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Willems,
Joachim (2008), Interkulturalität und Interreligiosität. Eine konstruktivistische
Perspektive. Nordhausen: Traugott Bautz. ISBN: 978-3-88309-328-4. 151
Seiten, 10 Euro.
Das
Benehmen von Schülern mit Migrationshintergrund wird häufig im Alltag durch
ihre ‚Kultur’ gedeutet. Genauso wird der relativ niedrige Bildungsstand von
Türken in Deutschland durch den Islam erklärt. Was steckt tatsächlich dahinter?
Kultur oder Religion? Oder sollte man bei solchen Situationen auch die soziale,
wirtschaftliche und politische Lage von Zuwanderern berücksichtigen? Diese und
ähnliche Fragen beantwortet Joachim Willems, Theologe und Pädagoge, in seinem
neuen Buch.
Im
ersten Kapitel liefert Willems einen Überblick über die aktuellen Debatten und
Definitionen von ‚Kultur’ und ‚Religion’. Dieser Überblick beginnt mit der
Definition von Kroeber und Kluckhohn 1952, wird fortgesetzt mit dem cultural
turn der Geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen und schließt mit
einem dynamischen Kulturbegriff der modernen Kulturwissenschaft ab, denn jeder
Mensch kann von Verhaltens- und Deutungsmustern u.a. aus der Kultur seines
Landes, seines Volkes, seiner Religionsgemeinschaft und seiner Familie
beeinflusst werden.
Wenn
die Anthropologen Kroeber und Kluckhohn mindestens versucht haben verschiedene
Definitionen von ‚Kultur’ aufzuzählen, kommen Religionswissenschaftler kaum auf
die Idee, eine ähnliche Untersuchung zum Begriff ‚Religion’ durchzuführen, weil
man mit Hunderten Definitionen rechnen muss. Es liegt vor allem daran, dass Theologen
mit unterschiedlichen Definitionsmethoden operieren. Willems verzichtet darauf,
die Vor- und Nachteile der verschiedenen Religionsdefinitionen zu analysieren,
weil „dies eine eigene Arbeit wäre“ (15). In seiner Arbeit geht es „um
Handlungsfelder, in denen […] Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit mit
einander in Kontakt kommen“ (15), was zu Missverständnissen und Konflikten (z.
B. religiöse Symbole in der Schule oder Ehrenmorde), aber auch zu Interesse und
Neugier (z. B. Besuch von religiösen Funktionsbauten zu touristischen Zwecken)
führen kann.
Das
zweite und umfangreichste Kapitel konzentriert sich auf
konstruktivistisch-systemtheoretische Beiträge zur Formulierung einer Theorie
des Interkulturellen und Interreligiösen: Gesellschaftliche Konstruktion der
Wirklichkeit von Peter L. Berger und Thomas Luckmann; sozialer
Konstruktionismus von Kenneth Gergen; Radikaler Konstruktivismus, systemtheoretisch-konstruktivistische
Kulturtheorie von Michael Fleischer; postkonstruktivistische systematische
Kulturtheorie von Siegfried J. Schmidt; Ansätze von Niklas Luhmann als Kultur-
und Religionstheoretiker und interaktionistischer Konstruktivismus
von Kersten Reich.
Nach
einer fundierten Studie gibt Willems seine Definition zum Verhältnis von
Religion und Kultur, die sich auf Luckmann, Berger und Luhmann bezieht: „Es
‚gibt‘ weder Religion, noch Kultur, sondern es gibt Zuschreibungspraktiken“
(144). Diese These belegt der Autor mit zahlreichen Beispielen (vor allem aus
dem Schulalltag) im dritten und abschließenden Kapitel, das explizit der
konstruktivistischen Theorie des Interkulturellen und Interreligiösen gewidmet
ist.
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Willems
erörtert interreligiöse und interkulturelle Kontakte, welche Formen und
Konsequenzen sie haben könnten. Nicht jeder Kontakt zwischen Personen
verschiedener Religions- oder Kulturzugehörigkeit ist interreligiös oder
interkulturell gefärbt. Man spricht nur dann von einem interreligiösen oder
interkulturellen Dialog, wenn eine jeweilige Religions- oder
Kulturzugehörigkeit für die Kommunikation relevant ist bzw. die Kommunikation
beeinflussen kann. Der Autor erforscht interreligiöse und interkulturelle
Kontakte als Begegnungen verschiedener Wirklichkeitskonstruktionen. Mögliche
Missverständnisse und auch Attraktivitäten, die in Folge solcher Begegnungen
auftreten, führen, nach Willems, zu neuen individuellen und (religions-)
kulturellen Konstruktionen.
Zu
diesem hoch interessanten, informativen Buch wünsche ich mir ein kleines, aber
feines zusätzliches Kapitel über best practices für Menschen, die
täglich in ihrem Berufsleben mit interkulturellen und interreligiösen Kontakten
konfrontiert werden. Es wäre spannend zu untersuchen, wie man z. B. als
deutscher Lehrer bzw. deutsche Lehrerin die Kulturen und Religionen von
türkischen oder russlanddeutschen Schülern und Schülerinnen aufeinander ‚einstellt’
und gleichzeitig versucht diese Schüler und Schülerinnen in die deutsche Gesellschaft
zu integrieren.
Elena
Denisova-Schmidt (Universität
St. Gallen/Schweiz)
Copyright
© 2009 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht
Willems, Joachim (2008), Interkulturalität und Interreligiosität. Eine konstruktivistische Perspektive. Nordhausen: Traugott Bautz. ISBN: 978-3-88309-328-4. 151 Seiten.
Rezensiert von Elena Denisova-Schmidt. Zeitschrift für
Interkulturellen
Fremdsprachenunterricht [Online] 14: 2, 2009, 2 S. Abrufbar unter
http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-14-2/beitrag/Willems.htm
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