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Demandt, Alexander (2008), Über die Deutschen. Eine kleine Kulturgeschichte. Berlin: Propyläen. ISBN 978-3-549-07294-3. 496 Seiten, 24,90 EUR.

Münkler, Herfried (2009), Die Deutschen und ihre Mythen. Berlin: Rowohlt. ISBN 978-3- 87134-607-1. 606 Seiten, 24,90 EUR.

Zu besprechen sind an dieser Stelle zwei Bücher, die die engen fachlich, methodisch und wissenschaftslogisch definierten Grenzen des Spezialisten souverän überwinden und sich als Sachbücher an ein größeres Publikum wenden. Der gemeinsame Nenner der beiden Bücher, im Titel bereits angezeigt, sind „Die Deutschen“, der genuine Gegenstandsbereich der Landeskunde innerhalb des Faches Deutsch als Fremdsprache. Daraus folgt, dass der Inhalt, aus einer breiten Quellenbasis gewonnen, als informationelle Basis dienen kann, von der aus man Lehr-/Lernmaterialien für eine historisch und kulturwissenschaftlich orientierte Landeskunde gewinnt. Es dabei bewenden lassen, bedeutete jedoch eine Einengung der Lektüre, liegt doch die eigentliche Relevanz der beiden Bücher für die Landeskunde in der konzeptionellen und methodologischen Annäherung an den Gegenstand. 

Demandt ist emeritierter Althistoriker, „der seiner Gegenwart kein Vorrecht vor früheren Zeiten einräumt, der bewusst weit zurückblickt, um die Herkunft und Entwicklung der Kulturgüter aufzuzeigen“ (8). Er brilliert immer dort, wo es um das Hinauswachsen einer deutschen Kultur aus den beiden großen Überlieferungszusammenhängen der griechisch-römischen Antike und des Christentums geht. Seine etymologischen Begriffsbestimmungen sind erhellend und bilden häufig den Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Er bevorzugt die Eigenperspektive, d.h. als Deutscher über die Deutschen zu schreiben, da die Fremdperspektive, man denke nur an die Bücher Madame de Staëls oder Gordon Craigs, mehr über die eigene Nationalität als über den Gegenstand aussagt. In der Darstellung und Interpretation der benutzten Quellen allerdings spielt ein Perspektivwechsel häufig eine wichtige Rolle. So analysieren beide Autoren Tacitus’ Buch über die Germanen als Sittenspiegel der Römer, die an verlorene Tugenden in früheren Zeiten erinnert werden sollen. Während für Demandt der faktische Kern dieser Schrift wichtig ist - er schreibt eine Kulturgeschichte ‚erster Ordnung’ -, sind für Münkler Deutung und Instrumentalisierung der Darstellung wichtiger, er schreibt am Begriff des Mythos eine (politische) Kulturgeschichte ‚zweiter Ordnung’, eine „Geschichte deutscher Selbstdeutungen“ (30). Sein Ausgangspunkt sind „politische Gründungs- und Orientierungsmythen“ (9), deren faktischer Kern gegenüber der narrativen Variation, der ikonischen Verdichtung und der rituellen Inszenierung zurücktritt. Die unterschiedlichen Darstellungsebenen zeigen sich bis in die Syntax, Demandt schreibt parataktisch gereihte, kurze Hauptsätze, Münkler bevorzugt die Hypotaxe, um den interpretativen Kern seines Gegenstands bloßzulegen.

Demandts Buch ist sehr viel persönlicher geschrieben und weniger wissenschaftlich, es verfügt über keinerlei Anmerkungen und eine sehr knappe Literaturliste. Münkler tritt gänzlich hinter seinen Gegenstand zurück, sein Buch enthält einen umfangreichen Anmerkungsapparat und eine detaillierte Literaturliste. Am Ende steht bei Demandt ein kombiniertes Namen-, Orts- und Stichwortregister, bei Münkler nur ein Namenregister.



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Demandts persönliche, subjektive Sichtweise bedeutet für seine Kulturgeschichte Einengung und Bereicherung zugleich. Er kommt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Frankfurt und zieht zur Veranschaulichung Beispiele aus seiner eigenen lokalen Identität (Heimatkunde) heran. Er scheut sich auch nicht seinen Regionalpatriotismus zu verbergen. Da er die Deutschen und Deutschland als geografischen Raum aus den Stämmen herleitet, nimmt er die Hessen als einen der „Altstämme“ genauer ins Visier. Beides ist eher eine Bereicherung für das Buch. Er ist Protestant und hier kommt es zum ersten (und einzigen) historischen Fehlurteil: „Die in den ‚Fuggerzeitungen’ aus erster Hand berichteten Greuel der Rekatholisierung übertreffen alles, was zuvor und nachher an Brutalität in der europäischen Geschichte zu beklagen war“(265). Weiterhin ist er bekennender „Goetheianer“, Anhänger Goethes also, der ja bekanntlich zu allem Stellung genommen hat und deshalb häufig zitiert wird, andere Geistesgrößen, mit der Ausnahme Jacob Burckhardts, spielen dagegen eine untergeordnete Rolle. Kaum verwunderlich, dass Demandt Kulturkonservativer ist, für den der Kulminationspunkt der deutschen Kultur  mit der Weimarer Klassik und Romantik erreicht ist. Im Unterschied zur Technik und Wissenschaft, deren Entwicklung Demandt bis in die Gegenwart verfolgt, ist im Bereich der Kunst mit der klassischen Moderne Schluss. So gilt für dieses Buch generell, dass die Darstellung um so schwächer wird, je näher sie an die Gegenwart heranreicht.

Die kulturelle Banalität der Gegenwart, wenn man Demandt hier folgen möchte, hat ihre Gründe und sie werden von Münkler bloßgelegt, indem er seine Geschichte der Mythen von der Gegenwart aus rekonstruiert. Münkler bindet die „Deutungshoheit“ der Mythen an die Entwicklung der sozialen Trägerschicht, das deutsche Bildungsbürgertum. Während im 19. und frühen 20. Jahrhundert „ein überbordender Reichtum an politischen Mythen“ (12) herrschte, ergab sich nach 1945 eine Entpolitisierung der Mythen, die sich nun auf den individuellen Wohlstand in einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Schelsky) verschoben. Der Bedeutungsverlust des Bildungsbürgertums als ‚Mythenerzeuger’ spiegelt sich in einem demokratisierten, quasi aufgelösten Kunstbegriff und in einer Massenkultur, beides für Demandt ausgesprochen negative Entwicklungen. Auch Münkler konstatiert eine Verschiebung der Mythen von der kulturellen Überlieferung hin zum Konsum, stärker beunruhigt ihn jedoch das Fehlen von politischen Mythen, die einen gesellschaftlichen Reformprozess begleiten können. Münkler bedauert nicht, dass das künstlerische und kulturelle Referenzsystem der Mythen des 19. Jahrhunderts, das den Schwerpunkt seines Buches ausmacht, vielen heutigen Lesern nur noch dem Namen nach bekannt ist. Ihn interessiert, wie das deutsche Bildungsbürgertum daraus seinen wesentlichen Identitätskern gewonnen hat, und welche Beziehungen zum jeweiligen politischen Herrschaftssystem die Grundlage dafür waren. Dass er den Preis nicht verschweigt, den eine solche Mythenfülle bis 1945 im Unterschied zur „Mythenfeindlichkeit“ der BRD gekostet hat, zeigt den nüchternen Realitätssinn und die souveräne Urteilskraft dieses wirklich herausragenden Buches.

Beide Autoren gliedern ihren Gegenstand systematisch, indem sie ihre Schlüsselbegriffe ‚Kultur’ und ‚Mythos’ differenzieren und dieser Differenzierung Themen bzw. Mythen zuordnen. In der Darstellung bevorzugen beide eine diachrone Perspektive. So kann der Leser die Reihenfolge der Lektüre weitgehend selbst bestimmen, ohne in den einzelnen Kapiteln auf einen roten Faden verzichten zu müssen. Demandt klärt zunächst die nahe liegenden Fragen: „Wer ist ein Deutscher? Was ist Kultur?“ Er postuliert eine Nationalkultur, deren Prägung er etwas allgemein in „Konstanten“ sieht, stabilisierende „geistige Grundlagen“ (14). Ein Deutscher wäre demnach jemand, der sich als Teil dieser Nationalkultur sieht, zu der auch die Sprache gehört. Die ersten beiden Kapitel: „Germanen und Deutsche“ und „Land und Leute“ sind für Demandt „Präliminarien der Kulturgeschichte“(76), die „eigentliche Kulturgeschichte“ wäre ohne sie nicht zu verstehen. Die eigentliche Kulturgeschichte beginnt in den folgenden Kapiteln. Dort geht es um „Haus und Familie“, „Frauen und Liebe“, „Dorf und Stadt“, „Der Wald und die Bäume“, „Gott und die Welt“. Die nächsten drei Kapitel „Bauten und Bilder“, „Musik und Theater“, „Dichter und Denker“ führen den Leser „ins Zentrum des tradierten Kulturbegriffs, in den Bereich der Kunst“ (265). Bis zu dieser Stelle ist die Systematik der Gliederung überzeugend. Im nun folgenden Kapitel „Technik und Wissenschaft“ überschreitet Demandt sein Konzept der Nationalkultur, denn bei den Errungenschaften von Technik und Wissenschaften handelt es sich  um „Bereiche der Zivilisation, deren Produkte nicht aus dem Geist eines Volkes, sondern aus internationaler Zusammenarbeit erwachsen und damit der Menschheit angehören“ (369). Gilt diese Feststellung nicht für alle Kulturerzeugnisse, die nicht an eine Sprache gebunden sind? Die nächsten beiden Kapitel, „Krieg und Frieden“ und „Staat und Recht“, sind die interessantesten des gesamten Buches, denn sie reflektieren das ambivalente Verhältnis von Krieg und Kultur und zeigen die historische Entwicklung der Einhegung und Verrechtlichung von Kriegen mit den Konsequenzen für die darauf folgenden Friedenszeiten. Das Buch schließt mit einem Kapitel „Spiele, Sport und Feste“, das von der Systematik eher zu den Kapiteln des weiteren Kulturbegriffs im ersten Teil des Buches gepasst hätte.



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Münklers Systematik ist insgesamt überzeugender. Im Unterschied zu Demandt, der seine Kulturgeschichte im Titel kokett mit „klein“ qualifiziert, in der Darstellung selbst aber enzyklopädisch vorgeht, ist für Münkler die Auswahl und deren Begründung wichtiger. Seine Mythen klassifiziert er in Nationalmythen, für die der Zeithorizont entscheidend ist: woher kommen wir und wohin wollen wir gemeinsam gehen. In diesem ersten Kapitel werden Barbarossa, die Nibelungen und Faust behandelt. Das zweite Kapitel „Ein Kampf um Rom“ konzentriert sich auf die Abgrenzung, die Feindmarkierung. Es umfasst nicht nur das Römische Weltreich (Tacitus, Arminius), sondern setzt sich auch mit dem mittelalterlichen Konflikt zwischen Imperium und Sacerdotium (Canossa) und der Kirchenspaltung auseinander (Luther). Unter dem Titel „Preußenmythos und preußische Mythen“ wird anhand markanter Personen und Ereignisse das deutsche Sonderwegsbewusstsein behandelt. Im Einzelnen: Preußens Aufstieg, Friedrich II., Königin Luise und der „Tag von Potsdam“. Im vierten Kapitel „Burgen und Städte“ geht es um die topografische Verortung der Mythen. Behandelt werden die Wartburg, Weimar, Dresden und Nürnberg sowie der Rhein. Im letzten Kapitel geht es am Beispiel der DDR um Gegenmythen gegen den Überlegenheitsanspruch eines anderen Kollektivs.

Demandts Konzept einer aus dem Volksgeist erwachsenen Nationalkultur scheint obsolet zu sein. Sein Anliegen gilt dem Konservieren eines Kanons, dessen Trägerschicht nicht benannt wird, dessen Status als Leitkultur eines Kollektivs, hier der Deutschen, jedoch sehr wohl markiert wird. So ist es kaum verwunderlich, dass er die Errungenschaften der Deutschen durch Europäisierung, Amerikanisierung und Globalisierung bedroht sieht. Für Münkler, Politologe und Ideengeschichtler, ist das demokratische Gemeinwesen wichtiger als kulturelle Größe. Die Mythengeschichte ist für ihn keine Verfallsgeschichte. Er hat andere Probleme und die liegen in seinem Ansatz begründet. Im Nachwort schreibt er, dass ihn das Mythenprojekt „über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten beschäftigt hat“ (605). Während dieser Zeit hat es den cultural turn in der Geschichtswissenschaft – und in Grenzen in der Politikwissenschaft – gegeben und eines der leitenden Paradigmen dieser Hinwendung zur Kultur ist die Erinnerung, in Verbindung mit dem Gedächtnis als deren Speichermedium. Man fragt sich nach Lektüre seines Buches, was einen Erinnerungsort von einem Mythos unterscheidet, tauchen doch fast alle analysierten Mythen in der Sammlung „Deutsche Erinnerungsorte“  von François/Schulze (2001) auf. Münkler thematisiert dieses Abgrenzungsproblem nur äußerst knapp und indirekt zu Beginn des Kapitels IV. „Burgen und Städte“ und versucht nach Möglichkeit, das entsprechende Diskursvokabular zu vermeiden. Ein methodologischer Unterschied lässt sich nicht feststellen, denn Mythen und Erinnerungsorte werden mit Hilfe eines konsequent deutungsgeschichtlichen Narrativs dargestellt, und auch die Quellenbasis stimmt weitgehend überein. Da die Zahl der analysierten Mythen weit geringer ist als die der Erinnerungsorte, spielen die Auswahlkriterien die entscheidende Rolle. Die quantitative und qualitative Verdichtung – Münkler nennt solche Orte „Mythensammler“ (297) -, die Epochen übergreifende Bedeutung und politische Anschlussfähigkeit unterscheiden Mythen von Erinnerungsorten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Demandts Buch als Fundgrube für Beispiele und Quellen einer Landeskunde dienen kann, die einem sehr traditionellen Kulturbegriff folgt. Der eigentliche Gewinn aus der Lektüre ergibt sich aus seinen etymologischen Begriffsbestimmungen, die in landeskundlichen Materialien und Konzepten notorisch vernachlässigt werden. Münklers Darstellung ist methodisch sehr viel innovativer und kann dazu genutzt werden, den Schwerpunkt auf die Deutungsperspektive des jeweiligen Gegenstandes zu legen. Wem die Überwindung des sprachlichen und gegenständlichen Positivismus in der Landeskunde zu ambitioniert erscheint, der sollte zumindest der longue durée der kulturellen Entwicklung in den beiden Büchern folgen, um zu reflektieren, warum und wie eine Überführung der behandelten Gegenstände ins kulturelle Gedächtnis der Deutschen möglich wird. Auch hier liegt ein Desiderat der Landeskunde, deren zeitlicher Horizont sich meist im ‚kommunikativen’ oder ‚Generationengedächtnis’ erschöpft, und deren didaktisches Vehikel in den Unterrichtsmaterialien der Zeitzeuge ist.

Manfred Kaluza
(Freie Universität Berlin/Deutschland)

Literatur

Craig, Gordon A. (1984), The Germans, Harmondsworth: Pelican Books.

François, Etienne & Schulze, Hagen (Hrsg.) (2001), Deutsche Erinnerungsorte. 3 Bände. München: Beck.

Staël, Germaine de (2004), Über Deutschland. 7. Aufl. Frankfurt: Insel.




Copyright © 2009 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Demandt, Alexander (2008), Über die Deutschen. Eine kleine Kulturgeschichte. Berlin: Propyläen. ISBN 978-3-549-07294-3. 496 Seiten. Münkler, Herfried (2009), Die Deutschen und ihre Mythen. Berlin: Rowohlt. ISBN 978-3- 87134-607-1. 606 Seiten. Rezensiert von Manfred Kaluza.
Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online] 14: 2, 2009, 3 S.
Abrufbar unter http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-14-2/beitrag/DemandtMuenkler.htm

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