlich-bunter, mitunter grauer Alltag nach auch denkwürdigen 60 Jahren Bundesrepublik. Deutschland versucht musterschülerhaft regionale Folgen der weltweiten Finanzkrise zu schultern, ein kleines Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent ist schon für 2010 wieder vorgesehen.

Zufriedenheit, gar Selbstzufriedenheit? Weit und breit nicht, eher sorgenvolle Gesichter mit Angst vor Arbeitsplatzverlust. Nicht wirklich hervorgehoben wird, daß Deutschland 60 Friedensjahre hinter sich hat - so lange hat der Friede noch nie gehalten. Das und eine, zugegeben, streckenweise holprige deutsche Einheit sind zu feiern - gefeiert wird aber wohl erst wieder, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft die Vorrunde der Fußballweltmeisterschaft 2010 erfolgreich überstanden hat. Immerhin, und: auf die nächsten 60 Jahre Friedenszeit.

 


Copyright © 2009 Jörg Wormer und Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Wormer, Jörg (2009), KulturZeitRaum. Das Feuilleton der ZIF. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online] 14: 2, 3 S.
Abrufbar unter http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-14-2/beitrag/feuilleton38.htm

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