|
Kärchner-Ober,
Renate (2009), The German Language is completely different from the English
Language. Besonderheiten
des Erwerbs von Deutsch als Tertiärsprache nach Englisch und einer
Nicht-Indogermanischen Erstsprache. Tübingen: Stauffenburg (= Tertiärsprachen – Drei- und
Mehrsprachigkeit, Bd. 9). ISBN 978-3-86057-868-1. 347 Seiten, 49,80 Euro.
Das
Buch ist eine von Britta Hufeisen in Darmstadt betreute Dissertation. Ein
wichtiges Buch, wenn man es exemplarisch liest: als Beispiel für die
Sprachenprobleme und Sprachunterrichtsprobleme von multiethnischen, multilingualen
Ländern, in denen auch die Nationalsprache, hier das Bahasa Malaysia,
noch gestärkt und gefestigt werden muss.
Malaysia,
wie es seit 1963 heißt (seit 1965 ohne Singapur), ist damit keineswegs ein Paradebeispiel
oder gar vorbildhaft, aber es illustriert doch auf eindrucksvolle Weise die
Vielfalt von Problemen, sprachenpolitischen Entscheidungen und Lernumgebungen,
mit denen sich die Staatsbürger dieses Landes zurechtfinden müssen. Malaysia
ist kein Migrationsland, und die Erfahrungen des Rezensenten mit der
westeuropäischen Mehrsprachigkeit können kaum zum Vergleich herangezogen
werden. Hier schaffen die vielfachen Übersichten des Buches dankenswerte
Orientierung und Ordnung, so der Vergleich der Sprachensituation Malaysias mit
der Deutschlands (75ff.), der vergleichende Überblick über die vier wichtigsten
Sprachen: Bahasa Malaysia, Englisch, Mandarin und Tamilisch (114) oder das
Klassifikationsraster der in Malaysia verwendeten Varietäten des Englischen
(120). Solche Überblicke sind auch notwendig, denn der alles beherrschende
Eindruck, den dieses Buch vermittelt, ist die Kompliziertheit der
Sprachenverhältnisse dieses Landes und in Verbindung damit die Schwierigkeit
ebenso wie die Notwendigkeit, hier Forschungsarbeit zu leisten. Übrigens ähnlich
komplex, aber doch wieder ganz anders ist die Sprachensituation in Taiwan, die
Merkelbach (2006) ebenfalls aus der Perspektive Deutsch nach Englisch
schildert.
Klar,
dass bei einer solchen Gemengelage Deutsch höchstens als Tertiärsprache
vorkommt, als zweite Fremdsprache nach Englisch, eben ‚Deutsch nach Englisch’,
wie die griffige Formel lautet. So steht in dieser Arbeit auch das Englische
als Brückensprache stärker in der Diskussion als die Erstsprache, die doch die
wichtigste Brücke zu den Fremdsprachen bilden müsste, könnte man meinen. Manche
verfügen aber auch über zwei Erstsprachen, die schon früh, noch vor
Schulbeginn, im Alltag erworben und verwendet werden, zu denen dann auch das
Englische zählen mag, etwa in der Form des „unofficial Malaysian English“ oder
„broken Malaysian English“. Die Mehrsprachigkeit beginnt also schon zu Hause,
vor der Schule. Das ist besonders in ehemaligen Kolonialstaaten anders als in
Europa, wo die Erstsprache immer noch überwiegend mit der Schul- und Landessprache
zusammenfällt und eben auch Schriftsprache ist.
Den
zweiten Teil der Arbeit bildet eine empirische Studie, in der Daten
schriftlicher Sprachproduktion von 15 Studierenden mit recht unterschiedlichen
Ausgangslagen über drei Lernjahre erhoben wurden. Dabei kommt auch der
SILL-Fragebogen (Strategy Inventory for Language Learning, Oxford 1990) zum
Einsatz, außerdem wurden die Teilnehmer gebeten, Lernertagebücher zu führen, in
denen sie auch ihre Lieblingsvokabeln sammeln, ihre Arbeit am Computer und sich
selbst bewerten. Die Autorin formuliert als ihre Leitfrage: „Warum haben
malaysische Lerner mit nicht-Indogermanischer Muttersprache solche Mühe Deutsch
zu lernen, wenn sie doch Englisch vorher gelernt haben?“ (157)
Ausgangspunkt
für Kärchner-Ober ist ein Grundgesetz des Lernens, das der Rezensent einmal so
formuliert hat: „Alles Lernen ist ein Hinzulernen“ (Butzkamm 2002, 187). Das
schon Mitgebrachte, die Muttersprache – oder wie die Muttersprache erworbene
Sprachen – sind die natürlichen Wegbereiter von Fremdsprachen, zumal wenn
letztere im engen Zeitrahmen von Unterricht erlernt werden sollen. Deutsch nach
Englisch heißt also auch immer Deutsch mit Englisch, vgl. auch das
„Mitlernprinzip“ (Butzkamm 2004, 122ff.). Der einsprachige Unterricht, der die
Sprachen in getrennte Schubladen ablegt, entspricht schon lange nicht mehr dem
Stand der Wissenschaft, auch nicht der Hirnforschung.
-2-
Die
Zuhilfenahme erworbenen Sprachkönnens und -wissens hat auch eine affektive Komponente,
auf die Kärchner-Ober zu Recht verweist. Statt verwirrt zu sein und den Kopf voll
ungelöster Fragen zu haben, fühlt man sich doch wenigstens zum Teil in seiner
Sprachwelt bestätigt, auch wenn es klar ist, dass man immer weiterlernen muss.
Aber statt Chaos herrscht eben doch Ordnung, die befriedigt. Nichtverstehen
hingegen führt schnell zum Abschalten, zu nervöser Anspannung und zum
Lernfrust, wie auch aus den Lernerzitaten, die in Blick öffnender Weise
eingestreut werden, hervorgeht: „Die Probandin fühlt die Anspannung, da sie
nicht alles versteht. Dies ist ein generelles Problem und man sollte als Lehrender
nicht davon ausgehen, dass diese Anspannung bei einem Teil der Lerner je nachlässt“
(259).
An
dieser Stelle ist der Titel des Buches etwas irreführend. Er geht auf die
Aussage eines malaysischen Deutschstudenten zurück, andere Studenten nehmen
aber diesen Sachverhalt ganz anders wahr. Jedenfalls vermitteln die vielen
Zitate aus den Lernertagebüchern hochinteressante Einblicke, während die
akribisch vorgenommene Fehleranalyse zwangsläufig den Blick auf die negativen
Auswirkungen vorher erworbener Sprachen lenkt. Denn natürlich kann vorher
Gelerntes dem Neuen auch im Weg stehen.
Die
in der Fachliteratur über asiatische Lerner von vielen Seiten vorgebrachten
Klagen über eine Tradition des bloßen Auswendiglernens sind sicherlich berechtigt.
Aber der Praktiker hätte es sich schon genauer gewünscht. Die Klagen über das
allgegenwärtige Memorieren beziehen sich auf Unterricht überhaupt, und man
hätte schon gern gewusst, ob nicht gerade bei den Fremdsprachen das
Auswendiglernen (was und wie?) auch positive Aspekte hat. Die Wahrheit, wie man
so schön sagt, ist eben konkret. Lerngewohnheiten, die aus dem Englischunterricht
auf den Deutschunterricht übertragen würden, seien 1:1-Übersetzungen, Vokabellernen,
Grammatikregeln (144). Auch hier ist zu fragen, an welcher Stelle etwa 1:1-Übersetzungen
ihren Sinn haben und wo nicht. Aber das Buch versteht sich auch nicht als
Anleitung, wie Deutsch zu unterrichten sei, wenn gleich Methodenfragen immer
mitschwingen.
Diese
arbeitsaufwendige Studie, die gut und gerne auch als Habilitationsschrift zu
akzeptieren wäre, ist von einem hohen Problembewusstsein getragen. Man wünscht
sich mehr Dissertationen dieser Art, die tatsächliche Probleme aufgreifen, um
zu ihrer Lösung beizutragen. Es wird allerdings deutlich, dass die oben
erwähnte Leitfrage – auch angesichts der Heterogenität der Lerngruppe – noch
nicht hinreichend beantwortet werden konnte. Aber ein Anfang ist gemacht.
Wolfgang
Butzkamm (RWTH
Aachen/Deutschland)
Copyright
© 2009 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht
Kärchner-Ober,
Renate (2009), The German Language is completely different from the English
Language. Besonderheiten
des Erwerbs von Deutsch als Tertiärsprache nach Englisch und einer
Nicht-Indogermanischen Erstsprache. Tübingen: Stauffenburg (= Tertiärsprachen – Drei- und
Mehrsprachigkeit, Bd. 9). ISBN 978-3-86057-868-1. 347 Seiten. Rezensiert von Wolfgang Butzkamm. Zeitschrift für
Interkulturellen
Fremdsprachenunterricht [Online] 14: 2, 2009, 2 S. Abrufbar unter
http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-14-2/beitrag/Kaerchner_Ober.htm
|
[Zurück
zur Leitseite]
|