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Ammon, Ulrich; Reinbothe, Roswitha & Zhu, Jianhua (Hg.) (2007), Die deutsche Sprache in China. Geschichte, Gegenwart, Zukunftsperspektiven. München: Iudicium. ISBN 978-3-89129-877-0. 353 Seiten, 56 Euro.

Im Nachklang zu seiner umfangreichen Abhandlung zur internationalen Stellung der deutschen Sprache von 1991 (vgl. Ammon 1991) bringt Ulrich Ammon im Abstand von einigen Jahren regionalspezifische Bände zum gleichen Thema heraus. Auf Die deutsche Sprache in Japan. Verwendung und Studium, München 1994, folgte Die deutsche Sprache in Korea. Geschichte und Gegenwart, München 2003 (hg. zus. m. Chong Si Ho), und 2007 die Beitragssammlung zu China. In diesen auf die drei ostasiatischen Länder bezogenen Bänden wird mit zunehmender Beteiligung anderer Autoren bzw. Herausgeber – im Band zu China meldet sich Ammon nur noch zusammen mit den beiden Mitherausgebern im Vorwort zu Wort – sehr detailreich die jeweilige Situation des Deutschen umrissen.

Der Chinaband gliedert sich in die Teile Geschichte, Gegenwart und Probleme/Zukunft. Der erste Teil wird mit fünf aufeinanderfolgenden Artikeln fast ausschließlich von der Mitherausgeberin Roswitha Reinbothe bestritten, ergänzt um Ausführungen von Li Lezeng zur Tongji Universität in Shanghai und von Wang Jianbing zur 1. Fremdsprachen-universität in Beijing. Den dritten Teil teilen sich Johannes J. Gerbig und Hans Werner Hess. Auf den knapp zweihundert Seiten des Mittelteils finden sich Beiträge chinesischer und deutscher Autoren, gruppiert unter den Überschriften Institutionen und Zielrichtungen des Deutschlernens, Motive und Funktionen des Deutschlernens sowie Förderung des Deutschlernens von deutscher Seite.

Roswitha Reinbothe gibt in ihren Beiträgen zur Geschichte des Deutschlernens in China eine ausführliche Darstellung der Entwicklung beginnend im 19. Jahrhundert und bis zur Zeit unmittelbar vor dem Ausbruch des 2. Weltkriegs. Gestützt fast ausschließlich auf deutsche Quellen liefert sie fundiert und informativ Einblicke, zeigt frühere Probleme des Deutschunterrichts in China auf, von denen sich einige erledigt, andere jedoch, der Einsatz geeigneter Lehrmittel und Lehrbücher etwa, auch erhalten haben. Wer an der historischen Entwicklung auf diesem Gebiet interessiert ist, findet in diesen Artikeln abgesicherte Informationen zusammen mit der Option, sich über die angeführte Literatur noch tiefer in die Thematik einarbeiten zu können. Li Lezeng zeichnet in seinem Beitrag die Entwicklung der Tongji-Universität nach, nach wie vor der Schwerpunkt des deutschen Hochschulengagements in China, beginnend mit der Gründung im Jahr 1907 und endend mit einer Beschreibung der gegenwärtigen Struktur der Shanghaier Universität. Bedauerlicherweise wertet auch Li fast ausschließlich deutsche Quellen aus, wobei er sich bei der Skizzierung der Gründungsphase hauptsächlich auf frühere Arbeiten von Reinbothe stützt. Fast ganz ohne Quellenangaben kommt der Text von Wang Jianbing zur Geschichte der Beijing Foreign Studies University aus, in dem vorwiegend Fakten zur Entwicklung der Bildungseinrichtung aneinandergereiht werden.

Chinesische und deutsche Autoren liefern die Beiträge zur Erfassung der Gegenwart des Deutschlernens im Lande. Im Zentrum steht dabei wiederum die Tongji-Universität, wodurch sich gelegentlich Überschneidungen und Redundanzen ergeben. Der einleitende Beitrag von Song Ludong zum Deutschlernen an den Schulen weist einige Lücken auf, und im Abschnitt über die Grundschulen (3.1, S. 115) bleibt deren Abgrenzung von der Grundstufe (Sek. I) unklar. Und während auf Seite 118 berichtet wird, dass an den Grundschulen der Deutschunterricht Ende der 1970er Jahre abgeschafft wurde, wird auf Seite 112 die beeindruckende, aber leider nicht belegte Zahl von 6000 deutschlernenden Schülern an Shanghaier Grund- und Mittelschulen genannt. Generell kommt der schulische Deutschunterricht in China im vorliegenden Band zu kurz, obwohl sich gerade auf diesem Sektor in den letzten Jahren die dynamischste Aufwärtsentwicklung zeigt.



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Zahlen und Fakten dominieren im Beitrag von Kong Deming zu den Hochschulen mit dem Fach Germanistik, während sich Zhu Jianhua unter dem Thema ‚Hochschuldeutsch‘ auch mit den Hintergründen der gegenwärtigen Situation befasst. Jin Xiufang stellt das Deutschkolleg an der Tongji-Universität vor, die auch im Beitrag von Hans-Rüdiger Fluck zur Fachfremdsprache Deutsch in China zu Recht eine gewichtige Rolle spielt. Hier wird in der Qualität eines Handbuchartikels auf 30 Seiten die relativ kurze Geschichte des fachsprachlichen Deutschunterrichts an chinesischen Hochschulen dargestellt, die Hintergründe der Entwicklungen werden genannt und es wird abschließend eine ganze Reihe von Perspektiven aufgezeigt. Als in Zukunft entscheidendes Merkmal stellt der Autor dabei die Flexibilität der Deutschabteilungen heraus, mit der sie auf die Tendenzen bei der Nachfrage nach Deutschkenntnissen zu reagieren in der Lage sein werden, wie sie Fan Jieping und Li Yuan (nicht: Luan) im sich anschließenden Text belegen. Deren flüssig geschriebene und empirisch abgesicherte Informationen zu Veränderungen in den Motiven deutschlernender Studenten dokumentieren Wandlungen im Zeitraum zwischen 1990 und 2003 und verifizieren die prägende Kraft der Rahmenbedingungen des Fremdsprachenlernens. Was verwundert ist allerdings, dass dieser Artikel nicht dem nächsten Abschnitt zu ‚Motiven und Funktionen des Deutschlernens‘ zugeordnet wurde.

Diesen Teil leiten die Ausführungen von Zhu Xiaoan zu den Berufschancen in China für Chinesen mit Deutschkenntnissen ein, basierend auf der Auswertung von chinesischen Quellen. Wie nicht anders zu erwarten, sehen die Aussichten nicht rosig aus, zumindest so lange nicht die Schwerpunkte der Ausbildung verändert werden. Als neu auftauchenden Problemaspekt nennt Zhu die mangelhafte Art der Vermittlung zwischen arbeitsuchenden Germanistikabsolventen und Unternehmen, die Personal mit Deutschkenntnissen benötigen. Wang Jingping und Wei Yuqing nehmen in ihrer Interpretation von Befragungsergebnissen einiges von dem vorweg, was Hans Werner Hess im letzten Beitrag des Bandes nochmals aufgreift und in einen breiteren Kontext stellt, nämlich die Stellung des Deutschen gegenüber der Weltsprache Englisch. Weshalb sich dennoch vergleichsweise viele Chinesen mit Deutsch beschäftigen, lässt sich aus den Resultaten einer Befragung chinesischer Studenten und der Auswertung von Zeitungsanzeigen der Berliner Morgenpost erkennen, die Yang Jianpei durchgeführt hat und in seinem Artikel referiert. Er findet ein überwiegend positives Deutschlandbild bei den Lernenden vor und weist auf die Gefahren hin, die von einer zu einseitigen, an den tatsächlichen Verhältnissen vorbeigehenden Betrachtungsweise ausgehen können. Als Korrektiv schlägt er einen interkulturell orientierten Unterricht vor.

Im Abschnitt zur Förderung von deutscher Seite aus beschreibt Marcus Hernig die einschlägigen Maßnahmen der Politik, Hansgünther Schmidt das Engagement des DAAD sowie anderer deutscher Mittler- und Förderorganisationen, Ciu Shaina die Unterstützung, die von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung nach China fließt, und abschließend geben Gabriele Gauler und Clemens Treter einen Überblick über die bisherigen Aktivitäten des Goethe-Instituts in China. Wiederum mit Blick auf das sich ausweitende schulische Deutschlernen in China hätte ein eigener Artikel aus der oder über die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen das Bild vervollständigt. Aus allen Beiträgen wird ersichtlich, dass trotz immer wieder auftretender Schwierigkeiten mit den chinesischen Partnern an der Unterstützung der Deutschlernenden in China nicht nur festgehalten, sondern diese weiter ausgebaut werden soll.

Den Status quo des Deutschlernens in Taiwan und Hongkong fasst Johannes J. Gerbig zusammen und stellt diesen den Verhältnissen in der Volksrepublik gegenüber, wobei er besonders auf die Situation in Shanghai und auf die Reformen an der Zhejiang Universität in Hangzhou eingeht. Abgeschlossen wird der Band von Hans Werner Hess, der zum einen die Globalisierung der Wirtschaft und zum anderen den Weltsprachenstatus des Englischen als bestimmende Faktoren benennt, die die Rahmenbedingungen determinieren, an denen sich das Deutschlernen in Zukunft bzw. besser schon in der Gegenwart auszurichten hat. Er sieht dabei keine Alternative zu Nützlichkeitsabwägungen, die Entscheidungen für oder gegen den Erwerb einer Fremdsprache bestimmen, in Zukunft vermutlich noch stärker als in Vergangenheit und Gegenwart. Ausdrücklich spricht er sich gegen den Mythos vom Deutschen als Weltsprache aus, das seiner Ansicht nach nie und wohl unbezweifelbar heute keine Konkurrenz zum Angelsächsischen abgibt. Stattdessen stellt er als Besonderheit des Deutschen gegenüber dem von seinen kulturellen Wurzeln weitgehend gelösten Englischen die Chance für Lernende heraus, eine binationale, wenn nicht sogar eine globale Sozialkompetenz zu erwerben, mit der sie sich als echte Mittler zwischen China und Deutschland bzw. zwischen Asien und Europa ein anspruchsvolles Betätigungsfeld erschließen.



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Voraussetzung dafür ist allerdings, dass aus den Entwicklungen der Vergangenheit gelernt und die richtigen Schlüsse für die notwendige Umgestaltung des Lehr- und Lernangebots gezogen werden. In seiner Gesamtheit liefert der vorliegende Band dazu die Hintergrundinformationen und das Faktenwissen. An einigen Stellen wäre eine stärker ordnende Hand der Herausgeber wünschenswert gewesen, um die Einzelbeiträge besser aufeinander zu beziehen und Redundanzen zu vermeiden. Die Konzentration auf Shanghai und etwas schwächer diejenige auf Beijing hätte trotz der unbestreitbaren Bedeutung der Bildungseinrichtungen in diesen Städten durch einen Blick in die Provinzen gemildert werden können. Trotz dieser Einschränkung muss das Buch als Pflichtlektüre für jeden betrachtet werden, der vorhat, sich mit dem Deutschlernen in China zu beschäftigen.

Haimo Mitschian
(Universität Kassel/Deutschland)

Literatur

Ammon, Ulrich (1991), Die internationale Stellung der deutschen Sprache. Berlin/New York: de Gruyter.




Copyright © 2009 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Ammon, Ulrich; Reinbothe, Roswitha & Zhu, Jianhua (Hg.) (2007), Die deutsche Sprache in China. Geschichte, Gegenwart, Zukunftsperspektiven. München: Iudicium. ISBN 978-3-89129-877-0. 353 Seiten. Rezensiert von Haymo Mitschian.
Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online] 14: 2, 2009, 3 S.
Abrufbar unter http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-14-2/beitrag/AmmonReinbotheZhu.htm

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