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Larsen-Freeman, Diane & Cameron, Lynne (2008), Complex Systems and Applied Linguistics. Oxford: Oxford University Press. ISBN 978-0194422444. 287 Seiten, 31,99 Euro.

In der Wissenschaft schaffen Metaphern eine neue Perspektive auf ein zu erklärendes Objekt durch die Verbindung mit einem bereits erklärten Objekt. Ausgehend von der Annahme, dass beide erkenntnisrelevante Ähnlichkeiten aufweisen, werden aufgrund dieser Analogie Hypothesen generiert und überprüft und so Theorien entwickelt und verfeinert. Larsen-Freeman und Cameron schlagen in ihrem Buch den aus den Naturwissenschaften stammenden Begriff ‚Komplexität‘ als ein neues meta-theoretisches Konstrukt vor, das uns helfen soll nicht nur den Lernprozess, sondern auch den Lerner, die Sprache selbst und das Unterrichtsgeschehen in ihrer Multidimensionalität und Vielschichtigkeit besser zu erfassen. Die Autorinnen reagieren damit auf das kognitive Paradigma, das die Zweit- und Fremdsprachenerwerbsforschung über Jahrzehnte dominiert hat und argumentieren, dass die Sicht auf den Menschen als isoliertes, informationsverarbeitendes System Wesentliches aus dem Blickfeld rückt. Aus der von Larsen-Freeman und Cameron vorgeschlagenen Perspektive wird der Lerner als ein Individuum mit einer jeweils eigenen, keineswegs immer harmonischen Biographie gesehen, das bestimmten sozialen Einflüssen ausgesetzt ist und eine Fremdsprache aus konkreten, kontextuell beeinflussten Intentionen innerhalb spezieller institutioneller, ökonomischer, politischer und sprachenpolitischer Umfelder lernt. Diese in sich komplexen Systeme – das Individuum, soziale Gruppen, die Sprache, Institutionen etc. – interagieren auf verschiedenen Ebenen miteinander und verändern sich dadurch.

Um diese Komplexität und die Dynamik von Beziehungen und Prozessen erfassen zu können, ist auf methodischer Ebene eine offeneres, interdisziplinäres Forschungsdesign nötig. Das vorgeschlagene meta-theoretische Konstrukt bricht so mit linearen, positivistischen und empiristischen Auffassungen von und Herangehensweisen an Wissenschaft und generiert eine Fülle an neuen Fragestellungen, die die Autorinnen im Einführungskapitel diskutieren. Im zweiten Kapitel erläutern sie die Grundlagen der Theorie komplexer Systeme und grenzen sie von populärwissenschaftlichen Annahmen ab. Kapitel drei beschäftigt sich mit der Frage des Wandels komplexer Systeme, ein Aspekt, der sowohl für sprachlichen Wandel als auch für unser Verständnis von Lernen relevant ist. Kapitel vier fokussiert konkreter auf Sprache als ein komplexes, sich non-linear veränderndes Phänomen, bei dem sich Unterschiede zwischen Kompetenz und Performanz, zwischen System und Gebrauch verwischen. Sprachmuster lassen sich aus dieser Sicht als emergente Strukturen einer unendlichen Zahl von menschlichen Interaktionen beschreiben. Auf der Basis dieses Interaktions- und Diskurswissens in der Erstsprache werden nun neue Kommunikationsformen in der Zweit- oder Fremdsprache erlernt, das Thema des fünften Kapitel.

Den Charakteristika von Diskursphänomenen generell und dem Unterrichtsdiskurs im Besonderen widmen sich die folgenden beiden Kapitel Abschließend weisen die Autorinnen auf die Vielfalt an  neuen Forschungsfragen und -feldern hin, die sich aus der Komplexitätsperspektive in der Angewandten Sprachwissenschaft ergeben.



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Während die Betrachtung der in unserem Bereich interessanten Phänomene als komplexe, nicht-lineare, dynamische und emergente Systeme einerseits eine Fülle an neuen Perspektiven eröffnet und Larsen-Freeman und Cameron zu dieser ausführlichen, theoretisch fundierten und äußerst relevanten Diskussion zu gratulieren ist, müssen doch auch die Grenzen dieser Metapher für den Bereich der Zweit- und Fremdsprachenerwerbs-forschung gesehen werden. Einige kritische Argumente führen die Autorinnen selbst an, so etwa die mögliche Überbewertung der systemischen Strukturen und Dynamiken und die daraus folgende Unterbewertung des handelnden Menschen. Wenn alles komplex ist und interagiert, wie können dann Wandel herbeigeführt und Interventionen normativ begründet werden? Der Versuch der Autorinnen, diese Kritik mit dem Hinweis zu entkräften, dass Systeme ja die Freiheit haben, alternative Richtungen einzuschlagen, wenn die Zeit dafür reif ist und alle Elemente in diese Richtung streben, leidet unter der generellen Konservativität systemischer Ansätze: Kollektives Verhalten kann nur detailliert beschrieben, aber nicht verändert oder erklärt werden, da eine ontologische Differenzierung von Relevantem und Irrelevantem und eine Gewichtung des tatsächlichen Einflusses verschiedener Faktoren fehlt.

Dennoch haben die Autorinnen ein äußerst wichtiges, notwendiges und fundiertes Gespräch eröffnet. Zu Recht wurde ihr Buch deshalb kürzlich von der Modern Language Association of America (MLA) mit dem renommierten Kenneth W. Mildenberger-Preis ausgezeichnet und ihre Beiträge zur Angewandten Sprachwissenschaft und Spracherwerbsforschung dadurch gebührend gewürdigt. Wörtlich heißt es in der Begründung:

Whether one agrees with the theories and interpretations presented by the authors, the thinking behind the work is innovative, and the scholarship is impressive. The book should stimulate substantial debate as it forces readers to reconsider some cherished beliefs.


KARIN ZOTZMANN
(Nationale Autonome Universität Mexikos)




Copyright © 2010 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Larsen-Freeman, Diane & Cameron, Lynne (2008), Complex Systems and Applied Linguistics. Oxford: Oxford University Press. ISBN 978-0194422444. 287 Seiten. Rezensiert von Karin Zotzmann.
Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online] 15: 1, 2010, 2 S.
Abrufbar unter http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-15-1/beitrag/LarsenFreemanCameron.htm

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