Konzeption und Auswertung einer
Selbsterfahrung im Fremdsprachenunterricht – erste Vorschläge für einen neuen Typus
der Sprachlernberatung
Marion Grein
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Fachbereich 05, Deutsches Institut, Deutsch
als Fremdsprache
Jakob-Welder-Weg 18
55099 Mainz, Germany
Tel. (49)-6131-3925634
E-Mail: grein@uni-mainz.de
http://www.e-linguistik.uni-mainz.de/grein/
Abstract: Ausgangspunkt des Artikels ist das Modul
„Selbsterfahrung durch Fremdsprachenanfängerunterricht“ innerhalb der
Zusatzqualifizierung der Lehrkräfte für Integrationskurse. Der Darstellung
liegt die Auswertung und Evaluation von insgesamt 20 Selbsterfahrungen
zugrunde. In einem ersten Schritt wird die Bedeutung der Selbsterfahrung in den
Vordergrund gestellt. Während im Bereich Deutsch als Fremdsprache und vor allem
auch im Bereich Deutsch als Zweitsprache bei Kindern eine Entwicklung in
Richtung Mehrsprachigkeitsansätze zu verzeichnen ist, sind Integrationskurse
vorwiegend nach dem Prinzip der absoluten Einsprachigkeit konzipiert. Dies
erscheint auf den ersten Blick auch durchaus nachvollziehbar, sind die
Integrationskurse sowohl bezüglich des Ausbildungsstandes der Teilnehmenden,
ihres Alters, ihrer Lernbiographie und Lerntraditionen, als auch vor allem
bezüglich der Muttersprachen sehr heterogen. Der zweite Komplex des Artikels
fokussiert diese zu beobachtende Einsprachigkeit im Unterrichtsgeschehen. Die
Reflexion der „Selbsterfahrung Japanisch“ spricht jedoch deutlich für die
Implementierung mehrsprachigkeitsdidaktischer Ansätze. Den dritten Schwerpunkt
des Artikels bildet folglich die Bedeutung der Erfahrung der Lehrkräfte für die
weitere Curriculumplanung.
Um lernexterne, emotionale, kognitive und
fremdsprachenspezifische Faktoren bewusst zu machen, plädiert die Verfasserin
darüber hinaus für eine verpflichtende individuelle Sprachlernberatung während
des Kurses.
The basis of this article is the obligatory
‘language learning experience’ (LLE) that teachers of German as a second language
have to attend as part of the "additional qualification course" for those working in so-called integration courses, both run by the Federal Office for Migration and
Refugees. First, the relevance of the LLE is stated and defined.
In the fields "German as a Foreign Language" and
"German as a Second Language in schools", there is a general tendency towards the
implementation of multilingualism approaches. Yet, integration courses are
mostly characterized by monolingualism. At first glance, this seems to be appropriate:
Participants of integration courses do not have a common language. The second
part of the article will then take a closer look at the monolingual habitus.
The third part combines the results of the LLE analysis with multilingualism
approaches. Essentially, the analysis argues in favour of the implementation of
multilingualism approaches in the curriculum. In order to raise German as a
Second Language learners’ awareness for emotional, cognitive and language-specific factors, I further argue for the adoption of obligatory individual
language counseling.
Schlagwörter: Integrationskurs,
Selbsterfahrung durch Fremdsprachenanfängerunterricht, DaZ, Einsprachigkeit,
Mehrsprachigkeitsansätze, Sprachlernberatung
-2-
0. Einleitung
Ausgangspunkt der folgenden Darstellung ist
das Modul „Selbsterfahrung durch Fremdsprachenanfänger-unterricht“ innerhalb der
Zusatzqualifizierung der Lehrkräfte für Integrationskurse nach § 15 Absatz 2
IntV. Der vorliegenden Darstellung liegt die Auswertung und Evaluation von
insgesamt 20 Selbsterfahrungen, die zwischen September 2007 und Oktober 2009
angeboten wurden, zugrunde. Während im Bereich Deutsch als Fremdsprache und vor
allem auch im Bereich Deutsch als Zweitsprache bei Kindern eine Entwicklung in
Richtung Mehrsprachigkeitsansätze zu verzeichnen ist, sind die Integrationskurse
für Erwachsene immer noch vorwiegend nach dem Prinzip der Einsprachigkeit [1] bzw. der aufgeklärten Einsprachigkeit
(bei sprachlich homogenen Gruppen) konzipiert. Von den 450 befragten
Lehrkräften gaben 86% an, dass sie in ihren Kursen zwar Wörterbücher zulassen,
sonst aber dem Prinzip der Einsprachigkeit verhaftet sind. Die Erfahrungen mit
der zunächst ebenfalls einsprachig durchgeführten „Selbsterfahrung Japanisch“
sprechen jedoch deutlich für die Implementierung mehrsprachigkeitsdidaktischer
Ansätze. Nach einer knappen Darstellung der Integrationskurse im Allgemeinen
(Kap. 1) und der Qualifizierung der Lehrkräfte für Integrationskurse (Kap. 2)
folgt die Präsentation der durchgeführten Selbsterfahrung und deren Evaluation
(Kap. 3). Im 4. Kapitel werden relevante Schlüsse gezogen und ein kurzer
Vergleich mit den Sprachenzentren von 20 Universitäten vorgenommen, die in
einem Ausblickskapitel 5 zu Forderungen für eine neue Konzeption der
Integrationskurse führen. Für die Bewusstmachung lernexterner, emotionaler,
kognitiver und fremdsprachenspezifischer Faktoren wird eine verpflichtende
individuelle Sprachlernberatung während des Kurses vorgeschlagen.
1. Der Integrationskurs
Seit dem 01. Januar 2005 gibt es in
Deutschland gesetzlich geregelte Integrationskurse, die die gesellschaftliche
Integration von (erwachsenen) Migrantinnen und Migranten fördern sollen. Diese
bestehen aus einem Sprachkurs, aufgeteilt in einen Basis- und einen Aufbaukurs
(mit 600 Unterrichtseinheiten), und einem Orientierungskurs (mit 45
Unterrichtseinheiten). Die Teilnehmenden sollen sich nach dem Abschluss im
Alltag auf Deutsch – auf Sprachniveau B1 (GER [2]) – verständigen können. In den
Orientierungskursen sollen sie sich u. a. mit der deutschen Geschichte,
politischen Institutionen, der Rechtsordnung und der deutschen Kultur
beschäftigen (vgl. Buhlmann 2007: VI; BAMF).
Angeboten werden sowohl Vollzeit- als auch
Teilzeitkurse, z.B. für Berufstätige. Für Teilnehmende, die keine Schrift oder
aber das deutsche Alphabet nicht beherrschen, gibt es spezielle Kurse, die 945
Unterrichtsstunden umfassen. Darüber hinaus werden auch spezielle Förderkurse
angeboten, und für lerngewohnte Lernende wurden Intensivkurse eingerichtet.
Schließlich können Teilnehmende auf Antrag einmalig 300 Unterrichtsstunden im
Sprachkurs wiederholen, wenn diese ordnungsgemäß am Integrationskurs
teilgenommen, aber die Sprachprüfung nicht bestanden haben (vgl. BAMF). Am 01.
Juli 2009 wurden die bis dato gültigen Sprachprüfungen „Zertifikat Deutsch“ (GER
B1) und „Start Deutsch“ (GER A2) durch die skalierte Sprachprüfung
„Deutsch-Test für Zuwanderer“ (GER A2-B1) ersetzt.
2. Die Qualifizierung der Lehrkräfte
Während die Zulassungskriterien für
Lehrkräfte in Deutschkursen in Deutschland lange Zeit sehr uneinheitlich
geregelt waren, sind sie mit Beginn des Zuwanderungsgesetzes und der Konzeption
von Integrationskursen gerade für diese genauestens durch die
Integrationskursverordnung geregelt. Nach §15, Absatz 1 müssen Lehrkräfte, die
in Integrationskursen Deutsch als Zweitsprache unterrichten, ein erfolgreich
abgeschlossenes Studium Deutsch als Fremdsprache oder Deutsch als Zweitsprache
vorweisen. [3] Wenn kein Studium vorliegt, ist eine Zulassung nur möglich, wenn
die jeweilige Lehrkraft an einer vom BAMF akkreditierten Zusatzqualifizierung
teilgenommen hat. Bis zum 31. Dezember 2009 galt eine Ausnahmegenehmigung. Ab
dem 01. Januar 2010 ist die erfolgreiche Teilnahme an einer der
Zusatzqualifizierungen (oder eben das Studium) notwendige Voraussetzung, um
unterrichten zu dürfen (vgl. BAMF).
-3-
Die Zusatzqualifizierung wiederum können
Lehrende nur bei solchen Institutionen erwerben, die eigens dafür vom BAMF
akkreditiert wurden. Dies erscheint sinnvoll, da derart sichergestellt wird,
dass die Inhalte und der Umfang der Qualifizierung an allen Institutionen
ungefähr gleich sind. Derzeit (Stand März 2009: BAMF, Zugriff Januar 2010) sind
19 Institutionen akkreditiert, die sich über ganz Deutschland erstrecken. Je
nach Vorkenntnissen und Berufserfahrung muss entweder eine unverkürzte oder eine
verkürzte Qualifizierung absolviert werden, wobei der Umfang der unverkürzten
Variante 280 Unterrichtseinheiten (UE) beträgt, derjenige der verkürzten 140 UE
(vgl. BAMF).
Die curricularen Bausteine sind – wiederum
um Homogenität bei der Ausbildung zu gewährleisten – vom BAMF vorgegeben. Das
Konzept wurde in Kooperation mit dem Goethe-Institut konzipiert. Differenziert
wird hier zwischen Pflicht- und Wahlbausteinen (vgl. Buhlmann 2007: 25). Zu den
Pflichtbausteinen zählen:
|
Migration
und Migranten
|
Übungstypologien,
Sozialformen und Arbeitsanweisungen
|
|
Merkmale
des DaZ-Unterrichts
|
Grammatik
im DaZ-Unterricht
|
|
Selbsterfahrung der
Seminarteilnehmer durch Fremdsprachenanfängerunterricht
|
Spielerische
Übungen, Sprachlernspiele und Spiele im DaZ-Unterricht
|
|
Unterrichtsbeobachtung
und -beurteilung im Rahmen der angebotenen Hospitation
|
Projektarbeit
im DaZ-Unterricht
|
|
Analyse
von DaZ-Unterricht
|
Visualisierung
im DaZ-Unterricht
|
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Methodische
Ansätze im DaF-/DaZ-Unterricht
|
Fehler
und Fehlerkorrektur im DaZ-Unterricht
|
|
Unterrichtsmaterialanalyse
und -beurteilung
|
Kommunikationsmittel
im DaZ-Unterricht
|
|
Wortschatzvermittlung
im DaZ-Unterricht
|
Heterogenität
und Binnendifferenzierung im DaZ-Unterricht
|
|
Lesen
im DaZ-Unterricht
|
Interkulturelles
Lernen im DaZ-Unterricht
|
|
Hören
im DaZ-Unterricht
|
Lernen
lernen im DaZ-Unterricht
|
|
Phonetik
im DaZ-Unterricht
|
Testen
und Prüfen im DaZ-Unterricht
|
|
Sprechen
im DaZ-Unterricht
|
Planen,
Vorbereiten und Erteilen von DaZ-Unterricht
|
|
Schreiben
im DaZ-Unterricht
|
Evaluation
im DaZ-Unterricht
|
|
Kombinierte
Fertigkeiten im DaZ-Unterricht
|
Kursteilnehmerberatung im DaZ-Unterricht
|
|
Die
Wahlbausteine sind:
|
|
|
Konfliktmanagement
im DaZ-Unterricht
|
DaZ-Unterricht
für Jugendliche
|
|
Berufsorientierender
DaZ-Unterricht Alphabetisierung
|
Neue Medien im DaZ-Unterricht
|
-4-
Die Verteilung der Unterrichtseinheiten auf
Präsenzveranstaltungen und Selbstlernphasen können die
Weiterbildungseinrichtungen innerhalb eines gewissen Rahmens flexibel
handhaben, sofern sie dies sinnvoll begründen können (vgl. Buhlmann 2007: 63).
Insgesamt sind für die unverkürzte Qualifizierung grundsätzlich 140 UE
Präsenzunterricht und 140 UE Selbstlernphasen vorgesehen, wobei
computergestütztes Lernen unter gewissen Voraussetzungen auf den
Präsenzunterricht angerechnet werden kann (vgl. Buhlmann 2007: 63). Der Aufbau,
wie oben dargestellt, ist nicht zwingend, aber gerade die Selbsterfahrung durch
Fremdsprachenanfängerunterricht sollte, so die Vorgaben vom BAMF, möglichst
frühzeitig eingeplant werden.
3. Die Selbsterfahrung der
Seminarteilnehmer durch Fremdsprachenanfängerunterricht
Warum ist die Selbsterfahrung so relevant
für Integrationskursleitende oder überhaupt für Lehrkräfte im Bereich des
Fremdsprachenunterrichts? Eine gute Selbsterfahrung lässt die Teilnehmenden
sowohl die Lernerperspektive nachvollziehen (Wie fühle ich mich als Lernender
in der Gruppe? Wie lange kann ich dem Geschehen konzentriert folgen? Was fällt
mir schwer? Wie viel Input kann ich speichern? etc.), als auch die
Lehrerperspektive (Wie würde ich hier unterrichten? Was war gelungen, was
weniger gelungen? Was muss ich eventuell an meinem eigenen Unterricht ändern?
Passten Sozialformen und Methode? etc.) (vgl. Baur & Kis 2002: 146; Ellis
2006: ‘structured language learning experience’; Flowerdew 1998 ‘language
learning experience’; Hyatt & Beigy 1999; Krumm [4] 1973: 112f.; Little &
Sanders 1992; Waters et al. 1990 ‘language-learning experience’). Flowerdew
(1998: 530), der eine Selbsterfahrung Deutsch an der City University Hong Kong
skizziert, fasst die Ziele kompakt zusammen:
The goals of the LLE [Language Learning
Experience] course are for participants to develop insights into the language
learning process at the beginning level; reflect upon, analyze, evaluate, and
adapt their own foreign language learning strategies; develop their knowledge
of the structure, function, phonology, and sociocultural dimension of language;
and relate and evaluate issues in language teaching theory in the light of
their own experience as language learners.
Birch (1992) betont dabei auch die
Erfahrungen, die man mit dem Einsatz unterschiedlicher Methoden macht und die
Erfahrungen mit dem Einsatz der Sprachen, also Zielsprache oder Verwendung der
Muttersprache. Waters et al. (1990: 307, 313) akzentuieren u.a. das
Zusammenspiel zwischen der eigentlichen Erfahrung und der sich anschließenden
Reflexion. Bedeutsam ist auch die Wahl der Selbsterfahrungssprache (vgl. Waters
et al. 1990: 308). Sie sollte sich von den Muttersprachen der Teilnehmenden
strukturell so weit wie möglich unterscheiden, damit die Teilnehmenden zum
einen für unbekannte sprachliche Phänomene sensibilisiert werden und zum
anderen die Schlussfolgerung ziehen können, dass es auch in ihrer Muttersprache
außergewöhnliche Kategorien geben könnte. Besonders die Lehrkräfte, die Deutsch
als Muttersprache erworben haben, kennen oft die besonderen Schwierigkeiten der
eigenen Sprache nicht (vgl. auch Baur 2000: 473). Durch den Unterricht in einer
strukturell ganz anderen Sprachen, die darüber hinaus über andere sprachliche
Kategorien verfügt, erwerben sie ein Gefühl dafür, dass auch ihre Mutter- und
Unterrichtssprache für Lernende schwieriger sein mag, als sie zuvor vermuteten.
Baur & Kis (2002: 146) argumentieren zusammenfassend:
Die bewußte [sic!] Sprachlernerfahrung ist
für DaF- und DaZ-Lehrer/innen auch deswegen so wichtig, weil sie als
Muttersprachler eine Sprache unterrichten, für deren Besonderheiten und
Schwierigkeiten sie nicht sensibilisiert sind. … Wir plädieren jedoch
ausdrücklich für eine Selbsterfahrung, bei der Lernerperspektive und Methodenreflexion
als Elemente der Ausbildung angesteuert werden.
-5-
Eine Selbsterfahrung umfasst dabei stets
eine Reflexionsphase, also eine Phase in der die Teilnehmenden über ihre
Gefühle, ihre Probleme und ihre Herangehensweise ans Lernen reflektieren (vgl.
Flowerdew 1998: 531). Erst diese Reflexion macht den Teilnehmenden die
konkreten Schwierigkeiten und Strategien bewusst. [5]
Das Japanische bietet sich als
Selbsterfahrungssprache besonders an: Es wird zwar meist als „schwere“ Sprache
eingeschätzt, hat aber eine vergleichsweise stringente Struktur durch den
einheitlichen Form-Funktions-Zusammenhang im Bereich der Morphologie und ist
als prototypische Verbfinalsprache repräsentativ für viele SOV-Sprachen (vgl.
Grein 1998; siehe auch Dryer 2008; Oomen-Welke 2008: 40). Der dritte Teil
meiner Selbsterfahrung geht daher sprachtypologisch-kontrastiv vor und
thematisiert im Besonderen die im Vergleich mit zahlreichen Lernersprachen sehr
komplexe Struktur des Deutschen sowie auch einzelne Besonderheiten des
deutschen Phonemsystems. Auch dieses sprachkontrastive Vorgehen wird von Baur
& Kis (2002: 147) explizit thematisiert, so begründen sie:
Für das Lehren einer fremden Sprache
allgemein und für das Lehren der eigenen Muttersprache als Fremdsprache im
Besonderen sind systematische Sprachvergleiche deshalb besonders nützlich. Nur
wenn ein DaF-Lehrer für kategoriale Systeme von Sprachen verschiedenen Typs
sensibilisiert ist, kann er die Transfermechanismen und Lernschwierigkeiten von
Lernern verschiedener Herkunftssprachen verstehen.
Dabei geht es hier nicht um die kontroverse
Diskussion zwischen Identitäts- und Kontrastivhypothese und die Frage, ob bzw.
welchen Einfluss strukturell differierende und strukturell ähnliche Sprachen
auf den Erwerb einer Fremdsprache haben, sondern zum einen um die Tatsache,
dass Lehrende dafür sensibilisiert werden müssen, dass die sprachlichen
Kategorien der indo-europäischen Sprachen nicht universell sind (vgl. auch
Oomen-Welke 2008). Zum anderen können sie das sprachvergleichende Vorgehen eventuell
auch in ihrem eigenen Unterricht nutzen (vgl. auch Ahrenholz 2008: 75 „Befunde
bei Kindern mit Migrationshintergrund [lassen] einen Einfluss typologisch
unterschiedlicher Sprachen vermuten“). Mein Anliegen ist jedoch, wie es auch
Ahrens (2004: 12) formuliert, keine konkrete kontrastive Analyse, sondern eher
der unsystematische Vergleich. Schröder (2003: 280) konkretisiert:
„Sprachvergleichendes Vorgehen öffnet Fenster zu anderen Sprachen, leistet der
Neugier Vorschub, schafft Lust auf Fremdsprachen …“.
Im Folgenden skizziere ich zunächst die
Konzeption der Selbsterfahrung (Kap. 3.1), dann die konkrete Durchführung des
ersten Teils der Selbsterfahrung (Kap. 3.2), die sprachkontrastive
Vorgehensweise und zeige anschließend die Ergebnisse der Auswertung.
3.1 Konzeption der Selbsterfahrung
Um die Selbsterfahrung den regulären
Bedingungen eines Integrationskurses anzupassen, ging der Konzeption zunächst
eine Hospitation bei zehn Kollegen und Kolleginnen innerhalb der ersten
Unterrichtsstunden ihres Integrationskurses voran. Dabei wurde jeweils genau
notiert, wie viel Stoff und welche Inhalte zu Beginn behandelt wurden, um
sowohl die Inhalte – die durch die Lehrwerke natürlich vorgegeben sind – als
auch vor allem die ungefähre Stoffmenge in die Selbsterfahrung zu übertragen.
Im Rahmen der Hospitation zeigte sich, dass die Lehrkräfte darauf bedacht sind,
alle Lerntypen anzusprechen und auch auf die Lerntraditionen der Lernenden
Rücksicht zu nehmen. Zu beobachten war ferner eine Methodenpluralität; besonders
im Bereich der Grammatikvermittlung wurde sowohl induktiv als auch deduktiv
vorgegangen. Spielerische Elemente und Übungsformen wurden abwechslungsreich
eingesetzt und bei der Aufgabenstellung, wenn möglich, auf
Binnendifferenzierung geachtet. Eines hatten jedoch alle hospitierten
Integrationskurse gemein: Sie bedienten sich des Einsprachigkeitsprinzips. Dies
ist auch zunächst weniger erstaunlich, wurde doch der systematische,
strukturelle Vergleich „in den letzten Jahrzehnten […] zunehmend aus dem Unterricht
verbannt“ (Tracy 2009: 188, FN 9).
-6-
Auf der Grundlage der
Unterrichtsbeobachtungen bei den Kollegen und Kolleginnen konzipierte ich meine
Unterrichtsstunde „Japanisch auf Japanisch“ für 30 Minuten. Dabei
berücksichtigte ich sowohl die Einsprachigkeit, den Methodenmix, die Inhalte
als auch die Stoffmenge. Warum? Eine Selbsterfahrung ist nur dann eine
Selbsterfahrung, wenn man den Lehrenden vor Augen hält, wie sie selbst
unterrichten. Aus diesem Grunde war die Hospitation vor der Konzeption
notwendig. Es schloss sich die Evaluation der Erfahrungen an.
In einem nächsten Schritt erfolgte eine
Vertiefung und Erweiterung der Japanischkenntnisse mit einem kontrastiven
Vorgehen, bei welchem auch die Sprachen der anwesenden Lehrenden implementiert
wurden (siehe Kapitel 3.3). Betrachten wir zunächst die Auswertung der
Ergebnisse des einsprachigen Unterrichts.
3.2 Auswertung der Ergebnisse
Insgesamt liegen der Auswertung 20 zwischen
September 2007 und Oktober 2009 gesammelte Daten aus Selbsterfahrungsmodulen
zugrunde. Je nach Qualifizierung betrug die Teilnehmerzahl zwischen 16 und 32
Integrationskursleitende. Insgesamt 450 Lehrkräfte konnten derart befragt und in
die Auswertung mit aufgenommen werden. Die Lehrkräfte stammten aus dem gesamten
deutschen Bundesgebiet, Schwerpunkte lagen dabei in Bayern, Rheinland-Pfalz und
Hessen. Die Auswertung erfolgte einerseits quantitativ (Fragebögen bzw.
Moderationskarten, s.u.), andererseits wurden die Ergebnisse durch qualitative
Interviews ergänzt.
Die während der Hospitation gesammelten
Erfahrungen bezüglich des Aufbaus und der Einsprachigkeit wurden bestätigt. 387
Lehrende, also 86 Prozent, gaben an, dass auch sie nicht auf die Sprachen ihrer
Kursteilnehmenden eingehen, sondern konsequent Deutsch sprechen und die Sprachen
der Lernenden außen vor lassen. Da eine gemeinsame Sprache (wie z.B. Englisch)
fehle, sehen die Lehrenden keine Möglichkeit, eine andere Sprache als die
Zielsprache zu nutzen. Dabei gaben rund 47% der Lehrkräfte an, dass ihre
Institution diese Einsprachigkeit auch fordere. Erlaubt sind in den meisten
Institutionen jedoch zweisprachige Wörterbücher.
Lediglich sechs Lehrende (1,3%) haben
sprachlich homogene Gruppen (Türkisch) und nutzen ein sprachkontrastives
Vorgehen im Bereich der Grammatikvermittlung. Die Unterrichtssprache ist
Deutsch, die Semantisierung erfolgt zunächst einsprachig, wird jedoch bei
Problemen durch Erläuterungen und einer Sensibilisierung für fehlende
Äquivalente oder andere konnotative Werte auf Türkisch angeboten.
Die weiteren 57 Lehrenden (12,6%) gaben an,
dass sie versuchen, die Sprachen ihrer Lehrenden in den Sprachunterricht zu
integrieren und Ansätze aus der Tertiärsprachendidaktik (vgl. z.B. Hufeisen
2004a, 2004b, 2008a, 2008b) zu implementieren. Eine Teilnehmerin argumentierte
jedoch dahingehend, dass ihre Kursteilnehmerinnen sich gegen den Einsatz
anderer Sprachen als dem Deutschen wehrten und meinten, dass so ihre
Sprachfortschritte zu kurz kämen. Allgemein galt: Da ein sprachvergleichendes
Vorgehen in den zu benutzenden Lehrwerken nicht vorkommt, wird auch die
sprachvergleichende Herangehensweise nicht systematisch, sondern lediglich
sporadisch eingesetzt. [6]
Der „monolinguale Habitus der Schule“
(Gogolin 1994; vgl. aber auch List 2004; Hufeisen 2004a) findet sich laut
meiner Daten (Beobachtung und Befragung) folglich sehr deutlich auch im Bereich
der Integrationskurse. Die Herkunftssprachen werden überwiegend nicht als
„Ressource“ (Clyne 2007: 6) genutzt.
Abbildung 1:
Sprache(n) im Unterricht (N=450)
-7-
Kommen wir zum zweiten Teil der Auswertung
– der Reflexion: Direkt im Abschluss an die einsprachige Selbsterfahrung
Japanisch wurden die Teilnehmenden gebeten einen kurzen Fragebogen u.a. zu den
folgenden drei Leitfragen zu beantworten:
(a) Wie habe ich mich gefühlt?
(b) Was ist mir besonders schwer gefallen?
(c) Was hat mir das Lernen erleichtert?
Die Aussagen wurden dann als
Diskussionsgrundlage herangezogen.
a. Wie haben sich die Lehrenden gefühlt?
Einem Großteil der Teilnehmenden bereitet
der Unterricht vorwiegend Spaß, auch wenn sie angeben, dass ihre
Aufmerksamkeitsspanne für mehr Input nicht gereicht hätte. Auch erkennen sie,
dass die Situation eine andere ist: Während die Migranten und Migrantinnen
verpflichtet sind, an dem Deutschkurs teilzunehmen, der darüber hinaus mit
einer Prüfung abschließt, ist die Selbsterfahrung eine einmalige Angelegenheit,
die obendrein keine Auswirkungen auf das Bestehen oder Nicht-Bestehen der
Qualifizierung hat. [7]
Neben den Spaßfaktor treten aber vor allem
auch Gefühle wie Stress, Versagensangst, das Grübeln, warum der Nachbar/die
Nachbarin scheinbar viel besser ist, Stress weil man die Wortgrenzen nicht
erkennen kann, ein Gefühl des „Schwimmens“, Überforderung, das Gefühl, dass zu
wenig wiederholt wurde und aufgrund der fehlenden bzw. nicht-lesbaren Schrift
das Gefühl „ein Analphabet zu sein“. Auch die Konzentration bzw.
Konzentrationsfähigkeit, so die Teilnehmenden wiederum fast unisono, lässt nach
ca. 30 Minuten nach. Einig sind sich alle Teilnehmenden ferner, dass man an
einem Tag keinesfalls mehr Lernstoff vermitteln darf, und viele äußern sich
dahingehend, dass sie ihren Lernenden bisher wohl oft zu viel zugemutet haben.
Fassen wir zusammen: Obwohl in der
Qualifizierung lerngewohnte Teilnehmende sind, die durchschnittlich drei
Sprachen beherrschen, ihre eigene Lernbiographie kennen, sich ihrer
Lernstrategien oder Lernstile bewusst sind und der Unterricht mehrkanalig
dargeboten wurde und somit unterschiedliche Lernertypen ansprach, wurde den
Lehrenden bewusst, wie schwierig die einsprachige Vermittlung ist.
b. Was ist mir besonders schwer gefallen?
Auch hier gleichen sich die Antworten der
Teilnehmenden: Problematisch sind das richtige Hören und das anschließende
Artikulieren der einzelnen Phoneme und Phonemkombinationen, das Erkennen der
Wortgrenzen, die ungewohnte Struktur und die fehlende Verschriftlichung bzw.
das Vorhandensein einer unbekannten Schrift und die fehlende Vernetzung im
mentalen Lexikon. 97% der Lehrenden geben an, dass sie nach den lexikalischen
Entsprechungen in ihrer Muttersprache gesucht hätten und eine „heimliche“
Übersetzung angefertigt hätten. Betrachten wir die Hauptschwierigkeiten im
Überblick.

Abbildung 2:
Gewichtung der Probleme (N=450)
-8-
Es zeigt sich, dass die fremden Phoneme
allein durch Hören in der kurzen Zeit nicht erlernt werden können. Ohne eine
gezielte Aussprachevermittlung, die folglich mehr umfassen muss als nur
Hörübungen, wird die richtige Aussprache jedoch auch nach einer längeren Zeit
nicht adäquat erworben. Zahlreiche Teilnehmende führen an, dass sie die
Konstruktion zwar im Gehirn wohl richtig bilden können, es aber mit der
Informationsübermittlung vom Gehirn an die Sprechwerkzeuge Schwierigkeiten
gibt.
Die fehlende Vernetzung im Gehirn und die
damit verbundenen Schwierigkeiten Wörter zu speichern, führen die Teilnehmenden
darauf zurück, dass ihnen die sonst üblichen Hilfestellungen aus den
indo-europäischen Sprachen (Englisch, Latein, etc.) fehlen. Sowohl aus dem
Versuch der ‚heimlichen Übersetzung‘ als auch der missglückten Suche nach
Entsprechungen aus bereits erlernten Sprachen erwuchs die Überlegung, ob es
nicht sinnvoll wäre, die Lernendensprachen stärker in den Unterricht zu
integrieren (s.u.).
Über 60% der Teilnehmenden weisen auf die
Problematik der Schrift hin. Immer wieder thematisiert werden hier auch die
gerade Alphabetisierten, die für das Lesen z.B. eines Wortes sicherlich zu
lange brauchen, als dass die Schrift ihnen beim Lernen helfen kann. Für sie
scheint die Vernetzung bzw. Speicherung von Wörtern im Gehirn noch mehr der
Hilfe der Muttersprache(n) zu bedürfen.
Die Schwierigkeit, die Wortgrenzen zu
erkennen, wird meist auf die fehlende Schrift bzw. die Unkenntnis des
Schriftsystems zurückgeführt.
Das Bedürfnis die grammatische Struktur zu
erkennen und einen etwaigen negativen Transfer auszuschließen, wird von
immerhin 94 Teilnehmenden (21%) angesprochen. (Im Rahmen der Qualifizierung
kann hier nur knapp auf die Fragwürdigkeit sowohl der Kontrastiv- als auch der
Identitätshypothese und die wohl grundlegendere Interlanguage-Hypothese
eingegangen werden, vgl. Ahrenholz 2008: 71-73; Henrici & Riemer 2003). [8]
(c.) Was hat mir das Lernen
erleichtert?
Es waren hier wiederum Mehrfachnennungen
möglich, da es keine Vorgaben bezüglich der Anzahl der Antworten gab. Betrachten
wir die sechs häufigsten Antworten:

Abbildung 3:
Hilfestellung (N=450)
-9-
Insgesamt 369mal (82%) wird sowohl der
Einsatz von Bildern als auch die Wiederholung als größte Hilfestellung genannt.
Die Anwesenden zeigen sich in den Reflexionsphasen immer wieder erstaunt
darüber, dass sie der zahlreichen Wiederholungen durch mich und die
Teilnehmenden bedurften. Viele gaben an, dass ihnen bisher sieben bis acht
Wiederholungen als ausreichend erschienen seien.
Als sehr wichtig und hilfreich wird ferner
die angenehme Atmosphäre eingestuft. Die gute Atmosphäre, so die Teilnehmenden,
kommt zum einen durch das deutliche Loben und die sehr freundliche Rückmeldung
zustande. Auch bei Fehlern erfolgt eine positive Rückmeldung, eine Wiederholung
durch mich und ein erneutes Nachsprechen durch den Lernenden. Die Rückmeldung
mag durch das in Japan übliche Lächeln freundlicher erscheinen als in
Deutschland üblich.
Herausgestellt wird auch der hilfreiche
Einsatz von Gestik, Mimik und pantomimischen Einlagen, die nicht nur das
Verstehen erleichtern, sondern wiederum für eine aufgelockerte Atmosphäre
sorgen.
Sehr interessant erscheint auch, dass
immerhin 18% der Teilnehmenden anmerken, dass der Austausch mit ihren
Sitznachbarn und -nachbarinnen hilfreich ist. Einige mussten zugeben, dass sie
bisher den Austausch zwischen den Lernenden einer Muttersprache während des
Unterrichts immer unterbunden hatten, ihn aber nach der Selbsterfahrung
zulassen wollen.
Im Anschluss an die eigentliche
Selbsterfahrung wurden dann das bisher auf Japanisch Erlernte und weitere
Konstruktionen unter Zuhilfenahme eines kontrastiven Ansatzes vermittelt und
ebenfalls kurz diskutiert. Die Vorgehensweise und die Ergebnisse werden knapp
im folgenden Kapitel zusammen gefasst.
3.3 Sprachtypologie, sprachkontrastives
Vorgehen und die Implikationen
In der Folge wurde zunächst ganz allgemein
auf Sprachtypologie und Kontrastive Linguistik eingegangen. Während den
Lehrenden sprachgeschichtliche Zusammenhänge oftmals geläufig sind, ist ihnen
die für Sprachlehrende hilfreichere funktionale Sprachtypologie nach Greenberg
meist nicht bekannt (vgl. Comrie 1981; Croft 1990; Greenberg 1966; Whaley
1997). Zahlreiche Muttersprachen der Lernenden in Integrationskursen sind
prototypische Verbfinalsprachen (SOV-Sprachen [9]) und weisen eine nahezu
identische Morphosyntax auf. Ferner beschäftigt sich die
phonetische Sprachtypologie mit den verschiedenen Phonemsystemen der Welt. Im
Vergleich fällt auf, dass das deutsche Phonemsystem nicht nur besonders
umfangreich ist, sondern dass auch Konsonantencluster, wie sie im Deutschen
möglich sind (z.B. ‚mpst’ - schimpfst), sonst selten sind. Dies ist auch der
Grund dafür, dass viele Lernende zu Spross- oder Füllvokalen greifen, so z.B.
türkische und vor allem thailändische Migranten und Migrantinnen (vgl. Mehlhorn
2007: 194, die aufzeigt, dass eine thailändische Studierende unbewusst davon
ausgeht, dass das Deutsche Töne hat und diese tatsächlich auch hört). Es wird
ferner ein Gespür dafür hervorgerufen, dass einzelne Phoneme in anderen
Sprachen oft an anderen Artikulationsstellen gebildet werden: Das reguläre /u/
des Türkischen wird etwas weiter vorne artikuliert als das deutsche /u/. Ferner
kennt das Türkische ein ungerundetes /u/.
-10-
Schwerpunkt der sprachtypologischen Darstellung
ist jedoch der Bereich der Syntax. Ziel ist es hier nicht, auf Interferenzen
oder negativen Transfer einzugehen: Die Kontrastivhypothese ist m.E.
hinreichend widerlegt (siehe z.B. Michiels 1999: 4-6) [10], sondern es geht, wie
oben bereits angesprochen, vorwiegend um eine Sensibilisierung für die
Tatsache, dass es viele der aus den indo-europäischen Sprachen bekannten
Kategorien in anderen Sprachen nicht gibt. So kennen z.B. viele Sprachen keine
Genusdistinktion (vgl. Corbett 1991, Corbett 2008: ca. 57%), und auch Numerus
wird nicht zwingend markiert (vgl. Iturrioz-Leza & Skopeteas 2004: 1053;
siehe auch Corbett 2000). Das Japanische z.B. kennt weder Genus- noch
Numerusdistinktion. Das Türkische kennt keine Genusdistinktion, eine
Numerusdistinktion gibt es, allerdings muss nicht doppelt markiert werden (sog.
morphologische Ökonomie: adam: Mann, adam-lar: Männer, aber üç adam: drei
Männer, vgl. Johanson 1971: 33).
Anhand der der deutschen Kasusmarkierung
entsprechenden Verwendung von Partikeln im Japanischen wurde mit Hilfe von
Beispielsätzen die Entsprechung von Funktion und Form im Japanischen
verdeutlicht. Betrachten wir hier den ersten Satz und die kontrastive
Darstellung:
(1)
Bôifurendo to
basu de
Makudonarudo ni ikimasu.
boyfriend
KOM Bus
INSTR McDonalds
DIR fahr:HON:PRÄS.
‚Ich fahre mit meinem Freund mit
dem Bus zu McDonalds.’
to: (Komitativ): die
Person, mit der
ich etwas tue
Dabei
zeigte ich beispielhaft die
verschiedenen Formen im Deutschen, die im Japanischen immer mit der
Postposition
‚to’ markiert werden, also z.B. ‚mit meinem Freund’, ‚mit der
Nachbarin’, ‚mit
Kindern’, ‚mit dem Chef’.
de:
(Instrumental)
das
Werkzeug/Mittel, mit dem ich etwas tue
Beispielhaftwurde
wieder gegenübergestellt:
kuruma
de
densha
de
o-hashi de
Auto
INSTR
Bahn
INSTR
Stäbchen
INSTR
‚mit dem Auto’
,mit der
Bahn’ ‚mit
Stäbchen’
ni:
(Direktional) Ort, an den man
sich begibt
Makudonarudo
ni
McDonalds
DIR
‚zu
McDonalds’
tonari
no hito ni
Nachbarin
DIR
‚zur
Nachbarin’
Mayôka
ni
Mallorca
DIR
‚nach
Mallorca’
-11-
niwa
ni
Garten
DIR
‚in den
Garten’
yama
ni
Berg
DIR
‚auf den
Berg’
resutoran
ni
Restaurant
DIR
‚ins
Restaurant’
Mit Hilfe dieser Beispiele wurde den
Teilnehmenden sehr bewusst, wie schwer vielen Lernenden die zahlreichen
Präpositionalphrasen des Deutschen fallen. Darüber hinaus geben 97% der
Lehrenden an, dass sie das Japanische mit ihren jeweiligen Muttersprachen
verglichen hätten. Damit entsprechen sie wohl der Mehrheit der Sprachlernenden
auf der Welt. So schreibt Oomen-Welke (2008: 33):
Wildenauer-Jósza (2005) hat in einer Studie
40 junge Erwachsene aus Afrika, Asien, Europa und Lateinamerika ausführlich
befragt, ob sie den Sprachvergleich zum Lernen des Deutschen nutzen und welche
Bedeutung für sie dabei die Muttersprache und weitere bereits gelernte Sprachen
haben. Nach den Angaben nutzen fast alle die Ähnlichkeiten verwandter Sprachen
[…]. Durch den Vergleich mit der Muttersprache werden grammatische Phänomene
klarer […].
Bei allen Selbsterfahrungen schloss sich
die Frage an, inwieweit ein solches sprachkontrastives Vorgehen den Lernenden
helfen kann. Die sechs Kursleitenden mit homogenen Gruppen sowie die 12,6% der
Lehrenden, die mehrsprachig sprachkontrastiv vorgehen, konnten bestätigen, dass
die Kontrastierung hilfreich ist. Die übrigen Lehrkräfte argumentierten jedoch,
dass ein solches Vorgehen bei durchschnittlich sieben unterschiedlichen
Muttersprachlern in ihren Kursen fast unmöglich sei. Sie ließen sich auch durch
die sich anschließende Diskussion wahrscheinlich nicht überzeugen, wobei der
positive Effekt natürlich zunächst einer empirischen Überprüfung bedarf ehe
Überzeugungsarbeit zu leisten wäre. Der Großteil der Lernenden, so die
Argumente der Lehrkräfte, würde durch derartige Maßnahmen eher verwirrt als
dass sie ihnen helfen würde (vgl. hier zu auch Ahrens 2004: 12). Lediglich bei
denjenigen Teilnehmenden, die über eine größere schulische Ausbildung verfügten
– laut Aussage meiner Teilnehmenden sind dies aber maximal drei pro Kurs – wäre
eine Sensibilisierung für die Sprachkontraste sinnvoll. Auch der Vorschlag, bei
der Semantisierung auf bereits vorhandene Sprachen zurückzugreifen, wurde von
den meisten Lehrkräften für den Bereich der Integrationskurse abgelehnt.
Argumentiert wurde, dass die Lernenden dann auch in der Folge immer alle
Begriffe in ihrer Muttersprache erfragen würden und dem Deutschen somit zu
wenig Zeit gewidmet würde. Inwieweit die weiteren Diskussionen unter den
Teilnehmenden zu einem Umdenken geführt haben, konnte leider nicht eruiert
werden.
Grundsätzlich führten die Aussagen der
Majorität der Integrationskursleitenden zu einer zu überprüfenden Hypothese (a)
und einer Forschungsfrage (b):
(a) In regulären DaF-Kursen (mit größerer
Homogenität bezüglich des Ausbildungsstandes) müsste eine stärkere
Berücksichtigung der Lernersprachen als sinnvoll eingestuft werden, d.h. in
DaF-Kursen müssten Einsprachigkeitsansätze inzwischen passé sein.
(b) Stimmt es wirklich, dass der Einsatz
oder die stärkere Berücksichtigung der Lernendensprache in Integrationskurse
hinderlich ist? Könnte nicht eine verstärkte Berücksichtigung der einzelnen
Sprachen für alle Lernenden ein Gewinn sein?
-12-
Gehen wir beiden Punkten kurz nach:
Um zunächst vorzufühlen, wie die Situation
im Bereich DaF bei lerngewohnten Lernenden aussieht, schloss sich eine
schriftliche Befragung von 20 universitären Sprachenzentren an. Hier könnte man
vermuten können, dass sich Konzepte wie DaFnE (vgl. Hufeisen & Neuner 2006;
Hufeisen 2009) oder Konzepte der Tertiärsprachendidaktik eventuell durchgesetzt
haben und beispielsweise Englisch als Brückensprache genutzt wird.
Es wurden 45 universitäre Sprachzentren
angeschrieben. Der Rücklaufquote der schriftlichen Befragung mit lediglich drei
standardisierten Fragen war überdurchschnittlich hoch. 20 Sprachzentren
äußerten sich zum Einsatz der (aufgeklärten) Einsprachigkeit, dem Einsatz von
Mehrsprachigkeitsansätzen bzw. kontrastivem Vorgehen und der
Kurszusammensetzung homogen/heterogen. Alle 20 (100%) Sprachzentren bieten
einsprachige Kurse an, dabei verwiesen zehn darauf, dass sie absolut
einsprachig vorgehen. Bei sechs Universitäten (30%) finden sich jedoch
zunehmend auch Versuche, kontrastiv vorzugehen und Konzepte aus der
Tertiärsprachendidaktik zu implementieren.

Abbildung 4: Ansätze
der universitären Sprachzentren (N=20)
Eine leichte Zunahme (30% mehrsprachig vs.
14% mehrsprachig bei Integrationskursen) ist folglich zu konstatieren. Die
Fallzahl von 20 ist jedoch zu gering, um zu validen Aussagen zu führen. So wäre
es durchaus möglich, dass auf meine Anfragen vorwiegend die Sprachzentren
geantwortet haben, die Mehrsprachigkeitsansätze implementiert haben, was zu
einer Verzerrung der Daten geführt haben könnte. Hier wäre eine umfassendere
Befragung notwendig.
Ließen die Aussagen der Lehrenden aus dem
Integrationsbereich vermuten, dass bei universitären DaF-Sprachkursen ein
sprachkontrastives Vorgehen an die Stelle der einsprachigen Vermittlung
getreten ist, zeigt meine Befragung, dass auch hier die einsprachige Vermittlung
noch überwiegt und sich lediglich einige Sprachzentren neben der einsprachigen
Vermittlung auch mit Ansätzen aus der Mehrsprachigkeitsdidaktik beschäftigen.
-13-
Um die Forschungsfrage, sprich den Nutzen
von Ansätzen aus der Tertiärsprachendidaktik, noch einmal gezielter im Bereich
der Integrationskurse zu beantworten, wurde mit weiteren 20 Lehrkräften in
Integrationskursen ein kurzes qualitatives Interview geführt. Es handelte sich
um ein halbstandardisiertes Interview mit Leitfaden zu den Themen: Semantisierung,
Grammatik und language awareness, mit einer Dauer von ca. 15 Minuten. Die
Ergebnisse des qualitativen Interviews konterkarrieren ein wenig die Ergebnisse
der schriftlichen Befragung. Im Anschluss an die einzelnen Interviews hatte ich
den Eindruck, dass viele Lehrkräfte davon ausgehen, einsprachig zu
unterrichten, dennoch oftmals unbewusst kontrastiv oder mehrsprachig vorgehen.
Um in den Bereich Semantisierung
einzusteigen, diente die folgende Vorlage aus Deutsch ist easy:

Es gaben 11 (55%) der Befragten an, dass
sie diese Form der Wortschatzvermittlung sporadisch einsetzen würden und
berichteten, dass diese Form der Semantisierung auch den interkulturellen
Dialog zwischen den Lernenden „anregen“ würde. Hier erstaunt, dass – im
Vergleich zu den Ergebnissen bei der Befragung der 450 Lehrkräfte –
überdurchschnittlich viel mehr Lehrkräfte im Bereich der Semantisierung
mehrsprachig oder kontrastiv vorgehen.
Drei (15%) der interviewten
Integrationskursleiterinnen berichteten, dass sie auch im Bereich der
Vermittlung von Satzstrukturen kontrastiv vorgehen. Sie beklagten jedoch, dass
es keine fertigen Unterrichtskonzepte, Materialien oder gar Einheiten dazu in
ihren Lehrwerken oder Lehrerhandbüchern, wie z.B. Dimensionen vom Hueber Verlag
für Deutsch als Fremdsprache [11], gäbe.
-14-
Die Anregung, dass man gezielt auf
Lernervariablen (z.B. nach Roche 2008: 31-42; vgl. Edmondson & House 2006:
175-216; Riemer 1997) oder in Anlehnung an Hufeisens Faktorenmodell (z.B.
2004b: 20) auf emotionale, kognitive und fremdsprachenspezifische Faktoren
eingehen könnte, wurde für Integrationskurse als weitestgehend nicht umsetzbar
eingestuft. Wie soll man Lernende, die keine gemeinsame Sprache haben, nach
ihren Erfahrungen zum Vokabellernen fragen? Was macht man mit dem Großteil der
Lernenden, die über keine Sprachlernerfahrungen verfügen? Wie kann man ohne
gemeinsame Sprache nach Lernerfahrungen, Lerntradition oder Lernerbiographie
fragen?
Kurze Schlussfolgerungen: Meines Erachtens
müsste grundsätzlich mehr „Aufklärungsarbeit“ geleistet werden. Würden die
Lehrkräfte sich intensiver mit der Tertiärsprachendidaktik auseinandersetzten
und gäbe es entsprechende Unterrichtsmaterialien, würde das Primat der
Einsprachigkeit gerade im Bereich der Integrationskurse vielleicht beendet.
Im Folgenden möchte ich nach einer kurzen
Zusammenfassung des Beitrags und einem Blick auf die aktuelle Situation im
Bereich DaZ erste konkrete Verbesserungsvorschläge für die Konzeption der
Integrationskurse unterbreiten. Dabei müsste empirisch überprüft werden,
inwieweit die Konzepte tatsächlich zu größeren Lernerfolgen oder zumindest
einer größeren Motivation bei den Lernenden führen.
4. Zusammenfassung und Einordnung in
die DaZ-Thematik
Im ersten Kapitel wurde knapp auf die
Integrationskurse im Allgemeinen eingegangen. Es folgten ein kurzer Blick auf
die notwendige Qualifizierung der Integrationskursleitenden und ein
ausführlicherer Blick auf das obligatorische Modul „Selbsterfahrung durch
Fremdsprachenunterricht“. Die Konzeption und der Aufbau wurden skizziert und im
Anschluss die Reaktionen der Teilnehmenden zusammenfassend dargestellt. Gerade
durch die strukturell stark divergierende Sprache Japanisch, die darüber hinaus
mit Hilfe des japanischen Schriftsystems eingeführt wurde, konnten sich die
Teilnehmenden sehr gut in die Lernendenperspektive begeben. Aus dieser
Erfahrung heraus konnten die Teilnehmenden durch den folgenden Austausch mit
den Kollegen und Kolleginnen auch in die Lehrendenperspektive wechseln und
überlegen, was ihnen als gelungen erschien, was sie eventuell in ihren
Unterricht übernehmen und was sie gegebenenfalls in ihrem Unterricht ändern
werden.
Grundsätzlich erkannten die Teilnehmenden
die entspannte und angenehme Lernatmosphäre als den förderlichsten Faktor für
erfolgreichen Fremdsprachenunterricht an. Die Einsprachigkeit und die
Implementierung von Ansätzen aus der Tertiärsprachendidaktik wurden kontrovers
diskutiert.
Im Folgenden soll ein kritischer Blick auf
die Konzeption des Fremdsprachenunterrichts, das Primat der Einsprachigkeit und
Integrationskurse geworfen werden.
-15-
Wie sieht die Situation derzeit aus?
Während bei der Förderung von Kindern und
Jugendlichen mit Migrationshintergrund zwischen einsprachigen und
zweisprachigen Fördermodellen unterschieden wird, geht man in
Integrationskursen vorwiegend (immerhin in 86% aller Kurse) einsprachig vor.
Einsprachige Modelle bei Kindern und Jugendlichen zeichnen sich „durch die
ausschließliche oder überwiegende Verwendung einer Sprache als Medium des
Unterrichts“ (Reich et al. 2002: 17) aus. Differenziert wird zwischen
Submersions- und Immersionsprogrammen: Bei den Submersionsprogrammen erhalten
Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund keine spezifische Förderung,
sondern werden in die Regelklassen eingeschult (vgl. Christensen & Stanat
2006: 138; Kniffka & Siebert Ott 2009: 139f.; Neumann 2009: 320).
Immersionsprogramme sind ebenfalls der Einsprachigkeit verpflichtet, die
Lernenden besuchen zunächst Einführungskurse, werden dann in die Regelklassen integriert
und erhalten ergänzend Deutschförderunterricht (vgl. Hufeisen 2009: 104;
Limbird & Stanat 2006: 260; Neumann 2009: 320). Neben diese einsprachigen
Programme treten in privaten Schulen auch zweisprachige, sog. transitorische
Modelle (Reich et al. 2002: 17; vgl. auch: Clyne 2007; Gogolin & Roth 2007:
34-44; Limbird & Stanat 2006: 260). Hier erhalten die Schüler und
Schülerinnen zunächst Unterricht in ihrer Herkunftssprache, bis sie allmählich
immer stärker in den regulären Unterricht (auf Deutsch) integriert werden. Bei
sog. language-maintenance-Modellen wird die Muttersprache auch in der Folge
noch konsequent weiter gefördert (vgl. Reich et al. 2002: 17; siehe auch:
Kniffka & Siebert-Ott 2009: 140; Neumann 2009: 319ff: Stichwort ‚bilinguale
Modelle‘).
Während Limbrid & Stanat (2006: 282)
den zweisprachigen Modellen gegenüber skeptisch sind, sprechen sich Gogolin
& Roth (2007: 44) ganz eindeutig für den Erfolg der zweisprachigen Modelle
aus (vgl. auch Clyne 2007; Krumm 2009). Der Nutzen der Förderung der Muttersprache
ist dabei umstritten. Die sog. Cummins-Hypothese besagt hier, dass sich nur bei
guter muttersprachlicher Kompetenz auch die Zweitsprache erwerben lässt (vgl.
Kniffka & Siebert-Ott 2009: 181f.) Esser hingegen (2006, 2009)
argumentiert, dass der muttersprachliche Unterricht keinen positiven Effekt auf
den Erwerb der Zweitsprache habe (Stichwort time on task, Hopf 2005; vgl. auch
Kniffka & Siebert-Ott 2009: 181; Tracy 2009: 165). Unabhängig von der
kontroversen Diskussion scheint der „monolinguale Habitus“ auch an den Schulen
noch vorherrschend zu sein (vgl. Christ 2004: 30; Hufeisen & Neuner 2006:
163: „Mehrsprachigkeit als Realität des Pausenhofes“; für einen genauen
Überblick: Clyne 2007).
Festzuhalten gilt jedoch, dass sich die
Diskussion beinahe ausnahmslos auf den Bereich Deutsch als Zweitsprache und
Mehrsprachigkeit an und in der Schule bezieht (vgl. Bausch, Königs & Krumm
2004; Gogolin et al. 2003; Gogolin & Neumann 2009; Knapp 2008: 133; Kniffka
& Siebert-Ott 2009). So erläutert Rost-Roth (2008: 56) „Im Übrigen verweist
die Bezeichnung ‚Deutsch als Zweitsprache‘ vor allem auf den schulischen und
vorschulischen Bereich“. Integrationskurse sind ein weißer Fleck auf dem Gebiet
der Sprachlehr- und -lernforschung (vgl. Schönwälder et al. 2005: i „eingeschränkte
Datenbasis: Ergebnisse von Integrationskursen bisher selten Gegenstand
wissenschaftlichen Forschens). [12]
-16-
Auch die Studien aus dem Bereich der
Tertiärsprachendidaktik (vorwiegend DaF, romanische Sprachen: EuroCom)
betreffen überwiegend den Bereich des schulischen Lernens (z.B. Hufeisen 2003,
2004a, 2008a, 2008b; Kleppin 2004; Meißner 2004; Neuner 2004; Roche 2009a;
Targonska 2004). Die besonderen Charakteristika der Tertiärsprachenansätze wie
Sprachbewusstsein (language awareness), kombiniert mit einer
Sprachlernbewusstheit, also den Erfahrungen mit dem Erlernen vorheriger
Fremdsprachen, finden sich wiederum mehrheitlich im Bereich des schulischen
Fremdsprachenunterrichts (mit Bezug auch zu Integrationskurs Oomen-Welke 2008:
33; Kleppin 2004: 89, Luchtenberg 2008: 113f.; vgl. aber auch Dimensionen für
den Bereich DaF). Kniffka & Siebert-Ott (2009: 186ff, Kapitel 5.4
Kontrastive Sprachbetrachtung) verbinden für den schulischen Unterricht ein
kontrastives Vorgehen direkt mit dem Lernziel Sprachbewusstheit. [13] Dabei ist
eine Anforderung an die Lehrkraft (2009: 188), dass sie „fundierte Kenntnisse“
der Sprachen hat. Meines Erachtens kann sich Sprachbewusstheit auch entwickeln,
wenn die Lehrkraft die Sprachen nicht beherrscht, also nicht kontrollieren kann,
ob z.B. die beispielhaften Konstruktionen sprachlich korrekt sind. Für den
Bereich des Unterrichts DaZ an Schulen liegen Unterrichtsvorschläge für ein
sprachkontrastives Vorgehen vor (vgl. Oomen-Welke 2003; Hug & Siebert-Ott
2007; siehe auch Hufeisen & Neuner 2006: 157f., die konkret auf die Bezüge
zwischen Tertiärsprachendidaktik, den Interkomprehensionsansatz EuroCom und DaZ
hinweisen; Hufeisen 2008b; vgl. auch Hufeisen 2009 zum
Gesamtsprachencurriculum).
Allgemein scheint die Verknüpfung zwischen der
kontrovers diskutierten politischen Forderung nach Mehrsprachigkeit [14] (vgl.
oben: Cummings-Hypothese vs. time on task; siehe auch Bausch, Königs &
Krumm 2004; Gogolin & Neumann 2009), der Mehrsprachigkeitsdidaktik im
Allgemeinen und den Ansätzen der Tertiärsprachendidaktik im Speziellen, die
zunächst für Menschen ohne Migrationshintergrund konzipiert wurden (z.B.
Deutsch nach Englisch (DaFnE), vgl. z.B. Hufeisen 2000, 2003, 2004a, 2008a;
Hufeisen & Neuner 2006), noch ungenügend hergestellt. Wie Bredella (2004:
16f.) ausführt, hat die Forderung nach Mehrsprachigkeit unterschiedliche
Zielsetzungen. Sie reichen von einer grundsätzlichen Forderung von
Mehrsprachigkeit in Europa und der Frage, wie man diese erreichen kann, bis hin
zu der Forderung, dass man die Sprachen der Migranten und Migrantinnen
anerkennt und ihre Sprachen aufwertet. Hufeisen & Neuner (2006: 157)
beispielsweise weisen konkret auf die fehlende Interdisziplinarität hin (vgl.
Hu 2003) und auch im Jahr 2009 schreibt Roche (2009b: 1) noch:
In der Migrationsforschung spielen
Sprachkenntnisse bisher eine eher nachgeordnete Rolle. Abgesehen von wenigen
Studien zur Wirksamkeit sprachlicher Integrationsmaßnahmen finden sprachliche
Aspekte am ehesten bei der Bildungsplanung (zum Beispiel am Bedarf an
„muttersprachlichem Förderunterricht“), bei der Bemessung des
Integrationsgrades und bei der Bewertung beruflicher Chancen der Migranten bzw.
bei der Erhebung des Bedarfs an fremd- und mehrsprachigen Arbeitskräften
Berücksichtigung.
Was alle auch noch so kontroverse
Diskussionen und wissenschaftlichen Publikationen gemeinsam haben: Sie grenzen
den Bereich der Integrationskurse mehrheitlich aus. [15] Es erstaunt, dass
empirische Forschung und politische Diskussion, auch ganz konkret zur
Lehrerbildung im Bereich DaZ, stets den Bereich Schule (inkl. Frühförderung)
betreffen, für diesen Bereich jedoch kein einheitliches Curriculum für die
Lehrendenausbildung vorliegt (vgl. Krüger-Potratz & Supik 2008), während
die Integrationkurse kein Gegenstand empirischer Forschungen sind,
Integrationskursleitende jedoch eine spezielle Qualifikation benötigen, bei der
die Inhalte sehr genau vorgegeben sind. Den Gründen für diese Diskrepanz muss
an anderer Stelle nachgegangen werden.
-17-
Werfen wir einen kurzen Blick auf das Rahmencurriculum
der Integrationskurse. Es wurde vom Goethe-Institut unter wissenschaftlicher
Beratung der Universitäten München und Jena entwickelt, evaluiert, und führte
zur Neuauflage des Konzeptes für einen bundesweiten Integrationskurs (BAMF,
10.03. 2009). Der Konzeption des Rahmencurriculums vorgeschaltet war eine
Recherche und Dokumentation unter der Federführung von Konrad Ehlich (2007).
Bei Ehlich (2007: 74) gibt es einen eigenen kurzen Unterpunkt: „Umgang mit
Mehrsprachigkeit“, und das Fehlen sprachkontrastiver Ansätze in Lehrwerken wird
angemerkt:
Einige Vertreter der Institutionen sowie
Mitarbeiter der Träger und Kursleiter weisen in der mündlichen Befragung auf
die Bedeutung der Mehrsprachigkeit hin und kritisieren, dass die verschiedenen
Sprachkenntnisse der Teilnehmenden in den vorhandenen Lehrmaterialien zu wenig
Beachtung fänden (2007: 74).
Auch das Goethe-Institut geht auf seiner
Homepage (zur Mehrsprachigkeit, Zugriff Januar 2010) konkret auf den Bereich
der Tertiärsprachendidaktik ein.
Wie wurde diese Forderung im
Rahmencurriculum für Integrationskurse umgesetzt?
Vorgeschrieben werden erwachsenengerechte
Lehr- und Lernformen. Die Berücksichtigung der Lernendensprachen findet keine
Erwähnung. Stattdessen liest man:
Die Didaktik in den Integrationskursen geht
davon aus, dass es keinen methodischen Königsweg gibt, der auf jeden Lerner und
jede Lernkonstellation passt, sondern dass die Lehrkraft die Organisatorin
eines Prozesses ist, der Lernen für jeden Teilnehmenden nach dessen individuellen
Fähigkeiten und Voraussetzungen ermöglicht (Rahmencurriculum BAMF 2009: 12)
Das Konzept der Sprachlernbewusstheit
findet Erwähnung, wenn als Ziel formuliert wird (BAMF 2009: 17, 22), dass die
Teilnehmer „Umgang mit dem eigenen Sprachenlernen“ erwerben.
Folgerichtig, auch wenn die
Zusatzqualifikation von Lehrkräften im Bereich der Integrationskurse nur für
diejenigen Lehrkräfte erforderlich ist, die keinen regulären DaF- oder
DaZ-Abschluss haben, müssten Mehrsprachigkeitsansätze vertieft während der
Qualifikation thematisiert werden. Bei der Konzeption für die
Zusatzqualifikation von Lehrkräften im Bereich Deutsch als Zweitsprache (BAMF
vom 10.02.2007; Zugriff Januar 2010) werden Mehrsprachigkeitssätze jedoch
lediglich zweimal angesprochen: Beim Interkulturellen Lernen (S. 13) heißt es
„Interkulturelles Lernen ist also eine der Voraussetzungen für die Integration.
Bei diesem Prozess ist die Präsenz und Akzeptanz der Erstsprache im Unterricht
ein wichtiger Faktor, der den Zweitsprachenerwerb fördert“. Die
Mehrsprachigkeit wird darüber hinaus noch einmal beim Modul zur „Heterogenität
und Binnendifferenzierung“ erwähnt. Wie viel also die Teilnehmenden der
Qualifizierung von Mehrsprachigkeitsansätzen und der Berücksichtigung der
Lernendensprachen erfahren, hängt von den jeweiligen Modulleitenden ab.
-18-
Betrachtet man schließlich die vom BAMF
zugelassenen Lehrwerke für Integrationskurse (BAMF, Stand 21.10.2009), die
konsequent mehrsprachigkeits- oder tertiärsprachendidaktische Ansätze außen vor
lassen, ist es wenig verwunderlich, dass Lehrkräfte nicht auf die Idee kommen,
diese Ansätze in ihre Integrationskurse zu implementieren.
Die Auswertung der Selbsterfahrung im
Allgemeinen und im Besonderen die Erfahrungen der Lehrenden, die den
Sprachvergleich konkret einsetzen, lässt jedoch vermuten, dass auch eine
unsystematische Berücksichtigung der sprachlichen Strukturen der Lernenden zu
einem besseren Lernerfolg führen könnte, ebenso wie die gezieltere Integration
der einzelnen Lernersprachen bei der Wortschatzvermittlung. Diese Vermutungen
bedürfen jedoch einer empirischen Überprüfung. Sollten die Ergebnisse zeigen,
dass es zu einer positiven Korrelation zwischen Berücksichtigung der
Lernendensprache und Lernerfolg kommt, müsste es zu einer Neukonzeption der
Integrationskurse kommen. Welche Überlegungen erscheinen hier plausibel?
5. Ausblick: Ideen für eine Neukonzeption
von Integrationskursen
Was könnte man konkret verändern? Hier sehe
ich zwei Ansatzpunkte: zum einen im konkreten Unterrichtsgeschehen selbst, zum
anderen durch eine verpflichtende, individuelle Sprachlernberatung bzw.
-begleitung. Bei der folgenden Darstellung handelt es sich um erste Ideen zu
einer Neukonzeption, die des regen Austausches der in den Integrationkursen
tätigen Lehrkräfte und der Wissenschaftler/Wissenschaftlerinnen und in der
Folge einer empirischen Überprüfung bedürfen.
5.1 Umsetzung im Unterricht
Im Unterricht selbst können
sprachvergleichende Semantisierungsphasen eingeschoben werden, was nicht heißt,
dass jede Semantisierung über die Lernendensprachen erfolgen sollte. In
verschiedenen Phasen, z.B. bei der Wiederholung von Vokabeln z.B. nach
Wortfeldern, könnten die Lernenden konkret nach Entsprechungen in ihren
Muttersprachen gefragt werden. Hier stelle ich mir beispielsweise ein Plakat
mit Bildern vor (ähnlich wie die Kopie aus Deutsch ist easy), auf das die
Teilnehmenden die Entsprechungen in ihrer Sprache bzw. ihren Sprachen notieren.
Den Lernenden wird derart zunächst bewusst, dass es viele verschiedene Sprachen
gibt. Eventuell reichen die Sprachkenntnisse nach den ersten 100 Stunden
Integrationskurs auch aus, um auf konnotative Differenzen einzugehen und derart
die Sprachbewusstheit noch zu vertiefen.
Um für die konnotativen Werte einzelner
Äquivalente zu sensibilisieren, könnte man bereits auf niedrigstem Niveau
ebenfalls vergleichend vorgehen. Hier stelle ich mir beispielsweise als
Ausgangspunkt einen Begriff wie „Frühstück“ vor. Die Teilnehmenden übersetzen
den Begriff in ihre Muttersprache(n) und nennen die wichtigsten Assoziationen,
die sie damit verbinden. Der Einsatz eines zweisprachigen Wörterbuchs ist
erlaubt. Während im Deutschen hier eventuell Brötchen, Butter, Marmelade und
Kaffee genannt werden, wären es im Japanischen Reis, rohes Ei, Fisch und grüner
Tee. Den Lernenden wird bewusst, dass Wörter mit anderen assoziativen
Verbindungen verknüpft sind. Derart werden sie für kulturelle Unterschiede
sensibilisiert (vgl. zur Sensibilisierung für kulturell geprägte
Wahrnehmungsmuster auch Hölscher, Roche & Simic 2009). Eine der befragten
Lehrkräfte aus der qualitativen Befragung der Integrationskursleitenden lässt
dabei die Lehrenden einzelne Vokabeln in ihrer Muttersprache auch vorsprechen
und die anderen Kursteilnehmenden diese nachsprechen. Die Lernenden werden derart
dafür sensibilisiert, dass die Artikulation fremder Laute immer schwer fällt.
Positiv, so schildert die Integrationskurslehrende, ist dabei auch die
Förderung schwächerer Schüler, die in diesen Fällen den anderen Teilnehmenden
überlegen sind.
-19-
Ebenfalls das Ziel der Vertiefung der
Sprachbewusstheit verfolgen, wiederum lediglich sporadisch einzusetzende,
explizite Sprachvergleiche auf der Ebene der Morphosyntax (vgl. auch
Luchtenberg 2008: 112, 114). Man schreibt einen deutschen Satz auf, bittet die
Teilnehmenden um eine Übersetzung in ihre Sprache(n) mit einer
Interlinearversion, also einer 1:1 Übersetzung wie sie aus der Linguistik
bekannt ist, und vergleicht dann die Konstruktionen. Derart sehen die Lernenden
z.B., dass nicht alle Sprachen über einen Artikel verfügen, Numerus nicht
markiert werden muss, die Wortfolge eine andere ist, es keine Kongruenzen geben
muss, etc. Auch hier geht es nicht primär um den kontrastiven Vergleich mit dem
Ziel Transferphänomene aufzudecken, sondern lediglich um die Bewusstmachung der
Unterschiede zwischen und die Neugierde auf andere Sprachen. Bei manchen
Lernenden kann die kontrastive Darstellung selbstverständlich auch
Interferenzprobleme erklären.
Im Bereich der Morphologie kann man den
Vorschlag von Hufeisen (2004b: 22) zur Komparation aufgreifen: Auf einem Plakat
z.B. werden die sprachlich divergierenden Markierungen der Komparation aller im
Kurs bekannter Sprachen gesammelt.
In all diesen Fällen muss die Lehrkraft
akzeptieren, dass sie nicht in der Lage ist, die Richtigkeit von Äußerungen,
Strukturen usw. zu überprüfen. Das Ziel ist hier jedoch auch nicht die
Fehlerkorrektur oder eine äquivalente Übersetzung, sondern, wie bereits
ausgeführt, eine Sensibilisierung für die Unterschiede und eine Erweiterung der
kognitiven Fähigkeiten der Lernenden.
5.2 Bedarf für eine individuelle
Sprachlernberatung
Während die Sprachbewusstheit im
Kursgeschehen hervorgerufen und vertieft werden kann, kann die
Sprachlernbewusstheit im Bereich der Integrationskurse m.E. vor allem durch eine
begleitende individuelle Sprachlernberatung geschärft oder eventuell auch erst
in Gang gesetzt werden (vgl. auch Rösch, 2008: 464f., idt-Tagung 2009 [16],
Vortrag Annette Berndt). Die Sprachlernberatung muss, wie Mehlhorn (2006: 1)
formuliert „individuell auf den jeweiligen Lerner abgestimmt werden.“ Für
Integrationskurse ist dies von besonderer Relevanz und die Sprachlernberater
müssen nicht nur die Techniken der Sprachlernberatung (siehe Mehlhorn 2006)
sowie die Instrumente der Sprachlernberatung (Mehlhorn & Kleppin 2006)
kennen, sondern ganz eigene Instrumente entwickeln und die Sprachlernberatung
in einer der Muttersprachen der Lernenden führen können. [17] In der ersten
Lernberatungsstunde sollte die Sprachlernbiographie des Lernenden aufgearbeitet
werden (vgl. Kleppin & Mehlhorn 2005: 76f.; Mehlhorn et al. 2005: 165f.;
für Sprachbiographie bei Kindern siehe auch Hufeisen 2008b: 4). Dazu kann man
sich eines Fragebogens – in der Muttersprache des Lernenden – bedienen (siehe
z.B. Langner 2006) oder aber auf das Europäische Sprachenportfolio für
Erwachsene (Hueber Verlag 2007) und dort zunächst die Sprachenbiographie
zurückgreifen. Laut Hueber Verlag ist eine Version für Integrationskurse in der
Erprobung. [18] Der/die Sprachlernberatende muss sein/ihr Konzept vollständig nach
der Sprachlernbiographie des/der zu Beratenden ausrichten. In
Integrationskursen wird er/sie auf Lehrende treffen, die keinen bis vier Jahre
Schulunterricht hatten, nur ihre Muttersprache sprechen und nicht
alphabetisiert sind. Daneben finden sich Teilnehmende mit zwei bis drei
Muttersprachen, die in ihrer schulischen Sozialisation oder zu einem späteren
Zeitpunkt bereits eine oder mehrere Fremdsprachen erlernt haben und sich ihrer
Lernbiographie, ihres Lerntyps und ihrer Lernstrategien durchaus bewusst sind.
Der/die Sprachlernberatende muss nicht nur Lernstrategien kennen und erkennen
können, den Lerntypus ausfindig machen und in konkrete Lerntipps umformulieren
können, individuelle Sprachlernerfahrungen der Lernenden erfragen und deren Konsequenzen
einschätzen können, individuelle Faktoren (introvertiert vs. extrovertiert,
feldabhängig vs. feldunabhängig etc. vgl. Edmondson & House 2006: 215; Roche
2008: 33f.) erkennen und Rückschlüsse ziehen können, sondern er/sie muss sich
auch mit den unterschiedlichen Lerntraditionen der Kulturen auskennen (vgl.
auch Hufeisen & Neuner 2006: 160). Dies umfasst die soziale Distanz und
damit den Umgang mit dem/der Lehrenden (vgl. Hofstede 1997: 32, 46 Stichwort:
‚Machtdistanz‘), die Interaktivität im Unterricht und die Sozialformen (z.B.
Einstellung zu Gruppenarbeit und Spielen), sprich die vorherrschende
Sprachlehrmethode. Sowohl die Grammatik-Übersetzungs-Methode als auch die
Direkte Methode (Berlitz) und die audiolingualen Methoden sind in manchen
Kulturen noch aktuell (vgl. Oxford 1996). Zu einem späteren Zeitpunkt gilt es,
z.B. vorhandene Antipathien gegenüber Gruppenarbeit oder Spielen aufzubrechen.
-20-
Zwei Konzepte der Sprachlernberatung sind
m.E. erforderlich: ein Konzept für Lernende mit und eines für Lernende ohne
Sprachlernerfahrung. Eine Entscheidung darüber, welche/r Teilnehmende in
welchen Sprachlernberatungstypus eingestuft wird, können m. E. die Lehrkräfte
zusammen mit den Sprachlernberatenden nach der ersten Sprachlernberatung
(Sprachlernbiographie) treffen. Für den Beginn der Sprachlernberatung erscheint
mir die zweite oder dritte Woche nach Kursbeginn sinnvoll. Die Teilnehmenden
haben erste Erfahrungen im Kurs gesammelt und für den Nutzen einer
Sprachlernberatung ist es keinesfalls zu spät. Das Festlegen eines geeigneten
Termins für den Beginn der begleitenden Sprachlernberatung wird erst nach einer
Erprobung realistisch sein.
Betrachten wir die beiden zunächst noch
nicht ausgereiften Konzepte:
a.) Sprachlernberatung für
Integrationskursteilnehmende mit Sprachlernerfahrung
Die individuelle Sprachlernberatung in
Integrationskursen bei Teilnehmenden mit Sprachlernerfahrung kann m.E. in
Anlehnung an die individuelle Sprachlernberatung bei regulären DaF-Kursen
verlaufen und konzipiert werden. Bei schwächeren Lernenden mit
Sprachlernerfahrung erscheint es jedoch darüber hinaus sinnvoll, diese für die
Möglichkeiten der Übertragung von Lernstrategien aus früheren
Sprachlernerfahrungen zu sensibilisieren. Marx (2008: 146) weist darauf hin,
dass „learners might need to receive sensitization in this process“ (vgl.
Hufeisen 2009: 101). Sprachlernberatende müssten hier gezielt auf die o.a.
sprachvergleichenden Phasen eingehen und die Lernenden dazu anregen, auf ihre
bereits erworbenen Lernstrategien zurückzugreifen.
Aufbauend auf der Sprachlernbiographie muss
der/die Sprachlernberater/in versuchen, gegebenenfalls auch feste
Überzeugungen, sprich Lerntraditionen, aufzubrechen. Wie oben bereits
ausgeführt, divergieren die Unterrichtsmethoden von Kultur zu Kultur:
Sprachlernberatende müssen erläutern, dass gewohnte Konzepte, wie z.B. das
komplette Auswendiglernen von Lehrwerksdialogen, als Strategien in Deutschland
wenig hilfreich sind. Gruppen-, Partnerarbeit und Spiele sind vielen Lernenden
unbekannt. Es ist anzunehmen, dass diese die in Integrationskursen üblichen
binnendifferenzierenden Gruppenarbeiten und spielerische Elemente ablehnen
werden. Der/die Sprachlernberatende muss hier nicht nur aktiv zuhören, sondern
versuchen ein Verständnis für den Nutzen dieser Sozialformen und Methoden zu
wecken.
b.) Sprachlernberatung für
Integrationskursteilnehmende ohne Sprachlernerfahrung
Für Lernende ohne bewusste
Sprachlernerfahrung muss ein umfassenderes, begleitendes Konzept ausgearbeitet
werden. Hier denke ich an ein wöchentlich regelmäßig stattfindendes Gespräch,
in dem die Lernenden immer wieder nach ihren Erfahrungen gefragt werden (Was
hat Ihnen Spaß gemacht? Was ist Ihnen schwer gefallen? Was würden Sie gerne
wieder so machen? Wie sind Sie ans Lernen herangegangen [übersetzt? Sätze nach
gleichem Muster gebildet? Vergleiche mit anderen Sprachen?] Mögen Sie konkrete
Tabellen und Regeln oder verwirren Sie diese eher? Wie lernen Sie Vokabeln?
Etc.). Durch diese Fragestellungen, aktives Zuhören und vielleicht auch das
Spiegeln der Lernendenäußerungen (vgl. Mehlhorn 2006: 2) wird diesen Lernenden
ihr eigenes Lernverhalten bewusst. Durch die Gesprächsführung in ihrer
Muttersprache können sie ihre Erfahrungen leichter versprachlichen und über ihr
eigenes Lernen reflektieren.
-21-
Im weiteren Verlauf der Sprachlernberatung
müssen darauf aufbauend Lerntipps und Lernstrategien vermittelt werden.
Lernende lernen alternative Vorgehensweisen kennen, reflektieren über ihre
Erfahrungen, werden sich funktionierender Strategien bewusst und bilden derart
auch eine Sprachlernbewusstheit aus.
Meines Erachtens ist jetzt erst der
Zeitpunkt erreicht, an dem Sprachlernberatende und Lernende gemeinsam die
konkreten Lernziele festlegen, die sich nicht nur am Bestehen der Prüfung
orientieren dürfen.
Diese Form der Sprachlernberatung steht vor
zwei konkreten Problemen: der Finanzierung und der Verfügbarkeit entsprechender
Lernberater und -beraterinnen. Bei den Sprachlernberatenden könnte man m.E. auf
die zahlreichen qualifizierten Integrationskursleitenden mit unterschiedlichem
Migrationshintergrund zurückgreifen und diese zu Sprachlernberatern ausbilden.
Die Finanzierung bleibt jedoch zunächst problematisch. Die Lehrkräfte in
Integrationskursen reklamieren schon lange, dass die von ihnen geforderten
Qualifikationen und das gezahlte Honorar in einem großen Missverhältnis stehen.
Eine Weiterqualifizierung zum Sprachlernberatenden müsste auch finanziell
honoriert werden. Ich gehe davon aus, dass die Erfolge, die ein solches
Sprachlernberatungskonzept hätte, sich auch finanziell mehrfach auszahlen
würden: Es käme wohl zu einer höheren Quote an bestandenen Prüfungen, die einen
kostenverursachenden Wiederholungskurs erübrigen und allgemein korrelieren
bessere Deutschkenntnisse mit besseren Eingliederungsmöglichkeiten in die
Berufswelt.
Es ist zu hoffen, dass in diesem Bereich
weitere empirische Befunde meine Überlegungen überprüfen und in der Zukunft
Integrationskurse im Diskurs über Mehrsprachigkeit und Tertiärsprachendidaktik
nicht weiter außen vorgelassen werden.
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-28-
Anmerkungen
[1]
Vgl. Butzkamm 1989: 178. "Absolute
Einsprachigkeit: Jegliche Zuhilfenahme der Sprachen der Lernenden ist verboten." Während Butzkamm mit „aufgeklärter Einsprachigkeit“ meist bilinguale Methoden
verbindet, wird unter ‚aufgeklärter Einsprachigkeit‘ bei Lehrenden das Prinzip
„so viel in der Fremdsprache wie möglich, in der Muttersprache so viel wie
unbedingt nötig“ angewandt.
[2]
GER: Gemeinsamer Europäischer
Referenzrahmen. Siehe z.B. www.goethe.de/referenzrahmen [15.01.2010]
[3]
Meine im Januar 2010 durchgeführte
quantitative Analyse des Angebots von DaF & DaZ-Studiengängen zeigte, dass
an den 87 Universitäten Deutschlands immerhin 45 Universitäten mindestens einen
(BA/MA/Zusatzqualifikation) DaF/DaZ-Studiengang anbieten.
Master-Studiengänge liegen dabei in der
Spitzenposition:
[4]
Krumm (1973: 112) forderte bereits in den
80er Jahren des 20. Jahrhunderts nach Selbsterfahrungen bei der Ausbildung zum
Lehrenden innerhalb der Audiovisuellen Methode. Er schreibt: (1978: 112f: „Sie
nehmen vielmehr als Schüler an solchem Sprachunterricht teil … Damit soll ihnen
die Perspektive des Lerners vertraut werden, sie können an die eigenen
Sprachlernerfahrungen anknüpfen beziehungsweise diese korrigieren …“
[5]
Die oben erwähnte Studie erfasste die im
Modulhandbuch erwähnten Angaben bezüglich des Erwerbs einer Kontrastsprache.
-29-
[6]
Zu ähnlichen Ergebnissen bezüglich der
Berücksichtigung und Implementierung der Herkunftssprachen kommt Angelika Braun
in ihrem Modul „Merkmale von DaZ-Unterricht“, in welchem die Teilnehmenden der
Qualifikation bei zu bearbeitenden Gruppenarbeiten auch das Thema
„Berücksichtigung der Muttersprachen“ wählen können (mündliches Gespräch im
Januar 2010).
[7]
Anders als bei den universitären
Studiengängen, in denen die Lernenden auch in ihren Kontrastsprachen geprüft
werden können.
[8]
Beim Zweitspracherwerb Erwachsener
scheint es Bereiche zu geben, bei denen die Bezugnahme auf die erste Sprache
evident ist (Kontrastivhypothese). Dies betrifft vor allem Lexik und in noch
größerem Maße die Aussprache. Transfererscheinungen im Bereich der Syntax
werden sehr kontrovers diskutiert. Hier werden Parallelen zum Erstspracherwerb
entdeckt (Identitätshypothese). Grundsätzlich scheint der Erfolg jedoch von
Input, Interaktion und Motivation abhängig zu sein (vgl. Ahrenholz 2008:
70-76).
[9]
Insgesamt sind von den ca. 6000 – 7000
Sprachen der Welt rund 45% SOV-Sprachen (vgl. Dryer 2008).
[10]
Michiels (1999: 6) „Aufgrund dieser
Argumente kann die starke, prognostische Version der Kontrastivhypothese als
widerlegt gelten. Dieses Scheitern hat zu einer bescheideneren Umformulierung
(weak claim) geführt (Wardhaugh, 1970). In dieser sogenannten schwachen Version
bleibt der interlinguale Prozeß des Transfers zwar der wichtigste Erwerbsprozeß
bzw. die wichtigste Fehlerquelle, doch werden auch intralinguale Faktoren (z.B.
Übergeneralisierung zweitsprachlicher Regeln) als fehlerverursachend anerkannt.
Der kontrastiven Analyse wird nicht mehr der Auftrag zuerteilt, Fehler
vorauszusagen, sondern (einen Teil der) aufgetretene(n) Fehler nachträglich zu
erklären.“
[11]
Dimensionen bezieht vorhandene
Sprachkenntnisse, den Vergleich mit der Muttersprache oder bereits gelernten
Fremdsprachen aktiv sowohl inhaltlich-thematisch als auch grammatisch ein. Die
Muttersprache oder andere zuvor gelernte Sprachen werden zu gezielten
Vergleichen herangezogen.
[12]
Ausnahmen gibt es bei den
AKI-Forschungsbilanzen, die jedoch auch auf die fehlende wissenschaftliche
Erforschung hinweisen. Weitere Berichte finden sich direkt auf den Seiten des
BAMF, siehe z.B. Working Paper 5/2006 [online: http://www.wzb.eu/alt/aki/publications.de.htm, 28.01.2010].
[13]
In Anlehnung an die Definition von
Luchtenberg (2008: 107): „Language Awareness […] als sprachdidaktisches Konzept
[…], mit dem ein höheres Interesse an und eine größere Sensibilisierung für
Sprache, Sprachen, sprachliche Phänomene und den Umgang mit Sprache und
Sprachen geweckt bzw. die vorhandenen metalinguistischen Fähigkeiten und
Interessen vertieft werden sollen.“
[14]
Dabei ist auch die politische Forderung
nach Zwei- oder Mehrsprachigkeit mit Bezug auf die Migranten und Migrantinnen
keinesfalls unumstritten. Dies zeigt im Besonderen der 2009 erschienene Band
„Streitfall Zweisprachigkeit – The Bilingualism Controvery“, herausgegeben von
Gogolin und Neumann. Im Vorwort ist zu lesen: „Der Band ‚Streitfall
Zweisprachigkeit – The Bilingualism Controversy‘ versammelt ausgewählte
Beiträge zu einer Tagung, die im Oktober 2007 unter demselben Thema an der
Universität Hamburg stattfand. Anlass zu dieser Tagung war die Frage, ob die
Zweisprachigkeit von Migranten eine positive, individuelle wie gesellschaftlich
nützliche Kompetenz sei – oder nicht“. Vgl. auch Osler (2008), Roche (2009b),
Esser (2006) und Esser (2009).
-30-
[15]
Beim dem am 19. und 20. März 2010 in
München stattfindenden Sprachkongress der bayerischen Volkshochschulen zum
Thema „Mehrsprachig ist die Zukunft. Fremdsprachenunterricht heute und morgen“,
bin ich laut Programm die einzige Rednerin, die auf Mehrsprachigkeitsansätze
eingehen wird.
[16]
XIV. Internationale Tagung der Deutschlehrerinnen
und Deutschlehrer. Jena–Weimar, 3. bis 8. August 2009.
[17]
Vgl. dazu auch die Ausführungen von
Mehlhorn (2007) zur individuellen Sprachlernberatung bei ausländischen
Studierenden. Hier (2007: 187) geht Mehlhorn auf den Erwerb im Erwachsenenalter
und den Sprachvergleich ein.
[18]
http://www.vhs-th.de/bamf_projekt/ [10.01.2010]. Offensichtlich ist das
Portfolio noch in der Erprobungsphase.