Im Nachklang zu seiner
umfangreichen Abhandlung zur internationalen Stellung der deutschen Sprache von
1991 (vgl. Ammon 1991) bringt Ulrich Ammon im Abstand von einigen Jahren
regionalspezifische Bände zum gleichen Thema heraus. Auf Die deutsche Sprache
in Japan. Verwendung und Studium, München 1994, folgte Die deutsche Sprache in
Korea. Geschichte und Gegenwart, München 2003 (hg. zus. m. Chong Si Ho), und
2007 die Beitragssammlung zu China. In diesen auf die drei ostasiatischen
Länder bezogenen Bänden wird mit zunehmender Beteiligung anderer Autoren bzw.
Herausgeber – im Band zu China meldet sich Ammon nur noch zusammen mit den beiden
Mitherausgebern im Vorwort zu Wort – sehr detailreich die jeweilige Situation
des Deutschen umrissen.
Der Chinaband gliedert sich in
die Teile Geschichte, Gegenwart und Probleme/Zukunft. Der erste Teil wird mit
fünf aufeinanderfolgenden Artikeln fast ausschließlich von der Mitherausgeberin
Roswitha Reinbothe bestritten, ergänzt um Ausführungen von Li Lezeng zur Tongji
Universität in Shanghai und von Wang Jianbing zur 1. Fremdsprachen-universität
in Beijing. Den dritten Teil teilen sich Johannes J. Gerbig und Hans Werner Hess. Auf den knapp zweihundert
Seiten des Mittelteils finden sich Beiträge chinesischer und deutscher Autoren,
gruppiert unter den Überschriften Institutionen und Zielrichtungen des
Deutschlernens, Motive und Funktionen des Deutschlernens sowie Förderung des
Deutschlernens von deutscher Seite.
Roswitha Reinbothe gibt in ihren
Beiträgen zur Geschichte des Deutschlernens in China eine ausführliche Darstellung
der Entwicklung beginnend im 19. Jahrhundert und bis zur Zeit unmittelbar vor
dem Ausbruch des 2. Weltkriegs. Gestützt fast ausschließlich auf deutsche
Quellen liefert sie fundiert und informativ Einblicke, zeigt frühere Probleme
des Deutschunterrichts in China auf, von denen sich einige erledigt, andere
jedoch, der Einsatz geeigneter Lehrmittel und Lehrbücher etwa, auch erhalten
haben. Wer an der historischen Entwicklung auf diesem Gebiet interessiert ist,
findet in diesen Artikeln abgesicherte Informationen zusammen mit der Option,
sich über die angeführte Literatur noch tiefer in die Thematik einarbeiten zu
können. Li Lezeng zeichnet in seinem Beitrag die Entwicklung der
Tongji-Universität nach, nach wie vor der Schwerpunkt des deutschen Hochschulengagements
in China, beginnend mit der Gründung im Jahr 1907 und endend mit einer
Beschreibung der gegenwärtigen Struktur der Shanghaier Universität. Bedauerlicherweise
wertet auch Li fast ausschließlich deutsche Quellen aus, wobei er sich bei der
Skizzierung der Gründungsphase hauptsächlich auf frühere Arbeiten von Reinbothe
stützt. Fast ganz ohne Quellenangaben kommt der Text von Wang Jianbing zur
Geschichte der Beijing Foreign Studies University aus, in dem vorwiegend Fakten
zur Entwicklung der Bildungseinrichtung aneinandergereiht werden.
Chinesische und deutsche Autoren
liefern die Beiträge zur Erfassung der Gegenwart des Deutschlernens im Lande.
Im Zentrum steht dabei wiederum die Tongji-Universität, wodurch sich
gelegentlich Überschneidungen und Redundanzen ergeben. Der einleitende Beitrag
von Song Ludong zum Deutschlernen an den Schulen weist einige Lücken auf, und im Abschnitt über die Grundschulen (3.1,
S. 115) bleibt deren Abgrenzung von der Grundstufe (Sek. I) unklar. Und während auf Seite 118 berichtet wird,
dass an den Grundschulen der Deutschunterricht Ende der 1970er Jahre abgeschafft
wurde, wird auf Seite 112 die beeindruckende, aber leider nicht belegte Zahl
von 6000 deutschlernenden Schülern an Shanghaier Grund- und Mittelschulen
genannt. Generell kommt der schulische Deutschunterricht in China im
vorliegenden Band zu kurz, obwohl sich gerade auf diesem Sektor in den letzten
Jahren die dynamischste Aufwärtsentwicklung zeigt.
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Zahlen und Fakten dominieren im
Beitrag von Kong Deming zu den Hochschulen mit dem Fach Germanistik, während
sich Zhu Jianhua unter dem Thema ‚Hochschuldeutsch‘ auch mit den Hintergründen
der gegenwärtigen Situation befasst. Jin Xiufang stellt das Deutschkolleg an
der Tongji-Universität vor, die auch im Beitrag von Hans-Rüdiger Fluck zur
Fachfremdsprache Deutsch in China zu Recht eine gewichtige Rolle spielt. Hier
wird in der Qualität eines Handbuchartikels auf 30 Seiten die relativ kurze
Geschichte des fachsprachlichen Deutschunterrichts an chinesischen Hochschulen
dargestellt, die Hintergründe der Entwicklungen werden genannt und es wird
abschließend eine ganze Reihe von Perspektiven aufgezeigt. Als in Zukunft
entscheidendes Merkmal stellt der Autor dabei die Flexibilität der
Deutschabteilungen heraus, mit der sie auf die Tendenzen bei der Nachfrage nach
Deutschkenntnissen zu reagieren in der Lage sein werden, wie sie Fan Jieping
und Li Yuan (nicht: Luan) im sich anschließenden Text belegen. Deren flüssig
geschriebene und empirisch abgesicherte Informationen zu Veränderungen in den
Motiven deutschlernender Studenten dokumentieren Wandlungen im Zeitraum
zwischen 1990 und 2003 und verifizieren die prägende Kraft der Rahmenbedingungen
des Fremdsprachenlernens. Was verwundert ist allerdings, dass dieser Artikel
nicht dem nächsten Abschnitt zu ‚Motiven und Funktionen des Deutschlernens‘
zugeordnet wurde.
Diesen Teil leiten die
Ausführungen von Zhu Xiaoan zu den Berufschancen in China für Chinesen mit
Deutschkenntnissen ein, basierend auf der Auswertung von chinesischen Quellen.
Wie nicht anders zu erwarten, sehen die Aussichten nicht rosig aus, zumindest
so lange nicht die Schwerpunkte der Ausbildung verändert werden. Als neu
auftauchenden Problemaspekt nennt Zhu die mangelhafte Art der Vermittlung
zwischen arbeitsuchenden Germanistikabsolventen und Unternehmen, die Personal
mit Deutschkenntnissen benötigen. Wang Jingping und Wei Yuqing nehmen in ihrer
Interpretation von Befragungsergebnissen einiges von dem vorweg, was Hans Werner
Hess im letzten Beitrag des Bandes nochmals aufgreift und in einen breiteren
Kontext stellt, nämlich die Stellung des Deutschen gegenüber der Weltsprache
Englisch. Weshalb sich dennoch vergleichsweise viele Chinesen mit Deutsch
beschäftigen, lässt sich aus den Resultaten einer Befragung chinesischer
Studenten und der Auswertung von Zeitungsanzeigen der Berliner Morgenpost
erkennen, die Yang Jianpei durchgeführt hat und in seinem Artikel referiert. Er
findet ein überwiegend positives Deutschlandbild bei den Lernenden vor und
weist auf die Gefahren hin, die von einer zu einseitigen, an den tatsächlichen
Verhältnissen vorbeigehenden Betrachtungsweise ausgehen können. Als Korrektiv
schlägt er einen interkulturell orientierten Unterricht vor.
Im Abschnitt zur Förderung von
deutscher Seite aus beschreibt Marcus Hernig die einschlägigen Maßnahmen der
Politik, Hansgünther Schmidt das Engagement des DAAD sowie anderer deutscher
Mittler- und Förderorganisationen, Ciu Shaina die Unterstützung, die von der
Alexander-von-Humboldt-Stiftung nach China fließt, und abschließend geben
Gabriele Gauler und Clemens Treter einen Überblick über die bisherigen
Aktivitäten des Goethe-Instituts in China. Wiederum mit Blick auf das sich
ausweitende schulische Deutschlernen in China hätte ein eigener Artikel aus der
oder über die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen das Bild vervollständigt.
Aus allen Beiträgen wird ersichtlich, dass trotz immer wieder auftretender
Schwierigkeiten mit den chinesischen Partnern an der Unterstützung der
Deutschlernenden in China nicht nur festgehalten, sondern diese weiter ausgebaut
werden soll.
Den Status quo des Deutschlernens
in Taiwan und Hongkong fasst Johannes J. Gerbig zusammen und stellt diesen den Verhältnissen in der Volksrepublik gegenüber,
wobei er besonders auf die Situation in Shanghai und auf die Reformen an der
Zhejiang Universität in Hangzhou eingeht. Abgeschlossen wird der Band von Hans Werner Hess, der zum einen die
Globalisierung der Wirtschaft und zum anderen den Weltsprachenstatus des
Englischen als bestimmende Faktoren benennt, die die Rahmenbedingungen
determinieren, an denen sich das Deutschlernen in Zukunft bzw. besser schon in
der Gegenwart auszurichten hat. Er sieht dabei keine Alternative zu Nützlichkeitsabwägungen,
die Entscheidungen für oder gegen den Erwerb einer Fremdsprache bestimmen, in Zukunft
vermutlich noch stärker als in Vergangenheit und Gegenwart. Ausdrücklich spricht er sich gegen den Mythos vom
Deutschen als Weltsprache aus, das seiner Ansicht nach nie und wohl unbezweifelbar
heute keine Konkurrenz zum Angelsächsischen abgibt. Stattdessen stellt er als
Besonderheit des Deutschen gegenüber dem von seinen kulturellen Wurzeln
weitgehend gelösten Englischen die Chance für Lernende heraus, eine
binationale, wenn nicht sogar eine globale Sozialkompetenz zu erwerben, mit der
sie sich als echte Mittler zwischen China und Deutschland bzw. zwischen Asien
und Europa ein anspruchsvolles Betätigungsfeld erschließen.
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Voraussetzung dafür ist
allerdings, dass aus den Entwicklungen der Vergangenheit gelernt und die
richtigen Schlüsse für die notwendige Umgestaltung des Lehr- und Lernangebots
gezogen werden. In seiner Gesamtheit liefert der vorliegende Band dazu die
Hintergrundinformationen und das Faktenwissen. An einigen Stellen wäre eine
stärker ordnende Hand der Herausgeber wünschenswert gewesen, um die
Einzelbeiträge besser aufeinander zu beziehen und Redundanzen zu vermeiden. Die Konzentration auf Shanghai und etwas
schwächer diejenige auf Beijing hätte trotz der unbestreitbaren Bedeutung der
Bildungseinrichtungen in diesen Städten durch einen Blick in die Provinzen
gemildert werden können. Trotz dieser Einschränkung muss das Buch als Pflichtlektüre
für jeden betrachtet werden, der vorhat, sich mit dem Deutschlernen in China zu
beschäftigen.
Haimo Mitschian
(Universität Kassel/Deutschland)
Literatur
Ammon, Ulrich (1991), Die internationale
Stellung der deutschen Sprache. Berlin/New York: de Gruyter.