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Deutsch als Zweitsprache: Einführung zum Themenschwerpunkt

Jörg Roche

Das Thema Deutsch als Zweitsprache, vor über einer Generation geboren, erfährt seit einigen Jahren eine Art Wiedergeburt in Deutschland. Das liegt daran, dass die Politik - aufgeschreckt von Bildungsstudien vieler Provenienz - mit steter Vehemenz darauf hinweist, dass es auch in Deutschland - mit den Worten des Migrationsforschers Klaus Bade - großen Bedarf für eine nachholende Integration gibt. Die Sprache, so hat die Politik dementsprechend erkannt, ist der Schlüssel genau zu dieser Integration. Die, die Integration wollen, sind sich daher auch einig, dass mehr in die sprachliche Integration zu investieren sei, als das bisher (nicht nur in Deutschland) geschieht. Der Nationale Integrationsplan der Bundesregierung, Folge des Integrationsgipfels, und die daraus resultierenden Handlungs- und Aktionspläne der Länder verpflichten sich daher auf eine Reihe weitreichender Maßnahmen, die in einer relativ kurzen Zeit von drei Jahren umzusetzen wären. Dazu gehört unter anderem das Ziel, alle Lehrkräfte aller Schularten und aller Fächer künftig in DaZ mehr oder weniger umfangreich aus-, fort- oder weiterzubilden. Pilotprojekte schießen überall aus dem Boden, neue Studiengänge werden eingerichtet oder reformiert, der Bund führt mit großem finanziellen Aufwand Integrations- und Orientierungskurse durch, Professuren werden eingerichtet oder umgewidmet, kurz: es herrscht Aufbruchstimmung. Gleichzeitig scheint das Fach wenigstens in Teilen von all dem Aktionismus überrascht, fast so, als habe man sich mit dem Status quo ante zufrieden gegeben. Diese Lücken und den Mangel an Kohärenz im genuinen Fach DaZ nutzen freilich andere, um daraus ihren Nutzen zu ziehen: so gibt es für die Unterrichtspraxis eine Reihe Anbieter von Wundermethoden, häufig alternativen, die oft für teures Geld Schulträger einfangen, um sie zur Kasse zu bitten. Selten (wenn überhaupt) sind die Methoden jedoch wissenschaftlich evaluiert oder hat sich in Evaluationsstudien ein positiver Effekt nachweisen lassen (vgl. etwa die Ergebnisse der EVAS Studie 2007). Gleichzeitig ist aber auch zu beobachten, dass sich eine Reihe von Wissenschaftsvertreterinnen und Vertretern aus Disziplinen, die etwas weiter weg von Fragen des Spracherwerbs und der Mehrsprachigkeit operieren - mit mehr oder minder Sachkenntnis, aber gewagten Thesen - auf dem Gebiet der DaZ-Forschung zu profilieren versuchen.

All das deutet daraufhin, dass das Fach DaZ noch einen Teil der Strecke zur Professionalisierung vor sich hat, dass wichtige fachliche Aspekte noch zu erforschen und zu kommunizieren und dass auch weitere infrastrukturelle Grundlagen zu schaffen sind. In dieser Situation möchte diese Schwerpunktnummer der ZIF einen weiteren Beitrag zur Versachlichung der Diskussion leisten und Impulse für die weitere Forschung und Entwicklung geben. Dazu stehen in dieser Ausgabe fünf thematische Impulsgeber zur Verfügung:

1. Der Beitrag von Roche (München) setzt sich kritisch mit zweckrationalen Ansätzen in der Integrationsforschung auseinander, wie sie weit und kontrovers rezipiert der Mannheimer Soziologe Esser in den vergangenen Jahren vertreten und auf die Mehrsprachigkeitsdebatte übertragen hat. Dabei erweisen sich gängige Verfahren und damit auch Datensätze der Migrationsforschung als problematisch und ungeeignet für die Mehrsprachigkeitsforschung, nicht zuletzt, weil Sprachstände damit nicht sauber erhoben werden können.

2. Welche Rolle die Sprachbeherrschung, und damit auch die Messung und Bewertung des Sprachstandes sowie der Erwerb von sprachlichen Kompetenzen migrationspolitisch spielen, untersucht der Beitrag von Möllering (Sydney). Erläutert und diskutiert werden die neueren Entwicklungen der Einwanderungsgesetzgebung in Deutschland und die Funktionen der Orientierungs- und Integrationskurse dabei. Ein Vergleich mit der Situation in Australien, als klassischem Einwanderungsland, und eine kritische Evaluation von Integrationskonzepten im Lichte der Einwanderungspolitik beschließen diesen Beitrag.



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3. Der Beitrag von Ohm (Bielefeld) greift die Thematik des inhalts- und aufgabenbezogenen Lernens auf und zeigt daran, dass die sprachliche Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Zweitsprache Deutsch folglich die Aufgabe aller Fachlehrkräfte zu sein hat, gleich welches Fach sie unterrichten. Daraus entwickelt er Empfehlungen für die Lehrerinnen- und Lehrerausbildung als fächerübergreifendes Ausbildungssegment, das drei zentrale Kompetenzbereiche umfassen soll: die Berücksichtigung und Unterstützung lernersprachlicher Entwicklungsprozesse; die Förderung bildungssprachlicher Kompetenzen als Basis fachlichen Lernens; die Reflexion schulsprachlicher Normalitätserwartungen vor dem Hintergrund von Spracherwerbsbiographien mehrsprachiger Schülerinnen und Schülern.

4. Mit der spezifischen Situation des flächendeckenden Angebotes an Sprachförderkursen in Kindergärten und Grundschulen in Bayern beschäftigt sich der Beitrag von Hochholzer (Regensburg). Im Beitrag wird zunächst die Konzeption der sogenannten Vorkurse Deutsch evaluiert. Anschließend wird von der Tätigkeit eines Arbeitskreises im Raum Regensburg berichtet, der Fortbildungen für Kursleitende der Vorkurse konzipiert hat. Aus den bisher gewonnenen Erfahrungen mit den Vorkursen resultieren die abschließenden Thesen zur Weiterentwicklung dieses Angebotes.

5. Der auf die Umsetzung in der Praxis ausgerichtete Beitrag von Hölscher, Roche und Simic (München) zeigt auf, wie ein szenariendidaktisches Modell, das für den Fremd- und Zweitsprachenunterricht entwickelt wurde, auch im Unterricht für Deutsch als Erstsprache mit heterogenen Gruppen produktiv eingesetzt werden kann und welche neuen Aufgaben sich daraus auch für Lehrkräfte ergeben. Der Beitrag geht von der Annahme aus, dass der Erwerb inter- oder transkultureller Kompetenzen keine Einbahnstraße für "Migranten" sein kann. Vielmehr gehören diese Kompetenzen heute zum Standardinventar schulischer und beruflicher Ausbildung, als Grundlage für gegenseitige Integration im Innern genauso wie als Grundlage für den Umgang mit fremden Kulturen und Sprachen im Äußeren. Illustriert werden die kommunikationstheoretischen und didaktischen Grundlagen sowie die methodischen Vorschläge an Hand verschiedener Lehrmaterialien zur Vermittlung inter- und transkultureller Kompetenzen.

In der Rubrik Blick aus der Praxis veröffentlicht die ZIF einen Beitrag von Gruhn (Puebla, Mexiko) zu den Wirkungen und Desiderata der Sprachprüfungen in Mexiko mit dem Titel ‚Anmerkungen zum Zertifikat Deutsch im mexikanischen Kontext vor dem Hintergrund der Deskriptoren-Tabellen des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens'.



Call for Papers:
Empirische Forschung zum landeskundlich-kulturbezogenen Lernen in Deutsch als Fremdsprache
(Themenausgabe der ZIF 02/2010)
Details: PDF  HTML
Themenvorschläge und Abstracts bis 30.06.09 bitte an:
 
Prof. Dr. Claus Altmayer (altmayer@rz.uni-leipzig.de)           Prof. Dr. Uwe Koreik (uwe.koreik@uni-bielefeld.de)

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