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Mecklenburg, Norbert (2008), Das Mädchen aus der Fremde. Germanistik als interkulturelle Literaturwissenschaft. München: Iudicium. ISBN 978-3-89129-552-6. 553 Seiten. 49,80 Euro.

Schon 2003 forderte Mecklenburg eine komparatistische und kulturwissenschaftliche interkulturelle Literaturwissenschaft, die sich der Untersuchung der interkulturellen Ästhetik deutschsprachiger Literatur widmen sollte (vgl. Mecklenburg 2003: 434). Dazu trug die wachsende Aufmerksamkeit einiger Germanisten für eine immer größer werdende Zahl von Texten bei, deren Autorinnen und Autoren nichtdeutscher Muttersprache oder Herkunft sind und oft (aber wohl gemerkt nicht immer) Elemente sprachkultureller Andersheit in ihr Schreiben einarbeiten. Zahlreiche Vorschläge wurden gemacht, um diese Literatur zu benennen (‚interkulturelle‘ / ‚transkulturelle Literatur‘, ‚Migrantenliteratur‘  bzw. ‚Migrationsliteratur‘, ‚Literatur ohne festen Wohnsitz‘, ‚Literatur in Bewegung‘ usw.), ohne dass sich bis heute ein Begriff durchgesetzt hätte. Andererseits wagten vereinzelte Stimmen die Frage zu stellen, ob die Literatur solcher AutorInnen gesondert behandelt werden müsse und regten an, sie als postmoderne Literatur mit z.T. interkulturellen Elementen wahrzunehmen.

Die Untersuchungen zur Literatur von AutorInnen nichtdeutscher Muttersprache und / oder Herkunft legten den ersten Meilenstein für eine viel tiefer greifende Entwicklung, die das Wesen des gesamten Fachs Germanistik beeinflusst hat und seitdem die Rolle interkultureller Elemente in der deutschsprachigen Literatur aller Zeiten aufwertet. Mecklenburgs Forderung von 2003 nahm zunächst Michael Hofmanns Buch Interkulturelle Literaturwissenschaft. Eine Einführung (2006) wieder auf. Hofmann geht auf die theoretischen Ansätze der interkulturellen Literaturwissenschaft ein (vom imagologisch-komparatistischen Ansatz bis hin zur postkolonialen Theorie Homi Bhabas) und arbeitet an Texten der „deutsch-türkischen Literatur“ spezifische ästhetische Mittel der Interkulturalität (z.B. Satire, Komik, Sprachmischung) heraus.

Mecklenburgs Monographie Das Mädchen aus der Fremde. Germanistik als interkulturelle Literaturwissenschaft konkretisiert seinen Jahre zuvor geäußerten Appell und setzt Hofmanns Schritt in Richtung einer neuen Fachprofilierung fort. Sie stellt insofern eine sehr willkommene Arbeit dar, die eine weitere Verfeinerung des Fachprofils verspricht.

Der Titel des Bandes Das Mädchen aus der Fremde nimmt Bezug auf Schillers gleichnamiges Gedicht und spielt auf die „kulturelle und poetische Alterität“ an, die im Gedicht vom unbekannten Mädchen repräsentiert zu werden scheint (vgl. Kap. 12). Begriffliche und interdisziplinäre Annährungsversuche zu dieser ‚doppelten Alterität’, deren literarische Inszenierung zum Untersuchungsgegenstand der „interkulturellen Literaturwissenschaft“ gehöre (20, 23), bilden den roten Faden des ganzen Buchs. Zwischen beiden jedoch, zwischen poetischer und kultureller Alterität, hebt Mecklenburg mehrmals das Primat „der Ästhetizität, des Kunstcharakters und damit der Autonomie der Literatur“ (11) gegenüber den kulturspezifischen, sozialen und historischen Aspekten der Literatur hervor. Letztere spielten zwar weiterhin eine Rolle (58), dürften jedoch nicht zugunsten einer bloß auf Kulturwissenschaft reduzierten Literaturwissenschaft allein berücksichtigt werden (8, 11, 16, 49, 84-89, 182-184, 189).

Nach einem Überblick über theoretische Grundannahmen der interkulturellen Literaturwissenschaft (Kap. 1) teilt sich Mecklenburgs Arbeit in einen theoretischen („Problemfelder und Theorien“) und einen interpretatorischen Teil („Autoren und Texte“). In dieser Rezension sollen aufgrund von Mecklenburgs Zielsetzung primär der theoretische Teil, darin insbesondere die Kapitel zu den Grundprinzipien der interkulturellen Literaturwissenschaft fokussiert werden.



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Im einleitenden Überblick geht Mecklenburg ein

  • auf den Gegenstand der interkulturellen Literatur (das „interkulturelle[] Potential der Literatur“ 13),

  • auf den polysemen Begriff „Kultur“, von ihm verstanden „als gesellschaftliches Feld symbolischer Formen und Praxis, als signifying system“ (15),

  • auf die Schwierigkeiten, wenn eine „interkulturelle Literaturtheorie“ (17), eine „interkulturelle Autorschaft“ (20f), „kulturspezifische bzw. -differente Rezeptionsbedingungen“ (22f) und interkulturelle Literaturgeschichte (31-34) zu definieren sind.

Dieser Überblick hat nicht nur die Funktion, die Themen des darauf folgenden theoretischen Teils anzukündigen, er wirkt auf den Leser zugleich als Warnhinweis, der von Beginn an auf alle definitorischen und inhaltlichen Schwierigkeiten der weiteren Ausführungen aufmerksam machen soll. Und zu Recht: Diese Schwierigkeiten sind nämlich unvermeidbar, weil Mecklenburgs ehrgeiziges Ziel darin besteht, im – wortwörtlich – Minenfeld des „Inter/trans/mehr-kulturell“, der „Differenz/Alterität“, der „Hybridität/Mehrkodierung/Polyphonie“, des „Hermeneutischen/Imagologischen/Postkolonialen“ klare Eckpfeiler abzustecken.

Mit diesen ‚Minen’ setzen sich die Kapitel im zweiten Teil „Problemfelder und Theorien“ auseinander. Nach einer Definition von „Kunst“ als kulturspezifisches und zugleich universales, transkulturelles ästhetisches Medium (Kap. 3, v.a. 55f.) widmet sich Mecklenburg dem Kulturbegriff (Kap. 4) und plädiert für die Wahl eines engen und weiten anthropologischen Kulturbegriffs, der jeweils „alle Hervorbringungen aller Menschen" bzw. „alle symbolischen Hervorbringungen aller Menschen“ (64) bedeutet. Daran knüpft die terminologische Klärung der Präfixe ‚inter-‘ und ‚trans-‘ in Kap. 5 an. Beide setzen voraus, dass es Kulturen mit beobachtbaren Beziehungen gibt (91), das erste weist jedoch auf etwas zwischen zwei oder mehreren Kulturen, das zweite auf das Kulturübergreifende hin (93). Mecklenburg kritisiert dabei Welschs Vorschlag, „den Begriff der Interkulturalität durch den der Transkulturalität“ (94) zu ersetzen, als „Trans-Eintopf“ (96), denn eine Kultur könne nicht über sich selbst hinausgehen. Er bezieht somit die ‚Trans-Mode‘ vieler Germanisten in die Kritik mit ein.

Auch der Begriff der ‚Hybridität‘ spiele für die interkulturelle Germanistik eine wichtige Rolle, jedoch nicht in den unzähligen verschwommenen Bedeutungen, mit denen dieses „Modewort“ als „terminologische[s] Gummibärchen“ (112) in literaturwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Kreisen kursiere. Mecklenburg versteht diesen Begriff in erster Linie als „spezifisch literarisches und künstlerisches Verfahren und erst in zweiter Linie als Darstellung gesellschaftlicher, personaler, kultureller oder anderer Hybridität" (117). Hybridität ist „die Kombination zweier Elemente, die von Natur aus nicht zusammengehören" und folglich eine „problematische Kohärenz oder Identität" innehaben (115). Beispiele für Techniken literarischer Hybridität sind die erlebte Rede als zweistimmiges Verfahren und die Intertextualität (116f). Als Texte, die kulturelle Hybridität zum Ausdruck bringen, nennt er Goethes West-Östlichen Divan und Uwe Johnsons Jahrestage. Emine Sevgi Özdamars Romane erwähnt er schließlich als Träger sowohl poetischer als auch kultureller Hybridität (119).



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Einen zentralen Stellenwert erhalten Mecklenburgs Ausführungen zur interkulturellen Hermeneutik als methodisches Verfahren und zu den Vorteilen der Einbeziehung der imagologischen und postkolonialen Perspektive in die literaturwissenschaftliche Analyse (Kap. 10, 13 und 14). In der literaturwissenschaftlich interkulturellen Arbeit mit literarischen Texten überschneiden sich interkulturelle Hermeneutik als Verstehen von Sinngebilden aus anderen Kulturen und literarische Hermeneutik als Verstehen poetischer Sinngebilde (182). Auf das Primat des Verstehens und Interpretierens ästhetischer Alterität legt Mecklenburg wiederholt den Akzent. Da diese Alterität in literarischen Texten häufig als Träger und Verfremdungsmittel von Stereotypen wirke (239f), stelle eine imagologische Analyse von anderskulturellen Bildern in der deutschen Literatur eine gewinnbringende Perspektive dar, so z.B. von Orientbildern, Türken- und Zigeunerbildern (248-269). (denkbar und noch näherliegend wären imagologische Untersuchungen von Fremdstereotypen, die im Rahmen der deutschen Italien- und Englandreisen im 18. Jahrhunderts entstanden, diese erwähnt Mecklenburg jedoch nicht). Auch die postkoloniale Perspektive könne den Horizont interkultureller Literaturwissenschaft erweitern (271, 286). Mecklenburg skizziert die Theorien von Said, Homi Bhabha und Spivak, die die Kritik am Kolonialismus und an seinen Folgen aus drei unterschiedlichen Blickwinkel formuliert haben (Said mit Akzent auf Spuren des Imperialismus in kolonialen und antikolonialen Texten, Bhabha auf die Berührungen zwischen Kulturen in multikulturellen Räumen und Spivak auf die feministische Komponente). Für die deutsche Literatur könne die postkoloniale Perspektive aufgrund historischer Fakten „nur begrenzte Anregungskraft ausüben" (280), dennoch lohne sich ein Blick auf AutorInnen aus ehemaligen Kolonialländern, die auf Deutsch schreiben (285f.).

Zum theoretischen Teil gehören schließlich ein Kapitel zur Übersetzung als interkulturelles literarisches Phänomen (Kap. 15), zum Theater als für Interkulturelle offene Produktion (Kap. 16) und zur Frage der literarischen Wertung in ästhetischer und interkultureller Perspektive (Kap. 17).

Im dritten Teil der Monographie bietet Mecklenburg Auslegungen unterschiedlichster AutorInnen und Texte. Das Spektrum reicht von Lessings Nathan der Weise (Kap. 19) über Goethes Orientbilder (Kap. 20) bis hin zur deutschen Literatur von Migranten und Minderheiten (Kap. 26) und zur interkulturellen sowie intertextuellen karnevalistischen Komik von Emine Sevgi Özdamar (Kap. 28). Auch die Frage nach der Existenz einer „fremdkulturellen Leseperspektive“, die Wierlacher Mitte der 80er-Jahre zur Grundannahme seiner interkulturellen Germanistik machte, wird am Beispiel von studentischen Leseprotokollen zu einer Novelle Kellers überprüft (Kap. 22). An diesen Kapiteln wird Mecklenburgs praktisches Analyseverfahren deutlich, das den interkulturellen Wert der einzelnen Werke erst nach Untersuchung der ästhetischen Gestaltung betrachtet.

Zu den Stärken der Monographie zählen die für die Fachprofilierung willkommenen, über den gesamten Theorieteil verstreuten begrifflichen Präzisierungen. Es ist zu hoffen, dass Mecklenburgs klare Definitionen von ‚inter-‘ und ‚transkulturell‘ (90-98), von ‚Kultur‘ (61-67) und ‚poetischer‘ bzw. ‚kultureller Hybridität‘ (112-119) in der Germanistik Resonanz finden werden. Seine Analysen zum interkulturellen Potential einiger Werke der ‚Migrantenliteratur‘ dürften ebenso weiterführend sein, insbesondere sein Hinweis darauf, dass nicht alle Werke dieser ‚Migrantenliteratur‘ ‚von Natur aus‘ interkulturell seien (33, 305, Kap. 26), sondern einer kritischen Interpretation unterzogen werden müssten. So mögen manche Spitzen gegen „den literarischen Nullwert“ publikumswirksam gewordener „MigrantenautorInnen“ böse klingen (vgl. 477-483), rechtfertigen jedoch den Versuch, ihre ästhetische Qualität in den Mittelpunkt der Analyse zu ziehen und eine ernste Kanonbestimmung vorzunehmen.



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Mecklenburg hat sich für eine sehr weit ausholende Herangehensweise an die Fachprofilierung der Germanistik als interkulturelle Literaturwissenschaft entschieden. Das macht einerseits die Komplexität des Gegenstands deutlich und legt dem Leser nahe, dass eine interkulturelle Literaturwissenschaft sich nicht in der Einführung eines neuen Fachnamens erschöpfen kann, sondern Überlegungen mit einbeziehen muss, die die grundlegende Fachsubstanz beeinflussen. Andererseits führt jedoch diese breite und manchmal auch andere Disziplinen (Philosophie, Soziologie) betreffende Themenfülle dazu, dass die Arbeit an Übersichtlichkeit einbüßt und als „Studienbuch" (Verlagsankündigung) erheblich an Handlichkeit verliert. Einige Ausführungen sind zudem weitschweifend und könnten demjenigen, der klare, knappe Antworten bzw. eine erste Orientierung sucht, Schwierigkeiten bereiten, so z.B. die Teile über interkulturelle Hermeneutik (Kap. 10) oder kulturelle und literarische Universalien (Kap. 11). Die Logik der Kapitelanordnung erschließt sich nicht gleich, so dass mit dem ersten Blick in das Inhaltsverzeichnis nicht erkennbar wird, welche Kapitel die Grundprinzipien des neu zu profilierenden Fachs enthalten. Das mag darin begründet sein, dass zahlreiche Kapitel Überarbeitungen von in den 80er- und 90er-Jahren bereits veröffentlichten Aufsätzen des Autors sind (bemerkbar auch an der nicht immer aktuellen herangezogene Forschungsliteratur). Auf der anderen Seite bietet die lockere Abfolge die Möglichkeit, einzelne Kapitel zu lesen, so z.B. (nach Meinung der Rezensentin) gehören die Kap. 1, 4, 5, 7, 13 und 14 zu den relevantesten Theoriekapiteln überhaupt, während die Kap. 19, 23 und 28 sich als überzeugende Beispiele für exemplarische Untersuchungen eignen.

Der Wunsch, dass Mecklenburgs Buch den grundlegenden Auftakt zu einer umfassenden, fundierten, literaturwissenschaftlich geprägten interkulturellen Germanistik geben wird, möge diese Rezension abschließen.

 

Literatur

Mecklenburg, Norbert (2003), Interkulturelle Literaturwissenschaft. In: Wierlacher, Alois & Bogner, Andrea (Hrsg.) (2003), Handbuch interkultureller Germanistik. Stuttgart: Metzler, 433-439.

Hofmann, Michael (2006), Interkulturelle Literaturwissenschaft. Eine Einführung. Paderborn: Fink.

 

CHIARA CERRI
(Philipps Universität Marburg/Deutschland)




Copyright © 2010 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Mecklenburg, Norbert (2008), Das Mädchen aus der Fremde. Germanistik als interkulturelle Literaturwissenschaft. München: Iudicium. ISBN 978-3-89129-552-6. 553 Seiten. Rezensiert von Chiarra Cerri. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online] 15: 1, 2010, 4 S.
Abrufbar unter http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-15-1/beitrag/Mecklenburg.htm

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