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Handwerker, Brigitte & Madlener, Karin (2009), Chunks für DaF. Theoretischer
Hintergrund und Prototyp einer multimedialen Lernumgebung (inklusive DVD). Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren (= Perspektiven Deutsch als
Fremdsprache). ISBN: 978-3-8340-0495-6. 138 S., 18,- EUR.
Die
Frage nach der geeignetsten Form der Grammatikvermittlung im
Fremdsprachenunterricht stellen sich Lehrende und auch Lehrwerksautoren immer
wieder. Dabei besteht Einigkeit darüber, dass der Erwerb von Grammatik beim
gesteuerten Zweitsprachenerwerb ebenso nach bestimmten Phasen erfolgt wie dies
beim ungesteuerten Erwerb der Fall ist (z.B. Pienemann 1998). Allerdings
belegen Untersuchungen, dass die Produktion von Lernern selten so automatisiert
erfolgt (z.B. Diehl u.a. 2000; kritisch: Portmann-Tselikas 2003), was häufig zu
Frustration auf Seiten der Lehrenden und Lernenden führt. In der vorliegenden
Publikation wird auf das kreative Potenzial von Chunks zurückgegriffen, um
grammatische Strukturen dauerhaft zu memorieren. Das Besondere der Idee in dem
hier zu besprechenden Band besteht darin, dass zu Demonstrations- und
Übungszwecken auf einer beigelegten DVD eine multimediale Lernumgebung
angeboten wird. Als Leser werden daher sowohl Lehrende als auch Studierende des
Deutschen als Fremdsprache sowie wissenschaftlich Arbeitende im Bereich
Fremdsprachenerwerbsforschung ins Auge gefasst (vgl. S. 6f.).
Um
diesem breiten Adressatenkreis gerecht werden zu können, müssen sich die
Autorinnen in verständlicher Weise an Laien und zugleich an Lehrende und
Forschende wenden. So werden im ersten Teil des Buches die Grundlagen des
Chunk-Ansatzes vor dem Hintergrund des Input-Verarbeitungs-Modells (Input
Processing) dargestellt, um ihn später mit dem didaktischen Modell der
Konstruktionsgrammatik zu verbinden. Außerdem wird in diesem Teil des Buches
die ausgewählte Klasse der Wirkungsverben begründet und auf mögliche konkrete
Lerneraktivitäten mit Hilfe der DVD hingewiesen. Im zweiten Teil wird die
Arbeit mit der DVD detailliert vorgestellt und ihr Aufbau präzisiert.
Schließlich werden am Ende erste Ergebnisse aus Testdurchläufen der Arbeit mit
einer Online-Version ausgewertet und Hypothesen abgeleitet, die für weitere
Untersuchungen zum Ausgangspunkt genommen werden können.
In
Kapitel 1 wird für den Leser gut nachvollziehbar dargelegt, was mit Chunks für
den Unterricht Deutsch als Fremdsprache gemeint ist. Ausgangspunkt ist die
Überlegung, dass „implizites grammatisches Wissen nicht aufgrund explizit
gelernter Regeln, sondern über das Speichern von in natürlichen Diskursen
gelernten Sequenzen erworben wird“ (8). Die Bündelung von Informationseinheiten
zu Chunks (vgl. Ellis 2004) verbessert die Interaktion von Kurz- und
Langzeitgedächtnis. Eine Ausweitung des eher auf lexikalische Sequenzen bezogenen
Natural Approachs auf grammatische Einheiten ermöglicht die Aufbereitung des
Chunk-Ansatzes für spezifische Verwendungsbedingungen grammatischer Strukturen.
Dazu muss die Auswahl von Sequenzen „ein relevantes lexikalisch-grammatisches
Phänomen repräsentieren“ (12), da chunkorientierter Fremdsprachenunterricht
stets ein Zusammenspiel grammatischer Instruktion, lexikalischer Bedeutung und
grammatischer Konstruktion ist (17). „Lexikalisches Lernen in diesem Sinne soll
über den Weg des Tuning durch situationell eingebettete komplexe Ausdrücke zur
Entwicklung abstrakter Grammatikregeln führen“ (22). Um den Chunk-Ansatz in die
Unterrichtspraxis umsetzen zu können, bedarf es nach Meinung der Autorinnen der
„Versorgung der Lehrenden und Lernenden mit einem Chunk-Angebot einerseits, mit
Analyserastern und aufbereiteten Regeln andererseits (17), die im ersten
Kapitel exemplarisch für die Verwendung des Partizip I und II illustriert
werden. Handwerker & Madlener verweisen hier auch auf die Kompatibilität
des Chunk-Ansatzes mit dem Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (23).
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Im
zweiten Kapitel gehen die Autorinnen näher auf das ihrer Arbeit zugrunde
liegende Modell der Informationssteuerung und Inputverarbeitung ein. Dazu
werden die Positionen aus dem Natural Approach übernommen und um Elemente
grammatischer Strukturen erweitert. Nach dem Ansatz der Processing Instruction
(Van Patten 2004) erstellen sie eine Lernumgebung, die zielsprachliche
Strukturen in vielfältigen Zusammenhängen aufzeigt und zugleich explizite Erklärungen
dazu anbietet, die bereits mögliche Fehlerquellen antizipieren. Einschränkend
wird begründet, warum sie der Forderung nach Authentizität des Inputangebotes
nicht in allen Fällen gerecht werden konnten (28). Es lassen sich ferner nicht
für alle Lerngegenstände die von Ellis (1997) geforderten „erwerbskompatiblen“
(35) Aktivitäten und Aufgaben finden, und für den Bereich des E-Learning gibt
es eine Reihe technischer Einschränkungen für Übungstypen (vgl. 36f), wobei ein
Blick in die DVD gut überlegte und abwechslungsreiche Aufgaben und Übungen
zeigt.
Im
kurzen dritten Kapitel (7 Seiten) werden die psychischen Wirkungsverben näher
erläutert und Motive für die Auswahl dieses Lerngegenstandes dargelegt. Sie
bieten sich nach Meinung der Verfasserinnen sowohl aus kommunikativer als auch
sprachbeschreibender Sicht an (39). Es kann zugestimmt werden, dass ihre
Beherrschung für Lernende auf allen Niveaustufen nützlich ist, wie hier eine
kleine Auswahl, ärgern, aufregen, enttäuschen, erstaunen, faszinieren, freuen,
interessieren, langweilen, trösten, überraschen, wundern zeigen soll. Eine
ausführliche linguistische Beschreibung dieser Verbklasse, die für Lerner
sicher nicht ganz leicht zu verstehen ist, findet sich auch auf der beigefügten
DVD, so dass der Zweck des Kapitels an dieser Stelle nicht ganz klar ist, zumal
auf eine wünschenswerte Ausweitung auf andere Lerngegenstände bereits zu Ende
des 2. Kapitels hingewiesen wurde (37).
Das
vierte und letzte theoretische Kapitel führt die bisherigen Ansätze zusammen
und plädiert für die Einbettung des Chunk-Ansatzes in eine
Konstruktionsgrammatik als Vermittlungsansatz. Ausgehend von der Annahme, dass
die Beschreibung zielsprachlicher Strukturen bei erwachsenen Lernern zu einer
„Beschleunigung in der Entwicklung ihrer Kompetenzen“ (49) führen kann, stellt
sich die Frage nach der Angemessenheit der expliziten Grammatikvermittlung. In
Vorarbeiten hat Handwerker (2004) angeregt, wie Lerner eigene Wissensbasen in
einer „Lernbasis Lexikon“ aus einer Kombination von „traditionellen
Lexikoneinträgen, Chunks und ihrer konstruktionsgrammatischen Erfassung“ (54f.)
erstellen können. An dieser Stelle des Buches verweisen die Autorinnen darauf,
dass ihr Ansatz vor allem bei erwachsenen und sicher eher linguistisch
interessierten Lernern erfolgreich sein dürfte. Es bleibt daher zu hoffen, dass
nach Abschluss der Ergebnisauswertung erster Erfahrungen im Einsatz der
multimedialen Lernumgebung an Hochschulen und Universitäten (vgl. Kapitel 6)
auch überprüft wird, wie eine sowohl linguistisch als auch technisch weniger
erfahrene Lernergruppe damit arbeiten kann.
Der
zweite Teil des Buches erläutert die Komponenten der DVD, ein Material, das die
Verfasserinnen niveauunabhängig als Prototyp einer multimedialen Lernumgebung
entwickelt haben (63). Sie besteht aus (vgl. Begleittext zur DVD)
-
multimedialen Input-Angeboten (Videosequenzen, Fotosequenzen, Animationen),
-
Ressourcen expliziten Wissens (Hintergrund- und Grammatiktexte, Verblexikon,
Konstruktionsangaben etc.),
-
interaktiven Aufgaben und Übungen mit Hilfen, Korrektur- und Feedbackoptionen.
-3-
Die
Videosequenzen sollen dem Lerner „thematisch wie grammatisch und lexikalisch“
ein Eintauchen in den Lerngegenstand ermöglichen (72). Das Anschauen ist mit
vollem/ohne Untertitel sowie Einblenden der Zielpartizipien bzw. Einblenden der
gesamten Zielkonstruktion möglich. Zusätzlich steht ein Filmskript zum
Ausdrucken und Mitlesen zur Verfügung. Die Filmsequenzen selbst stellen
„linguistische Nachrichten“, d.h. keine authentischen Mitschnitte von
Nachrichten dar, sondern die unterlegten Audiospuren wurden im Sinne des Input
Enhancement manipuliert (73). Dies erfolgte sehr professionell und humorvoll,
wie eine Beurteilung durch Muttersprachler zeigte. Die Fotosequenzen greifen
Fotos aus den Videos auf, um durch Bild-Text-Zuordnungen die Zielkonstruktionen
zu vertiefen. Die Flash-Animationen (Screenshots) zielen auf eine situative
Erweiterung ab, um einen Transfer auf neue Situationen anzuregen (74).
Das
linguistische Hintergrundwissen wird für Lerner, Lehrer und Linguisten
ausgewiesen, wobei stets eine Verlinkung der Termini zu einem deutschsprachigen
Glossar erfolgt. Die Hintergrundtexte setzen ein hohes sprachliches und
linguistisches Niveau voraus. Wie die Autoren anmerken, wäre ein Angebot in der
Muttersprache der Lerner wünschenswert. Im Moment stehen alle Erklärtexte auch
in einer englischen Version zur Verfügung (77).
Über
die Hauptnavigationsleiste (vgl. Screenshot 66) ist ein Einstieg an jeder
Stelle der DVD und je nach Vorwissen der Lerner möglich. Allerdings stellt die
fehlende Niveaubestimmung ein Hindernis für den Einsatz im Unterricht dar, denn
die Beispielsätze lassen sich den Niveaustufen von A1-B2 zuordnen. Die
technisch hervorragend aufgearbeiteten Videomaterialien bieten auch das
Bearbeiten anderer grammatischer Phänomene an.
Die
Aufgabenstellung zu den Filmmitschnitten lautet stets: „Sehen Sie sich das
Video an und achten Sie auf die Zielstruktur, besonders auf...“. Hier steht das
Bemerken der entsprechenden Formeigenschaft im Vordergrund, während eine aktive
Auseinandersetzung mit der Struktur durch Hintergrundtexte, Lexikoneinträge und
Konstruktionsangaben gefördert werden soll. Die angebotenen Übungsformen sind
in der Regel geschlossene interaktive Aufgaben (Multiple Choice, Drag and
Drop). Vertiefende Aufgaben sind kommunikative Sprechanlässe und sollen „den
Weg von der kontrollierten Inputverarbeitung hin zur freieren, kreativeren
Produktion eröffnen“. Im Gegensatz zu den interaktiven Aufgaben stehen dafür
keine automatischen Korrekturfunktionen, auch keine Ideallösungen, zur
Verfügung. Die Aufgaben sollten in Partner- oder Gruppenarbeiten bearbeitet
werden. Im Anschluss sollte es eine Korrektur im gesamten Klassenverband unter
Anleitung des Lehrenden geben (vgl. (DVD Begleitinformation).
Abschließend
kann gesagt werden, dass es sich bei der vorliegenden Publikation um ein
Lernarrangement handelt, das Forschenden interessante Ansatzpunkte für ihre
Arbeit und Lehrenden ein lehrwerksunabhängiges, mit vielfältigen didaktischen
Einsatzmöglichkeiten gut aufbereitetes (und preisgünstiges) Videomaterial zur
Hand gibt. Ob es für das Selbststudium geeignet ist, kann an dieser Stelle
nicht beurteilt werden.
DOROTHEA
SPANIEL (Friedrich-Schiller-Universität
Jena/Deutschland
Literatur
Diehl,
Erika u.a. (2000), Grammatikunterricht: Alles für der Katz? Untersuchungen zum
Zweitspracherwerb Deutsch. Tübingen: Niemeyer.
Ellis,
Nick C. (2004), The process of second language acquisition. In: Van Patten,
Bill; Williams, Jessica; Rott, Susanne & Overstreet, Mark (Hrsg.) (2004),
Form-Meaning Connections in Second Language Acquisition. London: Lawrence
Erlbaum, 49-76.
Ellis,
Rod (1997), SLA Research and Language Teaching. Oxford: University Press.
Handwerker,
Brigitte (2004), Die Wortschatz-Grammatik-Schnittstelle aus der
Sprachlernperspektive: Zur Entwicklung lexikalisch-grammatischer-Kompetenz am
Beispiel der Klassenbildung beim Verb. Fremdsprachen lehren und lernen 33,
176-191.
Pienemann,
Manfred (1998), Language Processing and Second Language Development.
Processability Theory. Amsterdam: Benjamins.
Portmann-Tselikas
(2003), Aufmerksamkeit statt Automatisierung. Überlegungen zur Rolle des
Wissens im Grammatikunterricht. gfl-journal [Online] 2, 31 S. Abrufbar
unter www.gfl-journal.de/2-2003/portmann-tselikas.pdf.
Van
Patten, Bill (2004), Processing Instruction. Theory, Research and Commentary.
Mahwah: Erlbaum.
Copyright
© 2010 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht
Handwerker, Brigitte & Madlener, Karin (2009), Chunks für DaF. Theoretischer Hintergrund und Prototyp einer multimedialen
Lernumgebung (inklusive DVD). Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren (= Perspektiven Deutsch als Fremdsprache). ISBN: 978-3-8340-0495-6. 138 S.
Rezensiert von Dorothea Spaniel. Zeitschrift für
Interkulturellen
Fremdsprachenunterricht [Online] 15: 1, 2010, 3 S. Abrufbar unter
http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-15-1/beitrag/HandwerkerMadlener.htm
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