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Nieradka, Magali Laure & Specht, Denise (Hrsg.) (2009), Fremdkörper? Aspekte der Geisteswissenschaften in der Auslandsgermanistik und im DaF-Unterricht. Fachtagung vom 05. bis 07. Februar 2009 des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an der Université de Nice – Sophia Antipolis. Berlin u.a.: LIT (= Transkulturelle Kommunikation, Bd. 3). ISBN 978-3-643-10368-0. 174 Seiten. 19,90 EUR.
Das
vorliegende Buch hat ein höchst subjektives Motiv als Entstehungsgrund. Was tut
man, wenn das Selbstbild des Fachwissenschaftlers infolge der Anforderungen an
ein DAAD-Lektorat ins Wanken gerät? Gibt es Möglichkeiten, fachspezifische
Kenntnisse und Qualifikationen in die Deutsch als
Fremdsprache-Lehrveranstaltungen zu integrieren? Es ist das Verdienst der
einzelnen Beiträge dieses Sammelbandes, dass sich die letzte Frage mit einem
uneingeschränkten Ja beantworten lässt. Am Beispiel französischer Studiengänge
mit hohem deutschen Sprachanteil wird somit ein wertvoller Beitrag in der
Diskussion um das Verhältnis von Sprach- und Inhaltsvermittlung geleistet.
Die
Spannbreite der Themen ist sehr groß, da sie in sehr unterschiedlichen
Studiengängen auf verschiedenen sprachlichen Niveaustufen unterrichtet werden
mussten. Bezugsdisziplinen, die wiederum Auskunft über die akademische
Sozialisation der Autoren geben, sind Literaturwissenschaft, Geschichte,
Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Philosophie.
Die
Beiträge unterscheiden sich qualitativ nicht wesentlich, alle können mit Gewinn
gelesen werden, sie setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. Einige
fokussieren stärker auf die gegenständliche Analyse und reflektieren die
didaktisch-methodische Ausgestaltung der Kurse relativ kurz, während andere
sehr hilfreiche und konkrete Anregungen und Materialien zur Unterrichtsgestaltung
enthalten. Außerhalb des französischen Kontextes steht der Beitrag von Almut
Hille („Interdisziplinäre Fragestellungen im DAF-Unterricht“), in dem sie
zunächst die Entwicklung der Kulturvermittlung im Fach Deutsch als Fremdsprache
nachzeichnet. Sie schlägt vor, „(inter)kulturelle Lernprozesse um
Schlüsselthemen/Schlüsselbegriffe herum zu strukturieren“ (11). Die
Schlüsselbegriffe sind als „exemplarische Konzentration“ zu verstehen, „die auf
das Wissen verschiedener Disziplinen rekurrieren“ (11) und in „Unterrichtsprojekte
mit Studierenden“ (12) münden können. Als thematische und methodologische
Klammer soll „die Neubestimmung der Geisteswissenschaften als
Kulturwissenschaften“ (13) dienen. Begriffe wie ‚Einheit‘, ‚Migration‘ und
‚Pop‘, deren konzeptionelles und didaktisches Potenzial für den
Hochschulunterricht kurz skizziert werden, sollen „im Bewusstsein der
historischen Differenz und damit von Geschichtlichkeit überhaupt“ (17)
betrachtet werden. Ziel ist die „kommunikative Kompetenz zwischen den Kulturen“
(17), wobei es Hille darum geht „die Aufmerksamkeit der Lernenden im
Fremdsprachenunterricht […] durch die Kulturvermittlung auch auf komplexe
Zusammenhänge hinter Alltagskommunikation und –handlungen“ (17) zu lenken.
Drei
Beiträge zeichnen sich durch eine besonders hohen ‚Gebrauchswert’ für
Unterrichtspraktiker aus. Didi Merlin („Interaktive Filmdidaktik im
deutsch-französischen Kontext“) beschreibt die Erprobung „einer Kombination von
Literatur-Übersetzung und Filmanalyse“ (131), deren didaktische Leitidee der
„Interaktivität“ in projektorientierten Unterrichtsvorhaben umgesetzt werden
soll. Gut gewählte Film-/Literaturbeispiele und interessante didaktische
Modelle werden methodologisch innovativ mit Leben erfüllt und ausführlich
reflektiert. Claire Aslangul („Kunstbilder im DAF-‚civilisation‘-Unterricht an
der Universität“) plädiert für den Einsatz von Kunstbildern im
Landeskundeunterricht und stellt den Verlaufsplan eines Kurses „Das Deutschland
des XX. Jahrhunderts in Bildern“ vor, inklusive der Einsatzmöglichkeiten von
Bildern, denen eine Einführung mit „Techniken und Vokabular der Bildanalyse“
(87) vorangestellt ist. Eine Stunde zur Kunst nach 1945 in der BRD wird unter
den Überschriften „Flucht vor der Wirklichkeit“ und die „Unfähigkeit zu schreien“
(92) ausführlich reflektiert. Um die Studenten zu motivieren, sich visuell mit
Deutschland auseinanderzusetzen, lässt die Autorin die französischen Studenten
„dadaistische Selbstbildnisse“ mit dem Titel „Mein Deutschland“ erstellen, mit
deutschen Austauschstudenten umgekehrt Bilder zu „Mein Frankreich“. Marc
Hieronimus („Geschichtscomics im DaF-Unterricht“) diskutiert zunächst
Legitimationsprobleme bei der Beschäftigung mit Comics, die sich seiner Meinung
nach aus seiner Rolle als Geisteswissenschaftler und aus dem Unterrichtskontext
(Sprachunterricht) ergeben. Danach überwiegen pragmatische Aspekte: eine
interessante Auflistung der Einsatzmöglichkeiten von Comics im Sprach- und
Landeskunde-/Geschichtsunterricht unter Berücksichtigung der Formelemente, die
man für einen analytischen Umgang mit Comics benötigt, eine Definition und
Typologie von Geschichtscomics, wobei ein Schwerpunkt der Darstellung von
Geschichte aus der Fremdperspektive unweigerlich der Nationalsozialismus zu
sein scheint, zahlreiche weiterführende Beispiele sowie Sekundär- und
Forschungsliteratur zu bildwissenschaftlichen und geschichtsdidaktischen
Aspekten von Comics runden den Beitrag ab.
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Drei
Beiträge legen ihr Schwergewicht auf die gegenständliche Analyse und gehen auf
die unterrichtspraktische Umsetzung nur kurz ein. Einen sehr originellen
literarisch-landeskundlichen Ansatz benutzt Anja Schnabel als Sprechanlass in
einem bilingualen Studiengang „Droit/Allemand“, indem sie die Lektüre von Peter
Weiss’ Die Ermittlung biografisch, rezeptionsgeschichtlich und juristisch
kontextualisiert („Die Ermittlung von Peter Weiss: Zur Darstellung des ‚Rechts‘
im literarischen Text“). Hier dominiert die Analyse des Gegenstandes, die
überdies zahlreiche gut recherchierte Hinweise auf Materialien enthält, während
die einzelnen Seminarsitzungen anhand von Sitzungsprotokollen nur kurz
beschrieben werden. Thomas Jochum („Filmgeschichte Österreichs als
interkulturelles Experiment“) beschreibt die Schwierigkeiten den für
französische Studenten ‚sperrigen’ Gegenstand zum Thema einer
Lehrveranstaltung zu machen. Stärker als die Darstellung und Reflexion des
eigentlichen Unterrichts sind vorangestellte Reflexionen zum Verhältnis von
Sprach- und Fachunterricht sowie zu unterschiedlichen universitären Lehr- und
Lerntraditionen in Frankreich. Die Beiträge zu Peter Weiss und zur
österreichischen Filmgeschichte sind die einzigen hier besprochenen, die keinen
direkten Frankreichbezug haben. Catharina Clemens („Deutsch-französische
Erinnerungsorte im Landeskundeunterricht am Beispiel von Versailles“) skizziert
kurz das Konzept der Erinnerungsorte und beschreibt dann sehr anschaulich die
einzelnen historisch wichtigen Phasen/Momente dieses zentralen binationalen
Erinnerungsortes: Erbauung, Machtzentrum des Absolutismus, Französische
Revolution, Museum, Kaiserproklamation, Versailler Vertrag, 40-Jahr-Feier des
Deutsch-Französischen Vertrages. Handlungsorientierte Unterrichtsvorschläge
(Befragung, Tourismusbroschüre) runden den Beitrag ab.
Zwei
Beiträge beschäftigen sich mit Intellektuellen im deutsch-französischen
Kontext. Sie leben fast ganz aus ihrem Gegenstand und enthalten am Ende eine
sehr knappe, kursorische Beschreibung, wie man die dabei behandelten Autoren
Walter Benjamin und Friedrich Nietzsche in den Unterricht integrieren kann. Die
Beiträge sind flüssig geschrieben und lohnen die Lektüre, auch wenn sie keinen
unterrichtspraktischen ‚Mehrwert’ enthalten. Christine Schmider („Walter
Benjamin als deutsch-französischer Mittler“) wirft einen äußerst nüchternen Blick
auf Benjamins Lebensumstände, die ihn 1933 ins französische Exil zwangen. Sie
listet akribisch die Niederlagen und Verletzungen auf, die Benjamin auch und
gerade in seiner Beschäftigung mit der von ihm verehrten französischen
Literatur und Kultur erfahren hat. Eine schmerzhafte Lektüre. Christian Schärf
(„Friedrich Nietzsche in Nizza“) untersucht, ausgehend von der intensiven
Nietzsche-Rezeption in Frankreich zwischen 1970 und 2000, den hohen Stellenwert
der französischen Kultur für Nietzsche und den wohltuenden Einfluss von Klima
und Licht, den der Veranstaltungsort der Konferenz auf Nietzsches Wohlergehen
gehabt hat. Allzu überschwängliche Formulierungen zur Rezeption in Frankreich
kontrastieren mit einem zu negativen Blick auf die deutsche Nietzsche-Rezeption,
„wo man die Energien seines antisystematischen, intuitiven und multikreativen
Stils in einer restlos der Bürokratisierung des Geistes ergebene Unkultur des
intellektuellen Mittelmaßes nur noch in Spezialistenkreisen wahrzunehmen
vermag.“ (116)
Zum
Schluss sei dem Verlag noch ein Kompliment gemacht, der den Band sorgfältig
lektoriert, mit gut erkennbaren Farbreproduktionen ausgestattet und wohltuend
altmodisch mit langen Fußnoten inkl. der Literaturangaben auf den
entsprechenden Seiten gesetzt hat. Damit hat der Verlag der weit verbreiteten
Unsitte vorgebeugt, beim Redigieren Anmerkungen in den Fließtext zu
integrieren, was den Satz zwar einfacher, die Lektüre der Texte aber nicht
‚fließender’ macht.
MANFRED
KALUZA (Freie
Universität Berlin/Deutschland)
Copyright
© 2010 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht
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Nieradka, Magali Laure & Specht, Denise (Hrsg.) (2009), Fremdkörper? Aspekte der Geisteswissenschaften in der Auslandsgermanistik und im DaF-Unterricht. Fachtagung vom 05. bis 07. Februar 2009 des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an der Université de Nice – Sophia
Antipolis. Berlin u.a.: LIT (= Transkulturelle Kommunikation, Bd. 3). ISBN 978-3-643-10368-0. 174 Seiten. Rezensiert von Manfred Kaluza. Zeitschrift für
Interkulturellen
Fremdsprachenunterricht [Online] 15: 1, 2010, 2 S. Abrufbar unter
http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-15-1/beitrag/Nieradka_Specht.htm
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