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Zwei Projekte werden hier vorgestellt:
Lernerkorpora sind
linguistisch aufbereitete Sammlungen von Texten, die Fremdsprachenlerner
produziert haben. Für den Bereich des Deutschen als Fremdsprache existieren nur
sehr wenige Korpora, die zudem kaum frei zugänglich sind. Unser Projekt möchte
dieses Manko beheben. Falko ist ein fehlerannotiertes Lernerkorpus, das
geschriebene Texte zumeist fortgeschrittener Lerner des Deutschen als
Fremdsprache enthält. Falko wurde 2004 als ein Kooperationsprojekt zwischen der
Humboldt-Universität und der Freien Universität Berlin begonnen und wächst
seitdem beständig. Darüber hinaus bestehen Vernetzungen zu anderen
Forschungsprojekten wie einem TransCoop-Projekt mit der Georgetown-University in
Washington, D.C. und zwei Projekten der Medienkommission der
Humboldt-Universität. Die Datenbankarchitektur und die Abfragesprache für Falko
werden in enger Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich
Informationsstruktur (Universität Postdam/HU Berlin) entwickelt. Die in Falko
zusammengetragenen Daten sind über ein Web-Interface ohne Anmeldung frei
zugänglich.
Derzeit umfasst
Falko die folgenden Teilkorpora:
Das Zusammenfassungskorpus enthält
Textzusammenfassungen germanistischer Fachtexte, die von ausländischen
Germanistikstudierenden an der Freien Universität Berlin verfasst wurden.
Hierzu existiert ein sehr kleines muttersprachliches Vergleichskorpus, das derzeit ausgebaut wird. Ein dänisches
Erweiterungskorpus umfasst Textzusammenfassungen dänischer Studierender.
Im Essaykorpus sind Essays zu vorgegebenen
Themen enthalten, die in unterschiedlichen Ländern erhoben wurden (z.B.
Usbekistan, Kenia, Türkei). Ein muttersprachliches Vergleichskorpus zum Essaykorpus ist in Vorbereitung.
Ein Longitudinalkorpus beinhaltet Texte
verschiedener Textsorten, die von amerikanischen Deutsch-Studierenden an der
Georgetown-University/USA erstellt wurden.
Im
Zusammenfassungskorpus und im Essaykorpus stehen zu jedem Lerner Informationen
wie Muttersprache, Lernerbiographie etc. zur Verfügung. Falko ist auf mehreren
Ebenen annotiert. Neben den automatisch annotierten Ebenen für Wortart und
Lemma verwenden wir spezifische Annotationsebenen für die Kennzeichnung von
Lernerfehlern. In einer eigenen Ebene wird jeder Fehlerbereich mit einer
Zielhypothese annotiert, die als Grundlage für die Fehlerannotationen gilt. Die
Fehlerannotationen sind in Kürze ausführlich dokumentiert zu finden.
Wenn Sie Essaydaten
für Falko erheben möchten (was uns sehr freuen würde!) oder andere Fragen und
Anregungen haben, so wenden Sie sich bitte per Mail an uns: falko-korpus@hu-berlin.de.
Wenn Sie mit Falko arbeiten möchten, so nutzen
Sie bitte unser Web-Interface: http://korpling.german.hu-berlin.de/falko/index.jsp.
Eine ausführlichere Projektdarstellung finden
Sie auf der Falko-Homepage: http://www.linguistik.hu-berlin.de/ institut/professuren/korpuslinguistik/.
Prof. Dr. Anke Lüdeling, Humboldt-Universität
zu Berlin Maik Walter, Freie Universität Berlin Karin Schmidt, Freie Universität Berlin
1. Einführung
Portfolioarbeit nimmt derzeit sowohl in didaktischen
Diskussionen als auch in der Unterrichtspraxis in den deutschsprachigen Ländern
eine immer größere Rolle ein. Das Europäische Sprachenportfolio, das
Lehramtsportfolio oder diverse andere Ausbildungsportfolios – sie alle sollen
Leistungen dokumentieren und transparenter machen, Selbststeuerung und
Eigenverantwortung initiieren und somit als Ausgangsbasis für reflektiertes und
lebenslanges Lernen dienen (vgl. Burwitz-Melzer 2004; Häcker 2007; Plötzleitner
2003, Schneider 2003). Auch das Schreibprozessportfolio, das schon zu Beginn
der 1980er Jahre im Umfeld von Peter Elbow eingesetzt wurde (vgl. Bräuer 2000:
150), findet verstärkt Eingang in den muttersprachlichen Schreibunterricht und
in die Fachliteratur zur Schreibdidaktik (vgl. Becker-Mrotzek/Böttcher 2006;
Fix 2006).
Im Folgenden soll ein Dissertationsprojekt vorgestellt
werden, das sich mit Portfolioarbeit im fremdsprachlichen Schreibunterricht
beschäftigt und durch eine empirische Untersuchung beleuchten möchte, wie sich
Schreibprozesse und Schreibgewohnheiten mit Portfolioarbeit längerfristig
verändern.
2. Schreiben in der Fremdsprache – der Problembereich
Das Bedürfnis, neue Ansätze im Schreibunterricht zu
erproben, ergibt sich aus den Schwierigkeiten, vor die die Fertigkeit Schreiben
Lernende sowie Lehrende immer wieder stellt. Die Schreibfertigkeit nimmt im
Fremdsprachenunterricht eine sehr widersprüchliche Rolle ein. Während sie
einerseits als die vierte und vernachlässigte Fertigkeit gilt (vgl. Krings
1989), wird doch auch davon ausgegangen, dass durch das Schreiben
Reflexionsprozesse initiiert (vgl. Bräuer 2000b; Harrison 1996) und
Sprachenkenntnisse verbessert werden können (vgl. Wolff 2003), so dass dieser
Fertigkeit eine große Bedeutung im Fremdsprachenunterricht zukommt.
Widersprüchlich zeigt sich die Fertigkeit Schreiben aber auch, weil die
Benotung und die Bewertung nach wie vor in erster Linie auf schriftlichen Leistungen
basiert, während nur ein sehr geringer Teil der Unterrichtszeit darauf
verwendet wird, Schreiben systematisch zu lehren (vgl. Bludau 2006: 90).
Geschrieben wird vor allem zu anderen Zwecken, beispielsweise in Grammatik-
oder Wortschatzübungen. Die Textproduktionskompetenz soll im
Fremdsprachenunterricht meist dadurch geschult werden, dass man die Lernenden
„etwas schreiben lässt“, meist als Hausaufgabe und selten mit ausreichenden
Hilfestellungen.
Schreiben in der Fremdsprache gilt nicht nur als widersprüchlich,
es steht auch im Ruf, für die Lernenden aufwändig, komplex und schwierig zu
sein, ähnlich wie Textproduktionsprozesse in der Muttersprache. Sie sehen sich
vor eine umfangreiche Aufgabe gestellt, die ihnen über eine längere Zeitspanne
hohe Konzentration abverlangt. Die Komplexität beim Schreiben in einer
Fremdsprache ergibt sich nicht nur durch die Anforderungen im sprachlichen
Bereich, sondern auch durch inhaltliche Ansprüche sowie kulturspezifische
Merkmale von Textsorten und die Notwendigkeit von strategischem und
prozeduralem Wissen.
Da Wissenskonstruktion immer auch strategiebestimmt ist, ist
das prozedurale Wissen für die Texterstellung zumindest genauso wichtig wie die
Kenntnisse der Lexik und Grammatik einer Fremdsprache. Eine wichtige Forderung
für die Schreibdidaktik besteht demnach darin, dass die Schreibenden
(Schreib)-Prozeßerfahrung sammeln und Prozeß-Kompetenz entwickeln (Kästner
1997: 23).
Zur Bewältigung des Schreibprozesses ist es notwendig,
Abläufe durch Übung zu automatisieren, aber auch Planungs-, Formulierungs- und
Überarbeitungsstrategien zu beherrschen und sie bewusst und planvoll
einzusetzen.
Dies eröffnet dem Textproduzenten die Möglichkeit, daß er
sich selbst nicht länger als der Schreibaufgabe ausgeliefert sieht, sondern als
derjenige, der die Situation beherrscht und strukturiert. Damit ist ein
weiterer Aspekt des Textproduzierens berührt, der hier allerdings nicht weiter
ausgeführt werden soll: Die Fähigkeit zur Metakognition und Selbststeuerung
beim Textproduzieren (Jechle 1992: 12).
Besonders im Bereich der Überarbeitungen von eigenen Texten
scheint der Strategieeinsatz von fremd- und muttersprachlichen Lernenden
defizitär, da Überarbeitungen insgesamt selten und dann nur sporadisch an der
Textoberfläche (Lexik, Morphologie, Syntax) vorgenommen werden (vgl. Fix 2006:
164). Um Überarbeitungen jedoch effizienter zu gestalten, ist die Vermittlung
von Strategien und metakognitiven Fähigkeiten ebenso unerlässlich (vgl.
Cresswell 2000; Sengupta 2000) wie qualifizierte Rückmeldungen von Mitlernenden
und Lehrpersonen (vgl. Rollinson 2005).
Zur Verbesserung der Schreibfähigkeit der Lernenden finden
verschiedene neue Ansätze derzeit vor allem Eingang in den muttersprachlichen
Deutschunterricht. Es handelt sich dabei zum Teil um Methoden, die ihren
Ursprung in der US-amerikanischen Schreibdidaktik haben und das Ziel verfolgen,
Schreiben als einen Prozess greifbar und bewältigbar zu machen, Schreibaufgaben
mit Inhalten zu füllen und den Lernenden mehr Eigenverantwortung für ihren
individuellen Prozess zu übertragen. Dazu gehören beispielsweise die
Schreibberatung, kollaborative und kooperative Schreibarrangements, peer
feedback sowie Portfolioarbeit (vgl. Becker-Mrotzek/Böttcher 2006; Fix 2006).
Einen festen Platz haben diese Ansätze im fremdsprachlichen
Schreibunterricht derzeit offensichtlich noch nicht erhalten, wenngleich die
allgemeine Forderung nach selbstbestimmtem, eigenverantwortlichem,
individuellem Lernen, wie sie beispielsweise in der europäischen Sprachenpolitik
erhoben wird, im Bereich des Schreibens durchaus mit diesen konkreten Methoden
umgesetzt werden könnte. Insgesamt fällt jedoch auf, dass empirische
Untersuchungen zu den meisten Ansätzen noch weithin Desiderat sind. In dem hier
vorgestellten Dissertationsprojekt soll daher die Rolle von Portfolioarbeit im
fremdsprachlichen Schreibunterricht fokussiert werden.
3. Portfolioarbeit – der Lösungsversuch
Im Rahmen der Verbreitung der prozessorientierten
Schreibdidaktik wurde in den 1980er Jahren in den USA in Schulen und auch an
Universitäten Portfolioarbeit in verschiedenen Unterrichtskontexten, vor allem
aber im Schreibunterricht, verstärkt eingesetzt (vgl. Bräuer 2002: 26). Es
existieren zahllose Formen von Portfolios, die beispielsweise nach ihrem Zweck
(Prozessportfolio, Bewerbungsportfolio, Abschlussportfolio), den zu zeigenden
Qualifikationen (Sprachenportfolio, Kompetenzportfolio), nach ihrer
Existenzweise (elektronisches Portfolio) oder nach einem Zeitrahmen
(Kursportfolio, Schulzeitportfolio) unterschieden werden können (vgl. Häcker
2006: 33). Im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen steht das
Schreibprozessportfolio.
Unter einem Portfolio versteht man zunächst eine Mappe, in
der Arbeiten zu verschiedenen Zwecken gesammelt werden. Ziel von Portfolioarbeit
ist es, „Arbeits- und Lernprozesse sich selbst bewusst zu machen und
gleichzeitig aufzuzeigen für Mitlernende und Lehrende bzw. Arbeits- und
Lernergebnisse im Kontext individuellen Handelns vor- und auszustellen“ (Bräuer
2002: 30). Diese Darstellung verweist deutlich auf die Präsentationsfunktion
des Portfolios nach außen, aber auch auf die Dokumentationsfunktion von
Lernleistungen für die Lernenden selbst. Durch die Einbeziehung der
Zeitdimension und der Entwicklung von Lernenden kann das Portfolio auch zur
Erweiterung der Bewertungs- und Benotungsgrundlage beitragen, die in
klassischen Tests oft nur eine Momentaufnahme einer Leistung betrachtet.
Auf den Bereich des Lesens und Schreibens bezogen beschreibt
Plötzleitner ein Portfolio wie folgt: „A reading-writing portfolio is an
organized and purposefully selected collection of work that shows a student‘s
achievements, effort, growth and attitude in the area of reading and writing“
(2003: 50). Hier wird deutlich, dass das Portfolio keine willkürliche Zusammenstellung
von Dokumenten sein kann, sondern dass es sich um eine gezielte und begründete
Auswahl von bedeutungsvollen Beispielmaterialien handelt. Das Portfolio dient
nicht nur als Dokumentation eines Lernprozesses und somit als
Bewertungsgrundlage, sondern veranlasst die Lernenden auch, über ihr Tun zu
reflektieren und sich intensiv mit ihrem Text, aber auch mit anderen
Lernprodukten und -prozessen, auseinanderzusetzen, um eine Auswahl treffen zu
können.
Da die Bewusstmachung nicht nur über die Auswahl alleine
stattfinden kann, muss ein Portfolio weitere Komponenten enthalten und mit
bestimmten begleitenden Maßnahmen verbunden werden. Den Rahmen bieten
Lernzielvereinbarungen und darauf bezogene Selbstevaluationen. Die Auswahl der
Texte muss begründet werden, die Texte selbst werden kommentiert. Darüber
hinaus kann ein Lernjournal integriert werden (vgl. Bräuer 2000). Beratungen
und Portfoliogespräche (Brunner/Krimplstätter/Kummer 2006: 181) geben der
Lehrperson die Möglichkeit, Entwicklungen zu unterstützen und auch zu steuern,
beispielsweise indem sie den Selbstevaluationen Fremdevaluationen
gegenüberstellt. Reflexionsprozesse werden auf diesem Weg initiiert, begleitet
und gefördert.
Das Portfolio kann so der individuellen Förderung dienen und
nimmt entsprechend bei jedem Lernenden eine eigene Form an, je nach
Lernzielvereinbarungen und eigener Textauswahl. Gemeinsamkeiten und eine
gewisse Vergleichbarkeit können durch gemeinsame Vorgaben gegeben werden, im
schreibspezifischen Portfolio beispielsweise durch einige Texte, die bei allen
Lernenden vorhanden sein müssen sowie Kriterien zur Beurteilung eines Textes,
die für alle gleichermaßen gelten (vgl. Böttcher/Becker-Mrotzek 2006: 106).
Durch die Dokumentation des Prozesses werden Überarbeitungen
von Texten sinnvoller für die Lernenden (vgl. Plötzleitner 2006: 109), denn
auch die überarbeitete Fassung, die nach eigenen und fremden Korrekturen
entsteht, wird im Portfolio präsentiert. Texte können so schrittweise,
nachhaltiger und auf allen Ebenen überarbeitet werden. Darüber hinaus werden
Schreibaufgaben entzerrt und Lernende werden dadurch entlastet, dass sie nicht
auf Anhieb einen „perfekten“ Text vorlegen müssen. Durch die Auswahl von guten
Texten und die individuellen Unterschiede im Portfolio werden besonders die
gelungenen Elemente und die Stärken der Lernenden hervorgehoben, die
Markierungen von Fehlern in roter Tinte nehmen eine untergeordnete Rolle ein,
so dass Portfolioarbeit kompetenz- statt defizitorientiert ist.
Das hier zugrunde liegende Konzept von Portfolioarbeit
unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht vom Konzept des Europäischen
Sprachenportfolios, wenngleich gemeinsame Grundprinzipien bestehen, wie etwa
die Sammlung von einer Auswahl von Arbeitsergebnissen und die Selbstbewertung. Das
Schreibportfolio beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Fertigkeit
Schreiben, sammelt Texte, die anhand gemeinsamer Kriterien beurteilt werden und
ist somit thematisch deutlich spezifischer, gleichzeitig aber durch weniger
starre Kategorien und Vorgaben flexibler und freier. Die Lernenden sind dazu
angehalten, verschiedene Fassungen ihrer Texte im Portfolio zu sammeln, was die
Dokumentation des Prozesses zum Ziel hat, während das Europäische
Sprachenportfolio sich stärker mit der Präsentation von Ergebnissen beschäftigt
und Vergleichbarkeit schaffen will.
Portfolioarbeit nimmt derzeit in verschiedenen
fachwissenschaftlichen Publikationen einen großen Raum ein. Im Bereich
Sprachlehrforschung sind zwei deutliche Tendenzen erkennbar, die am umfassendsten
diskutiert werden: Ein Bereich beschäftigt sich mit dem Europäischen
Sprachenportfolio (vgl. z.B. Benndorf-Helbig 2005; Crot/Blatter/Werlen 2004),
der anderer mit dem Einsatz von Portfolioarbeit auf der Primarstufe (vgl. z.B.
Kolb 2007; Drese 2005), wobei es hier natürlich Überschneidungen gibt. Für die
Portfolioarbeit aus pädagogischer Sicht ist besonders die Arbeit von Häcker
hervorzuheben, der sich mit dem Portfolio als Entwicklungsinstrument für das
selbstbestimmte Lernen beschäftigt (vgl. 2007).
Im Gebiet des muttersprachlichen Unterrichts liegen darüber
hinaus Veröffentlichungen zum Einsatz von Portfolios im Schreibunterricht und
bei der Bewertung von Schreibleistungen vor (vgl. z.B. Bräuer 2000; Fix 2006;
Böttcher/Becker-Mrotzek 2006), wobei es sich hier um didaktische Empfehlungen
und wertvolle Hinweise aus der Praxis handelt, die nicht auf empirischen
Untersuchungen beruhen. Für das Schreibprozessportfolio im
Fremdsprachenunterricht sind mir derzeit keine Studien bekannt.
4. Fragestellung
Betrachtet man die positiven Eigenschaften, die der Arbeit
mit einem Schreibprozess-Portfolio zugeschrieben werden, so liegt die Vermutung
nahe, dass dieser Ansatz Lernenden tatsächlich helfen könnte, ihre
Schreibfertigkeit systematisch zu verbessern und zu lernen, Strategien
effektiver und bewusster anzuwenden, Schreibaufgaben besser zu planen, mehr
Verantwortung für ihren eigenen Lern- und Schreibprozess zu übernehmen und
eigene Texte besser einzuschätzen.
Das Portfolio erscheint in Bezug auf diese Ziele
vielversprechend, da die Betonung der Prozessorientierung Überarbeitungen
sinnvoller macht, den Lernenden mehr Verantwortung für die eigenen Texte und
deren Bewertung überträgt und durch die Kompetenz- statt Defizitorientierung
auch in affektiver Hinsicht positive Auswirkungen haben könnte.
Dies wurde bisher allerdings noch nicht empirisch
untersucht. Weder ist geklärt, auf welche Bereiche des Schreibens
Portfolioarbeit Einfluss nimmt und wie sich eventuelle Veränderungen
darstellen, noch lässt sich sagen, ob das Verhältnis von Aufwand und Nutzen
angemessen ist, denn es steht fest, dass die Heranführung der Lernenden an die
Portfolioarbeit sowie die Beschäftigung mit metakognitiven Elementen einen
hohen Zeitaufwand bedeutet, der nur durch gute Erfolge zu rechtfertigen wäre.
Hier stellt sich die zentrale Frage, wie sich der
Schreibprozess von Deutsch als Fremdsprache-Lernenden durch den Einsatz von
schreibspezifischer Portfolioarbeit verändert. Im Folgenden werden einige
Fragen formuliert, wie sie sich aus der zuvor dargestellten Diskussion ableiten
lassen.
Bereich: Strategieeinsatz
• Führt die Arbeit mit einem Schreibprozessportfolio
längerfristig zu veränderten Planungsphasen in Schreibprozessen?
• Werden bei längerfristiger Portfolioarbeit Überarbeitungsstrategien
häufiger angewendet als zuvor?
• Werden Unterschiede in Bezug auf die Überarbeitungsebenen
deutlich, beispielsweise dass zuvor die Korrektur von orthografischen und
morphologischen Fehlern im Vordergrund stand und die Überarbeitungen sich zu
einem späteren Zeitpunkt stärker auf verschiedene Ebenen (Inhalt, Textstruktur,
Syntax, Lexik) richten?
• Fordern Lernende nach längerer Portfolioarbeit stärker das
Feedback der Lehrperson auf verschiedenen Ebenen ein?
• Fordern Lernende nach längerer Portfolioarbeit stärker das
Feedback von Mitlernenden ein?
Bereich: Selbstbewertungskompetenz
• Verhilft Portfolioarbeit Lernenden dazu, ihren Schreib-
und Lernprozess genauer zu analysieren?
• Verändern Lernende die Bewertung ihrer eigenen Schreibkompetenz
nach längerer Portfolioarbeit?
Bereich: affektive Aspekte
• Führt Portfolioarbeit dazu, dass Lernende ihre
Schreibkompetenz in der Fremdsprache als weniger defizitär einschätzen?
• Wie beurteilen Lernende Portfolioarbeit im
Schreibunterricht?
Eine ausführliche Pilotierungsphase soll dazu genutzt
werden, Fragestellungen zu präzisieren und weitere Aspekte einzubeziehen, die
bisher noch nicht berücksichtigt wurden. Außerdem werden verschiedene
Instrumente zur Datenerhebung erprobt. Die für solch eine Untersuchung zur
Verfügung stehenden Instrumente sind sehr vielfältig und können auf
unterschiedliche Weise kombiniert werden. Die Pilotierung der Verfahren,
beispielsweise von protokollierten und beobachteten Textproduktionen, Analysen
von Portfolios sowie Interviews wird zeigen, wie gut sie dazu geeignet sind,
die entsprechenden Fragen zu beantworten (vgl. Fix 2006: 217) und welche
Kombinationen die aussagekräftigsten Daten hervorbringen.
Ein passender Rahmen zur Beantwortung der Frage, wie sich
der Schreibprozess von DaF-Lernenden durch Portfolioarbeit im Laufe eines
Semesters verändert, wurde bereits gefunden. Dazu sollen ausländische
Studierende mit Deutschkenntnissen auf dem Niveau B2 nach dem Gemeinsamen
Europäischen Referenzrahmen ein Semester lang während eines Sprachkurses zur
Verbesserung der Schreibfertigkeit begleitet werden. Ziel des Kurses ist neben
der Verbesserung der allgemeinen Schreibfertigkeit auch die Beschäftigung mit
studienrelevanten Textsorten des jeweiligen Fachgebiets. Im Verlauf des
Semesters wird ein Schreibprozessportfolio geführt, das unterschiedliche
Textsorten in verschiedenen Überarbeitungsversionen enthält, die jeweils von
den Lernenden selbst kommentiert werden müssen. Außerdem umfasst es ein
Lernjournal, in dem u.a. der Umgang mit Strategien dokumentiert werden soll.
Um binnendifferenziertes Arbeiten zu ermöglichen, sind im
Kurs auch kurze Phasen des selbstgesteuerten Arbeitens im Online Writing Lab
der TU Darmstadt vorgesehen, das unter anderem Lernmaterialien zu verschiedenen
studienrelevanten Textsorten bietet. Auch die Arbeit aus diesen Lernphasen soll
im Portfolio dokumentiert werden und so besser nachvollziehbar sein.
5. Ausblick
Ziel der Studie ist es, die Auswirkungen von Portfolioarbeit
auf das Schreibverhalten von Fremdsprachenlernenden zu untersuchen, wobei der
Strategieeinsatz sowie die Selbstbewertungskompetenz der Lernenden im
Mittelpunkt stehen.
Im Sommersemester 2008 werden Studierende in einer
Pilotierungsphase bei der Arbeit mit einem Schreibprozessportfolio begleitet,
um die Fragestellung zu präzisieren, neue Fragen aufzuwerfen und mögliche
Instrumente zur Datenerhebung auf ihre Wirksamkeit bei der Beantwortung der
Fragen zu überprüfen. In den folgenden Semestern wird die Portfolioarbeit in
einem Schreibkurs über ein Semester systematisch untersucht. Die Beobachtung
von konkreten Textproduktionsprozessen, die Befragung der Lernenden sowie die
Analyse des Semesterportfolios haben zum Ziel, ein umfassendes Bild vom
Strategieeinsatz und von der Selbstbewertungskompetenz der Lernenden zu
erhalten und erste Aussagen darüber zu treffen, in welchen Bereichen und in
welcher Form sich der Schreibprozess der Lernenden durch systematische
Portfolioarbeit verändert. Daraus werden didaktische Empfehlungen für den
Einsatz von Schreibprozessportfolios im Fremdsprachenunterricht abgeleitet.
Sandra Ballweg
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