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Von wegen rund und gesund. Das aktuelle Journal of Pediatrics berichtet von Ergebnissen eines Forschungsteams um Corinna Koebnick im südkalifornischen Pasadena. Immer mehr amerikanische Kinder sind dick und fettleibig, 7,3 Prozent der Jungen und 5,5 Prozent der Mädchen sind sogar extrem fettleibig. Den Forschungen zufolge verringert sich die Lebenserwartung fettleibiger Kinder und Jugendlicher um 10 bis 20 Jahre, wenn diese ihre Essens- und Lebensgewohnheiten nicht ändern. Fettsucht wird angesichts der vielfach in Lebensmitteln „versteckten“ Fette oft überhaupt nicht wahrgenommen, genauso wenig wie überhöhte Zuckeraufnahme gerade bei Kindern und Jugendlichen („Ketchup ist doch Tomate und Cola kein Alkohol“). Und da der Mensch nichts so ungern ändert wie Gewohnheiten, wären z.B. Ketchup und Cola, ebenso gut schmeckend, aber ohne Zucker, weniger schädlich für den einzelnen und daher gesundheitspolitisch wünschenswert. Solche Überlegungen haben schon seit einiger Zeit die Suche nach Zuckeraustauschstoffen geprägt. Dabei wurde eine Pflanze mit einem möglichen Vielfachnutzen bisher vermutlich zu wenig berücksichtigt. Die Rede ist von dem Chrysanthemengewächs Stevia rebaudiana Bertoni, auch Süß- und Honigkraut genannt.

Namengeber für die Staude, die im südamerikanischen Hochland wächst, war der nach Paraguay ausgewanderte Tessiner Giacomo Bertoni. Ende des 19. Jahrhunderts untersuchte und beschrieb Bertoni das Süßkraut wissenschaftlich. Die Süßkraft der Staude liegt in Steviol-Glykosiden begründet, die sich aus den Blättern gewinnen lassen. Der Stevia wird nachgesagt, 300mal süßer als Zucker, dabei so gut wie kalorienfrei und zahnunschädlich zu sein. Und fettfrei zudem. Doch während in Südamerika und Japan bereits seit Jahrzehnten mit Stevia gesüßt wird, hat es das Kraut schwer, in Europa Fuß zu fassen - es fehlen Langzeituntersuchungen, die die Unbedenklichkeit des Süßstoffes erweisen. Aufgrund von zwei umstrittenen Studien wird die Süßkraft aus der Steviastaude von den EU-Behörden für nicht unbedenklich gehalten. Demgegenüber kam eine UNO-Expertengruppe 2008 zu dem Ergebnis, standardisierter Steviaextrakt sei in vernünftigen Mengen sicher. In der Schweiz hat das dortige Bundesamt für Gesundheit im Gegensatz zur EU eine Reihe von Ausnahmezulassungen vorgenommen. Dies erscheint folgerichtig, denn nur so können sich neben weiteren Forschungen Bedenklichkeit oder Unbedenklichkeit des Süßkrauts erweisen. Angesichts der auffälligen Bewilligungszurückhaltung der EU-Behörden für Steviasüßstoffe drängen sich mehrere Fragen auf: Wird seitens der Forschung zügig das Notwendige getan, um Klarheit über die Auswirkungen des Süßkrauts auf die menschliche Gesundheit zu erhalten? Wie würde sich die Lobby der Zuckerproduzenten verhalten, wenn sich Stevia als ein gesunder Süßstoff herausstellen sollte und der Zucker auf seine Rolle als Kohlenhydratlieferant und Konservierungsmittel reduziert wäre? Welche Position würde die Gesundheitspolitik einnehmen, eine Gesundheitspolitik, die sich einem dramatischen Anstieg von Diabeteserkrankungen bereits bei Jugendlichen konfrontiert sieht? Werden - analog den Aufschriften auf Zigarettenpackungen - zukünftig Zuckertüten Aufschriften tragen wie: Wer viel Zucker zu sich nimmt, stirbt früher oder Zucker kann Diabetes verursachen oder gar Blinder Zuckerverbrauch - Blind durch Zucker?

Fakt ist: Überhöhter Zuckerkonsum in unseren Tagen läßt Diabetes weltweit exponentiell ansteigen und damit vermeidbare Kosten im Gesundheitswesen in die Höhe schnellen. Vorsorge, Aufklärung und Behandlung tun not. In dieser Situation sind Forschungsergebnisse hinsichtlich der Langzeiteffekte von Stevia gefragt. Und sollte sich das Süßkraut als gesundheitsunschädlich erweisen, hat die Gesundheitspolitik die Aufgabe, auf einen gesundheitsförderlichen Interessenausgleich zwischen Stevia- und Zuckerproduzenten hinzuwirken, z.B. Zucker mit Kakao für Schokolade, Stevia für Getränke. Daher muß das Motto lauten: Beforscht das Süßkraut, achtet zwischenzeitlich darauf, nicht zu viel Zucker zu konsumieren, und habt ein besonders wachsames Auge auf versteckten Zucker.



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Sprachmomente

Unter diesem Stichwort wird das Feuilleton der ZiF künftig eigentümliche sprachliche Äußerungen aufgreifen. Sei es, daß sie verbreitet und beschönigend oder kryptisch oder auch auffallend prägnant und klar sind. Prägnante Äußerungen sozusagen als Vorbilder des Sprachgebrauchs, die durch das Feuilleton aus der Lesemasse herausgehoben werden; zu kryptischen oder euphemistischen Äußerungen sollen Übersetzungen versucht werden - klärende Binnenübersetzungen, da die Äußerung selbst schon in derselben Sprache vorliegt.

Leonardo Padura Fuentes ist ein international bekannter kubanischer Schriftsteller. Er hat sich in einem Interview mit Knut Henkel (Neue Zürcher Zeitung vom 22.03.2010) über Veränderungen in Kuba unter Raúl Castro und über literarische Freiheit geäußert. Er glaubt nicht, daß es „vollkommen freie Autoren gibt“: „Immer gibt es gewisse Grenzen, und der Autor muß sich entscheiden, ob er sie verletzen, niederreißen oder respektieren will. Bezogen auf Kuba heißt das, daß es eine politische Realität gibt, die nahelegt, daß es delikat sein kann, über die dunklen Seiten des Sozialismus im 20. Jahrhundert zu schreiben.“

Uns interessiert der letzte Satz. Kann eine politische Realität etwas nahelegen, und wenn ja, nahelegen, daß etwas delikat sein kann? Hier wird ein System ohne Handelnde vorgestellt - niemand tut etwas, gleichwohl liegt eine Drohung in der Luft. Jemandem etwas nahelegen - selten ist das Deutsche so klar: Jemand legt jemandem etwas nahe, rät ihm etwas. Der Fahrlehrer legt dem Fahrschüler nahe, sich an Geschwindigkeitsbeschränkungen zu halten, der Vater legt seinen Kindern nahe, Menschen mit Respekt zu begegnen. Eine politische Realität kann niemandem etwas nahelegen, allenfalls können Menschen politische Gegebenheiten so interpretieren, daß bestimmte Handlungsweisen angebracht oder unangebracht sind, und Machthaber können gütig-freiheitlich oder autoritär-diktatorisch agieren. Ist Letzteres der Fall, kann es für Schriftsteller durchaus gefährlich sein, über die dunklen Seiten des Sozialismus im 20. Jahrhundert zu schreiben. Gefährlich, oder beschönigend ausgedrückt - delikat. Damit haben wir die Elemente für eine Übersetzung beieinander. Leonardo Padura Fuentes meint im Klartext: Auf Kuba lebt gefährlich, wer über die dunklen Seiten des Sozialismus im 20. Jahrhundert schreibt.

 


Copyright © 2010 Jörg Wormer und Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Wormer, Jörg (2010), KulturZeitRaum. Das Feuilleton der ZIF. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online] 15: 1, 2 S.
Abrufbar unter http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-15-1/beitrag/feuilleton39.htm

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