Zur Professionalisierung von Lehrkräften im Bereich Deutsch als
Zweitsprache: Überlegungen zu zentralen Kompetenzbereichen für die
Lehrerausbildung
Udo Ohm
Professor
für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache
Universität
Bielefeld
Fakultät
für Linguistik und Literaturwissenschaft
Postfach
10 01 31, 33501 Bielefeld
Tel:
+49 521 106-3611
Fax:
+49 521 106-2996
E-mail: udo.ohm@uni-bielefeld.de
Abstract.
Im Beitrag wird die Position vertreten, dass jeder Unterricht Sprachunterricht
ist. Die sprachliche Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Zweitsprache
Deutsch ist daher Aufgabe aller Fachlehrkräfte. Es wird der Frage nachgegangen,
welche Kompetenzen zur Bewältigung dieser Aufgabe in einem fächerübergreifenden
Ausbildungssegment Deutsch als Zweitsprache in der Erstausbildung für Lehrer
vermittelt werden sollten. Dabei wird auf drei zentrale Kompetenzbereiche
fokussiert: Berücksichtigung und Unterstützung lernersprachlicher
Entwicklungsprozesse; Förderung bildungssprachlicher Kompetenzen als Basis
fachlichen Lernens; Reflexion schulsprachlicher Normalitätserwartungen vor dem
Hintergrund von Spracherwerbsbiographien mehrsprachiger Schülerinnen und
Schülern. Zudem sind elementare linguistische Kenntnisse als unverzichtbares
Handwerkszeug für professionelles Handeln in den umrissenen Kompetenzbereichen
vorauszusetzen.
Abstract. In
this article, the view will be taken that a focus on language is necessary in
teaching all subjects. Therefore it is the task of all teachers to promote the
language development of students with German as a second language. In the
following, I will examine the competencies
that are needed to accomplish this task and hence should constitute a pivotal
module in teacher education. The focus will be on three areas: consideration
and support of the development of learner language, promotion of academic
language proficiency as the basis of learning in school subjects, and teachers’
expectations concerning school-specific language behaviour. In addition, it
should be clear that acting professionally in the areas mentioned requires an
elementary knowledge and basic skills in the core domains of linguistics.
Keywords:
Lehrerausbildung, Deutsch als Zweitsprache, Bildungssprache, Fachlernen
1.
Einleitung
In
industrialisierten Gesellschaften ist die schulische Vermittlung von Fachwissen
untrennbar mit dem Erwerb bildungssprachlicher Fähigkeiten verbunden. Kinder
und Jugendliche erlernen in der Schule grundlegende sprachliche Handlungen, die
zum Bewältigen fachlicher Aufgaben benötigt werden. Dazu zählen u.a. das
Benennen und Beschreiben von Personen und Gegenständen, das Erklären einfacher
Sachverhalte und Abläufe sowie einfache Formen des Schlussfolgerns, Bewertens
und der argumentativen Auseinandersetzung. Im Laufe der Schulzeit wird von den
Schülerinnen und Schülern ein immer mehr an den spezifischen kognitiven
Anforderungen fachlichen Lernens orientierter Sprachgebrauch verlangt. Beim
Eintritt in die berufliche Ausbildung sollten Jugendliche über eine
bildungssprachliche Kompetenz verfügen, die sie in die Lage versetzt, fach-
bzw. berufsbezogene Aufgabenstellungen zu bewältigen. Erfahrungen von Lehrenden
und Ausbildenden in der Schule und im Betrieb zeigen jedoch, dass vor
allem – aber nicht ausschließlich – Lernende nicht-deutscher
Herkunftssprache den sprachlichen Anforderungen des Fachunterrichts und der beruflichen
Ausbildung nicht gewachsen sind.
-2-
Einer
der Hauptgründe ist dabei sicher, dass Lehrkräfte auf die besonderen
Anforderungen, die eine Berücksichtigung der unterschiedlichen
Spracherwerbsbiographien und eine systematische Zweitsprachenförderung mit sich
bringen, bisher nicht ausreichend vorbereitet sind. In jüngster Zeit hat sich
zunehmend die Ansicht durchgesetzt, dass mit einer entsprechenden inhaltlichen
Ausgestaltung der Lehrerausbildung reagiert werden muss. Mit Blick auf die
zusätzlichen Anforderungen an Lehrkräfte, die der zunehmende Anteil von
Schülerinnen und Schülern nicht-deutscher Herkunftssprache mit sich bringt,
sieht der Beschluss der Kultusministerkonferenz zu den „Ländergemeinsamen
inhaltlichen Anforderungen für die Fachwissenschaften und die Fachdidaktiken in
der Lehrerbildung“ vom 16.10.2008 (KMK 2008) für die Grundschulbildung im
Studienbereich „Bildungswissenschaftliche Grundlegung“ neben den allgemeinen
Studieninhalten „Umgang mit Heterogenität“ und „Kinder mit besonderem Förderbedarf“
die folgenden spezifischen Studieninhalte vor: „Aspekte interkultureller
Bildung; Spracherwerb und Sprachförderung: Herkunftssprachen, Familiensprachen,
Mehrsprachigkeit“. Im Studienbereich „Deutsch“ wird unter
„fachwissenschaftliche Grundlagen“ der zielgruppenspezifische Inhalt „Deutsch
als Zweitsprache“ und unter „fachdidaktische Grundlagen“ der Punkt „Theorien
des kindlichen Spracherwerbs: Erst- und Zweitsprache“ genannt. Nicht
ausdrücklich auf die spezifischen Bedarfe von Schülerinnen und Schülern
nicht-deutscher Herkunftssprache orientiert, aber für diese Zielgruppe von
großer Bedeutung sind zudem der unter „fachwissenschaftliche Grundlagen“
vorgesehene Punkt „grundlegendes Wissen zur Mündlichkeit und Schriftlichkeit“
sowie der unter „fachdidaktische Grundlagen“ angeführte Punkt „Formen
mündlicher und schriftlicher Kommunikation“. Für das Studium der Lehrämter für
die Sekundarstufe I und II bzw. Gymnasium werden als zielgruppenspezifische
Inhalte im Bereich Sprachwissenschaft „Mehrsprachigkeit“ und im Bereich der
Fachdidaktik Deutsch „Mehrsprachenorientierter Deutschunterricht,
Zweitspracherwerb (insb. Schriftspracherwerb und zunehmend fachbezogenes
Sprachhandeln im Unterricht)“ genannt.
Die
Zuordnung der auf die spezifischen Anforderungen in Deutsch als Zweitsprache
(DaZ) orientierenden Inhalte im Studienbereich Deutsch des
primarstufenbezogenen Lehramts zeigt, dass die sprachliche Förderung zumindest
der Tendenz nach als Aufgabe dieses Fachs und nicht als Aufgabe aller Fächer
und aller Lehrkräfte betrachtet wird. Noch deutlicher spiegelt sich diese
Auffassung in der Beschreibung der Studieninhalte in den Sekundarstufen wieder.
Auffällig ist, dass lediglich allgemein auf „Mehrsprachigkeit“ und
„mehrsprachenorientierten Deutschunterricht“ Bezug genommen wird, im Übrigen
aber keine spezifischeren Inhalte zur sprachbezogenen Förderung genannt werden.
Eine Ausnahme bildet der Hinweis auf die bevorzugte Behandlung des
Schriftspracherwerbs und des fachbezogenen Sprachhandelns. Diese beiden Punkte
sind von hoher Relevanz für die Wissensaneignung und die Entwicklung von
Handlungsfähigkeit in allen Fächern. Die Zuordnung zum Fach Deutsch
signalisiert aber, dass hier sprachliche Fähigkeiten, von denen man annimmt,
dass sie üblicherweise vorliegen, von Schülerinnen und Schülern mit
Zweitsprache Deutsch nachgeholt werden müssen, damit diese sprachlich
ausreichend kompetent am Fachunterricht teilnehmen können. Diese Trennung von
Sprachkompetenz und Fachkompetenz muss im Schulalltag zwangsläufig dazu führen,
dass die Fachkollegen aus den anderen Fächern sich für die sprachliche
Förderung ihrer Schülerinnen und Schüler nicht verantwortlich fühlen und quasi
von der „Zuarbeit“ des Deutschkollegen ausgehen – sofern nicht ohnehin ein
besonderer Förderunterricht vorgesehen ist.
-3-
Seit
einiger Zeit beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass jeder Unterricht
Sprachunterricht ist. Es ist aber weitgehend unklar, welches Wissen und welche
Kompetenzen Fachlehrer benötigen, um einen sprachförderlichen Fachunterricht
durchzuführen. Ich werde im Folgenden drei zentrale Bereiche umreißen, die die
Zweitsprachenförderung in der Schule aus Sicht des Faches Deutsch als
Zweitsprache auf unterschiedlichen Ebenen thematisieren. Auf der ersten Ebene
wird der klassische Gegenstand der Zweitsprachenerwerbsforschung angesprochen.
Es geht hier um Kenntnisse zu zweitsprachenspezifischen Erwerbsverläufen und
ihre Berücksichtigung und Unterstützung im schulischen Kontext. Auf der zweiten
Ebene werden die sprachlichen Anforderungen in der Schule in den Blick
genommen. Hier geht es um bildungssprachliche Kompetenzen, die einerseits im
Laufe der Schulzeit erworben werden müssen, anderseits aber als Grundlage für
jedes fachliche Lernen in der Schule erforderlich sind. Dieser Ebene kommt
insofern eine Schlüsselfunktion zu, als auf ihr die untrennbare Verbindung
zwischen Fachlichkeit und Sprachlichkeit und damit die Verantwortung zu
sprachlicher Förderung in allen Fächern und durch alle Lehrkräfte am
deutlichsten erkennbar wird. Auf der dritten Ebene wird thematisiert, dass
Lehrkräfte befähigt werden müssen, ihre Normalitätserwartungen bezüglich der
Beherrschung der Schulsprache und ihre daraus resultierenden Einschätzungen der
Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten von Schülerinnen und Schülern mit Zweitsprache
Deutsch kritisch zu reflektieren.
2.
Berücksichtigung und Unterstützung lernersprachlicher Entwicklungsprozesse
Viele
Kinder nicht-deutscher Herkunftssprache werden im Vergleich zu monolingual
aufgewachsenen Kindern mit deutlich eingeschränkten Ausdrucksmöglichkeiten in
ihrer Zweitsprache Deutsch eingeschult. Bei nicht wenigen von ihnen beginnt der
Erwerb der Zweitsprache Deutsch sogar erst um die Zeit der Einschulung, denn
sie treten zu dieser Zeit auch erst in die zweitsprachliche Umgebung ein (vgl.
Ahrenholz 2009: 26). Viele Schülerinnen und Schüler nicht-deutscher
Herkunftssprache haben daher nicht nur in Bezug auf die Kompetenz in der
schulisch dominanten Sprache Deutsch schlechtere Startbedingungen, sondern
müssen in der Folgezeit auch Entwicklungen nachholen, die Kinder mit
Erstsprache Deutsch bzw. frühzeitig mehrsprachig geförderte Kinder in
Kernbereichen bereits vor dem Schuleintritt abschließen konnten. Hierzu zählt
neueren Untersuchungen zum Syntaxerwerb bei mehrsprachigen Kindern und Jugendlichen
zufolge beispielsweise der Erwerb der zentralen Wortstellungsmuster des
Deutschen (vgl. Ahrenholz 2009: 29f.). Grundsätzlich deuten empirische
Untersuchungen darauf hin, dass im Alter von 6-7 eine sensible Phase der
Sprachentwicklung zu Ende geht, weil bei Zweitsprachenlernern ab diesem
Zeitpunkt die Ähnlichkeiten mit den frühen Erwerbsverläufen offenbar deutlich
abnehmen (vgl. Kniffka & Siebert-Ott 2009: 42f.).
Für
die Unterstützung der Erwerbsprozesse bei diesen Schülerinnen und Schülern ist
entscheidend, wie die sprachliche Umgebung in der Schule beschaffen ist. Im
Prinzip sind die Lernbedingungen in der Schule gar nicht schlecht. In der Regel
befinden sich die Kinder in einem rein deutschsprachigen Kontext, was zu einer
intensiven Begegnung mit der Zweitsprache führt. Allerdings ist nicht jeder
sprachliche Input geeignet, Zweitsprachenerwerbsprozesse zu unterstützen. Vor
allem sollte der Input für die betroffenen Schülerinnen und Schüler
bedeutungsvoll sein. Das spricht zum einen für eine fachbezogene
Sprachförderung und zum anderen für einen Fachunterricht, der seine
sprachlichen Anforderungen reflektiert und Sprache als systematisch zu
vermittelndes Element von Fachlichkeit begreift. Das schließt Überlegungen zu
einer fachbezogenen Progression sprachlicher Anforderungen über die
Jahrgangsstufen hinweg mit ein (vgl. Vollmer, Thürmann, Arnold, Hammann &
Ohm 2008).
-4-
Schwierig
wird die Situation für Lehrende vor allem dort, wo sie mit Schülerinnen und
Schülern konfrontiert werden, die sich in spezifischen Zweitspracherwerbsphasen
befinden und beispielsweise erst mit Schulbeginn oder als migrationsbedingte
Seiteneinsteiger erst im Laufe der Schulzeit anfangen, Deutsch zu lernen. In
diesen Fällen stellt sich die Frage, ob – und wenn ja wie – die sprachliche
Progression im Unterricht an Erwerbsphasen orientiert werden sollte. Es ist
sicherlich nicht möglich und vermutlich noch nicht einmal zuträglich, die sog.
natürlichen Erwerbsreihenfolgen im Unterricht abzubilden. Es ist aber auch
leicht einzusehen, dass eine Konfrontation von Lernenden mit sprachlichem
Input, der aus erwerbswissenschaftlicher Perspektive von ihnen nicht gemeistert
werden kann, nicht produktiv ist und auf Dauer zu Überforderung und
Demotivation führen kann (vgl. Berthele 2009: 15).
Entscheidend
ist, dass Lehrkräfte grundlegende Kenntnisse über Spracherwerbsverläufe haben.
Sie sollten vor allem wissen, dass der Erwerb der Zweitsprache Deutsch bei den
betroffenen Schülerinnen und Schülern nicht selten diskontinuierlich verläuft,
weil Umstrukturierungsprozesse innerhalb der Lernersprache stattfinden, wenn
beispielsweise formelhafte Verwendungen aufgelöst und neue Regeln erprobt
werden (vgl. Ahrenholz 2009: 34). Lehrkräfte sollten deshalb in der Lage sein,
Fehler als Ausdruck von lernersprachlichen Entwicklungsprozessen wahrzunehmen
und tolerant und konstruktiv auf sie zu reagieren. Sie sollten sich zudem
bewusst sein, dass manche Schülerinnen und Schüler sprachbedingt mehr Zeit für
das Formulieren von Antworten benötigen und darauf Rücksicht nehmen. Kenntnisse
über lernersprachliche Entwicklungsprozesse sind nicht nur deshalb wichtig,
weil Schülerinnen und Schülern Gelegenheit gegeben werden muss, sprachliche
Schwierigkeiten in jedem Unterricht sanktionsfrei zu thematisieren, sondern
auch, weil alle Lehrkräfte bestimmte sprachliche Erwartungen haben, die eine
wesentliche Grundlage für die Einschätzung der fachlichen Leistungsfähigkeit
der Schülerinnen und Schüler bilden, in der Regel aber nicht oder nur
unzureichend reflektiert werden (können). Hierzu mehr im vierten Abschnitt.
Eine
gerade auch für Schülerinnen und Schüler mit Zweitsprache Deutsch wichtige
Frage ist, inwieweit sie im Unterricht Gelegenheit erhalten, selbst sprachlich
aktiv zu werden. Swain (1985) hat mit der Output-Hypothese des
Zweitsprachenerwerbs verdeutlicht, dass Input allein nicht ausreicht, um die
insbesondere in der Schule geforderte Kompetenz in der Zweitsprache zu
erwerben. Schülerinnen und Schülern muss auch ausreichend Gelegenheit zu
sprachlicher Produktion gegeben werden. Denn während Lerner beim Hören der
Zielsprache den Sinn des Gehörten häufig ohne den Gebrauch syntaktischen
Wissens interpretieren können, funktioniert dies bei der Sprachproduktion
nicht, weil jeder Sprecher gezwungen ist, die Wörter beim Sprechen in einer
bestimmten Reihenfolge zu äußern. Sprachproduktion zwingt Lerner somit, von der
semantischen zur syntaktischen Verarbeitung überzugehen. Das Problem des
schulischen Unterrichts ist nun, dass er Schülerinnen und Schülern häufig wenig
Gelegenheit zu nennenswerten mündlichen und schriftlichen Eigenaktivitäten
bietet.
Eigene
sprachliche Aktivitäten sind aber auch deshalb für die sprachliche Entwicklung
wichtig, weil sie zu sprachlichen Produkten führen, die zum Gegenstand von
Reflexion gemacht werden können (vgl. Swain 2000). Ein Unterricht mit kurz
getakteten Interaktionen, die üblicherweise auch noch stark von der Lehrkraft
gelenkt werden, bietet Schülerinnen und Schülern kaum Gelegenheit, sich mit der
sprachlichen Form der eigenen Beiträge und deren Funktionalität für die
fachlich-inhaltliche Darstellung auseinanderzusetzen. Lehrkräfte argumentieren
vielfach, dass der Lehrplan ihnen zu wenig Zeit lasse, dass sie ihren „Stoff
schaffen“ müssten und daher kein Raum für stärker schülerorientiertes und
sprachbezogenes Arbeiten bliebe. Sie übersehen dabei, dass die eigenständige
sprachliche Produktion Grundlage des fachlichen Lernens ist. Sprache – so
Swain (2000: 113) mit Bezug auf Vygotskij – ist ein vermittelndes
Werkzeug, mit dem Lernende beim Sprechen oder Schreiben ihre kognitiven
Aktivitäten externalisieren. Was gesagt oder geschrieben wurde, ist das
Ergebnis dieser Aktivitäten und kann sprachlich und inhaltlich reflektiert
werden. Diese Reflexionsphasen sind Ausgangspunkt für sprachlich-fachliche
Lernprozesse. Eine besondere Bedeutung kommt dabei schriftlichen Arbeitsformen
zu. Schriftliche Produktionen sind nicht flüchtig, können beliebig oft
überarbeitet und wiederholt zum Gegenstand der Reflexion gemacht werden.
Insbesondere für den Spracherwerbsprozess von Schülerinnen und Schülern mit
Zweitsprache Deutsch ist zudem bedeutsam, dass schriftliches Arbeiten die
sprachliche Produktion „entschleunigt“ und dadurch wirkungsvoller der bewussten
Konstruktion und reflektierenden Redaktion zugänglich macht (vgl. Vollmer
& Thürmann 2009).
-5-
Schülerorientierung
und Förderung selbstgesteuerten Lernens darf somit auch im Fachunterricht nicht
nur auf die im engeren Sinne inhaltlich-fachliche Seite orientieren. Lehrkräfte
sollten die Bedeutung eigener sprachlicher Aktivitäten für die Erwerbsprozesse
bei Schülerinnen und Schülern mit Zweitsprache Deutsch kennen. Sie sollten
Aufgabenstellungen entwickeln und Sozialformen einsetzen können, die
Gelegenheit zu eigenständigen Sprachproduktionen geben, und dabei vermehrt auch
auf schriftliche Arbeitsformen zurückgreifen. Schriftsprachliche Produktionen
sind aber nicht nur wegen des Entschleunigungseffekts und der Möglichkeit zu
redaktioneller Bearbeitung wichtig. Sie fördern zugleich die Entwicklung
bildungssprachlicher Kompetenz, auf die im folgenden Abschnitt eingegangen
werden soll.
3.
Förderung bildungssprachlicher Kompetenzen als Basis fachlichen Lernens
Seit
der PISA-Diskussion hat sich zunehmend auch unter Lehrkräften die Erkenntnis
durchgesetzt, dass bildungssprachliche Kompetenz von grundlegender Bedeutung
für das Fachlernen und für die berufliche Ausbildung ist. Vielfach wird
Bildungssprache allerdings noch als ein Lerngegenstand betrachtet, der neben
dem Fachwissen zusätzlich erlernt werden muss. Nicht selten wird argumentiert,
die Vermittlung bildungssprachlicher Kompetenz sei Aufgabe eines speziellen
Förderunterrichts. Im Fachunterricht – und hierzu zählt dann auch der
Deutschunterricht – könnten weder inhaltliche noch zeitliche Ressourcen
für eine separate Sprachförderung geopfert werden, die zudem nur von einer
speziellen Lernergruppe benötigt würde. Eine solche Argumentation übersieht,
dass die Beherrschung von Bildungssprache konstitutiv für erfolgreiches fach-
und berufsbezogenes Lernen und Handeln ist. Sprachkenntnisse im engeren Sinne
(Wortschatz, Grammatik etc.) sind untrennbar mit der Fähigkeit verbunden, die
für die Bewältigung einer Aufgabe notwendigen (sprachlichen) Handlungen zu
vollziehen und das angestrebte Handlungsziel zu erreichen. Es kann daher kaum
verwundern, dass sich sprachliche Defizite kumulativ in Sachfächern auswirken
und beispielsweise alle schwachen Leser im Hinblick auf ihre berufliche
Karriere als „Risikogruppe“ betrachtet werden müssen (vgl. Baumert &
Schümer 2001: 375-379). Zur „Risikogruppe“ der schwachen Leser gehört zwar ein
überproportional hoher Anteil an Jugendlichen mit Migrationshintergrund, aber
auch viele Jugendliche ohne Migrationshintergrund zeigen schlechte
Leseleistungen – was Lehrkräfte der beruflichen Bildung im Übrigen schon
seit Jahren beklagen. Es liegt daher im ureigenen Interesse des
Fachunterrichts, die sprachliche Seite der Vermittlung von Fachwissen als
Lerngegenstand zu behandeln. Dies soll im Folgenden anhand von zwei kurzen
Beispielen verdeutlicht werden.
-6-
Ohm
(2009a) analysiert den in PISA 2000 für die unterste Lesekompetenzstufe
verwendeten Beispieltext und zeigt, dass bereits die Fähigkeit zur Entnahme
einer einfachen Information aus einem Text die Beherrschung einer Reihe von
kognitiven Teiloperationen voraussetzt. So werden die Teiloperationen
„Identifizieren“ und „Auswählen“ der für die Informationsentnahme relevanten
Textstellen beim kompetenten Leser von Druckkonventionen (z.B. Fett- oder
Kursivdruck), textsortentypischen Strukturierungskonventionen (Überschriften,
Absätze, Aufzählungen), strukturierenden (Textadverbien: erstens, zweitens, …
schließlich) und verweisenden sprachlichen Mitteln (z.B. Pronomen) ausgelöst
und gesteuert. Zur Informationsentnahme gehört aber auch die Fähigkeit, die im
Text gefundenen Informationen zu „verdichten“ und sie beispielsweise in Form
von Stichwörtern zu „bezeichnen“. Die Fähigkeit zur Informationsentnahme aus
Texten schließt somit die produktive Beherrschung von sprachlichen Mitteln ein,
mit denen die gefundenen Informationen mündlich mitgeteilt oder in
standardisierter Form (Textsorte: Stichwortliste) schriftlich festgehalten
werden können. Bereits auf der Ebene der einfachen Informationsentnahme aus
Texten müssen somit komplexe Tätigkeiten ausgeführt werden, die auf
unterschiedlichen Ebenen von fachlichen Konventionen der – rezeptiven und
produktiven – sprachlichen Verarbeitung, Strukturierung und Präsentation
von Informationen gesteuert werden.
Mit
dem zweiten Beispiel (vgl. ausführlich Ohm 2009b) soll die Relevanz
bildungssprachlicher Kompetenz für die Sprachproduktion aufgezeigt werden.
Grundlegend für eine gelungene Bildbeschreibung ist, dass sie dem Leser einen
„Gang durch den Vorstellungsraum“ ermöglichen muss. Damit ist gemeint, dass es
nicht ausreicht, beim Beschreiben die eigene Wahrnehmung einfach unstrukturiert
wiederzugeben, weil der Leser auf diese Weise keine Anhaltspunkte für eine
Rekonstruktion des Bildes, sondern lediglich Hinweise auf isolierte
Bildelemente erhält. Genau das unterscheidet die gemeinsame Betrachtung eines
Bildes in einer Face-to-Face-Situation, in der ich mich mit Zeigegesten auf das
Gesehene beziehen kann und in der Verstehensschwierigkeiten unmittelbar durch
Nachfragen beseitigt werden können, von einer schriftlichen Bildbeschreibung,
mit der ich einem nicht anwesenden Adressaten, dem das Bild nicht vorliegt und
über dessen Vorwissen ich keine Informationen habe, die bildliche Darstellung
wiedergeben soll. Mit Feilke kann Beschreiben „als eine kognitiv und
kommunikativ anspruchsvolle, begriffs- und vorstellungsbildende Tätigkeit“
aufgefasst werden: „Beschreiben bildet die Wahrnehmung nicht einfach ab, es
strukturiert sie“ (Feilke 2003: 7). Deshalb muss zu Beginn einer
Bildbeschreibung zunächst der Bezugsrahmen für die Beschreibung festgelegt
werden (z.B.: „Das Bild zeigt eine Dünenlandschaft am Meer.“; „Auf dem Bild ist
eine Gerichtsverhandlung dargestellt.“). Erst dann können die einzelnen
Bildelemente benannt und durch geeignete sprachliche Mittel miteinander
verknüpft werden (z.B. durch Pronomen). Von zentraler Bedeutung sind aber
Lokaladverbialien, weil mit ihrer Hilfe die Bildelemente in den Bezugsrahmen
eingeordnet werden können und so der Aufbau der Darstellung deutlich wird (z.B.
„Vorne links sitzt der Angeklagte. Neben ihm sitzt der Verteidiger. Er schaut
nach rechts zum Staatsanwalt hinüber, der von seinem Stuhl aufgestanden ist.“).
-7-
Die
wenigen Beispiele sollten aufzeigen, dass bildungssprachliche Kompetenz
Grundlage für fachliches Lernen und Handeln ist. Mangelnde bildungssprachliche
Kompetenz in der Zweitsprache schränkt die Handlungsfähigkeit der betroffenen
Schülerinnen und Schüler im Fachunterricht ein. Zum einen können sie je nach
Aufgabenstellung ihr eigenes Verhalten in der Zweitsprache nur eingeschränkt
steuern, zum anderen sind sie nicht oder nur eingeschränkt in der Lage, ihr
eigenes Handeln mit dem anderer zu koordinieren. Sprachliche Mittel, die zur
Bewältigung fachlicher Anforderungen benötigt werden, sollten daher in allen
Fächern als Lerngegenstände begriffen und im Kontext der Behandlung fachlicher
Gegenstände vermittelt werden. Dabei sollte sich die Vermittlung von
sprachlichem Wissen systematisch am fachlich relevanten sprachlichen Handeln
orientieren. Über alle Fächer hinweg lässt sich ein Kernrepertoire an Sprachhandlungen
(z.B.: Benennen, Beschreiben, Erklären) identifizieren, das sich entsprechend
den fachspezifischen Anforderungen ausdifferenziert. Die Ausführung dieser
sprachlichen Handlungen führt je nach Fach und Anwendungssituation zur
Produktion unterschiedlicher Textsorten (z.B. unterschiedlicher Arten von
Beschreibungen, Erklärungen), die aber trotz ihrer Unterschiedlichkeit
gemeinsame typische Strukturelemente aufweisen. Die frühzeitige und vor allem
systematische Vermittlung von Textsortenwissen in Verbindung mit der Einübung
der zugrunde liegenden Sprachhandlungen kann daher nicht allein vom
Deutschunterricht geleistet werden. Sie muss im eigenen Interesse auch von den
anderen Fächern gefördert werden.
Bei
Schülerinnen und Schülern nicht-deutscher Herkunftssprache muss von Seiten der
Lehrkräfte dafür Sorge getragen werden, dass sie Gelegenheit erhalten, die
Zweitsprache Deutsch auf bildungssprachlichem Niveau zu erwerben. Damit dies
geleistet werden kann, müssen Lehrkräfte die Unterscheidung zwischen
konzeptioneller Mündlichkeit und konzeptioneller Schriftlichkeit kennen. Sie
müssen wissen, dass „schulische Fachsprachen […] zu den sprachlichen Varietäten
[gehören], die dem Bereich der ‚konzeptionellen Schriftlichkeit’ zugeordnet
werden können“ (Kniffka & Siebert-Ott 2009: 18). Sie müssen die zentralen
Merkmale konzeptioneller Schriftlichkeit, die sich durch Adjektive wie
monologisch, distant, präzise, vollständig, situationsungebunden, objektiv,
hypotaktisch (vgl. a. Vollmer & Thürmann 2009) benennen lassen, kennen und
sie auf typische Fachtextsorten und die in konkreten Fachtexten gebrauchten
sprachlichen Mittel beziehen können. Auf der Basis grundlegender Kenntnisse
über hochfrequente fachsprachliche Strukturen und typische Fachtextsorten
sollten sie einschätzen können, wo sprachliche Schwierigkeiten beim Fachlernen
in den Vordergrund treten könnten und wie sie darauf mit angemessenen
sprachlich-kognitivierenden Verfahren reagieren können. Sie sollten daher auch
über grundlegendes didaktisch-methodisches Wissen für die Arbeit mit Fachtexten
verfügen und dieses im Unterricht anwenden können. Hierzu zählen z.B. Formen
der Textvorentlastung (vgl. Ohm, Kuhn & Funk et al. 2007: 115-119),
Verstehensstrategien und deren Einübung (ebd.: 119-125), Lesestrategien und
deren Vermittlung (ebd.: 33-36), Verfahren der systematischen Vermittlung
sprachlicher Mittel und Textstrukturen für typische Textsorten und Situationen
sprachlichen Handelns (vgl. Ohm 2009a, 2009b).
-8-
4.
Reflexion schulsprachlicher Normalitätserwartungen
Im
zweiten Abschnitt wurde diskutiert, dass Lehrkräfte Grundkenntnisse über
lernersprachliche Entwicklungsprozesse und ihre Auswirkungen auf das
Sprachverhalten von Schülerinnen und Schülern mit Zweitsprache Deutsch kennen
müssen, damit sie diese besonderen sprachlichen Voraussetzungen in der
unterrichtlichen Interaktion und der didaktisch-methodischen Planung
berücksichtigen können. Im dritten Abschnitt wurde aufgezeigt, dass
bildungssprachliche Kompetenz konstitutiv für jedes Fachlernen ist, dass Lehrkräfte
sich dessen in der Regel jedoch nicht bewusst sind. In diesem Abschnitt soll
abschließend angerissen werden, dass die angeführten Kenntnisse nicht nur
notwendig sind, um Zweitspracherwerbsprozesse zu unterstützen und die
Entwicklung bildungssprachlicher Kompetenz fördern zu können. Die hier nur grob
umrissenen DaZ-Kompetenzen werden von Lehrkräften auch benötigt, damit sie in
der Lage sind, eigene Normalitätserwartungen und das eigene Verhalten im
Unterricht kritisch zu hinterfragen.
Lehrkräfte
verbinden mit ihren fachlichen Erwartungen an ihre Schülerinnen und Schüler
implizit auch sprachliche Erwartungen, die sie allerdings nicht reflektieren.
Schleppegrell (2004, 25f) macht darauf aufmerksam, dass schulischer Erfolg eng
mit der Erfüllung dieser sprachlichen Erwartungen verknüpft ist und dass
Schülerinnen und Schüler aufgrund ihrer sozialen Erfahrungen sehr
unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Schülerinnen und Schüler müssten
wissen, wie in der Schule in einem bestimmten Kontext gehandelt werden muss,
sie müssten bereit sein, die erwarteten Rollenverhältnisse anzuerkennen, und
sie müssten wissen, wie sie den sprachlichen Erwartungen bei der Ausführung von
Aufgaben im Unterricht gerecht werden können. Lehrer hätten solche Erwartungen
an ihre Schülerinnen und Schüler, würden diese aber in der Regel nicht in Bezug
auf den Gebrauch grammatischer oder diskursiver Strukturen konkretisieren,
sondern lediglich in Form von Ermahnungen („verwende die richtigen Wörter“,
„sei präziser“, „drück dich klarer aus“ etc.) artikulieren. Viele Kinder seien
vom Kindergarten an in der Lage, auf sprachliche Strukturen zurückzugreifen,
die den Erwartungen ihrer Lehrer entsprächen. Sie würden deshalb als
erfolgreiche Lerner betrachtet. Andere könnten diese Erwartungen jedoch nicht
ohne weiteres erfüllen. Nach Schleppegrell sind es die sozialen Erfahrungen in
der frühen Kindheit – vornehmlich also die Erfahrungen in der
Familie –, die darüber entscheiden, ob sich ein Kind erfolgreich an
sprachbasierten Unterrichtsaufgaben beteiligen kann.
Sprache
ist in der Schule somit nicht nur ein Mittel zur Kommunikation und zum
Informationsaustausch, sie ist nicht nur ein Werkzeug zur Aneignung von
Fachwissen und zur Bewältigung fachlicher Aufgabenstellungen, ihre normgerechte
Beherrschung ist auch ein zentrales Kriterium für die Verteilung von
Bildungschancen. [1] Im Sinne des Begriffs der „legitimen Sprache“ könnte man mit
Bourdieu sagen, dass „die praktische Beherrschung der Sprache nie von der
praktischen Beherrschung der Sprechsituation zu trennen ist, in der dieser
Gebrauch der Sprache sozial akzeptabel ist“ (Bourdieu 2005: 90). Von der
Beherrschung der legitimen Sprache hängt letztlich auch die soziale
Akzeptabilität der Sprecher selbst – im vorliegenden Fall von Schülerinnen
und Schülern – ab: „Sprecher ohne legitime Sprachkompetenz sind in
Wirklichkeit von sozialen Welten, in denen diese Kompetenz vorausgesetzt wird,
ausgeschlossen oder zum Schweigen verurteilt“ (Bourdieu 2005: 60). Wenn
Schülerinnen und Schüler mit ihrem Sprachgebrauch nicht die – häufig
unreflektierten – Erwartungen ihrer Lehrerinnen und Lehrer erfüllen
können, besteht insbesondere an den Übergängen zwischen den Schulstufen, die
Gefahr, dass ihre „illegitime“ Sprachkompetenz zu (möglicherweise sogar „gut
gemeinten“) Schulempfehlungen, Förderzuweisungen oder Überstellungen auf
Sonderschulen führt, die unter ihren eigentlichen Lern- und
Entwicklungsmöglichkeiten liegen. [2]
-9-
Es
ist klar, dass bei der Ausbildung von Lehrkräften diese Funktion von
Schulsprache nicht im Detail thematisiert werden kann. Wichtig ist aber, dass
Grundkenntnisse über den Zusammenhang von sprachlichen Normalitätserwartungen
und Selektionsmechanismen vermittelt werden, um zur kritischen Reflexion des
eigenen Verhaltens und der eigenen Rolle im System Schule zu befähigen.
Angehende Lehrerinnen und Lehrer aller Fächer müssten daher schon in der
Ausbildung für die sehr unterschiedlichen – und von ihren eigenen
biographischen Normalitätserwartungen vielfach stark abweichenden –
Spracherwerbsbiographien ihrer Schülerinnen und Schüler und den daraus
resultierenden spezifischen Lernvoraussetzungen sensibilisiert werden.
5.
Schlussbemerkungen
In
den vergangenen Jahren wurden von der KMK Bildungsstandards vorgelegt, die
nicht nur für Sprachfächer, sondern beispielsweise auch für
naturwissenschaftliche Fächer sprachliche Anforderungen formulieren. Die
Lernzielformulierungen in neueren Lehrplänen der Bundesländer berücksichtigen
mittlerweile häufiger – vielfach allerdings nicht durchgängig und nicht
mit der notwendigen Differenziertheit und Präzision – die sprachlichen
Anforderungen in allen Fächern und Schulstufen, indem auch die jeweils zu
vollziehenden Sprachhandlungen benannt werden (vgl. Vollmer et al. 2008). Die
sich dabei andeutende Verbindung zwischen Fachlichkeit und Sprachlichkeit kommt
dem im vorliegenden Beitrag vorgetragenen Anliegen einer Zweitsprachenförderung
in allen Fächern entgegen. In den Lehrerausbildungskonzepten müssen sich
entsprechende Studieninhalte für die Förderung von Schülerinnen und Schülern
mit Zweitsprache Deutsch allerdings erst noch etablieren.
Für
die Ausgestaltung dieses Ausbildungssegments hat die Stiftung Mercator (2009)
Module für „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ) im Rahmen der neuen
Lehrerausbildung in Nordrhein-Westfalen vorgelegt. Im Modulhandbuch sind viele
der hier diskutierten Punkte als Studieninhalte bzw. Kompetenzen genannt.
Außerdem wird darauf hingewiesen, dass für die angeführten Kompetenzen „ein
Mindestmaß an linguistischen Grundkenntnissen“ erforderlich ist. Diese
grundlegende Ausbildungskomponente wurde im vorliegenden Beitrag bisher nicht
explizit angesprochen, war aber immer mitzudenken. Als Handwerkszeug für den
unterrichtlichen Alltag benötigen Lehrkräfte natürlich Kenntnisse über zentrale
Strukturen und funktionale Eigenschaften von Sprache. Diese Kenntnisse sind
u.a. grundlegend für die Einschätzung der Sprachkompetenz der Schülerinnen und
Schüler, die Auswahl bzw. Entwicklung von Lernmaterialien und die Formulierung
von Aufgabenstellungen. Eine Lehrkraft, die nicht zumindest über
Grundkenntnisse im Bereich der Syntax des Deutschen verfügt, kann keine
begründete Einschätzung über die Sprachentwicklung bei Kindern nicht-deutscher
Herkunftssprache vornehmen. Eine Lehrkraft, die nicht wenigstens die zentralen
Unterscheidungsmerkmale zwischen konzeptioneller Mündlichkeit und
Schriftlichkeit kennt, wird die Bedeutung dieser sprachlichen Varietäten für
das Fachlernen kaum erkennen, geschweige denn reflektieren können, und
dementsprechend auch nicht in der Lage sein, sie für ihre
didaktisch-methodische Planung in Rechnung zu stellen. Eine Lehrkraft, die
nicht wenigstens über Grundkenntnisse im Bereich der Morphologie des Deutschen
verfügt, wird Schülerinnen und Schüler – übrigens auch solche mit Erstsprache
Deutsch – schwerlich bei der Systematisierung von Fachwortschatz
unterstützen können.
Die
Tendenz, die Sprachförderung von Schülerinnen und Schülern mit Zweitsprache
Deutsch mit der Lehrerausbildung zu verknüpfen, ist schon lange überfällig und
ausdrücklich zu begrüßen. Dazu sind allerdings hinsichtlich Inhalt und Umfang
Mindestanforderungen zu beachten. Inhaltlich ist, das sollte der vorliegende
Beitrag verdeutlichen, eine klare Ausrichtung auf das Fach Deutsch als
Zweitsprache notwendig. Hier liegt die notwendige Verbindung von Expertisen in
den Bereichen Linguistik, Zweitsprachenerwerbsforschung, Didaktik und Methodik
der (fachbezogenen) Zweitsprachenförderung (einschließlich
Sprachstandserfassung) sowie Mehrsprachigkeitsdidaktik vor. Da es sich um vielfältige
und anspruchsvolle Kompetenzbereiche handelt, darf der Umfang des zur Verfügung
stehenden Studienanteils nicht zu gering ausfallen. Die Arbeitsgruppe, die das
Modulkonzept der Stiftung Mercator entwickelt hat, kritisiert beispielsweise
den ursprünglich im Entwurf zum Lehrerausbildungsgesetz für Nordrhein-Westfalen
vorgesehenen Umfang von 6 Leistungspunkten für das Ausbildungssegment als zu
gering und schlägt stattdessen einen Gesamtumfang von 12 Leistungspunkten mit
je einem Modul in der Bachelor- und in der Masterphase der Lehrerausbildung
vor. Dies kann als Mindeststandard betrachtet werden.
-10-
Literatur
Ahrenholz,
Bernt (2009), Vom Nutzen der Zweitspracherwerbsforschung für die Ausbildung von
Lehrerinnen und Lehrern. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik.
Jg. 39: 153, 36-38.
Baumert,
Jürgen & Schümer, Gundel (2001), Familiäre Lebensverhältnisse,
Bildungsbeteiligung und Kompetenzerwerb. In: Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.)
(2001), PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im
internationalen Vergleich. Opladen: Leske + Budrich, 323-407.
Berthele,
Raphael (2009), Überlegungen zur quasi totalen aber vollkommen normalen
Nutzlosigkeit sprachwissenschaftlicher Forschung für die Unterrichtspraxis.
Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik. Jg. 39: 153,
10-25.
Bourdieu,
Pierre. (2005), Was heißt sprechen? Zur Ökonomie des sprachlichen Tausches (2.
Aufl.).Wien: Braumüller.
Diefenbach,
Heike (2008), Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien im deutschen
Bildungssystem. Erklärungen und empirische Befunde (2. Aufl.). Wiesbaden: VS
Verlag für Sozialwissenschaften.
Feilke,
Helmuth (2003), Beschreiben und Beschreibungen. Praxis Deutsch 30: 182, 6-14.
Gomolla,
Mechthild & Radtke, Frank-Olaf (2002), Institutionelle Diskriminierung. Die
Herstellung ethnischer Differenz in der Schule. Opladen: Leske + Budrich.
KMK
(2008) = Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in
der Bundesrepublik Deutschland (2008), Ländergemeinsame inhaltliche Anforderungen
für die Fachwissenschaften und die Fachdidaktiken in der Lehrerbildung.
[Online: http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_
beschluesse/2008/ 2008_10_16-Fachprofile.pdf. Abruf 31.08.2009].
Kniffka,
Gabriela & Siebert-Ott, Gesa (2009), Deutsch als Zweitsprache. Lehren und
lernen (2. Aufl.). Paderborn: Schöningh.
Ohm,
Udo; Kuhn, Christina & Funk, Hermann (2007), Sprachtraining für
Fachunterricht und Beruf. Fachtexte knacken – mit Fachsprache arbeiten.
Münster [et al.]: Waxmann.
-11-
Ohm,
Udo (2009a), Fachliche Schwierigkeiten sind sprachliche Schwierigkeiten. Müssen
Fachlehrer und Ausbilder auch Sprachlehrer sein? In: Christoph Chlosta; Jung,
Matthias & Semmler, Stephan (Hrsg.), DaF intergriert: Literatur - Medien -
Ausbildung. Tagungsband der 36. Jahrestagung des Fachverbandes Deutsch als
Fremdsprache 2008. Göttingen: Universitätsverlag (im Druck).
Ohm,
Udo (2009b), Von der Objektsteuerung zur Selbststeuerung:
Zweitsprachenförderung als Befähigung zum Handeln. In: Bernt Ahrenholz (Hrsg.),
Fachunterricht und Deutsch als Zweitsprache. Tübingen: Narr Francke Attempto
(im Druck).
Schleppegrell,
Mary J. (2004), The Language of Schooling. A Functional Linguistics
Perspective. Mahwah; London: Lawrence Erlbaum Associates.
Stiftung
Mercator (2009) (Hrsg.), Modul „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ) im Rahmen der
neuen Lehrerausbildung in Nordrhein-Westfalen. [Online: http://www.stiftung-mercator.org/cms/upload/pdf/Sonstige_PDFs/DaZ_Modul_Endversion_20090507.pdf. Abruf 31.08.2009].
Swain,
Merrill (1985), Communicative competence: some roles of comprehensible input
and comprehensible output in its development. In: Gass, Susan M. & Madden,
Carolyn G. (Hrsg.), Input in Second Language Acquisition. Rowley, Mass.:
Newbury House, 235-253.
Swain,
Merrill (2000), The output hypothesis and beyond: mediating acquisition through
collaborative dialogue. In: Lantolf, James P. (Hrsg.), Sociocultural Theory and
Second Language Learning. Oxford: University Press, 97-114.
Vollmer,
Helmut J.; Thürmann, Eike; Arnold, Christof; Hammann, Marcus & Ohm, Udo
(2008), Elements of a framework for describing the language of schooling in
subject-specific contexts: A German perspective. Strasbourg: Council of Europe
(Manuskript).
Vollmer,
Helmut J. & Thürmann, Eike (2009), Zur Sprachlichkeit des Fachlernens:
Modellierung eines Referenzrahmens für Deutsch als Zweitsprache. In: Ahrenholz,
Bernt (Hrsg.), Fachunterricht und Deutsch als Zweitsprache. Tübingen: Narr
Francke Attempto (im Druck).
Anmerkungen
[1]
Mit Berthele – der sich in diesem
Kontext auf den Widerstand gegen Orthografiereformen in Westeuropa
bezieht – könnte man die Frage stellen, ob wir es hier möglicherweise mit
dem „Ausdruck des (oft wohl unbewussten) Bedürfnisses der Bildungselite“ zu tun
haben „bestimmte Normen der Literalität so aufrecht zu erhalten, dass sie nur
durch jene erworben/gelernt werden können, die mit ausreichend
wirtschaftlichen, zeitlichen und kulturellen Ressourcen ausgestattet sind
(Berthele 2009: 21).
[2]
Dabei muss es sich keineswegs um
diskriminierendes Verhalten von Lehrkräften handeln, das auf deren
individuellen Normalitätsvorstellungen und vielleicht auch Vorurteilen beruht.
Entsprechende Entscheidungen von Lehrkräften können auch “die systemische
Rationalität der gesamten Organisation Schule” (Gomolla & Radtke 2000: 326)
widerspiegeln, weshalb man dann von institutioneller Diskriminierung sprechen
müsste (vgl. Diefenbach 2008: 136f.).