Doyé,
Peter (2008), Interkulturelles und mehrsprachiges Lehren und Lernen – Zwölf
Beiträge zur Fremdsprachendidaktik. Tübingen: Narr (= Giessener Beiträge
zur Fremdsprachendidaktik). ISBN 978-3823363705. 235 Seiten, 29,- Euro.
Der
hochaktuelle Titel des vorliegenden Bandes erweckte bei mir die Erwartung, dass
es sich um theoretische, aber auch um praktische, in jedem Falle aber aktuelle,
Beiträge zur Gestaltung des Unterrichts oder auch um anwendungsorientierte
Berichte über Unterrichtserfahrungen und -projekte handele, wie es ja oft bei
Sammelbänden der Fall ist. Es war meiner Aufmerksamkeit jedoch entgangen, dass
es sich hier um 12 Beiträge ein- und derselben Person handelt, die – wie ich
dann feststellen konnte – Rückblick hält über den eigenen akademischen
Lebensweg und die damals (und heute) relevanten Fragen der allgemeinen und auch
der fachspezifischen Hochschuldidaktik, die anhand der eigenen Beiträge zum
Thema erneut und im Zusammenhang dargestellt werden sollen. Im Vorwort wird
dann klar, dass hier die Überlegungen des Autors „zu den mir wichtig erscheinenden
Fragen der vergangenen zehn Jahre“ (7) zusammengeführt werden sollen.
Allerdings entstammt der erste Beitrag einem Sammelband der 60er Jahre des
vorigen Jahrhunderts und auch die bibliographischen Referenzen eines großen
Teils der anderen Beiträge sind mehrheitlich älter als 10 Jahre und nur die
neuesten Referenzen reichen über die Jahrtausendwende hinaus.
Das
Buch ‚entpuppt’ sich also, anders als erwartet, in großen Teilen als ein
Beitrag zur Geschichte des eigenen Fachs, zu einem Aspekt also, der meiner
Ansicht nach wichtig ist und immer mitbedacht werden sollte, wenn man sich mit
einzelnen Disziplinen beschäftigt. Für mich ist es immer ein Gewinn mich mit
der historischen und sozialen Situierung einer Disziplin zu befassen und zu
sehen, an welchen Fragen sich die Disziplin konturiert hat. Andererseits ist es
auch immer etwas niederschmetternd zu sehen, wie die immer gleichen Fragen
einer neuen Beantwortung zugeführt werden sollen, aber letztendlich doch offen
bleiben. Jedenfalls schützt einen der Blick in die Geschichte des eigenen Fachs
gegebenenfalls davor, das Rad noch einmal zu erfinden oder aber so genannte
‚neue Ansätze’ für unglaublich originell zu halten.
In
meiner eigenen Disziplin, der Romanistik, führte die Didaktik immer ein eher
randständiges Dasein. Das größte Prestige genossen Literatur- und
Sprachwissenschaft, gefolgt von der Landeskunde. Erst danach erinnerte man sich
als Studentin meist recht unwillig der Fachdidaktik, sofern sie bestimmte
Anforderungen in Form von Leistungsnachweisen stellte.
Im
Folgenden werde ich die wichtigsten Schwerpunkte des vorliegenden Bandes
skizzieren. Der erste Beitrag, der einen in die Diskussionen 60er Jahre
zurückversetzt, behandelt die konkurrierenden Hauptrichtungen bzw. Schulen der
damaligen Didaktik: die so genannte bildungstheoretische Konzeption der
Göttinger Schule, die vor allem mit den Namen Weniger und Klafki verbunden ist,
die informationstheoretische Konzeption, die von Frank und Cube vertreten wurde
und schließlich die sogenannte Berliner Didaktik, deren Ziehvater Paul Heimann
war und zu der sich der Autor selbst hinzurechnet.
Diese
Berliner Didaktik bildet das Rückgrat des gesamten Buches, weshalb ihre wesentlichen
Charakteristika hier kurz erwähnt werden sollen:
- eine
ganzheitliche Betrachtung des Lehrens und Lernens, vor allem des schulischen
Unterrichts, einschließlich seiner Voraussetzungen und Folgen,
- die
Offenheit der Didaktik gegenüber anderen Disziplinen und die Kooperation mit
ihnen,
- der
enge Praxisbezug, der den Praktikern eine solide Grundorientierung liefern,
ihnen die spezifischen Züge ihrer eigenen Unterrichtssituation erkennen helfen
und sie bei der Planung und Analyse ihres Unterrichts unterstützen sollte (vgl.
15).
-2-
Auch
die Beziehung der Fremdsprachendidaktik zu ihren Referenzwissenschaften steht immer
wieder im Fokus von Doyés Überlegungen und ist auch Gegenstand mehrerer
Aufsätze dieses Bandes, wird aber besonders ausführlich im Beitrag 8 (dort auch
im Titel) behandelt. Als Referenzwissenschaften werden drei Gruppen genannt:
- die
Sprachwissenschaft, die Literaturwissenschaft, die Landeskunde/ Kulturwissenschaft,
- die
Psychologie, Politologie, Soziologie
- die
Erziehungswissenschaft.
In
seinem zweiten Beitrag erörtert der Autor seine Sicht auf den Prozess des
Fremdsprachenlernens und –lehrens aus der Sicht der Sozialisationstheorie. Die
Auseinandersetzung mit anderen Kulturen wird beschrieben als Bestandteil der
tertiären Sozialisation und somit als die ‚natürliche’, aber anspruchsvolle
Ergänzung der vorangegangenen Sozialisationsphasen, auf deren Dringlichkeit
Doyé aufmerksam macht:
„Living
in a multicultural world necessitates the modification of the patterns of
thinking, valuing and acting that were considered appropriate for life in
monocultural societies and the acquisition of new patterns. The latter is the
easier part of the two. The former is by far more difficult as it requires rethinking
and unlearning of familiar patterns acquired in primary and secondary
socialisation. And the longer this monocultural socialisation has lasted and
the more intense and exclusive it was, the more demanding is the task of tertiary
socialisation. […]
But it is a necessity” (29).
Weitere
Beiträge (4 und 5) widmen sich dem Thema der mehrsprachigen Erziehung und den
ihr zugrunde liegenden Transfermodellen, der Vermittlung von Fremdsprachen in
der Grundschule (Beitrag 3) und damit einhergehend der „Verpflichtung zu
interkultureller Orientierung“ (55), der Integration von Fach- und Sprachunterricht
in der Hauptschule (Beitrag 7), und die Beiträge 9-12 haben als übergreifendes
Thema die Interkomprehension. Bei der Interkomprehension geht es vor allem um
die Begriffsklärung (Beitrag 9), um europäische Mehrsprachigkeit und
Vermittlungskonzepte (Beitrag 10), um die Erläuterung der politischen, psychologischen
und pädagogischen Vorteile der Interkomprehension und die Methodik des Lehrens
und Lernens. Im 12. und letzten Beitrag geht es um den Faktor Sprachverwandtschaft
in der Interkomprehension. Es werden zunächst die Bedingungen aufgelistet, die
eine Erfolg versprechende Basis für Interkomprehension bilden, wie z.B.: Allgemeinbildung,
Fachwissen, verbale Intelligenz, Motivation bis hin zur Verwandtschaft der
Zielsprache mit der Ausgangssprache der Kommunikanten.
Ob
letzteres ein grundlegendes Kriterium ist, wird anhand eines empirischen
Experiments zum Leseverstehen mit Schülern und Studenten überprüft. Der Autor
kommt zu dem keineswegs überraschenden Schluss, dass das Textverständnis höher
war, wenn der zu lesende Text einer verwandten Sprache entstammte.
Insgesamt
handelt es sich um einen Rückblick über die Didaktik von den 60er Jahren bis
zum Beginn der Jahrtausendwende mit interessanten Beiträgen, die uns die
zentralen Diskussionspunkte dieser Jahre nahe bringen. Obwohl heute nicht mehr
diskutiert wird, ob das Lernen von fremden Sprachen dem Lernen anderer Fächer
zu- oder abträglich ist, und obwohl in der Spracherwerbsforschung und in der
Didaktik viele der damaligen Einzelpositionen (kognitive Verarbeitung versus
ganzheitliche interaktive Orientierung) nach und nach integriert wurden bzw.
werden und wir heute andere Begriffe pflegen wie z.B. Lernerautonomie und blended
learning, so kann man doch sagen, dass die wesentlichen Aspekte in der
allgemeinen Fachdiskussion keineswegs schon abschließend ‚ausdiskutiert’ sind.
Von daher kann der vorliegende Rückblick auch heute durchaus noch mit Gewinn
gelesen werden. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass diese ausgeprägte
historische Dimension schon im Titel erkennbar gewesen wäre.
Gabriele
Berkenbusch
(Westsächsische
Hochschule Zwickau/Deutschland)