line
line

Rosetta Stone GmbH (2008), Rosetta Stone Version 3: Deutsch Stufe 1. Persönliche Edition. Rosetta Stone GmbH: Online Language Learning Center. Online verfügbar für alle gängigen Betriebssysteme unter www.rosettastone.de. Ab 196,99 Euro.

Sprachen spielen im vereinten Europa schon seit geraumer Zeit eine bedeutende Rolle – die besondere Förderung der Mehrsprachigkeit unter den europäischen Bürgern und Bürgerinnen hat aber nicht nur Auswirkungen auf den öffentlichen Bildungsbereich. Auch der privatwirtschaftliche Bildungssektor ist beim Lernen weiterer Sprachen gefragt. Vor diesem Hintergrund sind die Selbstlernmaterialien, die das Unternehmen Rosetta Stone GmbH mittlerweile für 31 verschiedene Sprachen anbietet, von großer Aktualität.

Der Firmenname eines der prominentesten Anbieter von Bildungsprodukten in den USA erinnert bewusst an den Stein von Rosetta, der durch seine Inschrift in drei verschiedenen Sprachen maßgeblich die Übersetzung von Hieroglyphen ermöglichte. Nach dem Motto „Sprachen lernen soll Spaß machen, einfach und effizient sein“ versucht Rosetta Stone, das Lernen fremder Sprachen mit einem Immersionsansatz zu vermitteln. Dabei soll durch ein bain linguistique auf die natürliche Sprachbegabung des Menschen aufgebaut werden und eine Imitation des Erstsprachenerwerbs erfolgen, ohne jedes Übersetzen und Auswendiglernen. Dementsprechend ist das Programm durchgängig monolingual konzipiert und ermöglicht die Bedeutungszuschreibungen in der Fremdsprache anhand visueller Hilfen.

Die Onlinematerialien richten sich an alle Deutschlerner/innen ab sechs Jahren und können laut Hersteller von jede/r/m genutzt werden, die/der mit den Grundfunktionen der Computeranwendung vertraut ist. Auch Sprachenlerner/innen mit Vorkenntnissen gehören zur Zielgruppe der Sprachlernsoftware. Da das Programm allerdings nicht auf den europäischen Referenzrahmen abgestimmt ist, müssen diese Lernenden selbstständig anhand einer Demoversion ihre individuelle Niveaustufe ermitteln. Trotz dieser weitgefassten Zielgruppe verspricht die Software allen Anwendern/innen einen schnellen Lernfortschritt bei andauernder Motivation.

Die Materialien für den Online-Deutschkurs sind in fünf verschiedene Stufen unterteilt. Jede dieser Stufen besteht aus vier Einheiten, die wiederum thematisch in vier Hauptlektionen gegliedert sind und jeweils mit einem Meilenstein abschließen. Die Hauptlektionen sind parallel strukturiert und sollen verschiedene Fertigkeiten ausbilden. Dabei sieht die Struktur durch ihre Unterteilung in Aussprache, Vokabular, Grammatik, Hören und Lesen, Lesen, Schreiben, Hören, Sprechen sowie eine zusammenfassende Übersicht sich teilweise überlappende Aktivitäten vor. Die Orientierung in den Einheiten wird durch die Visualisierung mit Piktogrammen erleichtert. Um laut Hersteller eine möglichst natürliche Lernumgebung zu schaffen, setzt Rosetta Stone Muttersprachler/innen als Sprachvorbilder ein. Darüber hinaus soll die gezielte Auswahl von farbigen Fotos bewirken, dass ein authentischer Kontext für das Sprachenlernen geschaffen wird und eine konkrete Bedeutungszuweisung des neuen Wortschatzes erfolgen kann. Der Schlüsselbegriff von Rosetta Stone, „dynamic immersion“, umfasst also das Lernen durch Bilder, Intuition, Interaktion, Anleitung und Immersion.

Die erste Stufe des Programms besteht aus einer einführenden Einheit und drei weiteren Einheiten zu allgemeinsprachlichen Themen wie „Begrüßung und Vorstellung“, „Arbeit und Schule“ und „Einkaufen“. Nach der Einführung des Wortschatzes anhand farbiger Fotos erfolgt eine Kontrastierung und Wiederholung der Wörter und Strukturen. Dadurch, dass die Lektionen konzentrisch aufgebaut sind, wird der unbekannte Wortschatz immer wieder mit bereits bekannten Wörtern eingeführt und festigend geübt. So werden in der ersten Lektion beispielsweise Nomen wie Mann, Frau, Junge und Mädchen präsentiert und anschließend mit verschiedenen Verben zu einfachen Sätzen im Singular und Plural erweitert.



-2-

Die zweite Stufe umfasst Einheiten zum Thema „Reisen“, „Vergangenheit und Zukunft“, „Freunde und Freizeit“ sowie „Essen und Urlaub“, während die dritte Stufe sich inhaltlich mit „Wohnen und Gesundheit“, „Menschen und Länder“, „Alltag“ sowie „Orte und Ereignisse“ beschäftigt. In der vierten Stufe geht es um Themen wie „Tourismus und Erholung“, „Berufe und Hobbys“, „Zu Hause und unterwegs“ und „Persönlicher Stil und Wohlergehen“. Auch die letzte Stufe des Programms beschäftigt sich mit allgemeinsprachlichen Themen wie „Wirtschaft und Industrie“, „Wissenschaft und Kunst“, „Notfälle“ und „Familie und Gesellschaft“. Die thematischen und inhaltlichen Überschneidungen der Lektionen machen zwar eine Wiederholung des Wortschatzes und der Strukturen möglich, führen aber dazu, dass innerhalb der Lektionen eine stringente inhaltliche Gliederung nicht erkennbar ist. Dies führt darüber hinaus dazu, dass auch eine Einbettung des Stoffes in bedeutungsvolle Situationen, die über das Präsentieren von Einzelbildern hinausgehen würde, nicht gelingt.

Nach der Einführung von Wortschatz und Strukturen in den Hauptlektionen können spezifische Bereiche trainiert und das Gelernte vertieft werden. Zunächst erfolgen dabei Übungen zur Aussprache, die allerdings nur im Nachsprechen vorgegebener Sätze bestehen. Die Übungen zum Vokabular und zur Grammatik dagegen enthalten hauptsächlich Zuordnungs- und Multiple-Choice-Aufgaben. Bei den Übungen zum Hörverständnis wird ebenfalls anhand Zuordnungen von Hörtexten zu Bildern geübt, wobei auf niedrigeren Stufen eine stärkere Didaktisierung erfolgt, da hier der Text visuell präsentiert und gleichzeitig gehört werden kann.

In den Leseeinheiten zu den Hauptlektionen geht es widersprüchlicherweise nicht um Lesen und Textverständnis im eigentlichen Sinne. Stattdessen finden sich hier in den niedrigeren Lektionen phonologische Übungen wie Kontrastierung von kurzen und langen Vokalen und die Arbeit mit Minimalpaaren. In den höheren Lektionen bestehen die Übungen zur Fertigkeit Lesen vornehmlich daraus, Sätze nachzusprechen oder Bildern zuzuordnen. Eine ‚klassische‘ Textarbeit ist jedoch in keiner der Niveaustufen vorgesehen.

Die Schreibeinheiten sind so aufgebaut, dass ein Wort vorgegeben ist, das anhand der Computertastatur oder einer im Bildschirm eingeblendeten digitalen Tastatur abgeschrieben werden soll. In fortgeschrittenen Lektionen erfolgt die Übung der Schreibkompetenz durch Diktate von Einzelsätzen. Dementsprechend wird hier eher orthografische Korrektheit statt der angegebenen Fertigkeit Schreiben trainiert.

Bei den Übungen zur Sprechfähigkeit verwendet Rosetta Stone in der dritten Version eine technisch raffinierte Spracherkennungsfunktion. Anhand von Nachsprechübungen wird die sprachliche Korrektheit der Äußerungen überprüft und im Vergleich zu L1-SprecherInnen dargestellt. Allerdings ist die vom Programm geforderte Akkuratheit der Aussprache selbst für MuttersprachlerInnen nicht immer zu erreichen, so dass hier eine höhere Toleranz gegenüber kleineren Abweichungen wünschenswert wäre. Auch an dieser Stelle ist wieder zu bemängeln, dass sich die Übung nicht auf die angegebene Fertigkeit bezieht. Stattdessen könnte mit dieser Vorgehensweise lediglich eine bessere Aussprache des/der Programmanwenders/in erreicht werden.

Zu Beginn jeder Übung finden sich Zeitangaben, die das autonome Lernen besser planen lassen. Zudem kann auch der aktuelle Bearbeitungsstand eingesehen und gegebenenfalls auch auf diesen zurückgegriffen werden. Nach Abschluss der Bearbeitung einer Übung wird eine Fehlerstatistik angezeigt und die Übung kann gegebenenfalls wiederholt werden. Die Programmanweisungen erscheinen auf dem Bildschirm als Symbole, so dass der Anspruch des Konzeptes, vollständig auf die L1 des/der Lernenden zu verzichten, eingehalten werden kann.



-3-

Alles in allem liegen die Stärken des Programms in einer sehr übersichtlichen und benutzerfreundlichen Menüführung, die selbst für computerunerfahrene Anwender/innen problemlos zu erschließen ist. Anhand realistischer und detailgetreuer Fotos versucht das Programm, die Kursinhalte in einen sinnvollen Kontext einzubetten. Dabei wird nach einer logischen Progression verfahren, die konzentrisches Üben und Wiederholen vorsieht.

Natürlich sind die Vorteile des computerbasierten Lernens auch für die Arbeit mit dieser Software gültig. So kann die ständige Interaktion mit der Software motivierend auf Lernende wirken und ein individuelles und flexibles Lernen ermöglichen, was auch im Hinblick auf die Stärkung der Lernerautonomie von großer Relevanz ist. Dementsprechend ist auch die abschließende Fehlerstatistik ein guter Beitrag zum selbstständigen Lernen. Hierbei wirkt es sich nachteilig aus, dass die Fehler zwar quantitativ erfasst werden, aber keine qualitative Fehleranalyse geleistet werden kann. Folglich werden die Problembereiche der/des Lernenden nicht konkret definiert, so dass Fehler auch nicht als Lernchance genutzt werden können.

Auch das Immersionskonzept, das die Grundlage der Lernsoftware bildet, ist kritisch zu hinterfragen. Gerade im Hinblick auf die breit definierte Zielgruppe werden hier Erkenntnisse der Sprachlehrforschung vernachlässigt, nach denen das Lernen nach dem Einschnitt der Pubertät anders verläuft als das Sprachenlernen von Kindern. Da Erwachsene schon sprachliche Fähigkeiten erworben haben – sie haben in jedem Fall schon eine Erstsprache und vielleicht sogar noch weitere Sprachen erlernt – kann und sollte auf diese Fähigkeiten aufgebaut werden. Aus diesen Gründen hat eine gezielte Kognitivierung eine förderliche Wirkung auf das Lernen. Diese Erkenntnisse werden zwar mittlerweile häufig in der unterrichtspraktischen Umsetzung von immersionsbasierten Ansätzen berücksichtigt, nicht jedoch im Immersionsansatz der hier vorliegenden Selbstlernmaterialien von Rosetta Stone. Dementsprechend werden auch Konzepte wie die language awareness vernachlässigt, die eine Bewusstheit der eigenen Lernprozesse und eine Sensibilisierung für Unterschiede zwischen der eigenen und der fremden Sprache anstrebt.

Neben der diskussionswürdigen lerntheoretischen Grundlage des Sprachlernprogramms ist aber auch die didaktische Konzeption nicht unstrittig. So besteht u.a. ein deutlicher Nachbesserungsbedarf bei dem Training der Fertigkeiten. Nur in wenigen Fällen erzielen die Übungstypen tatsächlich das angestrebte Lernziel, so dass von einem ausgewogenen Training der vier Fertigkeiten keine Rede sein kann.

Weiterhin ist problematisch, dass die Software eine isolierte Vermittlung einer Zielsprache intendiert, obwohl aus gehirnpsychologischen Ergebnissen klar hervorgeht, dass Sprachen im Gehirn miteinander vernetzt werden. Dementsprechend wäre es sinnvoll, vermehrt Ansätze aus der Mehrsprachigkeitsdidaktik zu berücksichtigen, wobei gerade beim Erlernen des Deutschen als einer ‚typischen‘ Drittsprache dem Englischen eine Vermittlerrolle zukommen könnte.

Zudem wird von Rosetta Stone eine Vermittlung sprachlicher Strukturen geleistet, ohne diese in einem spezifischen kulturellen Kontext zu situieren. Da Sprachenlernen aber auch immer kulturelles Lernen bedeutet, wäre ein größerer Bezug zur deutschsprachigen Lebenswelt unbedingt erstrebenswert.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass mit diesem Programm ein Beitrag zum selbstständigen Lernen geleistet wird, der sich auf die Stärken des computergestützten Sprachenlernens berufen kann. Allerdings wäre die Verwendung der Software eher als Ergänzung – etwa im Rahmen eines Blended Learning Konzeptes – nicht aber als Ersatz für das unterrichtliche Sprachlernen zu empfehlen. Dadurch könnten die Schwächen des Programms, wie etwa das unzureichende Training der Fertigkeiten oder die mangelnde kulturelle Einbettung, kompensiert werden. Der eigenen Zielsetzung jedoch, für eine weitgefasste Zielgruppe einen selbstgesteuerten, einfachen, aber effizienten Zugang zu einer fremden Sprache zu schaffen, wird diese Software nicht gerecht.

 

JOHANNA KRAFT
(Technische Universität Darmstadt/Deutschland)




Copyright © 2010 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Rosetta Stone GmbH (2008), Rosetta Stone Version 3: Deutsch Stufe 1. Persönliche Edition. Rosetta Stone GmbH: Online Language Learning Center. Rezensiert von Johanna Kraft. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online] 15: 1, 2010, 3 S.
Abrufbar unter http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-15-1/beitrag/RosettaStone.htm

[Zurück zur Leitseite]
line
line