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Teepker, Frauke (2009), Literatur im Fremdsprachenunterricht – DaF. Eine Fallstudie zur
Subjektivität des Lesens und Verstehens. Marburg: Tectum. ISBN
978-3-8288-2081-4. 144 Seiten, 24,90 EUR.
Der
Einsatz von Literatur im Fremdsprachenunterricht dient der Sprachvermittlung,
behandelt literarische Texte aber auch als Reflexionsmedium von kulturellen
Inhalten. In diesem Zusammenhang wird davon ausgegangen, dass
Fremdsprachenlerner vor anderen Hürden und Problemen als muttersprachliche
Leser stehen. So kreist die theoretische Diskussion seit Jahren um Fragen wie:
Welche Rolle spielt der kulturelle Hintergrund für das Verstehen literarischer
Texte? Wo liegen die Grenzen für ‚richtiges‘ und ‚falsches‘ Verstehen? Welche
Faktoren haben überhaupt einen Einfluss auf diesen Prozess? Frauke Teepker
knüpft in ihrer Publikation an diese Problemstellungen an, wählt jedoch, wie im
Titel angedeutet, einen empirischen Zugang zum Thema.
In
einer Fallstudie mit 5 Teilnehmern geht sie der Frage nach, wie DaF-Lerner
deutsche Literatur lesen und verstehen und welche Faktoren dabei eine Rolle
spielen. Die Autorin vermutet, dass persönliche Leseerfahrungen und
Einstellungen zu Literatur einen entscheidenden Einfluss auf den Umgang mit
fremdsprachlicher Literatur und den Erwerb von Lese- und Schreibkompetenz
haben. Ausgangspunkt ihrer Untersuchung sind die Lernbiographien der Probanden,
da diese wichtige Anhaltspunkte liefern sollen, inwieweit die individuelle
Lesesozialisation oder generelle Haltungen auch für das Lesen und Verstehen von
literarischen Texten in der Fremdsprache entscheidend sind.
Um
diesen Einfluss von lernbiographischen Details auf den Umgang mit
fremdsprachlicher Literatur nachzuvollziehen, verschränkt die Autorin zwei
Vorgehensweisen miteinander: leitfadengestützte Interviews und eine
Fehleranalyse von schriftlichen Aufsätzen der Teilnehmer. Die Interviews dienen
zur Selbstreflexion und sollen Daten zu Lesegewohnheiten, zum Umgang mit
Literatur in der Muttersprache und zu persönlichen Wünschen und Vorstellungen
der einzelnen Probanden generieren. Die gewonnenen Daten werden dann mit den
Ergebnissen der Fehleranalyse verglichen. Diese wird in zwei Schritte
gegliedert. Zunächst erfolgt die quantitative Analyse von sprachlichen Fehlern
in drei Aufsätzen der Teilnehmer zu unterschiedlichen literarischen Texten
(Grimm, Schlink, Dürrenmatt). In einem zweiten Schritt wird die Textkompetenz
nach Kriterien wie Kohärenz, sprachliche Vielfalt und Argumentationsstruktur
untersucht. Die Verschränkung der Ergebnisse der Interviews und der
Fehleranalyse bieten zwei unterschiedliche Perspektiven und sollen so
Rückschlüsse über individuelle Einflussfaktoren auf den Prozess des Lesens und
Verstehens ermöglichen.
Die
Arbeit von Frauke Teepker ist in zwei große Abschnitte unterteilt. Einen
theoretischen Teil, wo die Autorin mit Bezug auf andere Wissenschaftler ihr
Verständnis des Leseprozesses, der Rolle von Vorwissen und des Einflusses
kultureller Faktoren auf das Lesen fremdsprachlicher Literatur darlegt. Im
zweiten, wesentlich längeren Teil beschreibt sie den Ablauf der Studie,
präsentiert exemplarische Ausschnitte aus den Interviews mit den Teilnehmern
und stellt die Ergebnisse der Fehleranalyse vor. Dabei zeichnet sie ein genaues
Bild der Stärken und Schwächen der einzelnen Teilnehmer und formuliert
Hypothesen über Ursachen und Gründe basierend auf den Aussagen der Interviews.
Im umfangreichen Anhang finden sich die Aufgabenblätter und Texte aus den
Tests, Faksimiles der schriftlichen Antworten der Teilnehmer sowie vollständig transkribierte
Interviews, die es ermöglichen die Argumentation der Autorin detailliert
nachzuvollziehen.
-2-
In
ihrer Auswertung der Daten kommt Frauke Teepker zu dem Schluss, dass im Umgang
mit literarischen Texten der kulturelle Hintergrund und Vorwissen eine
geringere Rolle spielen als individuelle lernbiographische Voraussetzungen und
familiäre Prägung. Sie begründet dies damit, dass jeweils zwei Teilnehmer aus
Marokko und dem Iran, bei gleicher schulischer Bildung und kulturellem
Hintergrund, sehr unterschiedliche Leistungen und Probleme aufweisen. So zeigt
sich auch, dass weniger „interkulturelle Schwierigkeiten“ beim Verstehen der
literarischen Texte auftraten, sondern affektive Faktoren wie Lust, Freude am
Schreiben, oder Desinteresse am Thema ausschlaggebende Faktoren waren. Diesen
Kriterien in Zukunft mehr Aufmerksamkeit zu widmen, ist ein wichtiges Anliegen
und Fazit der Autorin. Obwohl sie aufgrund der geringen Fallzahl keine
Generalisierung vornehmen kann, hofft sie mit ihrer Untersuchung neue Impulse
für die Forschung zu geben.
Dieses
wissenschaftliche Interesse und der empirische Zugang zu den
Fremdsprachenlernern ist ein mutiger und notwendiger Schritt, um die
theoretische Diskussion in diesem Fachgebiet neu zu beleben und verbreitete
Auffassungen und Standpunkte zu hinterfragen. Als Ausgangspunkt für weitere
Beschäftigungen verdeutlicht Frauke Teepker, wie komplex die ablaufenden Lern-
und Verstehensprozesse sind und wie schwierig sich deren Analyse gestaltet.
Damit macht sie nicht nur Verknüpfungen zu Fragen und Problemen der
qualitativen Sozialforschung sichtbar, sondern zeigt auch die
Anschlussfähigkeit ihrer Untersuchen zu anderen Bereichen innerhalb des Faches
DaF.
Dass
es sich bei der vorliegenden Publikation um eine Masterarbeit der Autorin an
der Universität Marburg handelt, wird an keinem Punkt erwähnt, erklärt aber
einige Kritikpunkte. So weist die Arbeit mit 86 Seiten schriftlicher Abhandlung
einen relativ geringen Umfang auf, bedenkt man die Breite und Komplexität des
Themas. Die im Theorieteil dargestellten Diskussionen z.B. zum Kulturbegriff
bleiben so sehr holzschnittartig und blenden die Tiefe und Vielschichtigkeit
der Debatte weitestgehend aus. Auch eine Auseinandersetzung mit den speziellen
Charakteristika von literarischen Texten, ihrer Literarizität, findet bis auf
einen kurzen Exkurs zu emotionalen Aspekten nicht statt. Dieses verkürzte
Verständnis spiegelt sich auch in folgendem Zitat wider:
Durch
das Verstehen von deutschsprachiger Literatur können die Lernenden zum einen
vertrauter werden mit den Denkweisen, Normen und Lebensformen in Deutschland,
zum anderen können sie auch eine gewisse Distanz zu ihren eigenen Denkweisen,
Normen und Lebensformen entwickeln und somit ihre kulturelle Identität kritisch
reflektieren. (26)
Dass
das Verhältnis von Literatur und gesellschaftlicher Realität durch ein
einfaches Abbildmodell nicht hinreichend erklärt werden kann und literarische
Texte sich gerade durch ihre Brechung der Realität und das Spiel mit anderen
Texten auszeichnen, bleibt so leider unberücksichtigt.
Neben
diesen Kritikpunkten verdeutlicht Frauke Teepker, dass ein genauer Blick auf
individuelle Voraussetzungen von Fremdsprachenlernern ein möglicher Anfang ist,
um den Prozess des Lesens und Verstehens von fremdsprachlicher Literatur zu
untersuchen. Durch ihr methodisches Vorgehen hebt sie sich klar von anderen
Publikationen in diesem Bereich ab und macht so auf ein Forschungsdefizit im
Hinblick auf den Umgang mit Literatur im Fremdsprachenunterricht aufmerksam. Es
bleibt zu hoffen, dass diesem Beispiel weitere Studien folgen werden.
BJÖRN
VONDRAN (Universität
Leipzig/Deutschland)
Copyright
© 2010 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht
Teepker, Frauke (2009), Literatur im Fremdsprachenunterricht – DaF. Eine Fallstudie zur Subjektivität des Lesens und
Verstehens. Marburg: Tectum. ISBN 978-3-8288-2081-4. 144 Seiten. Rezensiert von Björn Vondran. Zeitschrift für
Interkulturellen
Fremdsprachenunterricht [Online] 15: 1, 2010, 2 S. Abrufbar unter
http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-15-1/beitrag/Teepker.htm
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